Bianca Extra Band 156

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EIN VERSPRECHEN FÜRS LEBEN von CHRISTINE RIMMER

Bei einem Einsatz gibt Feuerwehrmann Jace einer Fremden ein Versprechen: Er wird sich ab sofort um ihr Baby kümmern. Die hübsche Krankenschwester Tamara Hanson steht ihm bei der herausfordernden Aufgabe zur Seite. Fast zu spät erkennt er, dass er sich in Tamara verliebt hat …

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  • Erscheinungstag 13.12.2025
  • Bandnummer 156
  • ISBN / Artikelnummer 9783751531351
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Christine Rimmer, Brenda Harlen, Linda Turner, Michelle Major

BIANCA EXTRA BAND 156

Christine Rimmer

1. KAPITEL

„Denk nicht mal dran, Jace“, murmelte Billy, der Älteste von Jace Abernathys vier Geschwistern. „Nicht jede weinende Frau ist dein Problem.“

Jace nickte ihm zu. „Entspann dich, großer Bruder, ich rühr mich nicht von diesem Barhocker.“

Ja, die Schluchzer der Blondine, die allein an ihrem Ecktisch weinte, drängten ihn dazu, an ihre Seite zu eilen, ihr die Tränen zu trocknen und zu versprechen, dass er alles tun würde, damit sie bekäme, was sie brauchte.

Aber letzten Endes war es für Jace nie gut ausgegangen, wenn er niedergeschlagenen Frauen zur Rettung geeilt war – und auch nicht für die Frauen, die er hatte retten wollen. Nein. Heute blieb er auf dem Barhocker sitzen und genoss sein Bier.

Nachdem Jace, Billy und der zweitälteste Bruder Theo weit vor dem Morgengrauen aufgestanden waren, hatten sie bis zum frühen Nachmittag auf der Ranch ihrer Familie, Bonnie B., Tiere gefüttert, Gräben ausgebrannt und Alfalfa gebündelt. Als die Arbeiten des Tages verrichtet waren, waren sie gemeinsam in die Stadt gefahren, um in ihrer Lieblingskneipe Doug’s ein Bier zu trinken.

Nun musste Jace nur die traurigen Geräusche der armen weinenden Frau ausblenden und sich auf die guten Dinge konzentrieren – seine Brüder neben ihm und das kühle Blonde vor ihm. Außerdem hatten sie gerade eine gute Zeit, saßen gemütlich an der Bar und tratschten mit deren Besitzer, Doug Moore.

Drüben in der Ecke war ein weiteres hoffnungsloses Schluchzen zu hören, dann ein jämmerliches Schniefen. Jace atmete tief durch und blieb sitzen. Nein, er rannte nicht los, um sie zu retten. Aber deshalb hatte er trotzdem Mitgefühl mit leidenden Menschen. Es behagte ihm gar nicht zu wissen, dass es jemandem schlecht ging und nichts dagegen zu unternehmen.

Theo knuffte Billy mit dem Ellbogen und meinte grinsend: „Oh weh. Sieht ganz so aus, als würde Jace gleich die wahre Liebe finden. Wieder mal.“

Diese Bemerkung ignorierte Jace achselzuckend. Ganz ehrlich? Ja, er war mit mehr als einer fragilen, bedürftigen Frau zusammen gewesen. Aber das war vorbei. Wenn er sich das nächste Mal verliebte, dann richtig, in eine starke und selbstständige Frau.

Außerdem hatte Theo keine Ahnung, wovon er redete. Dass Jace sich um die Frau am anderen Ende des Raumes sorgte, hatte nichts mit Romantik zu tun. Sondern damit, dass dort jemand Schmerzen litt, und das ertrug Jace nicht. „Ich glaube, ich gehe mal rüber und spreche mit ihr. Um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist.“

Als Theo wissend grinste, beugte Billy sich zu Jace herüber und flüsterte: „Lass es, Jace. Lass es einfach.“

Da mischte Doug sich ein. „Die kommt schon klar, Jungchen, zumindest bald wieder. Im Augenblick ist sie einfach in einen Mann verliebt, der nichts von ihr will. Morgen reist sie ab, zurück in ihre Heimatstadt in Virginia, und da hat sie ihre Familie, um ihr mit dem gebrochenen Herzen zu helfen.“

„Hast du bis dahin ein Auge auf sie?“, fragte Jace.

„Das habe ich.“

Jace glaubte ihm. Doug war ein guter Mann – und der Drang, den Jace in der Brust spürte, wenn jemand Probleme hatte? Der verschwand.

Er hatte noch einiges zu erledigen, bevor er zurück zur Bonnie B. fuhr, darum legte er ein paar Scheine auf den Tresen, bedankte sich bei Doug und verabschiedete sich mit einem Tippen an den Hut von seinen Brüdern.

Draußen begrüßte ihn der endlos blaue Himmel, es war warm, aber von den Bergen kam eine angenehme kühle Brise. Jace sprang in seinen Wagen, ließ alle vier Fenster herunter und fuhr los.

Als er in die Franklin Street einbog, guter Dinge, sorglos und entspannt, spürte er plötzlich wieder diesen Drang.

Er schnupperte an der Luft, die durch die Fenster zog.

Rauch.

Aber woher kam er?

Jace bremste auf Schrittgeschwindigkeit ab. Hier im Wohngebiet mit kleinen eingeschossigen Häusern schien alles friedlich. Ein zartes Kind kam ihm auf dem Rad entgegen, winkte ihm zu und grinste ihn mit großer Zahnlücke an.

Nichts Besorgniserregendes, dachte er. Keine Sirenen. Kein Alarm.

Dann jedoch sah er den Rauch. Dieser quoll auf der abgewandten Seite der nächsten Straßenecke aus dem Erdgeschossfenster eines zweigeschossigen Gebäudes, dessen Wohnungen man über eine Veranda betrat.

Jace überkam eine eigenartige Ruhe. Sein Herz schlug schneller, doch in Gedanken war er völlig klar. Rauch deutete auf Feuer hin und er hatte mit vierzehn die Ausbildung zum Feuerwehrmann begonnen.

Als er um die Ecke bog und auf den Parkplatz hinter dem Gebäude fuhr, hörte er den Rauchmelder piepen. Schnell machte er über die Feuerwehr-App auf seinem Telefon Meldung an die Wache, wo er jede Woche ehrenamtlich im Dienst und praktisch ständig in Bereitschaft war.

Während Jace der Leitstelle die Informationen durchgab, nahm er den Hut ab und warf ihn auf den Beifahrersitz. Den Gürtel mit seinem Pieper legte er ebenfalls ab und steckte ihn ins Handschuhfach. Wenn gleich der Alarm ging, würde ihn das bloß von seiner Aufgabe ablenken. Unter seinem Sitz befand sich ein Feuerlöscher. Aber von der Menge an Rauch ausgehend, die aus dem Fenster quoll, würde der nicht ausreichen, um das Feuer zu löschen.

Jace sprang aus seinem Wagen und rannte zum Gebäude. Seine Kollegen würden schnellstmöglich kommen. Aber viel zu oft war schnellstmöglich nicht schnell genug. Er telefonierte weiter mit der Leitstelle und berichtete, was er sah, als er laut an der Wohnungstür klopfte.

Keine Reaktion. Jetzt sprangen auch in einigen anderen Wohnungen die Rauchmelder an.

Und der Rauchgeruch verstärkte sich. Aus den anderen fünf Wohnungen kamen Leute herausgerannt, riefen sich gegenseitig Warnungen zu, hämmerten gegen Türen und schrien: „Feuer! Wählt den Notruf!“ Dann polterten laute Schritte die Treppe vor dem Haus herunter.

Aber hinter der Tür, wo das Feuer wütete? War es mucksmäuschenstill.

Die Tür fühlte sich kalt an. Jace stellte sein Telefon auf Lautsprecher, meldete der Leitstelle, dass er reinging, und steckte sein Telefon in die Tasche. Bei einem Einsatz lautete die Grundregel zu zweit rein, zu zweit wieder raus, man ging mit seinem Partner hinein und kam als Team wieder heraus.

