Julia Weekend Band 146

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IN DER OASE DES SCHEICHS von CAROL GRACE

Weit ist der Himmel über der Wüste, doch eng ist es um Claudias Herz. Bleibt ihre Sehnsucht nach Scheich Samir auf ewig unerfüllt? Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, verlobt sich die Liebe ihres Lebens in wenigen Tagen in seiner Heimat Tazzatine mit einer anderen Frau …

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  • Erscheinungstag 05.09.2026
  • Bandnummer 146
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539616
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Carol Grace, Sharon Kendrick, Lynne Graham

JULIA WEEKEND BAND 146

Carol Grace

1. KAPITEL

„Gute Neuigkeiten!“

Claudia blickte von ihrem Schreibtisch auf und sah ihren Chef Samir Al-Hamri mit verschränkten Armen an der Tür ihres Büros stehen, ein strahlendes Lächeln auf dem attraktiven Gesicht.

„Dann klappt es also mit der Firmenfusion?“ Schon seit Monaten führten sie Verhandlungen mit einer konkurrierenden Reederei in Samirs Heimat Tazzatine.

„Ja, endlich. Das war ein steiniger Weg, und ohne Sie hätte ich es nicht geschafft.“

Claudia errötete vor Freude. Sie wusste, dass ihr Boss ihren Fleiß und ihren Einsatz schätzte, ebenso ihre Bereitschaft, Überstunden zu machen, und das Engagement für die gemeinsame Aufgabe. Aber er wäre sicher nicht besonders erfreut, wenn er von ihren ganz persönlichen Gefühlen für ihn wüsste. Und so setzte sie alles daran, sich nichts anmerken zu lassen, auch wenn ihr das nicht immer leichtfiel, denn er war alles andere als ein gewöhnlicher Vorgesetzter.

Samir Al-Hamri war ein Scheich. Er gehörte der Herrscherfamilie seines Landes an und verfügte über mehr Geld, als man in einem ganzen Leben ausgeben konnte. Zudem sah er fantastisch aus, war in Eliteschulen ausgebildet worden, hatte Sinn für Humor und war auch noch sehr großzügig. Er belohnte ihre Tüchtigkeit mit regelmäßigen Gehaltserhöhungen, ohne dass sie je das Thema ansprechen musste. Das Einzige, womit er geizte, war Urlaub. Er selbst nahm keinen, und er fand, dass sie auch keinen brauchte.

Claudia war es egal. Wenn sie Urlaub hätte, würde sie ihn nicht jeden Tag sehen. Könnte nicht mit ihm über neue Schifffahrtsrouten diskutieren, über interessante Projekte in aller Welt oder die Entwicklung des Ölpreises. Wer sonst würde mit ihr über alternative Energiequellen oder die Zukunft der Containerschifffahrt reden? Sicher keine ihrer Freundinnen aus dem Kochklub oder dem Literaturkreis. Aber vielleicht waren das ja auch ungewöhnliche Interessen für eine junge Frau von achtundzwanzig Jahren mit abgeschlossenem Englischstudium.

Als sie sich auf das Stellenangebot bewarb, war es für sie nur eine unter vielen Jobmöglichkeiten gewesen, wenn auch eine hoch bezahlte. Doch für Samir zu arbeiten, stellte eine Herausforderung dar, und es hatte ihr in vieler Hinsicht die Augen geöffnet. Seine Begeisterung für die internationale Schifffahrt und das Imperium, das eines Tages ihm gehören würde, war ansteckend. Inzwischen lag ihr die Zukunft des Familienunternehmens ebenso am Herzen wie ihm.

„Ihre Familie wird sich freuen“, sagte sie.

Er zögerte kurz, ging dann zum Fenster ihres Büros und blickte hinaus auf die Bucht von San Francisco. Die Golden Gate Bridge, Angel Island und Alcatraz lagen vor ihm im strahlenden Licht der Morgensonne.

