Herzklopfen am Blue Lake Hospital

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Annie wird heiß und kalt, als Caspar St. Claire den Kreißsaal betritt. Bis zuletzt hatte sie sich gegen die Dreharbeiten des TV-Stars am Blue Lake Hospital gewehrt. Wegen des Medienrummels! Oder wegen des Sturms der Gefühle, den der attraktive Caspar in ihr auslöst?
  • Erscheinungstag 03.10.2020
  • ISBN / Artikelnummer 9783733719548
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

„Ist es bereits beschlossen, oder werden wir noch nach unserer Meinung gefragt?“ Annie Simpson blickte in die Runde.

Ihre Kolleginnen und Kollegen saßen widerspruchslos um den Tisch im Sitzungsraum. Ungläubig sah Annie den Klinikleiter an. Ist das wirklich sein Ernst? dachte sie. Das Blue Lake Hospital soll Schauplatz einer Doku-Soap werden? Mit unseren Patienten, unseren Ärzten, Schwestern und Pflegern?

„Der Dreh wird stattfinden, und ich frage Sie, ob Sie bereit sind, aktiv daran mitzuwirken.“ Für einen so großen Mann hatte Patrick Hammond eine ausgesprochen sanfte Stimme. Und wenn Annies Frage ihn ärgerte, so zeigte er es nicht.

Annie wusste, dass Patrick das Krankenhaus nicht wie ein Diktator führte – die meisten Entscheidungen wurden nach Rücksprache mit den Chefärzten und der Pflegedienstleitung getroffen. Die meisten medizinischen Entscheidungen, korrigierte sie sich. Die alltäglichen Dinge würde er nicht mit ihnen diskutieren. Und Annie fragte sich, zu welchem Bereich nun dieses Fernsehprojekt gehörte.

„Haben wir denn überhaupt eine Wahl?“, hakte sie nach.

Patrick fuhr sich durchs kurz geschnittene Haar. „Aber natürlich. Allerdings möchte ich zu bedenken geben, was dieses Projekt für unser Krankenhaus bedeutet: Geld und eine kostenlose Publicity. In einer Zeit, in der so viele ländliche Krankenhäuser um ihr Überleben kämpfen, kann eine solche Medienaufmerksamkeit nur gut für uns sein.“

„Sind Sie sicher?“, beharrte Annie. „Und wenn etwas schiefgeht und das Krankenhaus verklagt wird? Dann hätten wir das Gegenteil erreicht. Zudem ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass das Gesundheitsministerium unser Krankenhaus schließt. Wir mögen zwar eine ländliche Klinik sein, aber doch kein Sechs-Betten-Krankenhaus. Wir sind eine Spezialklinik in der zweitgrößten Stadt des Bundesstaates. Es würde einen allgemeinen Aufschrei in der Öffentlichkeit geben, sollte eine Schließung auch nur angedacht werden.“

„Es stimmt, dass wir ein großes Krankenhaus sind, aber wir sind dennoch steuerfinanziert, und das bedeutet, dass wir wie alle anderen auch gewissen Grundsätzen unterliegen“, entgegnete Patrick ruhig. „Haben Sie eine Ahnung, wie viele Zuschauer sich die letzte Staffel von RPE angesehen haben?“

Annie hielt es für eine rhetorische Frage, aber Patrick erwartete offensichtlich eine Antwort. Also schüttelte sie den Kopf. Sie hatte keine Ahnung.

„Zwei Millionen. Jeden Abend.“

Für das australische Fernsehen eine gewaltige Zuschauerzahl. Annie wusste, dass RPE, die Serie, die am Royal Prince Edward Hospital in Melbourne spielte, sehr populär war. Aber so populär?

„Und Caspar St. Claire ist einer der Stars“, fuhr Patrick fort. „Er stammt aus der Gegend und hat es ganz nach oben geschafft. Deswegen wird es viele Menschen interessieren, nicht nur die von hier. Und der Sender zahlt uns ein nettes Sümmchen dafür, dass sie hier filmen dürfen.“

„Dann geht’s also nur ums Geld?“

Patrick schüttelte den Kopf. „Seien Sie nicht zu schnell mit der Kritik. Das Krankenhaus benötigt vieles, das mit diesem Geld angeschafft werden kann. Es kommt auch der Geburtsabteilung Ihrer Station zugute. Und wussten Sie, dass Caspar Kinderarzt ist?“, sprach er weiter. „Ich dachte, als Kinderärztin würden Sie sich freuen, jemand zu haben, der während Phils Auszeit seine Stelle übernimmt.“

