Ich liebe dich heißt Je t'aime

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Julias Herz schlägt höher, als Dr. Bernard Capelle sie nach einer gelungenen OP zu einem Drink einlädt. Dabei sollte sie sich auf ihre Karriere konzentrieren - und nicht von romantischen Nächten mit dem Topchirurgen träumen, die niemals Wirklichkeit werden können …


  • Erscheinungstag 20.03.2021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751505994
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Leicht nervös blickte Julia sich unter den anderen Kursteilnehmern um. Schon als Kind hatte sie geübt, selbstsicher aufzutreten, um sich gegen ihre drei älteren Brüder durchsetzen zu können, doch ihrem Exmann Tony war es trotzdem gelungen, ihr Selbstbewusstsein nachhaltig zu zerstören. Seitdem tat sie alles, um es wieder aufzubauen, bisher allerdings mit eher mäßigem Erfolg.

Aus diesem Grund hatte sie sich auch spontan zu dem Fortbildungsseminar für orthopädische Chirurgen in Frankreich angemeldet, als sich ihr die Möglichkeit dazu geboten hatte. Und das nicht nur, weil sie es für eine gute Gelegenheit hielt, sich weiterzubilden, sondern auch, weil das Seminar in jenem Küstenort stattfand, in dem sie in ihrer Kindheit viele Sommer verbracht hatte.

Schon als sie im Taxi den Berg hinunter nach St. Martin-sur-Mer gefahren war, hatte sie gewusst, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Der Anblick der leicht hügeligen Sanddünen, die sich bis zum Meer erstreckten, und der kleinen, typisch französischen Hotels, Straßencafés, Läden und Wohnhäuser hatte überwältigende nostalgische Erinnerungen in ihr ausgelöst. Sie war beinahe so aufgeregt gewesen wie damals, als sie mit ihren Eltern und Brüdern jeden Sommer für zwei Wochen hergekommen war.

Jäh kehrte Julia wieder in die Gegenwart zurück, als der prominente Professor für orthopädische Chirurgie den Saal betrat. Unwillkürlich hielt sie die Luft an. Wow! Dieser Bernard Capelle war wesentlich jünger, als sie erwartet hatte, und sah obendrein umwerfend gut aus. Gleichzeitig wunderte sie sich über sich selbst, denn es war schon lange her, dass sie solche Dinge an einem Mann bemerkt hatte.

Professor Capelle war nicht nur überaus attraktiv, er strahlte auch jenes Selbstbewusstsein aus, das sie so dringend zurückerlangen wollte. Und hätte Tony nicht jeglichen Wunsch nach einer neuen Beziehung restlos in ihr zerstört, hätte dieser Bernard Capelle ihr durchaus gefährlich werden können.

Unsinn! schalt sie sich streng. Sie würde sich nicht einmal dazu hinreißen lassen, von ihm zu träumen. In den kommenden sechs Monaten würde sie sich voll und ganz auf ihre Fortbildung konzentrieren und ihre Energie nicht auf einen unerreichbaren Mann verschwenden, der von ihr sicher nicht einmal Notiz nehmen würde.

Der Professor ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen und räusperte sich.

„Herzlich willkommen, meine Damen und Herren. Ich hoffe …“

Bernard Capelle begann seine Begrüßungsansprache, indem er alle Kursteilnehmer im Hopital de la Plage begrüßte, dem Lehrkrankenhaus, in dem sie in den nächsten sechs Monaten zusammenarbeiten würden. Wie er erklärte, bestand ihre Fortbildung darin, orthopädische Operationen zunächst theoretisch zu analysieren, bevor sie im Operationssaal assistieren und später selbst operieren durften. Außerdem erwartete man von ihnen, dass sie die pre- und postoperative Versorgung ihrer Patienten übernahmen und bei Bedarf auch in Urgences, der Notaufnahme, arbeiteten.

