Herzen voller Liebe

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Paris Katharine Barbour! Nur zu einem verwöhnten "Society Girl" passt so ein Name. Und dann ihr Aussehen: rot-blonde Locken, meergrüne Augen. Diese Frau, die den Architekten Mac Weston anlächelt, ist viel zu schön, um für ihn zu arbeiten. Macs innere Stimme warnt ihn davor, den Kopf zu verlieren. Doch wo die Liebe hinfällt ...
  • Erscheinungstag 20.12.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733754655
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Mackenzie Weston fühlte sich, als hätte ein Wirbelwind sein ausgelassenes Spiel mit ihm getrieben. Ein Wirbelwind in Gestalt einer rotblond gelockten jungen Frau mit großen grünen Augen und dem seltsamen Namen Paris Katharine Barbour, die ihn frühmorgens um acht Uhr überrascht hatte.

Eine halbe Stunde lang stand er jetzt schon am Wohnzimmerfenster, blickte starr in die Dunkelheit und versuchte, sich klarzumachen, wie genau das passiert war. Er schob die Hände in die Hintertaschen seiner Jeans und stöhnte missmutig auf, als er merkte, dass die Hose langsam über seine Hüften rutschte. Schon fasste er sie am Bund und zog sie wieder hoch. Er hätte einen Gürtel umbinden sollen. Alle seine Jeans waren ihm in den letzten Monaten zu weit geworden, aber das hatte ihn nicht wirklich gekümmert, er hatte den Gürtel einfach immer ein Loch enger geschnallt. Er wollte sich keine neuen Hosen kaufen, konnte sie sich auch nicht unbedingt leisten. Und lieber würde er sich auspeitschen lassen, als nach Cliffside zu fahren und dort einzukaufen.

Aber seine nicht sitzenden Jeans stellten momentan kein vordringliches Problem für ihn dar. Anders jedoch Mrs. Paris Katharine Barbour. Gedankenverloren rieb er sich das unrasierte Kinn. Er konnte sich noch genau an ihre Unterhaltung erinnern …

„Mr. Weston?“, fragte sie und huschte über die Schwelle, sobald Mac die Haustür ganz geöffnet hatte. „Ich bin Paris Barbour“, fuhr sie lächelnd fort, „die neue Haushälterin und Kinderbetreuerin.“

„Die neue …?“ Verblüfft von ihrem strahlenden Lächeln, blieb er reglos an der Tür stehen und verfolgte, wie sie in ihrem wehenden rot, lila und gelb gemusterten langen Rock die Diele betrat.

Energisch schloss Paris dann selbst die Tür, als wollte sie damit anzeigen, dass sie jetzt hier war und nicht vorhatte, sich vertreiben zu lassen. Sie sah ihn selbstsicher an, bevor sie den Koffer so entschlossen absetzte, dass sich ein argwöhnischer Ausdruck in seine Augen stahl.

„Paris …?“

„Barbour“, antwortete sie, während sie sich kurz in der Diele umblickte, den hellgrau gefliesten Boden und die blassgelb gestrichenen Wände betrachtete. „Paris Katharine Barbour. Ein ausgefallener Name, aber einer der Lieblingsfilme meiner Mutter war Plötzlich im letzten Sommer mit Katharine Hepburn und Rossano Brazzi. Der Film spielt in Venedig, und deshalb wollte meine Mutter mich eigentlich Venedig Katharine nennen, aber mein Vater hat protestiert. Seine Tochter, auf die er fünfzig Jahre gewartet habe, hat er gesagt, solle keinen so unweiblichen Namen bekommen. Also haben sie mich stattdessen Paris genannt.“ Sie zuckte die Schultern und lächelte ihn wieder strahlend an. „Ich schätze, das ist in Ordnung. Und besser, als Zürich oder Detroit zu heißen, finden Sie nicht?“

Mac war fassungslos, wie viel man in einem einzigen Atemzug sagen konnte, und musste sich erst einmal davon erholen. „Warum, haben Sie gesagt, sind Sie hier?“, fragte er schließlich.

