Ich seh dich in meinen Träumen

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Alessandro ist kein Freund von Weihnachten, und so zieht er sich auch dieses Jahr in eine einsame Berghütte zurück. Vielleicht hilft die Ruhe dort ihm, endlich diesen Traum loszuwerden, den er fast jede Nacht hat: Eine hinreißende Frau, die er nicht kennt, verführt ihn. Doch dann passiert etwas, das ihn zunächst alle Träume vergessen lässt: Eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm steht vor seiner Tür und erklärt, der Kleine sei sein Sohn. Maureen behauptet, dass sie ihrer Schwester Meg, der Mutter des Babys, versprechen musste, Alessandro zu finden. Unglaublich - aber wahr? Unerklärlich ist auch, warum die Schöne in seinen zärtlichen Träumen Maureen so täuschend ähnlich sieht ...


  • Erscheinungstag 27.07.2019
  • ISBN / Artikelnummer 9783733747657
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Zehn Tage vor Weihnachten …

Und wieder erschien sie ihm. Zart wie Seide und verführerisch duftend. Alles an ihr strahlte eine unbeschreibliche Sanftheit aus: von ihrem hüftlangen, glänzenden Haar über die zärtlichen Hände, bis hin zu ihrer beruhigenden Art. Und diese Lippen … Sie waren besonders weich, warm und fordernd.

Ihre Erscheinung weckte in ihm Empfindungen, die er lange nicht mehr verspürt hatte. Er konnte ihr nicht widerstehen. Im Gegenteil. Er wollte sie. Er brauchte sie. Er nahm sie.

Alessandro schreckte aus dem Schlaf.

Er warf die Decke zurück und sprang aus dem Bett. Durch das geschlossene Fenster blickte er hinaus zum winterlichen Sternenhimmel empor. Warum verfolgten ihn diese Bilder? Der Traum war so wenig greifbar. Gleichzeitig hinterließ er ein Gefühl der Leere. Fast so, als hätte er irgendetwas vergessen. Etwas sehr Wichtiges. Doch er konnte sich nicht erinnern.

Alessandro griff nach dem Ring an seiner Halskette und erschrak, als er nur blanke Haut unter den Fingern spürte. Bereits vor zwei Jahren hatte er beide Schmuckstücke verloren. Normalerweise war ihm das bewusst, aber in Momenten wie diesem, in denen seine Gefühle die Oberhand gewannen, schien ihn sein Gedächtnis im Stich zu lassen. Nur zu leicht verfiel er dann wieder in die alte Gewohnheit, an die Kette zu greifen, die ihm sein trauernder Vater nach dem frühen Tod seiner Mutter geschenkt hatte.

Er gab diesem Traum, der ihn seit neun Monaten immer häufiger heimsuchte, die Schuld an seiner Verwirrung. Die Person, die ihm darin begegnete, war ohne Zweifel seine Exfrau. Auch wenn Rhondas Haare während ihres Zusammenseins nicht so lang und seidig, sondern eher feurig rot und lockig gewesen waren. Im Schlaf verzehrte sich Alessandro nach Rhonda. Im Wachzustand empfand er jedoch nicht den kleinsten Funken Leidenschaft, wenn er an das Chaos seiner eineinhalbjährigen Ehe und die spätere Scheidung dachte.

Schmerz und Wut begleiteten seine Gedanken an die Vergangenheit. Von Liebe oder Begierde konnte jedenfalls nicht die Rede sein. Er stützte sich mit dem Arm am Fensterrahmen ab und ballte eine Hand zur Faust. Was hatten diese Träume zu bedeuten? Und was, zum Teufel, sollte er damit anfangen? Was hatte er nur vergessen?

„Komm, Junge, denk nach!“

Der melancholische Ruf einer Eule drang aus dem kalifornischen Wald, in dem Alessandros Berghütte stand, zu ihm, und wieder einmal wurde er sich seiner Einsamkeit bewusst. Er hasste diese Jahreszeit. Vielleicht hasste er auch nur die Erinnerungen, die sie mit sich brachte. Er wandte sich vom Fenster ab und blickte auf das zerwühlte Bett, und seine Niedergeschlagenheit wuchs.

