Ich will Dich und keine andere

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Um das Familienunternehmen zu retten ist Paul bereit, eine Frau zu heiraten, die er nicht liebt. Bis er die temperamentvolle Cassidy kennenlernt. Sie hat alles, was er bei seiner zukünftigen Frau vermisst. Und bald muss er einsehen, dass die Ehe mit der anderen ein Fehler wäre…
  • Erscheinungstag 16.08.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733779405
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Ich weiß, dass es wichtig ist.“ Cassidy rückte die rote Clownsperücke zurecht und strich über die weiße Schürze mit den Rüschenborten. „Halloween steht kurz bevor, und gerade dann habe ich am meisten zu tun im ganzen Jahr.“

William war nahe daran, sich die kurzen, hervorragend geschnittenen blonden Haare zu raufen. Er holte jedoch nur tief Luft und zog die graue Seidenkrawatte enger. „Und genau deshalb musst du mir diesen Gefallen tun.“

Cassidy beruhigte ihren Bruder, der stets alles viel zu ernst nahm. „Ich habe doch gesagt, dass ich ihn ausstatten werde. Ich hoffe nur, dass er nichts allzu Ausgefallenes will.“

William beugte sich über den Glastresen, ohne auf die falschen Wimpern, Gumminasen, Skalpe sowie Warzen und Muttermale zu achten, und packte seine Schwester an ihrem Lumpenkostüm. „Du hast es offenbar noch immer nicht begriffen. Es geht um meinen Boss, Cass! Er ist in einer verzweifelten Lage, und ich habe dich ihm empfohlen. Lass mich bloß nicht hängen!“

Der arme William! Ständig regte er sich auf und fürchtete, von seinen Angehörigen blamiert zu werden. Na schön, sie waren ein wenig … exzentrisch, meinten es jedoch nur gut. Jedenfalls meistens. Cassidy lächelte ihm aufmunternd zu und vergaß dabei ihre dick aufgemalten Wimpern, die roten Wangen und die breiten Lippen, die den Effekt ihres Lächelns natürlich minderten.

„Brüderchen, ich verspreche dir, Mr. Paul Barclay Spencer von ‚Barclay Bakeries‘ bevorzugt zu behandeln. Ich suche ihm ein Kostüm aus, mit dem er diese Betty beeindrucken kann und in dem er sich trotzdem wohlfühlt. Schwesterliches Ehrenwort.“

William war jedoch überhaupt nicht beruhigt. „Sie heißt Betina“, betonte er. „Betina Lincoln. Und wenn alles gut geht, ist sie im Frühjahr bereits Mrs. Paul Spencer.“

„Und Mr. Spencer hat den Familienbetrieb wieder sicher in den Händen.“ Cassidy wollte beweisen, dass sie gut zugehört hatte. „Er wird dir die Kontrolle über die Großbäckerei verdanken.“

„Ja, vorausgesetzt du verpatzt nichts. Ziehst du jetzt bitte dieses alberne Kostüm aus, bevor er kommt?“

Seufzend griff Cassidy nach der voluminösen Perücke, die sie trug. „Ich verzichte auf dieses tolle Kostüm, zeige stattdessen wieder mein eigenes unscheinbares Ich und suche für deinen Boss das perfekte Kostüm aus. Ich schwöre, es wird ihm das Herz und die Firmenanteile der tollen Miss Betina Lincoln gewinnen. Zufrieden?“

William strich seinen ohnedies faltenfreien Maßanzug glatt und nickte. „Vergiss nicht, dass ich auf dich zähle.“

Er schenkte ihr diesen typischen, beinahe anerkennenden Blick des großen Bruders, verdarb den guten Eindruck im Hinausgehen jedoch durch ein Kopfschütteln. Offenbar fragte er sich, wieso ein so viel versprechender aufstrebender leitender Angestellter eine solche Schwester hatte.