Nun jedoch war Jace alleine und hatte keine Zeit zu verlieren. Als er den Knauf drehte, schwang die Tür wie durch ein Wunder auf. Jace betrat ein spärlich möbliertes, verrauchtes Wohnzimmer.

Links von ihm führte ein Türbogen in einen quadratischen Flur und weiter zu einem Schlafzimmer und Badezimmer. Von dort kam der Rauch nicht. Er quoll ihm aus dem gegenüberliegenden Türbogen entgegen, der wahrscheinlich in die Küche führte.

„Feuerwehr Bronco“, rief er über das laute Piepen der Feuermelder hinweg. „Ist hier jemand?“

Irgendwo in dem ganzen Rauch hörte er ein Husten und einen unterdrückten Schrei. „Hilfe!“ Die Stimme klang nach einer Frau. „Ich bin hier!“

„Ich komme!“ Jace ließ sich auf alle viere sinken, um unter dem Rauch zu bleiben, und kroch durch den Türbogen in den anderen Raum. Dort war der Rauch so dicht, dass er die Frau, die ihn gerufen hatte, gar nicht sehen konnte.

Doch dann hörte er neben dem ständigen Piepen des Rauchmelders links von ihm einen Hustenanfall. Halb erstickt schrie die Frau: „Mein Baby! Ich glaube, es kommt!“

„Bleiben Sie liegen, Ma’am. Ich bin gleich da.“ Jace kroch zu ihr hinüber. Sie hustete noch immer – er inzwischen auch. In diesem Augenblick hätte er alles für seine Einsatzausrüstung gegeben.

„Mein Baby!“, schrie sie erneut. „Mein Baby! Oh mein Gott!“

Endlich stieß Jace an ihre Schultern. Sie lag auf dem Rücken und hielt sich den Bauch. „Schon in Ordnung“, log er sie an. „Ich hole Sie hier raus.“

„Oh mein Gott“, war alles, was sie herausbrachte.

Langsam erklärte Jace: „In Ordnung, wir bleiben am Boden. Versuchen Sie einfach …“, ihm schnürte sich die Kehle zu und er musste erneut husten, „… sich zu entspannen. Machen Sie sich schwer. Ich greife Ihnen unter die Achseln und ziehe Sie hier raus …“

„Er kommt!“, schrie die Frau. „Ich kann ihn nicht aufhalten. Ich bekomme ihn jetzt!“ Hustend sagte sie noch etwas Unverständliches.

Jace schob ihr die Arme unter die Schultern und kroch dann rückwärts auf den Türbogen zu. Zunächst wehrte sie sich gegen seine Umklammerung, stöhnte und hustete und rief laut: „Oh nein! Oh Gott, oh Gott …“

„Beruhigen Sie sich“, meinte Jace und versuchte, dabei beruhigend zu klingen, obwohl die Rauchmelder weiter laut plärrten.

Endlich schien sie zu verstehen und bekämpfte ihn nicht weiter, sondern ließ ihn seine Arbeit machen.

Wenigstens war die Wohnung klein. Schnell zerrte Jace sie durchs Wohnzimmer und zur Vordertür hinaus. Dann richtete er sich auf und zog die Tür hinter ihnen zu.

Die Frau trug bloß ein rußverschmiertes Tanktop und ein Höschen und war wahnsinnig jung – noch keine zwanzig, würde er wetten. Sie rollte sich auf die Seite. Umklammerte ihren großen Bauch und übergab sich an Ort und Stelle auf die Fußmatte.

Eigentlich sollte Jace die anderen Wohnungen überprüfen und sichergehen, dass es alle herausgeschafft hatten. Aber das arme Mädchen konnte er hier nicht liegen lassen. Den Angaben der Leitstelle entnahm er, dass seine Kollegen vielleicht in zehn Minuten ankommen würden. In der Regel schickten sie nicht nur ein Löschfahrzeug, sondern auch einen Rettungswagen. Aber er musste sichergehen.

Während das Mädchen schrie und sich den Bauch umklammerte, holte er sein Telefon wieder aus der Tasche. „Jetzt!“, rief das Mädchen. „Jetzt kommt er!“

Jace forderte einen Rettungswagen an. Der Kollege in der Leitstelle bestätigte, dass einer auf dem Weg sei, doch seine Stimme wurde beinahe von den Schreien der Frau verschluckt.

„Bleiben Sie dran“, wies ihn der Disponent an.

„In Ordnung.“ Wieder steckte Jace sein Telefon in die Tasche. Dann beugte er sich zu dem armen Mädchen hinunter, hob sie auf die Arme und trug sie zu seinem Wagen. Sie klammerte sich an ihm fest und stöhnte die ganze Zeit.

Wie sich zeigte, war die Situation tatsächlich so dringend, wie sie behauptet hatte. Als er die hintere Tür auf der Beifahrerseite aufbekommen und die Frau quer auf dem Rücksitz abgelegt hatte, konnte er sehen, dass der Geburtsvorgang bereits deutlich weiter war, als er gedacht hatte.

Möglichst vorsichtig zog er ihr das Höschen aus.

Der Kopf des Babys war bereits zu sehen.

Als Jace dem Mädchen sagte, dass er ausgebildeter Rettungssanitäter war und wusste, was er tat, schrie sie bloß. Er schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass sich seine beruhigenden Worte als wahr erweisen würden. Noch nie hatte er allein ein Baby auf die Welt geholt, aber schon mehrfach bei Notgeburten mitgeholfen. Außerdem hatte er einigen Fohlen und Kälbern auf die Welt geholfen.

Das Mädchen schrie noch immer und flehte ihn an, ihr Baby zu retten, als er den Erste-Hilfe-Kasten herausholte. Mit den Desinfektionstüchern reinigte er, so gut es ging, die eigenen Hände und die Schnittwunde an ihrer Stirn, dann zog er Einmalhandschuhe über. Er redete beruhigend auf sie ein, als die Geburt an den Schultern des Babys kurz stockte und die junge Mutter wie am Spieß schrie.

„Atmen“, flehte Jace sie an. „Sie machen das toll.“

Und das tat sie wirklich. Alles schien gut zu gehen – und verdammt schnell.

Doch während die Rauchmelder im Inneren des brennenden Gebäudes weiterhin Alarm gaben, schrie, stöhnte, keuchte und plapperte die junge Frau im Wechsel. Eine weitläufige Geschichte darüber, dass die Wehen schon vor Stunden begonnen hätten. Als sie den Arzt angerufen hätte, hätte der gemeint, es wäre noch zu früh, um ins Krankenhaus zu fahren, also hätte sie die Abstände ihrer Wehen gemessen. Als es so weit gewesen wäre, hätte sie einer Freundin geschrieben, die sie eigentlich ins Krankenhaus fahren sollte, aber keine Antwort bekommen, und als sie sie angerufen hätte, wäre nur die Mailbox rangegangen. Und dann hätte sie Hunger bekommen und sich etwas Rinderhack angebraten.

Irgendwie war sie gestolpert, hatte sich den Kopf angeschlagen und das Bewusstsein verloren. „Und als ich aufgewacht bin, hat das Zimmer gebrannt und die Wehen sind …“ Erneut stieß sie einen langen Schrei aus, als die Schultern des Babys endlich herauskamen.

Einen Augenblick später, als sich aus der Ferne Sirenen näherten, rutschte der Körper des Babys ganz heraus. Das Kind – ein Junge – sah gesund und stark aus, es hatte zehn Finger und zehn Zehen. Es machte das Mündchen auf und schrie aus vollem Halse. Offensichtlich war das Neugeborene wütend, weil es plötzlich in die große, helle Welt hinausgestoßen wurde.

Jace hörte ein Flüstern. Mit dem Säugling auf dem Arm, und besonders vorsichtig, da die Nabelschnur noch nicht durchtrennt war, sah er sich um und bemerkte, dass in der Nähe einige Menschen standen. Sie schienen alle etwas unter Schock zu stehen.

Eine erschöpft wirkende Frau mittleren Alters trat auf ihn zu und gab ihm ein großes weißes Badetuch. „Für das Baby“, erklärte sie sanft. „Oder die Mama.“ Außerdem gab sie Jace noch eine kleine Flasche Wasser. Mit dem Neugeborenen auf dem Arm nahm er Handtuch und Flasche von ihr entgegen.