Was, um alles in der Welt, kann ich nur vergessen haben?

1. KAPITEL

Sieben Tage vor Weihnachten …

Wieder war sie ihm erschienen. Genauso zart und verführerisch duftend. Für Alessandro blieb Rhonda selbst in seinen Träumen unverwechselbar. Er spürte die wunderbare Harmonie zwischen ihnen. Fast, als bewegten sie sich in perfektem Einklang miteinander. Er hörte förmlich, wie ihr Lachen mit seinem verschmolz, so wie ihre Körper in den langen Nächten immer wieder miteinander verschmolzen waren. Sie flüsterte ihm etwas zu, während sie durch den Pulverschnee zu tanzen schien. Doch ihre Worte verklangen in der Kälte der Nacht, bevor er sie verstehen konnte. Im nächsten Augenblick trug er Rhonda auf seinen Armen, dann verschwand auch sie. Wie im Film tat sich plötzlich ein neuer Schauplatz vor ihm auf.

Sie befanden sich in dem Schlafzimmer, das sie für die kurze Dauer ihrer Ehe geteilt hatten. Vorsichtig legte er sie aufs Bett. Ihre glänzenden roten Haare schmückten das Kissen. Erneut begann sie, Worte zu flüstern, die er nicht zu verstehen vermochte. Sie lächelte verständnisvoll. Es war ein Lächeln, das er niemals zuvor auf den zarten Lippen seiner Frau gesehen hatte. Angezogen durch ihren warmen Blick, der ihm alles versprach, legte er sich auf sie. Er konnte ihr einfach nicht widerstehen. Er wollte sie. Er brauchte sie. Er nahm sie.

Das Pfeifen des Windes vermischte sich mit dem harten Klang von Alessandros Axt, die sich in ein Stück Holz bohrte. Er richtete sich auf, um Luft zu holen, und blickte zum stark bewölkten Himmel empor. Es würde bald einen heftigen Schneesturm geben. Die ersten dicken Flocken fielen bereits auf den Waldboden. Alessandro fühlte sich schlapp, geplagt von den Nachwirkungen seines Traums, der für ihn zu einem Albtraum geworden war. Nach jeder Nacht fühlte er sich gerädert und immer hilfloser. Es gab kein Entkommen vor den Bildern und den Gefühlen, die seine Träume verursachten. Er packte die Axt noch fester und ließ seine Wut an den Holzblöcken aus.

Warum gerade jetzt? Sie waren doch schon seit zwei Jahren getrennt. Warum peinigten ihn die Erinnerungen an Rhonda dann immer noch? Trotz des beißenden Windes liefen ihm Schweißperlen über die Augenlider. Er senkte den Blick auf den Baumstamm, den er beinah fanatisch zu Kleinholz schlug. Er hoffte, die Dämonen in seinem Kopf durch die körperliche Anstrengung vertreiben zu können. Mit angespannten Muskeln holte er erneut aus und nahm seinen alten Rhythmus wieder auf.

„Verzeihung.“

Wie aus weiter Ferne nahm Alessandro eine Stimme wahr und schlug erneut zu, bevor er sich umdrehte. Ihm gegenüber stand eine Frau, die ihn zu beobachten schien. Auf dem Arm trug sie einen Stapel Quilts, der sie fast komplett verdeckte. Mit den Schneeflocken auf dem silberblonden Haar, den großen himmelblauen Augen und dem ovalen, elfenartigen Gesicht sah die Frau fast komisch aus. Alessandro konnte sich nur mit Mühe ein Lächeln verkneifen. Er griff nach seinem Flanellhemd, das auf dem Ast einer Zeder hing.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er und begann das Hemd anzuziehen. „Haben Sie sich verlaufen?“ Ihr starrer Blick irritierte ihn. Warum musterte sie ihn so merkwürdig?