Doch wo lag das Problem? Kostüme waren ihr Beruf. Sie entwarf, nähte, verlieh, verkaufte und präsentierte in ihrem eigenen Laden Kostüme. Und sie trug natürlich Kostüme. Der arme, total verkrampfte William begriff solche Zusammenhänge im Leben nicht, wenn sie nicht direkt mit ihm zu tun hatten. Allerdings stellte die Familie Penno für William eine Belastung dar, die sie, seine kleinere Schwester, nicht noch vergrößern wollte.

Er begriff nicht, wieso ihre Eltern sich im letzten Jahr scheiden ließen. Für Cassidy war klar, dass Alvin und Anna Penno trotz oder gerade wegen fünfunddreißig Ehejahren absolut nicht zusammen passten. William dagegen verstand nicht, dass die beiden getrennt glücklicher waren und dass ihre gescheiterte Ehe nichts mit ihm zu tun hatte.

Seine Beziehung zur Familie Barclay Spencer war vermutlich Teil dieses Problems. Diese Leute stellten familiäre Angelegenheiten an allererste Stelle, besonders die familieneigene Großbäckerei „Barclay Bakeries“. Wie es sein mochte, einer so festgefügten Familie anzugehören? Wahrscheinlich herrlich, da William diese Leute dermaßen bewunderte.

Es war vermutlich logisch, dass Paul Spencer, der Generalmanager der Großbäckerei, seine angeheiratete Cousine heiratete. Schließlich hatte sie von Mr. Chester Barclay, Pauls Großvater, Firmenanteile geerbt. Durch eine Heirat der beiden würde alles wieder ins Lot kommen.

Allerdings fragte sich Cassidy, wieso die „reizende und elegante Miss Lincoln“, wie William sie beschrieben hatte, auf einmal zögerte, Paul zu heiraten. Schließlich hatte er gegen ihren Willen vor einigen Monaten eine heiße Affäre mit dieser selben Miss Lincoln abgebrochen. Cassidy hatte jedenfalls den Eindruck, dass Betina mit dieser Heirat alles erreichte, was sie nur wollte. Möglich war natürlich aber auch, dass sie ihren Bruder in diesem Punkt falsch verstanden hatte.

Während Cassidy zum Umkleideraum ging, rief sie Tony zu sich, der im Schaufenster die Dekoration „Arabische Nächte“ zusammenstellte. Er steckte den Kopf in die Zirkusarena, in die der zweite ihrer vier Schauräume verwandelt worden war.

„Sie haben gerufen, chérie?“, fragte er, und sein französischer Akzent war nicht zu überhören. Mit dem frechen Strohhut, den er trug, stellte er heute Maurice Chevalier dar. Gestern war er Clark Gable gewesen, und morgen würde er bestimmt einen anderen Star verkörpern. Nach seinem Collegeabschluss wollte er Dallas verlassen, um nach New York oder Los Angeles zu gehen und dort groß rauszukommen. Allerdings hatte er sich bis heute nicht entschieden, in welcher der beiden Städte er sein Glück nun machen wollte.

Mit ihren fünfundzwanzig hatte Cassidy die eigenen Träume von einer Karriere als Schauspielerin auf den Beruf der Kostümschneiderin zurückgeschraubt. Sie fühlte sich wesentlich älter und klüger als ihr zwanzig Jahre alter Angestellter Tony Abatto, dessen scherzhafte Annäherungsversuche ihr manchmal ebenso auf die Nerven gingen wie sein Getue. Andererseits wollte sie ihm den Spaß nicht verderben. Sollte er doch an unbändige Leidenschaft und steile Karrieren glauben, solange das möglich war. Er würde bald genug herausfinden, dass für einen echten Durchbruch mehr als Talent nötig war.

