Gefährliches Spiel mit dem Herzen

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Amalia Truitt hat einen Traum: Nachdem sie zwei katastrophale Ehen hinter sich hat, möchte sie anderen Frauen helfen, sich scheiden zu lassen. Doch dafür braucht sie Geld – das sie sich beschaffen könnte, indem sie nach Delaware reist und dort ihren Anspruch auf das Vermögen ihrer Familie geltend macht. Da die Fahrt mehr als gefährlich ist, engagiert man kurzerhand einen männlichen Begleiter: David Zisskind, mit dem Amalia allerdings vor Jahren eine Affäre hatte. David ist noch immer so attraktiv wie früher, und Amalia weiß nicht, wie sie und ihr Herz die lange Reise unbeschadet überstehen sollen …


  • Erscheinungstag 13.12.2025
  • Bandnummer 422
  • ISBN / Artikelnummer 9783751532143
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Felicia Grossman

Gefährliches Spiel mit dem Herzen

Felicia Grossman

Seit ihr Vater ihr zum ersten Mal „Die Schatzinsel“ vorgelesen hat, hat Felicia Grossman davon geträumt, selbst Autorin zu werden. Zielstrebig hat sie ihr Studium mit einem Abschluss in Englisch beendet. Mit ihrer Familie und ihren Hunden lebt Felicia im Norden der USA. Wenn sie nicht gerade schreibt, dann genießt sie ein Stück Kuchen oder singt laut Stücke aus Musicals vor sich hin.

Für Sivan Rosalie:
Bitte bleib immer so, wie du bist.

1. KAPITEL

Irgendwo in der Nähe von Indianapolis, Indiana

Sommer 1871

Oberflächlich, geistlos und geschwätzig – reine Verschwendung von Tinte.

Amalia Truitt warf ihre kleine schwarze Tasche auf den Sessel neben dem, in dem sie saß, während ihr diese Worte durch den Kopf gingen. Sie legte ihre Beine auf die mit Brokat bezogene Fußbank, die sie für ihren privaten Zugwaggon gebucht hatte. Dass ihr Redakteur ihr mitgeteilt hatte, dass es Beschwerden über ihre letzte Kolumne gegeben hatte, sollte ihr die Heimreise nicht verderben, aber sie konnte ihre Sorgen nicht abschütteln. Auch nicht den Druck, den der drohende Abgabetermin der nächsten Kolumne in ihr auslöste, oder die Angst, dass die Kritik berechtigt sein könnte.

Den Menschen zu erklären, wie man sich kleidet, wie man seine Haare trägt und wie man sich so herausputzt, dass man den bestmöglichen Eindruck erweckt, war ihre … wie hatte ihre Mutter das ausgedrückt? Ihre Stärke. Das Einzige, worin sie gut war.

Verlor sie ihr Talent?

Nein. Das durfte nicht sein. Dafür war sie zu sehr auf das Geld angewiesen.

Um ehrlich zu sein, brauchte sie mehr Geld, als ihr ihre Beauty-Kolumne im Philadelphia Inquirer einbrachte. Viel mehr. Deshalb durfte sie nicht nervös sein, wenn sie in Centerville ankam, um ihre Eltern davon zu überzeugen, ihr unter die Arme zu greifen. Sonst würden sie ihr nie zuhören, sie nie ernst nehmen. Sie musste so ruhig und rational wie möglich sein.

Mit einem Stöhnen lehnte sie sich zurück, schmiegte sich an den magentafarbenen Samt des Sessels und genoss die beruhigenden Vibrationen der rumpelnden Räder unter ihr. Wahrscheinlich ruinierte sie sich die frisch ondulierten Locken.

Aber es war ja ohnehin niemand da, der ihre Haare hätte sehen können. Sie legte ihren Hut ab und schloss die Augen. Sie würde ihr Lieblingsessen bestellen – mit Brandy, um all die Stimmen in ihrem Kopf zum Schweigen zu bringen.

Bitte, Amalia, keine Probleme mehr, keine Anwaltskosten, keine Verschwendung. Du bist erwachsen. Benimm dich auch so.

Amalia ballte vor Wut eine Hand zur Faust. Ihr Vater, einst ein fröhlicher Mensch, hatte ihr diese Ermahnung nach ihrer letzten Scheidung mit auf den Weg gegeben. Keine Beileidsbekundungen, kein Mitgefühl, nicht einmal ein unaufgeforderter Ratschlag – nur Resignation. Und schon gar nicht die Frage, warum sie überhaupt wieder geheiratet hatte. Nur die Annahme, dass sie ein zweites Mal impulsiv und leichtsinnig gehandelt hätte. Dass sie nichts gelernt hätte.

Vierundzwanzig, zwei Monate vor ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag, und alles, was sie in ihr sahen, war eine zweifache Versagerin. Ihre Eltern wünschten sich wahrscheinlich, dass sie Nonne würde. Oder sich zumindest in eine jüdische Version eines Klosters zurückzog. Als ob sie jemals etwas Schwarzes und Formloses tragen würde. Sie richtete die Saphirbrosche an ihrem Kragen.

Eine siegreiche Heldin – das war sie. Sie würde ihnen allen zeigen, was für eine kompetente Frau sie geworden war, und ihr Recht einfordern: Zugang zum Fonds, in dem das Familienvermögen angelegt war, genau wie ihre Geschwister. Und ihre Eltern würden nachgeben. Ihr Lebensziel, die Wohltätigkeitsorganisation, für deren Gründung und Aufrechterhaltung sie in den letzten Jahren so hart gearbeitet hatte, würde sie niemals aufgeben.

Sie würden es ihr gewähren. Sie mussten es einfach. Sie würde sie gleich nach der Beschneidungsfeier für ihren frisch geborenen Neffen darauf ansprechen. Sie würden gut gelaunt sein und Ja sagen. Kein Grund zur Sorge.

Amalia rumorte der Magen. Vor Hunger, nicht vor Angst. Sie sollte wirklich den Kellner rufen.

Bevor sie aufgestanden war, klopfte es an der Tür.

Sie rieb sich den schmerzenden Nacken, erhob sich und öffnete die Schiebetür. Fassungslos starrte sie die vertraute Gestalt an, die sich in das Abteil drängte. Ihr Abteil, an das sich weitere anschlossen. Amalia geriet ins Schwanken und musste sich an der Wand festhalten, um nicht umzufallen.

Selbst nach sechs Jahren hätte sie den Freund ihres Bruders aus dem V Corps überall wiedererkannt. Obwohl seine Haltung irgendwie amerikanischer wirkte, hatten sich David Zisskinds funkelnde kohlschwarze Augen und sein zerzaustes schwarzes Haar kein bisschen verändert. Die Erinnerungen kehrten mit Macht zurück – jeder Kuss, jede Berührung –, aber am lebhaftesten war die Ermahnung ihres Vaters, als er sie nach einem nächtlichen Rendezvous dabei erwischt hatte, wie sie sich in ihr Zimmer schlich.

„Ich bin nicht dumm. Ich weiß, wo du warst und mit wem du zusammen warst. Das war nicht klug, Amalia. Wir wissen nichts über ihn, und du bist noch zu jung. Benimm dich. Deine Mutter hat schon genug Sorgen.“

Ganz zu schweigen von all den Fehlern, die sie danach gemacht hatte. In ihrem Kopf begann es zu pochen, so laut, dass sie sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte.

„Was machst du hier?“ Sie stieß die Frage hervor, während sie blinzelte und versuchte, den Mann vor ihr mit dem Jungen in Einklang zu bringen, der er einmal gewesen war. Mit dem Absatz ihres auf Hochglanz polierten weißen Stiefels blieb sie am Läufer hängen, der den Boden des Abteils bedeckte. Amalia versuchte, Halt zu finden, aber ohne Erfolg. Die Beine gaben unter ihr nach.

Blitzschnell streckte David die Arme aus und packte sie an den Ellbogen. Wärme durchströmte sie, als sie an seine ziemlich feste Brust gepresst wurde. „Ich beschütze dich. Vor dir selbst, wie es scheint, und vor Bedrohungen von außen.“ Die Worte vibrierten von seinem Körper in ihren.