„Ja, natürlich. Es ist ein Neubeginn. Das Ende des Konkurrenzkampfs und der Feindseligkeiten zwischen den Al-Hamris und den Bayadhis, aber …“

Sie wartete, ob er fortfahren würde. Doch er sagte nichts. Irgendetwas stimmte nicht. Sie kannte ihn gut genug, um das zu spüren. Warum telefonierte er nicht mit seinen Freunden, machte Pläne, teilte der Presse die Neuigkeit mit? Stattdessen stand er gedankenverloren da.

„Was ist mit den Verträgen?“ Sie hielt den Ordner hoch. „Es ist noch nichts unterschrieben.“ Vielleicht war das der Grund. Er wollte nicht feiern, bis die Sache wirklich besiegelt war.

„Das geschieht alles in Tazzatine, am Einundzwanzigsten dieses Monats.“ Er blickte hinüber zum Foto des direkt am Meer errichteten Wolkenkratzers, der den Stammsitz der Al-Hamri Reederei beherbergte, umgeben von weiteren Hochhäusern mit teuren Apartments, einem Sportkomplex und einer exklusiven Shoppingmeile.

„Bis dahin gilt die mündliche Zusage.“

„Dann sollten Sie die auch feiern. Ich könnte Ihnen für heute Abend einen Tisch im La Grenouille bestellen.“

Er drehte sich zu ihr um und fuhr sich mit der Hand über das Kinn, aber er sagte noch immer nichts.

„Warum nicht“, meinte er schließlich. „Und dann buchen Sie bitte zwei Tickets erster Klasse nach Tazzatine für den …“ Er ging quer durch den Raum und warf einen Blick auf den Wandkalender. „Sagen wir für den Fünfzehnten. Lassen Sie den Rückflug offen.“

Claudia notierte sich den Termin. „Zwei?“

„Zwei. Für Sie und mich.“

Sie war wie vom Blitz getroffen. „Ich soll mitkommen?“

In den zwei Jahren, die sie für ihn arbeitete, hatten die geschäftlichen Termine, zu denen sie ihn begleitete, nie weiter als ein oder zwei Autostunden entfernt in Silicon Valley oder Sacramento gelegen. Und jetzt sollte sie mit ihm um die halbe Welt reisen. „Meinen Sie das im Ernst?“

„Natürlich. Sie haben den Vertrag aufgesetzt und haben alle Einzelheiten im Kopf. Ich kann ihn also auf keinen Fall ohne Sie unterschreiben.“

„Ich … nun …“

„Die Sache ist zu wichtig. Es kann in letzter Sekunde zu Problemen oder Einwänden kommen. Möglicherweise müssen Änderungen gemacht werden. Ich brauche Sie dabei. Sie wissen, dass ich nicht alle Details parat habe.“

Das stimmte. Er war der Mann der großen Pläne, er hatte den Überblick, brachte die Dinge voran. Sie kümmerte sich um die Einzelheiten. Sie waren ein Team.

„Ich denke, ich sollte hier im Büro bleiben. Wenn Sie mich brauchen, bin ich auch hier jederzeit erreichbar.“

„Das bringt nichts. Ich will Sie dabeihaben. Machen Sie sich keine Sorgen. Tazzatine ist ein sehr modernes Land. Sie müssen keinen Schleier tragen. Die Frauen dort fahren Auto, gehen einkaufen, schwimmen, spielen Golf. Zumindest in der Hauptstadt.“

Das war es nicht, was sie zögern ließ. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, ihn in seine Heimat zu begleiten und seine Angehörigen kennenzulernen. Mehr denn je würde sie dann spüren, wie hoffnungslos ihre Liebe zu ihrem Chef war. Er würde eines Tages einen kleinen Staat regieren, und seine Familie setzte hohe Erwartungen in ihn.

Sie käme sich wie eine Außenseiterin vor. Natürlich würde man nett zu ihr sein. Sie hatte schon oft von der legendären Gastfreundschaft gehört. Dennoch gehörte sie nicht dazu, und dort würde das ganz klar zutage treten.

Andererseits wäre sie vielleicht danach ein für alle Mal geheilt. Kaum denkbar, nach einer solchen Reise immer noch davon zu träumen, dass ihr Boss eines Tages von seinem Schreibtisch aufblicken und ihr seine Liebe erklären könnte.