„Wegen Ihres Inserats in der Zeitung.“

„Und da kommen Sie gleich persönlich vorbei?“

Sie wirkte einen Moment verunsichert, bot ihm dann aber mutig die Stirn. „Ja. Die Anzeige klang ziemlich dringend, und deshalb dachte ich, es wäre am besten, sofort mit der Arbeit anzufangen.“ Sie holte den Zeitungsausschnitt aus ihrer Handtasche. „,Umgehend Stelle als Haushälterin/Kinderbetreuerin für zwei kleine Kinder zu besetzen. Angemessene Bezahlung und Vergünstigungen‘“, zitierte sie, las noch die Telefonnummer laut vor und sah ihn dann an. „Das ist doch Ihre, stimmt’s?“

„Ja. Aber die Anzeige ist doch erst heute Morgen erschienen …“

„Prima, dann bin ich die Erste.“

„Wie haben Sie meine Adresse herausgefunden? Ich hatte sie doch nicht angegeben.“

Paris winkte lässig ab. „Das ist egal, oder? Ich bin hier, nur das ist wichtig.“ Erwartungsvoll rieb sie die Handflächen aneinander und blickte erst über seine linke, dann über seine rechte Schulter. „Wo sind die Kinder?“

Mac sah, wie das Sonnenlicht auf ihre herrlichen rotblonden Locken fiel, und strich sich unwillkürlich sein zu langes, vom Duschen noch feuchtes Haar aus der Stirn. Eilig knöpfte er sich das Hemd zu, denn das Klingeln an der Haustür hatte ihn beim Anziehen gestört.

„In der Küche beim Frühstück“, antwortete er unwirsch. Er selbst hatte noch nicht einmal einen belebenden Kaffee getrunken. Vage überlegte er, ob er sie wegschicken und zu einem für ihn passenderen Zeitpunkt wieder herbitten sollte. Wenn sie jedoch schon in Cliffside gewesen war, würde sie wissen, wie dringend er jemand für Elly und Simon suchte. Dann hätte sie allerdings auch andere Dinge über ihn erfahren und wäre vermutlich überhaupt nicht erst gekommen. Vielleicht hatte sie es aber auch so eilig gehabt, dass sie nicht in der Stadt angehalten hatte.

„Oh“, erwiderte Paris mit einem Ausdruck der Entschuldigung in den Augen und blickte auf die Armbanduhr. „Ich schätze, es ist sehr früh. Ich wusste nicht, ob Sie schon jemand eingestellt hatten, und falls nicht, wollte ich heute die Erste hier sein.“

„Das sind Sie“, bestätigte er unfreundlich. „Aber wenn Sie schon einmal da sind, können Sie auch in die Küche mitkommen.“ Mac ging ihr die Stufen von der Diele voraus ins Wohnzimmer und blickte sich dann etwas unsicher um. Es hatte ihn bislang nicht gekümmert, wenn jemand den kahlen Raum sah, aber seltsamerweise interessierte ihn jetzt ihre Reaktion. Was für ein Fehler! Denn Paris wirkte mit ihren rotblonden Locken und dem schwingenden bunten Rock wie ein Schmetterling, der sich in diese kühle grauweiße Umgebung verirrt hatte.

Erstaunlicherweise sagte sie nichts zu der Leere im Zimmer, so dass er sich unwillkürlich fragte, ob sie ihr überhaupt aufgefallen sei. Sie schien nur Augen für die großen Fenster zu haben, die den Blick auf den Pazifischen Ozean freigaben.