„Ich ziehe mich um“, erklärte sie. „Passen Sie auf den Laden auf. Ich erwarte einen ganz besonderen Kunden.“

Oui, Mademoiselle. Mit meinem Leben werde ich Ihre wahr gewordenen Träume verteidigen. Auch dies ist ein Beweis für l’amour, die ich in meinem Herzen für Sie trage.“

„Es sollte eher ein Beweis für l’amour zu Ihrer Arbeit sein“, entgegnete sie lächelnd.

„Das Lumpenkostüm passt nicht zu Ihrer Stimmung?“, fragte Tony und kletterte aus dem Schaufenster heraus.

„Es passt nicht zur Stimmung meines Bruders“, rief sie ihm zu und sah noch, wie er das Gesicht verzog. Tony hielt nicht viel von William. „Hängen Sie schon mal einige Sachen für den Kunden heraus, Tony“, fügte sie hinzu und verschwand hinter dem Vorhang.

„In Ordnung. Was denn?“

„Die üblichen Macho-Kostüme.“

„Also Dracula, Kampfpilot und Seeräuber.“

Cassidy seufzte. Eigentlich wollte sie jemandem vor Halloween ein Kürbis-Kostüm andrehen, aber das sollte sie bei Williams Chef lieber nicht versuchen. Andererseits war jeder Dracula, Pirat oder Soldat bereits reserviert. Wenn Paul Spencer eins von diesen Kostümen wählte, musste sie sich wieder an die Nähmaschine setzen. Doch schlafen konnte sie auch noch in der zweiten Novemberwoche – vorausgesetzt sie hielt so lange durch.

Cassidy legte das Kostüm ab und zog stattdessen eine bequeme Jeans sowie ein senfgelbes Sweatshirt an. Ihr goldbraunes Haar fasste sie am Hinterkopf mit einem schlichten Gummiband zusammen. Nachdem sie das Kostüm weggehängt hatte, ging sie zu den Schminktischen am anderen Ende des Ladens.

Sie liebte alles an ihrem Geschäft, die Schminktische jedoch ganz besonders. Hier befanden sich zahlreiche Gegenstände aus dem Friseursalon ihres verstorbenen Großvaters. Der mit grünem Leder überzogene Stuhl knarrte, als sie sich setzte und sich einen Umhang um die Schultern legte. Sorgfältig begann sie, sich abzuschminken.

Gerade hatte sich die ganze Schminke in eine dicke, graue, leicht klebrige Masse verwandelt, als sie im Spiegel hinter sich „Maurice“ sah. Bevor sie ihn fragen konnte, wieso er nicht wie verlangt im vorderen Raum des Geschäfts geblieben war, drückte er das Pedal, mit dem die Rückenlehne gelöst wurde.

Im selben Moment kippte sie nach hinten und blickte zu ihrem unmöglichen Angestellten und einem Mann im dunklen Nadelstreifenanzug hoch.

Tony beugte sich zu ihr herunter, küsste sie auf den Hals und sagte mit seinem falschen französischen Akzent. „Dieser Kunde möchte Sie sehen, chérie.“ Als Cassidy mit dem Handtuch nach ihm schlug, wich er lachend aus und sagte zu dem Kunden: „Sie betet mich an.“

„Sieht ganz so aus“, lautete die knappe Antwort.

Stöhnend legte Cassidy das Handtuch auf ihr Gesicht. In diesem Augenblick klappte die Rückenlehne wieder hoch und schleuderte sie fast aus dem Sessel. Gleich darauf hörte sie, wie die Luft aus dem gepolsterten Lederhocker neben ihr wich. Sie riss sich das Handtuch vom Gesicht, erwartete Tony und blickte in das lächelnde Gesicht eines Fremden.

Es handelte sich um einen ausgesprochen gut aussehenden Fremden. Das kurze, dunkelbraune Haar war klassisch geschnitten. Die funkelnden blaugrauen Augen waren von dichten Wimpern umgeben. Die Augenbrauen waren fast schwarz.

Er streckte ihr die Hand hin. „Sie sind vermutlich Cassidy Penno.“

„Ja“, bestätigte sie und ergriff die Hand.

