Julia Ärzte zum Verlieben Band 154

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NEUANFANG MIT DR. COOPER
von CAROLINE ANDERSON

Sie ist wieder zu spät dran! Als ein attraktiver Fremder der schönen Ärztin und Single-Mom Ellie Kendal den letzten Parkplatz vor dem Krankenhaus wegschnappt, explodiert sie. Sie sagt ihm sehr deutlich, was sie von ihm hält! Und ahnt nicht: Dr. Nick Cooper ist ihr neuer Boss …

EIN TRAUMDOC FÜR SCHWESTER RILEY
von JANICE LYNN

Mehr als eine Nacht der Leidenschaft mit dem umschwärmten Dr. Brothers kommt für Schwester Riley nicht infrage. Sie weiß genau, wie traurig alle ihre Beziehungen enden, also besser, sie flieht gleich! Doch Riley hat die Rechnung ohne die Entschlossenheit des Traumdocs gemacht …

LIEBE GIBT‘S NICHT AUF REZEPT
von ANNIE CLAYDON

Wie lange kann ich mein Geheimnis bewahren? fragt Anna sich verzweifelt. Sie hat sich in ihren Kollegen Dr. Jamie Campbell-Clarke verliebt, der eine Stiftung für Jugendliche betreibt. Er wäre ein fantastischer Vater - weiß aber nicht, dass Anna ihm keine Kinder schenken kann!

  • Erscheinungstag 23.07.2021
  • Bandnummer 154
  • ISBN / Artikelnummer 9783751501613
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Caroline Anderson, Janice Lynn, Annie Claydon

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 154

CAROLINE ANDERSON

Neuanfang mir Dr. Cooper

Als Nick Cooper nach Jahren des Stresses und der Entbehrung im Yoxburgh Hospital einen Chefarztposten antritt, nimmt er sich fest vor: Von nun an will er herausfinden, was ihm selbst wirklich wichtig ist! Zum Beispiel die bezaubernde Dr. Ellie Kendal – wenn die alleinerziehende Mutter bloß noch einen Platz in ihrem Herzen frei hätte …

JANICE LYNN

Ein Traumdoc für Schwester Riley

Nachdenklich betrachtet Justin den Ohrring. Schwester Riley hat ihn nach einer sinnlichen Nacht in seinem Bett vergessen. Justin kennt ihre Lebensgeschichte nicht, aber er weiß, dass er Riley wiedersehen will. Und der Ohrring ist die beste Gelegenheit, sie aufzusuchen und um ein zweites Date zu bitten! Doch ihre Antwort erschüttert ihn zutiefst …

ANNIE CLAYDON

Liebe gibt’s nicht auf Rezept

„Dein Bruder liegt in unserer Klinik.“ Bestürzt hört Dr. Jamie Campbell-Clarke die Nachricht seiner schönen Kollegin Anna Caulder. Denn er ist zwar auf seinen Zwillingsbruder böse, aber das hat er nicht gewollt. Doch vor allem braucht Jamie jetzt Anna. Sie muss ihm zeigen, dass auch in seinem Leben Platz für die Liebe ist. Für seine Familie – und für sie!

1. KAPITEL

Warum? Warum musste jemand es ausgerechnet heute, wo sie ohnehin spät dran war, noch schlimmer machen?

Wütend betrachtete Ellie den Wagen, der gerade auf den einzigen freien Ärzteparkplatz fuhr und den sie genauso wenig kannte wie den Fahrer. Er gehörte jedenfalls nicht zum Team und durfte deshalb auch nicht hier parken.

Es schien ihn nicht zu stören. Entweder wusste er es nicht, oder es störte ihn nicht, doch er schenkte ihr ein Lächeln, als er ausstieg. Dann verriegelte er den Wagen und ging zur Praxis, ohne sich noch einmal umzublicken.

Für wen hielt dieser dreiste, arrogante Kerl sich eigentlich? Ihr fehlten die Worte. Das teure Auto, der glatte Charme, die selbstbewusste Haltung – ganz zu schweigen von seinem geradezu unverschämt guten Aussehen. Offenbar war er ein Mann, bei dem immer alles glattgelaufen war. Aber jetzt nicht. Ganz gleich, wer er war – wahrscheinlich ein Pharmavertreter –, er würde gleich die Quittung bekommen.

Immer noch aufgebracht, fuhr sie rückwärts auf den letzten freien Parkplatz, der eigentlich etwas zu schmal war, und hörte hinten prompt ein Knirschen. Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Nachdem sie ein Stück von der Wand weggefahren war, zwängte sie sich aus der Tür, knallte sie zu und ging über den Parkplatz.

Konnte dieser Tag noch schlimmer werden? Seiner schon. Falls er sich noch im Empfangsbereich aufhielt …

Und das tat der Fremde. Die Hände lässig in die Hosentaschen geschoben, plauderte er gerade mit der Empfangsdame Katie, bei der sein Charme offenbar wirkte.

Ellie betrachtete seine breiten Schultern, die perfekten Hüften, den ebensolchen Po und die muskulösen Beine. Wahrscheinlich trainierte er irgendwo in einem schicken Fitnessstudio. So einen Po bekam man nicht durch Zufall.

Widerstrebend ließ sie den Blick höher schweifen.

„Sie stehen auf einem für Ärzte reservierten Parkplatz“, informierte sie ihn mühsam beherrscht, woraufhin er sich lächelnd zu ihr umwandte.

„Ja, ich …“

„Ich weiß, es gibt nicht viele Parkplätze, aber warum haben Sie sich nicht einfach woanders hingestellt? Oder war das der einzige Platz, der für Ihr Ego groß genug war? Dank Ihnen habe ich jetzt eine Schramme am Wagen und komme zehn Minuten zu spät. Meine Patienten warten schon auf mich.“

Unmerklich zog er die Brauen hoch. Hinter ihm sah sie Katie wild gestikulieren, doch sie ignorierte sie.

Langsam schüttelte er den Kopf. „Vielleicht müssen Sie früher aufstehen“, erwiderte er leise.

„Und vielleicht sollten Sie lesen lernen!“

„Ellie! Dr. Kendal!“ Katie, die noch verlegener wirkte, stand auf, während der Fremde lässig lächelte.

„Ich glaube, wir fangen noch einmal von vorn an.“ Er streckte ihr die Hand entgegen. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Dr. Kendal. Ich bin Nick Cooper. Dr. Nick Cooper.“

Der neue – und sehnlich erwartete – Kollege.

Brillant.

Warum tat sich der Boden nicht unter ihr auf und verschluckte sie?

Nick musste ein Lachen unterdrücken.

Offenbar sprachlos, schüttelte Dr. Kendal den Kopf, murmelte dann so etwas wie eine Entschuldigung und flüchtete durch den Personaleingang. Er ließ die Hand sinken, zuckte die Schultern und lächelte die Empfangsdame an, die entsetzt und fasziniert zugleich wirkte.

„Das ist also Dr. Kendal“, bemerkte er leise.

„Ja. Ellie. Es tut mir so leid, normalerweise ist sie sehr nett. Ich weiß nicht, was in sie gefahren ist.“

Nick verzog das Gesicht, bevor er in den Empfangsraum ging und die Tür hinter sich schloss. „Ich schon. Ich habe den letzten freien Parkplatz besetzt, und nun hat sie ihren Wagen beschädigt. Hätte ich gewusst, wer sie ist, hätte ich woanders geparkt.“

„Sie arbeitet in Teilzeit, also sind Sie ihr bei den Bewerbungsgesprächen wohl nicht begegnet. Und normalerweise kommt sie zu Fuß. Sie konnten es also nicht wissen.“

Er nickte. „Nein. Aber wir werden uns bestimmt bald besser kennenlernen.“

Noch immer verlegen, deutete Katie auf die andere Tür. „Kommen Sie, ich stelle Sie dem Team in der Verwaltung vor. Dr. Gallagher kommt bestimmt gleich, um Sie zu begrüßen. Ich habe ihr gesagt, dass Sie da sind.“

Während er ihr in das Büro folgte, hielt er Ausschau nach seiner temperamentvollen neuen Kollegin, doch diese war verschwunden.

Schade. Aber egal. Er hatte noch genug Zeit, um sie näher kennenzulernen, und freute sich schon auf ein interessantes Gespräch mit ihr …

Warum hatte sie das getan?

Warum hatte sie ihn zur Schnecke gemacht, ohne ihn zu Wort kommen zu lassen? Wäre er ein Patient gewesen, hätte er sich über sie beschweren können. Nein, noch besser, er war ein Kollege, ihr Vorgesetzter, und gleich bei ihrer ersten Begegnung hatte sie ihn beschimpft.

Na toll!

Allerdings war seine Bemerkung, dass sie früher aufstehen sollte, auch nicht besonders höflich gewesen. Sie war schon vor halb sechs aufgestanden, um die Wäsche zu machen. Und wäre Maisie keine Diva gewesen, hätte Evie nicht wieder eine neue Windel gebraucht und Oscar nicht einen seiner Schuhe verloren und einen Wutanfall bekommen, wäre sie nicht zu spät gekommen, und dann wäre all das auch nicht passiert.

Ellie presste die Lippen zusammen und blinzelte gegen die aufsteigenden Tränen an, während sie die Tür ihres Sprechzimmers hinter sich schloss und sich dagegen lehnte. Es hätte noch schlimmer kommen können. Zum Glück hatte kein Patient im Empfangsbereich gesessen und miterlebt, wie sie sich blamierte.

Sie atmete einige Male tief durch, um sich zu beruhigen.

Ein leises Klopfen an der Tür ließ sie zusammenzucken, und sie trat schnell von dieser weg und öffnete sie. Im nächsten Moment sah sie sich ihrem schlimmsten Albtraum gegenüber, der zweifellos gekommen war, um sie unter vier Augen zusammenzustauchen. Doch es war sein gutes Recht, und wahrscheinlich hasste er sie jetzt schon.

Aber vielleicht auch nicht …

„Katie dachte, das könnten Sie gebrauchen“, sagte er leise und ohne eine Miene zu verziehen.