„Was für eine unglaubliche Aussicht“, sagte sie schließlich fast ehrfürchtig. „Ich wollte schon immer nahe am Meer wohnen.“

Diesen Satz hatte er doch schon einmal gehört! „Wenn das der einzige Grund ist, warum Sie sich um die Stelle bewerben“, erwiderte er ärgerlich, „sind Sie am falschen Ort.“

Paris drehte sich zu ihm um. „Das ist nicht der einzige Grund. Es ist überhaupt kein Grund, denn wie hätte ich das wissen sollen? Ich bin hier, weil ich eine Arbeit brauche und in diesem Job gut sein werde.“

Sein finsterer Blick zeigte keine Wirkung. Unerschrocken sah sie ihn an, als wollte sie ihn fragen, ob er noch etwas zu sagen wünsche.

„Das bleibt abzuwarten. Kommen Sie.“ Er ging ihr voraus durch ein großes Esszimmer, dessen einzige Möblierung ein fest eingebautes Sideboard war, und betrat durch einen breiten Torbogen die Küche.

Mac bemerkte, dass Paris unvermittelt stehen blieb. Er drehte sich um und sah, wie sie den Blick durch seine beeindruckende Küche schweifen ließ. Auf der rechten Seite standen ein erstklassiger riesiger Edelstahlherd und ein Kühlschrank mit Spiegelglastür und auf der linken schloss sich an die Doppelspüle mit zusätzlichem, etwas kleinerem Gemüsebecken eine weiß geflieste Arbeitsfläche an, deren Unterbauten sowie die übrigen Schränke eine weiße Front mit Chromgriffen hatten. In der Raummitte befand sich eine Zubereitungsinsel mit Betonplatte als Abschluss, die das absolut Höchste in der Kücheneinrichtung war, wie man ihm versichert hatte.

„Wann trifft das Operationsteam ein?“, fragte Paris leise, sah ihn dann um Entschuldigung bittend an und presste die Lippen zusammen.

Missbilligend runzelte er die Stirn, auch wenn er ihr insgeheim recht gab. Aber er hatte die Küche nicht ausgesucht. Er bedeutete ihr, ihm zu einem Erker zu folgen, in dem eine kleine Essecke eingerichtet war. Die Möbel waren aus Chrom und rotem Vinyl, hatten einst seinen Eltern gehört und stammten noch aus den fünfziger Jahren. Aber zumindest verliehen sie der Umgebung eine gewisse persönliche Note. Das musste auch Paris gedacht haben, denn ihr Blick streifte einen Moment wohlgefällig die Sitzgruppe, bevor sie ihn auf seiner Nichte und seinem Neffen ruhen ließ.

Die vierjährige Elly kniete auf einem Stuhl und wippte leicht hin und her, während sie sich auf den Tisch gestützt hatte und ihr Frühstück aus einer kleinen Schüssel aß. Ihre kupferroten Locken waren ziemlich unordentlich, denn sie waren seit ihrer Ankunft bei ihm nicht mehr gebürstet worden. Der achtzehn Monate alte Simon, ein genauso lockiger Rotschopf wie seine Schwester, saß auf einem Stapel Bücher und war mit einer Krawatte sicher an der Stuhlrücklehne festgebunden. Beide Kinder sahen bei ihrem Eintreffen mit von Schokolade verschmierten Gesichtern auf, verzogen aber keine Miene. Kaum hatte Elly die ihr fremde Person bemerkt, rutschte sie vom Stuhl und stellte sich beschützend neben ihren Bruder.

Mac fühlte sich nicht ganz wohl in seiner Haut, als er in die ernst blickenden blauen Augen seiner Nichte und seines Neffen sah. Aber er wusste nicht, wie er ihnen helfen konnte. Bis sie vor zwei Tagen zu ihm gekommen waren, hatte er die Kleinen kaum gesehen. Und er kannte sich mit Kindern absolut nicht aus, konnte sich noch nicht einmal richtig an seine eigene Kindheit erinnern.