„Mein Auto ist zusammengebrochen“, sagte sie mit einem honigsüßen Südstaatendialekt, der ihm auf seltsame Art und Weise vertraut vorkam. Doch die Erinnerungen, die er damit verknüpfte, waren weniger angenehm. Würde er der Vergangenheit mit Rhonda denn niemals entfliehen können?

„Ich habe ein Telefon im Haus“, bot Alessandro der Fremden an.

In ihrer Haltung spiegelten sich sowohl Zuversicht als auch Resignation wider. „Ich komme nicht aus dieser Gegend“, erwiderte sie langsam. „Aber das ist Ihnen sicher schon aufgefallen.“

Alessandro musterte die Frau durchdringend, während er sein Hemd zuknöpfte. „Ja, Ihr Dialekt hat Sie wohl verraten.“

Sie atmete auf und trat auf ihn zu. „Bitte …“

Er bemerkte, wie sie die Quilts in ihrem Arm zurechtrückte. Dabei sah sie ihn durchdringend an. Fast unwirklich kamen ihm ihre glasklaren blauen Augen vor, hinter denen Märchengestalten, Fantasiewelten und die unmöglichsten Träume verborgen schienen. Instinktiv wich er einen Schritt zurück. Mit Träumern hatte er wirklich nichts im Sinn. Von seiner offensichtlichen Abneigung tief getroffen, wich jegliches Gefühl der Hoffnung aus dem Blick der Frau. Erst jetzt bemerkte er die bläulichen Ringe unter ihren Augen und wie blass ihr Gesicht war. Sie sah erschöpft und müde aus.

„Ich meinte … ich wollte …“ Sie hatte Mühe, die Fassung zu bewahren.

Alessandro stutzte. Er hatte plötzlich das merkwürdige Gefühl, als wollte die Frau eigentlich nicht über ihr Auto, sondern über etwas ganz anderes mit ihm reden. Er war sicher, dass die Worte, die über ihre Lippen kommen würden, wenig mit ihrem eigentlichen Anliegen zu tun hätten.

„Ich … ich hatte gehofft, dass Sie vielleicht jemanden anrufen könnten, der sich mit Autos auskennt.“

Alessandro stopfte den Zipfel seines Hemdes in den Hosenbund. „Viel Auswahl haben wir hier draußen nicht. Auf dem Weg hinauf müssten Sie durch einen kleinen Ort gekommen sein. Dort gibt es ein oder zwei Reparaturwerkstätten. Sie sollten sich beeilen, wenn Sie noch etwas erreichen wollen, bevor das Unwetter beginnt.“

Sie schloss die Augen für einen Moment. Die Schneeflocken, die für Sekunden auf ihren Wimpern ruhten, begannen zu schmelzen und verwandelten sich in diamantförmige Tröpfchen. Für Alessandro sahen sie aus wie Tränen. Der Anblick ließ ihn erschauern. Ein weinendes Christkind! Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Als hätte er nicht schon genug Sorgen, so kurz vor Weihnachten.

„Sie haben sicher recht“, flüsterte sie. Inzwischen schneite es heftig. „Es sieht aus, als gäbe es tatsächlich einen Schneesturm. Ich beeile mich besser.“

„Kommen Sie. Wir gehen lieber ins Haus“, erwiderte Alessandro.

Er öffnete die Hintertür und begann kräftig zu stampfen, um seine Stiefel von Schnee und Schmutz zu befreien. Sie folgte seinem Beispiel. Ihr Stampfen glich jedoch eher einem leisen Abtreten auf der Fußmatte. Mehr hätten ihre Schuhe wohl nicht überlebt. Sie waren anscheinend sehr bequem. Warum sonst, fragte sich Alessandro, trägt jemand durchlöcherte Lederschlappen, die längst reif für die Mülltonne waren?

