Hope - Hoffnung auf das Glück

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Der breitschultrige Matt McCarlson kennt nur den Namen der hinreißenden Fremden, die er auf seinem Land gefunden und die ihr Gedächtnis verloren hat. Doch dann entdeckt er Hopes Foto in der Zeitung. Plötzlich wird ihm klar, wen er da nachts in den Armen gehalten und mit zärtlichen Küssen getröstet hat ...
  • Erscheinungstag 02.12.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733754341
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Sie war auf einer Straße, das wusste sie genau. Strömender Regen. Und pechschwarze Nacht. Durchnässt bis auf die Haut rannte sie, bis sie kaum noch Luft bekam. Wie lange war sie schon unterwegs?

Und war er hinter ihr? Sie schaute über die Schulter und sah nichts als den prasselnden Regen und Dunkelheit. Vielleicht trieb er ja auch ein grausames Spiel mit ihr und blieb außer Sichtweite, um sie jederzeit einzuholen?

Sie spürte, wie sie panisch wurde und rannte schneller. Ihre Kräfte schwanden. Wenn sie sich doch nur ein wenig ausruhen könnte! Nein, sie musste weiter, denn sie war auf der Flucht vor dem Schrecklichsten, was sie je erlebt hatte.

Käme doch nur jemand vorbei. Ein Streifenwagen vielleicht. Doch es war sinnlos, auf Rettung zu hoffen.

Und dann, so plötzlich, dass sie fast erstarrt wäre, tauchte ein Lichtschein vor ihr auf. Er war nicht nah und schien im sintflutartigen Regen zu schwanken. Eine Lampe? Ein Haus, in dem Menschen wohnten, die ihr helfen würden?

Ohne zu zögern rannte sie direkt auf das Licht zu und merkte erst nach einigen Sekunden, dass sie zwischen Dornenbüsche geraten war. Ihre Brust schien zu brennen, die rechte Hüfte schmerzte, und die Beine protestierten bei jedem Schritt. Aus fester Erde war Schlamm geworden, und sie fiel mehrmals hin.

Aber das Licht machte ihr Hoffnung. Kurz darauf spürte sie wieder festen Boden unter den Füßen, eine Straße, eine andere als die, auf der sie zuvor gewesen war. „Danke“, flüsterte sie, denn auf einmal hatte sie das Gefühl, dass diese Straße sie in die Sicherheit führen würde.

Keuchend rannte sie die kleine Anhöhe hinauf. Der Schlamm hatte den Boden spiegelglatt gemacht. Sie hatte es fast geschafft, als sie den Halt verlor und nach hinten fiel. Sie prallte mit dem Kopf gegen einen Zaunpfahl, verlor das Bewusstsein, landete auf dem Rücken, und der Regen prasselte gnadenlos auf ihren leblosen Körper und das verschlammte Gesicht.

Matt McCarlson hatte den Regen die ganze Nacht hindurch gehört. Bei Tagesanbruch goss es noch immer in Strömen. Grimmig zog er sich an, um nachzusehen, welche Schäden das Unwetter angerichtet hatte. Die gelbe Öljacke und der breitkrempige Hut boten nicht viel Schutz, als er zum Stall ging, um Dex zu satteln. Bei einem solchen Wetter ließ sich die Ranch nur zu Pferd inspizieren.

Es war so schlimm, wie er vermutet hatte. Wo das Wasser schon abgelaufen war, hatte es eine Schlammwüste hinterlassen. Vorsichtig lenkte Matt sein Pferd um die Äste herum, die der Sturm von den Bäumen gerissen hatte. Die sonst so gemächlich fließenden Bäche waren über die Ufer getreten.

Kopfschüttelnd wendete er das Pferd und ritt zum Haus zurück. Es regnete unaufhörlich. Er würde seinem Vorarbeiter Chuck Crawford sagen, dass die Männer heute frei hatten. Matt hatte schon fast den Stall erreicht, als ihm einfiel, dass er die Post von gestern noch nicht aus dem Kasten an der Straße geholt hatte. Vermutlich wieder Rechnungen, dachte er trocken, während er die Einfahrt entlangritt.