Argwöhnisch betrachtete sie die Tasse mit dem Tee, die er ihr hinhielt. „Warum machen Sie mir ein Friedensangebot? Ich sollte mich bei Ihnen entschuldigen. Oder haben Sie etwas in den Tee getan?“

„Führen Sie mich nicht in Versuchung.“ Nick lächelte ironisch. „Das ist kein Friedensangebot. Katie wollte ihn Ihnen bringen, und ich dachte, wir könnten kurz reinen Tisch machen.“

Ihre Hand zitterte leicht, als Ellie die Tasse entgegennahm. Sie zwang sich, ihm in die Augen zu sehen. Nun wieder ernst, erwiderte er ihren Blick. Zum Glück wusste sie nicht, was er dachte …

Unwillkürlich ließ sie die Schultern sinken. „Tut mir leid, ich wusste nicht, wer Sie sind. Das ist natürlich keine Entschuldigung, aber …“ Noch immer beschämt, verstummte sie und fragte sich, ob sie die Situation irgendwie retten konnte. „Ich dachte, Sie würden erst am Montag anfangen, also hatte ich Sie noch nicht erwartet. Ich habe Sie nicht erkannt, und dann haben Sie mir den letzten Parkplatz vor der Nase weggeschnappt, und ich bin gegen die Wand gefahren, was das Fass zum Überlaufen gebracht hat …“

„Ellie, atmen Sie tief durch! Es ist okay. Vergessen Sie es einfach. Sie haben recht, ich fange erst am Montag an. Ich werde heute nur kurz eingearbeitet. Wahrscheinlich hat es Ihnen niemand gesagt. Und es tut mir leid, dass ich Ihnen den Parkplatz weggeschnappt habe. Lucy sagte, ich könnte dort parken, weil Sie normalerweise zu Fuß kommen. Heute anscheinend nicht.“

„Nein. Ich komme fast immer zu Fuß, aber heute wurde ich … aufgehalten.“

„Lucy sagte schon, die Parkplätze wären wegen der anhaltenden Bauarbeiten knapp bemessen.“

Ellie nickte und seufzte erleichtert. „Stimmt, allerdings sollten die Arbeiten bald abgeschlossen sein. Tut mir leid, aber können wir später weiterreden? Ich möchte nicht schon wieder unhöflich sein, aber meine Patienten warten, und ich bin wirklich spät dran.“

„Natürlich. Und es tut mir leid – auch das mit Ihrem Wagen.“

„Das muss es nicht. Es war Ihr gutes Recht, dort zu parken, und ich habe völlig überreagiert. Und danke für den Tee. Das ist mein erster heute.“

Sein Lächeln ließ sie erschauern. „Gern geschehen“, erwiderte Nick leise. „Wir reden später.“ Wieder zuckten seine Mundwinkel. „Sie können mir das Lesen beibringen und ich Ihnen, wie man die Uhr liest.“

Sie verdrehte die Augen. „Oh, das kann ich. Ich bin um fünf Uhr siebenundzwanzig aufgestanden.“

„Dann halte ich Sie jetzt besser nicht länger auf. Bis später.“

Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, stellte sie die Tasse auf ihren Schreibtisch, wusch sich die Hände und schaltete ihren Computer ein. Dabei musste sie die ganze Zeit an sein verführerisches flüchtiges Lächeln denken.

Wie albern. Da sie jetzt fast zwanzig Minuten in Verzug war, hatte sie keine Zeit für Tagträume, vor allem nicht von einem Mann, der sein Lächeln wahrscheinlich vor dem Spiegel einstudierte!

„Reiß dich zusammen, Ellie“, ermahnte sie sich, bevor sie einen Schluck Tee trank und den Knopf drückte, um den ersten Patienten hereinzurufen.

Nachdem Ellie ihre Vormittagssprechstunde erwartungsgemäß spät beendet hatte, ging sie nach oben in den provisorischen Aufenthaltsraum, um sich einen Kaffee zu machen und etwas zu essen. Dort traf sie Nick allein an.

Er blickte von den Unterlagen auf, die er vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hatte, und sah sie mit seinen unglaublich blauen, unmöglich schönen Augen an – mit jenem Ausdruck, der sie allmählich nervös machte.

„Alles in Ordnung?“

Sie lachte. „Ich lebe noch. Normalerweise stirbt man nicht vor Scham. Hat man Sie alleingelassen?“

„Sie sind alle beschäftigt. Ich lese mich gerade durch die Unterlagen und hatte gehofft, dass Sie kommen, damit wir noch einmal von vorn anfangen können.“

„Nicht nötig, Nick. Können wir es einfach dabei belassen? Normalerweise bin ich nicht so unhöflich.“

„Das glaube ich. Aber Sie haben Ihren Wagen beschädigt.“

Ellie zuckte die Schultern und ging zum Wasserkocher. „Man sieht kaum etwas. Trotzdem hätte ich nicht so unhöflich sein dürfen.“

Nun stand er auf und kam zu ihr. Täuschte sie sich, oder war er gerade zusammengezuckt? „Fangen wir noch mal von vorn an. Ich bin Nick.“

„Und ich bin Ellie.“

Er streckte ihr die Hand entgegen, und als sie sie nahm, umschloss er ihre Finger. Da es sie sofort heiß durchzuckte, ließ sie sie schnell wieder los. Er schaltete den Wasserkocher ein und lehnte sich gegen die Arbeitsplatte, die Beine überkreuzt, die Arme verschränkt.

Warum musste er nur so verdammt sexy sein?

„Ich mache Ihnen Tee, Sie essen.“ Wieder umspielte ein Lächeln seine Lippen. „Und dabei können Sie mir erzählen, warum Sie um fünf Uhr siebenundzwanzig aufgestanden sind.“

Ellie verdrehte die Augen. Nachdem sie ihm ihren leeren Becher gereicht hatte, öffnete sie ihre Lunchbox und setzte sich auf die andere Seite des Tisches, um etwas auf Abstand zu gehen.

„Kaffee mit Milch und ohne Zucker, bitte. Und ich stehe oft so früh auf. Ich habe die Wäsche aufgehängt, die Waschmaschine wieder eingeschaltet, geduscht, mich angezogen, die Kinder geweckt, die erst mal diskutiert haben, bevor sie sich auch angezogen haben. Dann haben wir gefrühstückt, und Maisie hatte einen Anfall, weil ihr Lieblingskleid noch auf der Leine hing, Oscar hat einen Schuh verloren und auch einen Trotzanfall bekommen, und Evie hat in die Windel gemacht, sodass ich sie noch einmal wickeln musste. Bis dahin hatte Oscar seine Schuhe wieder ausgezogen und versteckt, und Maisie hatte sich zum dritten Mal umgezogen. Also eigentlich ein ganz normaler Morgen.“

Nick stellte ihr den Kaffee hin. Seine Augen funkelten amüsiert. „Autsch“, sagte er, bevor er sich wieder setzte, die Ellbogen auf den Tisch stützte und sie nun mitfühlend ansah. „Keine tolle Art, in den Tag zu starten!“

Vergeblich versuchte sie, sich ein Lächeln abzuringen, woraufhin er die Stirn runzelte und sich leicht zu ihr vorbeugte.

„Alles in Ordnung, Ellie?“, fragte er leise.

Ellie zuckte die Schultern. „Klar. Ich bin bloß müde. Und es hätte noch schlimmer kommen können.“ Sie aß noch etwas Salat und versuchte, nicht an seine fantastischen Augen zu denken. „Wenigstens hat sich heute Nacht keiner übergeben oder Fieber bekommen, aber die Erzieherinnen tun mir leid. Oscar hat im Kindergarten weitergeschrien, weil ich ihn ohne Schuhe in den Wagen gesetzt habe, und Maisie war immer noch bockig.“

„Und Evie? So heißt sie doch, stimmt’s?“

Lächelnd legte sie ihre Gabel weg. „Ja. Sie war so süß und gut gelaunt wie immer.“

Nick lächelte, und die feinen Fältchen in seinen Augenwinkeln ließen ihn noch zugänglicher wirken. „Die kleinen schönen Dinge?“

„Absolut. Dafür lebe ich, und es dauert bestimmt nicht mehr lange, bis sie auch in die Autonomiephase kommt.“

Nun lehnte er sich zurück und betrachtete sie forschend. „Und wo ist Ihr Ehemann?“

Jetzt war ihr überhaupt nicht mehr nach Lächeln zumute. Sie straffte sich, nahm ihre Gabel wieder in die Hand und tat so, als würde sie in ihrem Salat herumstochern. „Ich bin geschieden.“

„Aha. Willkommen im Klub. Lassen wir das Thema lieber, ja? Es gibt bestimmt nettere Dinge, über die wir reden können.“

Er wandte den Blick ab, doch sie hatte den Ausdruck in seinen faszinierenden Augen bemerkt. So etwas wie Bedauern, Enttäuschung oder gar Kummer war darin aufgeflackert. Egal. Sie wollte auch nicht über das Thema reden und trank einen Schluck Kaffee. Offenbar war in seinem Leben also doch nicht alles glattgelaufen.

„Also, wie lange arbeiten Sie schon hier?“, erkundigte Nick sich leichthin.

„Ich habe kurz nach Maisies Geburt hier angefangen, also vor etwas mehr als drei Jahren. Wir hatten eine Wohnung in London, aber Davids Eltern leben hier in Yoxburgh, und so haben wir ein Ferienhaus ganz in der Nähe von ihnen gekauft. Da er allerdings fast die ganze Zeit im Ausland gearbeitet hat, sind wir nach Maisies Geburt hierhergezogen und haben die Wohnung behalten. Als sie zehn Monate alt war, habe ich hier angefangen. Und nach zwei Monaten habe ich festgestellt, dass ich ungeplant mit Oscar schwanger war. Und dann war ich mit Evie schwanger.“

Darüber wollte sie allerdings nicht sprechen, denn Davids Reaktion tat ihr selbst jetzt, nach fast zwei Jahren, immer noch weh und so würde es vermutlich immer bleiben. Doch sie kam hervorragend ohne ihn zurecht. Sogar besser als vorher, so hart es manchmal auch sein mochte.

„Und wie alt sind die drei jetzt?“, hakte Nick nach.

„Maisie ist gerade vier geworden, Oscar ist zweieinhalb und Evie fast fünfzehn Monate.“

Erstaunt sah er sie an. „Das ist …“

„Lächerlich, ich weiß. Drei Kinder in vierunddreißig Monaten.“

Nick atmete langsam aus. „Lächerlich nicht, aber ganz schön heftig für eine alleinerziehende Mutter, vor allem da Sie berufstätig sind. Es muss zeitweise ein Albtraum sein.“

Ellie schüttelte den Kopf. „Die drei sind wirklich eine große Freude, wenn ich mal Zeit zum Durchatmen habe. Heute war keiner jener Tage, aber ich würde es mir um nichts in der Welt anders wünschen.“

„Nein, natürlich nicht. Bestimmt lieben Sie sie über alles.“

„Richtig.“ Forschend betrachtete sie ihn. Hatte sie einen seltsamen Unterton in seiner Stimme wahrgenommen? „Und jetzt sind Sie dran. Warum sind Sie hier?“

Er zuckte die Schultern. „Warum nicht? Ich wollte eine komplette Veränderung. Ich habe keine Verpflichtungen, und es ist die Art von Job, die ich immer wollte. Es sollte alles so sein.“

„Und was ist mit Ihren Kindern?“, hakte sie forsch nach.

„Wir haben keine. Hätten wir Kinder gehabt, wäre ich dort geblieben. Kinder sind eine lebenslange Verpflichtung.“

Ellie schnaufte leise. „Wem erzählen Sie das. Mein Ex hat mich verlassen, als ich mit Evie in der achten Woche schwanger war.“

Erschrocken blickte er sie an. „Ernsthaft? Wusste er, dass Sie schwanger waren?“

Sie lachte bitter. Natürlich hatte David es gewusst. Deshalb hatte er sie ja verlassen. „Ich dachte, wir wollten nicht darüber reden.“

Doch er ließ nicht locker. „Sieht er die drei denn regelmäßig?“

„Oh ja. Er kommt alle vierzehn Tage hierher und wohnt bei seinen Eltern. Sie finden es schrecklich, dass er mich verlassen hat, verstehen allerdings auch nicht, dass ich ihn nicht zurückhaben will. Aber sie halten zu uns, weil sie ein gutes Verhältnis zu ihren Enkeln haben möchten, und die Kinder lieben die beiden über alles. Pech für ihn.“

„Und für die Kinder. Idiot.“ Dann hob er die Hand. „Tut mir leid, das geht mich nichts an.“

„Oh, das ist schon in Ordnung. Niemand außer ihm würde da widersprechen, und er ist zum Glück nicht hier.“ Ellie lächelte ironisch. „Er hätte mich zusammengefaltet, weil ich heute Morgen meinen Wagen beschädigt habe.“

Nick verzog das Gesicht. „Tut mir leid. Ich sollte die Reparaturkosten übernehmen.“

„Warum? Sie saßen doch nicht am Steuer.“

„Nein, aber es war meine Schuld, und ich habe Ihren Morgen nicht unbedingt besser gemacht, stimmt’s? Außerdem haben Sie schon genug an der Hacke.“

Sie erwiderte sein Lächeln und fragte sich, warum es eine so starke Wirkung auf sie ausübte.