„Paul Spencer.“

Sie schloss die Augen, zog hastig die Hand zurück und wischte die Schmiere vom Gesicht. „Tut mir leid, Mr. Spencer.“ Das Handtuch dämpfte ihre Stimme. „Ich war als Lumpenpuppe verkleidet, als mein Bruder mir sagte, dass Sie kommen. Ich dachte, ich könnte mich noch abschminken, und Tony, der unmögliche Mensch, wollte mich offensichtlich in Verlegenheit bringen. Er mag William nicht, und er ist ständig sauer auf mich, weil ich seine Annäherungsversuche nicht ernst nehme. Eigentlich sollte ich ihn hinauswerfen, ich weiß, aber …“

Paul Spencer zog ihr lächelnd das Handtuch aus den Händen und übernahm es, die dicke Paste von ihrem Gesicht zu wischen. „Sie meinen, Sie wollten mir erklären, warum Sie Tony nicht hinauswerfen?“

Cassidy starrte fasziniert in seine funkelnden Augen. „In einem solchen Laden kann nur ein ganz bestimmter Personentyp arbeiten.“

„Wirklich? Und was für ein Typ ist das?“

Sie nahm ihm das Handtuch wieder weg und drehte sich zum Spiegel, um Paul Spencers Blick auszuweichen.

„Sie wollten mir erklären, was für ein Typ in einem solchen Laden arbeitet“, erinnerte er sie nach einem kurzen Schweigen.

„Jemand, der das Theater liebt“, antwortete sie knapp. „Ein Schauspieler. Jemand, der sich gern verkleidet, kreativ ist … und für wenig Geld arbeitet.“ Im Spiegel sah sie, wie ihr Kunde erneut lächelte. William brachte sie um, wenn er von dieser Szene erfuhr! Rasch ließ sie das Handtuch fallen, zog das Gummiband aus dem Haar und ließ dieses locker um die Schultern fallen. „Ich wäre Ihnen dankbar, Mr. Spencer, wenn Sie William nicht erzählen, wie Sie mich angetroffen haben. William ist ein großartiger Bruder, aber er ist … na ja, er ist …“

„Verkrampft“, warf Paul Spencer ein. „Humorlos. Steif.“

Cassidy sah ihn entsetzt im Spiegel an.

Spencer lachte. „Beruhigen Sie sich, Miss Penno. Ich habe eine hohe Meinung von Ihrem Bruder. Er ist ein guter Mitarbeiter und ein wertvoller Mensch. Allerdings nimmt er sich und das Leben zu ernst. Von mir erfährt William jedenfalls kein Wort davon, dass Sie bei meinem Eintreffen wie ein Monster aus dem Sumpf ausgesehen haben.“

Cassidy wirbelte mit dem Stuhl herum. „Das stimmt nicht!“

„Nein, es stimmt nicht“, bestätigte er schmunzelnd. „Ich habe nur einen Scherz gemacht.“

„Oh.“

Wenn Paul Spencer lächelte, sah man kräftige weiße Zähne. Einer auf der rechten Seite hatte eine winzige abgebrochene Ecke. Plötzlich wusste Cassidy, dass sie diesem Mann vertrauen konnte. Und er vertraute ihr so sehr, dass er mit ihr scherzte. Wieso hatte sie das Gefühl, dass er nur mit wenigen Leuten lachen konnte? Nun, das war nicht weiter wichtig. Wichtig war nur, dass alles in Ordnung war.