Als Matt sich von seinem Pferd aus hinabbeugte, um in den Kasten zu greifen, fiel sein Blick auf etwas Dunkles. „Was zum Teufel?“, murmelte er. Da, im schlammigen Wasser lag reglos ein Mensch, über und über mit Schlamm bedeckt.

Wie war die Person hergekommen? Matt konnte nirgendwo einen Wagen sehen. Die McCarlson-Ranch war meilenweit von Hawthorne und der nächsten Ranch entfernt.

Matt stieg aus dem Sattel und schaute sich den leblosen Körper genauer an. Es war eine Frau! Eine Frau, die er nicht kannte. Hatte sie einen Unfall gehabt? Oder eine Reifenpanne?

Er musste feststellen, ob sie lebte. Zögerlich ging er in Hocke. Er war immerhin Rancher, kein Sanitäter.

Und dann entdeckte er das Blut in der schlammigen Brühe neben ihrem Kopf. Hastig zog er den rechten Handschuh aus und tastete nach dem Puls. Er fand ihn und seufzte erleichtert.

„Ma’am? Miss? Können Sie mich hören?“, rief er und überlegte, wie er die Frau in sein Haus transportieren sollte, wenn sie nicht zu sich kam.

Wer weiß, welche Verletzungen sie hatte, da konnte er sie ja schlecht wie einen Kartoffelsack quer über den Sattel legen. Es ging nicht anders: Er musste seinen Geländewagen holen.

„Miss, ich muss ein paar Minuten fort, aber Sie brauchen keine Angst zu haben, okay? Ich werde nur kurz meinen Wagen …“

Er brach ab, als sie die Augen aufschlug.

„Hallo“, sagte er sanft. Sie starrte ihn an, erwiderte jedoch nichts. „Warten Sie.“ Matt zog die Öljacke aus und deckte sie damit zu. Ihre Augen waren blau, ein wunderschönes Blau, aber sie blickten matt und ausdruckslos.

„Können Sie mich hören?“, fragte er. „Tut Ihr Kopf weh? Oder etwas anderes?“

„Nein“, flüsterte sie.

„Ihr Kopf tut nicht weh?“

„Vielleicht ein wenig. Hinten.“

„Ich frage das, weil ich Sie ins Haus bringen will. Aber ich möchte Sie nicht bewegen, wenn ich Ihre Verletzungen dadurch verschlimmere.“

Sie schloss die Augen. „Bitte, lassen Sie mich einfach nur schlafen.“

„Nein! Sie müssen wach bleiben“, entgegnete Matt scharf, und ihre Lider zuckten wieder hoch. „Ich bringe Sie ins Haus, verstehen Sie?“ Sie brauchte Wärme, trockene Kleidung und einen Arzt. Und zwar so schnell wie möglich.

Matt traf eine Entscheidung.

„Keine Angst“, sagte er. „Ich werde Sie jetzt ins Haus tragen. Bewegen Sie sich nicht, ich mach das schon.“

Sie wehrte sich nicht, als er sie auf die Arme nahm. Langsam trug er sie den Weg entlang. Gott sei Dank war sie nicht besonders schwer. Dennoch – als er endlich das Haus erreichte, tat ihm alles weh, vor allem der Rücken.

„Wir sind da“, keuchte er und tastete nach dem Türknauf.

Er trug sie in das erstbeste Schlafzimmer und legte sie behutsam aufs Bett. Himmel, die Frau war verletzt, durchnässt und von Kopf bis Fuß mit Schlamm bedeckt. Zu ihrem schlechten körperlichen Zustand kam die Apathie. Sicherlich stand sie unter Schock. Matt wünschte, außer ihm und den Cowboys wäre eine Frau auf der Ranch, denn jemand musste ihr die klitschnassen verdreckten Sachen ausziehen.