Julia machte sich Notizen, merkte jedoch bald, dass sie alle Punkte, die Professor Capelle anführte, bereits in dem Informationsmaterial gelesen hatte, das sie vor ihrer Anmeldung sorgfältig studiert hatte. So lehnte sie sich auf ihrem unbequemen Stuhl zurück und konzentrierte ihre Aufmerksamkeit auf den Mann, der ihr und ihren Kollegen ein erweitertes Wissen vermitteln und ihnen damit die Möglichkeit bieten würde, sich zu hoch qualifizierten orthopädischen Chirurgen zu entwickeln.

Wie Dr. Capelle erklärte, hatte er die zehn Kursteilnehmer anhand ihrer Bewerbungen und bisherigen Erfahrungen ausgewählt. Er war zuversichtlich, dass jeder sich in den folgenden sechs Monaten alle Mühe geben würde, um das gewünschte Ziel zu erreichen.

„Ist es in Ordnung, wenn ich Französisch spreche, Dr. Montgomery?“, wandte er sich auf Englisch, wenn auch mit starkem, aber charmantem Akzent an Julia, die in der ersten Reihe saß.

Es war ihr höchst unangenehm, plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Alle schienen auf ihre Antwort zu warten. Sie schluckte. „Ja – ja, natürlich. Meine Mutter ist Französin, mein Vater Engländer, so bin ich zweisprachig aufgewachsen.“

„Dann werde ich bei Französisch bleiben, wenn es Sie nicht stört.“ Bernard Capelle betrachtete sie forschend. „Und es macht Ihnen nichts aus, die einzige weibliche Kursteilnehmerin zu sein?“

Unwillkürlich setzte Julia sich ein wenig auf. „Nicht im Mindesten. Ich bin mit drei älteren Brüdern aufgewachsen und habe schon früh gelernt, mich durchzusetzen.“

Beifälliges Gelächter war zu hören. Julia verspürte ein nervöses Flattern im Magen, ließ sich jedoch nichts anmerken. Sie wünschte nur, Bernard Capelle würde seine Aufmerksamkeit wieder auf eine andere Person lenken.

„Dann ist es ja gut“, meinte er.

„Wie kommt es eigentlich, dass es so wenige weibliche orthopädische Chirurgen gibt?“, fragte einer der Kursteilnehmer.

Dr. Capelle rieb sich nachdenklich das Kinn. „Gute Frage. Vielleicht deshalb, weil Knochenchirurgie doch einige Kraft erfordert? Wie denken Sie darüber, Dr. Montgomery?“

Julia straffte die Schultern. „Es überrascht mich, dass ich die einzige Frau hier bin“, erwiderte sie so gelassen wie möglich. „Ich habe bisher auch nicht die Erfahrung gemacht, dass weibliche orthopädische Chirurgen irgendwie benachteiligt wären. Bei einer Operation sind die Patienten normalerweise narkotisiert … ich meine, sie werden nicht handgreiflich oder so …“

Ihre Stimme verlor sich in einem Murmeln, als auch ihr restliches Selbstbewusstsein sich verflüchtigte.

Erneut meldete sich der andere Kursteilnehmer zu Wort. „Und da ist immer ein großer starker Arzt, der um eine zerbrechliche kleine Ärztin herumscharwenzelt in der Hoffnung, dass sie ihn um Hilfe bittet und er seine Muskelkraft unter Beweis …“

Das Ende seines Satzes ging in lautem Gelächter unter. Julia fand es nicht sehr witzig. Sie wartete, bis die Gruppe sich wieder beruhigt hatte, und fuhr dann in akzentfreiem Französisch fort: „Meine Herren, ich kann Ihnen versichern, dass ich meine sogenannte Zerbrechlichkeit noch nie zu meinem Vorteil genutzt habe. Meine Brüder nahmen mich schon als kleines Mädchen in den Judokurs mit. Ich bekam den schwarzen Gürtel, sobald ich das vorgeschriebene Alter erreicht hatte. Sie können sicher sein, dass ich nur im äußersten Notfall um Hilfe bitte.“

„Bravo!“, rief Dr. Capelle. In seinen braunen Augen stand offene Bewunderung.

