Julia Ärzte zum Verlieben Band 114

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IN DEN STARKEN ARMEN DES PLAYBOY-DOCS von BECKETT, TINA
Frauen sind nur Ablenkung! Für Romantik hat Dr. Rafael Valentino keinen Platz in seinem Leben - auch die süße Cassie ist nur ein One-Night-Stand. Dass er bald mit ihr zusammenarbeiten muss, ahnt er nicht. Und auch nicht, dass er ihre heißen Blicke nicht vergessen kann …

ARZT GESUCHT - LIEBE GEFUNDEN von CLAYDON, ANNIE
Wie ein junger Gott steht Dr. Matteo Di Salvo vor ihr und bringt Roses Herz aus dem Takt. Der feurige Arzt ist ihr Traummann - aber kein Daddy für ihren Sohn. Sie kann mit Matteo nur kurz glücklich sein, dann muss Rose zurück in ihr altes Leben …

DEIN KUSS HEILT MEINEN SCHMERZ von DRAKE, DIANNE
Sie darf Daniel nicht lieben - schließlich war sie die Krankenschwester seiner verstorbenen Frau! Was sollen die Leute denken? Zoey kämpft gegen ihre Gefühle für den Witwer und seine kleine Tochter. Werden Daniels Küsse sie alle Regeln vergessen und an die Liebe glauben lassen?


  • Erscheinungstag 29.06.2018
  • Bandnummer 114
  • ISBN / Artikelnummer 9783733711467
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Tina Beckett, Annie Claydon, Dianne Drake

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 114

TINA BECKETT

In den starken Armen des Playboy-Docs

Ihr Kollege Dr. Rafael Valentino könnte der Retter in der Not sein: Mit ihm kann Cassie vielleicht die schreckliche Seuche eindämmen! Nichts darf sie von dieser Mission ablenken – auch nicht die Tatsache, dass Rafael der Mann ist, mit dem sie vor vier Wochen eine Nacht atemloser Leidenschaft verbracht hat. Eine Nacht, die nicht ohne Folgen blieb …

ANNIE CLAYDON

Arzt gesucht – Liebe gefunden

Ein Teint wie aus Porzellan, die blauen Augen strahlend und voller Verheißung: Als der sizilianische Arzt Matteo Di Salvo die Mutter seines kleinen Patienten kennenlernt, ist es um ihn geschehen. Doch die Vergangenheit hat ihn gelehrt, dass er glücklicher ohne die Liebe ist. Er will Rose nicht verfallen – so sehr er sich auch nach ihrer Umarmung sehnt …

DIANNE DRAKE

Dein Kuss heilt meinen Schmerz

Sein Herz ist nicht frei – das muss Zoey verstehen. Schließlich war sie die Krankenschwester, die seine Frau auf ihrem letzten Weg begleitet hat. Jetzt muss Daniel Caldwell alleine für seine kleine Tochter sorgen. Und auch, wenn ihm Zoeys Verständnis und Zärtlichkeit helfen könnten – es wäre nicht fair, ihre Gefühle ohne Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft auszunutzen …

PROLOG

Der Fremde an der Bar war mindestens genauso deprimiert wie sie selbst. Zumindest drängte sich Cassie dieser Eindruck auf, denn vor ihm standen drei leere Gläser. Ein viertes hielt er in der Hand und starrte gedankenverloren in die goldbraune Flüssigkeit, ganz so, als suchte er nach etwas, das er schon vor sehr langer Zeit verloren hatte.

Genauso fühlte sie sich auch. Allerdings hatte sie nicht direkt etwas verloren, sondern es vielmehr energisch aus ihrem Leben entfernt.

Traurige Erinnerungen aus ihrer Kindheit überkamen sie.

Du schaffst das schon!

Nachdem sie tief Luft geholt hatte, nahm Cassandra Larrobee den viel zu großen Diamantring vom Finger und steckte ihn in ihre Geldbörse. Um ihn draußen in den nächsten Mülleimer zu werfen, war er doch etwas zu wertvoll – auch wenn sich diese theatralische Geste sicher großartig angefühlt hätte.

Wieso war ihr nicht schon vor langer Zeit klar geworden, dass das Schicksal für sie nun einmal keine dauerhaften Beziehungen vorgesehen hatte?

Sie betrachtete ihren nun nackten Ringfinger, zögerte kurz und ging dann zielstrebig durch die Gaststube des Mad Ron’s in Richtung Theke. Der einzige freie Barhocker war der neben dem durstigen Fremden.

Die kleine Strandbar in Little Heliconia, benannt nach ihrem exzentrischen Besitzer Ron, war eins der absoluten Szenelokale in Miami. Und zufällig war es auch die erste Kneipe, an der Cassie vorbeigekommen war, nachdem sie den Tatort verlassen hatte.

Gut, Tatort war vielleicht ein bisschen übertrieben, aber immerhin war es der Ort, an dem ihr Verlobter alles zerstört hatte.

Unwiderstehlich war sie von dem lärmenden Gelächter und dem Geräusch klirrender Gläser angezogen worden. Menschen, die entspannt bei einem Glas Wein oder Bier den Tag ausklingen ließen. Normalität. Und Ablenkung. Genau das brauchte sie jetzt.

Natürlich war ihr klar, dass sie vor ihren Problemen nur davonlief, doch das war ihr egal. Es ging um den Augenblick; langfristige Pläne funktionierten bei ihr sowieso nie. An diesem Abend wollte sie die Erinnerungen an das, was sie gesehen hatte, aus ihrem Kopf verbannen. Sonst nichts.

Danach würde sie sich um eine neue Bleibe kümmern.

Entschlossen ließ sie sich auf dem Barhocker neben dem Fremden nieder.

Ron höchstpersönlich, wie immer in einem lächerlich bunten Hawaiihemd, wandte sich ihr zu.

„Ich nehme das Gleiche wie er dort“, erklärte Cassie, noch bevor er fragen konnte.

Wieso hatte sie das gesagt?

„Aber gern doch, Chica.“ Während Ron mit der Flasche hantierte, drehte der Fremde sich ihr zu, das Glas mit dem letzten Drink noch immer in seiner Hand.

Als Cassie ihm in die bernsteinbraunen, unergründlichen Augen sah, stockte ihr der Atem, und sie brachte keine der schlagfertigen und geistreichen Bemerkungen mehr heraus, die sie sich überlegt hatte.

Obwohl – schlagfertig und geistreich? Nein, das waren im Grunde keine Worte, mit denen Cassie sich beschreiben würde.

Eher kompetent. Oder doch lieber vorsichtig? Abwartend? Zurückhaltend?

Im Augenblick war sie allerdings nichts von alledem.

„Wissen Sie denn überhaupt, was ich hier trinke?“ Er hielt sein Glas hoch, damit sie die Flüssigkeit genauer ansehen konnte. Sie war dunkel. Dunkel und gefährlich. Genau wie der Mann.

„Ich bin mir sicher, dass ich es schon vertragen werde“, erklärte sie.

Der Barkeeper stellte ein Glas vor ihr auf den Tresen, und plötzlich war Cassie sich nicht mehr sicher, ob ihre Bestellung eine so gute Idee gewesen war.

Aber wenn sie kein Feigling sein wollte, gab es nun kein Zurück mehr. Und so hob sie tapfer ihr Glas, prostete dem Fremden zu und leerte es in einem Zug.

Na also. Es war gar nicht so schli…

Eine Sekunde später brannte ihre Kehle wie Feuer, und ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Sie zwang sich, dem Fremden weiter in die Augen zu sehen, während auch er seinen Drink hinunterstürzte, und schaffte es irgendwie, den unwiderstehlichen Hustenreiz zu unterdrücken.

Betont lässig stellte sie ihr Glas vor sich ab. Genau wie im Film.

„Noch einen?“, erkundigte sich Ron.

Der Mund des Fremden verzog sich zu einem leichten Grinsen, während er amüsiert beobachtete, wie das scharfe Gebräu Cassie Tränen in die Augen trieb.

Verdammt! Er hatte es also gemerkt. Hatte sofort erkannt, dass sie keinen Alkohol vertrug; erst recht nichts so Hochprozentiges. Beim nächsten Glas würde sie unweigerlich vom Stuhl kippen, und das wusste dieser Mistkerl genau.

„Diesmal nehme ich lieber eine Margarita“, erklärte sie deshalb hoheitsvoll.

Mad Ron war dafür bekannt, die besten Margaritas der Stadt zu mixen. Und ein Cocktail hatte den Vorteil, dass sie langsam an ihm nippen konnte.

„Was ist mit dir, Rafe? Möchtest du noch etwas?“

„Kaffee. Schwarz.“

Wie bitte?

„Kommt sofort.“

Das durfte doch nicht wahr sein! Sie schaffte es also nicht einmal, einen Fremden dazu zu bringen, etwas mit ihr zu trinken. Aber immerhin kannte sie nun den Namen des Fremden.

Nicht dass es wichtig gewesen wäre.

Provozierend sah sie ihn an. „Sie vertragen wohl nicht so viel?“

„Das beantworte ich Ihnen später.“

Sie schnappte nach Luft.

Sprach er über die Drinks? Ihr wurde ein bisschen schwindelig, und sie war sich ziemlich sicher, dass das nichts mit ihren Getränken, dafür aber umso mehr mit dem Mann neben ihr zu tun hatte.

Aber he, warum nicht? Ihr Verlobter hatte sie betrogen. Wieso sollte sie nicht das Gleiche tun?

Konnte man überhaupt noch von Betrügen sprechen, wenn die Verlobung aufgelöst war?

Sie war niemandem mehr Rechenschaft schuldig. Vielleicht wäre das ein würdiger Abschluss ihrer misslungenen Verlobung.

Ron schob ihr ein Glas herüber, an dessen Salzrand dekorativ eine Limonenscheibe klemmte.

Oje, sie hatte ganz vergessen, wie groß die Cocktails hier immer waren.

Ron hatte offenbar ihre Unentschlossenheit bemerkt. „Ist alles okay?“

„Ich glaube, ich habe meine Meinung geändert. Könnte ich auch einen Kaffee haben?“

„Aber sicher, Chica.“ Ron blinzelte ihr zu, nahm den Cocktail und rief laut: „Möchte jemand eine Margarita? Geht aufs Haus!“

Sekunden später hatte der Drink einen neuen Abnehmer gefunden, und ein großer Café con Leche stand vor Cassie.

„Danke.“

Vielleicht half die Milch ja, den noch immer brennenden Whiskeygeschmack zu übertünchen. Oder hatte es etwa einen anderen Grund, dass ihr plötzlich so heiß war?

„So“, nahm der Fremde das Gespräch wieder auf. „Ron hat Ihnen meinen Namen verraten, aber ich kenne Ihren leider noch nicht.“

Und das sollte nach Möglichkeit auch so bleiben! Die Gedanken überschlugen sich in Cassies Kopf. Vermutlich würde sie diesen Mann nie wiedersehen; es war also völlig egal, welchen Namen sie ihm nannte.

„Bonnie.“ Verstohlen kreuzte sie unter der Theke ihre Finger und hoffte, dass ihre beste Freundin niemals von diesem Missbrauch ihres Namens erfahren würde.