„Okay“, sagte er leise. „Als Erstes rufe ich den Doc an. Adam Pickett ist ein guter Arzt. Und ein Freund. Ich bin gleich wieder da.“ Er nahm ihr die Öljacke ab und deckte sie mit einer warmen Decke zu. „Bleiben Sie wach.“ Er eilte in die Küche.

Er riss den Hörer von der Gabel. Kein Freizeichen. Der Sturm musste die Leitung beschädigt haben.

„Verdammt!“ Matt schaltete das Licht ein. Immerhin, Strom war noch da.

Zurück im Gästezimmer sah er voller Erschrecken, dass die Frau entweder eingeschlafen oder wieder in Ohnmacht gefallen war. Oder gestorben? Nein! So schlimm waren die Verletzungen doch nicht, oder?

Er eilte ans Bett, fühlte ihr den Puls und stellte überrascht fest, dass er stärker pochte als vorhin. Was sollte er jetzt tun?

Der Schlamm in ihrem Haar wurde bereits zu einer Kruste. Er würde ihn entfernen müssen, bevor er die Wunde an ihrem Kopf versorgte. Vorsichtig zog er die Decke ein Stück nach unten. Wäre sein Schützling ein Mann, würde er keine Sekunde zögern, ihm die nassen Sachen auszuziehen.

Aber eigentlich spielte das jetzt doch keine Rolle, oder? Die Frau war in Not, ein Mensch, der allein und verletzt war. Würde es ihm etwas ausmachen, wenn eine unbekannte Frau ihn unter solchen Umständen auszog?

Natürlich nicht. Er musste für sie tun, was er konnte, bis er Doc Pickett erreichte.

Entschlossen ging Matt davon, um warmes Wasser, Waschlappen und Handtücher zu holen. Und den Erste-Hilfe-Kasten.

Eine Stunde später stand Matt in der Küche und starrte brütend aus dem Fenster über der Spüle. Er hatte ein mulmiges Gefühl im Magen, das der Anblick von Ms. X im Gästezimmer bei ihm hinterlassen hatte. Bevor er die Frau ausgezogen und gewaschen hatte, war sie nur ein hilfloses Opfer gewesen. Sicher, ihm war nicht entgangen, dass sie sehr attraktiv war. Sie war jung und hübsch, und ihr Körper war … na ja, perfekt, ein anderes Wort gab es dafür nicht. Volle Brüste, eine schmale Taille, lange Beine und ein wohlgeformter fester Po.

He, was sollte das? Es war ja wohl nicht der richtige Zeitpunkt, von ihrem sinnlichen Aussehen zu schwärmen. Wichtig war jetzt nur, dass die Frau wieder einigermaßen sauber und die Wunde, die er unter ihrem dunkelbraunen Haar entdeckt hatte, versorgt war. Matt hatte es geschafft, ihr einen Jogginganzug anzuziehen. Der war ihr zwar viel zu groß – sie war mindestens einen Kopf kleiner als er. Aber wenigstens würde sie nicht nackt aufwachen und frieren.

„Verdammt“, murmelte er zum wiederholten Mal und warf dem Telefon einen wütenden Blick zu. Die Leitung war noch immer unterbrochen, und nur der Himmel wusste, wie lange die Ranch noch von der Außenwelt abgeschnitten sein würde.

Wer war sein rätselhafter Gast? Woher war die Frau gekommen? Wie hatte sie es bis zur Ranch geschafft? Wie lange hatte sie im Regen gelegen? Und was war mit den blauen Striemen an ihren Handgelenken? Hatte jemand sie gefesselt?

War es etwa möglich, dass einer seiner Männer sie mit auf die Ranch gebracht hatte, um ihr etwas anzutun? Hatte sie sich befreien können? Nein, Matt wollte nicht glauben, dass einer der Cowboys, die hier mit ihm lebten und arbeiteten, zu so etwas fähig war. Aber es könnte eine Erklärung sein.

Wie würde sie reagieren, wenn sie wieder zu sich kam? Würde sie ihm dankbar sein? Oder würde sie hysterisch werden, wenn sie begriff, dass sie sich in einem fremden Haus befand? Und dass ein ebenso fremder Mann sie ausgezogen und den Schlamm von ihrem nackten Körper gewaschen hatte?