„Wir sollten das Ganze einfach vergessen, und ich sollte jetzt wieder an die Arbeit, sonst geht mein Nachmittag auch noch den Bach runter. Ich habe heute Bereitschaft.“ Nachdem sie aufgestanden war, zögerte sie kurz und streckte ihm schließlich die Hand entgegen. „Freunde?“

Als Nick ihre Hand ergriff, durchzuckte es sie wieder heiß. „Freunde“, murmelte er.

Schnell ließ sie seine Hand wieder los. „Gut. Wir sehen uns dann am Montag.“

Im nächsten Moment kam ihre Kollegin und Freundin Lucy Gallagher herein. „Ich hoffe, du siehst ihn heute Abend bei unserem Essen.“

„Beim Essen“, wiederholte Ellie verständnislos.

„Ja … sein Willkommensessen?“

Oh nein! „Ist das nicht nächsten Freitag?“

„Nein, heute um sieben. Ah, du hast keinen Babysitter?“

Ellie schloss die Augen und zählte im Stillen bis zehn. Vielleicht konnte Liz aushelfen. Und schon wieder musste sie sie um einen Gefallen bitten. „Nein. Ich brauchte auch keinen, aber David hat das Wochenende getauscht, und ich dachte, es wäre nächsten Freitag. Es tut mir so leid, Lucy. Ich frage meine Schwiegermutter und sage dir Bescheid. Ich versuche zu kommen, kann aber wahrscheinlich nicht lange bleiben.“

Lächelnd schüttelte Lucy den Kopf. „Keine Sorge, das verstehe ich.“

„Ich muss jetzt los, ich habe viele Patienten. Tut mir leid.“

Nachdem sie beide angelächelt hatte, nahm sie ihren Kaffee und ließ ihren Salat stehen. Ihre Hand prickelte immer noch, was sie umso mehr durcheinanderbrachte.

Liz hatte zugesagt und sich sogar bereit erklärt, die Kinder vom Kindergarten abzuholen, damit sie bei ihnen übernachten konnten. So fuhr Ellie nach der Sprechstunde nach Hause, packte die Sachen zusammen und brachte sie ihr. Nachdem sie die Hausarbeit erledigt hatte, ging sie in ihr Schlafzimmer, um sich umzuziehen.

Sie konnte sich allerdings nicht entscheiden, was sie anziehen sollte, obwohl es sich nur um ein zwangloses Abendessen mit ihren Kolleginnen und Kollegen und deren Partnern handelte. Da sie allerdings einen katastrophalen Eindruck bei Nick hinterlassen hatte, wollte sie es wiedergutmachen. Falls es dafür noch nicht zu spät war …

Nach einigem Überlegen entschied sie sich für ein lockeres Top, eine Hose und schicke Pumps. Aber letztendlich war es egal, wie sie sich sagte. Wichtig war nur, dass sie pünktlich kam, denn Lucys Mann hatte sicher den ganzen Tag in der Küche verbracht, und sie wollte niemanden mehr verärgern.

Nachdem sie ihr Make-up aufgefrischt hatte, schlüpfte sie in Mantel und Schuhe, nahm die Flasche Wein, die sie gekauft hatte, und verließ das Haus, ohne noch einmal in den Spiegel zu blicken.

Da die Gallaghers ganz in der Nähe wohnten, ging sie zu Fuß und hoffte, nicht als Erste einzutreffen und mit Nick Konversation machen zu müssen. Sie wollte ihm gegenüber nicht unhöflich sein, aber auch nicht übereifrig wirken.

Und sie verstand selbst nicht, warum sie sich den Kopf darüber zerbrach. Er war nur ein Kollege, nicht mehr, und würde es auch nie sein. Sie würde ihm freundlich begegnen und nicht mehr an seinen tollen Po und sein verführerisches Lächeln denken.

Zusammen mit Dev und Reeta traf sie um fünf Minuten nach sieben bei den Gallaghers ein. Perfekt! In der Auffahrt sah sie nur Brians Wagen. War Nick zu Fuß gekommen? Oder hatte er sich verspätet? Das konnte sie sich allerdings nicht vorstellen.

Im Stillen dankte sie wieder ihrer Schwiegermutter, ohne die sie völlig aufgeschmissen gewesen wäre. Die Frau war eine Heilige.

Ellie setzte ein Lächeln auf, bevor sie den beiden ins Haus folgte.

Nick saß zwischen Julia Wade, der Verwaltungsleiterin, und Sarah Baines, die ebenfalls Ärztin war und in Teilzeit arbeitete, während ihr Mann sich zu Hause um die Kinder kümmerte. Auf der anderen Seite von Julia saß Brian Rowlings, der die Praxis leitete. Er hatte Julia und ihn während seiner Vorstellungsgespräche kennengelernt, ebenso wie Dev Patel, der wie Brian und er eine Vollzeitstelle hatte.

Zusammen mit seiner Frau Reeta, die auch in Teilzeit arbeitete, saß Dev auf der anderen Seite des Tisches, zu seiner Linken Ellie und daneben Julias Ehemann.

Nick ließ den Blick zu ihren Gastgebern schweifen, Lucy Gallagher, der stellvertretenden Leiterin, und ihrem Ehemann Andy, der stundenweise in der Notaufnahme des Yoxburgh Park Hospital tätig war. Unter den sehnsüchtigen Blicken ihres Labradors Stanley tischten sie gerade Schüsseln und Platten auf.

Auf Andys Aufforderung hin begannen alle, sich aufzufüllen. Auf Nick wirkte es wie ein fröhliches sonntägliches Familienessen, was ihm ausgesprochen gut gefiel. Er fand alle Anwesenden sehr sympathisch und wollte gern mehr über sie erfahren, vor allem über Ellie.

Doch obwohl sie ihm gegenübersaß, kam er nicht dazu, sich mit ihr zu unterhalten, denn alle bestürmten ihn mit Fragen oder erzählten von der Arbeit. Als sie jedoch nach dem Hauptgang die Plätze tauschten, fand er sich neben ihr wieder. Er nahm prompt eine gewisse Anspannung zwischen ihnen wahr.

Als er ihr die Schüssel mit dem Nachtisch reichen wollte und dabei aufstehen musste, streifte ihr Arm seinen Oberschenkel, und er hätte die Schüssel fast fallen lassen.

„Möchte jemand Kaffee?“, fragte Lucy, woraufhin Ellie den Kopf schüttelte.

„Nein. Es ist sehr schön, Lucy, aber ich muss los. Tut mir leid, ich bin ziemlich müde.“

„Ja, ich auch.“ Zerknirscht lächelnd stand Nick auf. „Es war schön, Sie alle kennenzulernen, und ich freue mich auf die Zusammenarbeit, aber ich muss am Wochenende zumindest das schlimmste Chaos in meinem Haus beseitigen.“

„Sag uns Bescheid, wenn du Hilfe brauchst“, erwiderte Andy, was die anderen bejahten.

Nachdem er sich für das Angebot und bei Lucy und Andy für das Essen bedankt hatte, fand Nick sich mit Ellie in der Ausfahrt wieder.

„Bist du zu Fuß hier?“, fragte er.

„Ja. Warum?“

„Ich auch. Ich bringe dich nach Hause.“

„Das brauchst du nicht.“

„Doch. Ich möchte dich nicht auf dem Gewissen haben.“

Nun lachte sie. „Nick, wir sind in Yoxburgh! Hier passiert mir nichts.“

„Trotzdem“, beharrte er lächelnd. „Außerdem habe ich noch einige Fragen.“

Im Schein der Verandabeleuchtung blickte sie ihn skeptisch an. „Zum Beispiel?“

„Ach, es geht um die Praxis. Na ja, eigentlich um die Kollegen“, improvisierte er und ging neben ihr her, als sie loslief. „Brian war allein da, und ich habe gehört, dass er sich kürzlich für eine Weile freigenommen hatte.“

„Stimmt. Seine Frau ist an einer frühen Form von Alzheimer erkrankt und letztes Jahr mit nur achtundfünfzig gestorben. Er hatte sich beurlauben lassen, um sie zu pflegen.“

Nick spürte eine vertraute Last auf den Schultern. „Das muss schwer für ihn gewesen sein.“

„Ja. Wir hatten eine Vertretung in Teilzeit. Einige Monate nach ihrem Tod hat Brian wieder angefangen zu arbeiten. Ich glaube, er war froh, weil er sehr isoliert gewesen war.“

Er kannte das Gefühl. Erst hatte Rachel ihn verlassen, dann war sein Bruder Sam gestorben. Damals war er am Anschlag gewesen.

„Also, was willst du noch wissen?“

Wieder improvisierte Nick, um nicht an Sam denken zu müssen. Schließlich blieb Ellie vor einem erstaunlich unscheinbaren, älteren kleinen Haus stehen, das jedoch einen fantastischen Meerblick hatte.

„Siehst du? Keine Räuber und Vergewaltiger“, sagte sie lächelnd.

„Nein“, bestätigte er. „Dann eine gute Nacht.“

Nachdem sie einen Moment geschwiegen hatte, sah sie ihn an. „Kaffee?“

Es war zu dunkel, als dass er den Ausdruck in ihren Augen erkennen konnte. „Ich dachte, du wolltest ins Bett.“

„Stimmt, aber ich muss erst mal runterkommen. Außerdem können wir über die Arbeit reden, wenn du willst. Du entscheidest.“

Die Arbeit war das Letzte, woran er dachte. „Nein, kein Kaffee.“ War sie enttäuscht? Lächelnd fügte er hinzu: „Lieber Tee.“

Ellie lachte leise, bevor sie sich zu Tür wandte. „Dann komm rein.“

2. KAPITEL

Überall herrschte Chaos. Warum hatte sie ihn nur hineingebeten? Sie musste den Verstand verloren haben.

„Komm hier durch. Tut mir leid, es sieht schlimm aus. Ich hatte heute noch keine Zeit, aufzuräumen.“

Nick lachte. „Keine Angst, ich habe schon viel Schlimmeres gesehen.“

„Das glaube ich, aber trotzdem bin ich nicht stolz darauf.“

Wieder lachte er, was Ellie seltsam nervös machte. Sie füllte den Wasserkocher und fragte sich, wie er ihr Haus finden mochte. Und warum sie sich überhaupt Gedanken darüber machte, was er von ihr oder ihrem Haus hielt.

„Sind die Zeichnungen von den Kindern?“

„Von mir sind sie nicht“, sagte sie lachend, und drehte sich zu ihm um.

Er betrachtete den Kühlschrank, an dem sie Oscars und Maisies Bilder sowie Evies mit Fingerfarben angefertigte Händeabdrücke mit Magneten befestigt hatte. Dann zog er wehmütig lächelnd mit dem Finger einen Händeabdruck nach, was ihr zu Herzen ging.