Rafe trank einen Schluck Kaffee und sah sie dann mit seinen verstörend braunen Augen an. „Sie sehen nicht aus wie eine Bonnie.“

„Ach nein?“ Sie schluckte. „Wie sehe ich denn aus?“

„Wie eine Frau, die gerade eine sehr schmerzhafte Trennung erlebt hat.“

Entsetzt sah sie ihn an. „Wie bitte?“

Woher wusste er das? Oder war das nur seine Masche, um Frauen anzumachen?

Er griff nach ihrer linken Hand und fuhr mit seinem Zeigefinger über die Stelle, an der noch vor wenigen Minuten ihr Ring gesteckt hatte. „Sie haben den Ring gerade erst abgenommen. Ich habe gesehen, wie sie ihn in ihr Portemonnaie gesteckt haben. Es könnte natürlich auch sein, dass sie nur auf der Suche nach einem Abenteuer sind, aber ehrlich gesagt sehen Sie nicht so aus.“

Diesmal würde sie nicht lügen. „Stimmt. So was mache ich nicht. Aber jetzt sind Sie dran. Weshalb sind Sie hier?“ Sie wies auf die leeren Gläser. „Oder betrinken Sie sich jeden Abend?“

„Oh.“ Mit seinem Daumen strich er noch einmal zärtlich über ihren Ringfinger, und Cassie spürte, wie ihr immer heißer wurde. „Ich bin nicht betrunken. Kein bisschen.“

Der Barkeeper hatte seinen Namen gekannt, also musste er ein Stammgast sein. Sie war auch schon ein paarmal mit Freundinnen hier gewesen, doch offenbar noch nicht oft genug, um sich bei Ron einzuprägen. Zum Glück, denn sonst hätte er ihre kleine Namenslüge womöglich entlarvt.

„Also, ich finde, vier Gläser Whiskey sind eine ganze Menge.“

„Kann schon sein. Aber ich verbringe diesen Abend seit achtzehn Jahren hier bei Ron. Ich denke, ich kenne mein Limit.“

Was sollte sie darauf erwidern? Sein Tonfall verriet ihr, dass diese Tradition keinen erfreulichen Anlass hatte.

Ob es der Todestag seiner Frau war? Oder eines Kindes? Oder der Jahrestag seiner Scheidung? Nein, er konnte nicht seit achtzehn Jahren geschieden sein; dafür war er zu jung.

Natürlich konnte sie ihn nicht einfach fragen. Das wäre viel zu indiskret. Also versuchte sie, unauffällig das Thema zu wechseln.

„Aber Sie fahren nicht mehr selbst nach Hause, oder?“

„Nein, ich verbringe die Nacht in einem Hotel gleich hier um die Ecke.“

Cassie schluckte. Sein Satz hatte eine unmissverständliche tiefere Bedeutung.

„Sie gehen nie alleine dort hin.“

„Nein. Nie.“

Nachdenklich sah sie ihn an. Wieso war er von Whiskey auf Kaffee umgestiegen, nachdem sie sich zu ihm gesetzt hatte?

Hatte das Schicksal sie direkt in diese Bar und zu diesem umwerfend gut aussehenden Mann geführt, damit sie sich an ihrem Ex rächen konnte?

Möglicherweise. Und warum auch nicht? Darrin würde es niemals erfahren. Nur sie würde Bescheid wissen, wenn sie jetzt die Gelegenheit beim Schopf packte und dem Universum zeigte, dass auch sie kein Kind von Traurigkeit war.

Trotzig streckte sie ihr Kinn vor. „Dann haben wir etwas gemeinsam. Ich hatte auch nicht vor, heute allein nach Hause zu gehen.“

Ein amüsiertes Lächeln umspielte seine Lippen. „Haben Sie denn schon einen Kandidaten ins Auge gefasst?“

„Allerdings. Ich unterhalte mich gerade mit ihm.“

Cassie konnte kaum glauben, dass sie das gerade gesagt hatte. Andererseits – nichts sprach dagegen, dass sie sich etwas Spaß gönnte. Nicht nur für ihn hatte dieser Abend in der Bar einen traurigen Anlass.

Aber was, wenn er ein verrückter Serienkiller oder so was war?

Vielleicht sollte sie sich irgendwie absichern.

„Woher kennen Sie Ron?“

„Er ist seit Jahren ein Freund meiner Familie. Mi hermanos und ich sind oft hier.“

Sein Spanisch hörte sich so natürlich an, dass Cassie von einer zweisprachigen Kindheit ausging.

Seine Eltern hatte er nicht erwähnt, nur seine Brüder. Trotzdem war es unwahrscheinlich, dass er sich wie Jack the Ripper aufführte, wenn seine Familie mit Ron befreundet war.

Genau in diesem Augenblick erschien der Barbesitzer wieder vor ihnen. „Alles klar bei euch?“

„Ich glaube, wir gehen jetzt.“ Rafe holte seine Brieftasche heraus und legte einige Scheine auf die Theke.

„Ich kann meine Getränke selbst bezahlen“, protestierte Cassie.

„Du bezahlst das nächste Mal.“

Auch wenn sie beide wussten, dass es kein nächstes Mal geben würde, verzichtete Cassie auf eine Grundsatzdiskussion. Sie wollte die Stimmung nicht gleich am Anfang verderben.

Diese kleine Unwahrheit konnte sie verkraften. Ganz im Gegensatz zu den Ausflüchten ihres Verlobten, der ihr versichert hatte, dass es nicht das war, wonach es ausgesehen hatte.

Die allermeisten Dinge waren exakt so, wie sie aussahen.

Wollte man ein Kind nicht mehr haben, brachte man es einfach ins Kinderheim.

Hatte man genug von seiner Verlobten, suchte man sich eine neue Frau.

Und wollte man einen One-Night-Stand, dann ging man in eine Bar und sprach einen attraktiven Fremden an.

Ja, sie kannte das Spiel ganz genau.

„Ist gut. Nächstes Mal“, murmelte sie.

Er stand auf und steckte seine Brieftasche ein.

Eine Sekunde lang glaubte Cassie, er wollte einfach gehen. Allein. Doch dann streckte er ihr seine Hand entgegen.

Dies war die letzte Chance, einen Rückzieher zu machen. Noch konnte sie einfach so tun, als wüsste sie nicht, was er vorhatte.

Was ziemlich unglaubwürdig wäre, denn sie hatte ihm mehr oder weniger direkt gesagt, dass sie mit ihm ins Bett gehen wollte.

Als sie seine Hand nahm, durchlief sie ein Schauer der Erregung. Ihr Magen machte einen Purzelbaum, und sie bemerkte, dass sie leicht zitterte. Wenn Rafe es bemerkte, war er diskret genug, sich nichts anmerken zu lassen.

Er zog sie mit sich durch die Menschenmenge zum Ausgang. Vor Ron’s Bar standen zwei große Blumenkübel mit Gardenien, deren Duft Cassie schwindelig werden ließ.

Sie konnte kaum glauben, dass sie wirklich gerade mit einem Fremden die Bar verlassen hatte.

Wie lange war es her, dass sie etwas so Abenteuerliches … oder sogar Gefährliches getan hatte?

Es gab keinen Zweifel daran, dass der Mann, der gerade ihre Hand hielt, gefährlich war. Egal, wie gut er Ron kannte. Er war das komplette Gegenteil ihres Verlobten, der in der Welt der Reichen und Schönen lebte und nur damit beschäftigt war, sein Vermögen zu vergrößern. Genau wie seinen Harem.

Es hatte ihr nichts genützt, beruflich erfolgreich zu sein. Eine Karriere als Ärztin reichte nicht, um eine stabile Beziehung zu haben.

Andererseits – wer brauchte schon stabile Beziehungen, wenn es Männer wie Rafe gab?

Sie waren gerade einen Block weit gegangen, als Rafe plötzlich abrupt stehen blieb und ihr Gesicht in seine Hände nahm.

„Bist du dir sicher, dass du das willst?“

Natürlich nicht! Aber das würde sie keinesfalls zugeben. Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch nie einen Mann in einer Bar aufgerissen. Nun konnte sie hinter diese Herausforderung endlich einen Haken machen. Nicht dass sie den Punkt jemals auf ihrer Liste gehabt hätte …

Sie holte tief Luft und nickte. „Ja, ich bin mir sicher. Es sei denn, du hast inzwischen deine Meinung geändert.“

„Meine Meinung darüber, dass du garantiert nicht Bonnie heißt? Oder über das hier?“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, hatte sein Mund ihre Lippen gefunden, und alle Bedenken in Cassies Kopf waren wie weggefegt.

Kaum hatten sie die Zimmertür hinter sich geschlossen, zog er sie an sich und löste das Zopfgummi, mit dem sie ihr Haar gebändigt hatte.

Eine Flut widerspenstiger blonder Locken fiel auf ihre Schultern. Noch bevor Cassie darüber nachdenken konnte, wie zerzaust sie vermutlich aussah, flüsterte er ihr mit rauer Stimme ins Ohr: „Hermosa. Me encanta su cabello.“

Während er sprach, vergrub er sein Gesicht in ihren Locken. „Tu novio es un idiota.“

Cassie sprach gut Spanisch, und so konnte sie ihn mühelos verstehen.

Wow. Der Typ war wirklich heiß.

Und die Tatsache, dass er ihren Verlobten als Idioten bezeichnet hatte, machte ihn noch heißer.

Sie schlang die Arme um seinen Hals und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn küssen zu können. „Genug geredet.“

„Einverstanden.“ Geschickt öffnete er den Reißverschluss ihrer engen Bluse.

Eine Welle der Erregung durchlief ihren Körper.

Sofort hielt er inne. „Alles okay?“

Mehr als das! „Beeil dich!“

Sein Lächeln war unverschämt sexy.

Er fuhr mit den Händen über ihren nun nackten Rücken, als würde er etwas suchen.

„Dios mío!“

Diesmal lächelte Cassie. Sie war zierlich genug, um nicht immer einen BH tragen zu müssen, und seine Reaktion zeigte ihr, dass es eine gute Idee gewesen war, heute darauf zu verzichten.

Genau wie es eine gute Idee gewesen war, sich auf das Abenteuer mit Rafe einzulassen. Inzwischen hatte sie keinen Zweifel mehr daran.

Ihre Bluse flog auf den Boden, und Rafe streichelte sanft ihren Hals, ließ seine Hände jedoch nicht weiter nach unten wandern. Stattdessen stellte er sich hinter sie, umfasste ihr Haar und ließ es über ihre linke Schulter nach vorn fallen. Die Berührung sorgte dafür, dass ihre Brustwarzen sich steil aufrichteten und einen weiteren Schauer der Erregung durch ihren Körper schickten.

Er küsste ihren Hals und liebkoste ihre zarte Haut.

„Mach deine Augen auf, Bonnie!“

Der Name ließ sie zusammenzucken und wirkte wie eine kalte Dusche auf ihre Libido. Doch dann tat sie, was er verlangte. Ihr war gar nicht klar gewesen, dass sie die Augen geschlossen hatte.

Aber woher wusste er das eigentlich? Er stand doch hinter ihr.

Ihre Blicke trafen sich.

Ach so! Über der Kommode vor ihnen hing ein Spiegel. Sie schluckte, als sie sich selbst und Rafe im Spiegel sah. Rafes Kopf war noch immer über ihre Schulter gebeugt, seine Lippen nur Millimeter von ihrem Hals entfernt, den er gerade noch geküsst hatte.