Annie wollte Patrick nicht das letzte Wort lassen. Sie hatte ihre Erfahrungen mit den Medien gemacht, und es waren keine schönen gewesen. Deshalb hatte sie ja den Job an diesem ruhigen ländlichen Krankenhaus angenommen – der ersehnte Neuanfang. Ungewollt wieder im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit zu stehen, wäre das Letzte! „Hätten Sie eine Vertretung gefunden, die nur zum Arbeiten herkommt, würde ich mich freuen. Aber Ihre Vertretung bringt anscheinend einen eigenen Zirkus mit, und da möchte ich nicht mitmachen.“

„Ich habe noch nie mit einem Zirkus gearbeitet. Mit Kindern schon, aber nicht mit Tieren und auch nicht in einer Manege.“

Beim Klang der tiefen männlichen Stimme lief es Annie prickelnd über den Rücken. Tori Williams neben ihr hielt sogar hörbar den Atem an und seufzte dann leise. Annie brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass Caspar St. Claire hinter ihr stand.

Die Spannung im Raum war mit Händen greifbar. Alle schienen sich zu fragen, wie sie reagieren würde. Es wäre unhöflich gewesen, sich nicht umzudrehen und so zu tun, als wäre sie taub. Also wandte Annie den Kopf und sah, dass der Teufel höchstpersönlich sie musterte. Ein ziemlich sexy Teufel, wie sie zugeben musste. Trotzdem wollte sie ihn hier nicht haben!

„Ich darf Ihnen aber versichern, dass meine Patienten immer an erster Stelle stehen und unser Team geschult darin ist, so unauffällig wie möglich zu arbeiten.“

Sie wollte loslachen. Glaubte er wirklich, dass sie ihm das abnahm? Aber der Blick aus den grünen Augen war so herausfordernd, dass ihr das Lachen im Hals stecken blieb. Schlimmer noch, sie brachte keinen Ton hervor. Annie hätte nichts dagegen gehabt, sich in Luft aufzulösen.

In jeder Krankenhausserie gab es einen umwerfend gut aussehenden Arzt, und obwohl RPE eine Realityshow war, so schafften sie es doch immer wieder, ein paar attraktive Stars zu finden, und Dr. St. Claire war der attraktivste. Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, dass er in Wirklichkeit noch besser aussah als im Fernsehen. Sein dunkles Haar war vielleicht ein wenig zu lang, aber dadurch lockte es sich, und das verlieh ihm ein jugendliches Aussehen. So, als wäre er gerade aus dem Bett gestiegen.

Unwillkürlich sah sie ihn vor sich, wie er in einem zerwühlten Bett lag, sich mit den schlanken Fingern durchs Haar fuhr. Annie wurde rot, als er sie weiterhin unverwandt ansah, so als wüsste er genau, woran sie gerade dachte.

„Haben Sie weitere Einwände, Dr. Simpson?“

Woher wusste er, wer sie war? Aber es gab wichtigere Fragen.

„Ich habe noch eine ganze Reihe von Einwänden, Dr. St. Claire, und ohne weitere Informationen treffe ich keine Entscheidung. Wann beginnen die Dreharbeiten?“

„Morgen.“

Das war viel zu kurzfristig. Und überhaupt …

Am besten sagte sie gleich Nein. Auf keinen Fall würde sie einem Medienzirkus auf ihrer Entbindungsstation zustimmen.

Sie öffnete den Mund, aber bevor sie sprechen konnte, unterbrach Caspar sie.

„Sagen Sie nicht gleich Nein.“

Annie starrte ihn an. War sie so leicht zu durchschauen?

„Ich möchte Ihnen Gail Cameron vorstellen. Sie ist die verantwortliche Produzentin und wird Ihnen die Details erklären, Fragen beantworten und sich um rechtliche Aspekte kümmern. Sie müssen sich nicht heute entscheiden“, fuhr er fort und hielt dabei ihren Blick fest. „Aber die Dreharbeiten beginnen morgen, und es wäre großartig, wenn einige von Ihnen dabei wären.“

Nun wandte er sich den anderen am Tisch zu. „Wir sind nicht gekommen, um Ihre Arbeit sensationslüstern zu überzeichnen, sondern um Geschichten zu erzählen, Aufmerksamkeit zu erregen. Wie Patrick Ihnen schon gesagt hat, wird das Blue Lake Hospital davon finanziell profitieren, was wiederum Ihren Abteilungen zugutekommt.“

Patrick erhob sich und rückte Stühle zurecht, damit Caspar und Gail ebenfalls am Tisch Platz nehmen konnten. Annie gestand Caspar einen Pluspunkt zu, als er wartete, bis Gail sich hingesetzt hatte. Gute Manieren hatte er.