Matt seufzte schwer.

Plötzlich sah er Chuck aufs Haus zukommen. Sein Vorarbeiter hielt etwas in der Hand, und als er Matt bemerkte, grüßte er lässig.

„Was für ein miserabler Morgen“, knurrte er, als er die Küche betrat.

„Das Telefon ist tot“, erwiderte Matt. „Und wahrscheinlich fällt als Nächstes der Strom aus. Was hast du da?“

„Eine Damenhandtasche. Und die Post und die Zeitung von gestern.“

Chuck legte die Post und die Zeitung auf den Tisch, bevor er Matt die Tasche reichte. „Was meinst du, wo die herkommt? Ist ziemlich viel drin, ich hab schon nachgesehen.“

Matt öffnete die Tasche und nahm das Portmonee heraus. Er klappte es auf und entdeckte einen Führerschein, der in Massachusetts ausgestellt worden war. Das Foto zeigte die Frau, die er gerettet hatte. „Ihr Name ist Hope LeClaire“, sagte er leise.

„Wessen Name ist Hope LeClaire?“, fragte Chuck neugierig.

Matt schob die Brieftasche zurück und stellte die Tasche auf den Tisch. Dann sah er den Vorarbeiter an und erzählte ihm, was am Morgen passiert war.

Chuck war fünfzig, hatte sein ganzes Leben als Cowboy gearbeitet, ein freundlicher und loyaler Mann. Er hatte viel durchgemacht und war durch kaum etwas, das zwischen Himmel und Erde geschah, zu überraschen. Das Einzige, was ihn an der Geschichte störte, waren die Striemen an Hope LeClaires Handgelenken.

„Das könnte eine ernste Sache sein, Matt“, sagte er.

„Glaube ich auch. Chuck, wir können nur raten, was ihr gestern Abend zugestoßen ist. Aber wie zum Teufel ist sie hergekommen, zu Fuß und in einem der schlimmsten Unwetter seit Jahren?“

„Hast du sie gefragt?“

„Nein. Sie hat nicht viel gesagt und wirkte verwirrt. Ich dachte mir, sie steht unter Schock, da wollte ich sie nicht mit Fragen belasten.“

„Wenn sie das nächste Mal die Augen aufmacht, solltest du es tun.“ Chuck ging zur Tür. „Die Männer sind in der Unterkunft. Gibt es etwas, das du erledigt haben willst?“

„Nicht in diesem Regen. Sag ihnen, Mutter Natur hat ihnen einen freien Tag gegönnt. Wenn sie es in die Stadt schaffen, können sie ihn vielleicht sogar genießen.“

Chuck schüttelte den Kopf. „Die Straße ist überflutet, stellenweise sogar ganz weg.“

„Bist du sie abgeritten?“

„Bis zum Damm.“

„Du hast nicht zufällig ein liegen gebliebenes Fahrzeug gesehen?“

„Nein. Bis später.“ Chuck ging hinaus.

Rastlos wanderte Matt im Haus umher, bis er den Mut fand, nach Hope LeClaire zu sehen. Sie war wach und schaute ihm mit großen Augen entgegen.

„Hi“, sagte er so fröhlich wie möglich. „Wie fühlen Sie sich?“

Sie zögerte. „Ganz gut, glaube ich. Aber wo bin ich?“

„Ich bin Matt McCarlson, und Sie sind auf meiner Ranch.“

„Und die ist … wo?“

Matt runzelte die Stirn. „In Texas.“

„Kennen wir uns?“

„Angesichts der Tatsache, dass ich Sie vor ein paar Stunden zum ersten Mal gesehen habe, kann ich nicht gerade sagen, dass wir alte Freunde sind“, erwiderte er trocken, während in ihm eine böse Vorahnung aufstieg. „Kann es sein, dass Sie Probleme haben, sich an bestimmte Dinge zu erinnern?“

„Ich … kann mich an gar nichts erinnern“, flüsterte sie. „Nicht einmal an meinen Namen.“

Sollte er ihr glauben? Matt war siebenunddreißig, kein naiver Teenager mehr. Und er war misstrauisch, wenn es um das andere Geschlecht ging. Dafür hatte seine auf tragische Weise gescheiterte Ehe gesorgt, und selbst riesige blaue Augen und ein hinreißender Körper änderten nichts an seiner Einstellung.