„Bedrohungen von außen?“ Amalia wich zurück und taumelte von David weg. „Ist etwas passiert? Ist meiner Mutter etwas zugestoßen?“

Eine Unzahl an Ängsten flammte in ihr auf. Obwohl ihre Eltern ihr gesamtes Vermögen für wohltätige Zwecke einsetzten, lastete auf ihrer Mutter, einer jüdischen Bankerbin, die Hauptlast der öffentlichen Empörung. Vor dem Krieg drohten die Gegner der Abolitionisten, sie mit Teer und Federn zu übergießen, wenn sie sich südlich von New Castle County wagte, und danach, in Europa, nun ja, dort waren die Karikaturen millionenfach schlimmer als in Amerika.

„Deinen Eltern geht es gut. Es geht um dich, nicht um sie.“ Obwohl er seinen Akzent nicht ganz verloren hatte, war Davids Stimme kräftiger und sein Auftreten deutlich souveräner als beim letzten Mal, als sie miteinander gesprochen hatten. Der Knoten in ihrer Brust löste sich, aber sie traute ihrer Stimme noch nicht wieder über den Weg, daher schwieg sie.

„Hast du jemanden erwartet?“ Er schob sich an ihr vorbei und sah sich suchend um. Hinter seinen Brillengläsern kniff er die Augen zusammen.

„Nein. Nun, zumindest niemand Bestimmten. Ich meine, ich fahre oft genug diese Strecke, dass das Personal meine Bedürfnisse kennt. Ich hatte Hunger und dachte, vielleicht würde man mir schon etwas zu essen bringen.“ Sie piepste die Worte heraus, bevor sie sich eine ihrer Locken um einen Finger wickelte. Warum hatte er nicht erklärt, um welche „Bedrohungen von außen“ es sich handelte?

„Du solltest fragen, wer hereinwill, bevor du die Tür öffnest.“ David hob ihre Tasche hoch, öffnete sie und schien etwas darin zu suchen.

Mit einem großen Schritt war sie bei ihm und nahm ihm die Tasche aus der Hand. „Ich habe einen ganzen Waggon gebucht und ausgewähltes Personal, das für mich zuständig ist. Die lassen hier nicht einfach irgendjemanden rein.“ Sie drückte die Ledertasche fest an sich. Jetzt würde er sie ihr entreißen müssen. „Und du hast immer noch nichts erklärt. Du kannst auch nicht einfach in meinen privaten Sachen herumwühlen und vage von irgendwelchen ‚Drohungen‘ faseln.“

„Warum beruhigen wir uns nicht und reden vernünftig miteinander?“ David trat einen Schritt vor, die Hände zu beiden Seiten seiner Gürtelschnalle. Ein Fehler. Wenn er das Wort „hysterisch“ verwendete, würde sie ihm eine Ohrfeige geben oder ihm besser noch ein Knie in die Weichteile rammen.

Er hob eine Hand und wirkte auf einmal fast verlegen … „Entschuldige, das war etwas …“ Er fuhr sich mit der Hand durch sein dichtes, etwas zu langes Haar. „Lass uns das ohne Feindseligkeiten klären. Wir sind doch keine Fremden füreinander. Wir waren einmal Freunde und haben uns gern in der Gesellschaft des anderen aufgehalten. Ich verdanke dir sogar, dass mein Englisch deutlich besser geworden ist.“

„Wirklich?“ Ungläubig blickte sie ihn an, während sich die Geister der Vergangenheit erhoben – der Krieg, der sie verändert hatte, und die gestohlenen Küsse, die die Traurigkeit vertreiben sollten. Ihr wurde das Herz schwer.

Freunde?

Ha, von wegen. Freunde küssten sich nicht. Was sie geteilt hatten, war eine vorübergehende Affäre, die nur dazu diente, bestimmte Bedürfnisse zu befriedigen. Das hatte er ihr damals unmissverständlich klargemacht.

Amalia warf sich das Haar über die Schulter. „Unsere unschickliche Liebschaft liegt Jahre zurück. Wir sind in vielerlei Hinsicht Fremde, und dies ist mein Abteil, also denke ich, dass ich ein Recht auf ein paar Antworten habe, bevor du … tust, was auch immer du tust. Du schuldest mir die ganze Geschichte, einschließlich der Antwort auf die Frage, wie um alles in der Welt du es geschafft hast, dass sie dich zu mir hineingelassen haben.“

Ein Schatten huschte über Davids Gesicht. Er hob einen Finger, ließ ihn aber wieder sinken, wandte sich ab und murmelte etwas Unverständliches, das wie ein Fluch klang, bevor er sich wieder umdrehte und einen ungerührten Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte.

„Ich habe die Wahrheit gesagt. Der Name der Pinkerton-Agentur hat Gewicht.“ Er schob sich seine Brille mit einem arroganten Lächeln auf der Nase nach oben. „Dein Bruder hat seine Leute entlassen und stattdessen mich und meine Männer engagiert, um dich zu beschützen. Thad wäre selbst gekommen, aber er ist mit dem neuen Baby beschäftigt.“

Amalia war wie gelähmt, und die Gedanken wirbelten ihr nur so durch den Kopf. Ein Pinkerton? Ein Revolutionär, Feind aller Traditionen und der Ehe, einst ein Lumpensammler, dann Soldat, und jetzt ein … Sicherheitsmann? Ein Detektiv?

„Ich beschütze dich vor einer Person, die es offenbar auf dich abgesehen hat.“ David senkte die Stimme ein wenig und beugte sich näher zu Amalia, als wollte er sein Handeln vor unwillkommenen Blicken geheim halten. Er zog ein Blatt Papier aus seiner Tasche und legte es Amalia in die Hände. Sie las die vertrauten Worte, die sie bereits kannte und beschlossen hatte zu ignorieren. Er gehörte zu einer Serie von Briefen, die an die Kanzlei ihrer Anwälte – die Kanzlei, die für ihre Wohltätigkeitsorganisation tätig war – in Indianapolis geschickt worden waren.

Jezebel. Du solltest gesteinigt werden. Das Urteil über dich und deine bösen Taten wird fallen.

Ein aprikosengroßer Kloß schnürte ihr die Kehle zu, und Tränen der Frustration stiegen Amalia in die Augen. Warum tat ihr Bruder ihr das an? Er hätte ein Dutzend andere ehemalige Soldaten schicken können, mit denen zusammen er gedient hatte, aber ausgerechnet David Zisskind hatte er sich aussuchen müssen? Eine absolute Demütigung in jeder Hinsicht.

Sie umklammerte das Papier so fest, dass es zerknitterte, ließ sich wieder in ihren Sessel sinken und warf die widerliche Schmähschrift auf den kleinen Tisch am Fenster. Sie brauchte einen Drink. Sofort.

„Ich weiß, dass das nicht der erste dieser Art war. Und auch nicht der letzte.“ Davids Stimme war sanft, aber er rümpfte die Nase, als hätte er einen üblen Geruch wahrgenommen. Als könnte er den Wahrheitsgehalt der Worte am Geruch erkennen. Als sie seinen Blick auffing, wandte er sich ab und bückte sich, um einen Blick unter die goldgesäumte Tischdecke zu werfen.

„Stimmt. Ich fand diesen mit am besten, zumindest ein bisschen wohlformulierter als ‚hinterhältige, heimtückische, aufdringliche Jüdin‘. Irgendjemand scheint sehr wütend zu sein.“ Amalia schlug die Beine übereinander und knetete sich die Hände so fest, dass ihr die Knöchel weiß hervortraten. Viele ihrer Verwandten hatten Schlimmeres erlebt, doch niemand hatte einen Aufpasser für sie engagiert. Der Druck in ihrem Kopf wurde immer stärker. David setzte seine Suche schweigend fort.

„Bist du verheiratet?“ Die Frage – vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen – war Amalia über die Lippen gekommen, bevor sie sich hatte bremsen können. Erschrocken über sich selbst zuckte sie zusammen.