Warum hatte er keine Kinder?

„Wie trinkst du deinen Tee?“

Als er sie nun ansah, wirkte sein Lächeln ein wenig verkrampft. „Mit Milch und ohne Zucker.“ Die Stirn leicht gerunzelt, blickte er sich um. „Und, wie kommt man in den Garten? Ich gehe davon aus, dass du einen hast.“

„Oh ja. Aber man muss entweder durchs Wohnzimmer oder außenrum gehen. Der Vorbesitzer hat die Hintertür zugemauert. Wenn du das Chaos aushältst, führe ich dich schnell rum.“

Nick lachte. „Ich halte es aus.“ Dann folgte er ihr ins Esszimmer mit dem Meerblick, in die drei vollgestopften Schlafzimmer und das winzige Bad, wobei er sich interessiert umsah.

„Das hatte ich nicht erwartet.“

„Was dann? Perfekte Ordnung?“

Wieder lachte er, bevor er sie mit einem sanften Ausdruck in den Augen anblickte. „Nein, das meinte ich nicht. Ich hatte nicht mit dem Meerblick gerechnet. Das ist immer etwas ganz Besonderes.“

„Deshalb haben wir das Haus auch gekauft. David hat nie etwas Ungeplantes getan – jedenfalls nicht oft.“ Ellie ging voran, die Treppe hinunter. „Ich habe nur keine Muße, den Meerblick zu genießen, und selbst wenn es so wäre, sieht man das Meer kaum, weil das Haus so schlecht geschnitten ist. Eigentlich ist es für drei Kinder zu klein, aber ich habe kein Geld, um anzubauen oder mir ein größeres zu suchen. Und David ist der Meinung, dass ich ihn nur zurücknehmen muss, um etwas Besseres zu bekommen.“

„Und das steht offenbar nicht zur Debatte“, bemerkte Nick vorsichtig.

Sie lachte, und führte ihn wieder in die Küche. „Ich schätze, es ist ohnehin nicht ernst gemeint. Aber davon abgesehen, will ich ihn auch gar nicht zurückhaben.“

„Und was schwebt dir hier vor, was würdest du gerne ändern?“

„Ich möchte Wohn- und Esszimmer tauschen, denn das Esszimmer ist viel zu weit von der Küche entfernt. In einem Anbau wäre dann genug Platz für ein kombiniertes Ess- und Familienzimmer und für ein weiteres Schlafzimmer mit eigenem Bad. Dann hätte man Meerblick von einem Raum, der auch genutzt wird. Von meinem Schlafzimmer aus habe ich zwar auch Meerblick, aber ich schlafe immer mit zugezogenen Vorhängen. Er ist also vergeudet.“

„Überhaupt nicht. Du könntest morgens mit einer Tasse Tee im Bett liegen und aufs Meer blicken. Herrlich!“

„Mit drei Kleinkindern im Bett, die auf mir herumturnen? Eher stressig.“

Nun grinste Nick. „Ja, vielleicht. Aber unten ist das Haus wirklich schlecht geschnitten. Vielleicht könnte man einfach ein paar Wände einreißen.“

„Aber dann hätte ich nirgends einen Rückzugsort. Hier, der Tee.“ Sie reichte ihm den Becher, dann gingen sie ins Wohnzimmer, wo sie einige Bauklötze mit dem Fuß zur Seite kickte.

„Du brauchst eine gute Fee, die nachts kommt und aufräumt, Ellie.“

Ellie verdrehte die Augen und machte es sich auf dem Sofa bequem. „Vielleicht hat die Zahnfee ja eine Cousine, die einen Job sucht“, konterte sie.

Er lachte, bevor er sich ihr gegenübersetzte und die Beine ausstreckte. Auch diesmal zuckte er dabei leicht zusammen.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie, woraufhin er leicht den Kopf neigte. „Du bist gerade zusammengezuckt.“

„Ach, das. Das ist ein alter Bruch. Er macht sich ein bisschen bemerkbar, wenn ich mich übernommen habe. Es ist nichts.“

„Übernommen?“

„Gestern habe ich alle meine Sachen hierher in mein neues Haus gebracht. Ich habe ziemlich viel geschleppt.“

„Hast du kein Umzugsunternehmen beauftragt?“

Nick lächelte. „Doch. Trotzdem ist es noch viel Arbeit. Mein Fehler. Ich hätte sagen müssen, wo die Sachen hinsollen. Jedenfalls steht jetzt alles mehr oder weniger am richtigen Platz, und ich muss nur noch auspacken.“

„Wo wohnst du?“, fragte sie.

„Praktisch um die Ecke, in einer kleinen Privatstraße in der Nähe der Treppe zum Strand.“

„Jacob’s Lane. Wow! Die kenne ich gut. Da stehen einige schöne Häuser. Welches ist es?“, hakte sie nach, obwohl sie eigentlich nicht neugierig sein wollte.

„Ein kleines Holzhaus auf der rechten Seite aus den Siebzigern, es hat ein komisches Pultdach.“

„Das kenne ich. Es hat eine Weile leer gestanden. Es gefällt mir sehr.“

„Ja, mir auch. Von außen ist es langweilig, aber drinnen ist es ganz interessant. Und es hat einen schönen Garten, der von allen unteren Räumen betreten werden kann. Allerdings hat es keinen Meerblick, aber ich habe ja zwei Beine und wohne praktisch am Strand.“

Wieder schenkte er ihr sein schiefes Lächeln, das offenbar magische Kräfte hatte.

Warum fühlte sie sich ausgerechnet zu ihrem neuen Kollegen hingezogen? Doch sie könnte mit derartigen unerwiderten Gefühlen leben, wenn sie im Job gut mit ihm zurechtkam.

„Und muss noch viel renoviert werden?“

„Eigentlich nicht. Es müssen nur noch ein paar Kleinigkeiten gemacht werden.“

„Also kein Projekt wie dieses?“

Lachend schüttelte Nick den Kopf. „Nein, das wollte ich auch gar nicht in dieser Lebensphase. Ich habe genug Veränderungen hinter mir und bin jetzt bereit für ein beschauliches Leben.“

Ellie lachte ebenfalls. „Ich auch, aber das ist bei mir schwierig. Mir würden schon sechs Stunden Schlaf am Stück reichen.“ Wie aufs Stichwort musste sie gähnen und entschuldigte sich dafür, doch er lächelte nur.

„Du hattest einen langen Tag, und ich halte dich nur auf. Deswegen gehe ich jetzt lieber. Vielleicht bekommst du dann sogar mehr als sechs Stunden Schlaf.“

„Das wäre herrlich. Vielleicht trinke ich morgen sogar eine Tasse Tee im Bett und genieße den Meerblick. Das wäre etwas ganz Neues.“

Nick stand auf, wobei er wieder leicht zusammenzuckte, brachte seinen Becher in die Küche und ging dann zur Haustür. Dort drehte er sich noch einmal um und sah sie lächelnd und mit einem sanften Ausdruck in den Augen an. „Danke für den Tee und die Besichtigungstour.“

„Keine Ursache. Danke, dass du mich nach Hause gebracht hast, auch wenn es nicht unbedingt nötig war. Wir sehen uns Montag.“

„Ich freue mich darauf.“

Nach kurzem Zögern umfasste er ihre Schultern und küsste sie leicht auf die Wange, bevor er das Haus verließ.

Sie blickte ihm nach und fasste sich dabei an die Wange, die immer noch prickelte. Sie hatte seine Bartstoppeln gespürt und seinen Duft wahrgenommen.

Verrückt. Sie war ziemlich durcheinander, denn sie war müde, hatte beim Essen zwei Gläser Wein getrunken und reagierte derart stark auf einen Mann, von dem sie anfangs geglaubt hatte, sie würde ihn nicht mögen.

Und sie mochte ihn, sehr sogar, und wollte mehr über ihn erfahren – zum Beispiel, warum er keine Kinder hatte, warum seine Ehe gescheitert war und warum er offenbar aus einer Laune heraus hierhergezogen war.

Zu viele Fragen, und im Grunde ging es sie alles nichts an. Nick war nur ein Kollege, nicht mehr.

„Reiß dich zusammen, Ellie“, ermahnte Ellie sich erneut, bevor sie energisch die Tür hinter sich schloss.

Verdammt. Warum war sie so nett?

Es war wirklich albern, aber das hatte er nicht gewollt. Eine Frau mit drei Kindern kam für ihn überhaupt nicht infrage.

Und warum verspürte er jetzt einen Anflug von Bedauern?

Er musste mit Ellie zusammenarbeiten, und das Letzte, was er in einem hoffentlich langfristigen Job gebrauchen konnte, war eine unangemessene Reaktion auf eine unpassende Frau.

Nick ging über den Kiesweg, schloss auf und stieß seufzend die Haustür hinter sich zu. In jedem Raum stapelten sich Kartons. Kartons, die sein Leben enthielten – und teilweise auch Samuels. Nicht, dass er bereit war, diese schon auszupacken. Vielleicht würde er es nie tun.

In der Küche setzte er Wasser auf, machte sich noch einen Becher Tee und drehte die Heizung hoch. Es war zwar nicht sonderlich kalt, doch das Haus hatte monatelang leer gestanden. Es brauchte Wärme und musste wieder zum Leben erweckt werden.

Mit einem Kühlschrank voller Kinderzeichnungen? Und Spielsachen, die überall auf dem Boden verstreut lagen?

Wohl kaum. Das würde er Ellie überlassen.

Allerdings hatte er auch keine Wahl. Das hatte er seiner eigenen Dummheit zu verdanken. Wenigstens hatten seine Schwestern ihren Eltern Enkel geschenkt, sodass er das abhaken konnte. Wenigstens etwas, das ihm keine Schuldgefühle verursachte.

Nick ging die drei Stufen zum Wohnzimmer hinauf, wo er aufs Sofa sank und nach der Fernbedienung griff. Dann überlegte er es sich jedoch anders und lehnte sich seufzend zurück, den Becher mit dem Tee in der Hand, um den Abend Revue passieren zu lassen.

Seine zukünftigen Kolleginnen und Kollegen waren ein fröhlicher, netter Haufen, und er freute sich auf die Zusammenarbeit mit ihnen. Es wäre schön, wieder Teil eines Teams zu sein, nachdem er vier Jahre lang als Springer gearbeitet hatte, weil der Zustand seines Bruders sich verschlechtert hatte. Er hatte sich Auszeiten genommen, um seine Eltern zu unterstützen, doch er hatte das Zwischenmenschliche vermisst, das Gefühl, irgendwohin zu gehören.

Und soweit er es beurteilen konnte, hatte man ihn mit offenen Armen empfangen.

Und dann war da noch Ellie.

Ellie mit ihrem langen dunklen Haar, den graugrünen Augen, die ihre Emotionen spiegelten, und dem trockenen Humor. Ganz zu schweigen von ihren weiblichen Kurven, die in ihm den Wunsch weckten, sie an sich zu ziehen und zu küssen, bis sie den Verstand verlor.

Nein, dann würde er den Verstand verlieren, denn es waren nicht nur ihre Augen, ihre geistreiche Art und ihr schöner Körper. Sie hatte drei kleine Kinder, und er wollte nichts damit zu tun haben.

Lügner.