Jeder Gedanke an die Schwindelei mit ihrem Namen verflog, als er mit seinen Händen langsam erst über ihren Bauch, dann über ihren Brustkorb fuhr und schließlich ihre Brüste umfasste. Ihm dabei zuzusehen, war berauschend. Als er anfing, sanft ihre Brustwarzen zu reiben, schloss sie erneut die Augen und genoss die Welle des Verlangens, die ihren ganzen Körper durchströmte.

Wenn er noch eine Minute weitermachte, würde sie allein schon dadurch kommen.

Genau das wollte sie.

„Augen auf!“

Sie blinzelte, während ihre Brustwarzen immer härter wurden.

„Sieh mich an!“, befahl er mit rauer Stimme.

Ihre Augen waren doch bereits offen, also was wollte er …

Sie spürte, wie etwas sich an ihren Po drückte.

Himmel! Sie schnappte nach Luft, und ihr wurde heiß und kalt zugleich, während die empfindsame Stelle zwischen ihren Beinen zu pulsieren begann.

Irgendwie schaffte sie es trotz ihrer High Heels, ihre Füße weiter auseinanderzustellen.

„Encantadora.“ Er presste seine Hüften an sie, und Cassie fühlte seine harte Männlichkeit an genau der richtigen Stelle ihres Pos. Mit seinen Händen umfasste er nun ihre schmalen Hüften, um sie festzuhalten und sich wieder und wieder und wieder an sie zu pressen. Dabei sah er ihr im Spiegel die ganze Zeit in die Augen.

Sie würde explodieren, wenn er nicht sehr, sehr bald …

Abrupt hörte er auf, und eine Schrecksekunde lang befürchtete Cassie, dass er schon gekommen war und sie nun nicht zum Höhepunkt gelangen würde. Doch er nahm ihre Hände in seine und legte sie auf die Kante der Kommode. „Mantenerlos allí.“

Lass sie genau da.

Schwer atmend nickte sie und spürte dann, wie ein kühler Hauch aus der Klimaanlage über ihre Waden, ihre Knie und schließlich ihre Oberschenkel strich.

Da sie nun ihre Hände auf der Kommode hatte, war ihr Oberkörper leicht vorgebeugt, und Rafe hatte ihren langen Rock bis zu ihrem Höschen hochgeschoben.

Ob sie es ausziehen sollte?

„Nicht bewegen!“

Leise keuchend sah sie ihm dabei zu, wie er seine Geldbörse aus der Hosentasche zog und ein Kondom herausholte.

Hier war er, der Augenblick der Wahrheit. Wenn sie ihn aufhalten wollte, war jetzt die letzte Möglichkeit dazu.

Sollte das ein Witz sein?

Mit jeder Faser ihres Körpers wollte sie diesen Mann.

Er legte das Kondom zwischen ihre Hände auf die Kommode. Was hatte er vor?

Sie hörte, wie er den Reißverschluss seiner Jeans herunterzog.

Cassies Atem stockte, als er ihr das Höschen herunterzog und eine Hand zwischen ihre Schenkel gleiten ließ. Seine kundigen Finger fanden mühelos ihr Ziel.

„Ahhh.“ Sie konnte nicht anders, als laut aufzustöhnen.

Die vernünftige Seite in ihr mahnte, dass es ihr peinlich sein sollte, wie leicht er sie heiß gemacht hatte. Vor allem, weil er es ganz genau wusste. Doch ihrer nicht ganz so vernünftigen Seite war es egal, und sie war sogar ein bisschen stolz darauf, dass sie mit einem so heißen Mann Sex hatte.

Leider zog er viel zu früh seine Hand wieder fort. Gerade als sie protestieren wollte, legte er einen Finger an seine Lippen. „Pssst. Warte.“

Er nahm die Kondompackung und riss sie auf. Dann ließ er es über ihre Wange und ihre Lippen gleiten. Es war unfassbar sexy. Sie konnte ihn förmlich in ihrem Mund spüren und wünschte sich nichts mehr, als ihn auch zu schmecken.

„Sag mir, dass du mich willst!“

„Ja.“ Sie schloss ihre Augen und öffnete sie dann wieder, um ihn direkt anzusehen. „Ich will dich.“

„Gut.“

Das Kondom verschwand aus ihrem Blickfeld, doch sie hörte, wie er es sich überzog. Wieder liebkoste er ihren Hals. Cassie drehte ihren Kopf, damit sie ihn küssen konnte. Ihre Lippen fanden sich, während Rafe ihre Hüften umfasste und mit sanftem Druck ihren Oberkörper so weit nach vorn schob, dass sie förmlich mit ihren Brüsten auf der Kommode lag.

„Weiter auseinander!“

Er meinte offensichtlich nicht ihre Lippen.

Cassie spreizte die Beine, so weit sie konnte. Mit einem leisen Stöhnen beugte Rafe sich über sie, griff nach ihren Brüsten und drang mit einer einzigen fließenden Bewegung in sie ein. Sekundenlang war nur ihr Keuchen zu hören, bevor er erneut anfing, ihre Brustwarzen zu reiben.

Cassie glaubte, vor Erregung zu zerfließen. „Rafe … Ich glaube nicht, dass ich noch lange … Bitte!“

„Sag meinen Namen. Noch einmal.“

„Rafe.“

Er fing an, sich in ihr zu bewegen. Langsam zuerst, doch dann immer heftiger und immer tiefer. Cassie hielt es nicht länger aus. Sie ließ sich von der nächsten Welle mitreißen und immer höher treiben, bis sie kaum noch Luft bekam und Sterne sah.

Nur undeutlich nahm sie wahr, wie Rafe etwas auf Spanisch rief, während er mit einem letzten, heftigen Stoß in sie eindrang und dann über ihr zusammensackte.

Danach war es vorbei. Sein Gesicht war in ihrem Haar vergraben, und sie waren beide vollkommen außer Atem.

Als Cassie in den Spiegel sah und feststellte, dass seine Augen geschlossen waren, musste sie schlucken. Wie würde er reagieren, wenn er sie das nächste Mal anblickte? Was würde dann in seinen tiefgründigen, dunklen Augen zu sehen sein?

Sie drehte sich ein wenig und wappnete sich innerlich vor dem, was nun kommen würde. Vermutlich würde sie schon in zwei Minuten allein in der dunklen Nacht stehen.

„Nein, beweg dich nicht.“ Er sah sie an.

„Aber …“

Er glitt aus ihr heraus und drehte sie zu sich um. „Musst du schon gehen?“

Seine Worte klangen fast bittend, und er schien darüber genauso erstaunt zu sein wie sie.

Sie sollte gehen. So schnell wie möglich. Ein kurzes Dankeschön und dann nichts wie raus. Aber sie wollte nicht. Jetzt schon zu gehen bedeutete, dass sie sich der grauen Wirklichkeit außerhalb dieses Hotelzimmers stellen musste.

„Nein, ich muss noch nicht gehen.“

Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, und er zog sie an sich. „Dann sollten wir herausfinden, ob es beim zweiten Mal genauso gut ist. Diesmal in dem bequemen Bett dort drüben.“

Er beugte sich zu ihr herunter und gab ihr einen Kuss. „Es war zwar ziemlich heiß und aufregend, aber es ist mir ein bisschen zu schnell gegangen.“

Er schlug die Bettdecke zurück. „Lass uns herausfinden, ob wir es auch langsamer hinkriegen.“ Ohne viel Aufhebens hob er sie hoch und legte sie aufs Bett. Dann ging er noch einmal zur Kommode hinüber und holte drei weitere Kondome aus seiner Geldbörse. Mit großen Augen sah sie ihn an und fuhr sich mit der Zunge über ihre Lippen.

Meinte er das ernst?

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, grinste er sie an. „Oh ja. Die werden wir alle brauchen.“

Bonnie – falls das wirklich ihr Name war – lag nackt ausgestreckt auf dem Bauch, ihr Gesicht eingerahmt von ihrem wundervollen Haar, das gerade wie ein riesiges Wollknäuel aussah. Ihr Anblick versetzte Rafe einen seltsamen Stich.

Die ersten Sonnenstrahlen schienen bereits unter den Vorhängen hindurch ins Zimmer.

Normalerweise wäre er schon längst weg gewesen. Sein jährliches Besäufnis mit anschießendem One-Night-Stand schloss niemals ein gemeinsames Frühstück ein. Er wollte einfach nur eine ganz bestimmte Erinnerung verbannen, das war alles.

Gegen seinen Willen trat er noch einmal ans Bett. Er sollte sie wecken. Sollte dafür sorgen, dass sie sicher nach Hause kam. Doch irgendetwas hielt ihn davon ab, sie zu berühren. In einer halben Stunde musste er bei der Arbeit sein, doch das war nicht der Grund.

Er hatte den gestrigen Abend angefangen wie jeden Abend an diesem Datum, doch in dem Moment, als diese Frau in die Bar gekommen war, hatte sich alles verändert. Sie hatte so verloren und traurig ausgesehen; ihre Hoffnungslosigkeit hatte einen Beschützerinstinkt in ihm geweckt, den er seit Jahren nicht verspürt hatte. Und gegen den er sich jahrelang gewehrt hatte.

Zuerst hatte Rafe geglaubt, sie wäre vor jemandem davongelaufen. Er hatte sogar durchs Fenster nach draußen gesehen, um sicherzugehen, dass ihr kein gewalttätiger Exfreund auf den Fersen war. Nachdem er beruhigt festgestellt hatte, dass sie allein war, hatte er beschlossen, sie einem andern zu überlassen.

Doch sie hatte sich einfach neben ihn gesetzt und ihn mit ihren himmelblauen Augen so provozierend angesehen, dass er alle seine guten Vorsätze vergessen hatte. Vielleicht hatte auch der Alkohol seine Sinne ein wenig benebelt. Der Rest war Geschichte.

Also was sollte er nun tun? Sie war eine erwachsene Frau, die sich einfach ein Taxi rufen und heimfahren konnte.

Auf dem Nachttisch entdeckte er einen Notizblock. Und ihr Haargummi.

Als sie es letzte Nacht benutzen wollte, um ihr Haar vor dem Schlafen zusammenzubinden, hatte er es ihr weggenommen, weil er sich in ihre Lockenpracht kuscheln und sich an ihrem Duft berauschen wollte.

Verflixt! Diese Frau hatte ihm in der letzten Nacht wirklich den Verstand geraubt. Er kniff die Augen zusammen, um die Erinnerungen abzuschütteln.

Es war höchste Zeit zu gehen. Sofort. Bevor er sie noch versehentlich weckte und dann noch viel später zur Arbeit kommen würde, als er es ohnehin schon tat.

Abgesehen davon waren Abschiede nicht gerade seine Stärke.

Er griff nach dem Kugelschreiber auf dem Nachttisch und berührte dabei wie zufällig ihr Haargummi. Ohne nachzudenken, nahm er es und steckte es in seine Tasche. Die Vorstellung, wie sie mit ihrer von der letzten Nacht völlig zerzausten Lockenmähne das Hotel verlassen musste, gefiel ihm.

Für das, was sie letzte Nacht getan hatten, würde er vermutlich für immer in der Hölle schmoren.

