Julia Best of Band 198

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IM TAL DER TRÄUME
von MATHER, ANNE

  • Erscheinungstag 16.03.2018
  • Bandnummer 0198
  • ISBN / Artikelnummer 9783733710651
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Anne Mather

JULIA BEST OF BAND 198

1. KAPITEL

Grace trat auf den Balkon des Apartments. Das erste Mal seit ihrer Ankunft ließ sie in Ruhe den Blick über die Bucht und das blaue Meer schweifen. Sie bebte leicht, aber nicht wegen der frischen Morgenluft, sondern vor Aufregung und Freude. Endlich war sie hier, in Italien, und würde zwei ganze Wochen lang an nichts anderes denken müssen als daran, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollte.

Unterhalb der Villa Modena, eines alten Apartmenthauses mit nostalgischem Charme, breitete sich der Ort über einem steil abfallenden Bergrücken in mehreren Terrassen bis zum Hafen aus. Portofalco war weder der bekannteste noch der mondänste Badeort der Ligurischen Küste, aber er war einer der malerischsten. Julia hatte ihr erzählt, dass auch viele der Reichen Jahr für Jahr hierher kamen.

Und Julia sollte es wissen, sagte sich Grace und stützte die Ellenbogen auf das schmiedeeiserne Balkongeländer. Es fühlte sich glatt und kühl an, denn noch lag dieser Teil der Villa Modena im Schatten. Später würde es hier bestimmt sehr heiß werden, aber dann konnte sie die hölzernen Fensterläden schließen.

Grace fragte sich, wann Julia wohl aus Valle di Falco zurückkehren würde. Ihre Freundin, der das Apartment gehörte, arbeitete in einem der großen Hotels direkt an der Küste. Julia war übers Wochenende verreist und wollte erst am nächsten Tag zurückkommen. Grace fand das in Ordnung, denn es war abgesprochen gewesen, dass Julia sie zwar bei sich aufnehmen, nicht jedoch die Rolle der Gastgeberin spielen würde.

Die beiden Frauen kannten sich schon seit ihrer gemeinsamen Studienzeit. Vor zwei Jahren war Julia nach Italien gezogen. Seitdem hatten sich die beiden kaum gesehen, waren jedoch immer in Kontakt geblieben. Es war eine unkomplizierte Freundschaft, der die Zeit nichts anhaben konnte. Gerade deshalb hatte sich Grace auch so über Julias Einladung gefreut.

Grace wollte einfach nur abschalten und sich erholen, da eine schwere Lungenentzündung sie endlich zu der Einsicht gebracht hatte, dass sie Raubbau mit ihrer Gesundheit getrieben hatte. Zwei Jobs und die Pflege ihrer schwer kranken Mutter waren einfach zu viel für sie gewesen.

Im Nachhinein fragte sie sich, wieso sie nicht gleich gesehen hatte, dass es niemals gut gehen konnte, wenn sie sich so übernahm. Aber damals hatte sie gedacht, sie hätte keine andere Wahl. Sie war im Gegensatz zu ihren beiden Schwestern unverheiratet, und so schien es einfach nur natürlich, dass es ihre Aufgabe war, sich um die Mutter zu kümmern. Ohne zu klagen, hatte Grace ihre Wohnung in London aufgegeben und war wieder zurück in ihr Elternhaus nach Brighton gezogen.

Und damit hatte der Stress begonnen. Jeden Tag musste sie pendeln und hatte obendrein einen Job an der Bar des örtlichen Pubs angenommen, um ihr Einkommen aufzubessern. Was als eine harmlose Erkältung begonnen hatte, hatte mit einer schweren Lungenentzündung geendet.

Im Krankenhaus war ihr dann klar geworden, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie war einfach überfordert, nur mit einer Tagespflegerin für ihre Mutter zu sorgen. Durch Vermittlung ihres Arztes hatten sich ihre beiden jüngeren Schwestern schließlich bereit erklärt, gemeinsam ihre Mutter zu betreuen. Doch Grace war sich sicher, dass dies nur eine Notlösung war, denn beide hatten Familie.

Aber in ein Heim stecken wollte Grace ihre Mutter auf keinen Fall. Sie litt an einer schweren Arthritis, die begonnen hatte, als Grace ihre Doktorarbeit abgeschlossen und die Stelle im Museum bekommen hatte. Im Laufe der Jahre hatte sich die Krankheit derart verschlimmert, dass ihre Mutter sich schließlich nur noch im Rollstuhl bewegen konnte. Das war der Punkt gewesen, an dem Grace sich entschieden hatte, nach Hause zurückzuziehen.

Außerdem war Grace mittlerweile davon überzeugt, dass sie sowieso nicht heiraten würde. Das Los einer alten Jungfer schien ihr bestimmt zu sein, da sie anscheinend alle Männer entweder durch ihr Aussehen oder ihren Intellekt abschreckte. Sie war gut einen Meter achtzig groß und hatte ausgesprochen weibliche Rundungen, um die die meisten Frauen sie glühend beneideten. Grace jedoch fand sich alles andere als attraktiv. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass jemand ihre vollen Brüste und starken Hüften reizvoll fand. Auch ihre stark gelockten silberblonden Haare fand sie wenig attraktiv. Sie flocht sie stets zu einem Zopf, um einigermaßen seriös und ordentlich auszusehen.

Natürlich hatte sie nicht immer ein so negatives Selbstbild gehabt. An der Uni hatten sich ihre Kommilitonen geradezu darum gerissen, mit ihr ausgehen zu dürfen, und sie hatte davon geträumt, ja, sie war sich sicher gewesen, eines Tages den Mann ihres Lebens zu treffen und mit ihm glücklich zu werden.

Das hatte sich als Illusion erwiesen.

Grace war allmählich dahintergekommen, dass die meisten Männer nur eins wollten, nämlich mit ihr ins Bett gehen. Sie sahen in ihr ausschließlich die kurvenreiche blonde Sexbombe und nicht die kluge und etwas schüchterne Frau, die sie in Wirklichkeit war.

Schmerzliche Erfahrungen hatten Grace gelehrt, dass Frauen, die einen Partner fürs Leben fanden, anders aussahen als sie.

Natürlich war sie dann und wann noch mit Männern ausgegangen, aber mit der Zeit war es ihr einfach zu lästig geworden, ihnen immer wieder zu erklären, dass sie trotz ihres Aussehens etwas anderes als Sex wollte. Obendrein waren ihre Erfahrungen damit nicht die angenehmsten gewesen, und Grace sah einfach keinen Sinn darin, sich zu etwas zu zwingen, an dem ihr nichts lag.

Seit sie sich zu dieser Betrachtungsweise durchgerungen hatte, lebte sie viel angenehmer. So stand sie ruhig und gelassen auf dem Balkon und genoss die Aussicht, während ihr der Morgenwind das kurze Nachthemd um die Beine wehte. Sie war jetzt vierunddreißig, hatte keinerlei Hoffnung auf eine dauerhafte Beziehung und war mittlerweile der Überzeugung, dass sie auch gar keine wollte.

Grace seufzte zufrieden und freute sich, dass Julia ihr angeboten hatte, sich bei ihr zwei Wochen lang zu erholen. So hatte sie ohne große Kosten und die Unannehmlichkeiten eines Hotelaufenthalts die Gelegenheit, an einem schönen Flecken Erde in der Sonne zu faulenzen.

„Ich werde dir leider nicht viel Gesellschaft leisten können“, hatte Julia ihr am Telefon gesagt. „Für mich ist Hochsaison. Aber ich freue mich auf deinen Besuch, und du kannst bleiben, solange du möchtest. Portofalco ist ein hübscher Ort, und wenn es dir zu langweilig wird, kannst du dir immer noch ein Auto mieten.“

Und jetzt, am Morgen nach ihrer Ankunft, stand Grace auf dem Balkon und konnte sich an der herrlichen Bucht von Portofalco nicht sattsehen. Sie atmete tief ein und genoss den Duft der Rosen, die in dem kleinen, verwilderten Garten mit dem bemoosten Springbrunnen üppig wucherten.

Allmählich wurde es jedoch Zeit zum Duschen und Frühstücken, es war nämlich schon fast acht. Und ausgepackt hatte sie auch noch nicht, dazu war sie am vergangenen Abend zu müde gewesen.

Eine Viertelstunde später stand Grace in Shorts und einem luftigen Top vor dem Spiegel und flocht den üblichen Zopf. Sie war ärgerlich, dass sich einige Strähnen selbstständig machten und sich an ihren Schläfen kringelten. Grace fand das unordentlich. Der alte Hausmeister, der sie am Abend zuvor eingelassen und ihr den Schlüssel gegeben hatte, sah das anders. Er lächelte freundlich und blickte ihr bewundernd hinterher, als sie die enge Straße entlangging und nach der Bäckerei suchte, die Julia ihr beschrieben hatte.

Noch ehe sie den Laden sah, stieg ihr schon der Duft frisch gebackenen Brots in die Nase und ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Zum ersten Mal seit ihrer Krankheit hatte sie so richtig Appetit. Grace kaufte sich drei knusprige Brötchen, die noch warm waren, und konnte gar nicht schnell genug wieder in die Wohnung kommen, um sich einen starken Kaffee zu kochen.

Das Apartment hatte keinen Flur, man trat direkt ins Wohnzimmer. Die Schrankküche mit einer schmalen Frühstückstheke befand sich in der Ecke und war mit Grünpflanzen vom Wohnbereich abgetrennt. Grace goss sich den Kaffee in einen Keramikbecher, holte Butter aus dem Kühlschrank und setzte sich auf einen der beiden hohen Hocker, um ihr Mahl zu genießen.

Sie blätterte gerade in einer alten Ausgabe des Figaro, als es klopfte. Grace blickte auf. Wahrscheinlich Besuch für Julia. Hoffentlich keiner ihrer Verehrer, dachte sie und wischte sich mit der Serviette einen Krümel von den Lippen. Sie wusste nämlich, dass Julia das Wochenende mit einem Mann verbrachte, von dem sie überzeugt schien, er sei endlich der Richtige.

Grace schnitt ein Gesicht. Ihre Freundin war eine unverbesserliche Optimistin. Obwohl sie schon eine gescheiterte Ehe hinter sich hatte, war Julia der festen Überzeugung, dass es irgendwo einen Märchenprinzen gab, der nur auf sie wartete.

Es klopfte zum zweiten Mal. Grace schreckte aus ihren Gedanken hoch und stand hastig auf, um die Tür zu öffnen. Vielleicht war es ja der Hausmeister, der etwas von ihr wollte. Aber der Mann, der im Korridor wartete, war ein Fremder.