Wieder seufzte Nick, dann trank er einen Schluck Tee und verzog das Gesicht. Ihm war nicht nach Tee zumute, doch er hatte keine Ahnung, wo er die Flasche Single Malt hingetan hatte, die er für Momente wie diesen aufgehoben hatte – wenn er seine Sorgen im Alkohol ertränken und in Selbstmitleid schwelgen wollte.

Am nächsten Tag hatte er viel zu tun, und am Sonntag musste er sich ausruhen, sonst würden seine Hüfte und sein Knöchel ihm große Probleme bereiten.

Nick stand auf, kehrte in die Küche zurück, wo er den restlichen Tee in die Spüle goss. Dann ging er ins Bett.

Am Montagmorgen waren die Kinder ganz brav. Nachdem Ellie sie im Kindergarten abgeliefert hatte, betrat sie schon um zehn Minuten nach acht die Praxis und hatte genug Zeit, um sich auf die Vormittagssprechstunde vorzubereiten.

Sie war zu Fuß gekommen, um Nick den Parkplatz zu überlassen, doch als sie eintraf, war sein Wagen nirgends zu sehen.

„Morgen!“

Er erschien oben auf der Treppe, als sie gerade den Fuß auf die unterste Stufe setzte, und sie musste lächeln.

„Dein Wagen steht ja gar nicht draußen. Ich dachte, ich wäre vor dir hier.“

Als auch er sie anlächelte, verspürte sie ein seltsames Gefühl in der Brust. Was hatte sein Lächeln nur an sich, dass es sie derart anrührte?

„Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen. Ich bin schon seit halb sieben hier. Lucy und Julia sind früher gekommen, um den Tagesablauf mit mir zu besprechen. Es scheint schon einiges los zu sein.“

„Ja. Am Montagvormittag ist immer viel los. Hattest du schon Tee?“

„Nein, Kaffee, aber es ist noch heißes Wasser im Kocher. Ich gehe gleich wieder hoch.“

Sie nickte und ging ebenfalls hoch, wobei sie an ihm vorbeikam und sein Arm ihren streifte. Prompt verspürte sie ein Prickeln. Oder lag das an dem Duft des Duschgels, der in der Luft hing? Sie musste an Freitag denken, als sie zusammen mit Nick am Tisch gesessen und als er sie später geküsst hatte. Der Duft war schwächer als ein Aftershave, hatte in ihr jedoch den Wunsch geweckt, den Kopf an seine Brust zu schmiegen …

Reiß dich zusammen! Du hast zu tun. Er ist nur ein Kollege.

Und wenn sie sich das nur oft genug sagte, würde sie es vielleicht auch begreifen. Ellie machte sich Tee, den sie mit in ihr Behandlungszimmer nahm, und schaltete ihren Computer ein. Im nächsten Moment klopfte es an der Tür.

„Herein!“

Es war Nick, und seine Miene war ernst. „Hast du kurz Zeit? Ich habe einen deiner Patienten, und er möchte anscheinend lieber zu dir. Allerdings hast du keine Termine mehr. James Golding.“

„Oh, Jim. Ja, natürlich kann er zu mir. Er ist ein netter alter Knabe und macht nie Theater. Er hat drei Bypässe, hat aber ab und zu immer noch Herzprobleme. Vielleicht könnte es das sein. Ich bitte Katie, ihn zu mir zu schicken.“

„Okay. Allerdings ist er schon hier.“

„Dann soll er gleich reinkommen. Du kannst ja dann meinen ersten Patienten übernehmen.“

„Abgemacht. Ich rede mit Katie. Danke.“

„Keine Ursache.“

„Dann vielleicht bis später.“

Sie lächelten sich an, dann ging Ellie ins Wartezimmer, wo Jim Golding sichtlich angespannt in der Ecke saß. Sie setzte sich neben ihn.

„Morgen, Jim. Anscheinend wollen Sie zu mir?“, fragte sie leise, woraufhin er sie müde anlächelte.

„Es hieß, Sie hätten keine Zeit“, erwiderte er bedrückt.

„Doch, wir haben getauscht. Wollen Sie gleich mitkommen?“

Als sie sah, wie er aufstand, war sie sofort alarmiert. „Langsam“, wies sie ihn sanft an, bevor sie ihn in ihr Sprechzimmer geleitete und ihm auf den Stuhl half. „Dann erzählen Sie mal, was Sie für Sorgen haben, Jim.“

„Was hatte er für Beschwerden?“

Ellie stellte ihren Becher neben den Wasserkocher. Sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte. Daraufhin stand Nick auf und kam zu ihr.

„Ellie? Was ist los?“

Sie schnitt ein Gesicht. „Ich weiß nicht. Er sagte, eigentlich ginge es ihm gut, aber er hätte ab und zu ein Stechen in der Brust. Also habe ich ihn für ein EKG und ein großes Blutbild zu Megan geschickt. Nur um sicherzugehen. Außerdem sollte ich für ihn eine Patientenverfügung ausfüllen, dass er im Fall eines schweren Infarkts nicht reanimiert werden möchte.“

„Wirklich?“

Sie nickte. „Ja, und das gefällt mir gar nicht. Ich habe das Gefühl, dass er mir irgendetwas verschwiegen hat. Bauchgefühl?“

Er lachte leise. „Ja, das Gefühl kenne ich. Manchmal hasse ich meinen Bauch.“

„Vertrau besser darauf. Ich tue es jedenfalls.“

Nun lächelte er flüchtig. „Vielleicht bist du nur übervorsichtig.“

Doch als Ellie wieder in ihrem Sprechzimmer saß und die Untersuchungsergebnisse studierte, hörte sie draußen einen Schrei. Sie eilte hinaus und traf Nick an, der im Flur über James Golding gebeugt kniete.

„Was ist passiert?“

„Ich weiß nicht. Vielleicht ein Myokardinfarkt? Wir müssen ihn ins Sprechzimmer bringen und noch einmal ein EKG schreiben. Oh, warte. Nein, nein, nein, doch nicht!“

Er hatte Jim bereits das Hemd aufgeknöpft und hörte seine Brust ab.

„Und?“

Er schüttelte den Kopf und begann mit den Wiederbelebungsmaßnahmen. „Nein. Herzstillstand. Rufst du einen Krankenwagen?“

„Nein. Nick, hör auf.“ Ellie kniete sich neben ihn und legte die Hände auf seine. „Er hat eine Patientenverfügung, die er vorhin unterschrieben hat. Wir dürfen ihn nicht reanimieren, und ich würde es auch nicht wollen. Seine Frau ist letztes Jahr gestorben, und er ist über ihren Tod nicht hinweggekommen. Er will es nicht.“

„Haben wir das schriftlich?“

„Ja. Er hat das Dokument vorhin vor Zeugen unterschrieben.“

Langsam hob er die Hände und betrachtete eine Weile starr den soeben verstorbenen Mann, bevor er die Augen schloss und sich auf seine Fersen setzte.

„Wir müssen den Flur abschließen und ihn in einen anderen Raum bringen, bis der Bestatter kommt. Ich übernehme das. Sagst du im Büro Bescheid und rufst den Krankenwagen?“

Sie nickte. Dann ging sie in ihr Sprechzimmer, wo sie Katie bat, einen Krankenwagen zu rufen. Anschließend rief sie James Goldings Tochter an und bat auf der Mailbox um Rückruf. Eigentlich hatte sie keine Zeit, um den Patienten zu trauern, der ihr in den letzten Monaten ans Herz gewachsen war, doch das Herz war ihr schwer, und sie brauchte einen Moment …

Eine Träne tropfte ihr auf die Hand, und Ellie wischte sie weg. Im nächsten Augenblick hörte sie, wie die Tür geöffnet wurde, und wandte sich im selben Moment um, als Nick schon die Arme um sie legte.

„Tut mir leid, dass ich ihn nicht retten konnte“, sagte er leise an ihrem Ohr.

Sie schüttelte den Kopf und löste sich ein wenig von ihm, plötzlich war sie verlegen. „Das muss es nicht. Er hat es so gewollt. Ich wünschte nur, ich hätte mehr tun können, um ihm zu helfen.“

Nick ließ sie los und wischte ihr sanft eine Träne von der Wange. „Du hast ihm seinen letzten Wunsch erfüllt, Ellie. Es ging schnell, und er hat sich nicht gequält. Ich glaube, er hat es geahnt.“

Ellie nickte. Dann atmete sie tief durch, putzte sich die Nase und rang sich ein Lächeln ab. „Wir dürfen uns nicht einmischen.“

„Nein“, bestätigte Nick lächelnd. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass es ihr gut ging, kehrte er zu seinen Patienten zurück.

„Tut mir leid, dass du gleich an deinem ersten Tag einen Patienten verloren hast. Alles in Ordnung?“

Nick blickte Ellie an, die ihn besorgt betrachtete. Nachdem er die Datei, an der er gerade arbeitete, geschlossen und den Laptop zugeklappt hatte, stand er auf. „Ja, Ellie. Das passiert. Menschen erreichen das Ende ihres Weges, und außerdem war er nicht mein Patient. Und was ist mit dir? Geht es dir gut?“

„Ja“, erwiderte sie wenig überzeugend.

„Du arbeitest heute Abend sehr lange.“

Nun schüttelte sie den Kopf. „Nein, montags habe ich immer Abendsprechstunde. Heute ist wirklich viel los, aber jetzt bin ich fertig. Schön, dass ich dich noch erwische. Ich habe mit Mr. Goldings Tochter gesprochen, und nachdem sie ihn gesehen und sich von ihm verabschiedet hatte, hat sie noch einmal angerufen und sich bei uns bedankt, dass wir uns um ihn gekümmert und ihn gehen lassen haben. Offenbar hatte er sie angerufen und ihr gesagt, ich würde alle möglichen unnötigen Untersuchungen mit ihm durchführen.“

„Weißt du, was er zu mir gesagt hat, als ich ihn auf dem Boden gefunden habe? Meine Güte, jetzt mache ich hier so viel Theater!

Mühsam schluckte sie, ihre Kehle war wie zugeschnürt. Dann lachte sie leise. „Das ist so typisch. Er war ein wahrer Gentleman.“ Ihr wehmütiges Lächeln wärmte ihn bis ins Innerste und weckte in ihm den Wunsch, Ellie wieder in den Armen zu halten.

„Musst du die Kinder abholen?“

„Nein. Meine Schwiegermutter Liz bringt sie und macht sie fürs Bett fertig.“

„Dann bringe ich dich nach Hause. Ich habe jetzt Feierabend.“

Nach kurzem Zögern nickte sie und lächelte müde. „Na gut. Aber nur bis zum Ende deiner Straße. Das restliche Stück gehe ich allein.“

„Weil du nicht willst, dass deine Schwiegermutter irgendwelche Schlüsse zieht?“

Nun lachte sie. „So ungefähr. Außerdem willst du dich nach diesem langen Tag bestimmt nicht den kleinen Monstern aussetzen. Wenn sie müde sind, können sie ziemlich nervig sein.“

Lächelnd schüttelte Nick den Kopf. Er machte sich keine Gedanken wegen der Kinder oder ihrer Schwiegermutter. „Keine Angst, ich muss sowieso mit dem Hund raus.“

Nun wirkte sie überrascht. „Ich wusste gar nicht, dass du einen Hund hast. Du sagtest ja, du hättest keine Verpflichtungen.“

Er lächelte schief. „Ich hatte auch keinen – bis gestern, als meine Eltern ihn vorbeigebracht haben. Er gehörte meinem Bruder.“

„Und wie kommt es, dass er jetzt bei dir ist?“

Nick wandte den Blick ab, damit sie den Ausdruck in seinen Augen nicht sah. „Mein Bruder ist letztes Jahr gestorben“, erwiderte er sachlich und spürte, wie sein Magen sich zusammenkrampfte.