Julia stieß leise die Luft aus. Allmählich wurde sie wieder etwas selbstbewusster. Aber sie musste auch zugeben, dass sie sich die Sache noch einmal überlegt hätte, wenn sie gewusst hätte, dass sie die einzige Frau im Fortbildungsseminar war.

„Wir werden jetzt einen Rundgang durch verschiedene Operationssäle machen, aber einige davon werden belegt sein, und wir werden sie nicht betreten können.“ Bevor sie losgingen, bat der Professor noch, ihn Bernard zu nennen. In kollegialer Atmosphäre würde er seine Schüler besser kennenlernen, wie er meinte.

Es folgte verblüfftes Schweigen. Julia fand, dass sein unerwartetes Angebot die Zusammenarbeit erleichtern würde, doch ihre Kollegen schienen anders darüber zu denken. Lag es daran, dass Bernard Capelle trotz seiner lockeren Worte irgendwie unnahbar wirkte?

Auch sie spürte jetzt eine gewisse Distanziertheit, die von ihm ausging, beinahe schon etwas Düsteres, Rätselhaftes. Julia nahm sich vor, ihm gegenüber Zurückhaltung zu üben, auch wenn sie sich beim Vornamen nannten. Nach ihren unerfreulichen Erfahrungen mit Männern fand sie das nur angebracht.

Als eine der Ersten verließ sie den Saal. Einen Moment später gesellte Professor Capelle sich zu ihr. Neben ihr wirkte er noch größer als zuvor, und sie wünschte, Schuhe mit höheren Absätzen zu tragen.

„Es stört Sie doch nicht, wenn ich Sie Julia nenne?“, begann er.

Er hatte eine unglaublich tiefe, sexy Stimme, die schon jetzt eine gefährliche Wirkung auf sie ausübte. Julia hatte große Mühe, sich nichts davon anmerken zu lassen. Ja, sie fühlte sich zu ihm hingezogen, das gestand sie sich ganz offen ein.

Bernard Capelle war äußerst charismatisch, strahlte Kraft und Dominanz aus und schien obendrein Humor zu haben, wie ein gelegentliches Aufblitzen in seinen Augen verriet. Hinzu kam, dass er sehr attraktiv war. Aber er sollte ihr nur sein Fachwissen und neue Operationstechniken vermitteln, mehr wollte sie gar nicht von ihm. Wahrscheinlich war er sowieso verheiratet – mit einer ebenso attraktiven Frau.

„Nein, Sie können mich gern beim Vornamen nennen“, erwiderte sie jetzt leicht herablassend.

Die Gruppe betrat einen der Operationssäle, die an diesem Vormittag nicht genutzt wurden. Er war mit den modernsten medizinisch-technischen Geräten ausgestattet, und Julia freute sich darauf, hier arbeiten zu dürfen.

Am Ende der Einführungstour ging Bernard mit ihnen in die Cafeteria, die dem Personal vorbehalten war. Man plauderte eine Weile über die modernen Einrichtungen und die Möglichkeiten, die ein Lehrkrankenhaus wie dieses bot, dann wurden die Kursteilnehmer nach ihren beruflichen Erfahrungen gefragt und was sie sich von diesem Lehrgang für ihre weitere Karriere erhofften.

Auch in der Cafeteria richtete Bernard es so ein, dass er neben Julia saß. Glaubte er, sie vor ihren männlichen Kollegen beschützen zu müssen? Dabei hatte sie deutlich gemacht, dass sie in keiner Weise anders behandelt werden wollte als die restliche Gruppe.

„Denken Sie, es wird Ihnen Spaß machen, hier zu arbeiten?“, wandte er sich an sie.