Unauffällig betrachtete Annie ihn, während er noch stand.

Er trug einen hellgrauen Anzug, dazu ein weißes Hemd und eine gestreifte Krawatte. Seine breiten Schultern füllten das Jackett beeindruckend aus. Das Hemd war frisch gebügelt, der Anzug allerdings ein wenig zerknittert. Vielleicht waren ihm solche Äußerlichkeiten nicht sonderlich wichtig. Das gefiel ihr an dem Mann, was aber nichts daran änderte, dass sie ihn nicht hierhaben wollte.

Gail sprach nun über die für den Sender interessanten medizinischen Fälle, aber Annie konnte sich nicht richtig konzentrieren. Caspar saß ihr schräg gegenüber und drehte einen silbernen Kugelschreiber langsam in den Fingern. Er hatte große, schöne Hände, und sie ertappte sich dabei, wie sie darauf starrte.

Schnell senkte sie den Blick. Doch als er den Kopf leicht drehte, sodass sein Profil ihr zugewandt war, musste sie ihn doch wieder ansehen. An den Schläfen waren seine schwarzen Haare leicht ergraut, und seine olivfarbene Haut wirkte durch den modischen Dreitagebart noch dunkler. Seine Nase war schmal, vielleicht ein bisschen zu lang, was ihn davor bewahrte, wie ein Schönling auszusehen.

Aus klugen grünen Augen musterte er nacheinander die Menschen am Tisch, und Annie fragte sich, was er wohl dabei dachte.

Gerade war Colin, der orthopädische Chirurg, an der Reihe, und schon bald würde sie dran sein. Ihr Herz schlug schneller bei diesem Gedanken. Aus irgendeinem Grund machte Caspar St. Claire sie nervös. Auf einmal hatte sie feuchte Hände, und sie wischte sie unauffällig an ihrer Hose ab.

Caspar blickte jetzt Tori an, ohne dass die Anästhesistin etwas davon merkte, weil sie eifrig alles mitschrieb, was Gail vortrug. Das war nur gut. Im letzten halben Jahr hatten sie und Annie sich angefreundet, und sie würde sie später um ihre Notizen bitten, weil sie von Gails Worten zu wenig mitbekam.

Jetzt sah er sie an, hielt ihren Blick fest. Annie spürte, wie ihr das Blut warm in die Wangen stieg, konnte aber nicht wegsehen.

Bis Tori sie mit dem Ellbogen anstieß.

„He“, beschwerte sich Annie leise und blickte sie fragend an.

„Passt du auch auf? Das solltest du dir anhören.“

„Ich sehe mir später deine Notizen an“, erwiderte Annie, wandte sich Gail zu und tat so, als würde sie konzentriert zuhören, sah aber aus dem Augenwinkel, dass Caspar St. Claire sie immer noch musterte. Sie konnte nicht anders, sie musste kurz zu ihm hinsehen.

Er wirkte nachdenklich. Woran mochte er denken? Dachte er über sie nach? Immer noch lag ein herausfordernder Ausdruck auf seinem Gesicht. Wenn er erwartete, dass sie gleich am ersten Tag nachgab, würde er sich schwer wundern. Das hatte sie nämlich nicht vor, weder heute noch morgen.

Ihre Blicke verfingen sich, und plötzlich war ihr Kopf wie leer, vergessen waren all ihre Befürchtungen und Einwände. Und dann lächelte er unerwartet.

Wärme breitete sich vom Bauch her über ihren ganzen Körper aus, eine lustvolle Wärme, gegen die sie sich nicht wehren konnte. Schon sein ernster, gedankenvoller Ausdruck machte ihn wahnsinnig interessant, aber dieses lässige ironische Lächeln weckte Gefühle in ihr, die sie lange nicht mehr verspürt hatte.