„Feuerwehr und Rettungswagen sind unterwegs“, versprach er der Menge – als ob sie das nicht selbst hören könnten. „Sind alle aus dem Gebäude herausgekommen?“

Die Frau nickte und auch einige andere bestätigten es.

Auf dem Rücksitz stöhnte die junge Mutter auf. „Mein Baby …“

Als er sich zu ihr umdrehte, streckte sie die Arme aus.

Jace ließ die Wasserflasche auf die Fußmatte fallen und legte dem Mädchen das Badetuch über den nackten Unterkörper. Dann beugte er sich vorsichtig vor und legte ihr den kleinen Jungen auf die Brust. Sie umarmte ihn, küsste ihn auf den Kopf und flüsterte ihm leise etwas zu.

Jace hob die Wasserflasche auf, hielt der Frau sanft den Kopf und gab ihr etwas zu trinken. Voller Angst sah diese zu ihm hoch, trank aber vorsichtig ein paar Schlucke.

„Bitte, Mister.“ Als er ihr noch etwas mehr einflößen wollte, schüttelte sie den Kopf. Also bettete er sie vorsichtig wieder auf den Sitz. Während er die Flasche zuschraubte, strich sie dem Baby über den Kopf und meinte zu ihm: „Sie sind ein guter Mann, das sehe ich.“ Sie klang schwach, atemlos. „Falls mir etwas zustößt, müssen Sie … Sie müssen ihn nehmen. Sie müssen … mein Baby aufnehmen.“

Jace blinzelte und stolperte einen Schritt zurück. Der wilde, verzweifelte Ausdruck in ihren Augen erinnerte ihn zu schmerzhaft an das Versprechen, das er im Jahr zuvor in einer ganz ähnlichen Situation gegeben hatte – und was war daraus geworden?

Das hatte er nicht halten können.

„Nein!“, rief er beinahe. Dann atmete er tief durch, um sich zu beruhigen, und fuhr fort. „Wirklich nicht. Ihnen wird nichts geschehen. Sie werden …“

„Bitte. Er hat nur mich. Lassen Sie nicht zu, dass er in Pflege kommt. Sie müssen ihn nehmen. Bitte, Sie müssen ihn bei sich aufnehmen. Geben Sie ihm … ein echtes Zuhause. Bitte.“

Jace wurde übel, doch das unterdrückte er und versicherte der jungen Frau ein weiteres Mal, dass sie durchkommen und eine tolle Mutter werden würde, dass alles gut werden würde.

Aber was konnten seine Versprechungen und Zusicherungen schon ausrichten? Schlimme Dinge geschahen, daran änderten auch die wohlmeinendsten Versprechen der Welt nichts.

Und was das Baby anging …

Nein. Nein. Nein. Selbst wenn er bereit wäre, ein Neugeborenes bei sich aufzunehmen, konnte er keinesfalls garantieren, dass es auch dazu kommen würde.

Und deshalb musste Jace dem armen Mädchen eine Absage erteilen. Keine Versprechen mehr, die er vielleicht nicht halten konnte. Auf keinen Fall. Nie wieder.

„Sie kommen durch. Ihrem kleinen Jungen geht es gut. Sie müssen sich keine Sorgen machen, dass …“

„Ah!“, stöhnte die Frau. „Irgendwas stimmt nicht …“ Dann schrie sie auf, ihr fielen die Augen zu und ihre Arme erschlafften.

Jace ließ die Wasserflasche fallen und fing das Baby auf, bevor es ihr von der Brust auf den Boden rollte.

Das weiße Badetuch war plötzlich blutgetränkt.

Gütiger Gott, jetzt wurde es ernst.

Jace versuchte stets, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Darum hatte er in seinem Pick-up immer den Erste-Hilfe-Kasten parat sowie ein Seil, ein Gurtmesser und einen Hammer für Fensterglas – und natürlich den Feuerlöscher unter dem Vordersitz.

Aber eine postpartale Blutung? Die erkannte er, ja, aber deshalb war er nicht darauf vorbereitet, sie zu behandeln.

Wo war das verdammte Oxytocin, wenn man es brauchte?

Die Frau öffnete die Augen. „Bitte. Bitte, Mister … Nehmen Sie mein Baby als Ihr eigenes an … Sie müssen …“ Ihre schwache Stimme verstummte.

Nun war sie extrem fahl geworden, beinahe grau. Ihr stand der kalte Schweiß auf der Stirn. Vorsichtig hob Jace das Badetuch an. Alles voller Blut, und die Plazenta war nicht zu sehen. Zumindest sollte er eine Massage des Unterkörpers probieren, vielleicht half das.

Als er sich umdrehte, um jemandem das Baby zu übergeben, fuhr das Löschfahrzeug in die Auffahrt, mit dem Rettungswagen gleich dahinter.

Die Frau flehte ihn immer wieder an und das Blut floss in Strömen. Und dann stoppten die Sirenen. Doch die Rauchmelder röhrten weiter.

„Bitte“, flehte die Frau ihn an. „Bitte nehmen Sie mein Baby bei sich auf …“

Die Situation überwältigte Jace. Er hörte sich selbst zustimmen, dass er den kleinen Jungen, den er gerade im Arm hielt, als sein Kind annehmen würde. Das Baby schrie ihm ins Ohr. Jace zog ihn an sich und wiegte ihn hin und her.

Und dann eilte eine Rettungssanitäterin auf ihn zu. Sie ließ sich von Jace kurz informieren, sprach mit sanften Worten zu der Mutter, klemmte die Nabelschnur ab und schnitt sie durch.

„Wie geht es dem Baby?“, fragte sie.

Jace antwortete: „Dem geht es gut.“ Mit dem Neugeborenen auf dem Arm trat er zur Seite, als ein weiterer Rettungssanitäter mit einer Trage angerannt kam. Schnell hoben sie die junge Mutter hinauf und schoben sie in den wartenden Rettungswagen.

Die schockierten Menschen aus dem Gebäude waren etwas zur Seite getreten. Der Löschtrupp rollte bereits Schläuche aus, um das Feuer zu bekämpfen.

Jace drückte das nackte schreiende Baby an sich. Wenigstens war es an diesem Tag warm. Der kleine Mann zitterte nicht – er brauchte nur unbedingt seine Mutter in dieser riesigen, furchterregenden Welt, in die er gefallen war.

Jace wiegte ihn weiter hin und er und flüsterte ihm zu: „Alles gut. Jetzt ist alles gut. Alles wird gut werden. Die bringen deine Mama ganz schnell in Ordnung.“ Als ob solche Worte helfen könnten. Als ob sie wahr werden würden, nur weil er sie sagte.

Wie durch ein Wunder beruhigte sich das Baby. Jace hielt ihm den blutüberströmten Kopf und streckte es ein wenig von sich weg, um es genauer zu betrachten. Der Kleine schien ihn beinahe staunend anzusehen und zog Grimassen, als wollte er herausfinden, was das Loch in seinem Gesicht da zu suchen hatte.

Jace musste beinahe lachen, unterdrückte es jedoch. Hier gab es nichts zu lachen.

Und dann kam eine Feuerwehrfrau vom Rettungswagen auf ihn zu gerannt. „Die sind jetzt so weit, er kann kommen. Ich nehme ihn.“

Er übergab ihr den kleinen Mann. Plötzlich fühlten seine Arme sich furchtbar leer an und er fragte: „Und die Mutter?“

„Wir tun, was in unserer Macht steht.“ Ihr grimmiger Blick machte Jace nicht gerade Hoffnung. Beide wussten, wie ernst die Situation war.

Und dann wandte sie sich von ihm ab, marschierte zum Rettungswagen und hielt das Baby im Arm, das erneut zu schreien begonnen hatte.

Jace blieb allein zurück und sah zu, wie der Rettungswagen mit Blaulicht und Sirene davonraste. Dann knallte er die hintere Tür seines Wagens zu, bevor er zum Haus ging und nach Kräften half, das Feuer zu löschen.