„Was?“ David richtete sich so schnell auf, dass er sich den Kopf am Tisch stieß. Er rieb sich die Stelle und presste die vollen Lippen streng zusammen. „Ich …“

Er blinzelte ein paarmal, bevor er sich neben Amalia setzte. „Nein, ich bin nicht verheiratet. War ich noch nie. Ich glaube nicht an die Ehe, weißt du noch? Selbst wenn ich es täte, gibt es zu viel zu tun auf der Welt. Ich könnte mich ganz sicher nicht mit solchen Dingen beschäftigen, vor allem jetzt, da ich kurz vor einer Beförderung stehe. Ich werde Leiter des Büros in Philadelphia.“

Amalia wurde rot und ließ sich tiefer in den Sessel sinken. Ein Punkt für ihn – sogar zwei, eine ziemlich beeindruckende versteckte Selbstbeweihräucherung. War er schon immer so selbstherrlich gewesen? Und seit wann bedeuteten ihm Titel etwas? Waren sie nicht eigentlich alle gleich? Oder waren ihm die Ideale, für die er einst so gebrannt hatte, nicht mehr wichtig?

„Du solltest dich freuen. Du bist in guten Händen.“ David stand wieder auf, den Kopf zur Seite geneigt, ein verlegenes Lächeln auf den Lippen. „Du bist jetzt in Sicherheit. Und ich verspreche dir, du wirst nicht einmal merken, dass wir hier sind.“

In der Tat.

Sie erwiderte seinen Blick mit einer Grimasse. Ein ungebetener Gast, der in ihre Privatsphäre eindrang. Das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. Amalia strich ihren Taftrock glatt und runzelte die Stirn. Wir? „Was meinst du mit ‚wir‘? Ich sehe nur dich.“

„Mein Team.“ David schlenderte zur Tür, öffnete sie, spähte hinaus und schloss sie wieder. „Wir sind zu dritt hier. Ich bin der Anführer dieser Mission.“

Herzlichen Glückwunsch. Amalia verdrehte innerlich die Augen. Wie wunderbar, dass sie sich mit Fremden herumschlagen musste, um ihm seine Beförderung zu sichern. Sie kaute auf ihrer Unterlippe. Nein. Sie war nicht nervös. Sie war ruhig und bereit, sich ihren Eltern zu stellen und ihre Wohltätigkeitsorganisation zu retten. Egal, was passierte.

Sie warf sich erneut die Haare über die Schultern und sah ihn direkt an. „Ist das wirklich notwendig? Es sind doch nur Worte. Und die Briefe wurden an meine Anwälte geschickt. In Indiana.“

„Dennoch sind sie an dich adressiert, ganz konkret.“ David klang so entschlossen, so anders als der intellektuelle, philosophierende Junge, der er einmal gewesen war, dass sie sich unwillkürlich etwas aufrechter setzte.

Verdammt. Amalia nestelte an ihrer Brosche. Die Briefe konnten doch keine echte Gefahr bedeuten. Dennoch lief ihr ein Schauer über den Rücken, und ihre Nackenhaare stellten sich auf.

„Wir werden dir nicht von der Seite weichen, bis du in Centerville in Sicherheit bist. Meine Leute durchkämmen Indianapolis auf der Suche nach dem Absender. Sie halten mich auf dem Laufenden, und sobald er gefasst ist, wirst du nie wieder etwas von uns hören.“

David verschränkte die Hände, der Ausdruck in seinen Augen war düster und ließ das Echo ihrer gemeinsamen Vergangenheit erneut aufleben. Er warf einen Blick in den Gang. „Meine Kollegen sollten bald mit ihrer Durchsuchung fertig sein, dann können wir uns alle für die Nacht zurückziehen.“

Die Nacht? In Amalias Schädel pochte es noch lauter. „Ihr schlaft alle hier?“

„Ich wäre ein ziemlich schlechter Beschützer, wenn ich dich jeden Tag mehrere Stunden allein lassen würde.“ Ein Grinsen umspielte nun Davids Lippen, und seine Augen leuchteten plötzlich verschmitzt, was sie früher am ganzen Leib hatte erzittern lassen, jetzt aber keinerlei Wirkung mehr zeigte. Nicht im Geringsten.

Der ganze Aufwand war unangebracht. Sie brauchte keine Nanny. Vor allem keine, die sie geküsst hatte – nun ja, mehr als geküsst –, bevor sie, Amalia, die Beziehung mit einer Lüge beendet hatte. Oder zwei. Und ein paar gut platzierten verbalen Seitenhieben, die er hoffentlich vergessen hatte. Auf gar keinen Fall. Auch ihr hatte es nicht wehgetan. Denn sie hatte eine neue Aufgabe gefunden, und Mr. Ich-bin-bereit-für-eine-Beförderung kam offensichtlich gut zurecht.

„Ich habe zu arbeiten.“ Sie spielte mit einer Locke. Was voll und ganz der Wahrheit entsprach. Die Deadline war in weniger als einer Woche, und sie hatte noch nicht einmal eine Idee für ihre Kolumne. Und es wäre viel einfacher, sich zu konzentrieren, wenn sie sich nicht mit einem Mann herumärgern müsste, mit dem sie vor gefühlt hundert Jahren eine unüberlegte Affäre gehabt hatte. Der nun in Fleisch und Blut neben ihr saß.

David deutete hinaus auf den Gang. „Du hast mehrere Abteile in deinem Waggon – ein Bedienstetenquartier, einen Salon und ein eigenes zum Schlafen für dich ganz allein. Ich glaube nicht, dass du so viel Privatsphäre benötigst. Eine geschlossene Tür sollte reichen. Es ist nur für ein paar Tage. Außerdem würde ich deinen Bruder informieren müssen, solltest du dich weigern.“

Und der würde es ihren Eltern erzählen, die es als Zeichen von Unreife sehen und als Vorwand nutzen würden, um ihr ihre Bitte abzuschlagen. Sie saß in der Falle.

Mit einem weiteren Seufzer kapitulierte Amalia. Nicht gerade der beste Start für ihre Reise, aber sie würde ihre mentale Stärke wiederfinden. Schließlich hing das Schicksal vieler Menschen von ihr ab. Sie mochte „oberflächlich, geistlos und geschwätzig“ sein, aber sie war loyal und eine Kämpfernatur. Sie würde es schaffen. Egal, was kam. David Zisskind war nur eine kleine Verzögerung auf ihrem Weg.

2. KAPITEL

Das Rattern der Räder übertönte Davids knurrenden Magen, aber nicht Amalias ziemlich dramatischen Seufzer. Sie kehrte ihm nun den Rücken zu, als hätte sie das Recht, wütend zu sein. Als wäre nicht sie diejenige gewesen, die vor all den Jahren ihre Nase über ihn gerümpft hatte.

Ihn brüskiert, nachdem sie ihm bei mehreren Dinner-Zusammenkünften die Ohren zugeredet und dabei unter dem Tisch seine Finger gestreichelt hatte. Ganz zu schweigen von den Küssen. Und den Liebkosungen. Und anderen Berührungen. Und den grenzüberschreitenden, anzüglichen Briefen. Nicht, dass das eine Rolle gespielt hätte – er hatte einen Fehler gemacht damals, das war alles. Er hatte geglaubt, sie hätte eine andere Rolle in seiner Geschichte. Er hatte geglaubt, sie wäre anders. Sein Fehler.

David setzte sich ihr gegenüber, stützte die Ellbogen auf die Knie und ließ seine Brille ein wenig die Nase hinunterrutschen. Er starrte sie nicht an.

Na gut, er starrte sie an. Denn obwohl er es hätte besser wissen müssen, als sich von ihrem Charme blenden zu lassen, war diese Frau betörend.

Amalia Truitt war wunderschön. Mit ihrem glänzenden zimtfarbenen Haar, den geröteten Wangen und den vollsten scharlachroten Lippen, die je erschaffen worden waren. Kein Foto, das sie ihm geschickt hatte, wurde ihr gerecht.

Eine Hitzewelle überkam ihn. Er war ein Schmendrick – ein Idiot. Ein unglückseliger Narr. Ein Narr, der es auch schon damals besser hätte wissen müssen und jetzt daran erinnert werden musste. Keine Liebschaften, keine Amalia, nichts außer Arbeit.