Sex hatte nie ganz oben auf ihrer Wunschliste gestanden. Sie konnte ihn genießen, verstand aber eigentlich nicht wirklich, wieso andere so verrückt danach waren. Enthaltsamkeit machte ihr nichts aus. Aber Caspar St. Claire ließ sie tatsächlich an Sex denken. Heißen, ungehemmten Sex. Zerwühlte Bettlaken. Ein schwerer, harter männlicher Körper. Viele Orgasmen hintereinander, sodass sie sich danach kaum rühren konnte. Die Art Sex, von der sie in Büchern gelesen und die sie in Filmen gesehen, aber niemals selbst erlebt hatte.

Die Raumtemperatur schien schlagartig anzusteigen, und zu ihrem Entsetzen wurden ihre Brustwarzen hart. Hastig blickte sie fort, aus Angst, er könnte ihre schamlosen Gedanken lesen.

Ihre Ehe, längst gescheitert, war aus vielen Gründen geschlossen worden, Verlangen gehörte allerdings nicht dazu. Sie war eine junge, unerfahrene Braut und das Verhältnis zu ihrem Mann eher freundschaftlich als lustvoll gewesen. Damals hatte sie gedacht, eine vernünftige Entscheidung getroffen zu haben. Annies Eltern waren Sklaven ihrer ungehemmten Leidenschaft und Sexsucht gewesen, und sie hatte sich geschworen, es anders zu machen. Sie wollte diesen Fehler nicht wiederholen.

Dafür beging sie einen anderen.

Doch nie zuvor hatte sie sich so leidenschaftlich zu einem Mann hingezogen gefühlt wie jetzt in diesem Moment. Sie wollte das nicht, das brachte sie nur in Schwierigkeiten.

Sie würde Caspar St. Claire und alles, was mit ihm zu tun hatte, in eine mentale Kiste mit der Aufschrift Nicht öffnen! stopfen. Was gingen er und seine Pläne sie an? Gar nichts.

2. KAPITEL

Caspar sah sich am Tisch um, versuchte in den Gesichtern zu lesen, ihre Gedanken zu erraten. Er hatte sich vorher über alle Beteiligten informiert, denn er war gern vorbereitet, um unangenehme Überraschungen zu vermeiden.

Die meisten folgten aufmerksam Gails Ausführungen. Sie verstand es, alles aufregend und interessant darzustellen, als etwas, wobei jeder gern mitmachen wollte.

Gail wäre eine hervorragende Verkäuferin, dachte Caspar, während er sich die Gruppe anschaute. Sie verdeckte den Klinikleiter halb, aber das spielte keine Rolle. Patrick unterstützte ihn, das wusste er. Neben Patrick saß Ravi Patel, Allgemeinchirurg. Er lauschte fasziniert Gails Vortrag und nickte an den richtigen Stellen. Caspar hätte seinen teuren Sportwagen darauf verwettet, dass Ravi die Einwilligungserklärung unterschrieb, bevor der Tag zu Ende ging.

Die Assistenzärzte der Notaufnahme warfen immer wieder Blicke zu Colin Young hinüber, einem der beiden orthopädischen Chirurgen der Klinik. Sie würden sich nach ihm richten, und da Colin anwesend war, stand er dem Projekt wohl positiv gegenüber. Zu Caspars Rechter saß die Pflegedienstleiterin. Er wusste bereits, dass Maxine und damit auch die Schwestern und Pfleger mitmachten. Somit blieben nur noch zwei übrig, die überzeugt werden mussten – die Anästhesistin Dr. Tori Williams und Dr. Annie Simpson, Gynäkologin und Geburtshelferin.

Beide saßen ihm an dem großen ovalen Tisch gegenüber. Dr. Williams schrieb vorgebeugt mit, aber er sah ihr Gesicht nicht und konnte daher nicht beurteilen, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen war. So wandte er sich der Ärztin neben ihr zu.

Dr. Annie Simpson. Patrick Hammond hatte ihm eine kurze Übersicht der Biografien aller Chefärzte der einzelnen Abteilungen geschickt, und er erinnerte sich an das Wenige, was er über Dr. Simpson gelesen hatte.

Geburtshelferin, neunundzwanzig Jahre alt, Single, ausgebildet in Adelaide und seit sechs Monaten am Blue Lake Hospital.

Offensichtlich intelligent und attraktiv – er würde herausfinden müssen, ob Single unverheiratet bedeutete oder dass sie keine feste Beziehung hatte.

Wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er gespannt gewesen war, sie kennenzulernen, nachdem er ihr Foto gesehen hatte. Aber das Foto vermittelte einen falschen Eindruck, wie er jetzt feststellte.

Es zeigte eine attraktive Frau, wurde aber weder ihren schimmernden braunen Haaren noch der makellosen Haut gerecht. Auch nicht den hohen Wangenknochen, die ihrem elfenhaft geschnittenen Gesicht etwas anziehend Apartes verliehen.

Als er eben hinter ihr gestanden hatte, war ihm ein zarter Jasminduft in die Nase gestiegen. Und das Feuer in ihren dunkelbraunen Augen war eine weitere Überraschung für ihn. Annie Simpson bemühte sich erst gar nicht, ihre Ablehnung zu verbergen.

Er hatte vieles erwartet, jedoch nicht eine so leidenschaftliche Abwehr. Sie schreckte ihn nicht ab. Im Gegenteil, er liebte Herausforderungen.

Interessant war auch, dass niemand ihr beisprang, als sie ihre Einwände gegen die Dreharbeiten vorbrachte. Hieß das, dass sie als Einzige dagegen war – oder einfach nur genügend Mumm besaß, ihre Kritik auch zu äußern?

Aus dem Augenwinkel beobachtete er sie. Sie saß aufrecht da, mit durchgedrücktem Rücken, eine zierliche Frau, beherrscht, kontrolliert. Was ihr an Größe fehlen mochte, machte sie durch Courage wett, aber er fragte sich, ob sie ebenso offen gesprochen hätte, hätte sie gewusst, dass er und Gail ihre Worte unfreiwillig mithörten.

Jetzt sah er sie direkt an. Das seidige Haar umrahmte sanft ihr Gesicht. Heller Teint, sinnliche rosa Lippen und dunkle, schokoladenbraune Augen, die seinen Blick unbeirrt erwiderten. Jetzt röteten sich ihre Wangen leicht.

In ihren Augen las er die stumme, aber nachdrückliche Aufforderung, ihr den Nutzen seines Projekts zu beweisen.

Ja, sie hätte ihm ihre Meinung auch offen ins Gesicht gesagt, da war er sich nun sicher. Aber er brauchte sie auf seiner Seite und würde nicht aufgeben, bis er es geschafft hatte.

Caspar hatte seine Gründe, warum er nach Mount Gambier gekommen war. Er hatte das Blue Lake Hospital als Drehort vorgeschlagen, weil es ihm in jeder Beziehung bestens passte. Und er war nicht bereit, einfach dazusitzen und mit anzusehen, wie das Projekt den Bach hinunterging. Es musste realisiert werden, und dazu brauchte er die Unterstützung aller Mitarbeiter des Krankenhauses. Ohne Ausnahme.

Er würde tun, was notwendig war, um Dr. Simpson davon zu überzeugen. Dazu musste er nur herausfinden, was sie wollte. Und wie er es ihr verschaffen konnte.

Caspar lächelte sie an, genau wie früher seine Schwestern, wenn er etwas erreichen wollte. Das hatte immer gewirkt. Doch Annie Simpson erwiderte sein Lächeln nicht. Sie reagierte gar nicht darauf, außer, dass sie den Kopf zur Seite wandte.

Nicht gerade das, was er sich erhofft hatte, aber es war ja noch Zeit. Es musste einfach klappen.

Kaum hatte Gail ihren Vortrag beendet, war Annie schon aus dem Sitzungsraum verschwunden. Sie verspürte nicht das geringste Bedürfnis, sich weiterhin von Caspar kritisch mustern zu lassen. Geschweige denn, irgendwelche Einverständniserklärungen zu unterschreiben. Und sie wollte auch nicht über ihre Gründe diskutieren, warum sie das Filmprojekt ablehnte. Die gingen ihn nichts an. Es genügte, dass er wusste, dass sie kein Interesse daran hatte.

Sie schleppte Tori mit in die Cafeteria, weil sie nach dem Sitzungsstress dringend einen Kaffee brauchte. Immer noch konnte sie das Bild von Caspar in den zerwühlten Laken nicht aus ihrem Kopf vertreiben. Annie war von sich selbst entsetzt. Sie brauchte unbedingt Abstand zu ihm, damit sie diese beunruhigenden Gedanken verscheuchen konnte.