„Ich weiß nicht, ob Spaß der richtige Ausdruck ist.“ Julia trank einen Schluck von ihrem Kaffee. „Ich habe mir vorgenommen, das Beste aus diesen sechs Monaten zu machen, aber mir ist auch klar, dass es eine Menge Arbeit bedeutet.“

„Sie scheinen genau der Typ Mensch zu sein, dem harte Arbeit Spaß macht – entschlossen, zäh und nicht bereit, so leicht aufzugeben. Ihren Unterlagen habe ich entnommen, dass Sie ein ziemlich bewegtes Arbeitsleben hinter sich haben.“

Julia nickte. „Ich habe mich schon früh auf meine medizinische Laufbahn konzentriert.“

„Hatten Sie denn da noch Zeit für ein Privatleben?“

„Privatleben?“ Sie biss sich auf die Lippe. Ganz sicher würde sie ihm nicht erzählen, dass sie ein ernstes Problem hatte – nämlich dass sie unfähig schien, außerhalb ihres Berufes etwas mit ihrem Leben anzufangen. Und dass sie ganz offensichtlich nicht in der Lage war, einen gemeinen Mistkerl zu erkennen, wenn sie glaubte, den Mann ihrer Träume gefunden zu haben. Tränen stiegen ihr in die Augen. Rasch drehte sie den Kopf zur Seite, damit Bernard nicht sehen konnte, wie verletzlich sie war, seit Tony ihr so wehgetan hatte.

Die Kursteilnehmer schickten sich an, die Cafeteria zu verlassen. Der restliche Nachmittag stand allen zur freien Verfügung. Auch Julia stand auf. Sie hatte ihre Sachen noch nicht ausgepackt und wollte sich lieber in die Arbeit stürzen, als sich von ihrem zukünftigen Chef über ihr Privatleben ausfragen zu lassen.

„Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden, Bernard? Ich möchte die freie Zeit nutzen, um mich ein wenig in meinem Zimmer einzurichten.“

Er erhob sich ebenfalls. Wieder wurde Julia sich seiner stattlichen Größe bewusst, ebenso des rätselhaften Ausdrucks, der jetzt wieder auf seinem Gesicht lag. „Selbstverständlich, Julia.“

Er begleitete sie noch bis zum Ausgang. Dort wandte sie sich in Richtung der Unterkünfte, während Bernard zum OP-Trakt zurückging.

Eiligen Schrittes ging Julia den Korridor entlang. Am Eingang zum Wohnbereich sah sie einen ihrer Kollegen auf sie warten. Er war ihr zuvor schon aufgefallen, denn er war recht attraktiv.

Seine weißen Zähne blitzten, als er ihr lächelnd die Hand entgegenstreckte.

„Hallo, ich bin Dominic“, stellte er sich vor.

Sie drückte ihm kurz die Hand. „Julia.“

„Einige von uns haben beschlossen, uns in der Bar an der Ecke zu einem Drink zu treffen, und wir möchten gern, dass Sie mitkommen“, meinte er.

„Eigentlich wollte ich meine Sachen auspacken und mein Zimmer …“

„Das haben wir alle noch vor uns“, unterbrach er sie und fuhr dann auf Englisch fort: „Aber man kann nicht immer nur arbeiten, man muss auch mal Spaß haben.“

Julia schenkte ihm ein Lächeln. Er hatte ja recht. Und es würde sicher nett sein, ihre Kollegen näher kennenzulernen.

„Also gut, ich komme mit.“

Julia genoss die warme Spätnachmittagssonne und die frische Luft, als sie das Krankenhaus verließen. Der Strand auf der anderen Straßenseite war ziemlich bevölkert. Obwohl das Meer im Frühling noch recht kalt war, spielten etliche Kinder im Wasser.

„Café Maurice de Chevalier“, las Julia von einem Schild vor dem Restaurant ab, in das Dominic sie führte. Einige der Kursteilnehmer saßen bereits draußen an zwei zusammengestellten Tischen, an die zwei andere Kollegen gerade noch ein paar zusätzliche Stühle schoben. Jemand schenkte Julia ein Glas Wein ein, während Dominic ins Lokal ging und eine neue Flasche Wein und weitere Gläser holte.