Nein. Seine Verdammnis hatte schon vor vielen Jahren stattgefunden – als er achtzehnjährig mit zitternden Händen seine Unterschrift unter ein unwiderrufliches Dokument gesetzt hatte.

Er griff nach dem Block. Diesmal würde er nicht unterschreiben. Sekundenlang überlegte er, bevor er schließlich nur zwei Worte schrieb: Kein Leb wohl! und auch kein Danke für die tolle Nacht. Nein, einfach nur: Fürs Taxi.

Dann holte er einen nagelneuen 50-Dollar-Schein aus seiner Geldbörse, denn er konnte ja schlecht in ihrem Portemonnaie nachsehen, ob sie genügend Geld dabeihatte.

Er legte den Schein neben den Zettel und beschwerte ihn mit dem altersschwachen Wecker, der auf dem Nachttisch stand.

Danach ging er auf Zehenspitzen hinaus. Diese Nacht würde für immer in seinem Gedächtnis bleiben – als die bittere Lektion: Was man niemals mit einer schönen Frau tun sollte.

Denn jedes süße Stöhnen und jede ihrer Berührungen hatten sich für immer in sein Gedächtnis gebrannt.

Er hatte seine Lektion gelernt. Nun blieb ihm nichts anderes übrig, als in sein altes Leben zurückzukehren und nie wieder an Bonnie – oder wie auch immer sie heißen mochte – zu denken.

1. KAPITEL

Ein Monat später …

Schon als Cassie das Maßband um den Kopf des Neugeborenen legte, wusste sie es. Renatos Kopfumfang lag nicht im Normbereich.

Mikrozephalie war ein Symptom, dem sie nicht jeden Tag begegnete. Noch nicht einmal jedes Jahr. Doch dieses Baby war schon das dritte innerhalb von acht Wochen, das an dieser schrecklichen Fehlbildung litt, bei der das Köpfchen zu klein war.

Cassie lief ein Schauer den Rücken hinunter. Aus Brasilien und anderen südamerikanischen Ländern waren in den letzten Monaten vermehrt Missbildungen nach Zika-Virusinfektionen gemeldet worden. Ob diese Fälle damit zusammenhingen?

Zwei Zentimeter weniger als normal. Nicht viel, aber dennoch beunruhigend.

Fragend sah die diensthabende Krankenschwester sie an. Cassie nickte unmerklich, während ihr Magen sich zusammenzog. Es war nun ihre Aufgabe, der Mutter die schlechten Neuigkeiten zu überbringen.

Behutsam nahm sie das Baby auf den Arm und wechselte ins Portugiesische. „Você fala inglês?“

„Ja, ein bisschen. Ich lerne noch.“ Die junge Mutter hatte nur Augen für das Baby.

Ihr Kind.

All ihre Wünsche und Hoffnungen lagen in ihrem Blick.

Die fehlenden zwei Zentimeter würden diese Träume nicht zerstören. Cassie hatte schon Babys mit schlimmeren Fehlbildungen gesehen, die ein erstaunlich glückliches Leben geführt hatten.

Als der kleine Renato anfing zu weinen, klang es ein wenig schriller als bei anderen Säuglingen. Ein weiteres Warnsignal.

„Renato atmet gut und hat eine gesunde Gesichtsfarbe. Wir möchten aber trotzdem noch einige Test machen und …“

„Mit ihm stimmt etwas nicht.“ Die Stimme der Mutter war ruhig und gefasst.

Cassie war fast ein bisschen erleichtert darüber. „Sein Kopf ist etwas kleiner als gewöhnlich. Aber bevor wir Näheres dazu sagen können, müssen wir ihn gründlich untersuchen.“

Die Mutter sank in ihre Kissen zurück. „Es war die Krankheit. Ich bin deshalb fortgegangen. Im Dezember. Ich wollte davor fliehen. Aber sie hat mich verfolgt.“

Cassie erstarrte. „Welche Krankheit? Waren Sie während der Schwangerschaft krank?“

„Ja. Kurz nachdem ich gemerkt habe, dass ich schwanger war. Ich fürchte, es war Zika.“

Die Berichte über das von Moskitos übertragene Virus waren seit fast einem Jahr ein heißes Thema unter Journalisten und Ärzten. Natürlich war auch Cassie darüber im Bilde. Mit diesem dritten Fall in ihrer Klinik hatte sie nun keine Wahl mehr: Sie musste das CDC, die Seuchenschutzbehörde, informieren. Egal, wie viel die Kollegen dort zu tun hatten, sie mussten etwas unternehmen.

„Sind Sie sich ganz sicher, dass es Zika war?“

„Es ging mir sehr schlecht. Und wir hatten eine schlimme Moskito-Plage.“

Eine leichte Übelkeit breitete sich in Cassies Magen aus. „Wir nehmen Renato jetzt mit, um ihn zu untersuchen, aber ich werde gleich wieder bei Ihnen sein.“ Tröstend legte sie der Mutter eine Hand auf den Arm. „Versprochen.“

Cassie nickte der Krankenschwester zu, damit diese das Baby in den Untersuchungsraum brachte.

Denn Cassie selbst musste als Erstes mit dem CDC in Washington telefonieren.

Der Paraglider hob ab und ließ Rafael Valentino himmelwärts steigen. Noch war er durch die Leine mit dem Boot verbunden; die Gischt spritzte ihm ins Gesicht, und der Wind zerrte an seinem Haar. Ein vertrautes Gefühl von Schwerelosigkeit überkam ihn und ließ ihn glauben, dass alle seine Probleme unten am Strand zurückgeblieben waren. Noch ein paar Sekunden, und er würde sich entspannt in sein Gurtzeug sinken lassen können.

Während des letzten Monats war Rafe öfter geflogen als sonst in einem ganzen Jahr. Nur in den furchtbaren Wochen nach dem Tod seines Vaters war er ähnlich oft in der Luft gewesen, denn nur in diesen Momenten, wenn der Adrenalinspiegel hochschoss, war es ihm gelungen, die Erinnerungen kurzzeitig auszublenden.

Als der Speedboat-Fahrer ihm das Zeichen gab, hakte er die Leine aus. Nun konnte er so lange über dem Wasser gleiten, wie der Wind ihn trug. Geschickt justierte er seine Position und atmete tief durch. Endlich. Es gab für ihn nichts Schöneres und Berauschenderes, als in der Luft zu sein.

Abgesehen von den letzten Sekunden in einer anderen Art von Himmel. So wie beispielsweise vor einem Monat.

Er biss die Zähne zusammen. Erinnerungen wie diese waren der Grund dafür, dass er hier oben war. In wenigen Stunden würde er wieder arbeiten müssen, doch vorher musste er seinen Kopf frei bekommen. Frei von den immer wiederkehrenden Gedanken an Bonnie.

Sie war anders gewesen als alle anderen Frauen, mit denen er bisher zusammen gewesen war. Er musste aufhören, ständig an sie zu denken.

Es war ein perfekter Tag zum Fliegen – strahlender Sonnenschein, eine leichte Brise. Außer ihm nutzen noch viele andere Wasser- und Luftsportler das schöne Wetter. Er würde später beim Landen sehr vorsichtig sein müssen.

Doch jetzt genoss er seinen Flug. Mit den Füßen änderte er leicht die Flugrichtung und konzentrierte sich auf den Wind.

Ein plötzliches Vibrieren riss ihn aus seinen Gedanken. Verflixt!

War das sein Telefon? Wieso hatte er es nicht abgeschaltet?

Er zog es aus der Tasche und versuchte, den Namen oder die Nummer des Anrufers zu entziffern. So ein Mist! Es war sein Chef. Und Rafe kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass sein Boss nicht ohne Grund seinen freien Tag stören würde.

Der Spaß war also vorbei, noch ehe er richtig angefangen hatte. Suchend sah Rafe sich nach einem Strandabschnitt zum Landen um, an dem möglichst wenige Sonnenanbeter lagen. Kurz darauf hatte er wieder festen Boden unter den Füßen.

Schon eine Stunde später durchquerte Rafe die Eingangshalle des Seaside Hospitals. Seit mehreren Wochen schon eilte er von einer Klinik in die nächste. Überall erwarteten ihn besorgte Ärzte und Patienten. In vielen anderen Städten, vor allem im Süden der USA, herrschte ein ähnliches Szenario. Je wärmer es wurde, desto günstiger waren die Bedingungen für die Verbreitung der Viren. Sein Heimatort, Heliconia, war zur Gefahrenzone erklärt worden, sodass schwangeren Frauen dringend von einem Besuch abgeraten wurde. Gleiche Warnungen galten für Brasilien und viele Teile Mittel- und Südamerikas.

Das Zika-Virus war seit Jahrzehnten bekannt, doch aus irgendeinem Grund verbreitete es sich in letzter Zeit sprunghaft und richtete über Landesgrenzen hinweg erschütternde Schäden an.

Man wusste inzwischen, dass das Virus noch Jahre nach der Infektion Folgeschäden verursachen konnte. Zika war die neue Lyme-Borreliose.

Neuere Forschungsergebnisse bewiesen außerdem, dass es sexuell übertragbar war.

Es wurde fieberhaft an einem Impfstoff gegen Zika geforscht, doch solange es ihn nicht gab, stand Rafe auf verlorenem Posten.

Genau wie er vor einem Monat von Anfang an keine Chance gehabt hatte, sich der Faszination dieser Frau zu entziehen.

Unbewusst griff er in seine Hosentasche und berührte ihr Haargummi, das er seit jener denkwürdigen Nacht immer bei sich trug. Er hatte keine Ahnung, weshalb er es mitgenommen hatte, und wusste noch weniger, warum er sich nicht davon trennen konnte.

Betrachtete er es als Trophäe?

Nein, er hatte noch nie Andenken an seine Eroberungen gesammelt. Doch Bonnie war irgendwie anders gewesen. Die Art, wie sie ihn geliebt hatte, war von der gleichen rauschhaften Verzweiflung gewesen, wie auch er sie verspürte.

Musste auch sie die bösen Geister ihrer Vergangenheit in Schach halten?

Es war unwichtig. Rafe zwang sich, das Haargummi loszulassen, und konzentrierte sich auf seinen Job. Er sollte hier die leitende Neonatologin, die Pflegedienstleitung der Säuglingsstation und die Klinikdirektorin treffen. In seinem Handy sah er sich noch einmal schnell das Memo an, um sich die Namen in Erinnerung zu rufen.

Eine der Frauen hieß Bonnie Maxwell.

Natürlich war es sehr unwahrscheinlich, dass sie die Bonnie war, an die er ständig denken musste.

Wenn sie aber doch die Frau aus der Bar war? Sollte er ihr dann das Haargummi zurückgeben?

Nein, natürlich nicht. Damit würde er ja zugeben, dass er es mitgenommen hatte. Rafe hatte noch immer ein schlechtes Gewissen, weil er am Morgen danach einfach verschwunden war. Die Sehnsucht, die er bei ihrem Anblick verspürt hatte, war beängstigend gewesen.

Cynthia Porter, Verwaltungsleiterin. Hier musste es sein. Er klopfte und wappnete sich innerlich für alles, was ihn hinter der Tür erwarten mochte.