Und um sich wieder auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Leider aber entkam sie dem heißesten Thema des Tages selbst in der Cafeteria nicht. Alle redeten darüber.

Auch Tori. „Was hast du eigentlich gegen ihn?“, fragte sie.

„Es hat nichts mit ihm persönlich zu tun“, versuchte Annie zu erklären. „Mir geht es gegen den Strich, dass ich auf Schritt und Tritt gefilmt werden soll. Ich bin hier, um meinen Job zu machen. Ich schulde es den Patienten, mein Bestes zu geben. Ich habe keine Lust auf Leute, die mir ständig im Weg stehen. Und das schließt ihn mit ein.“

Abgesehen davon war die Vorstellung, eng mit Caspar St. Claire zusammenzuarbeiten, alles andere als verlockend. Auch wenn sie sich dagegen wehrte, in seiner Gegenwart fühlte sie sich seltsam schutzlos und verletzlich. Ein Zustand, den sie fürchtete. Sie wollte nicht, dass ihre Arbeit darunter litt.

„Also, es sieht so aus, als würde er bleiben“, meinte Tori. „Zumindest die nächsten acht Wochen. Er wird für all die Babys verantwortlich sein, die du auf die Welt holst. Du kannst ihm nicht ausweichen. Und ehrlich gesagt, verstehe ich auch nicht, warum du das willst.“

Annie seufzte. „Da hast du wohl recht. Aber ich möchte nicht gefilmt werden. Bestimmt werden die Kameraleute es bald leid sein, immer nur meinen Hinterkopf aufs Bild zu bekommen, und mich dann hoffentlich in Ruhe arbeiten lassen.“

Tori lachte. „Wirklich erstaunlich. Du bist wahrscheinlich die einzige Frau im ganzen Krankenhaus, die sich beschwert, weil sie mit Dr. Sonnyboy zusammenarbeiten soll. Genieß es doch. Sämtliche Frauen der Stadt werden dich beneiden.“

Annie konnte sich nicht vorstellen, auch nur eine einzige Minute mit dem Mann zu genießen, und hätte nur zu gern mit Tori getauscht. Mit jeder anderen. „Ich bin sicher, du bekommst deine Gelegenheit, solange er hier ist. Du kannst doch dafür sorgen, dass du auf dem Dienstplan stehst, wenn gedreht wird. Du bietest dein Gesicht bei den Aufnahmen an, dann werden sie mich nicht mehr brauchen.“

„Ich stehe im OP, mit einer Maske vor dem Gesicht“, murrte Tori und nahm ihren Kaffee. „He, warum trägst du nicht bei der Visite eine Maske, das würde doch dein Problem lösen, oder?“

Annie funkelte Tori nur an und goss sich stumm Milch in den Kaffee. Aber Tori war noch nicht fertig.

„Caspar St. Claire.“ Sie seufzte. „Sogar sein Name klingt nach einem Schauspieler.“

Annie schnaubte. „Wahrscheinlich ein Pseudonym, damit er sich besser anhört. Ehrlich, wer hat denn einen solchen Namen?“

„Gefällt Ihnen mein Name nicht, Dr. Simpson?“

Na toll! Annie schloss die Augen und stöhnte unterdrückt. Wieder hatte er sich herangeschlichen und alles mit angehört. In Zukunft musste sie vorsichtiger sein. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie, dass Tori sich mit Mühe ein Lächeln verkniff. Annie drehte sich um und schaute Dr. Sonnyboy direkt ins Gesicht.

Er dagegen unterdrückte sein Lächeln nicht. Im Gegenteil, er schien sich großartig zu amüsieren. Am liebsten hätte sie mit Ja geantwortet, nur um ihm eins auszuwischen. Aber das wäre gelogen. Ihr gefiel der Name, ein Name, den man nicht so leicht wieder vergaß – wie den Mann, der ihn trug. Ob echt oder nicht, er passte genau zu ihm.

„Sie haben einen beeindruckenden Namen“, gab sie widerstrebend zu. „Allerdings ist er so ungewöhnlich, dass ich mich frage, ob Sie ihn sich ausgedacht haben.“ Sie musste den Kopf heben, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Caspar St. Claire war fast einen Kopf größer als sie.