„Hallo“, sagte Paris lächelnd. „Ich bin Paris. Und wie heißt ihr?“

Elly blickte ihren Onkel fragend an. Mac nickte ermutigend, wunderte sich aber über diese Wendung. Noch vorgestern hatte das Mädchen Angst vor ihm gehabt, und jetzt suchte es bei ihm Rückendeckung. „Elly“, sagte es schließlich und deutete mit einem Finger auf sich. „Und das ist Simon. Er ist noch ein Baby.“

„Ah ja.“ Paris ging zum Tisch und sah in die Schüsselchen. „Was gibt es denn zum Frühstück?“

„Schokolade“, antwortete die Kleine, kehrte an ihren Platz zurück und nahm sich noch ein Stück. „Die ist gut.“

Mac zuckte die Schultern, als Paris ihn anblickte. „Ich hatte keine Zeit zum Einkaufen“, sagte er leise und hätte sich ohrfeigen können, dass er dieser Frau, die er noch nicht einmal kannte, etwas erklärte.

„Dann kann ich Ihnen das ja abnehmen“, erwiderte sie lächelnd und sah sich in der makellosen Küche um, als Elly mit dem Essen fertig war. „Warte, ich wische dir erst die Hände ab, bevor du aufstehst.“

Noch bevor die Kleine reagieren konnte, hatte Paris ein Stück Papier von der Küchenrolle neben der Spüle abgerissen, es angefeuchtet und begonnen, die Schokoladenfinger zu säubern. Elly sah sie bestürzt an und hätte wohl am liebsten die Hand zurückgezogen. Aber Paris redete freundlich auf sie ein. Was für ein herrlicher Tag das heute sei, wie glücklich die beiden seien, am Meer zu wohnen, und wie viel Spaß es bestimmt mache, die Möwen zu beobachten. Das Mädchen entspannte sich zusehends und schenkte Paris sogar ein leichtes Lächeln, wie Mac missmutig registrierte.

Am Vorabend hatte Elly ihm das erste Mal erlaubt, sie überhaupt anzufassen. Sonst hatte sie immer weinend nach ihrer Mutter gerufen, wenn er etwas für sie hatte tun wollen. Arme Kleine, ihre Mutter war schon lange wieder abgefahren. Simon hingegen schien ihn auf Anhieb gemocht zu haben. Zumindest hatte er nicht gleich zu brüllen begonnen, wenn er in seine Nähe gekommen war.

Mac lockte die Kinder vor den Fernseher, stellte das Programm ein, auf dem samstagmorgens immer Zeichentrickfilme gezeigt wurden, und seufzte erleichtert auf, als sie zufrieden und sicher vor dem Apparat auf dem Boden lagen. Dann ging er zurück in die Küche. Auch wenn er noch nie eine Haushälterin und Kinderbetreuerin eingestellt hatte, hatte er doch eine gewisse Vorstellung, wonach er fragen musste. Jeder gute Vater wusste, selbst einer auf Zeit, was Kinder zwingend brauchten: Essen, Sauberkeit, Ordnung, Gesellschaft und Disziplin.

Als er in die Küche kam, sah er, dass Paris eifrig seine Schränke inspizierte und sich eine Liste machte. „Moment“, sagte er mit Einhalt gebietender Handbewegung. „Bevor Sie hier einziehen und das Zepter schwingen, muss ich noch einiges über Sie erfahren.“

„Sicher. Ich heiße Paris … Oh, meinen Namen habe ich Ihnen ja schon genannt. Ich bin Witwe“, erklärte sie ihm dann in sachlich und nüchtern klingendem Ton. „Ich brauche einen Job, und ich glaube, diesen könnte ich machen.“

Mac ging zu ihr und schlug die Tür seines bis auf zwei Sechserpack Bier und einige alte Donuts leeren Kühlschranks zu. Er aß normalerweise nicht zu Hause, kaufte sich seine Mahlzeiten in irgendeinem Schnellimbiss, an dem er gerade vorbeikam. „Was genau soll das heißen?“

„Das soll heißen“, antwortete sie lächelnd, „dass ich mich um dieses Haus und Ihre Kinder kümmern kann.“

„Das sind nicht meine Kinder“, erwiderte er und wich etwas zurück, weil er so nah bei ihr stand, dass er unwillkürlich den Duft ihres Parfums einatmete. Es roch nach Veilchen und schien ihm unmittelbar zu Kopf zu steigen. Er brauchte wirklich dringend einen Kaffee, und so wandte er sich der Kaffeemaschine zu, um sie zu bestücken.

