Heißer Sommer in Jahira

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Für die blondgelockte Journalisten Angela wird die Reise in das Emirat Jahira zum größten Abenteuer ihres Lebens. Sie verliebt sich in Scheich Rashid al-Hazar, dessen rätselhaftes Verhalten sie in tiefste Gefühlskonflikte stürzt. Mal will er sie unbedingt beschützen, dann wieder begegnet er ihr fast feindselig…
  • Erscheinungstag 04.11.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733753924
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Aus der Buchhandlung ins Freie zu treten, war, wie in den Schlund des Höllenfeuers hineinzugeraten.

Angela schnappte nach Luft und blinzelte zum Himmel, einem blendenden Gleißen von Saphir. Noch nie hatte sie einen so knallblauen Himmel gesehen oder eine so glühende Sonne erlebt wie die, die auf dieses geschäftige kleine Scheichtum am Arabischen Golf herniederbrannte. Und wie immer wieder seit ihrer Ankunft in Jahira erfüllte sie ein Gefühl von Unwirklichkeit und prickelnder Erwartung.

„Verzeihung, Miss. Es tut mir leid.“

In ihrer Geistesabwesenheit war Angela mit einem Inder in grauem Safarianzug zusammengestoßen und hatte dabei die Zeitung fallen lassen, die sie gerade gekauft hatte.

Sie lächelte entschuldigend. „Es war meine Schuld. Ich habe nicht aufgepasst, wo ich hingehe.“

Der junge Mann bückte sich, um ihre Zeitung aufzuheben, und reichte sie ihr. „Macht nichts“, wehrte er ab und verabschiedete sich mit einem Nicken.

Angela strich sich das glänzende blonde Haar, das ihr in weichen Locken auf die Schultern fiel, aus der Stirn und lächelte. Der junge Inder stand sicher im Dienst reicher arabischer Arbeitgeber – genau wie ihr Vater, ein Ingenieur. Und ebenso wie alle anderen Leute, denen sie bisher begegnet war, war er freundlich, hilfsbereit und höflich gewesen. Jahira schien überhaupt ein ausgesprochen freundlicher Ort zu sein.

Dies war einer der Gründe, warum sie sich entschlossen hatte, noch eine Weile zu bleiben und ihren ursprünglich geplanten Kurzbesuch zu verlängern. Unter diesen Umständen erschien ihr das unerwartete Stellenangebot wie ein Wink des Schicksals.

Der Gedanke holte sie abrupt in die Gegenwart zurück. Um halb eins sollte sie den Mann treffen, der über eine Anstellung mit ihr reden wollte – den Chefredakteur der örtlichen englischsprachigen Zeitung.

Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Beinahe Viertel nach zwölf. Sie musste sich beeilen, wenn sie rechtzeitig zum Vorstellungsgespräche im Al-Shaheen-Hotel sein wollte.

Angela war schon fast an ihrem am Straßenrand geparkten Auto angekommen, als sie bemerkte, dass jemand sie eingekeilt hatte. Gereizt stöhnte sie auf. So eine Unverschämtheit!

Wütend starrte sie auf den riesigen weißen Cadillac, der in zweiter Reihe neben ihrem schon ziemlich verstaubten gemieteten Kleinwagen stand. Sie hatte keine Chance, aus ihrer Parklücke herauszukommen, solange dieser Luxuswagen ihr den Weg versperrte.

„Könnt ihr mir helfen?“, sprach Angela zwei Jungen am Straßenrand an. „Wisst ihr zufällig, wem dieser Wagen gehört?“

Die beiden zuckten mit den Schultern. „Keine Ahnung“, meinte einer und fügte hinzu: „Vermutlich ist er in eines der Geschäfte gegangen.“

Klar, aber in welches? Es gab Dutzende auf beiden Seiten der staubigen Straße. Und wie lange sollte Angela hier noch in der Gluthitze stehen, bis der Besitzer des Autos endlich zu erscheinen geruhte?

Ungeduldig schaute sie sich um. Ganz abgesehen davon, dass sie einen Hitzeschlag riskierte, durfte sie auf keinen Fall zu spät zu ihrem Termin kommen, und die Fahrt zum Al-Shaheen-Hotel dauerte mindestens zehn Minuten.