Er führte sie durch die Küche in sein großes Wohnzimmer. Im Kamin brannte ein Feuer, das dem Raum eine gewisse Gemütlichkeit verlieh. Sie zögerte einen Augenblick, bevor sie sich den Flammen näherte. Vorsichtig legte sie ihre Quilts auf den Fußboden, setzte sich unmittelbar daneben und streckte die Hände aus, um sich zu wärmen.

„Das tut gut“, sagte sie leise.

Alessandro war überrascht, wie zierlich die Frau aussah. Ohne den Berg von Decken auf dem Arm wirkte sie fast mager. Ihre Jeansjacke war nicht nur voller Flicken, sondern auch noch mindestens drei Nummern zu groß. Ihre Handgelenke, die unter den Ärmeln hervorlugten, wirkten zerbrechlich, die Finger lang und schlank.

„Ihre Jacke ist nicht gerade ideal für so ein Wetter.“ Zu seiner eigenen Verwunderung hörte er einen besorgten Unterton in seiner Stimme.

„In North Carolina war es längst nicht so kalt, als ich losgefahren bin. Wobei ich glaube, dass das Wetter dort inzwischen auch nicht besser sein dürfte.“ Sie warf ihm einen verstohlenen Blick zu, um zu sehen, wie er auf ihre Antwort reagieren würde. „Ich habe eine ganze Weile für die Strecke gebraucht.“

Alessandro runzelte die Stirn. „Aus welcher Ecke North Carolinas kommen Sie?“

„Aus Ashville.“

Sie betonte die erste Silbe des Wortes übermäßig stark. Offensichtlich stammte sie aus derselben Gegend wie seine Exfrau. Doch der Dialekt war wirklich die einzige Gemeinsamkeit, die er feststellen konnte. Auch wenn Rhonda ihren Südstaatenakzent nie ganz abgelegt hatte, hatte sie stets versucht, ihre Herkunft zu verbergen. Die Frau vor ihm war das genaue Gegenteil: Südstaatlerin von Kopf bis Fuß.

Irgendetwas kam ihm seltsam vor. Er dachte nach. Es hatte mit dem Wetter in den Bergen zu tun … „Ich bin die Route von North Carolina bis hierher schon oft gefahren“, sagte er misstrauisch. „Und je nachdem, welchen Highway man nimmt, kann man in vier Tagen in Kalifornien sein. Da sollten Sie eigentlich schon Schnee in den heimatlichen Bergen gehabt haben.“

„Babe ist eben etwas langsamer“, antwortete sie. „Ich bin schon seit einem Monat unterwegs.“

„Babe?“, fragte Alessandro irritiert.

„Mein Auto. Es ist rosa.“

„Rosa?“

Ein Lächeln belebte ihre Gesichtszüge. Es hatte etwas Ansteckendes und vermittelte den Eindruck, dass sie gern lächelte, auch wenn sie in der letzten Zeit kaum Grund dazu gehabt haben mochte. Sie wirkte fast schalkhaft in diesem Moment, doch Alessandro spürte ihre Nervosität noch immer.

„Ja, knallrosa sogar. Wie das Schweinchen Babe im Film. Ich muss zugeben, dass sich so mancher darüber lustig macht.“

„Das wundert mich gar nicht“, sagte er und lachte jungenhaft. „Ist Ihr Auto denn in einem so schlechten Zustand, dass Sie einen Monat bis hierher gebraucht haben?“

„Erbärmlich, nicht wahr? Es lag aber nicht nur an meinem Auto.“ Sie drehte sich zum Kamin um und blickte in die Flammen. „Da hat noch mehr eine Rolle gespielt“, fuhr sie zögernd fort.

Alessandro vermutete, dass sie knapp bei Kasse war. Das wäre auch eine Erklärung für die löchrigen Schuhe und die geflickte Jacke. „Sie mussten unterwegs wohl etwas jobben, um sich das Spritgeld zu verdienen?“

„Na und? Jetzt bin ich jedenfalls hier.“

„Hier?“, fragte Alessandro erstaunt.