„Oh, Nick, das tut mir so leid. Ich hatte ja keine Ahnung.“

Ihr mitfühlender Tonfall ging ihm durch und durch. Nachdem Nick sich seine Tasche umgehängt hatte, gingen sie die Treppen hinunter. „Woher hättest du das auch wissen sollen? Jedenfalls hat Rufus mich schon damals sozusagen adoptiert und mich meinen Eltern zufolge schmerzlich vermisst. Also habe ich sie gebeten, ihn mir zu bringen. Da sie gerade zu Besuch bei meiner Schwester in Kettering waren, sind sie gestern Nachmittag vorbeigekommen.“

Unten hielt er Ellie die Tür auf und ging dann neben ihr her.

„Und was ist Rufus für eine Rasse?“, erkundigte sie sich.

„Ein Cavalier King Charles Spaniel. Er ist ein süßer kleiner Kerl und sehr friedfertig. Er hat den größten Teil seines Lebens auf Samuels Bett verbracht und sich immer gemeldet, wenn Samuel einen Anfall hatte. Das war unglaublich hilfreich.“

„Dann ist er also ausgebildet?“

Nick schüttelte den Kopf. „Nein. Er war chronisch ungehorsam, aber er hat sehr an Sam gehangen und hat ihm sehr gutgetan. Selbst als Sam uns nicht mehr erkannt hat, hat er ihn noch erkannt.“

„Der arme Hund. Es muss schlimm für ihn gewesen sein, als dein Bruder gestorben ist.“

Er schluckte und atmete tief durch. „Ja“, erwiderte er nur, weil er nicht mehr sagen konnte. Wie konnte es nach über einem Jahr immer noch derart wehtun?

„Welche Krankheit hatte dein Bruder denn?“

Nick zuckte die Schultern. „Das hat man nie festgestellt. Er war von Geburt an krank und in vielerlei Hinsicht stark beeinträchtigt. Achtunddreißig Jahre lang hat sich das Leben meiner Eltern nur um ihm gedreht.“ Und seins auch, aber das war eine andere Geschichte.

Wieder war ihm die Kehle wie zugeschnürt, und es wurde nicht besser, als Ellie ihn leicht am Arm berührte.

„Es tut mir so leid.“

Er nickte und ging weiter. Am Ende seiner Straße blieb er stehen und lächelte sie an. „So, hier muss ich abbiegen. Ich schätze, du findest den Weg allein?“

Ellie verdrehte die Augen. Dann neigte sie den Kopf zur Seite und betrachtete ihn forschend. „Alles in Ordnung?“

„Ja, natürlich. Warum nicht?“

Ihr liebevolles Lächeln ließ ihn fast die Beherrschung verlieren. „Weil du traurig bist?“

Das war er auch. Und er fühlte sich schuldig, weil er in gewisser Weise auch erleichtert gewesen war, als Sam schließlich friedlich eingeschlafen war und eine große Last von seinen Schultern gefallen war.

Er rang sich ein Lächeln ab. „Es geht mir gut, Ellie. Sehen wir uns morgen?“

Sie nickte. „Ich arbeite montags, dienstags und freitags.“

„Ich setze Wasser auf“, versprach er, woraufhin sie sich lächelnd auf die Zehenspitzen stellte und ihn flüchtig auf die Wange küsste.

„Pass auf dich auf, Nick. Bis morgen.“

Als sie sich abwandte und ging, fühlte er sich seltsam … allein. Sobald sie außer Sichtweite war, ging er zu seinem Haus und schloss auf, um Rufus zu suchen.

Der kleine Hund lag zusammengerollt in seinem Bett im Flur neben den Kartons mit Samuels Besitztümern. Sofort hob er den Kopf und wedelte mit dem Schwanz, die Augen so riesig und traurig wie eh und je.

„Hallo, Kleiner“, begrüßte Nick ihn sanft. Als er sich vor ihn kniete, sprang Rufus winselnd an ihm hoch und leckte ihm das Gesicht. „Tut mir leid, Kumpel. Ich bin ein ziemlich schlechter Ersatz, nicht?“

Er streichelte ihn noch einmal und ging dann in die Küche. „Komm fressen, dann gehen wir Gassi und gucken anschließend, ob es etwas Nettes im Fernsehen gibt, ja?“

Rufus folgte ihm schwanzwedelnd, ohne ihn aus den Augen zu lassen.

3. KAPITEL

Am nächsten Morgen stellte Ellie lächelnd fest, dass Nick sein Versprechen gehalten und Wasser für sie aufgesetzt hatte. Als sie ihm auf der Treppe begegnete, fragte sie ihn, ob es ihm gut ginge.

„Klar. Warum sollte es mir nicht gut gehen?“, fragte er.

Doch sie wollte ihn nicht auf seinen Bruder ansprechen, schon gar nicht bei der Arbeit. Also sagte sie nur „Prima“ und ging weiter.

Im Laufe des Tages begegnete sie ihm nur noch einmal im Flur. Doch allein das Bewusstsein, dass er sich im Gebäude aufhielt, weckte eine prickelnde Vorfreude in ihr, weil sie ihm jederzeit begegnen konnte. Das war natürlich lächerlich, weil Nick nur ein Kollege war. Und wenn sie es sich nur oft genug sagte, würde sie es vielleicht auch begreifen.

Den Mittwoch verbrachte Ellie mit ihren Kindern und spielte mit ihnen im Garten, am Donnerstag wollten die drei mit Eimern und Schaufeln an den Strand. Sie hatte versucht, nicht an Nick zu denken, doch als sie an seinem Haus vorbeigingen, tat sie es doch.

Als sie gerade die Treppe zum Strand erreichten, begann es zu regnen, und sie kehrten zurück und fuhren stattdessen zu einer Spielscheune. Zwischendurch ermahnte Ellie sich immer wieder, dass sie nicht so besessen von Nick sein durfte.

Da es am Freitagmorgen immer noch regnete, fuhr Ellie mit dem Auto und brachte auf dem Weg zum Kindergarten die Taschen zu Liz und Steven, weil David die drei am Wochenende hatte. Als sie auf den Parkplatz fuhr, stand sein Wagen nicht dort, also war er vermutlich zu Fuß gekommen. Er war immer vor ihr in der Praxis. Im Aufenthaltsraum war noch heißes Wasser im Kocher, aber Nick war nirgends zu sehen. Sie war ein wenig enttäuscht. Wie albern. Ellie machte sich einen Kaffee, bevor sie nach unten ging. Nachdem sie den Papierkram erledigt hatte, begann sie mit der Sprechstunde und sah Nick erst am Ende ihrer Mittagspause wieder auf der Treppe.

„Versteckst du dich vor mir?“, scherzte sie.

Lächelnd blieb er stehen. „Nein, warum sollte ich? Ich hatte sogar gehofft, dich zu sehen. An diesem Wochenende bist du doch kinderlos, stimmt’s?“

Ellie nickte, irritiert, weil er fragte. „Warum?“

„Hättest du Lust, mein erster Gast zu sein? Das heißt, falls du nichts Besseres zu tun hast.“

Sie versuchte, sich ihre Freude nicht anmerken zu lassen. „Mal überlegen. Ich muss die Wäsche machen, das Haus von oben bis unten putzen, im Garten Unkraut jäten …“

„Ist das ein Nein?“

„Absolut nicht.“ Nun lächelte sie. „Wann denn?“

„Ich richte mich nach dir. Heute oder morgen zum Abend- oder morgen oder Sonntag zum Mittagessen.“

„Heute Abend wäre nett, aber das ist vielleicht etwas kurzfristig? Es sei denn, du wolltest Essen holen.“

„Heute Abend passt es mir sehr gut.“

„Kannst du kochen?“

Nick lachte. „Was ist, wenn ich Nein sage?“

„Dann esse ich vorher zu Hause“, konterte Ellie ebenfalls lachend.

„Musst du nicht, ich kann kochen. Muss ich irgendetwas beachten?“ Als sie den Kopf schüttelte, lächelte er freudig. „Das ist gut, denn ich habe schon etwas vorbereitet. Also, um halb acht?“

Vorfreude wallte in ihr auf. „Das klingt gut. Kann ich noch etwas mitbringen?“

„Nein, nur Hunger.“

Er war nervös.

Aber warum? Schließlich war es kein Rendezvous. Er hatte nur eine Kollegin zum Essen eingeladen, zu einer Art Einweihungsfeier, und würde außerdem nicht aufwendig kochen.

Da der Eingangsbereich ins Esszimmer überging, musste er erst den Tisch freiräumen. Also trug Nick die Kartons, die darauf standen, in die Schlafzimmer und brachte Sams Habseligkeiten nach kurzem Zögern ebenfalls dorthin. Damit Rufus nicht unruhig wurde, förderte er Sams alte Decke zutage und legte sie ihm in sein Bett.

Nun war alles aufgeräumt, und nachdem die Lieferung eingetroffen war, schaltete er den Backofen ein und begann, den Lachs vorzubereiten. Wenn Ellie kam, würde er diesen in den Backofen stellen. Salat und Reis waren nun ebenfalls fertig, der Schokoladenpudding ausgepackt und der Wein gekühlt.

Er öffnete die Tür, sobald Ellie die Veranda betrat, lächelnd und eine Topfpflanze in der Hand haltend.

„Alles Gute zum Einzug“, sagte sie.

Ebenfalls lächelnd nahm er die Pflanze entgegen und küsste sie auf die Wange, wobei er das seltsame Gefühl in seinem Herzen zu ignorieren versuchte. Als er die Pflanze abstellte, hockte Ellie schon auf dem Boden und kraulte Rufus, der sich auf den Rücken gedreht hatte.

„Der ist wirklich süß“, sagte sie.

„Ja, das ist er. Und normalerweise ist er eher schüchtern, wahrscheinlich weil er so behütet gelebt hat.“

„Momentan macht er jedenfalls keinen schüchternen Eindruck.“ Lachend stand sie auf und blickte sich anschließend neugierig um. „Wohin führen die Stufen?“

„Ins Wohnzimmer. Holen wir uns einen Drink, und setzen wir uns. Von dort hat man einen schönen Ausblick auf den Garten, und es ist ja noch hell. Oder soll ich dir erst das Haus zeigen?“

Sie lachte, woraufhin er wieder jenes alberne Gefühl verspürte. „Oh ja. Ich bin schrecklich neugierig. Auf dem Weg zum Strand bin ich so oft hier vorbeigekommen, und ich wollte schon immer mal wissen, wie es drinnen aussieht.“

„Dann nehmen wir die Drinks einfach mit. Es dauert ja nicht lange, und wahrscheinlich bist du enttäuscht.“ Auf dem Weg in die Küche sah Nick sich noch einmal zu ihr um. „Weißwein oder lieber etwas anderes?“

„Gern Weißwein, danke. Wow, die Küche ist ja ziemlich geräumig!“

„Hier ist alles geräumig. Es gibt vier Schlafzimmer, also wenn meine Schwestern Urlaub am Meer machen möchten, kann ich sie und ihre Familien hier unterbringen. Komm, ich zeige dir zuerst den Flügel mit den Schlafzimmern.“

„Flügel? Das klingt ja sehr nobel.“

Wieder lachte Nick. „Nein, das Haus ist einfach, aber das passt zu mir. Ich bin ein einfacher Mann.“

Nick ist alles andere als einfach, dachte Ellie und folgte ihm. Ein alleinstehender Mann ohne Verpflichtungen, der ein großes Haus gekauft hatte, damit seine Schwestern mit ihren Familien bei ihm Urlaub machen konnten? Ein Hund, der seinem verstorbenen Bruder gehört und den er nun zu sich genommen hatte? Und trotzdem hatte er seine Familie verlassen, um nach Yoxburgh zu ziehen. Warum?