Nur dass sie jetzt, da er sein Ziel endlich vor Augen hatte, wieder in sein Leben getreten war und seine Karriere gefährdete. Er sollte wie Josef sein, die Hauptfigur seiner Lieblingsgeschichte aus Kindertagen. Der Mann, der in einem fremden Land – Ägypten – zum Berater des Pharaos wurde und sein Volk rettete. Die Beförderung würde ihm diese Chance bieten.

Wenn Amalia es ihm nicht irgendwie ruinierte. So wie sie ihn damals der Hoffnung beraubt hatte, irgendwann ein normales Leben führen zu können.

Na ja. Ein normales Leben war etwas für Langweiler.

„Du musst wirklich nicht hier sitzen und auf mich aufpassen.“ Sie sah aus dem Fenster, die Nasenspitze berührte fast die Scheibe, ihre Locken verdeckten ihren hohen Spitzenkragen.

Er murmelte etwas, das wie „Es ist mein Job“ klang, auch wenn seine Gedanken überall waren, nur nicht bei der Arbeit.

Ich verabscheue alles, was mich von dir fernhält. Wie soll ein Mann einen Hals küssen, wenn er bedeckt ist? Wie ihren herrlichen Duft riechen?

Ach. Warum hatte sie in ihren verdammten Briefen so anschaulich sein müssen? Potifars Frau war nichts gegen sie. Er sollte an Thad denken und die purpurrote Farbe, die sein Gesicht angenommen hatte, da jemand es wagte, seine geliebte kleine Schwester zu verunglimpfen und zu bedrohen. Er schuldete dem Mann alles. Amalia anzustarren, anstatt in höchster Alarmbereitschaft zu sein, war gewiss nicht die richtige Art, diese Schuld zu begleichen.

Ganz zu schweigen von ihrem anderen Bruder.

Simon.

David umklammerte sein Handgelenk, während er diese Erinnerungen zurückzudrängen versuchte. Dieser Tag im Juli. Der Rauch und die Schüsse und die Schreie und das Grab im Wald.

Nein. Das hatte hier nichts zu suchen. Er hatte einen Auftrag, und er musste sich konzentrieren.

„Ich werde recht gut bezahlt, und deine Familie wäre außer sich, wenn ich ihr Geld nehmen würde, ohne meine Pflicht nach bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen.“ David rutschte in seinem Sessel hin und her.

Eigentlich ganz bequem. Sobald er befördert worden war, würde er sich einen ebenso prächtigen Sessel kaufen. Ja, Geld war die Wurzel allen Übels, aber auch die Guten brauchten einen gemütlichen Platz zum Ausruhen. Ab und zu. Außerdem würde er damit einen Handwerker unterstützen. Oder so in der Art.

„Ja, und ich bin sicher, dass deine Fachkenntnisse sehr beeindruckend sind.“ Amalia schniefte und sah immer noch aus dem Fenster. „Im Ernst, David, du kannst gehen.“

„Jemand hat gedroht, dich umzubringen.“ Er sprach die Worte so langsam wie möglich aus und ahmte damit seinen Kollegen Will nach, der immer sehr gelassen, aber durchaus Respekt einflößend war.

„Es war weniger eine ‚Drohung‘ als vielmehr der Wunsch, ich möge sterben.“ Sie umklammerte den Griff der kleinen schwarzen Tasche so fest, dass ihr die Knöchel weiß hervortraten. Er blinzelte hinter seiner Brille, als seine Sinne wach wurden, die ihm schon oft auf dem Schlachtfeld das Leben gerettet hatten. Was verbarg sie?

„Ich finde deine Interpretation etwas zu naiv.“ Er beugte sich nah genug zu ihr, um ihr ins Ohr zu flüstern. „Das ist kein Spiel und auch keine Lektion, die dein Bruder und ich uns ausgedacht haben, um dir etwas Verstand einzubläuen.“ Allerdings wäre angesichts ihres unvorsichtigen Verhaltens an der Tür ein wenig Unterricht in Achtsamkeit wohl keine schlechte Idee.

„Selbst Thad wäre nicht so gemein.“ Sie schob die Unterlippe vor und blinzelte ihn an. „Und ich kenne seine Handschrift. Deine übrigens auch.“

Wirklich? Das Blut strömte ihm heiß durch die Adern. Er nahm seine Brille ab und rieb sich die Stirn. „Ich hätte etwas Kreativeres geschrieben. Das weißt du doch.“ Innerlich zuckte er zusammen. Er hätte sich vor all den Jahren niemals auf sie einlassen dürfen. Und außerdem hätte er all ihre Briefe verbrennen sollen, anstatt sie vor jeder gefährlichen Mission, die ihm die Unionsarmee – oder besser gesagt Major Allen – auftrug, noch einmal zu lesen.

Wenn er erst seine Aufgabe erfüllt und die Macht erlangt haben würde, wirklich etwas bewegen zu können, würde er ein Freudenfeuer entzünden und sich von den Erinnerungen an das oberflächliche und verwöhnte Mädchen befreien, das ihn nur als Zeitvertreib betrachtet hatte – als Spielzeug, das man benutzen und wegwerfen konnte.

David näherte sich ihr, drang in ihren Raum ein, wie er es mit Verdächtigen tat. Ein Hauch von Magnolie, Zitronen und Gewürzen, das gleiche Parfüm, das sie auf das Papier ihrer Briefe an ihn getupft hatte, empfing ihn. Ein „Signaturduft“, oder wie auch immer sie diesen Unsinn in den Kolumnen nannte, die er mit Sicherheit nie gelesen oder ausgeschnitten und aufbewahrt hatte. „Kein Händchenhalten mit Fremden unterm Tisch mehr?“

Amalia schüttelte so heftig den Kopf, dass ihre Locken hüpften. „Ich war ein Kind und eine Dummchen, aber ich habe aus meinen Fehlern gelernt und bin erwachsen geworden. Keine neckischen Spielchen mehr mit unschuldigen Jungen.“

„Ich dachte, ich hätte bewiesen, dass ich gar nicht so unschuldig war. Viele Male.“ Er lehnte sich zurück und schnalzte mit der Zunge. „Also keine leichtfertigen Flirts mehr, nur noch ernst gemeinte Eheschließungen?“ Sie zuckte zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust. Ein vertrautes Funkeln entflammte irgendwo tief in David. Er beugte sich wieder vor, das Kinn in die Hände gestützt, und sah sie aufmerksam an. „Apropos …“

„Keiner meiner Ehemänner würde so etwas tun.“ Sie straffte entschlossen die Schultern.

„Amalia, du hast dich von ihnen scheiden lassen. Sie sind dir gewiss nicht wohlgesinnt.“ Er schob seine Brille auf der Nase nach oben, um Amalia besser sehen zu können. Wie denn auch? Amalia Truitt verspricht ewige Liebe, und dann nimmt sie dir alles …

„Nein. Es gibt keinen Groll, auf beiden Seiten nicht. Meine Scheidungen liefen zivilisiert und leidenschaftslos ab.“ Sie vermied es, seinem Blick zu begegnen. „Ich war immer diejenige, die die Scheidung eingereicht hat, um mein Vermögen behalten zu können. Nun ja, zumindest den Teil meines Vermögens, den ich bei der Hochzeit nicht hergeben musste.“

„Gut, dass deine Eltern reich sind“, murmelte er. Und unerträglich. Sie hatten ihn auf den ersten Blick verachtet.

„Ja. Geld mag die Wurzel allen Übels sein, oder wie auch immer du es genannt hast, aber es kann auch alle Übel beseitigen. Zumindest fast alle. Und es ist ein ziemliches Aphrodisiakum.“ Ihr Lächeln erreichte weder ihre Augen noch ließ es ihre Grübchen sehen. „Aber ich verspreche dir, die Scheidungen waren nichts anderes als harte Lektionen, die mich einiges gelehrt haben.“ Amalia umfasste die Armlehnen ihres Sessels so fest, als müsste sie sich davon abhalten, aufzuspringen und davonzulaufen.