Sie erschrak und hielt den Atem an. „Hier in Kalifornien“, erwiderte sie rasch.

Eigentlich ging es ihn ja nichts an, aber sie hatte seine Neugierde geweckt. „Ausgerechnet in diesem Teil Kaliforniens?“

„San Francisco, um genau zu sein“, antwortete sie, ohne zu zögern.

Alessandro hatte nicht erwartet, dass sie so prompt reagieren würde. Menschen, die etwas zu verbergen hatten, waren in der Regel nicht so schlagfertig. Und er war sicher, dass dieses Christkind voller Geheimnisse steckte. „Dies ist aber nicht der schnellste Weg von Ashville nach San Francisco. Ganz im Gegenteil. Sie machen einen gewaltigen Umweg.“

Die junge Frau senkte den Kopf. „Ich bin nur meinem Instinkt gefolgt.“

„Sehr mysteriös.“ Alessandro beschloss, das Gespräch zu beenden, um sie möglichst schnell wieder loszuwerden. „Ich kümmere mich um einen Abschleppwagen, bevor das Wetter noch schlechter wird. Ich nehme an, Sie möchten in einem Motel in der Nähe übernachten, bis Ihr Auto repariert ist.“

Die Erschöpfung und der Ausdruck von Hilflosigkeit standen ihr plötzlich wieder im Gesicht geschrieben. „Ja, bitte“, stöhnte sie leise.

„Geht es Ihnen nicht gut?“, fühlte sich Alessandro verpflichtet zu fragen. Doch kaum hatte er die Worte ausgesprochen, bereute er es auch schon. Auch nach fünfunddreißig Jahren Lebenserfahrung wurde er noch immer schwach, wenn er einer Frau gegenüberstand, die nicht allein zurechtzukommen schien. Gleichzeitig war ihm klar, dass die meisten dieser Frauen sehr gut ohne Hilfe auskamen, es aber vorzogen, einem Mann die Verantwortung zu übertragen. Vielleicht hatte er Rhonda deshalb so attraktiv gefunden. Sie war eine der unabhängigsten Frauen gewesen, die je seinen Weg gekreuzt hatten. Seufzend besann er sich auf seine Kinderstube und bot der Fremden seine Hilfe an. „Kann ich irgendwas für Sie tun?“

Sie blickte ihn so eindringlich an, als erwartete sie eine ganz bestimmte Antwort. Worauf wollte sie nur hinaus? „Wissen Sie das wirklich nicht?“, flüsterte sie.

„Ich bin nur ein Mann, meine Liebe. Sie müssen mir schon genau sagen, was Sie wollen.“ Er lächelte sie herausfordernd an. „Versuchen Sie es mit einfachen, klaren Worten und kurzen Sätzen. Die verstehe ich am besten.“

Sie zögerte. Man konnte ihr die Verzweiflung ansehen. „Nein, danke“, sagte sie schließlich, „im Moment brauche ich wohl nur einen Abschleppwagen.“

Hatte sie im Moment gesagt? Alessandro war nicht sonderlich überrascht. Kommentarlos drehte er sich um und ging schnellen Schritts in sein Büro. Ein kurzer Anruf genügte, um zu erfahren, dass Babe innerhalb von zwei Stunden abgeholt würde. Er warf einen flüchtigen Blick aus dem Fenster. Der Himmel hatte sich verdunkelt. Es war noch früh am Nachmittag, und doch sah es aus, als ginge die Sonne bereits unter. Wenn der Abschleppwagen nicht binnen dreißig Minuten auftauchen würde, käme er wahrscheinlich gar nicht mehr durch. Das Auto der Frau lag bereits unter einer zentimeterdicken Schicht aus Eis und Schnee, sodass von dem grellen Rosa nichts mehr zu sehen war.