Anschließend schenkte er allen Wein nach.

„Santé!“, riefen alle und hoben ihre Gläser.

„Cheers!“, fügte Dominic – offensichtlich stolz auf seine Englischkenntnisse – hinzu.

„Cheers!“, wiederholten alle lautstark.

Die Kursteilnehmer stellten sich einer nach dem anderen vor, und man prostete einander zu und wünschte sich eine gute Zeit. Dominic schien der Anführer der Gruppe zu sein. Julia war froh, dass sie mit drei Brüdern aufgewachsen war und dadurch gelernt hatte, sich in der Männerwelt zu behaupten.

„Dieses Café gab es damals schon, als ich noch ein Kind war“, warf sie in einer Gesprächspause ein. „Ich weiß noch, wie ich mit meinen Eltern und Brüdern hier draußen saß und den Sonnenuntergang beobachtete. Es ist schön, wieder hier zu sein.“

„Und ich genieße es, den gestrengen Blicken unseres brummigen Professors entronnen zu sein“, meinte Dominic und schnitt eine Grimasse. Dann wandte er sich an Julia. „Du hast dich ja eine ganze Weile mit ihm unterhalten, wie ich gesehen habe. Welchen Eindruck hat er auf dich gemacht?“

„Ehrlich gesagt, ich weiß nicht recht, was ich von ihm halten soll. Ich hoffe nur, dass er ein guter Lehrer ist.“

„Oh, das ist er auf jeden Fall“, erwiderte Dominic überzeugt. „Er scheint seine Schüler auch ziemlich hart ranzunehmen. Im Moment hat er private Schwierigkeiten. Offenbar hat er eine ziemlich anstrengende Scheidung hinter sich und kämpft nun um das Sorgerecht für seinen sechs Jahre alten Sohn.“

„Woher weißt du das alles?“, fragte Pierre.

Dominic grinste leicht. „Ich bin eine Woche früher gekommen, um meine neue Umgebung kennenzulernen. Dabei bin ich mit einer der Krankenschwestern ins Gespräch gekommen …“

Er wurde von lautem Gelächter unterbrochen.

„… und habe eine Menge über Professor Brummbär herausgefunden“, fuhr er fort. „Zum Beispiel das mit seiner Scheidung. Und dass er seine schlechte Laune gern an seinen Schülern auslässt, wenn ihre Leistungen nicht seinen Anforderungen entsprechen. Aber er soll ein hervorragender Chirurg sein, der von seinen Kollegen sehr geschätzt wird.“

„Und nur das allein zählt.“ Julia hielt die Hand über ihr Glas, als Christophe mit einer neuen Flasche Wein um den Tisch herumging.

„Ah, sei mal nicht so selbstsicher“, meinte Dominic. „Man sagt ihm auch nach, dass er der Meinung ist, Frauen könnten niemals gute Chirurgen sein.“

Alle Blicke waren auf Julia gerichtet, und sie zuckte unmerklich zusammen. Es würde schon schwierig genug werden, gegen diese verrückte Anziehungskraft anzukämpfen, die der Professor auf sie ausübte. Wie würde sich ihre Zusammenarbeit gestalten, wenn er tatsächlich Vorurteile gegen weibliche Chirurgen hatte? Und warum hatte er sie dann als einzige Frau für sein exklusives Fortbildungsprogramm ausgewählt?

Nachdenklich ließ Julia den Blick über den Strand, die Sanddünen und die Bucht schweifen. Tief atmete sie durch, bis dieses ungute Gefühl sich wieder verflüchtigte. Sie würde schon mit der Situation fertig werden – schließlich blieb ihr auch gar nichts anderes übrig. Und sie wollte sich nicht die wunderschöne Abendstimmung von negativen Gedanken verderben lassen, sondern den Anblick genießen, wie die untergehende Sonne jetzt die umliegenden Hügel vergoldete. Es war genau so, wie sie es aus ihrer Kindheit in Erinnerung hatte.