„Herein!“

Rafe trat ein und sah drei Frauen an einem Tisch sitzen. Obwohl sie ihm den Rücken zuwandte, erkannte er sofort die vertraute blonde Lockenmähne. Sein Magen zog sich zusammen.

Sie war es.

Verdammt!

Eine der Frauen stand auf. „Dr. Valentino?“

„Ja. Und Sie müssen Frau Porter sein.“

Mit klopfendem Herzen blickte er zu der blonden Frau, die sich immer noch nicht umgedreht hatte. Hatte sie seine Stimme nicht erkannt? Oder war sie etwa viel cooler, als er geglaubt hatte? Steckte womöglich der Verlobungsring wieder an ihrem Finger?

Die dritte Anwesende, eine attraktive Rothaarige, sah ihn an und lächelte verschmitzt. „Vielen Dank, dass Sie gekommen sind, Dr. Valentino. Darf ich Ihnen Dr. Larrobee vorstellen? Sie war die Erste, die den Verdacht hatte, wir könnten es hier mit dem Zika-Virus zu tun haben.“

Beide Frauen waren aufgestanden, und als Bonnie sich umdrehte und ihn ansah, verschlug es ihr kurz den Atem, und alle Farbe wich aus ihrem Gesicht.

Die Verwaltungschefin bemerkte offenbar nichts und fuhr ungerührt mit ihrer Vorstellungsrunde fort. „Das sind Bonnie Maxwell, unsere Pflegedienstleiterin in der Kinderklinik, und Dr. Cassandra Larrobee, unsere Neonatologin. Cassie hat Ihre Behörde über unseren Verdacht informiert.“

Rafe sah die Blondine unverwandt an; unwillkürlich tastete er nach dem Haargummi in seiner Tasche. „Bonnie und ich haben uns bereits kennengelernt.“

Erschrocken sah sie ihn mit ihren unglaublich blauen Augen an und schüttelte unmerklich den Kopf.

Was sollte das?

„Entschuldigen Sie? Wir beide sollen uns schon getroffen haben?“ Erstaunlicherweise hatte nicht Bonnie, sondern die rothaarige Frau gesprochen.

Rafe sah sie stirnrunzelnd an. Dann fiel der Groschen.

Ach so!

Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. Er hätte es wissen müssen. Genau genommen hatte er es ja gewusst, auch wenn er erst jetzt die Gewissheit hatte. Amüsiert musterte er Cassie und konnte sich ein leises „Lügen haben kurze Beine …“ nicht verkneifen.

Auch wenn ihre Beine natürlich ganz und gar nicht kurz waren. Bei dem Gedanken an ihren Körper wurde ihm heiß.

Cassie war rot angelaufen. „Ich nehme an, er hat nur die Namen verwechselt. Ra…, ähm, Dr. Valentino und ich kennen uns flüchtig; wir haben uns nur ein einziges Mal gesehen.“

Die Rothaarige sah Cassie tadelnd an. „Also wirklich, Cassie. Das hast du mir ja gar nicht erzählt.“

Ms. Porter, die Verwaltungschefin, runzelte die Stirn. „Was ist hier los? Haben Sie sich bereits im Vorfeld getroffen, um den Fall zu besprechen?“

Cassandra … Cassie. Ja, dieser Name passte viel besser zu ihr.

„Nein, natürlich nicht. Ich … wir …“ Sie verstummte.

„Wir haben einen gemeinsamen Bekannten hier in der Stadt“, kam Rafe ihr zu Hilfe.

Nun ja, Mad Ron war nicht direkt ein Bekannter von ihr, aber sie war ihm immerhin schon ein paar Mal begegnet. Es war also nicht direkt eine Lüge. Jedenfalls keine von dem Kaliber, das sie sich mit dem falschen Namen geleistet hatte.

Erleichtert atmete Cassie auf. „Genau. Ein Bekannter.“

Die Frau, die also Bonnie hieß, murmelte etwas, das so klang wie: „Meine liebe Freundin, ich muss dringend ein Wörtchen mit dir reden.“

Deshalb hatte sie also diesen Namen gewählt. Die beiden waren befreundet. Rafes Grinsen wurde noch breiter.

„Dann wäre ja alles geklärt. Wie wäre es, wenn wir uns jetzt hinsetzen und über die Fälle reden würden?“

„Die Akten liegen im Konferenzraum“, erklärte Ms. Porter. „Wollen wir hinuntergehen? Bestimmt ist inzwischen auch der Kaffee da, den ich bestellt habe.“

Er würde einen ganzen Eimer Koffein brauchen, um wieder in die Realität zurückzukommen. Im Moment kam es ihm nämlich so vor, als würde er in einem Paralleluniversum schweben, in dem nichts irgendeinen Sinn ergab.

Ihm blieb nichts anderes übrig, als so professionell wie möglich zu erscheinen und sich zu konzentrieren, damit er nichts Dummes sagte oder tat. Beispielsweise ertappte er sich bei dem verlockenden Gedanken, sie zu berühren, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich da war.

Während sie sich mit Kaffee und miserablen Sandwiches stärkten, gingen sie die drei Fälle durch, die sich zwar ähnelten, aber auch Unterschiede aufwiesen.

Zwei der Patientinnen waren aus Brasilien, eine aus Honduras. Alle drei hatten sich während der Schwangerschaft krank gefühlt, und alle drei Babys litten unter Mikrozephalie, wenn auch mit unterschiedlichen Schweregraden.

Als Rafe die Fotos ansah, zog sein Magen sich beim Anblick der Folgen des Virus zusammen. Nur eine einzige Begegnung, ein einziger unglücklicher Umstand, und das Leben eines Menschen und seiner Familie änderte sich für immer.

Seine Gedanken schweiften ab zu seiner eigenen Kindheit. Ein Leben endete, ein anderes wurde gerettet. Objektiv betrachtet sah es völlig ausgeglichen aus, doch das war es nicht. Es war eine grausame Katastrophe, bewirkt durch eine sinnlose Tat.

Vor vier Wochen hatte er den Jahrestag begangen. Feiern war kaum das richtige Wort, wenn man sich betrinken ging und eine Frau aufriss, nur um die schmerzlichen Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen.

Allerdings hatte er keine dieser Frauen jemals wiedersehen müssen.

Bis jetzt.

Eine Erfahrung, die er sich gerne erspart hätte. Doch das Haargummi in seiner Tasche erinnerte ihn daran, dass er sich etwas vormachte. Im Vergessen war er nicht besonders gut.

„Gab es in benachbarten Kliniken ähnliche Fälle?“

Cassie sah Bonnie und Ms. Porter an. „Ich bin mit einer Kollegin im Buena Vista befreundet, die letzte Woche ein Baby mit Gaumenspalte entbunden hat.“

Alejandro arbeitete überwiegend dort. Vielleicht sollte er ihn anrufen. Doch da sein Bruder vor Kurzem seine große Liebe gefunden und ein behindertes Baby adoptiert hatte, war er vermutlich gerade mit anderen Dingen beschäftigt. Außerdem war er Kinderchirurg, spezialisiert auf Transplantationen. Neonatologie war nicht sein Metier.

Rafe versuchte, nicht daran zu denken, weshalb sein Bruder gerade diese Fachrichtung gewählt hatte.

Er musste sich auf seinen Job konzentrieren. „Einer meiner Brüder praktiziert am Buena Vista. Ich rufe ihn an. Wie heißt Ihre Kollegin dort?“

„Rebecca Stanton.“

Ihre Augen hatten nicht länger den erschrockenen Ausdruck von vorhin, und sie wirkte jetzt sehr professionell. Rafe fiel auf, dass sie keinen Ring trug. Es hatte also keine Versöhnung mit dem abtrünnigen Verlobten gegeben.

Keine emotionalen Verwicklungen!

„Sind die betroffenen Patienten noch hier in der Klinik?“

Cassie nickte. „Renato Silva und seine Mutter. Der Kleine hat Atemprobleme, die wir in den Griff bekommen müssen, bevor er entlassen werden kann.“

„Ich würde ihn gern untersuchen, falls das möglich ist.“

Ms. Porter war aufgestanden. „Dr. Larrobee wird sich um Sie kümmern. Falls Sie mich brauchen, melden Sie sich bitte.“

Er schüttelte ihr und auch der verruchten Bonnie die Hand und wartete, bis die beiden Frauen gegangen waren. Erst dann wandte er sich an Cassie.

„Bonnie also?“

„Schon gut. Tut mir leid, dass ich dir einen falschen Namen gesagt habe. Ich wäre im Traum nicht auf den Gedanken gekommen, dass …“

„Dass du mich wiedersehen würdest?“

„Genau. Hätte ich das gewusst …“

Was dann? Hätte sie sich dann nicht in der Bar zu ihm gesetzt? Wäre sie nicht mit ihm ins Hotel gegangen?

„Ich glaube, es gibt da so ein Buch, in dem davor gewarnt wird, dass alle Sünden früher oder später ans Licht kommen.“

Cassie lächelte sarkastisch. „Ich schätze, einen falschen Namen zu sagen war die kleinste Sünde in dieser Nacht.“

Damit hatte sie zweifellos recht. Die Erinnerungen daran ließen seinen Puls rasen.

„Wie ich sehe, hast du ein neues Haargummi gekauft.“

Cassie griff instinktiv nach ihrem Pferdeschwanz. „Ja. Du weißt nicht zufällig, wo mein anderes geblieben ist, oder?“

Bis vor Kurzem hatte er noch ein schlechtes Gewissen gehabt, das Andenken eingesteckt zu haben, doch die Art, wie sie ihm diese Frage stellte – mit kokettem Augenaufschlag und verführerisch rauer Stimme –, ließ ihn alle Bedenken über Bord werfen.

„Keine Ahnung.“

Ha! Wenn sie gewusst hätte, dass er es in diesem Augenblick in der Tasche hatte, hätte sie ihn vermutlich umgebracht und seine Leiche unter dem Konferenztisch versteckt.

Es war nur eine Nacht, Rafe. Nicht der Rede wert.

Außerdem hatte er Wichtigeres zu tun. Er musste sich um die Eindämmung des Zika-Virus kümmern.

„Du warst in keinem der Risikoländer, oder?“

Verwundert sah sie ihn an. „Nein. Aber es kann auch sexuell übertragen werden.“

„Stimmt.“ Dem Himmel sei Dank, dass sie Kondome benutzt hatten.

„Willst du dir jetzt Renato ansehen?“ Ihre Stimme war merklich kühler geworden.

„Gern.“

Als sie an ihm vorbei zur Tür ging, berührte er ihren Arm. „Tut mir leid, dass ich einfach gegangen bin. Bist du gut nach Hause gekommen?“

Mit hochgezogener Augenbraue sah sie ihn an. „Natürlich. Und wie du jetzt weißt, bin ich auch nicht völlig mittellos. Auf deine milde Gabe hättest du also verzichten können. Ehrlich gesagt fand ich das ziemlich entwürdigend. Ich habe das Geld für das Zimmermädchen liegen gelassen.“

„Ich wusste ja nicht, wie du heimkommen würdest. Und ich war schon viel zu spät dran. Ich wollte einfach verhindern, dass du in Verlegenheit gerätst.“

„Ich bin schon ein großes Mädchen. Außerdem sorge ich immer dafür, niemals in Situationen zu kommen, aus denen ich nicht allein wieder herauskomme.“

Witzig. Genau das war auch Rafes Lebensmotto. Deshalb vermied er es, sich auf Beziehungen einzulassen, denn so kam es nie zu schmerzlichen Abschieden. Sogar seine Berufswahl spiegelte diese Haltung wider. Obwohl er Arzt war, kam er durch seine Spezialisierung in Epidemiologie kaum mit Patienten in Kontakt. Er blieb immer auf Abstand.