„Miss Horton?“, fragte er ohne jeglichen Akzent, obwohl er dem Aussehen nach eindeutig ein Italiener war.

Grace stand einem der wenigen Männer gegenüber, zu denen sie aufblicken musste. Er war um einiges größer als sie, muskulös, hatte dunkles Haar, sonnengebräunte Haut und machte einen sportlichen Eindruck. Er war einer der attraktivsten Männer, denen Grace je begegnet war, obwohl man ihn wirklich nicht als schön bezeichnen konnte.

Seine tief liegenden braunen Augen wurden von langen Wimpern beschattet, sodass ihr Ausdruck verborgen blieb. Die Wangenknochen traten stark hervor, und seine Gesichtszüge wirkten verschlossen und streng. Nur der humorvolle Zug um den Mund ließ ahnen, dass dieser Mensch auch andere Seiten hatte. Im Moment schien er sich über sie, Grace Horton, zu amüsieren, was sie unverschämt fand.

„Ja, bitte?“, antwortete sie kühl, obwohl ihr bewusst war, dass sie ihn länger gemustert hatte, als es mit gutem Benehmen zu vereinbaren war. Erst jetzt bemerkte sie den Koffer neben ihm. Gleichzeitig registrierte sie, dass der Fremde keine Socken in seinen ledernen Bootsschuhen trug. Wer mochte er wohl sein? Woher wusste er überhaupt ihren Namen?

Er hob den Koffer hoch. „Der ist für Julia“, sagte er, als Grace sich ihm in den Weg stellte. „Es ist ihrer“, erklärte er, als er Grace’ abweisende Haltung bemerkte. „Sie war gestern mein Gast, und ich habe mich angeboten, ihr Gepäck hier abzugeben.“

Grace sah ihn erstaunt an. „Sie sind also …“

„Matteo di Falco“, stellte er sich vor, kam herein und setzte den Koffer ab. „Julia ist heute Morgen Hals über Kopf aufgebrochen“, erklärte er. „Der Hotelchef rief an, und sie musste sofort für eine erkrankte Kollegin einspringen.“

Grace neigte den Kopf. „Vielen Dank.“

„Schöne Ferien, Miss Horton. Arrivederci!“ Damit drehte er sich um und ging die ausgetretene Marmortreppe hinunter, die vom zweiten Stock ins Erdgeschoss führte.

Langsam schloss Grace die Tür und kletterte wieder auf ihren Hocker. Sie trank einen Schluck Kaffee und stellte fest, dass ihr das Bild Matteo di Falcos immer noch vor Augen stand. Das also war Julias neueste Eroberung! Und sie, Grace, hatte ihn angestarrt, als hätte sie noch nie im Leben einen Mann gesehen!

Sie schob den Teller mit dem halb aufgegessenen Brötchen beiseite und stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte. Diesmal hatte Julia wirklich nicht übertrieben! Wie hatte sie diesen Matteo bezeichnet? Als einfach sensationell? Das war er in der Tat. Und wahrscheinlich ebenso unzuverlässig wie alle anderen auch.

Als Grace mit Aufräumen und Auspacken fertig war, war es schon Mittag. Da Julia nichts von sich hatte hören lassen, entschloss sich Grace, den Ort zu erkunden. Es war jetzt sehr viel wärmer, und die Sonne hatte die Steine derart aufgeheizt, dass auch im Schatten der Häuser keine Kühlung zu finden war. Grace kamen Zweifel, ob ein Stadtbummel zu dieser Zeit wirklich eine so gute Idee gewesen war. Aber da sie schon fast am Hafen war, wäre es dumm gewesen, wieder umzukehren.

Auch wirkten die vielen Tavernen sehr einladend. Obwohl überall reger Betrieb herrschte, fand Grace bald ein schattiges Plätzchen an einem Ecktisch. Sie bestellte sich einen Campari und blätterte in der Speisekarte.

Vom Meer her wehte eine frische Brise, und Grace war fasziniert von dem bunten Treiben, das im Hafen herrschte. Am Kai waren Fischerboote, Segeljachten der Luxusklasse und kleine Motorschiffe Seite an Seite vertäut. Am Ende eines Landungsstegs lag ein Wassertaxi abfahrbereit, um die Urlauber zu den benachbarten Stränden zu bringen. Alles wirkte wie eine zu Leben erwachte Seite aus einem Reiseprospekt.

Warum fühlte sich Grace dennoch so allein? Warum wünschte sie plötzlich doch, dass es einen Mann in ihrem Leben geben würde? Erst als der Ober erschien, wurde sie aus ihren trüben Gedanken gerissen.

„Ich hätte gern das Risotto“, sagte sie und deutete auf die Karte, falls er es nicht verstanden hatte.

„Okay, Signora.“

„Signora“ und nicht „Signorina“. Grace schnitt ein Gesicht. Sah sie schon so alt aus? Zweifellos war der Ober jünger als sie, mindestens zwölf Jahre, stellte sie fest, als sie ihm hinterherblickte. Er hob den Kopf und sah zu ihr hin, während er ihre Bestellung in die Kasse tippte.

Sofort wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Hafen zu, damit der Kellner nicht dachte, sie würde sich für ihn interessieren. Seit Langem schon fühlte sie sich durch die Aufmerksamkeit eines Mannes nicht mehr geschmeichelt, weil sie unlautere Motive dahinter vermutete. Als sie sich noch einmal nach ihm umsah, war er verschwunden. Trotzdem hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Fing sie jetzt schon an, unter Wahnvorstellungen zu leiden?

Eine männliche Stimme hinter ihr ließ sie zusammenzucken. „Welch unverhoffte Begegnung, Miss Horton.“ Matteo di Falco klang höflich, aber nicht gerade sehr erfreut. Kein Wunder, nachdem sie ihn derart kurz abgefertigt hatte.

„Hallo“, antwortete sie unsicher und drehte sich zu ihm um. Ein kurzer Blick genügte, und sie wusste, dass er allein gekommen war. Sie rang sich ein Lächeln ab. „Ich habe hier Schutz vor der Sonne gesucht.“ Grace atmete tief durch. „Sind Sie auch zum Essen hier, Signore?“

„Nein, ich komme von einer Besprechung mit einem Geschäftsfreund und habe Sie hier sitzen sehen – allein.“

Sie meinte, Mitleid aus seiner Stimme zu hören, und biss sich auf die Lippe. „Ich bin sehr gern allein“, sagte sie schnell.

„Das glaube ich Ihnen“, antwortete er gewandt. Obwohl kein ironischer Unterton in seiner Bemerkung mitschwang, stieg Grace die Röte ins Gesicht. Er musste sie für eine dumme Gans halten.

Er verbeugte sich mit ausdrucksloser Miene. „Ich wünsche Ihnen einen guten Appetit, Miss Horton. Sie haben eine gute Wahl getroffen. Das Essen hier ist ausgezeichnet.“

2. KAPITEL

Grace bereitete gerade eine bunte Gemüsepfanne zu, als Julia nach Hause kam.

Nach dem Mittagessen in der Taverne am Kai war Grace noch durch den Hafen und die engen Geschäftsstraßen geschlendert. Die Auswahl an Obst und Gemüse war derart verlockend gewesen, dass sie nicht hatte widerstehen können und groß eingekauft hatte. Jetzt duftete es in der Küche appetitlich nach Bohnen, Erbsen, Mais und Paprika.

Während ihres Bummels hatte sie alle Gedanken an Matteo di Falco energisch verdrängt, sich jedoch immer wieder dabei ertappt, dass sie ihn in jedem großen, dunkelhaarigen Mann vermutete, der ihren Weg kreuzte. Aber anscheinend hatte er Portofalco schon verlassen, worüber sie erleichtert war.

Grace freute sich riesig, ihre Freundin nach so langer Zeit wiederzusehen. Schnell nahm sie die Pfanne vom Herd und ging auf Julia zu, um sie zu umarmen. Julia ließ sich schließlich auf einem der Hocker an der Küchentheke nieder. „Puh, bin ich fertig“, seufzte sie. „Aber ich bin froh, dass du dich hier schon wie zu Hause fühlst.“

„Ich hoffe, es stört dich nicht. Ich wusste ja nicht, wann du kommen würdest und ob du dann noch Lust hättest, essen zu gehen. Darum habe ich genug für uns beide gemacht.“

„Super!“ Julia stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte und den Kopf in die Hände. „Es tut mir leid, dass ich zu deiner Begrüßung nicht da war, Grace, aber ich hatte das Wochenende schon verplant.“

„Leider ist es dir ja dann doch noch verdorben worden“, sagte Grace mitfühlend. Sie nahm die Flasche Wein, die sie schon geöffnet hatte, schenkte Julia ein Glas ein und reichte es ihr. „Jetzt erhol dich erst einmal. Das Abendessen ist gleich fertig.“

„Danke.“

Während ihre Freundin trank, beobachtete Grace sie genauer. Julia sah müde und abgespannt aus. Lag das an den Überstunden, oder hatte sie Kummer?

„Und wie geht es dir?“, fragte Julia. „Du siehst in Anbetracht der Umstände wirklich gut aus. Weder blass noch ausgemergelt. Jeder würde meinen, ich sei es, die das Krankenzimmer gerade erst verlassen hat.“

„Das finde ich nicht.“ Trotz ihrer offensichtlichen Abgespanntheit besaß Julia immer noch den gleichen koboldhaften Charme wie als Studentin. Sie war um einiges kleiner als Grace und knabenhaft schlank. Ihr blondes Haar trug sie im Moment sehr kurz. „Es war Pech für dich, dass man im Hotel wusste, wo du warst. Sonst hätten sie eine Kollegin anrufen müssen.“

„Daran bin ich selbst schuld.“ Julia zuckte die Schultern. „Wenn ich nicht damit angegeben hätte, dass ich das Wochenende in Valle di Falco verbringe, hätten sie nicht gewusst, wo ich bin. Aber man wird nicht jeden Tag von einer waschechten Marchesa auf seinen Familiensitz eingeladen.“

Grace schluckte. „Bedeutet das, dass Signor di Falco ein Marchese ist?“

„Matteo?“ Julia trank einen Schluck Wein und blickte träumerisch vor sich hin. „Ja, er ist ein Marchese, aber er verzichtet auf den Gebrauch seines Titels, wie so viele andere italienische Aristokraten es heute auch tun.“

Unter dem Vorwand, sich um das Essen kümmern zu müssen, drehte sich Grace wieder zum Herd um. Also war Matteo di Falco in Wirklichkeit ein Marchese! Es wurde ja immer schlimmer, was mochte er nur von ihr gedacht haben?