Eine Million Fragen lagen ihm auf der Zunge, aber es wäre alles andere als höflich gewesen, auch nur eine davon zu stellen.

Impulsiv nahm er ihre Hände und drückte sie. „Keine Sorge, Amalia. Dir wird nichts passieren.“

Und das würde es auch nicht. Nicht, solange er da war. Denn schließlich war er ein Profi.

Wenigstens gab es geräucherten Hering auf der Speisekarte, und sie würde ihn mit Spinat statt mit Kartoffeln bestellen. Und eine halbe Grapefruit. Und French Vanilla-Eis. Gott, sie musste etwas essen. Sie musste klar denken können. Sie hatte tausend Dinge zu erledigen und keine Zeit.

Wie konnte sie ihren Eltern klarmachen, dass ihre Wohltätigkeitsarbeit notwendig war? Dass es Frauen gab, die in schrecklichen Ehen gefangen waren, weil sie sich eine Scheidung nicht leisten konnten. Anwälte waren teuer. Genauso wie das Leben in einem Bundesstaat wie Indiana, wo Scheidungen legal waren. Allerdings musste man eine gewisse Zeit dort gelebt haben, um die Gesetze dort in Anspruch nehmen zu können.

Sie musste die Situation unmissverständlich erklären – mit klaren, prägnanten Argumenten. Und sie durfte nicht nervös werden. Vor allem nicht wegen der Drohungen. Die stammten zweifellos von irgendeinem verärgerten Ehemann, der trotz all ihrer Bemühungen, ihre Identität zu verbergen, irgendwie herausgefunden hatte, wer sie war.

Das waren nicht gerade Fakten, die für ihre Sache sprachen, wenn sie vor ihren Eltern stand. Amalia seufzte.

Wenigstens konnte sie in Ruhe essen, während Davids unsichtbare Kollegen Wache hielten. Ihr Anführer saß auf der anderen Seite des Raumes und schrieb wohl seinen Bericht. Er hatte auch Fisch gegessen. Ohne Eis zum Nachtisch. Was wahrscheinlich besser war, da alles ihrer Familie in Rechnung gestellt wurde. So abscheulich die Situation auch war, er war immerhin ein Gast. Irgendwie.

Sollte sie ihm etwas zu trinken anbieten? Davids Stichelei ihre Ehen betreffend hallte in ihrem Kopf wider.

Vielleicht lieber nicht. Er hatte keine Ahnung, warum sie tat, was sie tat. Nicht, dass sie ihn aufklären würde. Das wäre reine Zeitverschwendung. Er hatte seine Gefühle ihr gegenüber deutlich gemacht.

Sie aß alles, was sie bestellt hatte. Und noch ein zweites Eis.

Und jetzt schnürte das Korsett ihr die Rippen ein. Und ihr Fleisch. Vor allem oben herum. Von allem, was sie von ihrer Mutter hätte erben können, warum hatte es ausgerechnet die Oberweite sein müssen? Ihre ältere Schwester hatte das goldene Haar und die blauen Augen und die anmutige Grazilität ihrer Mutter geerbt, aber Amalia hatte nur das Merkmal abbekommen, das einen zusätzlichen Knopf an ihren Kleidern erforderlich machte.

Einer davon würde gleich platzen, wenn sie sich nicht bald von ihren Kleidern befreite. Amalia leckte ein letztes Mal ihren Löffel ab und räusperte sich. „Ich sollte mich zurückziehen.“

„Nun, meinetwegen musst du nicht aufbleiben. Ich habe zu arbeiten. Du kannst einfach in dein Abteil gehen, wir halten Wache.“ David blätterte weiter in seinen Papieren, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen.

In ihr Abteil gehen? Wie ein Kind? Nun, zumindest wusste sie jetzt, wo seiner Ansicht nach ihr Platz war. Sie stand auf, strich sich das Haar glatt und zupfte an ihren Röcken. „Ich kann zwar, aber ich wage zu behaupten, dass ich in dieser Kleidung nicht besonders bequem schlafen werde.“

„Du kannst dich nicht selbst ausziehen?“ David nahm seine Brille ab und rieb sich die Augen.

„Nein, ich kann mich nicht selbst ausziehen. Und bevor du mich für eine verwöhnte Faulenzerin hältst, solltest du einmal versuchen, eines meiner Korsetts zu tragen. Die Stäbe sind vollkommen unflexibel, und es sitzt so eng, dass ich kaum Luft bekomme … nun, das ist keine Aufgabe für eine Person allein.“ Er hatte keine Ahnung, wie viel Mühe es kostete, eine gut gekleidete Frau zu sein. Er sollte ihre Kolumnen lesen.

„Das wäre bestimmt ein sehr komischer Anblick.“ Er drehte sich zu ihr um und zwinkerte ihr zu. Er streckte seine Arme über den Kopf, was seinen muskulösen Oberkörper zur Geltung brachte.

Attraktiv. Nicht, dass es sie noch interessiert hätte.

Vor allem durfte sie sich nicht von ihm ablenken lassen. Was las er da eigentlich?

„Du könntest dir ein Auge ausstechen. Diese Stäbe sind recht spitz.“ Sie trat hinter ihn, umfasste die Rückenlehne seines Stuhls mit beiden Händen, bereit, sich vorzubeugen und einen kleinen Blick zu riskieren … Er sprang so schnell auf, dass sie beinahe gestürzt wäre, als sie abrupt zurückwich, um zu verhindern, dass sie mit den Köpfen zusammenprallten.

„Ich rufe Meg.“ Er schnappte sich seine Unterlagen, eilte zur Tür und steckte den Kopf in den Gang.

Mist.

Es wurde aufgeregt geflüstert, wobei sie bedauerlicherweise nichts verstehen konnte – auch wenn sie natürlich nicht gelauscht hatte. Dann setzte sich David wieder, steckte seine Nase erneut in die Unterlagen und vermied jeglichen Augenkontakt. Schon wieder.

Was für eine Frechheit. Freunde. Ha. Eher General und Adjutant.

Wo war der junge Mann, der ihr während des Dinners unter dem Tisch eine Hand unter den Rock geschoben hatte, bis sie nach Luft schnappte und sie fast erwischt worden wären? Er sah jetzt vielleicht besser aus, aber seine neue, irgendwie noch beeindruckendere Persönlichkeit hatte eine seltsame Wirkung auf sie.

Bitterkeit breitete sich in ihrem Magen aus. Ein weiterer Punkt für ihren Vater. Sie hatte keine Ahnung gehabt, wen sie verführt hatte, keine Ahnung. Sie hatte nicht mit ihrem … nun ja, nicht mit ihrem Kopf gedacht.

Amalia biss die Zähne zusammen. Na gut. Zeit, direkter zu werden. Sie reckte den Hals. „Was liest du da?“ Sie trat wieder einen Schritt auf ihn zu.

Er zuckte mit den Schultern und versperrte ihr die Sicht. „Nichts.“

Oh, er wollte also Spielchen spielen? Sie konnte auch Spielchen spielen. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen. Nervige, einengende Stiefel. „Nicht nichts.“

Plötzlich machte sie sich ganz lang, beugte sich über ihn und schnappte sich die Seiten mit solcher Entschlossenheit, dass sie fast zerrissen.

David wirbelte herum und griff nach ihr, als sie davonhüpfte. „Das geht dich nichts an …“

„Ähm, da steht mein Name drauf, also geht es mich sehr wohl etwas an.“ Sie kletterte auf einen Stuhl, um lesen zu können.

„Amalia …“

„Gnade, ist das eine Kopie meines ersten Scheidungsantrags?“ Sie schluckte. Nicht gerade das schmeichelhafteste Dokument, auch wenn sie sich selbst im bestmöglichen Licht dargestellt hatte. Sie blätterte die Seiten durch. „Moment mal, du hast das Testament meines Vaters und Fotos von meiner zweiten Hochzeitsreise?“ Ihr brannten die Augen, als sie eine alte Ferrotypie ergriff. „Diese Frisur stand mir wirklich nicht. Zu streng. Ich verstehe allerdings nicht, wie dir das alte Zeug bei deinen Ermittlungen helfen soll.“

„Das sind nur Unterlagen, die dein Bruder für mich zusammengestellt hat, um mich dabei zu unterstützen, dich zu beschützen. Ich kann sie weglegen, wenn du möchtest.“

Verdammt. Das war Mitleid in seiner Stimme. Mitleid. Von ihm.