„Ich gebe zu, er ist ungewöhnlich, kann Ihnen jedoch versichern, dass meine Eltern ihn mir mitgegeben haben. Und nur unter diesem Namen darf ich praktizieren.“

Annie zuckte mit den Schultern. Ein Punkt für ihn.

„So wie es aussieht, muss ich Sie von vielem überzeugen, was mich betrifft, Dr. Simpson.“ Er stand jetzt so dicht vor ihr, dass sein warmer Atem ihr Gesicht streifte. „Gibt es sonst noch etwas, das Sie beunruhigt? Ich möchte Sie wirklich bei diesem Projekt mit an Bord haben. Sie als Geburtshelferin und ich als Kinderarzt werden viel miteinander zu tun haben, und ich denke, wenn wir einen Weg finden, gut zusammenzuarbeiten, ist das für jeden von Vorteil. Sollten wir eventuelle Differenzen nicht klären, solange wir noch die Zeit dazu haben?“

„Sie mögen die Zeit haben, Dr. St. Claire, doch ich muss mich jetzt um meine Patientinnen kümmern.“

Das hatte schnippisch geklungen, aber der Mann kam ihr einfach zu nahe. Die tiefgründigen Augen, sein Atem auf ihrer Haut, die Wärme seines breitschultrigen Körpers … all das verwirrte ihre Sinne. Sie konnte kaum klar denken. Brauchte Distanz. Sofort.

Annie nahm ihren Kaffee, umklammerte dabei den Pappbecher so fest, dass sie ihn beinahe zerdrückt hätte, und bedeutete ihrer Freundin mit einem wenig freundlichen Blick, mitzukommen. Dann marschierte sie los.

„Das war echt unhöflich“, kritisierte Tori sie, während sie mit Annie mühsam Schritt hielt. „Du musst dich gut mit ihm stellen. Kann nämlich sein, dass er sonst dafür sorgt, dass du auf den Aufnahmen wenig vorteilhaft aussiehst.“

„Das würde er nicht wagen!“ Annie blieb stehen.

„Nein, wahrscheinlich nicht“, stimmte Tori ihr zu. „Hättest du Gail zugehört, wüsstest du, dass keiner von ihnen die Absicht hat, irgendjemand von uns in ein schlechtes Licht zu rücken. Sie wollen den Zuschauern einen Einblick in den normalen Alltag eines Krankenhauses bieten. Aber Gails Loyalität wird immer zuerst Caspar gelten. Deswegen rate ich dir, einfach nur nett und freundlich zu sein.“

Annie verfluchte das Schicksal. Wieso hatte die Produktionsfirma ausgerechnet diese Klinik ausgesucht? Sie wollte doch einfach nur ihre Arbeit tun und nicht ständig dabei gefilmt werden. Ambitionen, als Vorzeigeärztin zu glänzen, hatte sie auch nicht.

Andererseits, was schadete es schon, ein bisschen nett zu sein? Besser wäre es allerdings, wenn sie ihm so weit wie möglich aus dem Weg ging.

Was ihr auch für den Rest des Nachmittags gelang. Beinahe jedenfalls.

Denn als sie nach Dienstschluss durch die Eingangshalle ging, fiel ihr Blick auf eine der Lokalzeitungen, die dort auslagen. Ein großes Foto zeigte einen lächelnden Caspar St. Claire. Neugierig griff sie nach dem Blatt, das schon ein paar Tage alt war.

Bei näherem Hinsehen erkannte sie nun auch Caspars Begleiterin, eine hochgewachsene attraktive Blondine, die eine beliebte Unterhaltungsshow im Fernsehen moderierte. Wie magisch angezogen, fing sie an, den Artikel zu lesen. Er begann mit einer Schilderung von Caspars Leben und leitete dann über zum landesweiten Erfolg der Krankenhausserie.

„Na, steht da etwas Interessantes?“

Beim Klang von Caspars warmer tiefer Stimme schreckte sie zusammen. Ihr Blick glitt über seine schmalen Hüften, den flachen Bauch und höher bis zu den breiten Schultern, bevor sie bemerkte, was sie da tat, und ihm schnell ins Gesicht sah. Er lächelte leicht ironisch, als wartete er nur darauf, dass sie abstritt, den Artikel über ihn zu lesen.

Den Gefallen wollte sie ihm nicht tun! „Sie haben mich gestört, ehe ich zu den pikanten Einzelheiten kommen konnte.“

Autor

Emily Forbes
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