Sie schüttelte den Kopf, um sich von diesen Gedanken zu befreien. Er liebte sie nicht und würde auch nie mehr als Achtung für sie empfinden. Soweit sie wusste, gab es keine Frau in seinem Leben. Auch wenn es nicht an Anwärterinnen mangelte. Glamouröse Frauen aus der besten Gesellschaftsschicht. Claudia kannte sie aus den Hochglanzzeitschriften und vom Telefon. Denn es gehörte auch zu ihren Aufgaben, ihren Chef vor zudringlichen Anrufen zu schützen.

Wenn er sich in keine dieser Schönheiten verliebte, welche Chance hatte sie dann? Sie war nicht strahlend schön, eher unscheinbar, kaufte Kleider von der Stange, trug bequeme Schuhe und eine schlichte Frisur. Auch gehörte ihre Familie nicht zu den oberen Zehntausend, sondern lebte in einfachen Verhältnissen.

Und sie wollte es auch nicht anders haben. Lächerlich, wenn sie plötzlich in einem modischen engen Kleid im Büro erschiene, sich bei einem teuren Friseur Strähnchen machen ließe und dann geschminkt und mit hohen Absätzen herumstöckeln würde.

Es musste genügen, dass er sie respektierte und sich auf sie verließ. Mehr konnte daraus nicht werden.

„Alles in Ordnung?“ Samir beugte sich über ihren Schreibtisch und sah ihr in die Augen. „Sie sind mit Ihren Gedanken ganz woanders. Haben Sie überhaupt mitgekriegt, was ich gerade gesagt habe?“

„Ja, natürlich.“ Sie schob ihren Stuhl zurück und stand auf. Sie musste auf Distanz gehen. Brauchte Abstand zu seinem durchdringenden Blick und seiner männlichen Ausstrahlung. Allein schon seine Stimme mit dem kaum wahrnehmbaren Akzent, der die Schulzeit in den USA und Europa überdauert hatte, ließ ihre Knie weich werden. Jetzt war nicht der richtige Moment, um mit ihm über die Reise zu debattieren. Sie fühlte sich der Situation nicht gewachsen. „Ich verstehe nicht, warum …“, begann sie zaghaft.

„Worüber zerbrechen Sie sich den Kopf? Der Flug wird komfortabel sein, und das Land ist faszinierend mit seiner Mischung aus Tradition und Moderne.“

„Ich weiß. Sie haben mir oft von der modernen Großstadt und der umliegenden Wüste erzählt. Von den Oasen und den Rennpferden, die Sie züchten. Ich bin sicher, alles ist wunderschön, aber …“ In einer hilflosen Geste hob sie die Hände.

„Es ist eine andere Welt“, sagte er. „Sie müssen sie gesehen haben, um sie wirklich zu verstehen. Alles, nicht nur die Ölplattformen und die neue Cityskyline, die Wüste und die Villa meiner Familie in der Palmenoase. Ich möchte, dass Sie die Menschen kennenlernen – meine Verwandten und die Bayadhis. Erst dann können Sie wirklich begreifen, was diese Firmenzusammenführung für uns alle bedeutet. Ja, Sie kommen mit!“

Sie schien keine Wahl zu haben. Vielleicht war es ja wirklich eine unwiederbringliche Chance, seine Welt zu erleben. Und wie sollte sie ihm etwas abschlagen, wenn er sie so anblickte? Seine braunen Augen leuchteten, und sie konnte den Blick nicht abwenden. Das dunkle Haar fiel ihm in die Stirn, bis er es mit einer ungeduldigen Bewegung zurückstrich. Alles an ihm strahlte Entschlossenheit aus. Menschen, die ihn nicht näher kannten, hielten ihn oft für arrogant, denn wenn Samir Al-Hamri etwas wollte, dann bekam er es auch.

„Also gut, ich komme mit“, gab sie nach.

„Ich wusste, dass ich mich auf Sie verlassen kann.“

Natürlich wusste er das. Als ob ich ihn je im Stich gelassen hätte. Egal, um was es geht, Überstunden, Besorgungen oder Ausreden ausdenken, auf mich kann er zählen.