Sie presste die Seiten an ihre Brust. „Was musst du wissen, um deinen Job zu machen?“ Sie biss die Zähne zusammen. „Ich meine es ernst, David. Behandle mich und mein Leben nicht wie einen Text, den du analysieren und kommentieren musst. Frag mich einfach. Ich kann dir sagen, was wichtig ist.“

Ein Mundwinkel zuckte. „Entsprechen deine Entscheidungen der Meinung der Mehrheit oder der Minderheit?“

Und der Kloß in ihrem Hals schnürte ihr fast die Luft ab und erstickte das Lachen, das in ihr angesichts der Absurdität der Situation aufgestiegen war. Früher hätte sie vielleicht trotzdem losgeprustet. Vor all ihren Fehlern und all der Verurteilung, die sie gewiss verdient hatte. Sie sprang vom Stuhl und landete auf dem weichen Teppich. Zurück in der Gegenwart. „Es war die richtige Entscheidung. Aus den Unterlagen lässt sich einiges ableiten, aber nur ich kenne die wahre Geschichte.“

„Die Wahrheit liegt oft im Auge des Betrachters, wie es scheint, und die Menschen haben ihre ganz eigenen Wahrheiten. Sei nicht so vertrauensselig.“ David drehte sich auf seinem Stuhl zu ihr und lehnte sich zurück, die Beine übereinandergeschlagen. Er verschränkte die Arme vor der Brust und nickte langsam, als würde er sie herausfordern, ihm zu widersprechen.

„Das bin ich nicht.“ Sie warf ihm die Papiere in den Schoß. Er konnte sie sich ansehen, wenn er wollte, sie hatte nichts zu verbergen. Sie wedelte ihm mit einem Finger vor dem Gesicht herum. „Ich sage dir, egal, was du über mich denkst, ich bin keine Idiotin. Ich habe vielleicht Fehler gemacht, aber ich bin keine …“

„Keine was?“ Er nahm ihre Hand und legte sie ihr an die Seite, ohne sie loszulassen.

Ihr raste das Herz wie eine außer Kontrolle geratene Maschine. Sie starrte in seine tiefen, dunklen, leuchtenden Augen. Suchend. Urteilend. Ihr zog sich der Magen zusammen. Genau wie alle anderen. Oberflächlich, geistlos und geschwätzig. Das würde sie immer bleiben.

Mit einem Ruck entzog sie ihm ihre Hand und wandte sich zum Schlafabteil des Waggons. Sie musste weg. Sie musste allein sein. Sich ausruhen. Einen klaren Kopf bekommen. Weg von ihm.

„Es ist egal. Nichts geht mich etwas an. Du musst nicht mit mir reden oder mir gar zuhören. Erledige einfach deine Pflicht und denk, was du willst von mir.“ Sie stürmte zur Tür, ihre Hände zitterten.

„Amalia.“ Seine Stimme war nun sanfter, fast flehend. Aber dann verstummte er und folgte ihr auch nicht.

Sie schluckte erneut, während der Türgriff aus Messing ihr vor den Augen verschwamm. „Es ist spät. Schick Meg oder May oder wen auch immer zu mir, wenn du sie siehst. Wie ich schon sagte, ich brauche Hilfe beim Umziehen. Was im Übrigen ganz normal ist.“

3. KAPITEL

David trommelte mit den Fingern auf die Platte des Mahagonitischs, den er sich als provisorischen Schreibtisch hergerichtet hatte. Er klappte seine Taschenuhr auf. Vor einer Stunde hatte Amalia sich in ihr Schlafabteil zurückgezogen. Darin befand sich ein Einzelbett, das einen gold- und burgunderroten Samtbaldachin hatte, und ein Frisiertisch – nicht, dass er während seiner flüchtigen Inspektion auf den Prunk geachtet hätte. Er hatte sich auch nicht ausgemalt, wie ihr langes, seidiges Haar auf dem Kissen ausgebreitet aussah.

Was in aller Welt konnte so lange dauern? Meg hatte in einer Irrenanstalt und verschiedenen Krankenhäusern gearbeitet, also sollte sie doch mit einem Korsett und ein paar Knöpfen fertigwerden.

„Du wirst noch blind.“

David wäre vor Schreck beinahe das Herz stehen geblieben. Meg war leiser als eine Katze – ein Vorteil in ihrem Beruf, aber weniger angenehm, wenn es einen selbst betraf. Er seufzte tief, bevor er sich erhob, um ihr gegenüberzutreten.

„Das Licht ist hier gar nicht so schlecht.“ Er tat so, als würde er sich strecken, steckte aber das Foto, das er gerade viel zu gründlich studiert hatte, rasch in seine Tasche. Es war sein bisheriges Lieblingsfoto. Amalia allein, in dem Kleid, das sie bei ihrer zweiten Hochzeit getragen hatte. 1869. Sommer. Wunderschöner Ausschnitt. Er rieb sich den oberen Rücken. „Bist du fertig? Ist alles in Ordnung da drin?“

Verdammt, er klang, als wäre er nervös oder dabei erwischt worden, wie er sie sich in ihrem Nachthemd vorstellte, was er ganz sicher nicht getan hatte.

„Soweit ich das beurteilen kann, ja, aber wer weiß, was noch kommt? Überall hängen Kleider. Sie muss mindestens ein Dutzend rosa Kleider haben. Obwohl sie nicht alle rosa sind.“

Meg rümpfte die Nase und hob ihre Stimme um eine Oktave in einen quietschenden Ton, in dem offensichtlichen Versuch, Amalia auf möglichst wenig schmeichelhafte Weise nachzuahmen. „Sie sind mauvefarben und blassrosa und fuchsiafarben und pfingstrosfarben und lachsfarben und rosafarben. Ganz, ganz, ganz unterschiedlich. Und es ist so wichtig, die Unterschiede ganz genau zu kennen. Die ‚Amalia-Show‘ zu erleben ist einfach das Beste.“

Oje. Da herrschte wohl keine Liebe. Wenn nur Thad selbst sich um seine Schwester gekümmert hätte. Oder ihre Eltern geschickt hätte, aber Thad hatte sie in Washington nicht stören wollen. Es ging um ein wichtiges Treffen mit Präsident Grant, bei dem sie ihn daran erinnern wollten, dass er trotz der Ereignisse von 1862 in beiden Wahlen die Stimmen der Juden erhalten hatte. Und um die Verabschiedung des dritten Enforcement Act zu feiern, das darauf abzielte, den Ku-Klux-Klan zu zerschlagen.

Zumindest stand die Familie für echte Gleichheit ein, anstatt der Konföderation zu gestatten, sich im Namen einer vermeintlichen „Versöhnung“ als bloß „missverstanden“ neu zu inszenieren. Eine seltene Haltung unter jenen, die vom Frieden und der Einheit des Landes profitierten.

Er öffnete den Mund, um etwas Beschwichtigendes zu sagen, aber Meg kam ihm zuvor. „Die kleine Miss Truitt hat es sich wirklich gemütlich gemacht. Wie ich das alles einpacken soll, damit wir morgen in Pittsburgh umsteigen können, weiß ich noch nicht.“ Meg verzog das Gesicht. „Man könnte meinen, sie hätte das Chaos absichtlich veranstaltet, um mich zu bestrafen, besonders nachdem ich ihr versehentlich-absichtlich an den Haaren gezogen habe, damit sie mal eine Minute lang aufhört zu plappern, aber es sah schon so wild aus, als ich hereinkam.“

„Haben wir endlich eine Aufgabe gefunden, der du nicht gewachsen bist?“ David beugte sich vor, faltete die Hände und bereitete sich auf die „Meg-Show“ vor. Eine Generalprobe für Will, den Menschen, nach dessen Aufmerksamkeit und Mitgefühl sie sich eigentlich sehnte. Die Darbietung war normalerweise ziemlich amüsant. Er konnte etwas Unterhaltung gebrauchen. Es war ein langer Tag gewesen.