„Tut mir ehrlich leid“, meinte sie lachend. „Ich muss schrecklich ausgesehen haben.“

„Sagen wir, ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass sich unter dieser grauen Paste ein so hübsches Gesicht verbergen könnte.“

„Ach, hören Sie auf“, wehrte sie ab und stand auf. „In meinem Geschäft ist es sehr praktisch, ein weitgehend unscheinbares, ausdrucksloses Gesicht zu haben. Das ist wie eine weiße Leinwand, auf der man malt. Kommen Sie mit. Tony hat hoffentlich schon etwas ausgesucht.“

Zu ihrer Überraschung hielt Spencer sie am Arm fest. „Wer hat Ihnen gesagt, Sie wären unscheinbar? William?“

„Wie? Nein, natürlich nicht!“

„Sie haben ein sehr zartes, im klassischen Sinn schönes Gesicht.“ Mit dem Zeigefinger strich er von ihren Brauen über die Nase zur Oberlippe und weiter hinunter zum Kinn.

Cassidy war wie verzaubert. Noch nie hatte ihr jemand gesagt, sie wäre schön. Beinahe hätte sie diesem Mann geglaubt, doch dann zog er den Finger zurück, und sie kam wieder zu sich. „Wollen wir?“, fragte sie und deutete zum angrenzenden Raum.

Sie reichte ihm bis zu den Augenbrauen. Also war er gerade mal etwas größer als ein Meter achtzig. Genau richtig für mich, schoss es ihr durch den Kopf. Was für ein unsinniger Gedanke!

Der Rollständer für Kostüme, die sie Kunden anbot, stand in der Mitte des dritten Raums. Cassidy deutete auf ein kleines Fass mit einem roten Kissen. „Setzen Sie sich, Mr. Spencer. Ich zeige Ihnen unsere beliebtesten Kostüme.“

„Paul“, verbesserte er und setzte sich.

Lächelnd griff sie nach dem ersten Bügel auf dem Ständer. „Das ist aus nahe liegenden Gründen das beliebteste Kostüm um diese Jahreszeit.“

„Dracula finde ich nicht sonderlich originell“, wehrte Paul ab.

Cassidy griff nach dem nächsten. „Der Pirat macht eine gute Figur. Außerdem gehören Ohrring, Säbel und wahlweise Holzbein oder Papagei dazu.“

„Lieber nicht“, meinte er lächelnd. „Ich bin nicht der Typ für einen Ohrring.“

„Na schön.“ Als Nächstes holte sie den Roten Baron hervor. „Der berühmte Pilot aus dem Ersten Weltkrieg. Im Fernsehen gibt es diese Reklame, in der Frauen fast in Ohnmacht fallen und …“

Paul schüttelte den Kopf. „In Ohnmacht fallende Frauen sind mir peinlich.“

Sie hängte auch den Roten Baron wieder zurück. „Wie wäre es mit General Patton? Wenn wir Ihr Haar silbern färben und Sie um die Mitte auspolstern, sehen Sie ganz wie George C. Scott aus.“

„Lieber nicht.“

„Dwight D. Eisenhower?“

„Ich glaube, das Militär ist nichts für mich.“

„Nicht einmal ein Südstaaten-Rebell aus dem Bürgerkrieg?“

Paul winkte ab. „Schon gar nicht. Wir wollen die ‚Barclay Bakeries‘ auf die Südstaaten ausdehnen. Und auch zukünftige Kunden werden an der Party teilnehmen.“

„Dann fällt also die Yankee-Uniform ebenfalls weg.“

„Ja, und ebenso der Indianer, tut mir leid.“

„Hmm.“ Sie betrachtete sein dunkles Haar. „Wir könnten es mit dem Kaiser von China versuchen. Augen-Make-up, ein Zopf …“

Er war wenig begeistert.

„Rudolph Valentino als Scheich?“

Paul überlegte und schüttelte den Kopf. „Nicht bei dieser Gelegenheit.“ Er sah sich um. „Auch kein Zigeuner“, fügte er mit einem Seitenblick auf ein entsprechendes Kostüm hinzu.

„Prinz Albert?“

„War der nicht kahl?“

„Castro. Nein, auch nicht gut.“ Cassidy war nicht ganz klar, wonach der Chef ihres Bruders suchte.