„Ich brauche jetzt erst mal einen Kaffee.“ Sie verspürte das dringende Bedürfnis, sich aus seiner Nähe zu entfernen, bevor sie überhaupt nicht mehr klar denken konnte. „Möchten Sie auch einen?“

„Ja, gerne. Mit Milch und zwei Löffeln Zucker.“

Trotz ihrer Verwirrung musste sie lächeln. Glaubte er im Ernst, dass sie nach zwei Jahren immer noch nicht wusste, wie er seinen Kaffee trank? Dass er Sandwiches lieber mit Senf als mit Mayonnaise aß, Merlot ihm besser schmeckte als Cabernet, er lieber in den Zirkus als in die Oper ging und Schumann ihm besser gefiel als Strawinsky?

„Ach ja, Claudia!“

Sie blieb an der Tür stehen und wandte sich um.

„Noch etwas. Während unseres Aufenthalts in Tazzatine werde ich mich verloben.“

Automatisch griff sie nach der Türklinke. Vor ihren Augen drehte sich alles. Würde sie ohnmächtig werden? Sie zwang sich, tief durchzuatmen und sich nichts anmerken zu lassen.

„Herzlichen Glückwunsch!“, brachte sie hervor. Was sollte sie auch sagen? „Das ist eine … ziemliche Überraschung.“

„Für mich nicht. Die Sache ist schon lange geplant. Unsere Familien sind seit jeher befreundet. Es handelt sich nur um eine Formalität.“

„Nur eine Formalität“, murmelte sie. „Wie schön.“

Irgendwie schaffte sie es bis zu einem der Ledersessel, die an der Wand ihres Büros standen, und ließ sich in einen davon sinken. Nur für einen Augenblick. Nur bis ich wieder Luft bekomme und meine Beine nicht mehr so zittern, dachte sie. Mit großer Anstrengung gelang es ihr, höfliches Interesse zu mimen, nicht mehr und nicht weniger.

„Sie werden sich verloben“, wiederholte sie, als würde die Tatsache dadurch begreiflicher. Vielleicht hatte sie sich verhört. Wie sollte er das alles geplant haben, ohne dass sie etwas davon mitbekommen hätte. Seine gesamte Korrespondenz ging über ihren Schreibtisch. Sie nahm alle Anrufe entgegen, bearbeitete seine E-Mails. „Wer ist sie?“

„Sie heißt Zahara Odalya.“ Er holte ein Foto aus seiner Westentasche. Er hatte tatsächlich ein Bild von ihr dabei. Claudia musste gegen eine aufkommende Übelkeit ankämpfen. Sie konnte es nicht glauben. Man würde doch nur das Foto einer Frau einstecken, wenn man sie liebte. Ihr Chef war verliebt. Alles sprach dafür. Sie hatte ihn völlig falsch eingeschätzt.

„Hier.“ Er reichte ihr das Bild einer aufregend attraktiven Frau mit langem dunklem Haar, makellosem Teint und einem unergründlichen Ausdruck in den Augen.

„Oh, sie ist wunderschön.“ Wie viel Selbstbeherrschung sie dieser kurze Satz kostete, würde er nie erfahren.

„Anscheinend.“

„Sie haben sie länger nicht gesehen?“

„Sehr lange. Wir haben als Kinder zusammen gespielt. Damals war sie oft bei meiner Schwester. Später ging sie in London zur Schule. Ich war damals in Paris. Wir haben uns nie mehr getroffen.“

„Kaum zu glauben, dass sie nicht schon längst geheiratet hat“, murmelte Claudia. Eine Frau mit diesem Aussehen und aus einer der besten Familien der arabischen Welt stammend. Es war kaum vorstellbar.

Er nahm ihr das Foto aus der Hand und betrachtete es nachdenklich. „Ja, es ist verwunderlich. Aber vielleicht hat sie auf mich gewartet. Das wird es sein.“ Er zuckte die Schultern. „Es ist eine gute Verbindung. Tradition und Familie sind das Wichtigste in unserer Welt. Sie werden das bald selbst erleben.“

Auf keinen Fall! Sie würde nicht um die halbe Welt reisen, um dabei zu sein, wenn ihr Chef sich mit einer Frau verlobte, die er nicht liebte. Sie war eine loyale Angestellte, aber das musste sie sich nicht antun.