Die Frage, ob er ein stibitztes Haargummi zurückgeben sollte oder nicht, war ihm emotional genug. Und nicht zu vergleichen mit der Entscheidung, ob lebenserhaltende Maschinen gestoppt werden sollten. Er hatte sich geschworen, niemals wieder in eine solche Situation zu geraten. Solange er nur seinen Brüdern Zutritt zu seinem Leben gewährte, war alles in Ordnung. Seit Kurzem hatte er sogar seinen Bruder Santiago wieder, der eine ganze Weile abgetaucht gewesen war.

Er konzentrierte sich wieder auf Cassie und ihre Bemerkung, sich nicht in unkontrollierbare Situationen zu bringen.

„Aber an dem Abend bist du wegen einer außer Kontrolle geratenen Situation bei Ron gewesen, nicht wahr?“

Sie wich seinem Blick aus und schluckte. „Wollen wir auf die Station gehen?“

Rafe ließ es dabei bewenden und folgte ihr auf die Säuglingsstation. Seine Entscheidung war gefallen: Er würde das Haargummi nicht zurückgeben, sondern wegwerfen, sobald er nach Hause kam. Und dann würde er nie wieder daran denken.

Genauso wenig wie an sie.

Obwohl der arme kleine Renato mit all den Untersuchungen seit seiner Geburt unentwegt gepiesackt wurde, hielt er sich erstaunlich gut.

Vielleicht sogar besser als sie selbst. Rafe war so ehrlich überrascht von ihrer Reaktion auf die Geldscheine auf dem Nachttisch gewesen, dass sie geneigt war, ihm zu verzeihen.

Ganz im Gegensatz zu ihrem Ex, der die Frechheit besessen hatte, den Verlobungsring von ihr zurückzufordern. Gut, dass sie ihn nicht weggeworfen hatte. Mit grimmiger Miene hatte Cassie ihm das Schmuckstück per Einschreiben mit Rückschein zugeschickt und betrachtete seine Unterschrift auf der Quittung nun als sichtbares Zeichen für den endgültigen Abschluss dieses unerfreulichen Kapitels. Wie gut, dass sie gerade noch rechtzeitig bemerkt hatte, was für ein Mistkerl er war.

Trotzdem schmerzte es sie noch immer, dass jemand, dem sie vertraut hatte, sie so enttäuschen konnte. Sie tat sich ohnehin schwer damit, anderen Menschen Vertrauen zu schenken. Ihr Glaube an langfristige Beziehungen war schwach, denn als Kind und Jugendliche war sie von Pflegeheim zu Pflegeheim geschickt worden, bis sich endlich – sie war schon siebzehn – eine Familie fand, die sie adoptieren wollte.

Deshalb hatte sie immer versucht, engere Bindungen zu vermeiden. Bis Darrin in ihr Leben getreten war, der all das verkörperte, was sie sich immer gewünscht hatte: Er war bodenständig, gut aussehend, erfolgreich. Doch leider war er nicht treu.

Sie würde diese traurige Episode hinter sich und in der nächsten Zeit die Finger von den Männern lassen.

Die Nacht mit Rafe war ein Ausrutscher gewesen. Von nun an zählten nur noch ihr Job und ihre kleinen Patienten.

Entschlossen lenkte sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Mann, der gerade sorgfältig Renatos Herztöne abhörte.

„Er hat ein leichtes Herzgeräusch.“

„Ja. Wir haben einen Mitralklappenprolaps diagnostiziert. Seine Atmung ist leider auch nicht so, wie wir es uns wünschen würden. Direkt nach der Geburt war sie noch unauffällig.“

„Hängt das auch mit Zika zusammen?“ Fragend sah Rafe sie an.

„Wir wissen es nicht. Klappendefekte sind ja nicht so unüblich. Die anderen Fälle waren in dieser Hinsicht unauffällig.“

„Hoffen wir, dass es keine weiteren Patienten gibt.“

„Gibt es Neuigkeiten aus der Impfstoff-Entwicklung?“

Rafe reichte Cassie ihr Stethoskop zurück und überprüfte den Greifreflex des Babys, indem er ihm einen Finger hinstreckte.

Gerührt bemerkte Cassie, dass er seinen Finger nicht sofort wieder zurückzog, nachdem Renato zugegriffen hatte, sondern den Säugling liebevoll ansah.

„Es wird auf Hochtouren daran geforscht, aber bislang ohne Erfolg. Ich hoffe, es gibt nicht noch mehr Renatos.“

Cassie schluckte. „Es ist so furchtbar, nicht wahr? Er hatte sein ganzes Leben noch vor sich, und nun …“

„Ich weiß.“

Irgendwie spürte Cassie, dass Rafe es wirklich wusste. Ob es mit dem Grund zusammenhing, weswegen er in der Bar gewesen war?

Wieder wurde ihr beim Gedanken an diesen Abend heiß.

„Brauchst du sonst noch etwas?“, fragte sie.

„Nein, vielen Dank. Für diesmal bin ich fertig.“

Diesmal? Würde er noch öfter herkommen? Sie hatte gehofft, dieser unglückselige Zufall wäre ein einmaliges Ereignis gewesen.

Rafe hob vorsichtig den kleinen Renato hoch und drückte ihn kurz an sich.

Cassie schmolz bei dem Anblick förmlich dahin. Irgendeine Frau würde sich eines Tages glücklich schätzen können, ihn bekommen zu haben. Einen umwerfend gut aussehende Mann, heißen Liebhaber und auch noch vernarrt in Kinder.

Schade, dass sie ganz sicher nicht die erste Frau gewesen war, die er im Mad Ron’s aufgerissen hatte. Vermutlich würde sie auch nicht die letzte sein. Es war offensichtlich, dass Monogamie nicht auf seinem Programm stand.

Genau wie bei ihrem Ex.

Der Gedanke an Darrin ernüchterte sie augenblicklich, und sie überlegte kurz, ob sie vielleicht in ein Kloster gehen sollte. Oder sich hinter einer Festung verschanzen, um Männer wie Rafe effektiv abwehren zu können.

Obwohl Rafe natürlich nur ein bedeutungsloser One-Night-Stand gewesen war.

Lügen haben kurze Beine …

Rafes belustigte Worte kamen ihr wieder in den Sinn.

Nein, sie mochte wegen ihres Namens geflunkert haben, aber er war wirklich nur ein One-Night-Stand. Dieser Mann war gefährlich. Je weniger sie mit ihm zu tun hatte, desto besser.

Vielleicht sollte sie das unmissverständlich klarstellen.

Sie zögerte.

Komm schon, Cassie. Auch wenn es ein bisschen peinlich ist – klare Worte sind wichtig!

„Darf ich noch etwas sagen?“

Das Baby noch immer an seiner Brust, sah er sie verwundert an. „Natürlich.“

„Dieser Abend in der Bar und die Nacht … Ich war irgendwie nicht ich selbst. Ich möchte nicht, dass du da etwas missverstehst. Im Moment möchte ich keine Beziehung.“

Er runzelte die Stirn. „Das hast du durch den falschen Namen schon ziemlich deutlich gemacht. Aber, nur fürs Protokoll, ich stimme dir voll und ganz zu. Es war eine einmalige Sache, und es wird keine Wiederholungen geben.“

Wieso verspürte sie plötzlich diesen schmerzhaften Stich? Sie selbst hatte doch unbedingt alles klarstellen wollen.

„Prima. Ich wäre dir sehr dankbar, wenn diese kleine Episode unter uns bleiben würde.“

„Ich hatte weder vor, darüber einen Zeitungsartikel zu schreiben, noch, dich als Referenz in meinem Lebenslauf zu nennen.“

Wieso klang er plötzlich so kühl? Egal. Sie würde es ignorieren.

„Gut. Dann sind wir uns ja einig. Wenn du mit der Untersuchung fertig bist, kannst du mir jetzt das Baby geben.“

Als er ihr Renato reichte, schwor Cassie sich, in Zukunft den größtmöglichen Abstand zu diesem Mann zu halten. Wenn sie Glück hatte und es keine weiteren Zika-Fälle in ihrer Klinik gab, würde sie ihn niemals wiedersehen.

2. KAPITEL

Ein paar Stunden später passte Bonnie ihre Freundin in der Cafeteria ab. „Also, was war da los mit dir und dem heißen Dr. Valentino?“

Bonnie war all das, was Cassie nicht war: offen, selbstbewusst und draufgängerisch. Sie hätten unterschiedlicher nicht sein können, und trotzdem waren sie seit der Grundschule beste Freundinnen. Die Freundschaft zu Bonnie war in Cassies Kindheit der einzige stabile Faktor gewesen.

Obwohl Bonnie sie mehr als einmal zu Dummheiten angestiftet hatte, war sie es gewesen, die Cassie ermutigt hatte, Medizin zu studieren.

Mit Bonnie in der gleichen Klinik zu arbeiten, machte Spaß, war aber auch manchmal etwas anstrengend. So wie jetzt.

„Was meinst du, Bonnie?“

„Oh, lass mal überlegen. Vielleicht den Umstand, dass dieser CDC-Typ glaubte, ich wäre du? Er sagte meinen Namen und starrte dich dabei an.“

„Ach ja?“ Hatte sie nicht gerade eben Rafe gebeten, niemandem von ihrer kleinen Affäre zu erzählen? Cassie schluckte. Bestimmt hatte er keine Bonnie, die ihn löcherte. Er schien eher ein Einzelgänger zu sein.

Bonnie lehnte sich zurück und sah Cassie tadelnd an. „Jetzt spiel nicht das Unschuldslamm. Was ist passiert?“

„Ich hab ihn abgeschleppt. In einer Bar.“

„Du hast was?“

Ihre Freundin sah sie so entgeistert an, dass Cassie lachen musste. „Jetzt guck nicht so!“

„Okay, gib mir eine Sekunde, um das zu verarbeiten. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass du irgendjemanden abschleppen könntest. Vor allem nicht so kurz nach der Sache mit Darrin. Welche Bar war es?“

„Mad Ron’s. Und es war genau der Abend, an dem ich mit Darrin Schluss gemacht habe. Ich hatte mir gerade den Verlobungsring vom Finger gezerrt.“

„Wow. Einfach nur wow!“ Bonnie stibitzte eine Traube von Cassies Teller und sah die Freundin mit unverhohlenem Neid an. „Das war vermutlich die einzige impulsive Handlung deines Lebens, und du hast mir nichts davon erzählt? Ich bin fassungslos!“

„Also … Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen sollte. Die Details sind auch ziemlich … na ja, sagen wir, pikant.“

Grinsend kaute Bonnie auf der Traube. „Da hätte ich sehr gern Mäuschen gespielt. Trotzdem beantwortet das nicht meine Frage: Wieso dachte er, ich wäre du und …“ Mit großen Augen sah sie Cassie an. „Jetzt verstehe ich! Du hast ihm meinen Namen gesagt. Hast sozusagen meine Identität gestohlen!“

„Unsinn! Ich wollte nur etwas Abstand wahren. Außerdem dachte ich natürlich, ich würde den Typen nie wiedersehen. Ich fand, wenn er sich als gestörter Stalker entpuppt, wäre es günstig, wenn er meinen Namen nicht kennt.“

„Ach so. Klar. Du hast es vorgezogen, den potenziellen Stalker auf deine beste Freundin zu hetzen. Obwohl … Wenn ich es mir recht überlege, würde es mich nicht direkt stören, von ihm belästigt zu werden. Er ist ziemlich sexy.“

„Bonnie! Du bist unmöglich.“ Cassie lachte verlegen, denn beim Gedanken an den Sex mit Rafe wurde ihr noch immer heiß. „Ich wusste ja, dass du mit deinem Jiu-Jitsu notfalls mit ihm fertigwerden würdest.“

Einige Jahre zuvor hatte Bonnie, ohne mit der Wimper zu zucken, einen Mann schachmatt gesetzt, der sie nachts auf der Straße belästigt hatte.