„Auch nicht Stalin, falls das Ihr nächster Vorschlag sein sollte.“

Sie warf ihm einen strafenden Blick zu und wurde mit einem Lächeln belohnt. „Stalin“, sagte sie leise. „Russland. Hmm. Ja! Erinnern Sie sich an Tony Curtis in diesem herrlichen alten Film über Kosaken? Ich glaube, Yul Brynner spielte seinen Vater, und bei einer Mutprobe sprangen sie mit Pferden über immer breitere Schluchten.“

„‚Taras Bulba‘!“ Paul stand auf. „Starb er nicht zuletzt?“

Sie zuckte die Schultern. „Jedenfalls hat er das Mädchen bekommen.“

„Ach ja. Ja, das könnte gehen.“ Die Idee schien ihm zu gefallen. „Gut, sehen wir uns das Kostüm an.“

Cassidy lächelte bedauernd. „Ich habe das Kostüm nicht auf Vorrat, aber ich kann eines anfertigen.“

„Das wäre dann ein Einzelstück nur für mich?“ Er war sichtlich erstaunt.

Cassidy nickte erleichtert. Allerdings musste sie erst Nachforschungen anstellen, wofür sie keine Zeit hatte, einen Schnitt anfertigen, zuschneiden und nähen – und Anproben machen. Doch das alles würde ihrem Bruder helfen. „Genau.“

„Großartig!“, meinte Paul begeistert. „Womit fangen wir an?“

„Mit Nachforschungen.“

„Sehr gut. In welcher Epoche forschen wir?“

„Sie brauchen gar nichts zu tun“, meinte sie erstaunt. „Das ist meine Aufgabe.“

„Und woher soll ich wissen, dass Sie alles richtig machen?“, fragte er.

„Da haben Sie nun wieder recht“, räumte Cassidy ein.

„Ich misstraue Ihnen nicht“, versicherte er lachend. „Ich weiß nur gern über alles Bescheid, und ich möchte nicht dumm dastehen, wenn mich jemand nach meinem Kostüm fragt.“

„In Ordnung“, räumte sie ein. „Vielleicht sollten Sie sich über den Film informieren. Danach werden Sie eher gefragt als nach der geschichtlichen Bedeutung des Kostüms.“

„Verstehe. Schade, dass die Leute sich stets mehr für den Film als für die Geschichte interessieren. Durch derart mangelndes Interesse stellen wir uns selbst ein Armutszeugnis aus.“

„So habe ich das noch gar nicht gesehen“, meinte Cassidy beeindruckt.

Er freute sich offenbar über ihre Bemerkung. „Also, ich fange mit den Nachforschungen an. Was kommt danach?“

„Wir müssen Termine für Anproben vereinbaren.“

„Kommt denn davor nicht noch etwas? Ich meine, ich kann mir doch die Entwürfe ansehen, oder nicht? Oder ist das zu …“

„Nein, das passt mir gut. So sparen wir wahrscheinlich sogar Zeit.“

„Prima“, sagte Paul lächelnd. „Wann bekomme ich die Entwürfe zu sehen?“

Du lieber Himmel! Sie hatte so viel zu tun, musste liefern, Sachen aus der Reinigung holen, Kostüme flicken und ändern. „Ende dieser Woche?“

„Wie wäre es mit Donnerstag?“, schlug er vor. „Der Freitag ist für mich schon weitgehend verplant.“

Verplant war auch ihre ganze Woche. „Donnerstag“, stimmte sie trotzdem zu. „Nach fünf Uhr?“

„Ich möchte Sie nicht so spät noch aufhalten. Wann essen Sie zu Mittag? Vor oder nach dem guten Tony?“

„Nach ihm.“

„Wie wäre es dann um eins?“

Sie hielt das nicht für eine gute Idee, konnte aber nicht recht ablehnen. Also nickte sie.