„Es sind nicht Ihre?“

„Nein, Elly und Simon sind die Kinder meiner Schwester. Sheila kam vor einigen Tagen mit ihnen her und sagte mir, ich solle mich eine Weile um sie kümmern. Sie war unterwegs zu einer Fotosafari in Afrika.“

„Sie ist Fotografin?“

„Sie kann eine Linsenschutzkappe nicht von einem Sucher unterscheiden“, erwiderte er unwirsch. „Ihr neuer Freund ist Fotograf, und sie begleitet ihn. Unglücklicherweise standen ihr dabei jedoch die beiden Kleinen im Weg.“ Energisch öffnete er die Kaffeedose. Es machte ihn noch immer wütend, dass Sheila ungeniert angenommen hatte, er würde sich um ihre Kinder kümmern. Sie hatte sie zum Abschied geküsst und weinend in seiner Obhut zurückgelassen.

Aber warum erstaunte ihn das eigentlich? Die ganze Familie hatte Sheila verwöhnt und immer getan, was sie wollte. Ihre Ehe war gescheitert, denn ihr Mann war genauso nichtsnutzig und egoistisch gewesen wie sie und hatte sie natürlich nicht in der ihr gewohnten Weise hofiert. Er war kurz nach der Scheidung ganz verschwunden, hatte Simon noch überhaupt nicht gesehen. Und als Sheila dann beschloss, auf Safari zu gehen, war selbstverständlich der große Bruder dazu da, sich der Kinder anzunehmen.

Die armen Kleinen, dachte Mac, als er die Kaffeemaschine einschaltete. Sie waren in ihrem Leben ständig hin und her gezerrt worden und jetzt ausgerechnet bei dem Menschen untergebracht, der wohl am wenigsten wusste, was er mit ihnen machen sollte. Verstohlen betrachtete er Paris, die sich an den Tisch gesetzt hatte, nachdem sie ihn zuvor gründlich gesäubert hatte. War sie fähig, sich um die Kinder zu kümmern? Bis jetzt hatte er von ihr nur erfahren, dass sie Witwe war. Am Tod ihres Mannes schien sie jedoch nicht zerbrochen zu sein. Aber wer war er, Mac, um zu beurteilen, wie ein Unglück jemand beeinflusste. Die braven Bürger von Cliffside meinten, dass die schlimmen Dinge, die ihm im Leben passiert waren, ihn nur noch fieser und sturer gemacht hätten. Und damit hatten sie nicht Unrecht.

Er schenkte ihnen Kaffee ein und reichte Paris einen Becher. Vorsichtig trank sie einen Schluck, schien dann nach Sahne oder Milch fragen zu wollen, sich aber wohl augenblicklich daran zu erinnern, dass es in seinem Haushalt nichts Derartiges gab. Gleichmütig trank sie weiter, während er überlegte, ob er ihn nicht so stark hätte machen sollen, dass ein Löffel darin stecken bleiben konnte.

„Haben Sie einen Lebenslauf mitgebracht?“, erkundigte er sich unvermittelt.

„Natürlich.“ Paris holte einen Umschlag aus ihrer Handtasche und reichte ihm diesen schwungvoll.

Mac zog das gefaltete Blatt heraus, glättete es und begann zu lesen. Als er wieder aufsah, schien Paris angelegentlich den blauen Himmel draußen vor dem Fenster zu betrachten. Offenbar spürte sie seinen Blick und wandte ihm lächelnd ihre Aufmerksamkeit wieder zu. „Beeindruckend, nicht wahr?“, fragte sie hoffnungsfroh.