Natürlich hatte Cassie keine Sekunde lang wirklich geglaubt, dass Rafe ein Psychopath sein könnte. Sie hatte nur verhindern wollen, dass er sie fand und sich womöglich noch einmal mit ihr verabreden wollte. Für sie war es nur eine einmalige Angelegenheit gewesen. Eine Methode, um den Verrat ihres Verlobten zu vergessen, und auch eine Art Rache an Darrin.

Rafe hatte ihr in dieser Nacht geholfen, keine Sekunde länger an ihre gescheiterte Beziehung zu denken. Leider gelang es ihr nun nicht mehr, Rafe zu vergessen. Das Bild, wie er fürsorglich den kleinen Renato an seine Brust drückte, hatte sich tief in ihre Erinnerung gebrannt.

Plötzlich hatte sie keinen Appetit mehr und schob ihr Tablett zu Bonnie hinüber. „Möchtest du? Mir ist etwas flau im Magen.“

Besorgt sah Bonnie sie an. „Ist alles in Ordnung? Ich bin dir nicht böse, weil du meinen Namen benutzt hast. Ehrlich gesagt finde ich die Geschichte sogar ziemlich lustig.“

„Mir geht’s gut. Es war einfach ein harter Monat.“

„Vielleicht sollten wir mal wieder abends ausgehen, damit du auf andere Gedanken kommst.“

Obwohl Cassie keine große Lust hatte, war ihr klar, dass Bonnie recht hatte. Sie brauchte dringend einen Tapetenwechsel. Bestimmt würde es ihr danach besser gehen. „Sehr gerne. Wann ist dein nächster freier Tag?“

„Freitag.“

„Da hab ich Frühschicht.“

„Ich hatte nicht vor, mit dir spazieren zu gehen, Cassie. Wir unternehmen natürlich abends was!“

„Okay. Also Freitagabend.“

„Ja. Ich schlage vor, wir tauschen unsere Namen und reißen ein paar heiße Typen auf.“

Cassie knüllte ihre Serviette zusammen und warf sie nach Bonnie. „Vergiss es! Einmal und nie wieder. Das Aufreißen überlasse ich in Zukunft wieder dir.“

Sie hatte also zwei Tage Zeit, ihr Unwohlsein abzuschütteln und wieder sie selbst zu werden. Es war an der Zeit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und nach vorn zu blicken.

„Bis Freitag dann!“ Cassie war aufgestanden und wollte schon gehen, als Bonnie sie am Arm festhielt.

„Falls der schnuckelige Epidemiologe sich noch einmal bei dir meldet, will ich die Erste sein, die es erfährt!“

Rafe hatte sie bereits kontaktiert, doch Cassie beschloss, erst beim gemeinsamen Dinner am Freitag mit Bonnie darüber zu reden.

Da Cassie bei dem Meeting erwähnt hatte, dass sie jemanden im Buena Vista Hospital kannte, hatte Cynthia Porter, die Verwaltungschefin, wie selbstverständlich angenommen, dass sie nach ihrer Schicht die Kollegen dort aufsuchen würde.

Und Rafe würde mitkommen.

Eigentlich sollte die kurze Fahrt ein Kinderspiel für sie sein, doch mit ihm allein im Auto zu sitzen, ließ die Schmetterlinge in ihrem Bauch wild umherflattern. Sein Duft triggerte Erinnerungen, die sie erschaudern ließen.

„Ist dir kalt?“ Schon drehte er an der Klimaanlage.

Reiß dich zusammen, Cassie! Du hattest eine einzige heiße Nacht mit ihm. Vollkommen bedeutungslos.

Wieso machte seine Gegenwart sie dann so nervös?

„Nein, alles okay. Mir ist übrigens nicht ganz klar, weshalb ich mitkommen sollte. Was genau machen wir im Buena Vista?“

„Ich möchte mit den Kollegen dort reden und überprüfen, ob es Gemeinsamkeiten zwischen ihren Fällen und denen im eurer Klinik gibt. Und du kennst die Patienten nun einmal besser als jeder andere.“

Genau das war der springende Punkt. Obwohl sie Rafe am liebsten nie wiedergesehen hätte, lag das Wohl ihrer Patienten ihr so sehr am Herzen, dass sie ihn natürlich begleitete. Wenn sie irgendetwas tun konnte, um weitere Zika-Fälle zu verhindern, dann würde sie jedes Opfer auf sich nehmen.

„Hast du schon recherchiert, ob es dort ähnliche Fälle gab?“, fragte sie.

„Ich habe mit meinem Bruder gesprochen, und er hat ein paar Leute angerufen. Die Pränatal- und Geburtshilfeabteilungen hatten mehrere Verdachtsfälle.“

„Tatsächlich?“ Das erstaunte Cassie, denn sie hatte erwartet, dass die meisten Fälle in ihrer Klinik aufgetreten wären. Das Seaside war ein öffentliches Krankenhaus, in dem auch Patienten ohne Krankenversicherung behandelt wurden. Also beispielsweise Immigranten. Patienten im privaten Buena Vista Hospital waren in der Regel wohlhabender.

„Wieso fragst du?“

„Na ja, die Wahrscheinlichkeit, Patienten aus Risikoländern zu behandeln, ist bei uns im Seaside einfach viel höher.“

„Meine Familie stammt aus Heliconia. In Kalifornien gab es schon zwei Fälle von durch Zika verursachte Mikrozephalie bei Neugeborenen, deren Mütter erst vor Kurzem aus meinem Heimatland in die USA gekommen waren.“

Sein Heimatland. Deshalb sprach er fließend Spanisch.

„Leben deine Eltern hier in der Stadt?“

Sekundenlang schwieg Rafe, und Cassie bemerkte, dass seine Hände das Lenkrad umklammerten.

„Meine drei Brüder leben hier.“

Seltsam. Nach seinen Brüdern hatte sie doch gar nicht gefragt. „Dann seid ihr erst als Erwachsene in die USA gekommen?“ Das war unwahrscheinlich, denn er hatte nicht den geringsten Akzent.

„Dante und ich waren noch Kinder, als wir hergekommen sind; meine beiden anderen Brüder sind hier geboren.“

Dann waren seine Eltern also aus Heliconia eingewandert. Aber warum erwähnte er sie nicht? Ob sie wieder zurück nach Costa Rica gegangen waren?

„Hast du von Verwandten in Heliconia etwas über das Zika-Virus gehört? Gab es dort Fälle?“ Natürlich war es falsch, ihn so auszufragen, aber sie wollte so gern mehr über ihn und seine Familie erfahren.

„Nein.“

Sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass er keine weiteren persönlichen Fragen hören wollte – was natürlich sein gutes Recht war.

Einen Moment lang starrte Rafe wortlos auf die Straße, bevor er tief Luft holte. „Meine Eltern sind tot. Sie starben, als Dante und ich achtzehn waren.“

„Alle beide?“ Entsetzt sah Cassie ihn an. Ob sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren?

„Das tut mir so leid. Ist es hier in Miami passiert?“

„Ja. Mein Vater ist im Buena Vista gestorben.“

Sie schluckte und mochte sich gar nicht vorstellen, wie schlimm es für Rafe und seine Brüder gewesen sein musste. Aber das alles ging sie natürlich nichts an, und so beschloss sie, das Thema zu wechseln.

„Seid ihr Zwillinge, du und Dante?“

„Ja. Allerdings zweieiige Zwillinge. Alejandro und Santi sind ein bisschen jünger als wir.“ Er lächelte versonnen, und Cassie war froh, dass die düstere Stimmung vorüber war. „Und bevor du fragst: Nein, die beiden sind keine Zwillinge.“

Cassie lächelte. „Schade. Das wäre witzig gewesen. Und ihr vier lebt also alle hier in der Gegend?“

„Ja, jetzt schon.“

„War das nicht immer so?“

„Nein. Santi ist gerade erst … zurückgekommen.“ Wieder konzentrierte er sich auf die Straße. „Was ist mit dir? Hast du Geschwister?“

„Nein.“ Cassie zögerte, entschied sich dann aber dagegen, ihm zu erzählen, dass ihre leiblichen Eltern Drogensüchtige gewesen waren, die mehr Zeit im Gefängnis als außerhalb verbracht hatten. Oder dass sie von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht worden war. Denn das alles war nicht mehr wichtig. Wichtig waren nur die Menschen, die sie heute als ihre Familie betrachtete: ihre Adoptiveltern, die sie als Teenager aufgenommen und wie ihre eigene Tochter behandelt hatten.

„Meine Eltern leben ganz in der Nähe. Mein Dad ist Meeresbiologe.“

„Dann warst du in deiner Kindheit sicher oft am Wasser.“

„Eigentlich nicht.“ Noch ein Detail, das nur schwer zu erklären war, denn sie war ja nicht bei ihren Adoptiveltern aufgewachsen. „Ich mag das Meer nicht so. Die Geschichten über all die Viecher, denen mein Dad bei seinen Tauchtouren begegnet ist, hatten einen eher abschreckenden Effekt auf mich. Ich glaube, insgeheim hatte er gehofft, ich würde in seine Fußstapfen treten.“

„Aber du hast einen anderen Weg eingeschlagen und bist stattdessen Neonatologin geworden.“

Sie hatte schon oft überlegt, ob sie diesen Beruf gewählt hatte, um Babys einen besseren Start zu geben, als sie ihn gehabt hatte.

„Genau.“ Sie schwieg einen Augenblick, bevor sie fortfuhr. „Ich hätte einen kleinen Bruder gehabt, wenn er nicht gestorben wäre. Er war eine Totgeburt.“ Ihre Mutter war schwanger geworden, kurz nachdem sie Cassie adoptiert hatten, und es hatte lange gedauert, bis ihre Eltern Cassie davon überzeugt hatten, dass sie sie auf jeden Fall behalten wollten – selbst wenn sie noch zehn weitere Kinder bekämen. Doch dazu kam es nicht, denn nach dem traurigen Ende der Schwangerschaft musste ihrer Mom die Gebärmutter entfernt werden.