Er dachte an die Handtasche in der Küche. „Warten Sie“, sagte er. „Es gibt da etwas, das Sie sehen sollten.“

Eine Minute später kehrte er mit der Tasche zurück. „Ich nehme an, die gehört Ihnen?“

Hope nahm die Tasche. Sie war aus schwarzem Leder und recht elegant, aber sie erkannte sie nicht wieder. War es ihre? Enthielt die Tasche etwas, das ihr verraten würde, wer sie war?

„Schauen Sie in die Brieftasche“, forderte Matt sie auf.

Hope sah Matt McCarlson an. Er war groß und kräftig gebaut, ein auf natürliche Weise attraktiver Mann mit kastanienbraunem Haar und braunen Augen. Wenn sie sich nicht kannten, warum war sie hier, auf seiner Ranch, noch dazu im Bett? Sie war verwirrt und verängstigt, kurz davor, die Fassung zu verlieren. Aber sie durfte jetzt nicht in Panik geraten, denn wenn sie das tat, würde sie die unzähligen Fragen, die sie quälten, vielleicht nie beantworten können.

Zum Beispiel die, warum dieser Mann sie nicht ernst zu nehmen schien. Sie hatte ihm gesagt, dass sie sich an nichts erinnerte, nicht einmal an ihren Namen, doch offenbar glaubte er ihr nicht.

Mit zitternden Fingen nahm sie die Brieftasche heraus und starrte auf das Foto im Führerschein, bis ihr bewusst wurde, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie aussah.

„Ist das ein Foto von mir?“, fragte sie.

„Das soll ein Scherz sein, richtig?“

„Wenn Sie das glauben … haben Sie einen eigenartigen Sinn für Humor“, entgegnete sie kühl. Sie hob die Decke an. „Dort drüben ist ein Spiegel. Ich stehe jetzt auf und sehe selbst nach.“

„Bleiben Sie liegen“, knurrte Matt. „Ich bringe Ihnen einen Handspiegel.“

„Warum soll ich liegen bleiben?“

„Weil Sie vielleicht umfallen, wenn Sie aufstehen.“ Er eilte hinaus.

Hope sah ihm nach. Warum lag sie überhaupt im Bett? Nun ja, ihr Kopf schmerzte ein wenig. War sie gestürzt? Vorsichtig tastete sie über das Haar und fühlte einen Verband.

Ängstlich schaute sie sich in dem fremden Zimmer um. Angeblich war sie erst seit ein paar Stunden hier. Wo war sie vorher gewesen? Der Führerschein stammte aus Massachusetts. Was hatte sie bitte in Texas verloren, wenn sie an der Ostküste zu Hause war? Und wie war sie ausgerechnet auf einer Ranch gelandet?

Sie atmete mehrmals tief durch, bekam ihre Gefühle wieder in den Griff und betrachtete gerade das Foto, als Matt hereinkam und ihr einen Spiegel reichte.

Hope schaute hinein. Blaue Augen. Dunkles Haar. Es war das Gesicht auf dem Foto.

„Ich bin es“, sagte sie leise und biss sich auf die Lippe. „Ich bin Hope LeClaire.“

„Ihren Namen zu kennen hilft nicht?“ Matt fing langsam an, ihr zu glauben. Wie gingen Ärzte mit Gedächtnisverlust um? Was konnte er als Laie tun?