Mac sah von ihr auf das Papier und zurück zu ihr. „Organisation der alljährlichen Spendenaktion für die Schülermannschaft?“

„Ja, und ich habe sogar die Einnahmen vom Vorjahr übertroffen.“

„Vorsitzende des Ballkomitees des Country Club?“

„Alle haben gesagt, es sei der schönste Ball gewesen, den sie je mitgemacht hätten.“

„Skandinavische Kochkurse?“

„Meine dänischen Frikadellar sind einfach superklasse“, versicherte Paris ihm, während sie sich etwas vorbeugte und die Hände locker auf dem Tisch verschränkte, als wartete sie auf eine Beifallsbezeugung.

Mac las den Lebenslauf noch einmal für den Fall, dass er etwas vergessen hatte. „Ich finde hier keinen Hinweis darauf, dass Sie je einer bezahlten Arbeit nachgegangen wären.“

Ihre Finger verkrampften sich. „So?“

„Sind Sie das?“

„Einer bezahlten Arbeit nachgegangen? Nein, eigentlich nicht.“

„Sie waren also immer nur ehrenamtlich tätig?“

„Aber das sehr erfolgreich.“

„Mrs. Barbour …”

„Paris, bitte.”

Mac ignorierte ihren Einwurf. „Alles, was Sie gemacht haben, hat nichts mit der Versorgung von Kindern oder eines Haushalts zu tun.“

„Das stimmt nicht. Wie ich in meinem Lebenslauf geschrieben habe, habe ich während meiner Schulzeit häufig als Babysitterin gejobbt.“

Skeptisch zog er die Brauen hoch. „Zwischen einer Babysitterin und einem Kindermädchen liegt ein beträchtlicher Unterschied.“

„Die Pflichten sind praktisch die gleichen.“

„Aber die Verantwortung ist nicht dieselbe. Sich für einige Stunden um zwei Kinder zu kümmern ist etwas ganz anderes, als es tagein, tagaus zu tun.“

„Da haben Sie recht“, stimmte Paris ihm zu. „Glücklicherweise bin ich vielseitig und lerne schnell. Diese Spendenaktion für die Schülermannschaft war die erste, die ich organisiert habe, und sie lief fabelhaft.“

Kritisch sah er sie an. „Das ist schön. Aber wann genau haben Sie das letzte Mal Kinder betreut?“

„Vor etwa sechs Jahren. Doch ich habe es nicht verlernt. Und ehrlich, ich kann alles machen, was ich mir in den Kopf setze.“

Ihre Entschlossenheit rang ihm eine gewisse Bewunderung ab. „Haben Sie je einen Haushalt geführt?“

„Natürlich“, antwortete Paris in entschiedenem Ton, mied aber seinen Blick. „Nun ja, ich habe ihn überwacht.“

Mac faltete das Blatt wieder zusammen und steckte es in den Umschlag zurück. Er wusste nicht, was für ein Spiel sie spielte, aber er wollte nicht daran teilhaben. „Warum möchten Sie, eine junge Frau aus der gehobenen Gesellschaft, wohl diesen Job?“

„Ich gehöre nicht mehr zur gehobenen Gesellschaft und muss für mich selber sorgen. Und diesen Job kann ich machen. Sie gehen kein Risiko ein, wenn Sie mich einstellen“, sagte sie leidenschaftlich. „In meinem Lebenslauf sind Referenzen angegeben, die meine Redlichkeit bestätigen können. Ich bin eine gute Köchin. Jeder vermag ein Haus in Ordnung zu halten, und was ich bezüglich der Kinderbetreuung nicht weiß, lerne ich.“

„Nein“, begann er und schüttelte den Kopf.

„Gewähren Sie mir eine zweiwöchige Probezeit“, bat sie ihn mit einem Ausdruck der Verzweiflung in den Augen.