„Großartig. Möchten Sie ausgehen, oder soll ich etwas mitbringen?“

Er wollte sie zum Essen einladen? „Sie brauchen nicht …“

„Unsinn. Ich muss ohnedies etwas essen, und Ihnen kann eine anständige Mahlzeit auch nicht schaden. Sie sind sicher nicht zu mager. Ähh, das meinte ich nicht …“ Er ließ den Blick anerkennend über ihren schlanken Körper gleiten. „Gewichtsprobleme haben Sie nicht“, fügte er hinzu. „Vermutlich gehören Sie zu den von Natur aus schlanken Frauen, die von allen anderen Frauen dafür gehasst werden.“

Cassidy fasste es nicht. Wenn sie nicht völlig den Verstand verloren hatte, flirtete er mit ihr. Mit ihr, Cassidy Jane Penno! Sie brachte kein Wort hervor.

Er lachte nur und sah auf seine Armbanduhr. „Ich muss weg. Donnerstag, ein Uhr. Ich kümmere mich um das Mittagessen. Einverstanden?“

„Ich … ja … sicher.“

„Schön.“ Er lächelte sie erneut an und verließ dann den Laden.

Cassidy stützte sich auf den Ständer. „Was können Sie sich doch geschliffen unterhalten, Miss Penno“, sagte sie spöttisch in die Leere. „Kein Wunder, dass Ihr Bruder Ihnen nicht von zwölf bis Mittag vertraut. Du lieber Himmel!“ Sie schlug sich gegen die Stirn. Zuerst Schmiere im Gesicht, und dann dieses Gestammel! Und bis Donnerstag musste sie die Entwürfe fertig haben. Und dann auch noch mit Paul Spencer zu Mittag essen!

Das durfte alles gar nicht wahr sein.

Paul tippte den Code für die Fahrertür des schnittigen schwarzen Jaguars ein und setzte sich ans Steuer. Was war ihm bloß eingefallen, sich mit Cassidy Penno zu verabreden? Sie war eine reizende junge Frau, auch wenn ihr das nicht bewusst war, und er hatte sich mit ihr so amüsiert wie schon lange nicht. Ihre Kreativität wirkte erfrischend. Trotzdem er war praktisch mit Betina verlobt. Allerdings nur „praktisch“ und nicht richtig. Zum Teufel mit ihr!

„Aber, aber“, tadelte er sich und fuhr los. Denkt man so über seine zukünftige Frau?

Er war entschlossen, seine Cousine zu heiraten. Bestimmt hatte sein Großvater damit gerechnet. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, hatte sein schlauer Großvater doch dreißig Prozent der „Barclay Bakeries“ Betina hinterlassen, genauso viel wie ihm.

Er besaß zu diesen dreißig noch zehn Prozent. Die restlichen dreißig Prozent waren auf andere Familienmitglieder verteilt. Sein Onkel Carl und dessen Frau Jewel, Betinas Mutter, hatten zehn Prozent, ebenso sein Onkel John, der nie geheiratet hatte. Zehn Prozent waren an Mary, die Frau seines verstorbenen Onkels, und ihre Tochter Joyce, die jetzt Joyce Spencer Thomas war, gefallen.

Seit der Firmengründung durch Pauls Urgroßvater hatte kein Außenstehender je Firmenanteile besessen. Pauls Urgroßvater und Großvater hatten jeweils beträchtliche Anteile besessen. Die anderen Familienmitglieder dagegen hatten sich nie an der Firmenleitung beteiligt, sondern nur die Gewinne eingestrichen.

Paul stellte eine Ausnahme dar. Er interessierte sich für das Geschäft. Als sein Großvater sich zur Ruhe setzte und er selbst Firmenchef wurde, hatte er dummerweise angenommen, eines Tages die sechzig Prozent seines Großvaters zu den zehn Prozent zu bekommen, die er von seinen Eltern geerbt hatte. Die Familientradition verlangte das. Seine Angehörigen erwarteten es, weil sie ihm zutrauten, die Firma so gut wie seine Vorgänger zu führen. Doch dann hatte ihm sein Großvater einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Paul gab sich selbst einen Teil der Schuld. Er hatte schon länger gewusst, dass sein Großvater sich Sorgen machte, weil sein Enkel nicht verheiratet war. Im Alter von achtunddreißig Jahren waren die meisten Männer verheiratet. Es fehlte ihm jedoch nicht an Interesse, sondern er hatte bisher einfach nicht die Richtige gefunden.