Er sah hinüber ins Wohnzimmer, wo sein Gast noch immer regungslos auf dem Boden vor dem Kamin saß. Die Glut des Feuers spiegelte sich auf ihrer hellen Haut, und der sanfte Schein betonte ihre wohlgeformte Nase, die hohen Wangenknochen und das runde Kinn. Ihr silbriges Haar schimmerte im Licht der Flammen leicht rötlich. Mit den kurzen Locken, die ihr Gesicht rahmten, sah sie tatsächlich wie ein Christkind aus. Und hätte sie nicht die Stirn gerunzelt, wäre der Weihnachtszauber in Alessandros Wohnzimmer perfekt gewesen. Man sah dieser Frau an, dass sie etwas bedrückte.

Absichtlich drehte er ihr den Rücken zu und widerstand der Versuchung, in sie zu dringen. Schließlich gingen ihn ihre Probleme nichts an. Erneut griff er zum Telefonhörer, um nach einer Unterkunft für sie zu suchen. Wenn sie erst ein Zimmer für die Nacht hätte, wäre er eine Sorge los. Schnell stellte Alessandro jedoch fest, dass die beiden Motels im Ort ausgebucht waren. Auch ein Anruf in der Lodge, auf dem Berg gegenüber, blieb erfolglos. Offensichtlich hatten die Wettervorhersagen Skifahrer und Snowboarder aus den Küstenregionen angelockt. Die Möglichkeiten waren begrenzt. Wenn er nicht schnellstens den Wagen der Fremden aus der Einfahrt schaffte und sie irgendwo unterbrachte, würde sie für eine ganze Weile bei ihm festsitzen.

Verdammt! Er rieb sich die Stirn. Das war nicht eingeplant gewesen. Er hatte die kommenden Tage allein in seinem Haus verbringen wollen, brauchte Zeit für sich, Zeit zum Nachdenken und Zeit, um seine Zukunft zu planen. Doch offenbar hatte das Schicksal andere Pläne mit ihm.

Er musste sich wohl oder übel mit der Situation abfinden. Alessandro kehrte ins Wohnzimmer zurück. Aus einem ihm unbekannten Grund fühlte er sich zu dieser Frau, die seinen Beschützerinstinkt geweckt hatte, hingezogen. Er hockte sich zu ihr auf den Fußboden. „Lou meint, dass er Ihr Auto innerhalb der nächsten zwei Stunden holen kann. Warum ziehen Sie nicht Ihre Jacke aus und machen es sich derweil bequem?“

Er war der Frau so nah, dass er ihren schnellen Atem spüren konnte. Ihre Wangen waren leicht gerötet. Machte er, Alessandro, sie etwa nervös? Es würde ihn nicht sonderlich überraschen. Immerhin war er der größte und stämmigste der Salvatore-Brüder und längst daran gewöhnt, dass sich viele Menschen in seiner Gegenwart verunsichert fühlten. Doch wenn er sie wirklich verunsicherte, wäre sie längst ein Stück zur Seite gerückt.

Stattdessen kam sie sogar etwas näher, fast als fühlte sie sich von ihm angezogen. War sie sich ihres Verhaltens bewusst? Alessandro schien, als fühlte sie sich in seiner Gegenwart sogar wohl. Er war überrascht, denn so eine Reaktion hatte er weder erwartet noch erhofft. Und nach einer Affäre stand ihm kurz vor den Feiertagen wahrlich nicht der Sinn. Er hatte andere Dinge im Kopf.

Geschickt half Alessandro der jungen Frau aus dem Mantel und warf ihn dann auf die Couch. Sein Gast trug ein verwaschenes Herrenflanellhemd, das, wie er fand, sehr weiblich an ihr wirkte, da es ihre Brüste und Hüften eng umschloss.

„Warum sind Sie so allein hier oben und verbringen die Feiertage nicht mit Ihrer Familie?“, fragte sie langsam.