Innerlich kochend ging Angela um den Cadillac herum. Das Fenster auf der Fahrerseite war heruntergekurbelt, und Angela sah, dass der Zündschlüssel steckte. Ihre Miene hellte sich auf. Nichts wäre einfacher, als sich hinters Steuer zu setzen, den Motor anzulassen und den Wagen einige Meter zurückzusetzen. Aber damit könnte sie sich eine Menge Ärger einhandeln. Stattdessen griff Angela durch das offene Fenster und hupte kräftig. Hoffentlich würde der Besitzer seine Hupe in dem ohrenbetäubenden Straßenlärm erkennen. Hier in Jahira schienen die meisten Fahrer sich vorwärtszuhupen. Vorsichtshalber wiederholte sie das Manöver noch zwei Mal, ehe sie sich wieder aufrichtete und wartete.

Nichts rührte sich.

„Verdammt, der Kerl muss taub sein!“, fluchte sie. „Eine Chance gebe ich ihm noch, dann fahre ich das Ding selbst weg.“

Erneut langte Angela ins Wageninnere, doch in dem Moment nahm sie eine plötzliche Bewegung auf dem Fußweg wahr. Instinktiv zuckte sie zurück und richtete sich auf.

„Was, zum Teufel, machen Sie da?“, fuhr sie eine schneidende Stimme an.

Der Mann war etwa Mitte dreißig und trug die traditionelle weiße Tracht der Araber – eine weichfließende Dishdasha, die ihm bis zu den Knöcheln reichte, und auf dem Kopf einen Kaffiyeh. Nur die Kordel, die das Kopftuch fest hielt, war schwarz – wenn auch längst nicht so finster wie der Gesichtsausdruck ihres Trägers.

Er trat von der Bordsteinkante und kam auf Angela zu wie ein Alligator, der vom Ufer ins Wasser gleitet – mit geschmeidigen, mühelosen Bewegungen, in denen eine unterschwellige Drohung lag.

Nur wenige Schritte von ihr entfernt blieb er stehen – eine hoch gewachsene und irgendwie beunruhigende Gestalt. „Würden Sie mir freundlicherweise erklären, was das soll?“

Was Angela am meisten beeindruckte, war die Kraft, die sein Gesicht verriet – eine rohe, ungezähmte, absolut maskuline Kraft, die sich in jedem seiner markanten Züge ausdrückte.

Sie war sichtbar in der harten Linie seiner Nase, der hohen, breiten Stirn, den ausgeprägten Wangenknochen und dem kantigen Kinn. Am deutlichsten jedoch war sie in seinen schwarzen Augen zu erkennen, deren Blick Angela gerade zu erdolchen schien.

Angela wich unwillkürlich zurück, bis sie gegen den Cadillac stieß. Plötzlich ärgerte sie sich über sich selbst. Warum benahm sie sich eigentlich, als hätte sie sich etwas zu Schulden kommen lassen? Er war es doch, der gegen die Regeln verstoßen hatte.

Sie richtete sich auf und sah ihn herausfordernd an. Dann deutete sie auf die lang gestreckte weiße Limousine. „Ist das Ihr Wagen?“, fragte sie. „Haben Sie ihn hier abgestellt?“

Der Mann zog die Augenbrauen hoch. „Die Antwort auf beide Fragen lautet ja. Haben Sie etwas dagegen?

Seine Arroganz brachte Angela noch mehr hoch. „Parken Sie immer so egozentrisch?“

Wieder hoben sich die ausdrucksvollen schwarzen Augenbrauen. „Egozentrisch sagen Sie?“ Seine Stimme klang scharf.

„Egozentrisch und ohne eine Spur von Rücksicht auf andere“, bestätigte sie und machte eine Kopfbewegung zu ihrem Mietwagen hin. „Wie sollte ich da wohl rauskommen?“

Er folgte ihrem Blick. „Wollen Sie mir damit zu verstehen gegen, dass das Ihr Wagen ist?“

„Ganz genau. Und wie Sie selbst sehen, haben Sie mich eingekeilt.“

Einen Moment schwieg er und studierte ihr Gesicht. „Sie wollen mir also erzählen, dass Sie keine Diebin sind?“

„Diebin?“, rief sie fassungslos. Nicht im Traum wäre sie auf den Gedanken gekommen, dass er so etwas glauben könnte. „Warum, um alles in der Welt, sollten Sie annehmen, dass ich eine Diebin bin?“

„Sie waren schon halb in meinem Wagen, als ich Sie überraschte. Was sollte ich also sonst denken?“

„Jedenfalls kann ich Ihnen versichern, dass Sie sich irren.“ Angela war heilfroh, dass sie der Versuchung widerstanden hatte, in den Cadillac zu steigen und ihn ein Stück zurückzufahren. Wie hätte sie sich da herausreden sollen?