„Du hast mir noch gar nicht gesagt, wie du Matteo findest.“ Julia wurde plötzlich lebhaft. „Er hat doch meinen Koffer gebracht, oder?“

„Ja.“ Grace gab sich alle Mühe, beiläufig zu klingen, und öffnete den Kühlschrank, um die Shrimps herauszuholen. „Er kam am späten Vormittag und erklärte mir, dass du schon eher ins Hotel gemusst hättest.“

Julia nickte. „Raus mit der Sprache, was hältst du von ihm? Meinst du nicht auch, er ist etwas ganz Besonderes?“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann es immer noch nicht fassen, dass er sich ausgerechnet für mich interessiert. Diesmal lacht mir wirklich das Glück, Grace, dessen bin ich mir ganz sicher.“

Grace biss sich auf die Lippe. „Er … Ich finde ihn ganz nett.“

„Ganz nett!“ Julia hatte ihre Müdigkeit offensichtlich vergessen und schnaufte verächtlich. „Was anderes fällt dir zu Matteo nicht ein?“

Grace zuckte die Schultern und hob die Shrimps unter das Gemüse. „Das Essen ist fertig. Wo sollen wir uns hinsetzen? Hier oder ins Wohnzimmer?“

Erst sah es so aus, als wollte Julia Grace nicht so einfach davonkommen lassen. Doch dann besann sie sich anders, leerte ihr Glas und schenkte sich neu ein. „Lass uns hierbleiben. Es riecht wirklich lecker. Ich glaube, an diesen Service könnte ich mich gewöhnen.“

Während des Essens kam Julia glücklicherweise auf andere Dinge zu sprechen. Sie wollte wissen, wie es dazu gekommen war, dass Grace sich bis zum völligen Zusammenbruch übernommen hatte. Julia fand es unmöglich, dass Grace’ Schwestern sich nur um ihre eigenen Familien gekümmert hatten.

„Schließlich ist sie auch ihre Mutter!“, sagte sie empört, als sie Grace beim Abwasch half. „Und keine von beiden arbeitet! Sie haben wahrscheinlich mehr Zeit als du.“

Das gestand Grace zu, aber sie sah sich selbst schon so als Versagerin, dass es ihr gar nicht in den Sinn kam, andere zur Verantwortung zu ziehen. Außerdem war ihr die Pflege ihrer Mutter nie als lästige Pflicht erschienen. Erst im Krankenhaus war sie zu der Einsicht gekommen, dass sie sich zu viel zugemutet hatte.

„Jedenfalls bist du jetzt hier, und ich möchte nicht, dass du dich verpflichtet fühlst, dich um mich zu kümmern. Du sollst dich hier erholen und wieder zu Kräften kommen“, erklärte Julia, als sie die sauberen Teller in den Schrank stellte. „Es ist zwar sehr schön, von dir verwöhnt zu werden, aber ich kann mir auch auf dem Heimweg etwas zu essen besorgen. Außerdem gehe ich auch oft aus.“

„Gut.“ Grace trocknete sich die Hände ab und sah Julia zu, wie sie das Kaffeepulver in die Espressokanne füllte. Dann ging sie zwischen den Blumenkübeln hindurch in den Wohnbereich. „Ich freue mich auch darauf, völlig abzuschalten. Ich habe mir Bücher mitgebracht und muss noch einige Briefe schreiben – und natürlich möchte ich mich auch einfach nur faul in die Sonne legen“, fügte sie hinzu, als Julia das Tablett mit den Espressotassen auf dem Couchtisch abstellte. „Wie ich dir schon gesagt habe, möchte ich hier nicht von dir unterhalten werden oder dir lästig sein.“

„Als ob du das je getan hättest.“ Seufzend ließ sich Julia aufs Sofa sinken. „Jetzt geht es mir schon besser.“ Sie streifte die Schuhe von den Füßen. „Du fällst mir wirklich nicht zur Last, Grace. Ganz im Gegenteil. Ich habe dich schon so oft eingeladen, aber immer hattest du eine andere Entschuldigung.“

Grace setzte sich Julia gegenüber in den Sessel. „Es ging einfach nicht …“

„Ich weiß, deine Mutter. Aber ich freue mich, dass ich dir jetzt helfen kann. Und für mich ist es schön, wieder Englisch reden zu können.“

Grace zögerte, entschloss sich dann aber doch, Matteo zu erwähnen. Sie hatte das Gefühl, Julia vorhin durch ihr abweisendes Verhalten verletzt zu haben. „Matteo spricht doch ausgezeichnet Englisch. Oder unterhält er sich mit dir nur auf Italienisch?“

Julia reichte ihrer Freundin eine Tasse und machte es sich wieder auf dem Sofa bequem. „Matteo hat sogar englisches Blut in den Adern. Die Marchesa, die vor über sechzig Jahren seinen Großvater heiratete, ist nämlich Engländerin. Mittlerweile ist sie natürlich italienischer als jede Italienerin. Kannst du dir vorstellen, dass sie mich kein einziges Mal auf Englisch angeredet hat, als ich bei ihr eingeladen war? Matteo sagt, dass sie ihre Muttersprache überhaupt nicht mehr spricht.“

Grace runzelte die Stirn. „Du warst bei seiner Großmutter eingeladen? Nicht bei seinen Eltern?“

„Seine Eltern sind tot. Sie sind beim Skilaufen in einer Lawine umgekommen, als Matteo noch ein Baby war. Matteo ist bei seinen Großeltern aufgewachsen.“

„Das tut mir leid“, sagte Grace aufrichtig.

„Mir auch. Matteos Großvater ist schon tot, aber seine Großmutter ist ein schrecklicher Besen, und ihre Moralvorstellungen sind total veraltet.“

Grace lächelte. „Ist das nicht etwas ungerecht? Du kannst ihr doch nicht vorwerfen, sie sei altmodisch, nur weil sie lieber Italienisch spricht!“

„Es ist nicht nur das“, verteidigte sich Julia. „Sie hat mich spüren lassen, dass ich ihr nicht willkommen war. Ich war richtig erleichtert, dass ich zurück ins Hotel musste. Sie braucht einfach mehr Zeit, um sich mit der Tatsache abzufinden, dass Matteo und ich ein Paar sind. Das nächste Mal wird es bestimmt besser laufen. Bis dahin habe ich auch Zeit, meine Kenntnisse in italienischer Geschichte und im Weinbau zu vertiefen.“

Grace war überrascht. „Die Familie betreibt ein Weingut?“ Sie hatte Matteo di Falco für nichts als einen reichen Playboy gehalten.

„Ihnen gehören alle Weinfelder im Valle di Falco. Ich glaube, die Marchesa war nicht so ganz damit einverstanden, dass sich Matteo mit so etwas Profanem wie der Winzerei beschäftigt. Ich sage dir, Grace, diese Frau ist ein lebender Anachronismus. Ohne Matteos Geschäftstüchtigkeit wäre die gesamte Familie schon längst bankrott.“

„Ich verstehe“, sagte Grace beeindruckt.

„Jetzt aber genug von den langweiligen Geldangelegenheiten! Erzähl mir lieber, was du wirklich von Matteo hältst. Meinst du nicht, dass wir ein aufsehenerregendes Paar abgeben?“

„Oh doch“, stimmte Grace pflichtschuldig zu, fragte sich aber, ob Julia nicht etwas zu voreilig war. Musste Matteo di Falco auch für seinen Lebensunterhalt arbeiten, so war er doch ein Aristokrat. Grace konnte nur hoffen, dass Julia nicht zu enttäuscht sein würde, sollten ihre Träume wie Seifenblasen zerplatzen.

Julia bemerkte wohl Grace’ Mangel an Begeisterung. „Du bist nicht offen zu mir“, warf sie ihrer Freundin vor.

„Das stimmt nicht!“ Grace entschied sich, dem Thema Matteo nicht länger auszuweichen. Sie griff nach ihrer Tasse, um Julia nicht in die Augen sehen zu müssen. „Wo habt ihr euch eigentlich kennengelernt?“

„Auf einer Vernissage in Florenz. Eigentlich interessiere ich mich ja nicht für die Kunst der Renaissance, aber Maria, eine Kollegin, und ich hatten die Karten von einem Gast geschenkt bekommen. Wir dachten, wir sollten uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen – schon allein wegen des kalten Büfetts.“

„Wie klug von euch!“, sagte Grace mit liebevoller Ironie, und Julia musste lächeln.

„Das kann man wohl sagen! Das Erste, was ich sah, war Matteo.“ Sie blickte verträumt in ihre Tasse. „Später stellte sich heraus, dass auch er nur Gast war und die Galerie seinem Cousin Carlo gehört.“

„Und wie hast du es geschafft, Matteo vorgestellt zu werden?“

„Ich habe mich selbst vorgestellt.“ Julia lächelte selbstzufrieden. „Signor Massina, von dem wir die Karten bekommen hatten, weil er erkrankt war, hatte mich gebeten, Carlo zu grüßen. Das tat ich dann auch, und zwar zu einem Zeitpunkt, als Matteo danebenstand.“

„Ach so.“ Grace erinnerte sich noch gut daran, wie geschickt sich Julia schon während der Studienzeit in Szene zu setzen gewusst hatte. „Dein Charme und deine Schönheit haben Matteo bestimmt sofort betört“, neckte sie ihre Freundin. „Wie lange hat es gedauert, bis er dich eingeladen hat?“

„Sehr lange, fast einen ganzen Tag. Ich hatte mit Maria bei ihrer Schwester übernachtet und ihm die Telefonnummer gegeben. Er hat dort angerufen, und wir haben uns verabredet. Seitdem sind wir zusammen.“ Julia stellte die Tasse zurück auf den Tisch und rekelte sich. „Nächste Woche haben wir Jubiläum.“

„Ihr kennt euch schon seit einem Jahr?“ Grace war überrascht.