Eine halbe Stunde später war der Brand gelöscht und die Rauchmelder waren verstummt. Die Wohnung der jungen Mutter war ausgebrannt, in der darüber sah es fast genauso schlimm aus.

„Die mittleren Einheiten haben Rauchschäden“, erklärte der Chief. „Nur die beiden Wohnungen im vorderen Teil haben nichts abbekommen – aber das Baby ist in Sicherheit und die Mutter jetzt im Krankenhaus. Gute Arbeit, Junior.“

Alle Feuerwehrleute, die Jace kannte, hatten einen Spitznamen. Jace hatte seinen mit vierzehn bekommen, als er Junior Firefighter bei der Jugendfeuerwehr geworden war.

Ab dem ersten Tag hatten ihn die älteren Kollegen Junior genannt und nie damit aufgehört. Diesen Spitznamen würde er bis zu seinem Sterbetag tragen.

Eigentlich sollte Jace dem Löschfahrzeug zur Wache nachfahren und mithelfen. Das Team war klein, die meisten Freiwillige. Nach einem Brand gab es immer einen Haufen Arbeit.

Aber erst musste er sicher wissen, dass es Mutter und Baby gut ging. „Ich muss noch etwas überprüfen“, erklärte er dem Chief. „Aber danach komme ich auf die Wache.“

Mit einem festen Schulterklopfer ließ der Chief ihn ziehen.

Jace marschierte auf seinen Wagen zu und setzte sich ans Steuer. Er zog die blutigen Einmalhandschuhe aus und warf sie über die Schulter in das Blutbad auf dem Rücksitz.

Eine Zeit lang saß er einfach da, starrte durch die Windschutzscheibe, ohne etwas zu sehen, und dachte an sein Versprechen. Er redete sich ein, dass er es nicht würde halten müssen. Die junge Mutter würde durchkommen. Sie würde sich erholen und ihren Sohn großziehen.

Im Bronco Valley Hospital musterte die Frau hinter der Glasscheibe Jace skeptisch.

Das konnte er ihr nicht übelnehmen. Er hatte sich kurz auf der Toilette etwas frisch gemacht und gewaschen. Aber sein T-Shirt und die Jeans waren noch immer rußbedeckt, voller Asche und mit geronnenem Blut überzogen. Außerdem roch er wie ein gelöschter Häuserbrand, wie verbranntes Holz und triefende, halb verbrannte Polster mit einer scharfen Note geschmolzenen Kunststoffs.

Jace bemühte sich, harmlos auszusehen. „Ich bin Jace Abernathy, Ma’am. Bitte entschuldigen Sie meinen Aufzug, aber ich bin bei der Freiwilligen Feuerwehr von Bronco. Ich komme gerade von dem Brand drüben in der Franklin Street. Und ich bin hier, weil ich das Baby auf die Welt geholt habe, das der Rettungswagen vor Kurzem eingeliefert hat. Ich wollte nur fragen, wie es ihnen geht – dem Baby und der Mutter. Ich wollte sichergehen, dass es beiden gut geht.“

Die Frau lächelte ihn zurückhaltend an. „Warten Sie bitte einen Augenblick, ja?“

„Ja, natürlich. Danke.“

Sie stand auf und trat durch eine Tür hinter ihrer Loge. Als sie zurückkam, meinte sie: „Bitte setzen Sie sich, Mr. Abernathy. Gleich kommt eine Schwester zu ihnen.“

„Okay, aber ich will doch nur wissen …“

„Bitte“, unterbrach sie ihn und sah ihm dabei nicht in die Augen. Was verschwieg sie ihm? „Die Schwester sagt Ihnen alles, was Sie wissen müssen. Setzen Sie sich einfach dort hin. Es dauert nicht lange, versprochen.“

Jace gab auf und ging in den benachbarten Wartebereich, in dem alle Stühle mit einem neuen genoppten Stoff bezogen waren. Da er die Möbel nicht schmutzig machen wollte, blieb er stehen.

Die Zeit verging im Schneckentempo. Ihn überkam eine düstere Vorahnung und das machte ihn nervös. Immer wieder sah Jace auf die Uhr über dem Empfang. Drei Minuten vergingen – sie fühlten sich wie ein halbes Jahrhundert an.

Und dann eilte aus einem langen Flur eine kleine, sehr hübsche Brünette in hellblauer Krankenhauskluft auf ihn zu. Sie hatte die Schultern nach hinten geschoben und hielt den Kopf hoch erhoben. Als sie ihn sah, lächelte sie – ein gezwungenes Lächeln.

Jace bekam Herzrasen. Es gab schlechte Nachrichten. Dessen war er sich jetzt sicher.

Die Schwester sah ihn aus großen braunen Augen an, als sie die schulterhohe Abtrennung des Wartebereichs umrundete. „Mr. Abernathy?“

„Jace, bitte.“

„Jace. Hi. Ich bin Tamara Hanson.“ Sie deutete auf den nächsten Stuhl. „Bitte, setzen Sie sich.“

Jace betrachtete sein dreckiges T-Shirt und die rußbedeckte Jeans. „Vielleicht besser nicht.“

„Machen Sie sich darum keine Sorgen.“ Wieder deutete sie auf den leeren Stuhl.

Doch er rührte sich um keinen Millimeter, sondern steckte bloß die Hände in die Taschen. Leise erklärte er. „Ich will einfach nur wissen, was mit der Frau und dem Baby aus dem Wohnungsbrand in der Franklin Street geworden ist. Ich habe sie gerettet und ihr geholfen, das Baby auf dem Rücksitz meines Wagens auf die Welt zu bringen, und jetzt muss ich einfach wissen, wie es ihnen geht.“

„Mr. …“ Bevor er sie korrigieren konnte, fiel es ihr selbst auf. „Jace.“ Erneut ein gezwungenes Lächeln. „Dem Baby geht es gut. Er hat ein besonderes Milchpulver bekommen und schläft jetzt in unserer kleinen Neugeborenen-Intensivstation.“

„Intensiv?“ Jace krampfte sich der Magen zusammen. „Aber Sie haben doch gesagt …“

„Es tut mir leid. Das habe ich nicht klar ausgedrückt. Die meisten Babys bleiben bei ihren Müttern im Zimmer. Wenn das nicht möglich ist, haben wir in unserer kleinen Neugeborenen-Intensivstation einen Bereich für gesunde Kinder.“

Jace atmetet durch, um sich zu beruhigen. „Ein gesundes Baby, haben Sie gesagt. Also geht es ihm wirklich gut?“

„Ja. Das tut es. Er ist kerngesund.“

„Und die Mutter?“

Sie presste die vollen Lippen zusammen. „Ich glaube wirklich, Sie sollten sich setzen.“

Sein Herz klopfte wie wild, als versuchte eine große Faust, sich den Weg in die Freiheit zu schlagen. Er richtete sich auf. „Reden Sie mit mir, Tamara. Bitte sagen Sie mir einfach die Wahrheit.“

Mit einem traurigen leisen Seufzer gab sie nach. „Es tut mir wirklich leid, Jace. Die Mutter hat es nicht geschafft.“

2. KAPITEL

Jace sackten die Beine weg. Der nächste Stuhl sah plötzlich verlockend aus.

Er stellte sich breitbeinig hin und richtete sich auf. Leise erklärte er der hübschen Krankenschwester: „Ich muss das Baby sehen.“

„Sie sind aufgewühlt, das ist verständlich, darum sollten Sie sich etwas Zeit nehmen und …“

„Ich muss sofort das Baby sehen.“ Dass er laut geworden war, bemerkte er erst, als Tamara zusammenzuckte.

Dann sah sie Jace wieder aus großen Augen an. In ihrem Blick lag Feuer. Feuer und Mitgefühl, aber auch Entschlossenheit. Sie war zierlich und sah so süß aus, aber er erkannte, dass sie stark war. Einmal würde sie noch versuchen, ihn dazu zu bringen, sich zu setzen und ihre mitfühlenden Worte anzuhören – und dann würde sie ihn zur Tür hinausscheuchen.

Aber vorher musste er sich davon überzeugen, dass es dem Baby wirklich gutging.