Sie hob den Kopf. „Eine solche Anschuldigung ist einfach lächerlich!“

Der Mann stand dicht vor ihr, offensichtlich unbeeindruckt von ihren Beteuerungen. „In Jahira sind Diebstähle sehr selten. Deswegen können wir auch Türen und Fenster offen stehen lassen, ohne befürchten zu müssen, dass Wertsachen wegkommen. In dem Teil der Welt, wo Sie herkommen, ist das etwas anders …“ Seine schwarzen Brauen zogen sich drohend zusammen. „Vielleicht war die Versuchung, die das offene Wagenfenster darstellte, einfach zu groß für Sie. In meinem Auto liegen verschiedene wertvolle Gegenstände herum.“

Er meinte es tatsächlich ernst! Angela wurde weiß vor Wut. „Das ist einfach absurd! Ich habe Ihnen gesagt, dass ich keine Diebin bin.“

„Die Straße ist so belebt, dass es vermutlich niemandem auffallen würde, wenn Sie etwas aus meinem Wagen nehmen. Und falls doch, würde niemand es wagen, eine hübsche Engländerin zur Rede zu stellen.“

„Ich habe nichts dergleichen gedacht!“

„Leider haben Sie sich in der Zeit verschätzt. Offenbar haben Sie nicht damit gerechnet, dass ich so bald zurückkommen würde.“

„Sie verstehen die Situation völlig falsch. So war es ganz und gar nicht.“

„Soll ich etwa meinen eigenen Augen nicht trauen? Vergessen Sie nicht, dass ich Sie erwischt habe, wie Sie den Arm in meinem Wagen hatten.“

Angela seufzte und strich sich das Haar zurück. „Mir ist klar, wie das aussehen musste, aber ich hatte den Arm aus einem ganz anderen Grund in Ihr Auto gestreckt.“

„Jetzt bin ich aber gespannt.“

Angela atmete tief durch. „Es war völlig harmlos. Ich wollte nur auf Ihre Hupe drücken, um Ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Das hatte ich schon ein paar Mal getan, damit Sie endlich kommen und Ihren Wagen wegfahren, aber Sie haben mich offenbar nicht gehört.“

„Ich verstehe.“ Langsam ließ er den Blick über die zierliche Gestalt in dem blauen Seidenkleid wandern. Dann kniff er nachdenklich die Augen zusammen. „Ich verstehe“, wiederholte er in einem eigenartig ausdruckslosen Ton, während er jeden Zentimeter ihres schmalen Gesichts studierte.

Angela spürte, wie sie unter diesem intimen Blick errötete. Er strahlte eine ungebändigte sexuelle Kraft aus, die gegen ihren Willen eine Reaktion in ihr hervorrief.

Rasch verdrängte sie das Gefühl. „Wie ich Ihnen bereits auseinander gesetzt habe“, erklärte sie, ohne ihm dabei in die Augen zu schauen, „hatte mein Handeln keinerlei finstere Motive. Ich wollte lediglich Ihre Aufmerksamkeit erregen.“

„Meine Aufmerksamkeit erregen … Tatsächlich?“ Die Art, wie er das sagte, hatte etwas Zweideutiges, und Angela wünschte, sie hätte den letzten Satz anders formuliert.