„Ein Jahr und noch nicht verlobt – traust du mir das zu?“ Julia war empört. „Wir kennen uns seit sechs Monaten.“

Grace zuckte die Schultern. „Ist eine Verlobung heute noch so wichtig? Man kann doch auch ohne Trauschein zusammenleben.“

„Aber nicht, wenn man di Falco heißt.“ Jetzt lächelte Julia nicht mehr. „Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dieser Drachen von Großmutter würde zulassen, dass Matteo und ich einfach zusammenziehen. Noch weniger würde sie dulden, dass ihre Urenkel anders als di Falco hießen. Sie ist gläubige Katholikin. Glaube mir, es käme für sie nie infrage, dass der Vater ihrer Urenkelin ‚in Sünde‘ lebt.“

„Urenkelin? Meinst du, eine zukünftige Urenkelin?“

„Nein“, erwiderte Julia missmutig und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe dir noch nicht gesagt, dass Matteo eine neunzehnjährige Tochter hat, die in Mailand studiert. Ich habe sie auch erst einmal gesehen.“

Grace war wie vor den Kopf gestoßen. „Matteo ist also verheiratet!“

„Nein. Er ist Witwer.“ Julia wurde zusehends gereizter. „Meinst du, ich würde meine Zeit mit einem verheirateten Mann verschwenden?“

Grace zuckte nur die Schultern. Sie unterließ es, Julia darauf hinzuweisen, dass sie am College ein Verhältnis mit einem verheirateten Professor gehabt hatte. Irgendwie hatte Grace das Gefühl, dass ihre Freundin ihr keinen reinen Wein einschenkte. Julia schwieg sich auch darüber aus, was die Tochter von ihr hielt.

„Dann ist doch alles kein Problem.“ Grace gab sich Mühe, die Sache positiv zu sehen. „Hauptsache, ihr liebt euch.“

„Wenn ich mir dessen nur sicher wäre!“ Julia griff wieder zu ihrer Tasse. „Okay, ich weiß, dass er mich mag, sonst würde er sich schließlich nicht mit mir treffen. Aber ob er mich heiraten will, das steht auf einem ganz anderen Blatt.“

Grace zögerte. „Aber du willst ihn unbedingt heiraten?“

„Soll das ein Witz sein?“ Julia stieß hörbar die Luft aus. „Natürlich will ich das. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass Matteo bereit ist, sich dafür mit seiner Großmutter anzulegen.“

„Und du befürchtest, dass es dazu kommen könnte?“

„Nach den Erfahrungen des vergangenen Wochenendes, ja. Sie hat mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass ich nicht die Frau bin, die sie sich für ihren Enkel wünscht.“

Grace seufzte. „Nur weil sie mit dir nicht Englisch gesprochen hat? Dramatisierst du das nicht? Vielleicht wollte sie nur herausfinden, inwieweit du bereit bist, dich auf die italienische Kultur einzulassen.“

„Es war nicht das Einzige.“ Ungeduldig warf Julia den Kopf zurück. „Sie hat fast überhaupt nicht mit mir gesprochen. Und sie hat dafür gesorgt, dass mein Zimmer so weit wie möglich von Matteos Räumen entfernt lag. Die Villa ist riesig. Ich hatte sogar Schwierigkeiten, zum Abendessen wieder ins Speisezimmer zu finden.“

„Aber …“

„Nichts ‚aber‘! Die Marchesa wusste ganz genau, dass ich bei Matteo sein wollte. Ich kann dir nicht sagen, in welchem Jahrhundert sie lebt, aber sie hat sich benommen, als hätte das, was zwischen Matteo und mir ist, keinerlei Bedeutung.“

„Aber du weißt doch, wie alte Leute sind …“

„Ich weiß, wie sie ist“, antwortete Julia bitter. „Sie wird alles daransetzen, Matteo und mich auseinanderzubringen.“

„Das kannst du doch gar nicht wissen!“

„So?“ Julia sah Grace anklagend an. „Und wenn ich dir sage, dass ich am Wochenende nicht der einzige Gast in der Villa war? Es war das erste Mal, dass Matteo mich nach Hause eingeladen hatte. Ich dachte, es wäre eine reine Familienangelegenheit. Aber als ich ankam, waren schon all die anderen Leute da.“

„Vielleicht wollte sie es dir leichter machen“, wandte Grace ein. „Und vielleicht war es ja sogar Matteos Idee gewesen. Hast du mit ihm schon darüber gesprochen?“

„Matteo hatte keine Ahnung davon“, sagte Julia ausdruckslos. „Er hat von den anderen Gästen auch erst bei unserer Ankunft erfahren. Aber das Schlimmste kommt noch. Die Marchesa hatte diese Caterina Vincenzi eingeladen, die sie gern als die neue Signora di Falco sehen würde – natürlich eine Contessa.“

„Oh Julia, und das hat sie dir gesagt?“

„Das brauchte sie nicht.“ Julia kniff die Lippen zusammen. „Zum Abendessen waren mehr als ein Dutzend Leute eingeladen, und Caterina Vincenzi saß neben Matteo. Ich wurde ans Ende der Tafel verfrachtet, neben irgendeinen widerlichen alten Onkel. Er hat beim Essen ununterbrochen geschmatzt!“

„Julia!“

Julia atmete tief durch. „Es tut mir leid, Grace. Du kannst ja nichts dafür, dass die alte Hexe noch aus dem letzten Jahrhundert stammt. Aber keine Angst“, fügte sie mit blitzenden Augen hinzu. „Ich werde sie in unsere Zeit befördern, auch wenn sie sich noch so sehr dagegen sträubt. Wir werden sehen, ob sie immer noch lacht, wenn ich ihr meine kleine Überraschung präsentiere.“

„Deine kleine Überraschung?“, fragte Grace. Sie ahnte nichts Gutes, als sich Julia mit einem triumphierenden Lächeln zurück in die Sofakissen lehnte.

„Ja. Sie wird mich nicht mehr so schnöde behandeln können, wenn sie erfährt, dass ich das Kind ihres kostbaren Enkels unter dem Herzen trage.“

3. KAPITEL

Das Telefon klingelte, als Grace das Apartment gerade verlassen wollte.

Am liebsten hätte sie nicht abgenommen, denn das Gespräch war bestimmt nicht für sie. Außerdem hatte sie es eilig, da sie nach Viareggio wollte. Aber dann fiel ihr ein, dass es eine ihrer Schwestern sein könnte, die sie wegen ihrer Mutter sprechen wollte. Grace meldete sich und ließ sich erschrocken in den nächsten Sessel sinken, als Matteo di Falcos wohlklingende Stimme an ihr Ohr drang.

„Miss Horton … Grace“, sagte er. „Ich habe gehofft, Sie anzutreffen.“

„So?“

Grace wusste, dass sie sich alles andere als höflich benahm. Seit Julia ihr eröffnet hatte, dass sie schwanger war, konnte sie nur noch mit Abscheu an Matteo denken. Wie konnte er nur zulassen, dass seine Großmutter Julia so herablassend behandelte! Obwohl sie ihm zugutehalten musste, dass er von Julias Schwangerschaft ja noch nichts wusste.

Matteo di Falco schien an ihrem Ton jedoch keinen Anstoß zu nehmen. „Ich bin heute Morgen in Portofalco und würde mich freuen, wenn ich Sie zum Essen einladen dürfte.“

Das war doch der Gipfel der Unverschämtheit! Ihre schlechte Meinung vom anderen Geschlecht hatte sich wieder einmal voll bestätigt. „Es tut mir leid, aber ich habe andere Pläne“, informierte sie ihn kühl. „Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, sonst verpasse ich meinen Bus.“

Sie wollte schon den Hörer auf die Gabel legen, als sein ungläubiges „Ihren Bus?“ sie vollends in Rage brachte.

„Ja, einen Bus, einen Autobus“, antwortete sie sarkastisch. „Das ist ein großes Fahrzeug auf vier Rädern, das Menschen wie mich hier an der Küste von einem Ort zum anderen bringt.“

Matteo atmete hörbar ein. „Ja, ich weiß, was ein Autobus ist, und möchte Sie daher nicht länger aufhalten“, antwortete er reserviert, und Grace ahnte, dass Julia ihr diese Unverschämtheit sehr übel nehmen würde.

Noch ehe sie etwas antworten konnte, hatte er eingehängt. Wütend knallte Grace den Hörer auf die Gabel und blieb einen Moment reglos stehen. Sie versuchte, ihr Benehmen ihm gegenüber vor sich selbst zu rechtfertigen. Es wollte ihr nicht gelingen, denn über das, was sich zwischen ihm und Julia abspielte, stand ihr kein Urteil zu. Für Reue war es jedoch zu spät. Jetzt blieb nur zu hoffen, dass sich Matteo nicht bei Julia über sie beklagte.

Sie atmete einmal tief durch, setzte sich ihre Sonnenbrille auf, nahm die praktische Beuteltasche, die sie sich am Tag zuvor in Livorno gekauft hatte, und machte sich auf den Weg. Sie war fest entschlossen, sich den Tag durch diesen Vorfall nicht verderben zu lassen, und lächelte dem alten Hausmeister besonders freundlich zu, nur um sich zu beweisen, dass sie durchaus ein freundlicher und umgänglicher Mensch war.

Der Bus nach Viareggio stand schon an der Haltestelle am Kai, wo auch das Wassertaxi anlegte. Grace reichte dem Fahrer ihre Karte zum Abstempeln. Sie hatte herausgefunden, dass man die Fahrkarten im Voraus kaufen musste und dass ein orangefarbenes Sieben-Tage-Ticket zur Erkundung der näheren Umgebung die günstigste Lösung für sie war.

Unter den Fahrgästen waren neben Touristen auch Einheimische. Grace hatte sich an deren neugierige Blicke inzwischen gewöhnt. Sollten sie sich doch den Kopf darüber zerbrechen, warum sie allein verreiste!

Der Bus fuhr gemächlich die steile und kurvige Straße hoch und ließ den Ort schon bald hinter sich. Grace musste wieder an die Unterhaltung denken, die sie vor zwei Tagen mit Julia geführt hatte. Sie verstand ihre Freundin einfach nicht. Wie konnte man nur so leichtsinnig sein und schwanger werden? Julias Überzeugung, Matteo würde sie jetzt auf alle Fälle heiraten, hielt sie für reines Wunschdenken. Dieser Mann würde er sich nie im Leben zu etwas zwingen lassen, das er nicht wollte. Julia setzte ihrer Meinung nach zu große Hoffnungen auf den berühmten Familiensinn der Italiener.

Natürlich konnte Grace sich täuschen. Aber warum wollte Julia Matteo, dem Mann, den sie liebte, erst die Wahrheit sagen, wenn eine Abtreibung nicht mehr möglich war? Als Italiener käme eine Abtreibung für Matteo bestimmt sowieso nicht infrage. Liebte Julia ihn überhaupt? Sie wagte ein gewagtes Spiel. Grace konnte nur hoffen, dass ihre Freundin nicht zu enttäuscht sein würde, wenn nicht alles so glattlief, wie sie es sich ausgemalt hatte.

Grace’ Zweifel wurden durch das Telefonat von vorhin noch gestärkt. Hatte Julia gewusst, dass Matteo sie, Grace, einladen wollte? Oder hatte er es – was Grace stark vermutete – hinter ihrem Rücken getan? Der Mann ist ein ausgemachter Widerling, dachte sie verstimmt.