Jace sprach bewusst leiser und freundlicher. „Hören Sie. Ich habe der Mutter dieses Babys ein Versprechen gegeben. Ich habe ihr versprochen, dass ich mich um ihren Kleinen kümmere.“

Die Schwester machte noch größere Augen. „Aber das liegt nicht in Ihrer Verantwortung …“

„Die Mutter hat sich glasklar ausgedrückt. Sie will nicht, dass der Kleine in eine Pflegefamilie kommt. Sie hat gesagt, dass sie alles ist, was das Baby hat.“

Tamara hob die Hand, um ihm den Arm zu drücken, hielt dann aber inne und strich sich einige Strähnen nach hinten, die sich aus ihrem strengen Knoten gelöst hatten. „Jace, Sie müssen sich keine Sorgen um ihn machen. Er ist gesund. Ihm geht es gut. Wirklich. Wir kümmern uns gut um ihn.“

„Das glaube ich Ihnen gern. Aber ich … Hören Sie, ich muss mit eigenen Augen sehen, dass es dem Kleinen gutgeht. Kann ich ihn nicht wenigstens sehen, nur einen Augenblick?“

Da wurde der entschlossene Gesichtsausdruck der Pflegerin etwas weicher … verdammt, war die hübsch. Seufzend antwortete sie sanft: „Natürlich, Sie können ihn sehen. Hier entlang.“

Sie führte ihn in die Richtung, aus der sie gekommen war. „Wenn Sie hier warten, bringe ich ihn heraus.“

„Okay, toll.“

Nach ein paar Minuten kehrte Tamara zurück, ein dick eingewickeltes Baby auf dem Arm. Zärtlich lächelnd trat sie näher. Jace betrachtete den kleinen Mann, der tief und fest schlief, das Gesichtchen verzogen, als müsste er sich stark konzentrieren, um schlafen zu können.

Leise meinte die Krankenschwester: „Ihm geht’s gut. Er ist voll ausgetragen. Dreiundfünfzig Zentimeter, 3900 Gramm. APGAR-Wert von 8. Das bedeutet, er ist gesund.“

Jace betrachtete den winzigen kleinen Mann und wollte ihn so gerne halten, ihm zuflüstern: Mach dir keine Sorgen, mein Kleiner. Ich bin da. Ich lass dich nicht im Stich. Egal, was ich tun muss, ich halte mein Versprechen an deine Mama.

Doch er hielt den Mund und rührte sich nicht. „Ich, äh …“ Jace sah die Pflegerin an. Sie lächelte sanft. „Danke.“

In ihrem Blick schien Mitgefühl auf. Einen eigenartigen Moment lang sahen sie sich in die Augen und er wünschte sich plötzlich, dass sie nie den Blick abwenden würde. Dann aber blinzelte sie und betrachtete das Baby. „Also, wie Sie sehen, ist er gesund“, setzte sie forsch an und lächelte gezwungen fröhlich. „Ihm wird es gut gehen.“ Ganz sicher würde es das. Dafür würde Jace sorgen. „Ich lege ihn eben wieder in sein Bettchen.“

Und dann war es vorbei. Die Schwester und der kleine schlafende Junge verschwanden durch die Tür der Neugeborenen-Intensivstation.

Allerdings war die Frau nicht lange weg. Als sie wieder bei Jace ankam, deutete sie in Richtung Empfang. „Ich bringe sie nach draußen.“

„Ein paar Fragen habe ich.“

„Klar. Die besprechen wir gern im Wartebereich.“

„In Ordnung.“ Schweigend gingen sie zurück und standen wieder neben den Stühlen, auf die er sich nicht setzen wollte.

„Also gut“, fragte sie. „Wie kann ich Ihnen noch weiterhelfen?“

„Was passiert jetzt mit dem Baby?“

„Wir behalten ihn über Nacht zur Beobachtung hier. Wenn danach kein Vater oder weitere Familienmitglieder gefunden werden können, kümmert sich das Sozialamt um ihn. Er kommt in Pflege, bis sie seine Verwandten finden.“

Jace überkam wieder dieser Drang. „Aber was, wenn es keine Verwandten gibt? Die Mutter hat mir gesagt, dass da sonst niemand ist. Sie hat mich angefleht, ihn bei mir aufzunehmen, ihm ein Zuhause zu geben. Und ich … also … ich bin dazu bereit. Das habe ich ihr versprochen.“ Als ihm die Worte über die Lippen kamen, konnte er es selbst kaum glauben – wie er laut aussprach, dass er das Kind einer Fremden großziehen wollte. Und er war noch nicht fertig. „Wie wäre es denn, wenn ich ihn erst mal in Pflege nehme?“

„Jace, ich fürchte, so einfach ist das nicht. Bis man Pflegeeltern werden kann dauert es Monate. Zu dem Verfahren gehören mehrere Schritte.“

„Okay. Dann mache ich alles, was man machen muss.“

Tamara schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid. Ich weiß nicht, was ich Ihnen sonst noch sagen soll.“

Und Jace auch nicht. Er nickte. „Nochmals vielen Dank.“ Dann ging er.

Draußen schien noch die Sonne. Er marschierte auf seinen Wagen zu und setzte sich ans Steuer. Für den Augenblick hatte er alles getan, was wer konnte. Und er musste noch Futter kaufen und auf die Wache.

Doch als er vom Parkplatz fuhr, bog er wieder in Richtung Franklin Street ab.

Jace parkte gerade seitlich in der Einfahrt, als ihm eine Frau und ein Mann auffielen, die auf dem betonierten Weg standen, der vom Parkplatz zur Vorderseite des Gebäudes führte.

Die Frau erkannte Jace. Roxy James, Reporterin der Lokalzeitung Bronco Bulletin. „Jace Abernathy! Genau mit Ihnen wollte ich sprechen.“

Ihm war gar nicht danach, ihre Fragen zu beantworten. Andererseits wäre es besser, wenn sie korrekte Informationen verbreitete.

„Ich habe ein paar Fragen.“ Dann schoss sie los wie ein Maschinengewehr.

Jace antwortete so einfach und schnell wie möglich. Er erklärte, wieso er genau im richtigen Augenblick in der Franklin Street gewesen war, und beschrieb, wie er die junge Mutter aus ihrer Wohnung gezogen hatte.

Dann mischte sich der Vermieter ein und dankte Jace, dass er eingegriffen hatte. „Sie haben viel getan. Sie haben Melly aus dem Feuer gezogen und ihr Baby gerettet.“

„Sie hieß Melly?“

„Melissa Smith.“ Nun standen dem Vermieter Tränen in den Augen. „Sie wollte immer Melly genannt werden.“

Dann kam Roxy mit weiteren Fragen an. Geduldig beantwortete Jace jede Einzelne.

Schließlich aber war er an der Reihe. Er nickte dem Vermieter zu. „Erzählen Sie mir mehr über die Mutter des Babys.“

„Melly war wirklich eine ganz Liebe. Erst neunzehn, ganz auf sich gestellt und das Baby war unterwegs, aber trotzdem hatte sie immer ein Lächeln und ein gutes Wort.“

Während der Vermieter erzählte, erfuhr Jace, dass Melissas fester Freund, der Kindsvater, letztes Jahr um Thanksgiving verstorben war.

„Melly und ihr Freund Kenny waren beide Pflegekinder“, erklärte der Mann und bestätigte, dass es stimmte, was Melissa Jace erzählt hatte. Keiner der verstorbenen Eltern des Kindes hatte Angehörige.

„Melly hat immer davon gesprochen, dass sie ganz auf sich gestellt ist. Sie gesagt, dass sie zwar den einzigen Mann verloren hat, den sie je geliebt hat, aber sie hat immer versprochen, dass ihr Baby in Sicherheit und glücklich aufwachsen würde, genau wie andere Kinder. Dass sie zu zweit eine Familie sein würden, sie und ihr Junge.“

Nachdem der Vermieter noch mehr von Melly erzählt hatte, verabschiedete Jace sich von ihm und Roxy und fuhr davon.