„Nein. Es hilft nicht.“ Hastig zog sie einige Karten aus der Brieftasche. „Das sind Kreditkarten. Hier, sehen Sie, eine Karte auf der steht, dass man im Notfall meine Mutter Madelyn LeClaire verständigen soll. Eine Telefonnummer steht auch drauf.“

„Das Telefon ist wegen des Sturms ausgefallen.“

„Ein Sturm?“

„Seit gestern.“

„Dann kann ich Madelyn wohl nicht verständigen, was? Aber wenn sie meine Mutter ist und ich mit Nachnamen LeClaire heiße, bin ich wohl nicht verheiratet.“

„Es gibt Ausnahmen. Ein Beruf, in dem man lieber seinen Mädchennahmen führt, zum Beispiel.“

„Machen Sie es mir nicht noch schwerer, als es schon ist“, bat sie.

Matt war es nicht gewohnt, getadelt zu werden, und straffte sich unwillkürlich. „Vergessen Sie es einfach. Haben Sie Hunger?“

Hope überlegte. „Ja, ich glaube, das habe ich.“

„Suppe und ein Sandwich?“

„Was immer Sie haben.“

„Milch, Kaffee oder Tee?“

„Heißen Tee, bitte.“

Matt McCarlson verließ den Raum, und Hope seufzte verzweifelt. Ihr war danach, sich die Augen auszuweinen, aber war würde das schon nützen?

Angstvoll schaute sie in die Handtasche, aber alles, was sie fand, waren Kosmetika, eine Tafel Schokolade, ein Buch mit Kreuzworträtseln und ein Kugelschreiber.

Sie ließ sich aufs Bett zurückfallen und starrte an die Decke. Sie hieß Hope LeClaire und lebte in Massachusetts. Was um alles in der Welt tat sie in Texas? Und warum lag sie im Bett eines Mannes, der sie erst seit wenigen Stunden kannte?

Die Panik ließ sich nicht mehr unterdrücken.

Am ganzen Körper zitternd drehte sie sich auf die Seite, vergrub den Kopf unter dem Kissen und weinte.

2. KAPITEL

In der Küche setzte Matt das Teewasser auf, probierte das Telefon, und als er den Hörer mit einem verärgerten Laut auflegte, fiel sein Blick auf die Post und die Zeitung auf dem Tisch. Er griff nach der Zeitung, um den Wetterbericht zu lesen, kam jedoch nicht weiter als bis zur Titelseite.

Die Schlagzeile verkündete, dass die Stockwell-Erbin vermisst wurde.

Rasch überflog er den Artikel. Der Name der Erbin war Hope LeClaire, und ihr letzter bekannter Aufenthaltsort war der Flughafen von Grandview in Texas. Die Fluggesellschaft war sicher, dass sie dorthin geflogen war, aber niemand hatte sie nach der Landung ihrer Maschine gesehen. Die Stockwells hatte eine Belohnung von fünfzigtausend Dollar für Hinweise auf ihren Verbleib ausgesetzt, und die Zeitung kündigte an, in der nächsten Ausgabe ein Foto der verschwundenen Erbin abzudrucken.

„Na, großartig“, murmelte Matt. „Genau, was ich brauche. Noch eine reiche Frau, die mein Leben auf den Kopf stellt.“

Er war mit einer Frau verheiratet gewesen, die reich geboren und reich gestorben war. Schon nach kurzer Zeit war sie das harte Leben auf der Ranch leid gewesen und hatte sich nach der feinen Gesellschaft von Texas zurückgesehnt. Matt hatte ihr geholfen, ihre Sachen in ihren Wagen zu laden, als sie ihn wegen des Sohns einer Bankiersfamilie verlassen wollte.

Sie stritten sich. Ein Jeep voller betrunkener Teenager kam vorbeigerast. Matt versuchte, seine Frau zur Seite zu reißen, aber einer der Insassen jagte ihm eine Ladung Schrot ins Bein. Während Matt zu Boden stürzte, krachte der Jeep in ihren Wagen. Die Teenager überlebten es nicht. Ebenso wenig wie Trisha.

Matt hatte nie aufgehört, sich Vorwürfe zu machen. Und er hatte sich geschworen, nie wieder eine Frau in seine Nähe zu lassen – erst recht keine reiche, denn Trishas Lebensstil hatte bei ihm einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen.