Für einen Moment war er sprachlos. Woher wusste diese Frau von seiner Familie? „Was haben Sie gesagt?“

Sie sprang auf und nahm ein Foto vom Kaminsims. Alessandro vermutete, dass diese lebhafte Bewegung eher dem wahren Charakter der Frau entsprach als ihre anfängliche Schüchternheit. Auf dem Foto war er mit seinem Vater zu sehen, umgeben von seinen fünf Brüdern, deren Ehefrauen, seiner sechsjährigen Nichte sowie seinen Neffen. „Dies ist doch sicher Ihre Familie, oder?“

Er atmete auf und nickte erleichtert. „Gut geraten!“

Sie blickte sehnsüchtig auf das Foto. „Wenn ich so eine tolle Familie hätte, würde ich Weihnachten sicher nicht allein verbringen!“

„Wer sagt denn, dass ich die Feiertage nicht mit meiner Familie verbringen werde?“

„Mein Gefühl.“ Sie warf einen Blick auf die persönlichen Dinge, die er offensichtlich aus seinem Koffer geholt und im Wohnzimmer aufgestellt hatte. „Es sieht aus, als hätten Sie sich auf einen langen Winter eingerichtet.“

„Und das sagt Ihnen also Ihr Gefühl?“

„Nun, vielleicht ist es mehr als nur mein Gefühl“, erwiderte sie vorsichtig.

Mehr als eine Eingebung? Alessandro war sich nicht sicher, ob er herausfinden wollte, was sich hinter dieser Bemerkung verbarg. Er beschloss, auf sicherer Distanz zu dieser Person zu bleiben. „Sie haben recht“, gestand er. „Ich bin kein Fan der Weihnachtstage. Deshalb verbringe ich sie lieber allein, als mich meiner Familie aufzudrängen.“

„Das ist sehr schade.“

„Meiner Familie macht es nichts aus.“

„Das glauben Sie vielleicht. Ihr Vater macht einen sehr liebevollen Eindruck. Er ist sicher nicht glücklich über Ihre Entscheidung.“ Lächelnd betrachtete sie das Foto. „Mich überrascht nur, dass er Ihnen noch nicht die Meinung gesagt hat. Er scheint nicht der Typ Mann zu sein, der sich von seinen Söhnen etwas vormachen lässt.“

Sie hatte das Foto sehr genau interpretiert. Es beunruhigte Alessandro, dass fast alles, was sie gesagt hatte, der Wahrheit entsprach. „Meine Entscheidungen gehen meinen Vater nichts an.“

Die junge Frau lachte auf und warf Alessandro einen durchdringenden Blick zu. „Selbstverständlich geht es ihn etwas an. Dafür hat man doch wohl eine Familie.“

Alessandro sprach nicht gern über sich selbst, auch wenn sein Gegenüber nicht lockerließ. „Ist das in Ihrer Familie etwa so?“, fragte er trocken und hoffte, damit das Gespräch in eine andere Richtung lenken zu können.

„Früher war es so. Heute leider nicht mehr.“

„Und warum nicht, wenn ich fragen darf?“

„Ich hatte nur eine Schwester, und die ist vor zwei Monaten gestorben.“ Sie zeigte auf jedes Mitglied der Salvatore-Familie auf dem Bild. „Ich … ich kann noch gar nicht glauben, dass sie tot ist.“

Mist! „Es tut mir leid.“ Alessandro legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie an sich. Wieder verstand sie seine Geste als Einladung und lehnte sich an ihn, anstatt sich zu wehren, wie es wohl jede Fremde getan hätte. Eine besondere Wärme breitete sich zwischen ihnen aus. Eine Wärme, für die sicher nicht das Feuer im Kamin verantwortlich war. Diese Frau hatte etwas Fesselndes, das ihn nicht losließ, und er konnte sich nicht erinnern, in so kurzer Zeit jemals so eine starke Verbindung zu einem weiblichen Wesen verspürt zu haben. Nicht einmal zu Rhonda! „Für Sie muss diese Jahreszeit noch schlimmer sein als für mich.“