Sie warf einen Blick in die Runde. „Mein Chef in London hat mir versichert, dass ich eine gute Chirurgin bin. Mich ständig zu verbessern ist mein Lebensziel. Und ich werde mir meine beruflichen Pläne nicht von einem eingebildeten Professor verderben lassen.“

Beifälliges Gemurmel ertönte. Julia fühlte sich akzeptiert, so wie sie früher von den Freunden ihrer Brüder akzeptiert worden war.

Lächelnd stand sie auf. „Es war wirklich nett mit euch, aber jetzt muss ich gehen.“

Dominic bot an, sie zu begleiten, doch sie lehnte ab. Rasch bog sie um die Ecke und sah gerade noch, wie die Sonne hinter den Hügeln versank. Einen Moment später war sie verschwunden, doch der Himmel leuchtete noch in prächtigen Farben.

Julia wandte den Kopf und blickte hinaus aufs Meer. Glühwürmchen tanzten auf den dunklen Wellen. Es war ein romantischer Anblick, aber nicht, wenn man allein und von verliebten Pärchen und Familien mit Kindern umgeben war.

Du hast es selbst so gewollt, sagte sie sich. Sie hatte sich für ihre berufliche Karriere entschieden, und solange sie ihr hochgestecktes Ziel nicht erreicht hatte, würde sie keinen Gedanken an Liebe, Ehe, Babys und dergleichen verschwenden.

2. KAPITEL

Drei Wochen später saß Julia vor Professor Capelles Büro und wartete. Er hatte alle Kursteilnehmer der Reihe nach zu einem Gespräch gebeten, um deren Fortschritte zu besprechen. Sie konnte kaum glauben, dass schon drei Wochen vergangen waren. Die Zeit war nur so dahingeflogen.

Bernard hatte sie alle aber auch mit Arbeit überhäuft. Unter anderem mussten sie Essays über die Wirkungsweise verschiedener orthopädischer Operationstechniken verfassen und auch Operationen beschreiben, bei denen sie dabei gewesen waren. Dazu hatten sie ihre eigenen Kommentare und Kritiken abgeben müssen. Diese hatten sie dann per E-Mail an Bernard geschickt und sie postwendend mit seiner Beurteilung zurückbekommen. Julia war nicht das einzige Opfer seiner oft beißenden Kritik gewesen.

Nebenbei waren sie noch in der Notaufnahme eingesetzt worden, wo sie orthopädische Notfälle versorgt und kleinere Operationen durchgeführt hatten. Alle Einsätze waren von Michel Devine, dem Leiter der Notaufnahme, überwacht und beurteilt worden. Seine Beurteilung hatte er dann an Bernard Capelle geschickt.

Niemals hätte Julia sich träumen lassen, dass sie unter einem derartigen Druck würde arbeiten müssen. Dominic hatte nur zu recht gehabt, als er sagte, dass Bernard seine Schüler besonders hart rannahm.

Gerade tauchte Dominic im Korridor auf und ließ sich auf den Stuhl neben ihr fallen.

„Wann findet dein Härtetest statt?“, wollte er wissen.

„Schh. Er könnte dich hören“, warnte Julia ihn.

„Das ist mir egal. Am liebsten würde ich alles hinschmeißen. Wir sind alle qualifizierte Ärzte. Was bildet er sich ein, uns so zu behandeln, als wären wir …“

In diesem Augenblick ging die Tür auf. „Guten Morgen zusammen“, wünschte ihr gefürchteter Lehrmeister und sah Dominic scharf an.

Julia folgte Bernard in sein Büro und nahm auf dem hochlehnigen Stuhl Platz, den er ihr anbot. Nein, ich habe keine Angst vor ihm, versuchte sie sich zu beruhigen, während er sich hinter seinem Schreibtisch niederließ und den Bildschirm seines Computers studierte.