Umso mehr überraschten sie seine nächsten Worte und der schneidende Ton, in dem er sie beschuldigte: „Sie dachten also, Sie könnten mich herbeipfeifen wie einen Hund? Haben Sie tatsächlich erwartet, ich würde alles stehen- und liegen lassen und eilends zu Ihnen laufen, um Ihre Befehle entgegenzunehmen?“

„Und Sie? Sie finden es ganz selbstverständlich, dass andere sich gedulden, bis Sie endlich so weit sind, was?“ Angela war jetzt auch wütend. „Wie lange hätte ich denn noch hier herumstehen sollen, während Sie in aller Ruhe Ihre Einkäufe erledigen?“

„Wie lange haben Sie denn gewartet? Eine halbe Stunde? Eine Stunde? Oder etwa noch länger? Um solche Ungeduld hervorzurufen, muss ja wohl sehr viel Zeit vergangen sein.“

Jetzt verspottete er sie offen, denn er wusste genauso gut wie sie, dass seit ihrer Ankunft höchstens Minuten vergangen waren.

„Darum geht es nicht“, erklärte sie kalt. „Schließlich konnte ich nicht wissen, wann Sie endlich zurückzukehren geruhen würden, und ich habe einen sehr wichtigen Termin.“ Ein Blick auf die Uhr, während sie sprach, fachte ihren Zorn von neuem an. „Ihnen verdanke ich es, dass ich mich bereits verspätet habe.“

„Wenn Sie sich in Geduld geübt hätten, anstatt überstürzt zu handeln, hätte die ganze unangenehme Situation vermieden werden können.“ Er lächelte. Offenbar schien er ihren Zorn zu genießen. „Denken Sie doch nur“, fuhr er provokativ fort, „wenn Sie nicht ganz so ungeduldig gewesen wären, wären Sie jetzt schon längst bei Ihrem Termin.“

Zum Teufel mit ihm! Es machte ihm sichtlich Spaß, sie auf die Palme zu bringen. „Da nun alles zu Ihrer Zufriedenheit geklärt worden ist, hätten Sie vielleicht die Freundlichkeit, Ihren Wagen wegzufahren?“

Angela wollte sich an ihm vorbeidrängen und holte die Schlüssel des Nissan aus ihrer Schultertasche. Vielleicht gelang es ihr noch, das Al-Shaheen-Hotel zu erreichen, ehe ihr Gastgeber sein Mittagessen beendete.

Doch der Fremde in der Dishdasha versperrte ihr den Weg. „Der Termin, zu dem Sie wollen“, meinte er aufreizend gelassen, „scheint sehr wichtig zu sein, wenn Sie sich deswegen so aus der Fassung bringen lassen.“

„Ich bin nicht außer Fassung. Nur bin ich zufällig der Überzeugung, dass es die Höflichkeit gebietet, pünktlich zu einem Termin zu kommen. Zu jedem Termin, sei er nun wichtig oder nicht.“ Es ging diesen arroganten Kerl nichts an, dass ihr diese Verabredung zum Mittagessen tatsächlich viel bedeutete.

Er zuckte die breiten Schultern, die sich deutlich unter seiner Dishdasha abzeichneten. „Eine sehr britische Einstellung, wenn ich so sagen darf. In diesem Teil der Welt gilt Pünktlichkeit als nicht so wichtig. Es sei denn, natürlich, man hat eine Besprechung mit dem Emir.“ Wenn er lächelte, sah man seine ebenmäßigen weißen Zähne. „Sind Sie vielleicht mit dem Emir von Jahira verabredet?“

„Nein, bin ich nicht.“ Angela musterte ihn kühl. Auf solch unmögliches Betragen reagierte man am besten mit Verachtung. Er wusste nur zu genau, dass Leute wie sie keine Termine beim Herrscher des Landes hatten. „Aber dennoch bin ich mit einem nicht ganz unbedeutenden Herrn verabredet.“ Sie hielt die Zeitung hoch, die sie in der Hand hatte. „Ich esse mit Mr. Andrew MacLeish, dem Chefredakteur der Jahira News.“ Vielleicht würde diese Mitteilung den arroganten Fremden in die Schranken verweisen!