Nick führte sie den schmalen Flur entlang nach hinten und öffnete dabei die Türen zu den verschiedenen Räumen. „Die Schlafzimmer sind alle hier und liegen zum Garten hinaus, die Bäder und der Hauswirtschaftsraum zur Straße hinaus. Es ist nicht schick, aber praktisch.“

„Das glaube ich.“ Ellie warf einen Blick in das erste Schlafzimmer, das lang und schmal war und auf der gegenüberliegenden Seite ein Fenster hatte. „Du hast eine Menge Kartons.“

Er betrachtete die Kartons und nickte. „Stimmt. Seit Rachel gegangen ist und wir das Haus verkauft haben, steckt mein ganzes Leben in Kartons.“

„Rachel ist deine Frau?“

„Meine Exfrau, ja. Sie ist … gegangen.“ Wie David … „Und da meine Eltern nicht wussten, was sie mit Samuels Sachen machen sollten, habe ich sie genommen. Ich weiß auch nicht, was ich damit machen soll, aber ich konnte sie nicht wegwerfen und habe ja genug Platz. Irgendwann werde ich wohl mal aussortieren.“

Ellie drehte sich zu ihm um und betrachtete ihn forschend, ja, besorgt, und schnell wandte Nick den Blick ab.

„Du denkst viel an ihn, stimmt’s?“, fragte sie sanft, doch er lachte nur auf, bevor er die Besichtigungstour fortsetzte.

Die nächsten beiden Schlafzimmer waren genauso geschnitten wie das erste, und schließlich öffnete er die letzte Tür und trat zur Seite.

„Das ist mein Schlafzimmer. Es ist größer als die anderen, wie du siehst, und hat außerdem ein Ankleidezimmer, ein eigenes Bad und eine Tür zum Garten.“

Sie betrachtete die schlichten Möbel, die makellos weiße Bettwäsche und seufzte. „Oh, ich bin ganz neidisch, weil du hier so viel Platz hast.“ Als sie sich zu ihm umdrehte, glaubte sie, einen schuldbewussten Ausdruck in seinen Augen aufflackern zu sehen.

Warum, in aller Welt, sollte Nick sich schuldig fühlen?

„Genug gesehen?“ Nick wandte sich ab und kehrte zurück, weil er das Haus plötzlich mit ihren Augen gesehen hatte. Er wünschte, er hätte es Ellie nicht gezeigt, denn anders als ihres wäre es ideal für sie und die Kinder, und sie hatte so große Pläne gehabt, bis ihr Ehemann sie verlassen hatte.

Er überlegte, was der Grund dafür gewesen war, mochte sie allerdings nicht fragen, zumal sie ihm dann vermutlich auch persönliche Fragen stellen würde, die er nicht beantworten wollte.

„Komm mit in die Küche, ich stelle den Fisch in den Backofen. Magst du Teriyakilachs mit Reis?“

„Nein, das klingt schrecklich“, erwiderte sie, doch ihre Augen funkelten.

Nick unterdrückte ein Lachen. In der Küche stellte er die Auflaufform in den Backofen und schenkte ihnen Wein ein. Anschließend führte er Ellie ins Wohnzimmer.

„Das ist ja ein schönes Zimmer!“, sagte sie begeistert. „Es ist so hell. Und was für ein fantastischer Sonnenuntergang!“

„Ich weiß. Ich könnte den ganzen Tag hier sitzen und den Himmel betrachten.“ Er nahm eine Schale mit Studentenfutter aus dem Regal und hielt sie ihr hin. „Wir müssen nur aufpassen, dass Rufus nicht drankommt, Rosinen können für Hunde tödlich sein.“

„Klaut er etwa Essen?“

Er ließ den Blick zu Rufus schweifen, der zu ihren Füßen saß und sie hoffnungsvoll ansah. „Was glaubst du denn?“

Das Essen war auf den Punkt gegart und ebenso einfach wie köstlich.

Ihr Gastgeber war entgegen seiner Behauptung alles andere als ein einfacher Mann. Während des Essens hatte sie ihn von seiner anderen Seite kennengelernt. Der Ausdruck in seinen Augen verriet die unterschiedlichsten Gefühle, und sie hatte keine Ahnung, wer oder was ihn am meisten verletzt hatte. Doch der Tod seines Bruders musste ihm sehr zugesetzt haben.

War es die Schuld des Überlebenden? Vielleicht. Vielleicht aber auch einfach nur Trauer.

Inzwischen saßen sie wieder im Wohnzimmer. Ellie hatte es sich in der Ecke eines Sofas gemütlich gemacht und die Beine angezogen, Nick saß auf dem anderen, das im rechten Winkel dazu stand. Sie wandte den Kopf und sah ihm im Schein der Stehlampe in die Augen.

„Erzähl mir von deinem Bruder“, sagte sie sanft.

Prompt erstarrte er und wandte den Blick ab. „Was willst du wissen?“

„Was für ein Mensch er war. Was er alles konnte und worin deine Rolle bestand.“

Nun sah er ihr wieder in die Augen. „Meine Rolle?“

Sie nickte. „Alle Familien mit behinderten Kindern haben andere Prioritäten. Ich schätze, das hast du auch ziemlich schnell festgestellt.“

Für einen Moment flackerten unverhohlener Schmerz und Bedauern in seinen Augen auf, bevor Nick erneut wegsah. „Ja, das könnte man so sagen. Meine Rolle …“ Er zuckte die Schultern. „Ich war sein Bruder. Seine Krankheit hat mich enorm belastet, aber er war auch mein Fels in der Brandung. Jemand, der mir zugehört und mich bedingungslos geliebt hat.“

„Konnte er kommunizieren?“

„Oh ja. Ich konnte ihn verstehen, und wir hatten viel Spaß, bevor er zu krank wurde. Als wir Kinder waren, war es fast normal für mich, aber als ich zwölf und er elf war, wurde meine Mutter ungeplant mit Zwillingen schwanger. Und dann hat sich alles verändert.“

„Alles?“

Er nickte. „Mein Vater hat seinen Job aufgegeben und von zu Hause aus gearbeitet, um meine Mutter unterstützen zu können. So wurde Sams Pflege immer mehr zu meiner Aufgabe. Wir sind beide noch zur Schule gegangen, Sam war auf einer Schule für behinderte Kinder. Er wurde abgeholt und gebracht, aber abends, an den Wochenenden und in den Ferien habe ich immer mehr Zeit mit ihm verbracht, damit Mum sich um die Zwillinge kümmern und Dad arbeiten konnte. Und wir sind nicht mehr ausgegangen, weil Sam immer schwerer wurde und es mit seinem Spezialrollstuhl sehr umständlich war, mit vier Kindern loszufahren. Wir hatten nicht einmal ein Auto, in das wir alle hineinpassten.“

„Das ganze Familienleben hat sich also um deinen Bruder gedreht und zu Hause abgespielt?“

Wieder nickte er. „Absolut. Und da mein Vater den Lebensunterhalt verdienen musste, fiel es mir zu, mich um die Mädchen oder Samuel zu kümmern, damit Mum die ganze Hausarbeit erledigen konnte. Ich war damals fast siebzehn und wollte mein eigenes Leben leben, und die Mädchen waren fünf und wollten den typischen Mädchenkram machen, den ich gehasst habe. Also habe ich mein Leben entweder in meinem Zimmer mit den Hausaufgaben oder mit Lernen verbracht oder im Garten oder auf dem Spielplatz mit den Mädchen. Und dann musste ich mir von denen noch anhören, dass ich ihnen nichts vorzuschreiben hätte, weil ich nicht ihr Daddy wäre. Also habe ich irgendwann beschlossen, dass ich jetzt dran bin.“

Irgendetwas an seinem Tonfall ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. „Dass du dran bist?“

Nick schluckte. „Ja. Aus irgendeinem Grund hielt ich es für eine gute Idee, mit dem Fahrrad vom Garagendach zu fahren.“

Erschrocken riss Ellie die Augen auf. „Was? Wie? Warum?“

Nun lachte er gequält. „Um Aufmerksamkeit zu erregen? Ich wusste, dass ich mich verletzen würde, aber das war mir egal. Es war in den Sommerferien, ich wollte mich nicht mehr ausnutzen lassen. Unser Garten war abschüssig, und die Garage war in den Abhang gebaut. Also habe ich sie praktisch als Schanze benutzt und bin runtergefahren und ein Stück geflogen.“ Dann lächelte er schief und aß eins von den Pfefferminzplättchen, die er auf den Couchtisch gestellt hatte. „Dass es kein gutes Ende nahm, muss ich wohl nicht sagen.“

Ihr war übel geworden. „Was ist passiert?“

„Bei dem Aufprall ist das linke Pedal gebrochen. Ich habe mir den Knöchel und das Becken mehrfach gebrochen.“ Nach einer Pause fügte er ironisch lächelnd hinzu: „Außerdem gab es eine Art Kollateralschaden.“

„Inwiefern?“, hakte Ellie erstaunt nach.

Sein Lächeln verriet unendlichen Schmerz. „Sagen wir, deshalb haben Rachel und ich nie Kinder bekommen – na ja, es war einer der Gründe.“

Du meine Güte! „Hast du das Bewusstsein verloren?“

Wieder lachte Nick humorlos und schüttelte den Kopf. „Leider nicht, jedenfalls nicht, bis der Rettungswagen eintraf und der Arzt den Fuß gerichtet hat. Das war nicht lustig. Alles war nicht lustig, und meine Eltern waren entsetzt, meine Schwestern in Tränen aufgelöst, und ich habe Samuel rufen hören, weil er gemerkt hatte, dass etwas passiert war. Na, wenigstens war es mir gelungen, ihre Aufmerksamkeit zu erregen.“

„Und hat es dir geholfen?“

„Nein, natürlich nicht. Irgendwann vielleicht schon. Ich konnte zumindest besser nachvollziehen, was Samuel jeden Tag durchgemacht hat. Für einen Teenager gibt es bestimmt nichts Schlimmeres, als wenn jemand einem den … Inzwischen schätze ich Unabhängigkeit bei der Körperpflege hoch ein.“

„Darauf wette ich. Du Armer!“

„Ich Armer? Es war idiotisch von mir, und ich habe bekommen, was ich verdient habe. Meine Eltern hatten es jedenfalls nicht verdient, und ich habe ihnen nur noch mehr Probleme gemacht. Neben meiner Wut hatte ich dann obendrein noch Schuldgefühle. Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus habe ich mich zusammengerissen, und sie haben etwas mehr Rücksicht auf mich genommen, wenn sie mich um Hilfe gebeten haben. Ich wiederum konnte auch mal Nein sagen. Für uns alle war es eine große Erleichterung.“

Ellie krauste die Stirn. „Das verstehe ich nicht.“

„Vorher habe ich mich nie beschwert. Ich habe immer getan, worum sie mich gebeten haben, und wurde immer wütender, bis ich damit nicht mehr klarkam.“

„Deshalb also der verrückte Stunt?“

„Genau deshalb. Mein Vater hat mich zu Recht als Idioten bezeichnet. Ich werde immer mit den Folgen leben müssen. So ist es nun mal mit selbst zugefügten Verletzungen. Man wird bis an sein Lebensende daran erinnert, dass man ein Idiot war. Ich weiß, es war meine Schuld, ich habe es akzeptiert und mich mit den Konsequenzen abgefunden.“

Noch immer war sie nicht überzeugt. „Wie lange warst du damals im Krankenhaus? Die Verletzungen müssen ja ziemlich schlimm gewesen sein.“

„Wochen. Wie lange, weiß ich nicht mehr genau, aber nach den Ferien habe ich eine ganze Weile in der Schule gefehlt. Ich hatte genug Zeit, um mich selbst zu bemitleiden, während ich einige Operationen in den intimsten Regionen über mich ergehen lassen musste“, fügte Nick verlegen lachend hinzu.