Endlich hob er den Blick, und Julia überlief ein Prickeln, als sie ihm direkt in die dunkelbraunen Augen sah. War es nicht beinah schon pervers, dass sie sich zu einem Mann hingezogen fühlte, der sie in den vergangenen drei Wochen derart in die Mangel genommen hatte?

„Wie finden Sie den Kurs, Julia?“

Er verzog keine Miene, sah seine Schülerin aber so intensiv an, dass sie ein ums andere Mal erschauerte.

Tief holte sie Luft. „Äußerst anstrengend, aber auch hochinteressant. Nur leider etwas frustrierend für mich, muss ich sagen.“

Fragend zog Bernard die Augenbrauen hoch. „Inwiefern?“

„Sie haben mir immer noch nicht gestattet, selbstständig Operationen durchzuführen“, beklagte sie sich. „Ich bekomme schon Entzugserscheinungen bei all dieser theoretischen Arbeit.“

War das gerade der Anflug eines Lächelns gewesen, das über sein Gesicht gehuscht war? Sie konnte sich aber auch getäuscht haben, denn jetzt machte er eher einen verstimmten Eindruck.

„Julia, Sie werden verstehen, dass ich mich erst hundertprozentig von den Fähigkeiten meiner Schüler überzeugen muss, bevor ich ihnen meine Patienten anvertraue.“

„Selbstverständlich verstehe ich das. Aber ich habe bereits große Erfahrung im OP und …“

„Dessen bin ich mir durchaus bewusst“, unterbrach er sie. „Ihr Chef in London, Don Grainger, hat Ihre Fähigkeiten in den höchsten Tönen gelobt und auch einige Glanzleistungen geschildert, die Sie im Operationssaal vollbracht haben.“

Julias Gesicht erhellte sich. Das hörte man gern. Don Grainger war während ihrer Ausbildungszeit und auch danach wie ein Vater zu ihr gewesen.

„Und wie groß sind Ihre Erfahrungen bei Hüftgelenkoperationen?“, erkundigte Bernard sich sachlich.

Ah, damit kannte sie sich bestens aus! Lebhaft und ausführlich begann Julia von ihren Operationen zu berichten – erst von denen, bei denen sie nur assistiert hatte, bis hin zu denen, die sie unter Aufsicht durchgeführt hatte.

Mehrere Male unterbrach Bernard sie, um Fragen nach der Art der Prothesen zu stellen, die sie eingesetzt hatte, und welche Modelle sie bevorzugte. Außerdem wollte er wissen, ob sie ihre Patienten auch nach dem Eingriff noch gern betreute.

„Selbstverständlich“, versicherte Julia. „Das Wohlergehen meiner Patienten ist mir immer sehr wichtig, und ich tue alles, damit sie nach der Operation die beste Versorgung bekommen. Es ist für mich immer ein sehr befriedigendes Gefühl, zu wissen, dass man dem Patienten die Schmerzen genommen und ihm wieder ein aktives Leben ermöglicht hat.“

Ein kurzes Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, bis das Ticken der Uhr Bernard daran erinnerte, dass er noch einen weiteren Kursteilnehmer zu einem Gespräch gebeten hatte.

Warum war er nur so fasziniert von Julia Montgomery? War es ihr berufliches Engagement oder etwas, das er lieber nicht näher erforschen sollte? Immerhin war sie eine Karrierefrau und er ein Familienmensch. Sie würden niemals zusammenpassen.

Autor

Margaret Barker
Margaret Barker hat das Schreiben immer sehr gemocht aber viele andere interessante Karrieren hielten sie davon ab. Als sie ein kleines Mädchen war, erzählte ihre Mutter ihr Geschichten zum besseren Einschlafen. Wenn ihre Mutter zu müde oder beschäftigt war, bat sie Margaret sich selber Geschichten zu erfinden. Sie erzählte sie...
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