„Dem Chefredakteur der Jahira News?“ Er schien über diese Mitteilung nachzudenken. „Dann sind Sie also eine Freundin des hoch geschätzten Mr. MacLeish?“

„Eine Freundin nicht gerade.“ Wenn man es genau nahm, kannte sie ihn noch gar nicht. „Meine Beziehungen zu Mr. MacLeish sind rein geschäftlich.“

Der Fremde kniff die Augen zusammen. „Das ist ja höchst interessant.“ Zu ihrer Überraschung trat er plötzlich zur Seite, um sie vorbeizulassen. „In diesem Fall werde ich Sie nicht länger aufhalten. Wie Sie bereits sagten, ist Mr. MacLeish ein angesehener Mann. Es wäre sehr unhöflich, ihn noch länger warten zu lassen.“

Angela brauchte keine zweite Einladung. Ehe er es sich anders überlegen konnte, war sie an ihm vorbeigeschlüpft und schloss die Tür des Nissan auf. Wenn sie gewusst hätte, dass die Erwähnung des Namens MacLeish eine solche Wirkung haben würde, hätte sie ihn schon viel eher ins Spiel gebracht.

In dem kleinen Wagen herrschte brütende Hitze, und das Lenkrad war so heiß, dass Angela es kaum anfassen konnte. Rasch schaltete sie die Klimaanlage ein und ließ die kühle Luft zirkulieren, ehe sie den ebenfalls glühenden Ganghebel betätigte. Dabei beobachtete sie aus dem Augenwinkel, wie der große Fremde in seinen Cadillac stieg und die schwere Tür hinter sich zuschlug. Sie spürte, dass er sie durchs Fenster ansah, aber um nichts in der Welt wollte sie diesen Blick erwidern. Von diesem Mann wollte sie nur eins – dass er wegfuhr, und zwar so schnell wie möglich.

Einen Moment später fädelte sich der überlange Cadillac in den Verkehr ein, so dass Angela endlich aus ihrer Parklücke rangieren konnte.

Mit finsterer Miene bog sie auf die von Palmen gesäumte Corniche ein, die zu dem eleganten Fünf-Sterne-Hotel Al-Shaheen oberhalb der Bucht von Jahira führte. Ihre ursprüngliche Meinung, dass alle Leute in diesem Land überaus freundlich waren, hatte sich als Illusion erwiesen. Eben war ihr der ungehobelteste Mensch begegnet, mit dem sie in ihrem sechsundzwanzigjährigen Leben jemals das Missvergnügen gehabt hatte. Sonst machte es ihr nichts aus, mit jemandem die Klingen zu kreuzen, aber es gab Grenzen, die dieser Kerl eindeutig überschritten hatte.

Glücklicherweise würde sie ihn niemals wieder sehen.

„Würden Sie sich diese Aufgabe zutrauen? Mir ist bewusst, dass es sich um eine ziemliche Herausforderung handelt.“

Angela und Andrew MacLeish, der Chefredakteur der Jahira News, saßen beim Kaffee im Restaurant, das im fünften Stock des Al-Shaheen-Hotels lag.

Obwohl sie sich um über eine Viertelstunde verspätet hatte, war das Essen mit Mr. MacLeish sehr erfolgreich verlaufen. Er hatte ihre Entschuldigung lächelnd angenommen und ihr in seinem schottisch gefärbten Tonfall versichert: „Wenn Sie sich entschließen hier zu bleiben, werden Sie schnell lernen, sich mit solchen Situationen abzufinden. Die Einheimischen sind reizende Menschen, aber unser westlicher Zeitbegriff ist ihnen völlig fremd.“

Das war mehr oder weniger dasselbe, was der arrogante Fremde ihr gesagt hatte, und es ärgerte Angela, dass es die Wahrheit gewesen war. Wenn sie recht überlegte, ärgerte sie sich, sobald sie nur an ihn dachte.

Entschlossen verdrängte sie ihn aus ihrem Bewusstsein. Auf keinen Fall würde sie sich von ihm das Mittagessen verderben lassen.

Wie es sich herausstellte, wären ziemlich viele Widrigkeiten nötig gewesen, um dieses Essen zu ruinieren. Die Speisen waren köstlich, und die Aussicht von hier oben über die Bucht durfte man zu recht als atemberaubend bezeichnen. Wie schon so oft war Angela von der Schönheit Jahiras überwältigt.

Noch überwältigender war jedoch das Angebot, das Andrew MacLeish ihr soeben gemacht hatte. Sie hatte damit gerechnet, dass er sie als Reporterin einstellen wollte, doch sein Vorschlag war wesentlich aufregender gewesen: Sie sollte Redakteurin der Frauenseite werden, die von jetzt an wöchentlich herauskommen würde.