Ihre Stimmung wurde immer gereizter, worüber sie sich ärgerte, denn sie war zur Erholung nach Italien gekommen. Grace zwang sich, wieder aus dem Fenster zu sehen, um das Panorama zu genießen. Sie waren jetzt hoch über dem Meer und hatten einen herrlichen Blick über die felsige Bucht. Vom Straßenrand drang der Duft von wildem Thymian durch die offenen Fenster. Grace hielt das Gesicht in den würzigen Luftstrom und fand das angenehmer und schöner als jede Klimaanlage.

Trotz des unglücklichen Anfangs genoss sie ihren Ausflug nach Viareggio. Im Gegensatz zu Portofalco besaß der Ort einen herrlichen Sandstrand. Grace schlenderte über die Promenade bis zum Hafen und wieder zurück, um dann unter schattigen Palmen in einem Restaurant zu essen. Zufrieden kletterte sie später wieder in den Bus und hatte das Gefühl, einen wunderbaren Tag erlebt zu haben.

Als sie in Portofalco ausstieg, war es noch relativ früh. Dennoch war Grace erschöpft und musste sich widerwillig eingestehen, dass sie sich zu viel zugemutet hatte. Sie war weder die Hitze noch die ausgiebige körperliche Bewegung gewohnt und nahm sich deshalb vor, es den nächsten Tag ruhiger angehen zu lassen.

Bevor sie sich auf den steilen Weg zur Villa Modena machte, wollte sie sich noch eine Erfrischung gönnen. So ging sie in die nächste Gelateria und bestellte sich einen Milchshake. Sie suchte sich einen Platz am Fenster, das von einer Markise beschattet wurde, und stellte ihr Glas auf den Tisch. Sie nahm den Strohhalm zwischen die Lippen und trank in großen Schlucken.

Da sah sie ihn. Er saß am Steuer eines dunkelgrünen Sportcoupés, das auf der gegenüberliegenden Seite der schmalen Straße geparkt war. Sie bildete sich ein, er würde zu ihr herüberblicken.

Das konnte doch nicht wahr sein!

Trotzdem weiteten sich Grace’ Augen vor Schreck und Bestürzung, und sie hob den Kopf so plötzlich, dass ihr der Strohhalm aus dem Mund glitt. Ihre Lippen waren immer noch leicht geöffnet, und die Art, wie sie sich mit der Zungenspitze die Mundwinkel befeuchtete, wirkte provokativ, ohne dass sie es beabsichtigt hatte. Oh nein, dachte sie, warum muss er gerade dort parken?

Sie wünschte, sie hätte sich einen anderen Tisch ausgesucht, denn sie fühlte sich wie auf dem Präsentierteller. Aber jetzt aufzustehen und sich einen anderen Platz zu suchen wäre lächerlich gewesen, denn vielleicht hatte er sie ja doch gesehen.

Sie umfasste den Becher mit beiden Händen und trank weiter. Das eisige Getränk wirkte belebend, und das Glas kühlte ihre Hände. Er fährt bestimmt gleich wieder, sagte sie sich und sah in eine andere Richtung. Er hatte am Telefon erwähnt, dass er nach Portofalco wolle. Dass er gerade hier parkte, war reiner Zufall. Sie war schrecklich müde, und nur deshalb fühlte sie sich von ihm bedroht.

Aber er fuhr nicht weg. Nachdem Grace ihr Glas fast geleert hatte, blickte sie noch einmal zu ihm hinüber. Ihr Durst war gestillt. Also nahm sie all ihren Mut zusammen und verließ das Eiscafé in der Hoffnung, er würde sie in der Menge nicht entdecken.

Grace bog gerade in die Via Cortese ein, als sie das Auto hinter sich hörte. Sie wusste, dass es seins war. Der Motor lief zwar auf niedrigen Touren, dennoch konnte man hören, wie hochgezüchtet er war. Das Auto passt zu ihm, dachte sie in einem Anflug von Humor. Aber das würde sie ihm natürlich nicht sagen.

Sie wünschte, sie wäre schneller. Die Straße war wirklich sehr steil, und Grace fühlte sich schlapp und müde. Außerdem konnte sie so schnell gehen, wie sie wollte, es wäre ihm ein Leichtes, sie jederzeit einzuholen. Deshalb änderte sie ihre Taktik. Anstatt so zu tun, als hätte sie ihn nicht gesehen, lehnte sie sich an eine mit roter Bougainvillea überwucherte Wand und wartete.

Auf alle Fälle habe ich ihn damit überrascht, dachte sie, als er das Coupé einige Meter von ihr entfernt parkte. Dennoch zog sich ihr Magen vor Angst zusammen, als er ausstieg, und ihre Knie wurden weich, als er auf sie zukam.

Grace ärgerte sich, dass sie derart heftig auf ihn reagierte. Er war schließlich auch nur ein Mann wie jeder andere, und mit Männern war sie bisher noch immer fertiggeworden. Dennoch, dieser hier war unbeschreiblich sexy, trotz seiner abweisenden Miene. Er war unauffällig gekleidet – schwarze Jeans und schwarzes T-Shirt – und hatte dennoch eine nicht zu übersehende sinnliche Ausstrahlung.

„Also doch.“ Er lehnte sich neben sie an die Wand. „Sie brauchen eine Pause.“

Grace biss sich auf die Lippe. Sie blickte über seine Schulter und sah den regen Betrieb im Hafen und das blaue Meer. Das Panorama, die länger werdenden Schatten und der betäubende Duft der Blumen ließen diese Stelle wie geschaffen für ein Rendezvous erscheinen. Nur dass sie nicht deshalb hier war.

„Warum folgen Sie mir?“, fragte sie forsch.

„Sie sehen müde aus“, sagte er ruhig und blickte ihr in die Augen. „Vielleicht habe ich einfach Mitleid mit Ihnen, denn der Weg bis zur Villa Modena ist noch weit.“

Grace umklammerte den Schultergurt ihrer Tasche so fest, dass sich die Fingernägel schmerzhaft in den Handballen bohrten. „Wie aufmerksam von Ihnen“, erwiderte sie ungerührt. „Aber ich nehme doch an, dass ein Mann wie Sie wichtigere Dinge zu tun hat.“

„Unverblümt wie immer.“ Er legte die Hände auf die von der Sonne erwärmten Steine der Mauer. „War es schön in Viareggio?“

„Woher wissen Sie …?“, begann Grace, überlegte es sich dann aber anders. Wahrscheinlich hatte er sie aus dem Bus steigen sehen und konnte sich daher denken, wo sie gewesen war. Sie atmete tief ein. „Sehr schön, danke.“

Er richtete sich auf, und für einen kurzen Moment dachte sie, er wolle sie berühren. Doch er schob nur die Hände in die Gesäßtaschen seiner Jeans und trat einen Schritt vor, um sie eingehend zu betrachten. Von ihrem unbedeckten Kopf – ihren Hut hatte sie vorhin kurzerhand in die Tasche gestopft – bis zu den abgewetzten Spitzen ihrer alten Turnschuhe.

„Kommen Sie mit.“ Grace merkte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Sie war sich ihres unordentlichen Zopfes und ihrer sonnenverbrannten Knie peinlich bewusst. „Steigen Sie ein! Ich bringe Sie nach Hause.“

Grace schluckte. „Nein, das will ich nicht.“

„Doch.“ Er sah sich um. „Kommen Sie schon. Ich stehe im Halteverbot, und Sie möchten doch wohl nicht, dass ich Strafe bezahlen muss.“

Grace legte den Kopf zurück. „Das wäre mir völlig gleichgültig.“

Ungeduldig presste er die Lippen zusammen. „Wo liegt Ihr Problem? Habe ich Ihr empfindliches Ego verletzt? Warum geben Sie nicht zu, dass Sie erschöpft sind? Es ist doch nichts dabei.“

„Ich bin völlig fit und brauche keine Hilfe!“, beharrte sie, war sich jedoch sicher, dass er ihr nicht glaubte. Wie sie es jetzt bereute, auf ihn gewartet zu haben! Sie hätte schon längst zu Hause sein können.

„Wenn Sie meinen.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Aber ich bestehe darauf, dass Sie endlich einsteigen. Schaffen Sie das allein, oder soll ich Sie tragen?“

Grace sah ihn entgeistert an. Noch nie hatte ihr ein Mann so etwas angedroht! Bei ihrer Größe und der nicht gerade elfenhaften Figur schien sich das von selbst zu verbieten.

„Das ist nicht nötig“, sagte sie endlich. Er hatte sie mit seiner Drohung wirklich aus der Fassung gebracht. Nicht dass ich ihn als Mann attraktiv finde, versicherte sie sich schnell, doch sie sah ihn jetzt mit anderen Augen.

„Nicht nötig, aber praktisch“, antwortete er ungerührt und lächelte dann spöttisch. „Wollen Sie denn, dass Julia denkt, Sie trauten mir nicht?“

Grace richtete sich auf. Das war ein Argument, gegen das sie nichts vorzubringen hatte. Um nichts in der Welt wollte sie es dazu kommen lassen, dass Julia so etwas annahm, denn daran könnte die Freundschaft mit ihr zerbrechen.

„Wenn Sie unbedingt darauf bestehen“, sagte sie unfreundlich und tat so, als würde sie seinen selbstzufriedenen Gesichtsausdruck nicht bemerken. Sie ging zum Auto und öffnete die Tür, bevor er ihr helfen konnte. Sie gab sich alle Mühe, ihre langen Beine möglichst unauffällig unter dem tiefen Armaturenbrett unterzubringen, und wünschte, sie hätte nicht diese viel zu kurzen Shorts an.

Er setzte sich neben sie, und sie war sich seiner Nähe und seines männlichen Dufts sehr bewusst, worüber sie sich ärgerte. Es war ja nicht so, dass sie keinerlei Erfahrung mit Männern gehabt hätte, aber mit seiner Ausstrahlung und seinem selbstbewussten Auftreten brachte er sie dazu, sich wie ein unreifer Backfisch zu fühlen.

„Sie haben doch bestimmt einen Sunblocker benutzt“, sagte er beiläufig, als er den Motor startete und den Gang einlegte.

Sofort bedeckte Grace ihre Knie mit der Tasche. „Natürlich“, sagte sie, obwohl sie sich die Beine in Wahrheit noch nicht einmal mit einer normalen Lotion, geschweige denn einem Sonnenschutzmittel eingerieben hatte. „Ich bin doch nicht dumm.“

„Aber ich bin es Ihrer Meinung nach.“

„Das habe ich nicht gesagt.“ Grace blickte schnell aus dem Fenster.