Erschöpft machte er sich auf den Weg, um Futter zu kaufen. Dann ging es weiter zur Feuerwache, wo sie mit der Reinigung praktisch durch waren. Der Chief forderte ihn auf, nach Hause zu fahren und etwas zu essen.

Da widersprach Jace nicht. Inzwischen lief er auf Autopilot. Er brauchte eine Dusche, Essen und Zeit, um vor dem großen Fernseher im Wohnzimmer abzuhängen.

Auf der Bonnie B fuhr er am Haupthaus vorbei und direkt durch bis zu seiner gemütlichen zweigeschossigen Hütte. Kurz darauf kam seine Schwester Robin aus ihrem Haus gerannt. „Jace! War ein schwerer Tag, was?“

Jace fuhr sich durch die Haare. „Das kann man wohl sagen.“

„Du bist mal wieder in den Nachrichten“, erzählte sie. „Und auch überall auf Facebook und Instagram – dass du diese arme Frau aus dem Feuer gezogen und ihr Baby auf die Welt geholt hast.“

In diesem Augenblick hörten sie beide das Geräusch eines Motors. Der Grand Cherokee seiner Mom raste über den Schotterweg vom Haupthaus auf sie zu.

Dann hielt er plötzlich an und Bonnie Abernathy sprang heraus und stapfte auf ihn zu. „Komm her.“ Bevor Jace etwas sagen konnte, zog sie ihn in die Arme. Robin gesellte sich dazu. Eine wunderbare Minute lang stand er zwischen seiner Mutter und seiner Schwester in enger Umarmung und war einfach froh, dass er eine große Familie hatte, auf die er zählen konnte.

Dann packte seine Mom ihn an den Schultern. „Ich habe von dem Feuer gehört, und von der armen Frau und ihrem unschuldigen Neugeborenen.“ Mit Tränen in den Augen sah sie zu ihm hoch. „Ich bin so froh, dass du da warst. Du hast getan, was du konntest. Jetzt geh schnell duschen und komm zum Abendessen ins Haupthaus.“

„Mom, ich brauche …“

Sie beendete den Satz für ihn. „... eine gute Mahlzeit im Kreis deiner Familie. Also, los jetzt. Die Rippchen sind gleich fertig. Robin, du isst heute Abend auch mit uns, oder?“

Da lachte seine Schwester spöttisch. „Tja, ich nehme an, jetzt mache ich es.“

Zwanzig Minuten später setzte er sich mit seiner Familie an den großen Esstisch in dem großen Anwesen im Blockhausstil, in dem er geboren wurde. Alle gingen vorsichtig mit ihm um – sie wussten, wie er drauf war, wenn bei seinem Dienst jemand ums Leben kam. Was für ein Glück er doch hatte, dass sie alle für ihn da waren.

Aber wer war für Melly Smith da gewesen? Letztlich war sie ganz ohne Verwandte verstorben, die einspringen und ihren neugeborenen Sohn großziehen konnten.

„Und da gibt es wirklich niemanden?“, fragte seine Mutter nach.

„Sieht nicht danach aus, Mom. Zumindest, soweit Melissa Smith es mir gesagt hat. Und auf dem Heimweg bin ich an ihrem Haus vorbeigefahren und habe mit ihrem Vermieter gesprochen.“

„Ich höre mich um und sehe, was ich herausfinden kann.“ Seine Mutter hatte jahrelang als Sozialarbeiterin gearbeitet. Inzwischen war sie zwar in Rente, verfügte aber noch immer über viele Beziehungen zum Sozialamt. Außerdem hatte sie viele Freunde und den Einfluss, den der Familienname Abernathy mit sich brachte.

„Ich war im Krankenhaus und habe nach ihm gesehen“, erklärte Jace. „Die Pflegerin meinte, dass sich das Jugendamt bald einschalten würde.“

„Das stimmt“, bestätigte seine Mom. „In solchen Fällen normalerweise innerhalb von vierundzwanzig bis sechsunddreißig Stunden.“

Sein Versprechen an Melissa nagte an Jace. Falls er nicht bald etwas tat, würde der kleine Mann genau dort landen, wo Melissa ihn nicht haben wollte – im Pflegesystem.

Jace aß zu Ende und blieb sogar noch auf einen Kaffee und ein saftiges Stück Rührkuchen. Als er ging, gab es eine weitere Runde Umarmungen und Schulterklopfer.

Ja, es tat gut, mit seiner Familie zusammen zu sein. Trotzdem musste er ständig an die arme Melissa und den kleinen Jungen denken, der nun gar keine Familie mehr hatte.

Noch vor Sonnenaufgang mistete Jace am nächsten Morgen die Ställe aus und fütterte das Vieh. Normalerweise gingen ihm diese frühen Aufgaben gut von der Hand. Meistens war er ganz allein mit den Tieren, alles andere ruhig und friedlich.

Doch an diesem Tag fand er keinen Frieden.

An ihm nagte sein Pflichtgefühl.

Um acht Uhr morgens rief Jace in einer Autowerkstatt in der Stadt an. Dann holte er seine gesamte Ausrüstung aus dem Wagen und packte sie auf einen der Ranch-Pick-ups, damit sie sein Fahrzeug abholen konnten. Sie sollten den blutverschmierten Rücksitz austauschen und alles wie neu erstrahlen lassen.

Sein Telefon klingelte. Irgendein Schwätzer vom TV-Lokalsender. Man wollte ihn wegen seiner „Heldentat“ vom Vortag interviewen.

„Tut mir leid, aber dazu habe ich nichts zu sagen“, antwortete er ehrlich. Nachdem er aufgelegt hatte, stand er einfach auf dem Rasen vor seiner Hütte und dachte nach. Schließlich fuhr er mit dem alten blauen Pick-up zum Haupthaus und ging ins Büro.

Jace setzte sich an den uralten PC seines Vaters und bearbeitete einige Verwaltungsaufgaben, konnte sich allerdings nicht darauf konzentrieren. Darum brach er ab und fuhr in die Stadt.

Am Bronco Valley Hospital angekommen, ging er direkt zum Empfang und fragte, ob Tamara Hanson Dienst hatte. Die Frau lächelte ihn breit an und sagte: „Ich sehe kurz nach.“ Wieder verschwand sie durch die Tür hinter ihrem Platz und kehrte kurz darauf mit der Nachricht zurück, dass Tamara gleich kommen würde.

Und das tat sie auch. Die hübsche Pflegerin kam ihm aus demselben Flur entgegen wie am Vortag, die dichten braunen Haare zu einer Krone geflochten und hochgesteckt wie eine Disney-Prinzessin, und lächelte ihn freundlich an. Doch in ihren Augen, da lag kein Lächeln. Irgendetwas stimmte nicht.

„Jace. Hi.“

Er erwiderte ihr Lächeln. „Ich bin gekommen, um noch mal nach dem Baby zu sehen.“

„Aha“, antwortete sie und lächelte noch breiter.

„Okay, also gut. Sagen Sie es schon. Was ist los?“

Anstelle einer Antwort drückte Tamara ihm den Arm. Jace störte diese Berührung nicht, ganz und gar nicht. Trotzdem wollte er, dass sie damit rausrückte, was vor sich ging. „Reden Sie mit mir, Tamara.“

„Bitte, kommen Sie mit hier herüber. Setzen wir uns doch.“

Vielleicht käme sie zur Sache, wenn er darauf einging. „Na gut.“

Tamara führte ihn zu einem Stuhl. „Ich muss ihnen eine ganz süße Geschichte erzählen“, meinte sie und zog ihn herunter auf den Platz neben sich.