Und was war aus seinem Vorsatz geworden? In seinem Gästezimmer lag eine Millionenerbin, und er war dabei, ihr Tee, Suppe und Sandwichs zu machen. Der Sturm wütete noch immer, die Straßen waren unpassierbar, und das Telefon funktionierte nicht.

Sicher, fünfzigtausend Dollar waren nicht zu verachten. Damit könnte er die überfälligen Raten auf die Hypothek und die Schulden bei den Kaufleuten in Hawthorne bezahlen. Die einzigen Rechungen, die er stets mühsam beglich, waren die der Versorgungsunternehmen, denn ohne Strom und Telefon wäre die Ranch verloren. Chuck mitgerechnet hatte er nur halb so viele Cowboys wie früher, und die arbeiteten überwiegend für Kost und Logis. Und das auch nur aus Loyalität.

Die McCarlson-Ranch war profitabel gewesen, bis eine Seuche im letzten Jahr den Großteil der Rinder dahingerafft und jeden zweiten Rancher an den Rand des Ruins gebracht hatte. Matt gehörte dazu. Die Zeiten waren hart, und er fragte sich, wie lange er noch durchhalten konnte.

Er könnte die von den Stockwells ausgesetzte Belohnung gut gebrauchen, aber bevor er jemandem von Hope erzählte, musste er herausfinden, was ihr zugestoßen war. Geld war nicht alles. Vielleicht wollte sie gar nicht gefunden werden? Vielleicht war ihr Gedächtnisverlust nur ein Trick, um von den Stockwells wegzukommen …?

Nein, er würde ihr den Artikel zeigen. Matt wärmte eine Dosensuppe auf, machte das Sandwich und legte auch die Zeitung auf das Tablett.

In der Tür des Gästezimmers blieb er stehen. Hope schluchzte so heftig, dass ihre Schultern bebten.

Matt schluckte. Falls sie den Gedächtnisverlust nur vortäuschte, musste sie einen triftigen Grund haben. Und falls nicht, war sie nicht in der Verfassung, in der Zeitung über sich zu lesen. Unauffällig ließ Matt die Zeitung zu Boden fallen, betrat das Gästezimmer und stellte das Tablett auf die Kommode.

„Hope?“ Er setzte sich auf die Bettkante und legte eine Hand auf ihre Schulter. „Kommen Sie“, sagte er sanft.

Hope fühlte seine große warme Hand und wunderte sich, wie sehr die Berührung sie beruhigte. „Tut mir leid“, wisperte sie.

„Gibt es etwas, das Ihnen leid tun müsste?“

„Ich habe mich Ihnen aufgedrängt.“

„Das Bett stand ungenutzt herum, und ich wohne allein in diesem Haus, also nehmen Sie niemandem Platz weg.“

„Deshalb müssen Sie noch lange keine Streuner aufnehmen“, murmelte sie und rang sich ein mattes Lächeln ab. „Darf ich … Ihnen ein paar Fragen stellen?“

Matt holte das Tablett. „Setzen Sie sich auf. Sie müssen erst Mal etwas essen.“

Hope gehorchte, er stellte ihr das Tablett auf den Schoß, und sie begann zu essen.

Er nahm sich einen Stuhl und sah ihr zu. „Sie haben Appetit. Das ist ein gutes Zeichen.“

„Sie heißen Matt?“

„Matthew McCarlson. Aber alle nennen mich Matt.“

„Und das hier ist eine … Rinderfarm?“ Er nickte. „In Texas? Wo genau in Texas?“

„Die nächste Großstadt ist Dallas, der nächste Ort Hawthorne. Schon mal gehört?“

„Nein. Habe ich an ihre Tür geklopft?“, fragte sie.