Rafe sah sie mitfühlend an. „Das ist traurig. Meine Mutter hatte auch mehrere Fehlgeburten. Das war auch der Grund, weshalb sie und mein Dad in die USA gekommen sind. Sie war schwanger mit Santi und befürchtete, dass es wieder Komplikationen geben könnte.“

„Was machen deine Brüder beruflich?“

Sie hielten gerade an einer roten Ampel. „Dante ist Neurochirurg, Alejandro Kinderchirurg, und Santiago arbeitet als Rettungssanitäter.“

„Ihr habt alle vier Jobs im medizinischen Bereich?“ Das war ungewöhnlich.

„Ja.“

Eine weitere Erklärung lieferte er nicht, obwohl Cassie spürte, dass es etwas Besonderes damit auf sich hatte. Inzwischen waren sie am Buena Vista Hospital angekommen. Ihre leichte Übelkeit war immer noch nicht ganz überwunden. Wenn es ihr nicht bald besser ging, würde sie zum Arzt gehen müssen, um ihre kleinen Patienten nicht zu gefährden.

Nachdem Rafe geparkt hatte, sah Cassie sich verblüfft um. Es war kaum zu glauben, wie sehr das Buena Vista sich vom Seaside unterschied. Die Gebäude waren modern, die Parkanlagen gepflegt, und alles wirkte sehr großzügig.

Nicht dass ihre Klinik keinen Charme gehabt hätte. Und natürlich boten sie ihren Patienten eine erstklassige Versorgung. Doch als öffentliches Krankenhaus hatten sie nur für das Nötigste die Ressourcen.

Rafe hatte den Motor abgestellt und seinen Schlüssel und sein Smartphone in seiner Jackentasche verstaut. Erst dann wandte er sich Cassie zu. Alles in ihr fing an zu kribbeln, als er ihre Hand nahm und ihr in die Augen sah. Einen kurzen Moment lang glaubte sie, er würde sie küssen.

Sollte sie das zulassen?

Als ob sie eine Wahl hatte.

„Cassie?“

„Ja?“, hauchte sie.

„Falls wir zufällig einen meiner Brüder treffen sollten – und bei meinem Glück wird das ganz bestimmt geschehen –, könntest du dann unsere Unterhaltung gerade nicht erwähnen?“

Ihre freudige Erwartung fiel in sich zusammen. „Unsere Unterhaltung?“

„Über meine Eltern.“

Es hätte sie nicht gewundert, wenn er sie gebeten hätte, ihre gemeinsame Nacht nicht zu erwähnen, doch offenbar bedauerte er es mehr, ihr diesen Teil seiner Familiengeschichte erzählt zu haben. Natürlich würde sie ihm gern diesen Gefallen tun.

„Klar. Kein Problem. Ich werde nichts sagen.“

Wieso hatte er bloß seine Eltern erwähnt? Obwohl – im Grunde hatte er kaum etwas gesagt. Trotzdem war es mehr, als er normalerweise erzählte. Cassie hatte etwas an sich, das Vertrauen erweckte, und sie war eine tolle Zuhörerin.

Als er eine Stunde später mit ihr zusammen aus dem Besprechungsraum trat, fluchte er leise vor sich hin. Direkt vor ihnen, am Empfang der Notaufnahme, standen zwei seiner Brüder und unterhielten sich. Dabei hatte er gehofft, ihnen aus dem Weg gehen zu können. Tja, falsch gedacht.

Santi kam offenbar gerade von einem Einsatz. Als sie ihn sahen, winkten sie ihn zu sich.

„Alejandro hat ein paarmal versucht, dich zu erreichen. Warst du in der letzten Zeit viel fliegen?“ Santi klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und musterte dann interessiert seine Begleiterin. „Wer ist denn das?“

Na toll. Er musste natürlich genau die zwei Valentino-Brüder treffen, die gerade jeweils die ganz große Liebe gefunden hatten. Santiago mit Saoirse Murphy und Alejandro mit Kiri Bhardwaj.

„Darf ich euch Dr. Larrobee vorstellen? Sie ist zu einem neonatologischen Konsil hier. Es hat mit den möglichen Zika-Fällen zu tun, die ich mit dir besprochen habe, Alejandro.“

„Oh, richtig.“ Alejandro schüttelte Cassie die Hand. „Befürchten Sie, dass am Buena Vista auch Fälle auftreten könnten?“

„Das ist überall möglich“, antwortete Rafe für sie. „Es gab einige unklare Fälle, sodass wir uns mit den Kollegen hier ausgetauscht haben. Wir machen es wie immer: das Beste hoffen und mit dem Schlimmsten rechnen.“

„Hört sich beunruhigend an. Haltet uns bitte auf dem Laufenden.“ Alejandro sah Santi an. „Dabei fällt mir ein – Carmelita möchte, dass wir uns alle in der Bodega treffen.“

„Warum?“

„Wir müssen ein paar geschäftliche Dinge besprechen. In der letzten Zeit hatten wir viel zu wenig Zeit. Es dauert nicht lange.“

Alles in Rafe sträubte sich dagegen, doch er wollte nicht sagen, dass er keine Zeit hatte. Cassie sollte nicht denken, dass er ein Date hatte.

„Wir haben nämlich beide kürzlich geheiratet“, erklärte Alejandro lächelnd.

Cassie erwiderte sein Lächeln. „Herzlichen Glückwunsch!“

„Danke. Ich bin ein sehr glücklicher Mann.“

Rafe warf seinem Bruder einen besorgten Blick zu. War da ein leichtes Stocken in seinen Worten gewesen? Vor einem Monat hatte es eine Komplikation bei ihm gegeben, und er hatte sich einer Herzkatheter-Untersuchung unterziehen müssen, bei der Narbengewebe entfernt worden war. Doch eigentlich sah er gerade ganz gut aus. Und dann war da noch sein kürzlich adoptierter Sohn, der kleine Gervaso …

Es war Zeit, diese Familienzusammenkunft zu beenden, sonst kamen seine Brüder noch auf komische Ideen.

„Du kannst auch glücklich sein. Ich weiß nach wie vor nicht, was Kiri an dir findet, du hässlicher Kerl.“

Es war ein Running Gag unter den Brüdern, sich gegenseitig als hässlich zu bezeichnen.

„Rafe!“, rief Cassie tadelnd.

„Ist schon gut“, beruhigte Alejandro sie. „Er weiß genau, dass er der Hässlichere von uns beiden ist. Ist ja auch kein Wunder, in seinem Alter.“

Doch nun betrachteten die beiden Brüder Cassie mit neuem Interesse. Vermutlich, weil sie ihn nicht nur mit seinem Vornamen angeredet hatte, sondern sich auch noch getraut hatte, ihn in aller Öffentlichkeit zu tadeln. Großartig. Vermutlich zogen sie jetzt vollkommen falsche Schlüsse.

„Wann möchte Carmelita uns denn sehen?“

„Wie wär’s mit jetzt? Sie jammert ja immer, dass es so schwierig sei, uns alle gleichzeitig an einen Tisch zu bringen.“ Santi hatte sein Telefon schon in der Hand.

„Das geht nicht. Cassie ist mit mir zusammen hergefahren. Sie hat bestimmt keine Lust mitzukommen.“

„Die Bodega schließt in einer halben Stunde.“ Santi sah Cassie bittend an. „Wäre es okay, wenn ihr auf dem Rückweg kurz dort anhaltet? Wie gesagt, es wird nicht lange dauern.“

„Du hast doch sicher auch keine Zeit, Alejandro. Musst du nicht nach Hause zu deinem Baby?“, versuchte Rafe das Gesprächsthema auf das Kind zu lenken, das sein Bruder und Kiri adoptiert hatten.

„Gervaso geht es großartig. Er hat die Transplantation super weggesteckt.“ Aus Alejandros Worten klang unverhohlener Stolz auf seinen neuen Sohn.

Cassie berührte Rafe am Arm. „Es ist kein Problem für mich, ein paar Minuten auf dich zu warten. Solange ich um vier wieder im Seaside bin, ist alles okay.“

„Hast du heute Spätdienst?“

„Nein, aber ich bin zum Abendessen verabredet.“

Eine Verabredung?

Es ging ihn nichts an, mit wem sie sich traf.

Ob es ihr untreuer Exfreund war?

Hör auf damit, Rafe! Das ist nicht deine Angelegenheit.

Trotzdem gefiel ihm der Gedanke nicht. „Bist du sicher?“

„Ja. Außerdem war ich noch nie in einer Bodega. Was genau ist das eigentlich?“

Er wartete darauf, dass einer seiner Brüder nur zu gern bereit wäre, es ihr zu erklären. Doch Alejandro und Santi schwiegen und überließen ihm die Antwort.

„Eine Bodega ist eine Art Weinhandlung, in der man aber auch andere lateinamerikanische und spanische Spezialitäten einkaufen kann. Es gibt dort zum Beispiel Tomatillos und Gewürze. Meine Eltern haben das Geschäft damals gegründet, weil sie die typischen Lebensmittel aus ihrer Heimat vermissten. Da es hier in der Gegend viele Einwanderer aus Lateinamerika gibt, wurde ihr Laden schnell zu einem beliebten Treffpunkt. Die Bodega ist seitdem in Familienbesitz.“

„Wow. Und ihr vier leitet das Geschäft gemeinsam?“

„Ja. Mit Carmelitas Hilfe“, erläuterte Rafe. „Sie arbeitet seit einer Ewigkeit für uns und gehört seit Langem irgendwie zur Familie. Wir haben sie als Geschäftsführerin eingesetzt, aber von Zeit zu Zeit möchte sie uns treffen, um wichtige Angelegenheiten mit uns zu besprechen. Da wir seit Wochen nicht mehr da waren, macht sie sich offenbar Sorgen.“

Es wäre einfacher gewesen, die Bodega einfach zu verkaufen und so die furchtbaren Erinnerungen zu verbannen. Doch das hatten die Brüder nicht übers Herz gebracht, denn das Geschäft war das Lebenswerk ihrer Eltern gewesen; ihr ganzer Stolz.

„Jetzt habt ihr mich neugierig gemacht. Ich würde sehr gern mitkommen.“

Alejandro holte seine Schlüssel aus der Tasche. „Ich schätze, dann ist es entschieden. Treffen wir uns in einer Viertelstunde bei Carmelita?“

„Habe ich eine Wahl?“, erkundigte Rafe sich resigniert.

„Nein.“ Santi grinste ihn an. „Aber mach dir keine Sorgen. Es wird kurz und schmerzlos.“

Autor

Dianne Drake
Diane, eine relative neue Erscheinung im Liebesromanbetrieb, ist am meisten für ihre Sachliteratur unter dem Namen JJ Despain bekannt. Sie hat mehr als sieben Sachbücher geschrieben, und ihre Magazin Artikel erschienen in zahlreichen Zeitschriften. Zusätzlich zu ihrer Schreibtätigkeit, unterrichtet Dianne jedes Jahr in dutzenden von Schreibkursen. Dianne`s offizieller Bildungshintergrund besteht...
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Tina Beckett
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Annie Claydon

Annie Claydon wurde mit einer großen Leidenschaft für das Lesen gesegnet, in ihrer Kindheit verbrachte sie viel Zeit hinter Buchdeckeln. Später machte sie ihren Abschluss in Englischer Literatur und gab sich danach vorerst vollständig ihrer Liebe zu romantischen Geschichten hin. Sie las nicht länger bloß, sondern verbrachte einen langen und...

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