„Nicht direkt.“ Er zuckte die Schultern. „Ich möchte nur wissen, was Julia Ihnen über mich erzählt hat, dass Sie so eine schlechte Meinung von mir haben.“

Grace stockte der Atem. „Sie täuschen sich. Meine Freundin hat mir nichts Negatives über Sie erzählt. Ganz im Gegenteil, Julia findet …“ Sie musste schlucken. „Julia findet Sie großartig.“

„Wirklich?“

„Ja, wirklich.“ Sie musterte ihn kurz von der Seite. „Was ist los mit Ihnen, Signore? Möchten Sie von mir Komplimente hören?“

Er lachte keineswegs belustigt und hielt an, um ein älteres Ehepaar die Straße überqueren zu lassen. „Wie ich vorhin schon sagte, Sie lassen mich deutlich spüren, was Sie von mir halten. Wenn also Julia nicht nachteilig über mich geredet hat, müssen Sie eine spontane Aversion gegen mich entwickelt haben. Stimmt’s?“

Stimmte das?

Grace spielte gedankenverloren mit ihrer Tasche und suchte nach einer passenden Antwort. Sie konnte ihm schlecht den wahren Grund für ihre Abneigung gegen ihn nennen, damit hätte sie Julias Vertrauen missbraucht – obwohl sie ihm die Wahrheit am liebsten offen ins Gesicht gesagt und ihn von seinem hohen Ross heruntergeholt hätte.

„Ich kenne Sie nicht“, sagte sie endlich, woraufhin er sie ungläubig ansah. „Wirklich nicht“, wiederholte sie. „Und ich bin es nicht gewohnt, private Angelegenheiten mit Männern zu besprechen, die ich nur vom Hörensagen kenne.“

„Vom Hörensagen?“ Er stöhnte übertrieben. „Der Himmel beschütze mich vor Frauen, die mich nach all den Gerüchten beurteilen, die über mich im Umlauf sind!“ Dann sah er sie an und lachte laut und belustigt auf.

Grace war erleichtert, als die Auffahrt zur Villa Modena in Sicht kam. Sie musste sich eingestehen, dass sie nicht wusste, wie sie mit Julias Freund umgehen sollte. Er beeindruckte sie mehr, als sie es für möglich gehalten hätte. Und sie war ehrlich genug, zuzugeben, dass ein Großteil ihrer Aggressionen einen ganz einfachen Grund hatte: Sie fühlte sich zu diesem Mann unwiderstehlich hingezogen.

„Aber dem können wir ja schnell abhelfen“, sagte er sanft und zärtlich.

Einen Moment lang wusste Grace nicht, worauf er anspielte, doch dann dämmerte es ihr. „Sie machen sich über mich lustig“, sagte sie ausweichend und sah wieder aus dem Fenster. „Oh, wir sind ja schon da“, setzte sie dann hinzu, als merkte sie das erst jetzt.

„Einen Augenblick!“ Er nahm ihren Arm und zwang sie, sich zu ihm umzudrehen.

„Ich bitte Sie, was soll das?“

„Grace! Grace, ich mache mich wirklich nicht über Sie lustig.“ Sein Daumen liebkoste ihre nackte Haut. „Ich weiß nicht, woran es liegt, aber Sie haben ein völlig falsches Bild von mir. Lassen Sie uns den unglücklichen Beginn unserer Bekanntschaft vergessen. Ich möchte, dass wir Freunde werden. Bitte!“

Nein! Grace wusste nicht, ob sie das laut ausgesprochen oder nur gedacht hatte. Aber sein Gesichtsausdruck änderte sich nicht. Also musste Letzteres der Fall sein, wofür sie ihrem Schicksal dankte.

„Wir sollten mehr Zeit miteinander verbringen, ohne uns zu benehmen wie Hund und Katze.“ Er sah auf seine Hand, die immer noch sanft ihren Arm streichelte, und schnitt ein Gesicht. „Sie haben ganz offensichtlich keine allzu gute Meinung von uns Männern. Das würde ich gern ändern.“

Was musste ihm Julia nur über sie erzählt haben? Um Julias willen und um ihretwillen musste sie diese Unterhaltung schnellstens beenden. Sie war sich nicht sicher, was er meinte und was er von ihr wollte. Sie wusste nur, dass er ihr sehr, sehr gefährlich werden konnte.

„Ich muss jetzt gehen“, sagte sie und hoffte, dass Julia noch nicht zu Hause war und diese verfängliche Szene womöglich vom Balkon aus beobachtet hatte. „Vielen Dank fürs Mitnehmen. Ich bin jetzt wirklich müde. Es war ein langer Tag für mich.“

„Ich hätte Sie gern nach Viareggio gefahren“, sagte er leise und wandte den Blick nicht von ihren Lippen. „Haben Sie eigentlich schon das Kloster des heiligen Emilio di Falco besichtigt?“

Er muss genau wissen, dass das gar nicht möglich ist, schließlich bin ich erst seit zwei Tagen hier, dachte sie ärgerlich. „Nein, aber ich habe mir für den Rest meiner Ferien noch viele Ausflüge vorgenommen“, sagte sie laut. „Jetzt muss ich wirklich …“

„Lassen Sie uns morgen dorthin fahren – oder übermorgen. Das Kloster liegt sehr einsam, und man kann es nicht so leicht erreichen. Aber es lohnt sich.“

„Bestimmt.“ Sie wusste, dass es unhöflich war, aber sie schüttelte seine Hand ab und stieg einfach aus. „Ich weiß nicht, was Julia geplant hat, Signore. Ich halte es in Anbetracht der Umstände für einfacher, wenn ich mir selbst ein Auto miete.“

Sie hatte fest damit gerechnet, dass er daraufhin ohne ein weiteres Wort davonfahren würde. Aber sie hatte sich getäuscht. Schnell stieg er aus und war mit wenigen Schritten neben ihr. „Ich begleite Sie natürlich zur Tür.“

Ein Blick in sein Gesicht ließ es ihr geraten scheinen, nicht zu widersprechen. Wortlos drehte sie sich um und ging vor ihm die zwei Treppen zu Julias Apartment so schnell hoch, dass sie weiche Knie bekam. Glücklicherweise fand sie den Schlüssel in ihrer Tasche sofort, steckte ihn ins Schloss und griff dann zur Klinke.

„Nochmals vielen Dank“, sagte sie und warf sich ihren Zopf über die Schulter. „So habe ich etwas mehr Zeit, für Julia zu kochen – natürlich nur, wenn sie nicht mit Ihnen zum Essen verabredet ist. Auf alle Fälle werde ich ihr sagen, wie … wie nett Sie sich um mich gekümmert haben.“

„So?“ Es schien ihn nicht im Geringsten zu interessieren, was sie der Frau, die er liebte, sagte. „Wenn ich Ihnen eins raten darf: Kümmern Sie sich nicht um Julia, sondern nehmen Sie ein heißes Bad, und legen Sie sich ins Bett. Sie haben sich bis zur Erschöpfung verausgabt. Deshalb kommen Sie auch mit Ihren Gefühlen nicht klar. Aber beleidigen Sie mich bitte nicht, indem Sie eine Dankbarkeit heucheln, die Sie nicht empfinden. Dazu ist unsere Beziehung, so kurz sie auch ist, viel zu schade.“

4. KAPITEL

Grace war von den Ereignissen des Tages so erschöpft, dass sie schon früh ins Bett ging und Julia nicht mehr sah. Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war Julia schon wieder aus dem Haus.

So dauerte es einen ganzen Tag, bis Grace Julia von der Begegnung mit Matteo di Falco erzählen konnte. Mittlerweile hatte Grace sich schon wieder etwas beruhigt. Sie musste sich eingestehen, dass sie sich durch ihre Grübeleien so in die Sache hineingesteigert hatte, dass sie nicht mehr genau beurteilen konnte, was wirklich passiert war und was sie sich nur einbildete.

Julia jedoch nahm das, was Grace ihr erzählte, nicht weiter ernst. „Das ist typisch für Matteo“, sagte sie. „Er hatte bestimmt bemerkt, dass es dir nicht sehr gut geht, und wollte dir behilflich sein. Es tut mir leid, wenn du dich belästigt gefühlt hast, denn ich nehme an, er wollte einfach nur höflich sein.“

Die Unterhaltung bot Grace keine Gelegenheit, Julia zu berichten, dass Matteo sie zu einem Ausflug zum Kloster eingeladen hatte. Grace hatte den Eindruck, Julia könne das falsch auffassen und sie verdächtigen, sich zwischen sie und ihren Freund drängen zu wollen.

Dennoch fragte sich Grace, ob Julia sich nicht vielleicht vergebliche Hoffnungen machte. Würde Matteo Julia wirklich heiraten, nur weil sie schwanger war? Er könnte die Vaterschaft abstreiten und Julia als Lügnerin beschimpfen. Und selbst wenn ein Test schließlich das Gegenteil bewies – wer sollte sich bis dahin um Julia kümmern?

Grace wusste nur eins: An Julias Stelle würde sie es nicht so kaltblütig hinauszögern. Sie konnte schon nicht verstehen, wieso Julia es überhaupt zu einer Schwangerschaft hatte kommen lassen. Noch weniger verstand sie, warum ihre Freundin ein solches Geheimnis daraus machte.

„Seit wann weißt du es?“, fragte sie. Erst als Julia sie verständnislos ansah, fiel ihr ein, dass diese ja nicht Gedanken lesen konnte. „Das mit dem Baby, meine ich“, setzte sie schnell hinzu.

Julia zuckte die Schultern. „Noch nicht lange. Warum fragst du?“

„Aus naheliegenden Gründen, würde ich meinen“, verteidigte sich Grace. „Ich wollte eigentlich nur wissen, wann du es Matteo sagen willst.“

„Das habe ich dir doch schon gesagt: dann, wenn die Marchesa nichts mehr dagegen unternehmen kann.“

„Aber bist du dir wirklich sicher, dass sie auf einer Abtreibung bestehen würde? Sie ist Katholikin und …“

„Du weißt gar nicht, was diese Adelsgeschlechter alles tun, um ihr Blut rein zu halten“, unterbrach Julia ihre Freundin.

„Also wann?“ Grace ließ nicht locker. „In zwei Monaten? In drei Monaten? Du wirst es nicht länger verbergen können, Babys sieht man nämlich.“

„Nicht immer. Ich habe gerade von einer Frau gelesen, die von den Wehen völlig überrascht wurde.“

„Die hatte bestimmt nicht deine Figur.“ Grace konnte über so viel Unverstand nur den Kopf schütteln.