Deutlich spürte er, wie ihn bei ihrem Blick Unbehagen überkam. Am liebsten wäre er zurückgewichen wie ein Krebs am Strand. Reichte es nicht, dass er sich um die beiden Kinder kümmerte? Er wollte keinen weiteren Menschen in seiner Nähe, mit dessen Bedürfnissen er sich befassen musste. Doch noch bevor er irgendetwas sagen konnte, legte Paris ihre Hand auf seine und drückte sie, um ihn so zu erweichen.

Mac hatte das Gefühl, lauter kleine elektrische Schläge zu bekommen, und zog die Hand unwillkürlich zurück. Paris ließ ihn sofort los und errötete. Offenbar war sie von ihrem Verhalten peinlich berührt und über seine Reaktion verblüfft. Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück und versuchte, seinen Rückzug zu verschleiern, indem er einen Schluck Kaffee trank.

Was, in aller Welt, ist denn das gewesen? fragte er sich, fand die Antwort aber nur Sekunden später. Er hatte zu lange keine Frau mehr um sich gehabt, und seine Reaktion zeigte ihm deutlich, dass er sich Paris’ Nähe nicht unbedingt freiwillig aussetzen sollte.

„Es tut mir leid, Mrs. Barbour“, sagte er, nachdem er sich geräuspert hatte. „Aber ich kann Sie nicht einstellen. Ich brauche jemand mit mehr Erfahrung.“

„Ich bin zuverlässig“, erwiderte sie verzweifelt und blickte in Richtung des Zimmers, in dem die Kinder Zeichentrickfilme sahen. „Elly mag mich. Darauf könnte ich aufbauen. Und außerdem“, fuhr sie atemlos fort, als hätte sie all ihre Munition verschossen und wäre bereit, kämpfend unterzugehen, „ist die Wirtschaftslage momentan gut. Es gibt genug Jobs für den, der arbeiten will …“

„Warum bewerben Sie sich dann nicht um einen davon?“

„Weil ich lieber in einem Haushalt tätig bin. Ich wollte damit sagen, dass Sie möglicherweise Schwierigkeiten haben werden, jemand für hier draußen zu finden. Es ist etwas … abgelegen.“

Als öde und gottverlassen hatte seine Exverlobte, Judith, die Gegend bezeichnet. Sie hatte nahe am Meer wohnen wollen, aber nur wenn es dort auch ein reges gesellschaftliches Leben gegeben hätte. Sein Plan, das Haus unweit seiner Heimatstadt, Cliffside, an dem felsigen Teil der Küste zu bauen, hatte sie nicht sehr begeistert. Allerdings war sie dann halbwegs versöhnt gewesen, als er ihr die Inneneinrichtung der Räume überlassen hatte – weshalb er schließlich in einer Umgebung gewohnt hatte, die irgendwie mit dem Innern eines Eisbergs vergleichbar gewesen war.

Und bestimmt unterscheidet sich Miss Country Club Ball letztlich in keiner Weise von Judith, überlegte Mac. Aber leider hatte sie in einem Punkt wohl recht. Aus Cliffside würde keiner bei ihm arbeiten wollen, und er hatte nur heute und morgen Zeit, um eine Betreuerin für Elly und Simon zu finden. Montag musste er selber wieder arbeiten, sonst riskierte er es, seinen eigenen Job zu verlieren.

Ihm war überhaupt nicht wohl bei der Sache. Paris war eine viel zu attraktive und lebensprühende junge Frau, um sie hier im Haus zu haben, das so voller nicht verarbeiteter Emotionen und schlechter Erinnerungen steckte. Auch für Elly und Simon war das nicht gut, aber sie mussten damit leben.

Denk nicht an dich, sondern an die Kinder, ermahnte er sich stumm. Er mochte Sheila zwar verübeln, dass sie die Kleinen einfach bei ihm abgeladen hatte, aber er wollte sein Bestes für die beiden tun. Auch wenn die Cliffsider vielleicht anderer Meinung waren, so kam er doch seinen Verpflichtungen immer nach.