Meg ging zu dem verspiegelten Regal, das sich öffnen ließ, wodurch sich der beste Teil des Privatwaggons enthüllte – der Alkoholvorrat –, und schenkte ein großes Glas bernsteinfarbener Flüssigkeit ein. Sie hielt es ihm hin, aber er schüttelte den Kopf. Einer von ihnen musste nüchtern bleiben.

„Ich schaffe das schon“, sagte Meg und setzte sich. „Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob deine unschuldige Seele es verkraften würde, den Inhalt ihrer Koffer zu sehen, Rabbi. Du hättest ihre Unterwäsche sehen sollen. Schwarz. Und rot.“

„Ich … ich hasse diesen Spitznamen“, erklärte er wie von selbst, während die letzten Informationen sich in seinem Kopf drehten. Schwarz? Wie sah es wohl auf ihrer goldenen Haut aus? Trotz ihrer – dank des Inquirer – mittlerweile berühmten Vorliebe für Perlenpuder, schien Amalia immer so zu leuchten, als würde sie ihre Tage damit verbringen, auf einer Wiese herumzutollen.

„Warum? Er passt doch zu dir. Du trägst diese Schnüre, ich weiß nicht, wie die heißen, und es sieht aus, als würdest du dir einen Bart wachsen lassen.“ Meg runzelte die Stirn und machte eine Geste, die wohl seine ganze Erscheinung einschließen sollte.

„Trotzdem fehlt mir die Bildung dafür. Wie du sehr wohl weißt.“ David fuhr sich mit einer Hand übers Kinn. Ja, Stoppeln. Er sollte etwas dagegen unternehmen, aber er brachte nicht die Kraft dafür auf. Vielleicht morgen, nachdem sie umgestiegen waren.

Meg ignorierte seinen Einwand. „Aber du kennst all diese Bibelgeschichten und Sprüche.“ Sie grinste ihn an. „Allerdings muss ich sagen, dass selbst ein echter Priester Schwierigkeiten gehabt hätte, Augenkontakt mit der da drinnen aufzunehmen. Ich meine, sie sprüht sich mit Parfum ein. Vor dem Schlafengehen. Und diese scharlachroten Lippen … Ich bin überrascht, dass man ihr in den Briefen nicht vorgeworfen hat, sich pro Stunde bezahlen zu lassen, wenn du verstehst, was ich meine.“

„Hör auf.“

Er brüllte fast, als er aufsprang, bevor er es sich anders überlegen konnte. „Du sprichst von Thads jüngerer Schwester, und es ist nicht angebracht, solche Dinge über sie zu sagen. Du kennst sie nicht einmal.“ Und trotz ihrer … Gedankenlosigkeit – na gut, ihrer regelrechten Gemeinheit in der Vergangenheit –, war Amalia Truitt immer noch ein Mensch. Und, was noch wichtiger war, so etwas wie seine Schutzbefohlene.

„Du bist nur neidisch, dass ich ihre Kleider sehen durfte. Und was darunter ist, ohne den Zorn ihrer Familie fürchten zu müssen.“ Meg schlug die Beine übereinander, und ihr schlichter Leinenrock rutschte hoch und gab den Blick auf die Hose frei, die sie über ihrer Unterwäsche trug. Das tat sie seit jener Mission während des Krieges, bei der sie gefangen genommen worden war – Gott sei Dank hatte Will sie gerettet, bevor etwas Schlimmes passiert war. „So kann ich mich besser bewegen“, hatte sie danach immer gesagt.

David atmete tief durch und schloss die Augen. Sie waren Freunde, und sie neckte ihn nur. Sie hatte einen Schwips. Er zwang sich zu einem halben Lächeln und sprach mit ruhiger Stimme. „Du ärgerst dich nur, dass Will und ich diese schönen gepolsterten Sofas hier im Salon haben, während du in einem winzigen Bett im Bedienstetenabteil schlafen musst.“

„Ich habe meine Privatsphäre, also kann ich mich nicht beschweren.“ Meg warf einen Blick zur Tür.

„Er ist noch nicht zurück.“ David grinste, aber das störte sie nicht, sie hatte es verdient.

„Also.“ Sie warf ihm einen vielsagenden Blick zu.

Er setzte eine übertrieben unschuldige Miene auf und steckte die Hände in die Taschen. „Was?“

Ah, es machte Spaß, den Spieß umzudrehen.

„Woher kennst du Ihre Hoheit so gut? Ich meine, Will hat gesagt, du hast sie nur einige wenige Male getroffen – während deines Urlaubs anlässlich eines jüdischen Feiertags oder so.“ Meg streckte Arme und Beine von sich. In einem früheren Leben musste sie eine Katze gewesen sein – wenn man an so etwas glaubte.

„Ich habe die Akte studiert. Das ist mein Job. Und ich mache ihn gut, sehr gut.“ Er blickte finster drein.

Meg schnaubte. „Du bist ein schlechter Lügner. Das warst du schon immer. Da ist mehr.“

„Na gut. Wir haben uns ein paarmal unterhalten.“ Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. „Und während des Krieges ein paar Briefe geschrieben.“

„Briefe?“ Meg biss sich auf die Lippen und runzelte die Stirn. Sie kniff die Augen zusammen. „Was für Briefe?“

Verdammt.

„Oh, David.“ Meg sah ihn mitleidig an. „Ich habe dich nur aufgezogen. Ach, du hast wirklich ein Auge auf sie geworfen.“ Er öffnete den Mund, aber sie war noch nicht fertig. „Lass mich raten – diese Briefe – wenn jemand sie lesen würde, oder noch schlimmer, wenn Thad sie lesen würde, würde er dich in Stücke reißen?“

Er legte den Kopf in beide Hände.

„Du bist so ein Dummkopf.“ Meg schnalzte mit der Zunge, als sie Davids eigenen Gedanken laut aussprach. „Ich meine, nicht nur, dass du ihr geschrieben hast, sondern dass du es …“ Sie senkte die Stimme. „Unangemessen. Vor allem, nachdem sie Simon verloren hat. Das Mädchen muss sehr verletzlich gewesen sein.“

Simon. Der Mann, der nie ein unfreundliches Wort über irgendjemanden verloren hatte, sein erster Freund in Amerika. Seinen Namen zu hören war wie ein Schlag ins Gesicht. David begann innerlich zu zittern.

Meg hatte sich aufgerichtet, die Ellbogen auf die Knie gestützt, der Ausdruck in ihren Augen nun wach und ernst. Zweifellos erinnerte sie sich an den Tag, an dem sie sich alle kennengelernt hatten, den Tag seiner ersten großen Schlacht, den Tag, an dem Simon gestorben war. Zu seinen Füßen. Von einer Kugel getroffen, die genauso gut ihn hätte treffen können. Die jeden von ihnen hätte treffen können.

„Es war eigentlich alles recht harmlos.“ Anfangs. Er ging zum Fenster, zog den Vorhang zurück und starrte in die Dunkelheit, als könnte er die lichtlose Landschaft von Ohio vorbeiziehen sehen.

Er presste seine Handflächen gegen das kühle Glas. „Aber die Dinge sind außer Kontrolle geraten.“ Er schluckte schwer, als er sich Amalia vorstellte, wie sie mit hochgeschobenem Nachthemd auf ihn geklettert war, weit nach Mitternacht, im Gästezimmer des Hauses ihrer Eltern. Ein Fehler. Er hätte es besser wissen müssen.

„Wie ‚außer Kontrolle‘?“ Megs strenge Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

„Sagen wir einfach, es ist sehr gut, dass Thad und sein Vater keine Ahnung haben, sonst würden mir einige wichtige Körperteile fehlen.“ Er warf ihr einen kurzen Blick über die Schulter zu, bevor er sich wieder der Dunkelheit zuwandte.