Julia trank einen Schluck Wein. „Warum interessiert dich das eigentlich alles?“ Sie runzelte plötzlich die Stirn. „Du hast doch Matteo nichts gesagt, oder?“

„Natürlich nicht!“ Grace war froh, endlich bei der Wahrheit bleiben zu können. „Ich mache mir nur Gedanken. Du arbeitest noch, machst sogar Überstunden. Vielleicht möchte Matteo das nicht und hätte es lieber, wenn du damit aufhören würdest.“

„Vielleicht auch nicht.“ Julia zog ein Knie hoch und betrachtete es. „Dachte ich es mir doch, ich bin gestochen worden. Komm, lass uns reingehen.“

Grace wäre lieber auf dem Balkon geblieben. Die Nacht war lau, und es duftete nach den Blumen im Garten. Irgendwo spielte jemand Geige, und aus dem Nachbarhaus drangen gedämpfte Stimmen und leises Lachen. Grace wäre plötzlich gern ausgegangen. Seltsam, dachte sie, normalerweise bedeuten mir Tanz und festliche Gesellschaft nicht viel.

„Ich glaube, ich gehe jetzt schlafen“, sagte Julia, leerte ihr Glas und stellte es unsanft auf die Spüle. „Gestern Abend ist es ziemlich spät geworden. Es macht dir doch nichts aus, oder?“

Grace schüttelte den Kopf, obwohl sie den ganzen Tag in der Wohnung zugebracht und sich auf Abwechslung gefreut hatte. Vielleicht sollte sie auch ins Bett gehen und lesen. Sie wollte nur noch warten, bis Julia im Bad fertig war.

Aber Julia war schon längst in ihrem Schlafzimmer verschwunden, als Grace immer noch in ihrem Sessel saß. Sie stand auf, ging eine Weile ruhelos im Wohnraum auf und ab und trat dann auf den Balkon. Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Aber sie erreichte damit lediglich, dass sie die betörenden Düfte der lauen Sommernacht noch mehr in sich aufnahm und ihre Unrast sich weiter verstärkte. Vielleicht hatte der Duft aus Geißblatt, Jasmin und Oleander diese beunruhigende Wirkung auf sie.

Vielleicht hatte sie sich aber auch einfach nur zu wenig bewegt. Es war gerade erst neun, und sie konnte noch einen Spaziergang machen, zumal auf den Straßen noch reger Betrieb herrschte. Die Idee, zum Hafen hinunterzuschlendern und mit dem Taxi zurückzufahren, nahm immer mehr Gestalt an.

Grace blickte an sich hinab. Das enge rote Leinenkleid war für einen abendlichen Bummel genau richtig, und ihr Haar, zu einem französischen Zopf geflochten, saß auch perfekt. Sie nahm ihre Handtasche und verließ das Apartment, bevor sie es sich noch anders überlegen konnte.

Im Treppenhaus roch es verführerisch nach Wein und Pasta, und es schien, als hätten alle Bewohner der Villa Modena heute Besuch. Grace bekam richtig Appetit, denn das Abendessen war recht karg ausgefallen, da Julia vergessen hatte einzukaufen.

Die hohen Absätze ihrer Sandaletten klapperten auf den Marmorstufen und veranlassten den alten Hausmeister, aus seiner Wohnung zu kommen. Er schüttelte den Kopf, als er sah, dass Grace allein war. „Signorina Calloway?“, fragte er und blickte die Treppe hoch.

Grace machte ihm klar, dass sie allein ausgehen wolle.

„Ah, no, Signorina.“ Der alte Man gestikulierte wild und redete auf sie ein, aber Grace verstand ihn nicht. Sie konnte nur erraten, dass er sich Sorgen machte, weil sie ohne Begleitung war. Grace war gerührt von seiner Fürsorglichkeit.

„Kein Problem.“ Sie lächelte. „Zurück Taxi, okay?“

Der Hausmeister wies auf seine Wohnungstür. „Taxi rufen?“

„Nein, nicht jetzt. Nachher.“ Grace verlor die Geduld. „Ich komme wirklich allein zurecht.“ Sie streichelte seinen Arm. „Trotzdem – vielen Dank.“ Dann drehte sie sich um und ging.

Die Straße hinunter zum Hafen war noch sehr belebt. Grace verstand jetzt, wovor der Hausmeister sie hatte warnen wollen: Es waren auffällig viele junge Männer unterwegs, allein und in Gruppen. Sie blieben stehen, sahen ihr schmachtend hinterher, pfiffen oder warfen ihr eine Kusshand zu. Grace war das Aufsehen, das sie erregte, unangenehm, und so beschloss sie, auf den Hafenbummel zu verzichten und direkt in die kleine Taverne zu gehen, in der sie am ersten Tag gewesen war.

Nachdem sie sich gesetzt hatte, musste sie jedoch zu ihrem Unbehagen feststellen, dass derselbe Ober wie damals Dienst hatte. Er erkannte sie sofort wieder und kam strahlend lächelnd auf sie zu. Er begrüßte sie mit einem Wortschwall, von dem sie nichts verstand. Un cappuccino“, brachte sie schließlich hervor.

„Un cappuccino?“ Er lächelte breit und selbstgefällig. „Bene, signorina. Subito.“

Grace atmete erleichtert auf, als er endlich verschwunden war. Aber schon kurz darauf erschien er wieder. „Bella signorina“, flüsterte er zärtlich, als er sich vorbeugte, um die Tasse auf den Tisch zu stellen. Dann sagte er noch etwas, das sie nicht verstand. Erst jetzt wurde Grace klar, dass er sich einbildete, sie sei seinetwegen hier. Anscheinend merkte er, dass Grace kein Italienisch verstand, denn er teilte ihr in gebrochenem Englisch mit, dass er ab zehn Uhr freihabe.

Grace bekam es mit der Angst zu tun, denn es war schon Viertel vor. Wie sollte sie ihn nur abwimmeln, wenn sie nicht seine Sprache sprach? Er würde sich bestimmt stur stellen und so tun, als würde er sie nicht verstehen.

„Es tut mir leid“, sagte sie und blickte in ihre Tasse. „Aber ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor.“

Obwohl andere Gäste nach ihm winkten, ging er nicht. „Wir uns treffen“, beharrte er und berührte ihre Schulter, als er den Löffel gerade rückte. „Wir werden haben schöne Zeit.“

„Nein!“

Jetzt reichte es Grace. Entschlossen schob sie ihren Stuhl zurück, um aufzustehen, da ging gerade ein anderer Mann am Tisch vorbei. Er unterdrückte einen Fluch, als ihn die Rückenlehne mit voller Wucht traf. Erschrocken drehte sich Grace um.

Sie hätte es nicht für möglich gehalten, dass sie sich einmal freuen würde, Matteo di Falco zu sehen. Aber sie tat es und dachte auch gar nicht weiter darüber nach, ob diese Begegnung rein zufällig war.

„Stimmt etwas nicht, cara mia?“, fragte Matteo und sah sie dabei bedeutungsvoll an. Grace verstand sofort, dass er die Situation erfasst hatte und ihr die Gelegenheit bot, sich aus der Affäre zu ziehen.

„Oh, da sind Sie ja“, sagte sie und rang sich ein Lächeln ab. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie der Ober zusammenzuckte. Gleichzeitig sah sie jedoch auch, dass sich etliche Gäste nach ihnen umdrehten. „Möchten Sie sich nicht setzen?“, fragte sie Matteo deshalb höflich.

„Warum nicht?“ Er rückte ihr den Stuhl zurecht, bevor er sich selbst setzte. Dann sah er den Ober herausfordernd an. „Un espresso, per favore.“

„Si, signore.“

Falls der Ober in seinem Stolz getroffen war, verbarg er es mannhaft. Grace atmete erleichtert auf, als er sich endlich entfernte. Ihr Abendspaziergang war bisher wirklich kein Erfolg gewesen.

Grace hätte jetzt einen Schluck Kaffee gut vertragen können, traute sich jedoch nicht, zur Tasse zu greifen. Sie war sich sicher, dass ihre Finger zitterten. Und das nicht nur wegen des Zwischenfalls mit dem Ober. Es lag an dem Mann, der ihr gegenübersaß. Natürlich hatte er ritterlich gehandelt und ihr aus der Verlegenheit geholfen. Aber an der Lauterkeit seiner Motive hegte sie große Zweifel.

„Ich wollte gerade gehen“, sagte sie und errötete, als sie sah, wie er auf ihre Tasse blickte.

„Ohne zu trinken? Warum denn das? Oder ist der Cappuccino nicht in Ordnung?“

„Doch.“ Sie holte tief Luft. „Sie wissen ganz genau, was los ist. Sind Sie mir wieder gefolgt?“, fragte sie nach kurzem Zögern.

Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Sie sagen das in einem Ton, als würde ich Ihnen nachstellen.“

„Tun Sie das etwa nicht?“, fragte sie aufgebracht.

Sein Lächeln wurde zwar schwächer, aber Matteo blieb ruhig. „Ich bin natürlich nicht zufällig hier“, gab er zu. „Aber bevor Sie die Polizei rufen, hören Sie mich bitte an. Ich bin Ihnen gefolgt, weil mich der alte Benito darum gebeten hat.“

„Benito?“ Grace wusste nicht, wen er meinte.

„Benito Rossi, aus der Villa Modena“, erklärte Matteo geduldig. „Er hat sich Sorgen gemacht, weil Sie allein aus dem Haus gegangen sind.“

„Ach, Sie meinen den Hausmeister!“ Endlich verstand Grace. „Aber …“ Sie überlegte fieberhaft. „Was wollten Sie denn in der Villa?“

Er zuckte die Schultern. „Muss ich diese Frage beantworten?“

Grace errötete. „Julia hat mir nicht gesagt, dass Sie kommen wollten. Außerdem …“ Sie musterte ihn misstrauisch. „Sie kann Sie gar nicht erwartet haben. Sie ist nämlich schon sehr früh ins Bett gegangen.“

„Das hätte mich vielleicht gar nicht so sehr gestört“, bemerkte er amüsiert, und Grace musste an das denken, was sie wusste und er nicht.

„Das mag sein. Aber Julia hätte es mir bestimmt gesagt, wenn sie mit Ihnen verabredet gewesen wäre.“

Der Ober erschien mit dem Espresso, und Matteo bezahlte sofort – auch den Cappuccino, sodass Grace keine Gelegenheit zum Protest hatte.