Aber ich kann sie nicht hier haben, entschied er, während er Paris betrachtete, die ihn ernst und hoffnungsvoll ansah. Schon wollte er seine Ablehnung von eben wiederholen, als Simon mit einem Buch in die Küche getappt kam.

„Lesen“, erklärte er und hielt das Buch hoch.

Erleichtert, weil er den Jungen jetzt als Entschuldigung vorschieben konnte, um das Gespräch zu beenden und sie fortzuschicken, streckte Mac die Arme nach ihm aus. Doch sein kleiner Neffe ignorierte ihn und steuerte auf Paris zu. Überrascht hob sie ihn auf den Schoß und warf einen Blick auf das Buch.

„Tiere“, sagte sie. „Darüber lese ich am liebsten vor.“

Zufrieden lehnte sich der Kleine an sie, steckte den Daumen in den Mund und griff mit der anderen Hand in ihre Locken. Paris protestierte nicht, was ihr bei Simon und Mac einen Pluspunkt eintrug.

Und während sie dem Jungen vorlas, fühlte Mac, wie er ihr gegenüber weich zu werden begann. Vielleicht ist es ja wahr, überlegte er, dass Kinder und Hunde sehr genau spüren, wem sie vertrauen können. Simon jedenfalls vertraute ihr.

Aber sie hat kaum Erfahrung, dachte er. Warum wollte sie überhaupt diesen Job? Das hatte sie noch nicht zufrieden stellend begründet. Doch wenn er noch weitere Antworten von ihr bekommen wollte, bedeutete das, dass sie noch länger hier bleiben musste, und das war keine gute Idee. Sobald sie das Buch zu Ende vorgelesen hatte, würde er sie zur Tür begleiten.

Paris setzte sich etwas bequemer hin und drückte Simon zärtlich an sich. Das Sonnenlicht fiel durch das Erkerfenster auf ihre Locken und verlieh ihnen einen seidig goldenen Glanz. Mac fühlte sich, als würde das Licht auch ihn erfassen. Als Simon ihn dann auch noch zum ersten Mal anlächelte, spürte er, wie irgendetwas in ihm bröckelte, und er hörte sich zu seinem grenzenlosen Erstaunen sagen: „Zwei Wochen.“

Paris blickte auf. „Entschuldigung?“

„Sie können Ihre zweiwöchige Probezeit haben. Danach sehen wir weiter. Aber ich muss Sie warnen, ich weiß nicht, wie lange ich Sie brauchen werde. Sheila kann nächste Woche zurückkommen oder nächstes Jahr. Allerdings schätze ich, es wird wohl eine Weile dauern. Also fangen wir mit zwei Wochen an.“

Ein Ausdruck der Erleichterung und Freude spiegelte sich auf ihrem Gesicht. „Sie werden es nicht bereuen, Mr. Weston.“

Aber das tat er jetzt schon. „Eine zweiwöchige Probezeit, mehr nicht“, erwiderte er, um sicherzugehen, dass sie wusste, wer hier der Boss war. „Wenn es nicht funktioniert, beenden wir das Arbeitsverhältnis und scheiden einvernehmlich voneinander.“

Voller Freude und Dankbarkeit lächelte sie ihn an, als hätte er etwas Großartiges gemacht und wäre ein maßlos netter Mensch. Mac konnte sich nicht erinnern, wann ihn zuletzt jemand so angesehen hatte oder ob das überhaupt schon je einmal geschehen war. Es rührte ihn irgendwie, und er wehrte sich gegen dieses seltsame Gefühl, indem er eine finstere Miene aufsetzte.

Autor

Patricia Knoll
Wussten Sie, dass Patricia Knoll Lehrerin, Bibliothekarin und Heimleiterin war, bevor sie nach der Geburt ihres vierten Kindes eine neue Herausforderung suchte und anfing, Romances zu schreiben?
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