„Was halten Sie davon?“, fragte er sie jetzt. „Würde Sie eine solche Aufgabe reizen? Andersherum, glauben Sie, dass Sie es schaffen würden?“

„Und ob mich das reizt! Von einer solchen Chance habe ich immer schon geträumt.“ Strahlend lehnte Angela sich vor. „Und ich glaube, dass ich die Voraussetzungen dafür mitbringe. Jedenfalls bin ich bereit, mich mit ganzer Kraft dafür einzusetzen.“

MacLeish lächelte ihr zu. „Das freut mich. Ich bin davon überzeugt, dass Sie ausgezeichnete Arbeit leisten werden. Schließlich haben Sie die nötige Erfahrung.“

Sein Vertrauen in ihre Fähigkeiten schmeichelte Angela. Sie hatte trotzdem das Gefühl, ihn auf einen Punkt hinweisen zu müssen. „Ich habe zwar Erfahrung im Bereich Frauenmagazine, aber nur als freiberufliche Journalistin. Redaktionelle Verantwortung hatte ich noch nie.“ Sie atmete tief durch. „Wenn Sie es mit mir versuchen wollen, werde ich alles daransetzen, Sie nicht zu enttäuschen. Sie ahnen ja nicht, wie lange ich schon auf eine solche Gelegenheit warte.“

„Dann gehört der Job Ihnen“, versicherte MacLeish. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr Ihre Zusage mich freut. Schon seit fast eineinhalb Jahren habe ich vor, die Zeitung um eine Frauenseite zu erweitern, aber ich konnte einfach nicht die richtige Mitarbeiterin finden. Frauenthemen sind in diesem Teil der Welt etwas Neues, und deshalb brauche ich jemanden, der nicht nur Erfahrung als Journalistin, sondern auch die nötige Einfühlsamkeit dafür mitbringt.“ Er zwinkerte ihr zu. „Ich weiß, dass Sie die Richtige für diese Aufgabe sind.“

„Vielen Dank“, antwortete Angela. Sie wurde ernst. „Ich bin Ihnen wirklich dankbar. Abgesehen von allem anderen habe ich durch diese Arbeit die Möglichkeit, mehr Zeit mit meinem Vater zu verbringen. Ich bin nach Jahira gekommen, weil er einen leichten Herzanfall hatte, und wenn er auch wieder auf den Beinen ist, mache ich mir Sorgen um ihn … Dennoch sollte ich Sie auf eins hinweisen.“ Sie atmete tief durch. „Ich will ganz offen sein. In spätestens einem Jahr möchte ich nach England zurückkehren.“

MacLeish nickte bestätigend. „Das ist für mich kein Hinderungsgrund, Sie einzustellen. Ich kann verstehen, dass nicht jeder sein Leben hier verbringen will. Mir geht es in erster Linie darum, die Basis für die Frauenseite zu schaffen. Wenn sie erst einmal etabliert ist, kann jemand anders sie weiterführen.“

Angela schaute ihn offen an. „Wie wäre es, wenn ich mich vorerst für drei Monate verpflichten würde? In einem Vierteljahr kann man eine ganze Menge erreichen. Und anschließend werden wir beide noch einmal nachdenken.“

„Abgemacht.“ MacLeish schmunzelte. „Nachdem das nun geklärt wäre – wann können Sie anfangen?“

Angela war über seine Reaktion erleichtert. „Sobald Sie wollen.“

„Wie wäre es mit nächster Woche?“

„Gern.“

„Dann wäre das also abgemacht.“ Er langte über den Tisch und drückte ihr die Hand. „Bis dahin wird sich bestimmt eine Gelegenheit ergeben, Sie mit Scheich Rashid bekannt zu machen.“

„Mit wem?“

„Scheich Rashid al-Hazar“, erläuterte MacLeish. „Er ist der Besitzer der Jahira News und behält es sich vor, neue Mitarbeiter kennen zu lernen, ehe sie anfangen. Keine Angst“, fügte er hinzu, als er ihr Gesicht sah. „Er ist ein sehr netter Kerl, vor allem, wenn man bedenkt, dass er der begehrteste Junggeselle von Jahira ist. Ihr Vorstellungsgespräch bei ihm wird nur eine Formalität sein. Er lässt mir in allen Personalfragen völlig freie Hand.“

Angela staunte, wie schnell und unkompliziert sich alles geklärt hatte. Sie konnte es kaum erwarten, ihre neue Stelle anzutreten.