„Wissen Sie, Sam …“ Angesichts seiner Position war es ihr zunächst schwergefallen, ihn mit dem Vornamen anzureden, aber er hatte darauf bestanden. „Ich kann Sie wirklich nicht begleiten.“

Mit hochgezogenen Augenbrauen wartete er auf ihre Begründung, damit er sie entkräften konnte. Sie musste sich etwas Gutes einfallen lassen. Wenn es darauf ankam, konnte sie ebenso entschlossen sein wie er.

„Ich … habe genau an diesem Termin eine dringende Verpflichtung.“

„Was für eine Verpflichtung? Ihre Verantwortung gegenüber dem Unternehmen hat Vorrang!“

„Das weiß ich. Und so habe ich es auch immer gehandhabt. Aber ich bin Trauzeugin bei der Hochzeit meiner Freundin Susan.“ Sie hatte tatsächlich eine Freundin namens Susan, nur dass die nicht im Traum daran dachte, zu heiraten. Aber woher sollte Sam das wissen? Selbst wenn er ihr nicht glaubte – und ein Blick in sein Gesicht überzeugte sie davon –, so konnte er ihr doch nicht das Gegenteil beweisen.

„Was für ein Zufall. Ihre Freundin heiratet genau an dem Tag, an dem die Verträge unterzeichnet werden. Das haben wir aber schlecht geplant. Komisch, dass Sie die Hochzeit bisher nie erwähnt haben“, bemerkte er trocken.

„Es tut mir leid. Ich habe einfach nicht daran gedacht. Dabei hätte es mir einfallen müssen, denn Juni ist ein beliebter Hochzeitsmonat.“

„Haben Sie auch im Juni geheiratet?“

Claudia biss sich auf die Lippe. Warum musste er das erwähnen? Natürlich hatte er ihrem Lebenslauf entnommen, dass sie kurz verheiratet gewesen war. Aber sie hatte nie darüber geredet und dachte auch nicht mehr oft daran. „Ich habe im Oktober geheiratet und mich im Dezember wieder scheiden lassen. Es war eine sehr kurze Ehe. Das Ganze war ein Fehler.“

„Ist das der Grund, warum Sie nicht mitkommen wollen?“ Er ging auf und ab. Immer wenn sich ihm ein Problem in den Weg stellte, lief er hin und her, so als könnte er es auf diese Weise besser beseitigen. „Ihre Ehe ist gescheitert, und nun fürchten Sie, dass ich den gleichen Fehler begehe.“

Er lag mit seiner Vermutung so falsch, dass sie beinahe lachen musste. „Sie werden ganz sicher nicht den gleichen Fehler machen“, sagte sie. Auf keinen Fall erzähle ich ihm, dass mein Mann mich schon vor der Ehe betrogen hat. Das ist zu demütigend, dachte sie. „Ich bin sicher, Sie werden sehr glücklich sein.“

„Woher wollen Sie das wissen?“, fragte er.

Sie warf einen Blick zur Tür. Warum war sie nicht schon längst Kaffee holen gegangen, bevor sie in diese unerfreuliche Diskussion geriet?

„Weil Sie sich nichts vormachen. Sie wissen, worauf Sie sich mit dieser Verlobung einlassen. Und Ihre Zukünftige weiß es auch.“

„Und wie war es bei Ihnen?“

„Ich dachte, es sei Liebe.“

„Wieso?“

Sie stand auf und ging zur Tür, entschlossen, das Gespräch zu beenden. „Warum man das glaubt?“, entgegnete sie mit leichter Schärfe in der Stimme. „Man hat Herzklopfen, träumt in den Tag hinein, kann nicht schlafen, hat keinen Appetit, kann sich auf nichts konzentrieren. Und man meint, ohne den anderen nicht leben zu können.“

„Toller Zustand“, sagte er mit spöttischem Lächeln. „Da habe ich ja Glück, dass mir das nie passiert ist.“

„Allerdings. Darum werden Sie auch nie leiden müssen.“

„Aber Sie haben gelitten.“

Sie wollte schon widersprechen, besann sich dann aber. „Es geht hier nicht um mich, sondern um Sie. Sie verloben sich. Und Sie werden eine wunderbare Feier im Kreise Ihrer Familie haben.“

„Und mit Ihnen. Sie kommen mit.“

„Nein, ich komme nicht mit, das habe ich schon einmal gesagt.“

„Ich kann nicht glauben, dass Sie mir das abschlagen wollen. War ich nicht immer fair zu Ihnen?“ Er lehnte sich an ihren Schreibtisch und blickte sie fest an.