„Sie erinnern sich nicht?“

„Nur daran, dass ich in diesem Bett aufgewacht bin“, erwiderte sie so leise, dass es Matt kalt den Rücken herunterlief. Er glaubte ihr, auch wenn er nicht wusste, warum er es tat. Vielleicht weil sie so überzeugend geweint hatte. Oder weil ihr Gedächtnisverlust so glaubwürdig wirkte. Warum auch immer, er war sicher, dass sie ihm nichts vorspielte. Hope LeClaire wusste so wenig über ihre Vergangenheit wie er. Eigentlich noch weniger, denn er hatte den Zeitungsartikel über ihr Verschwinden gelesen.

„Nein“, widersprach er sanft. „Sie haben nicht an meine Tür geklopft. Ich habe Sie heute Morgen im Schlamm neben dem Briefkasten gefunden.“ Entsetzt starrte sie ihn an. „Ich habe Sie ins Haus getragen und ins Bett gelegt. Dann wollte ich einen Arzt rufen, aber das Telefon funktioniert nicht.“

„Sie haben mich ins Bett gelegt? Aber … was ich anhabe, sind doch nicht meine Sachen. Haben Sie mich ausgezogen, oder hat eine Frau es für Sie getan?“

„Auf dieser Ranch gibt es keine Frau. Sie waren vollkommen durchnässt. Mir blieb keine andere Wahl, also muss es Ihnen nicht unangenehm sein.“

Hope legte den Löffel hin und presste die Fingerspitzen an die Schläfen. „Das hier kann nur ein Alptraum sein.“

„Ich kann verstehen, dass Sie sich so fühlen“, sagte Matt. „Aber ich habe Ihnen die Wahrheit erzählt. Sie waren bewusstlos und klitschnass. Und Sie hatten eine Verletzung am Kopf, die vermutlich auch der Grund für die Amnesie ist.“

Hope schluckte. „Amnesie?“, flüsterte sie.

„Ja, so würde ich Ihren Gedächtnisverlust nennen. Natürlich kann Doc Pickett zu einer anderen Diagnose gelangen. Sobald das Telefon wieder funktioniert, werde ich ihn anrufen.“

„Bitte nehmen Sie das Tablett weg“, sagte sie dumpf.

„Ich bringe es in die Küche.“

„Haben Sie eine Ahnung, wie ich hergekommen bin? Haben Sie in der Nacht ein Auto gehört? Oder haben Sie heute Morgen eins gesehen?“

„Nein, Hope“, erwiderte er bedauernd. „Ich habe absolut keine Ahnung, wie sie auf diese Ranch gekommen sind.“ Er ging hinaus.

Hope lag einen Moment reglos da, bevor sie vorsichtig aufstand. Ihr war schwindlig, und die Beine schmerzten, als hätte sie Muskelkater. „Seltsam“, flüsterte sie, als neue Fragen auf sie einstürmten.

Sie ging ans Fenster. Es regnete in Strömen. Das Haus, in dem sie sich befand, und die anderen Gebäude waren von riesigen Pfützen umgeben. Und dahinter … nichts. Nichts als endloses Land, das einer Seenplatte glich.

„Mein Gott … Wie bin ich hergekommen?“ Jemand musste sie in diese Einöde gefahren haben … und aus dem Wagen geworfen haben. Aber warum sollte jemand so etwas tun?

Aber es gab noch eine andere Erklärung. Sie hatte entsetzlich Muskelkater. Möglicherweise war sie gelaufen.

Aber woher? Hope verließ das Schlafzimmer und schaute unschlüssig nach beiden Seiten.

Als sie kurz darauf die Küche betrat, drehte Matt sich überrascht um. „Sind Sie sicher, dass Sie kräftig genug sind, um schon aufzustehen?“

Hope winkte ab. „Ich habe Kopfschmerzen und Muskelkater, das ist alles. Kann ich mit Ihnen reden?“

Autor

Jackie Merritt
Seit 1988 ihre erste Romance veröffentlicht wurde, schreibt Jackie Merritt hauptberuflich. Sie ist fest davon überzeugt, dass jeder, der ein bisschen Kenntnis von Sprache und Grammatik hat, ein Buch verfassen kann. Die Voraussetzung ist allerdings, dass man sehr viel Disziplin aufbringen kann. Die ersten Seiten sind leicht – bis zum...
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