„Okay, Julia wusste nicht, dass ich heute Abend kommen wollte“, gab er zu. „Ich wollte vorschlagen, diese Woche irgendwann zu dritt essen zu gehen.“ Er sah ihr tief in die Augen. „Damit Sie sich selbst davon überzeugen können, dass ich nicht der – wie soll ich sagen –, dass ich nicht der Windhund bin, für den Sie mich halten.“

Grace schluckte mühsam. „Ich habe Sie nie als Windhund bezeichnet, Signore“, antwortete sie dann, nahm ihre Tasse in beide Hände und führte sie vorsichtig zum Mund. Sie wollte sie endlich leeren, damit sie gehen konnte. „Ich weiß nur nicht, warum Ihnen so wichtig ist, was ich von Ihnen halte.“

„Ich glaube, das wissen Sie ganz genau.“ Er lächelte spöttisch.

„Nein, das weiß ich nicht.“ Sie stellte die Tasse ab. „Und warum haben Sie nicht einfach angerufen und uns eingeladen?“

„Eine gute Frage.“ Er ließ einen Finger auf dem Tassenrand kreisen. „Vielleicht habe ich gehofft, Julia wäre nicht zu Hause.“

Grace schnappte nach Luft. „So etwas wie Gewissen ist wohl ein Fremdwort für Sie?“, fragte sie empört.

„Warum?“ Er wich ihrem Blick nicht aus. „Weil ich sage, was ich denke? Passt Ihnen das nicht? Oder weil ich ein Mann bin? Julia hatte mich schon gewarnt, dass Sie für Männer nichts übrighaben.“

Grace verschlug es die Sprache. „Das hat sie gesagt?“, brachte sie schließlich mühsam hervor.

„Ja. Stimmt das etwa nicht?“

„Ja … Nein …“ Sie war wie vor den Kopf gestoßen, doch dann riss sie sich zusammen. „In dieser Form stimmt das jedenfalls nicht.“

„Und wie soll ich das bitte verstehen?“ Er zog fragend die dunklen Brauen hoch.

„Ich … ich habe Männerbekanntschaften“, erklärte sie. „Aber ich bin nicht verheiratet. Das ist Julia ja auch nicht.“

„Nein“, gab Matteo zu. „Der Unterschied ist nur, dass Julia es zu gern wäre.“

5. KAPITEL

Stimmte das, was Matteo da gesagt hatte?

Grace war plötzlich wütend auf sich. Wieso rechtfertigte sie sich eigentlich ihm gegenüber?

„Sie wissen doch gar nicht, was ich mir wünsche“, antwortete sie abwehrend.

„Dann sagen Sie es mir“, bat er heiser, lehnte sich über den Tisch und nahm ihre Hand.

Grace konnte über sein Benehmen nur staunen. „Was kann Ihnen das bedeuten? Oder ist Ihr Jagdtrieb erwacht, weil Julia Ihnen erzählt hat, dass ich mich nicht für Männer interessiere? Fühlen Sie sich durch eine Frau wie mich herausgefordert, Ihre rabiate Männlichkeit unter Beweis zu stellen?“

„Das ist ja äußerst interessant“, sagte er leise. „Sie finden meine Männlichkeit also rabiat?“

„Nein!“ Zu spät merkte Grace, dass sie sich verrannt hatte. „Aber es ist offensichtlich, was Sie von sich halten.“

„So?“ Er streichelte ihre Hand. „Und was soll ich davon halten, dass Ihre Finger zittern? Wenn es nicht Leidenschaft ist, muss es Ärger sein. Ärger über mich.“

Wenn er nur wüsste …

„Ich möchte jetzt gehen. Bitte lassen Sie meine Hand los.“

„Was? Damit Sie Ihren Stuhl wieder so unkontrolliert zurückschieben, dass Sie einen anderen armen Bastardo fast entmannen? Der Chef des Hauses würde mir das bestimmt nicht danken.“

„Ich habe Sie doch nicht …“ Grace’ Blick wurde wie magisch von der silbernen Gürtelschnalle seiner Jeans angezogen. „Ich habe Ihnen nicht wehgetan – oder doch?“

„Und wenn?“, zog er sie auf. „Aus Ihrer Sicht haben Sie doch den Frauen von Portofalco einen großen Dienst erwiesen. Denken Sie nur, wie erleichtert alle sein werden, wenn ich meinen … meinen Zauber verloren habe.“

Grace blickte auf. „Es macht Ihnen anscheinend Spaß, sich über mich lustig zu machen!“

„Ich glaube, Sie nehmen mich einfach zu ernst.“ Seine Stimme wurde sanfter. „Also, Sie haben mir nicht wehgetan. Und wenn, dann nur ein bisschen.“

„Ich finde Ihr Verhalten provozierend!“

„Wieso?“ Matteo lächelte sinnlich. „Provozierend wäre allenfalls gewesen, wenn ich Sie gebeten hätte, mich gesundzuküssen.“

„Sie sind widerlich!“ Grace rang nach Luft. „Ich will jetzt gehen!“

„Warum? Wir haben doch gerade erst angefangen, uns näher kennenzulernen. Und ich möchte unbedingt mehr über Sie wissen. Was ist schlimm daran?“

„Und was ist mit Julia? Sie müssen doch wissen, dass Julia Sie …“ Hier musste sie vorsichtig sein. „Dass Julia Sie gernhat.“

„So?“

Seine Gleichgültigkeit erschreckte sie. „Natürlich!“

Er stieß verächtlich die Luft aus. „Julia hat etliche Eisen im Feuer, lassen Sie sich das gesagt sein.“

Grace war entsetzt. „Es ist Ihnen also egal, was Julia von Ihnen denkt?“

„Wir sollten nicht unsere Zeit verschwenden und von Julia reden.“ Er presste die Lippen zusammen. „Erzählen Sie mir lieber etwas von sich, von Ihrer Arbeit. Sie haben einen Job im Museum, nicht wahr? Und Sie sind krank gewesen …“

„Ich möchte aber über Julia sprechen!“, erwiderte sie erregt. „Welche Beziehung hatten Sie die vergangenen sechs Monate zu ihr? Wie eng waren Sie miteinander verbunden? Hatten Sie Julia nicht zu sich nach Hause eingeladen, um …?“

Abrupt ließ Matteo ihre Hand los, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah an ihr vorbei. Er macht keinen Hehl daraus, dass er mich verachtet, dachte Grace. Sein Schweigen bedrückte sie.

„Es tut mir leid, wenn ich … meine Nase in Ihre Angelegenheiten gesteckt habe“, sagte sie schließlich stockend. Er warf ihr einen verächtlichen Blick zu.

„Das haben Sie von Julia, stimmt’s? Dass ich sie nach Valle di Falco eingeladen habe, um sie meiner Familie vorzustellen?“

Grace nickte nur und überlegte angestrengt, was genau Julia eigentlich gesagt hatte.

Matteo beugte sich vor und sah ihr in die Augen. „Wenn ich Ihnen schwöre, dass ich Julia nicht eingeladen hatte, um sie meiner Großmutter vorzustellen, würden Sie mir das glauben?“

Grace war verwirrt. „Aber Julia war doch bei Ihnen!“

„Sie war in unserer Villa, ja.“ Er atmete tief durch. „Sie interessierte sich für das Weingut. Deshalb schlug ich ihr vor, an ihrem nächsten freien Wochenende den Betrieb anzusehen. Unglücklicherweise betrachtete Julia das als eine förmliche Einladung fürs Wochenende. Den Rest kennen Sie ja.“

Grace runzelte die Stirn. Sie hätte ihm am liebsten nicht geglaubt, aber leider überzeugte sie seine Version mehr als die von Julia. „Trotzdem“, beharrte sie. „Sie müssen gewusst haben, wie Julia das auffassen würde. Schließlich waren Sie schon seit sechs Monaten … befreundet.“

„Wenn Sie sagen, sechs Monate, werden es wohl auch sechs Monate sein.“ Er hob beschwörend die Hände. „Aber bitte glauben Sie mir, Julia weiß genau, woran sie mit mir ist. Wir hatten unseren Spaß zusammen, und jetzt geht jeder eigene Wege.“

„Eigene Wege?“ Ihre Stimme klang schrill, und Matteo musterte Grace aus halb geschlossenen Augen.

„Warum nicht? Es war eine offene und lockere Beziehung, das war Julia von Anfang an genauso klar wie mir. Ich habe nicht die Absicht, noch einmal zu heiraten.“

Grace war die Kehle wie zugeschnürt. „Aber … aber Sie haben Julia doch geliebt!“

Matteos Mund bekam einen harten Zug. „Ich habe mit Julia geschlafen“, korrigierte er sie. „Das ist keine Bindung auf Lebenszeit.“

„Sie haben doch vorhin selbst gesagt, dass Julia gern heiraten würde.“

„Nicht mich“, sagte er nachdrücklich. „Und jetzt trinken Sie bitte Ihren Cappuccino aus, damit ich Sie nach Hause bringen kann.“

Grace schob ihren Stuhl zurück. „Das ist wirklich nicht nötig.“

Matteo seufzte. „Ich dachte, diese Diskussion hätten wir abgeschlossen.“ Er stand auf und stellte sich neben sie. „Ich schlage vor, wir verlassen dieses Lokal, ohne dass es zu weiteren Szenen kommt.“

Wortlos erhob sich Grace und ging auf die Straße voraus. Dort drehte sie sich zu ihm um. „Ich muss Sie warnen, Signore, ich gehe nicht mit jedem ins Bett.“

Er biss sich auf die Lippe. „Das tue ich auch nicht. Grace, ich bin nicht Ihr Feind, wirklich nicht. Und jetzt möchte ich Sie nach Hause bringen, wie es die Höflichkeit gebietet.“ Er öffnete ihr die Autotür.

Als Matteo rückwärts aus der Parklücke fuhr und einen Arm auf die Rückenlehne des Beifahrersitzes legte, versteifte Grace sich unwillkürlich. Matteos Nähe machte sie nervös, und ihr Herz schlug wie rasend. Noch nie hatte ein Mann eine derart verheerende Wirkung auf sie ausgeübt, und Grace kamen plötzlich Zweifel an ihrer bisher unerschütterlichen Überzeugung, dass sie immun gegen sexuelle Reize sei.

„Woran denken Sie?“, fragte er, als er vor einer Kreuzung die Geschwindigkeit drosselte.

Autor

Anne Mather

Ich habe schon immer gern geschrieben, was nicht heißt, dass ich unbedingt Schriftstellerin werden wollte. Jahrelang tat ich es nur zu meinem Vergnügen, bis mein Mann vorschlug, ich solle doch meine Storys mal zu einem Verlag schicken – und das war’s. Mittlerweile habe ich über 140 Romances verfasst und wundere...

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