Jace spielte mit. „Eine Geschichte?“

„Ja. Es geht um das Baby.“

„Also gut …“

„Na ja, wir wollten ihn alle beschützen, wie bei jedem Baby, um das wir uns kümmern. Aber für ihn, tja, da gilt es einfach noch stärker. Wir haben uns besonders viel Zeit für ihn genommen.“

„Das ist toll“, meinte Jace nur und fragte sich, wann sie endlich zur Sache kommen würde. „Geht es ihm gut?“

„Oh ja, ihm geht es gut. Er ist gesund. Alles in Ordnung. Also, wo war ich? Ja, genau. Erst wussten wir nicht, wie seine Mutter mit Nachnamen hieß. Darum haben wir ihn das Franklin-Baby genannt, nach der Straße, in der er geboren wurde. Und dann, na ja, dann haben wir den süßen kleinen Fratz irgendwann automatisch Frankie genannt … Als ich gestern Abend um sieben Feierabend gemacht habe, hieß das Baby also Frankie.“ Sie strahlte regelrecht. Doch ihre Augen strahlten nicht. „Frankie“, wiederholte sie. „Das ist doch süß, finden Sie nicht?“

„Ja.“ Und Jace konnte in ihrem Gesicht lesen, als würden sie sich schon ewig kennen. Sie versuchte ganz klar, ihn vorsichtig auf die eigentliche Neuigkeit vorzubereiten – seiner Meinung nach viel zu langsam. „Was es auch ist, Tamara, sagen Sie es einfach.“

Sie verzog das Gesicht. „Ach, Jace … Es tut mir leid, aber Sie können Frankie jetzt nicht sehen.“

„Warum nicht?“

„Weil er nicht hier ist, Jace. Das Jugendamt hat ihn vor einer Stunde abgeholt. Inzwischen ist er wahrscheinlich schon bei einer liebevollen Pflegefamilie.“

„Aber es ist noch keine vierundzwanzig Stunden her.“

„Was soll ich sagen? Manchmal geht es ganz schnell.“

„Na, wunderbar.“

Nun sah sie ihn flehend an. „Falls man keine Angehörigen findet, wird er schnell adoptiert. Das ist bei gesunden Säuglingen immer so. Seine neuen Eltern werden ihn lieben und jeden Tag dankbar sein, dass sie das Glück hatten, seine Mom und sein Dad zu werden.“

Normalerweise war Jace absolut ruhig, doch nun sprang er auf und warf ihr viel zu laut vor: „Was soll die Scheiße, Tamara? Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich seiner Mutter versprochen habe, mich um ihn zu kümmern!“

Tamara sah ihn an. Ihr Blick war hart wie Stahl. „Beruhigen Sie sich“, flüsterte sie beinahe, trotzdem klang jedes Wort scharf. „Ansonsten lasse ich Sie vom Sicherheitsdienst hinausbegleiten.“

Jace atmete tief durch und ließ sich erneut auf den Stuhl fallen. Mein Gott, wie er das hasste.

War er überhaupt bereit, die Verantwortung für ein Baby auf sich zu nehmen? Wahrscheinlich nicht. Wollte er Vater werden? Irgendwann sicher. Aber jetzt sofort? Bis zum Vortag war ihm diese Idee nie gekommen.

Doch er hatte Melissa sein Wort gegeben. Sie war in dem Glauben gestorben, dass er es halten würde. Er durfte sie nicht enttäuschen.

Also sah Jace Tamara direkt in die braunen Augen. „Es tut mir leid, ich weiß auch nicht, warum ich so ausgerastet bin. Sie wollen helfen und ich lasse meinen Frust an Ihnen aus. Aber ich fühle mich wirklich für das Baby verantwortlich. Ich fühle mich verantwortlich und habe seiner Mutter versprochen, dass ich ihn als mein Kind großziehen würde, das muss ich irgendwie schaffen.“

Bei diesen Worten entspannte Tamara sich etwas.

In letzter Zeit war sie zwar insgesamt nicht so gut auf die Männerwelt zu sprechen – und das aus sehr gutem Grund – aber Jace Abernathy war nicht ihr Ex. Obwohl sie Männern gegenüber inzwischen sehr zynisch eingestellt war, erkannte sie, dass der hier neben ihr ein guter Kerl war, der einer sterbenden Mutter sein Wort gegeben hatte und einfach nicht die Tatsache akzeptieren konnte, dass er seinen Schwur keinesfalls halten konnte.

Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. „Hören Sie …“

„Bitte entschuldigen sie.“ Jace setzte sich auf. „Sie müssen sicherlich zurück an die Arbeit und ich halte sie hier auf.“ Dann stand er wieder vor ihr, sah zu ihr herab, ein rauer, aber attraktiver Mann, der sie aus grünen Augen voller Wahrhaftigkeit ansah. „Vielen Dank.“

Ganz klar. Ein guter Kerl. „Eigentlich wollte ich etwas anderes sagen, Jace. Ich weiß, dass Sie enttäuscht sind, weil man Frankie mitgenommen hat, bevor Sie ihn noch einmal sehen konnten.“

Nun richtete er sich zu voller Größe auf und schob die Schultern nach hinten. „Ich komme klar.“

Ein wenig bewunderte Tamara ihn. So geradeheraus und entschlossen. Noch immer begriff er nicht, dass er auf keinen Fall plötzlich die Erlaubnis bekommen würde, das verwaiste Baby großzuziehen. Und aus irgendeinem unerfindlichen Grund wollte sie ihm dabei helfen, zu akzeptieren, dass Frankie ihn niemals Dad nennen würde. „Hören Sie, ich mache jetzt Mittagspause. Gehen Sie mit mir in die Cafeteria? Dann können wir in Ruhe darüber sprechen.“

Jace überlegte kurz. „Glauben Sie, dass Sie mir helfen können?“

Da Tamara ihn nicht anlügen wollte, suchte sie nach den richtigen Worten, um die Wahrheit freundlich zu verpacken. „Jace, ich …“

Doch er füllte die Stille aus, nachdem sie abgebrochen hatte. „Wissen Sie, letztes Jahr habe ich ein Versprechen gegeben, das ich nicht halten konnte. Das lasse ich diesmal nicht zu. So oder so werde ich mein Versprechen an Melissa Smith halten.“ Dann lächelte er plötzlich. „Und was das Mittagessen angeht, ja, gerne. Ich lade Sie ein.“

Zehn Minuten später saßen sie bei einem griechischen Salat und einem Sandwich mit Pommes an einem Zweiertisch, der neben einem Fenster mit Blick auf einen kleinen begrünten Innenhof stand.

„Ich bin neugierig“, begann sie. „Was war das für ein Versprechen letztes Jahr?“

Jace biss in sein Sandwich und sah aus dem Fenster. „Ich hätte die Sache aus dem letzten Jahr nie erwähnen sollen. Aber wenn Sie es wirklich hören wollen …“

„Ja, Jace. Das will ich.“

Da erzählte er von dem traumatischen Einsatz auf einer Ranch, bei dem er einen Mann retten konnte. Doch als dieser das Bewusstsein wiedererlangt hatte, hatte er sich immer wieder die Sauerstoffmaske vom Gesicht gerissen und sich nicht helfen lassen, bis Jace ihm versprach, dass sein Sohn nicht sterben würde. Also hatte er es getan, doch am Ende war das Kind verstorben.

„Ich habe den Mann angelogen.“

„Aber das wussten Sie nicht. Ja, am Ende waren sie im Unrecht, aber deshalb war es noch lange keine Lüge. Sie haben gesagt, was nötig war, damit ein verzweifelter Mann sich behandeln ließ.“

„Ja, stimmt schon. Trotzdem wars eine Lüge. Nachdem ich dieses Versprechen gebrochen hatte, habe ich mir geschworen, nie wieder Versprechen zu machen, die ich nicht einhalten kann.“

„Aber manchmal ist das einfach so. Das wissen Sie doch. Ersthelfer tun alles Nötige, um Leben zu retten. Und Ihre Aufgabe bestand darin, den Mann dazu zu bringen, sich hinzulegen und von Ihnen helfen zu lassen.“

„Sie können sich noch so viele Ausreden ausdenken. Versprechen sind wichtig. Ich konnte mein Versprechen an den Vater dieses sterbenden Jungen nicht halten. Aber mein Versprechen an Frankies Mutter? Irgendwie finde ich einen Weg, um es einzuhalten.“

„Jace … Betrachten wir das Ganze doch aus einem anderen Blickwinkel. Haben Sie sich schon einmal um ein Baby gekümmert? Dieses Baby braucht sie rund um die Uhr. Im Augenblick kann Frankie nicht einmal sein Köpfchen halten – und glauben Sie ja nicht, dass es einfacher wird. Nein. Ihn zu erziehen wird auch ein Vollzeitjob.“