„Herrgott, Rabbi.“ Meg schnaubte so laut, dass er sich wieder umdrehte. „Allerdings muss ich zugeben, dass ein perverser Teil von mir beeindruckt ist. Wer hätte gedacht, dass du das in dir hast? Mit wie viel Jahren, achtzehn? Dein Englisch muss besser gewesen sein, als ich dir zugetraut hätte, um damit eine Frau verführen zu können. Solange du alle Beweise vernichtet hast …“ Sie runzelte die Stirn. „Du hast doch alle Beweise vernichtet, oder?“

„Ich habe vielleicht ein Foto behalten.“ Er schloss die Augen.

Meg stieß einen wimmernden, mitleidigen, frustrierten Laut aus.

„Oder zwei.“ Er legte seine Stirn gegen das Fenster, als könnten die Vibrationen der Räder, die sich so auf ihn übertrugen, die Erinnerungen aufhalten. Die Erinnerungen an jedes einzelne Foto, das sie ihm geschickt hatte. Und an die Briefe. Denn trotz der ungünstigen Umstände, die allesamt gegen sie beide sprachen, und vor allem trotz dessen, was sie ihm am Ende gesagt hatte, gab es Momente, in denen er fast geglaubt hatte, dass sie ihn mochte, und diese Momente waren kostbar. Sie hatten ihm öfter durch dunkle Zeiten geholfen, als er zugeben wollte.

Bevor David einen Witz machen konnte, um weitere Fragen abzuwehren, öffnete sich die Tür mit einem Knarren, und Will duckte sich hindurch. Der große, schlanke Mann schlurfte zum nächsten Stuhl und ließ sich darauf fallen, die langen Beine ausgestreckt, die Augen bereits geschlossen.

„Gott sei Dank. Das hat aber lange gedauert.“ Meg schlug ihrem müden Kollegen auf den Nacken. „Also gut, Jungs, jetzt, wo ich alle Aufmerksamkeit habe …“ Ein lautes Schnarchen ertönte aus Wills Richtung. Meg verzog das Gesicht, und David zuckte zusammen.

„Ich gehe ins Bett. Wir sehen uns morgen früh.“ Meg stampfte aus dem Raum und schlug die Tür zum Bedienstetenabteil hinter sich zu.

Will schlug die Augen auf und sah David an. „Was war das denn?“

Er seufzte. „Fragst du das wirklich?“

„Nein. Ich spiele nur ein bisschen mit ihr, bevor … du weißt schon.“ Will zwinkerte ihm zu.

Idiot. David seufzte abermals. „Bitte spiel nicht zu lange mit ihr. Meg ist schlecht gelaunt. Sie hat die jüngste Truitt noch nicht ins Herz geschlossen, das ist klar.“

„Es hat eine Weile gedauert, aber Thad ist mir ans Herz gewachsen. Vor allem, nachdem er sich entschuldigt hat.“ Will machte eine wegwerfende Geste mit der Hand und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er streckte die bestiefelten Füße aus und beschmutzte die mit purpurrotem Samt bezogene Fußbank mit Schlamm.

David zuckte zusammen, als er daran dachte, dass Thad nicht gewusst hatte, dass Will einen Abschluss am Oberlin College gemacht hatte und sich ebenso gut in Literatur auskannte wie er. Das war der Moment, in dem er voll und ganz verstanden hatte, wie wichtig die Hautfarbe eines Menschen in Amerika war.

Dass Nichtjuden nicht einfach Nichtjuden waren. Dass er in Amerika, selbst als Jude und trotz seines Akzents, Vorteile hatte, die Will niemals haben würde. Es sei denn, es würde sich endlich jemand vernünftig darum kümmern.

„Dass dir bei der Weldon Railroad nicht das Bein weggeblasen wurde, hat auch ein bisschen geholfen.“ David griff über seinen Kopf und drehte eine der Gaslampen herunter.

„Das hat es in der Tat.“ Will tippte sich mit einem Finger gegen die Lippen. „Er war schon immer ein egoistischer, ahnungsloser, reicher weißer Junge, aber immerhin war er bereit, dazuzulernen. Und den Mund zu halten. Gelegentlich. Deshalb bin ich hier.“

„Deshalb und wegen Meg.“ David kicherte leise. „Wann hast du vor, dich zu ihr zu schleichen?“

„Sobald du mich lässt. Du spielst diesmal schließlich den Chef.“ Will grinste. „Das ist ein weiterer Grund, warum ich hier bin. Um nichts in der Welt hätte ich es mir entgehen lassen, dir dabei zuzusehen, wie du versuchst, eine Operation zu leiten.“

„Du bist ein Schmok.“ David verschränkte die Arme.

„Wahrscheinlich.“ Will grinste breit, und in seinen Wangen zeigten sich Grübchen. „Aber ich bin ein Schmock, der heiraten wird. Irgendwann.“

„Sobald du sie fragst, gestehe ihr, dass du gekündigt hast, dass diese Mission dein letzter Einsatz ist, und überzeuge sie, mit dir nach Boston zu gehen.“ Der Ort, an dem Will Jura studieren wollte. Die perfekte Stadt, da es dort viele Krankenhäuser gab, in denen Meg arbeiten konnte. Und in der sie als Paar akzeptiert werden würden. Aber Will hatte trotz aller Anzeichen, dass Meg sofort Ja sagen würde, immer noch nicht den Mut aufgebracht, sie zu fragen.

„Ich werde es tun. Bald.“ Will verzog das Gesicht. „Aber wir haben nicht über mich gesprochen, oder? Wir haben über dich und die Truitts gesprochen. Insbesondere über dich und die kleine Amalia.“ Will nickte David langsam zu. „Da ist, oder da war, etwas zwischen euch beiden.“

Nicht noch ein selbstgefälliger, allwissender Kollege – schlimmer noch, einer, dessen Adleraugen nichts entging. David blies die Kerze auf dem Tisch aus – oder Schreibtisch, denn das war es, was er daraus gemacht hatte, und er hatte das Sagen. „Ich will nicht darüber reden.“ Er legte sich auf eines der Sofas und zog seinen Mantel über sich. „Komm, wir sollten uns ein wenig ausruhen.“

Ein schriller Schrei zerriss die Luft. Für einen Moment spannte sich jeder Muskel in David an, während die Luft um ihn herum dichter zu werden schien, und schreckliche Erinnerungen seine Sinne überfluteten. Nein. Das war die Gegenwart, und er musste handeln, helfen. Er zwang seine Glieder, sich zu bewegen, und sprang auf. „Geh und bewache die Tür!“, rief er Will zu. Er warf einen Blick über die Schulter zu Meg, die mit gezücktem Messer in den Hauptteil des Waggons gestürmt gekommen war. „Du bleibst hinter mir, falls ich dich brauche. Will, pass auf, dass niemand ohne meine Erlaubnis in diesen Wagen ein- oder aussteigt, bis wir wissen, was los ist.“ 

Er presste sich mit einem Ohr an die Tür; das Herz schlug ihm bis zum Hals. Sie hatten den Raum überprüft. Zweimal. Wenn ihr etwas zugestoßen war … David klopfte mit den Fingerknöcheln laut und fest, aber ruhig an die Tür. „Amalia? Ist alles in Ordnung?“

Nur noch mehr Schreie und Schluchzer waren zu hören und drohten, Panik in ihm auszulösen. „Okay, ich komme rein.“ Er griff nach der Klinke – Gott sei Dank hatte Amalia nicht abgeschlossen – und stieß mit der Schulter gegen die Tür. David traten fast die Augen aus den Höhlen. Er rückte seine Brille zurecht.

Amalia stand in der Mitte des Zimmers neben dem Bett, ihr Nachthemd, ihre Beine und Hände waren mit Blut bedeckt. Es war dunkelrotes, triefendes Blut.

„Amalia? Was ist los?“, brachte er hervor, während er sich weiter umsah und sein Verstand sich fieberhaft bemühte, einen Sinn in all dem zu finden.

„Das – das lag in meinem Bett und ist überall auf meinen Beinen und meinem Nachthemd.“ Sie wies auf ihr Bett, während sie am ganzen Körper zitterte.

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