„Du musst einen guten Chirurgen gehabt haben“, bemerkte sie, was er mit einem Nicken quittierte.

„Einen hervorragenden sogar, aber auch er konnte nicht alles retten. Man könnte sagen, ich habe das Prinzip der Selbsterhaltung auf die harte Tour gelernt.“

Ellie konnte ihn sich sehr gut als älteren Teenager vorstellen, der Wochen, ja, Monate in der Reha verbracht und sich mit der Vorstellung auseinandergesetzt hatte, dass sein Leben sich nur wegen eines idiotischen Stunts für immer verändert hatte. „Das ist wirklich eine harte Lektion.“ Sie beobachtete, wie er ernst wurde.

„Das war es, aber es hätte auch noch viel schlimmer kommen können. Durch meinen damaligen Chirurgen bin ich überhaupt auf die Idee gekommen, Medizin zu studieren. Eine Zeitlang habe ich überlegt, Urologe zu werden.“

„Und dann hast du dich für Allgemeinmedizin entschieden.“

„Ja, weil es breiter gefächert ist und man bessere Berufschancen hat. Außerdem war ich es meinen Eltern und Samuel schuldig, für ihn da zu sein. Und es geht mir gut. Na ja, abgesehen davon, dass ich keine Kinder habe, aber damit habe ich mich abgefunden. Ich dachte, Rachel hätte es auch, aber sie hat mich verlassen, als Samuels Zustand sich verschlechtert hat und ich immer öfter zu Hause einspringen musste. Sie hatte jemand anders kennengelernt.“

„Sie hat dich verlassen, als du ihre Unterstützung am meisten brauchtest? Das ist ja furchtbar, Nick!“

„So etwas kommt vor. Dein Mann hat dich verlassen, als du schwanger warst.“

„Stimmt. Aber wir wollen jetzt nicht über ihn reden.“ Ellie nahm sich auch ein Pfefferminzplättchen. „Und, hat Rachel mit diesem neuen Mann Kinder bekommen?“

„Ja. Sie war schon schwanger, als sie mich verlassen hat, und das Kind konnte unmöglich von mir sein, denn wir hatten es nicht mit künstlicher Befruchtung probiert.“

„Das ist also immer noch eine Option?“

„Ja, hätten wir wirklich Kinder gewollt, hätte man versuchen können, aus dem verbleibenden gesunden Gewebe Spermien zu entnehmen. Sie wollte aber auf keinen Fall Hormone spritzen, weil eine Freundin von ihr damit schlechte Erfahrungen gemacht hatte.“

„Und das ist die einzige Möglichkeit?“

„Allerdings. Die Samenleiter waren völlig zerstört. Ich schieße also mit Platzpatronen.“

Sie musste seine Worte erst einmal verstehen. „Alles andere funktioniert also noch?“, fragte sie dann, ohne nachzudenken, und spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. „Ich fasse es nicht, dass ich das gesagt habe. Es tut mir leid …“

Seine Augen funkelten, und Nick schüttelte langsam den Kopf. „Das muss es nicht. Allein dein Gesicht ist es schon wert. Und ja, alles andere funktioniert noch, danke für die Besorgnis“, fügte er lächelnd hinzu.

„Dann hast du entweder sehr viel Glück gehabt – oder der Chirurg war brillant. Das ist wirklich erstaunlich.“

„Das ist es. Möchtest du dich selbst vergewissern?“

Erschrocken erwiderte sie seinen Blick, und für einen atemlosen Moment sagte keiner von ihnen etwas. Schließlich lächelte Nick wieder und lehnte sich zurück, nachdem er sich ein weiteres Pfefferminzplättchen genommen hatte.

„Ich glaube, ich verzichte, wenn das okay ist“, konterte sie lächelnd, doch ihr Herz klopfte schneller, denn sie begehrte ihn wie noch nie einen anderen Mann zuvor.

Warum hatte er das gesagt?

Zwischen ihnen war alles so gut gelaufen, und dann hatte er es vermasselt.

Es war wieder diese seltsame Sache mit seinem Herzen, und obwohl er nur Spaß gemacht hatte, war es nicht witzig gewesen. Nicht, dass er von Ellie ein Ja erwartet hatte, aber er hätte ihr keinen Korb gegeben. Wahrscheinlich hatte er sie nun völlig verschreckt.

Nick schwang die Beine vom Sofa und stand auf. „Ich komme sicher darüber hinweg. Möchtest du noch einen Kaffee?“

Sie schüttelte den Kopf und erhob sich ebenfalls, noch immer sichtlich verlegen. „Nein, ich … Ich gehe jetzt lieber. Ich habe noch eine Menge zu tun.“

„An einem Freitagabend um elf?“

Nun blickte sie auf die Uhr, vermutlich aus Verlegenheit, bevor sie ihn wieder ansah. „Nick, ich …“ Nachdem sie tief durchgeatmet hatte, ging sie an ihm vorbei die Stufen hinunter und blieb an der Tür stehen. „Ich muss los.“

Nick folgte ihr und blieb eine Armeslänge entfernt von ihr stehen. Ihre Augen verrieten die unterschiedlichsten Gefühle, aber keine Ablehnung.

„Das musst du nicht, Ellie, nicht wenn du es nicht willst. Ich wollte dich nicht anbaggern. Aber ich würde mich sehr freuen, wenn du bleibst. Wirklich.“

Einen Moment lang sahen sie sich in die Augen. Schließlich machte Ellie einen kleinen Schritt auf ihn zu, dann noch einen.

„Das ist keine gute Idee“, sagte sie leise.

„Nein, wahrscheinlich nicht.“ Nick hob die Hand und strich ihr mit den Fingern über die Wange, dann streichelte er sanft mit dem Daumen über ihre Lippen. Sie befeuchtete sie mit der Zunge, und ihm stockte der Atem.

„Bleib bei mir, Ellie“, bat er, woraufhin sie sich leise seufzend an ihn schmiegte.

4. KAPITEL

Sanft umfasste Nick mit seinen starken Händen ihr Gesicht und neigte den Kopf. Seine Lippen waren warm und weich.

So zärtlich seine Berührungen waren, so intensiv wirkten sie auf sie. Ellie spürte seine Fingerspitzen an den Wangen, die Hitze seiner Zunge, als er ihre Lippen liebkoste. Als sie sie öffnete und er ihre Zunge ebenso vorsichtig wie verführerisch zu umspielen begann, schmeckte sie Kaffee und Schokolade mit einem Hauch von Pfefferminz. Wie aus weiter Ferne hörte sie sich seufzen, daraufhin ließ er ihr Gesicht los und zog sie stöhnend an sich.

„Du fühlst dich so gut an“, flüsterte er. Mit den Hüften drängte er sich ihr entgegen, während er mit einer Hand ihre Brust umfasste und sie mit der anderen enger an sich zog, sodass sie seine Erregung spürte.

„Okay, du hast die Wahrheit gesagt“, sagte sie atemlos, um die Spannung zu entschärfen.

Er lachte leise. „Ich glaube, das musst du genauer erforschen.“

„Unbedingt, aber hier an der Glastür und im Licht ist es vielleicht etwas ungünstig“, sagte sie.

Wieder lachte er, bevor er sie ein Stück von sich weghielt, nun ernst und einen intensiven Ausdruck in den Augen.

„Komm ins Bett“, sagte er leise, und als sie nickte, nahm er ihre Hand und führte sie den Flur entlang zu seinem Schlafzimmer. Nachdem er die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, schlug er die Decke zurück, schaltete allerdings nicht das Licht ein. Das brauchte er auch nicht, denn der Mond schien ins Zimmer und erhellte sein Gesicht.

Nick nahm ihre Hand und führte sie zum Bett, wo er erneut sanft und mit leicht zittrigen Händen ihr Gesicht umfasste. „Ich will dich so sehr“, gestand er leise. „Schon seit du mich am ersten Tag abgekanzelt hast, wollte ich dich berühren und in den Armen halten.“

„Ich habe keine Ahnung, warum, ich war schrecklich unhöflich.“ Wieder schämte sie sich für ihr Verhalten, doch er lächelte nur, und seine Augen funkelten.

„Stimmt, aber du warst wahnsinnig schön dabei.“ Zärtlich ließ er die Finger über ihre Wange und tiefer bis zum Saum ihres Tops und darunter gleiten.

Ellie atmete scharf ein, während sie den Bauch einzog, und beobachtete, wie er daraufhin die Stirn runzelte.

„Warum tust du das? Entspann dich. Du bist schön, Ellie.“

„Mein Bauch ist schlaff.“

„Nein. Du hast drei Kinder zur Welt gebracht. Du kannst stolz auf deinen Körper sein und auf das, was du geleistet hast. Es ist so ein großes Geschenk. Du darfst dich niemals schämen.“

Und mit diesen Worten nahm er ihr all ihre Ängste, dass er sie vielleicht nicht mehr begehren könnte, sobald er sie nackt sah.

Autor

Annie Claydon

Annie Claydon wurde mit einer großen Leidenschaft für das Lesen gesegnet, in ihrer Kindheit verbrachte sie viel Zeit hinter Buchdeckeln. Später machte sie ihren Abschluss in Englischer Literatur und gab sich danach vorerst vollständig ihrer Liebe zu romantischen Geschichten hin. Sie las nicht länger bloß, sondern verbrachte einen langen und...

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Caroline Anderson

Caroline Anderson ist eine bekannte britische Autorin, die über 80 Romane bei Mills & Boon veröffentlicht hat. Ihre Vorliebe dabei sind Arztromane. Ihr Geburtsdatum ist unbekannt und sie lebte die meiste Zeit ihres Lebens in Suffolk, England.

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Janice Lynn

Janice Lynn hat einen Master in Krankenpflege von der Vanderbilt Universität und arbeitet in einer Familienpraxis. Sie lebt mit ihrem Ehemann, ihren 4 Kindern, einem Jack-Russell-Terrier und jeder Menge namenloser Wollmäuse zusammen, die von Anbeginn ihrer Autorenkarriere bei ihr eingezogen sind.

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