Vielleicht gab es seine Traumfrau ja auch gar nicht, wobei er nicht genau sagen konnte, wie sie sein musste. Bisher hatte keine Frau, mit der er zusammen war, in ihm den Wunsch geweckt, sich für das ganze Leben an sie zu binden – nicht einmal Betina.

Er hätte sich nicht von ihr verführen lassen dürfen. Aber welcher Mann konnte schon widerstehen, wenn eine schöne Frau unangemeldet in sein Büro kam und außer einem rosa Regenmantel nur Strümpfe und Schuhe mit hohen Absätzen trug? Nein, ihn traf keine Schuld, dass er der Versuchung erlegen war, selbst wenn das Objekt seiner Begierde von den besten Schönheitschirurgen noch ein wenig verbessert worden war. Der eigentliche Fehler hatte darin bestanden, anzunehmen, es bliebe beim Vergnügen, und die Familie würde keine großen Erwartungen hegen.

Er konnte nicht beweisen, dass Betina den anderen ihr gemeinsames Geheimnis verraten hatte. Zuzutrauen war es ihr allerdings. Als ihm seine Angehörigen nicht glaubten, dass er mit Betina nur eine vorübergehende Beziehung hatte, beendete er das Spiel.

Unter vier Augen hatte Betina sich sehr verständnisvoll gezeigt. Vor anderen gab sie sich jedoch stets zutiefst traurig, wenn er in ihre Nähe kam oder auch nur erwähnt wurde. Paul musste sich entscheiden, ob er enthüllte, wie es zu der Affäre gekommen war, oder ob er abwartete, bis die Sache einschlief.

Natürlich war ihm klar, dass Betina und er nach außen hin scheinbar gut zusammenpassten. Betina war zwölf gewesen, als ihre Mutter Onkel Carl heiratete. Sechzehn Jahre später gehörte sie zur Familie, auch wenn sie nicht blutsverwandt war. Carl und Jewel hatten dann keine eigenen Kinder mehr gehabt.

Oberflächlich betrachtet war Betina die ideale Ehefrau für ihn – reizend, tüchtig, anmutig, elegant, warmherzig. Aber eben nur oberflächlich. Darunter verbarg sich nach Pauls Meinung eine kühl kalkulierende, ehrgeizige Person. Leider konnte er darüber mit niemandem sprechen, Joyce vielleicht ausgenommen. Doch was hätte das genützt? Joyce war glücklich mit dem Manager der Bäckerei verheiratet und hatte nur im Sinn, endlich ein Kind zu bekommen.

Hätte er doch wenigstens seinem Großvater über Betina reinen Wein eingeschenkt! Er hatte jedoch den Gentleman gespielt, und jetzt musste er dafür bezahlen. Seine Verwandten verließen sich auf ihn, und Betina zeigte ein alarmierendes Interesse daran, sich in die Geschäfte einzumischen. Schlimmer noch – sie hatte gedroht, die Familie in den Streit hineinzuziehen, sollte er sie abweisen.

Autor

Arlene James
Arlene James schreibt bereits seit 24 Jahren Liebesromane und hat mehr als 50 davon veröffentlicht. Sie ist Mutter von zwei wundervollen Söhnen und frisch gebackene Großmutter des, wie sie findet, aufgewecktesten Enkels aller Zeiten. Darum hat sie auch im Alter von 50 plus noch jede Menge Spaß.

Sie und ihr Ehemann,...
Mehr erfahren