„Das weiß ich.“

„Aber sind Sie bereit, so viel Verantwortung zu übernehmen, Jace? Sind Sie bereit, die ganze Nacht wach zu bleiben, falls er Bauchweh oder Ohrenschmerzen hat? Wenn Sie ehrlich sind, müssen Sie wahrscheinlich zugeben, dass Sie es nicht sind.“

Jace sah sie fest an. „Sie kennen mich nicht.“ Er klang überzeugt und ruhig, sein Blick war entschlossen. „Sie wissen nicht, worauf ich vorbereitet bin. Ich kann lernen, Windeln zu wechseln und Milch anzuwärmen – und ich habe eine große Familie, die alle babysitten würden. Meine Mom ist in Rente und kann aushelfen. Und mein Dad genauso. Das ist alles machbar. Von Ihnen brauche ich einfach einige Ratschläge. Sie müssen mir alles sagen, was Sie wissen, wie ich das System davon überzeuge, dass ich mein Versprechen an Frankies Mutter halten will.“

Tamara trank einen großen Schluck Eiskaffee. Dann gab sie zu: „Sie sind sehr überzeugend. Ich glaube Ihnen, dass Sie alles Nötige tun würden, um Ihr Versprechen an Melissa Smith zu halten.“

„Sie haben recht. Das würde ich – und das werde ich.“

„Aber Jace, das System kann man nicht umgehen. Wenn keine Angehörigen auffindbar sind, geht Frankie an ein liebevolles Paar, das alles getan hat, um für eine Adoption ausgewählt zu werden. Sie fangen gerade erst an und sind allein. Paare werden immer bevorzugt. Und wenn Sie ihn erst in Pflege nehmen und dann die weiteren Schritte gehen? Wie ich gestern gesagt habe, braucht es Zeit, sich als Pflegeeltern zu qualifizieren – zwischen drei und sechs Monaten, manchmal länger. Bevor sie überhaupt als Pflegeperson zugelassen sind, ist Frankie bereits adoptiert und lebt bei seinen neuen Eltern.“

Tamara sah es Jace an. Was sie auch sagte, er gab nicht auf.

„Manchmal geschieht das Unmögliche, Tamara.“

„Das stimmt. Aber nicht in diesem Fall.“

Doch Jace sah sie bloß weiterhin entschlossen an und war jetzt genauso wenig davon überzeugt, dass er aufgeben musste, wie vor zwanzig Minuten.

Das Mittagessen beendeten sie schweigend.

Dann meinte Jace: „Spielen Sie doch einen Augenblick mit. Sagen wir mal, das Unmögliche geschieht und ich darf Frankie zu mir nach Hause holen. Sie arbeiten hier mit Babys, oder?“

„Ja. Und mit den Müttern. Ich bin Krankenpflegerin auf der Wöchnerinnenstation.“

„Falls ich Frankie in Pflege nehmen dürfte, würde ich mich wirklich gern an Sie wenden, um Sie alles fragen zu können.“

„Aber Sie werden nicht …“

„Ja, aber falls doch, würden Sie mir helfen, Tamara?“

Ihre Überzeugungen gerieten ins Wanken. Sein Blick aus grünen Augen war so voller Hoffnung und Wahrhaftigkeit und …

Nun ja, sie mochte den Typen. Im Augenblick war ihr erster Impuls, den meisten Männern aus Prinzip zu misstrauen. Doch mit seiner direkten und ehrlichen Art hatte er irgendwie ihren beträchtlichen Schutzpanzer durchbrochen.

Falls das Unmögliche aus irgendeinem Grund geschähe, würde sie ihm selbstverständlich helfen. Frankie zuliebe.

„In Ordnung, Jace. Falls Sie es wirklich schaffen, das Baby zu sich zu holen, werde ich Ihnen gerne in jeder Hinsicht helfen.“

Da grinste Jace wieder auf seine herzliche und charmante Art – und holte sein Telefon raus. „Geben Sie mir Ihre Nummer.“

Kurz war Tamara perplex und lehnte sich zurück. Wollte er sie anmachen?

Nein. Natürlich nicht.

Trotzdem wollte sie das lieber sofort klären. „Jace, ich …“ Sie hüstelte nervös. „Nur um es ganz deutlich zu sagen, ich will kein Date oder Ähnliches.“

Jace grinste neckisch. „Tamara, führen Sie mich nicht in Versuchung.“

Da musste sie lächeln. „Also gut. Nur, damit das geklärt ist.“

„Ist es. Ich bekomme Ihre Nummer nur wegen Frankie.“

„Ganz genau.“ Sie gab sie ihm. Kurz darauf brummte ihr Telefon.

„Und jetzt haben Sie meine“, sagte Jace.

Tamara begleitete ihn noch bis zum Empfang, wünschte ihm alles Gute und sah ihm hinterher, wie er erhobenen Hauptes und kerzengerade davonging, felsenfest davon überzeugt, dass er auf irgendeine Art den kleinen Waisenjungen großziehen würde.

Jace war ihr sehr sympathisch, darum machte es Tamara beinahe traurig, dass sie wahrscheinlich nie wieder von ihm hören würde, doch sie wandte sich ab und ging wieder den Gang zurück an ihren Platz. Sie konzentrierte sich auf ihre Aufgaben, denn schließlich hatte sie viel zu tun und liebte ihre Arbeit.

Als Tamara Stunden später am Ende ihres Dienstes in den Personalraum ging, hatte sich dort die halbe Belegschaft vor dem großen Flachbildfernseher versammelt.

„Was zur …?“ Tamara traute ihren Augen kaum.

Im Lokalsender war Jace zu sehen, in gebügeltem kobaltblauem Hemd und hübscher Westernjacke. Er war frisch rasiert und hatte die dichten braunen Haare ordentlich nach hinten gekämmt. Er saß neben dem Moderator der Lokalnachrichten.

„Ganz genau“, bestätige Jace gerade. „Ich konnte Melissa Smith sicher aus der brennenden Wohnung retten. Zu diesem Zeitpunkt war die Geburt bereits weit vorangeschritten, dass sie das Baby auf dem Rücksitz meines Wagens geboren hat.“

Der Moderator sah angemessen ernst aus. „Aber meines Wissens hat die Mutter es nicht geschafft.“

„Leider nicht, nein.“

„Und das Baby?“

„Dem geht es gut. Im Augenblick befindet er sich in einer Pflegefamilie.“ Das ließ Jace einen Augenblick so stehen, bevor er von seinem Versprechen erzählte. „Melissa Smith hat mir gesagt, dass sie keine Angehörigen hat. Und Frankies Vater, der im letzten Herbst gestorben ist, ebenso wenig. Es war Melissas letzter Wunsch, dass ich ihren kleinen Jungen großziehe. Das habe ich ihr ve...

Autor

Brenda Harlen
<p>Brenda ist eine ehemalige Rechtsanwältin, die einst das Privileg hatte vor dem obersten Gerichtshof von Kanada vorzusprechen. Vor fünf Jahren gab sie ihre Anwaltskanzlei auf um sich um ihre Kinder zu kümmern und insgeheim ihren Traum von einem selbst geschriebenen Buch zu verwirklichen. Sie schrieb sich in einem Liebesroman Schreibkurs...
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Linda Turner
<p>Linda Turner wurde in San Antonio, Texas geboren. Sie hatte eine Zwillingsschwester Brenda. Keiner außer ihren Eltern und ihr älterer Bruder konnten sie auseinanderhalten. Sie zogen sich gleich an, hatten die gleichen Frisuren und trugen sogar die gleichen Brillen. Und so war es nicht verwunderlich, dass sie überall, wo sie...
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Michelle Major
<p>Die USA-Today-Bestsellerautorin Michelle Major liebt Geschichten über Neuanfänge, zweite Chancen - und natürlich mit Happy End. Als passionierte Bergsteigerin lebt sie im Schatten der Rocky Mountains, zusammen mit ihrem Mann, zwei Teenagern und einer bunten Mischung an verwöhnten Haustieren. Mehr über Michelle Major auf www.michellemajor.com.</p>
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