Sie hob den Kopf. „Wahrscheinlich schätze ich ein Familienleben einfach mehr, seitdem ich meine Schwester verloren habe.“

„Das ist verständlich.“

Langsam stellte sie das Foto zurück auf den Kaminsims und betrachtete noch einmal tiefsinnig Alessandros Familienporträt. „Lassen Sie sich von meinen traurigen Geschichten nicht den Tag verderben“, sagte sie energisch. „Das war nicht meine Absicht. Ich wollte ihnen nur klarmachen, dass eine Familie etwas sehr Wertvolles ist.“

„Wie gesagt, meine Familie versteht mich.“

Sie nickte stumm. „Das bezweifle ich nicht. Deshalb sollte man sich mit seinen Problemen ruhig an sie wenden.“

„Probleme?“ Was für eine unverschämte kleine Hexe! Das würde er sich nicht gefallen lassen. „Sie mögen sich vielleicht für schlau genug halten, mir eine Lektion über Familienleben zu erteilen, aber ich schlage vor, Sie kümmern sich um Ihre eigenen Angelegenheiten. Es sieht wahrhaftig so aus, als hätten Sie genügend eigene Probleme, mit meinen müssen Sie sich nun wirklich nicht auseinander setzen.“

Sie ließ sich von seiner scharfen Bemerkung nicht beirren. „Ich werde mich schon um meine Probleme kümmern. Aber Sie sind ein Mann mit einer Familie, die so groß ist wie zwei Fußballmannschaften“, sagte sie scharf. „Ein Mann, der sich trotzdem verkriecht, um die Weihnachtstage mutterseelenallein zu verbringen. Sie haben ein Problem, mein Lieber. Und eine Familie ist die beste Hilfe. Merken Sie sich meine Worte. Wenn Ihre Angehörigen wüssten, wie deprimiert Sie sind, wären sie schnellstens zur Stelle. Und zwar allesamt!“

Alessandro kochte vor Wut. „Ich bin weder deprimiert noch einsam, sondern lediglich ein Mann, der sich wünscht, dass Sie endlich den Mund …“

Als er bemerkte, wie eindringlich sie ihn mit ihren hellblauen Augen fixierte, verstummte er. Insgeheim fuhr er jedoch fort, sie mit allen nur erdenklichen italienischen Schimpfwörtern zu verfluchen. Da er schon als Zehnjähriger ein Spezialist auf diesem Gebiet gewesen war, hatte er keine Schwierigkeit, sich an die nötigen Vokabeln zu erinnern. Zähneknirschend wurde ihm bewusst, dass alle Motels in der Umgebung ausgebucht waren und dass das Unwetter immer schlimmer wurde. Diese Frau würde also ein, zwei oder gar drei Tage bei ihm festsitzen.

„Ich brauche dringend eine Tasse Kaffee.“ Immer wenn er unter Stress zu stehen schien, machte sich sein italienischer Akzent bemerkbar, und er konnte nur hoffen, dass sie es nicht bemerkte. „Hätten Sie auch gern einen Kaffee?“

Wenn sie geahnt hatte, was er ursprünglich hatte sagen wollen, überspielte sie es gekonnt. „Gern“, erwiderte sie freundlich und rieb sich die Hände an ihren Jeans. „Soll ich den Kaffee kochen?“

„Warum sollte ich Sie den Kaffee kochen lassen?“

Der überaus sanfte Klang seiner Stimme überraschte sie. „Wir Südstaatler sind für unsere Gastfreundschaft bekannt.“

Autor

Day Leclaire
Day Leclaire lebt auf der Insel Hatteras Island vor der Küste North Carolinas. Zwar toben alljährlich heftige Stürme über die Insel, sodass für Stunden die Stromzufuhr unterbrochen ist, aber das ansonsten sehr milde Klima, der Fischreichtum und der wundervolle Seeblick entschädigen sie dafür mehr als genug. Day interessiert sich seit...
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