„Ich rufe Sie an, um Ihnen Bescheid zu sagen, wann Scheich Rashid Sie empfangen kann“, versprach ihr neuer Chef beim Abschied. „Vermutlich wird das schon in den nächsten paar Tagen sein.“

Zwei Tage später – Angela und ihr Vater saßen gerade beim Essen – klingelte das Telefon.

„Das war MacLeish“, berichtete John Baker, als er zurückkam. „Offenbar will Scheich Rashid dich sofort sehen. Er wartet im Büro der Jahira News auf dich.“

Angela starrte ihn ungläubig an. „Jetzt? Der Mann ist ja verrückt! Es ist schon nach neun Uhr abends!“

Ihr Vater zuckte lächelnd die Schultern. „Neun Uhr oder nicht, er möchte, dass du sofort kommst.“

„Wenn das so ist …“ Gut gelaunt sprang Angela auf. „Ich brauche nicht lange, um mich umzuziehen. Aber verrückt ist dieser Scheich Rashid trotzdem.“

Zehn Minuten später saß sie hinter dem Steuer. Die Redaktion der Jahira News lag auf der vom Meer abgewandten Seite der Stadt, fast am Rande der Wüste. Angela trug einen kornblumenblauen Zweiteiler mit einem schmalen Rock und einem dezenten Oberteil. MacLeish hatte gesagt, diese Besprechung mit Scheich Rashid sei eigentlich nur eine Formalität, aber schließlich gehörte dem Mann die Zeitung, und sie wollte einen guten Eindruck machen. Außerdem, dachte sie ein wenig nervös, wird das meine erste Begegnung mit einem Scheich sein.

Schon nach kurzer Zeit kam der gelbe Neonschriftzug Jahira News in Sicht. Angela parkte vor dem Eingang, nahm den Lift nach oben und folgte den Hinweisschildern zum Büro des Chefredakteurs. Mr. MacLeish hatte ihrem Vater gesagt, sie solle sich zuerst bei ihm melden, und er würde sie dann zu Scheich Rashid bringen.

Beim Anblick von Andrew MacLeishs vertrautem Gesicht legte sich Angelas Nervosität. Er streckte ihr die Hand entgegen. „Ich freue mich, Sie wieder zu sehen.“ Dann führte er sie wieder auf den Korridor. „Kommen Sie. Scheich Rashid wartet schon auf Sie.“

Der Weg zu einer großen Tür mit der Aufschrift „Geschäftsführer“, war nicht weit. MacLeish klopfte kurz an, drückte die Klinke und trat nach dem Öffnen der Tür zur Seite, um Angela zuerst eintreten zu lassen.

„Scheich Rashid“, hörte sie ihn sagen, als sie an ihm vorbeiging. „Ich möchte Ihnen Miss Angela Baker vorstellen – die junge Dame, die unsere Zeitung von Grund auf umgestalten wird. Sie haben sicher nichts dagegen, wenn ich Sie nun allein mit Miss Baker lasse, damit Sie die Gelegenheit haben, einander kennen zu lernen.“

Im nächsten Moment hatte sich die Tür hinter ihr geschlossen. Angela stand mitten im Zimmer und hatte plötzlich das Gefühl, in einen Albtraum geraten zu sein. Aus ihrem Gesicht war jede Farbe gewichen, und ihr Herz klopfte zum Zerspringen, doch an Flucht war nicht zu denken. Ihr blieb nichts anderes übrig, als reglos zu verharren und den durchbohrenden Blick des Mannes hinter dem Schreibtisch zu ertragen.

Autor

Stephanie Howard
Stephanie Howard studierte Sozialwissenschaft an der Harding University im Bundesstaat Arkansas. Außerdem ist sie ein Tausendsassa: Sie ist nicht nur Autorin, sondern auch Fitnesstrainerin, Raumausstatterin und viel beschäftigte Mutter von zwei Kindern. Engagiert setzt sie sich für Frauen ein.
Stephanie Howard schreibt in ihren Romanen gern über emanzipierte Frauen, die Familie,...
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