Claudia seufzte. „Doch.“

„Ich habe nie überzogene Ansprüche gestellt. Außer vielleicht das eine Mal, als Sie bei dieser Wohltätigkeitsveranstaltung Übelkeit vortäuschen mussten, um mich vor der Junggesellenversteigerung zu bewahren. Das ging allen schrecklich nahe.“

Claudia erinnerte sich an die enttäuschten Gesichter der anwesenden Damen, die gehofft hatten, einen Abend mit Sam ersteigern zu können. „Aber nur, weil Sie nicht mehr zur Verfügung standen, nicht, weil ich unpässlich gewesen wäre.“

„Das stimmt nicht. Sie wurden mit Genesungskarten überschüttet. Jetzt sagen Sie bitte die Wahrheit. Das sind Sie mir einfach schuldig. Es gibt doch keine Hochzeit, oder? Sie wollen mein Land nicht kennenlernen, nicht dabei sein, wenn die Verträge unterzeichnet werden. Und mein Privatleben interessiert Sie auch nicht. Dafür habe ich Verständnis. Aber es handelt sich in erster Linie um eine Geschäftsreise, und dafür brauche ich Sie. Warum wollen Sie das nicht verstehen?“

Sie verstand das ja. Aber wie konnte sie bei seiner Verlobung anwesend sein? Es wäre die reinste Folter, ihn Seite an Seite mit dieser überaus attraktiven Frau zu sehen.

„Gut, dann sage ich Ihnen jetzt den wahren Grund. Ich habe Flugangst. Und ich habe befürchtet, dass Sie über mich lächeln, wenn Sie es erfahren.“

„Wovor fürchten Sie sich? Haben Sie Angst, entführt zu werden oder abzustürzen?“

„Beides.“

„Waren Sie deswegen schon bei einem Arzt?“

„Für mich gibt es keine Heilung.“ Das einzig wirksame Mittel für das weitverbreitete Leiden der nicht erwiderten Liebe war die Kündigung. Sie würde den begehrenswertesten, reichsten und bestaussehenden Scheich der Welt nie wiedersehen. Sie musste nur kündigen. Jetzt auf der Stelle. Oder warten, bis er das Büro verließ und ihm dann eine Nachricht auf den Schreibtisch legen. Doch das brachte sie nicht fertig. Sie musste weiterlügen.

„Vielleicht sind es Probleme mit den Ohren. Ich vereinbare einen Termin für Sie bei einem Spezialisten.“

„Das ist nicht nötig. Ich komme nicht mit. Jemand muss im Büro bleiben“, wehrte sie ab. Ein einziges Mal würde sie sich ihm gegenüber durchsetzen. Er konnte sie schließlich nicht gegen ihren Willen an Bord tragen. Natürlich bestand die Möglichkeit, dass er sie feuerte, wenn sie nicht tat, was er verlangte. Vielleicht ist das sogar das Beste. Denn wenn er vorhat, mit seiner Braut hier in San Francisco zu leben, erspart er mir damit die Kündigung, dachte Claudia.

Die Vorstellung, dass seine Verlobte zwischendurch im Büro erschien und dann stundenlang mit ihm hinter verschlossenen Türen verschwand, war ihr unerträglich.

„Wir holen jemanden von einer Zeitarbeitsfirma, um die Telefongespräche entgegenzunehmen. Die anderen Angestellten sind ja alle da“, versuchte Sam sie zu beruhigen. „Die kommen schon zurecht. Wir sind ein kleines Familienunternehmen.“

„Ein kleines Familienunternehmen? Mit Niederlassungen auf der ganzen Welt und einem Millionenumsatz?“

„Das ist richtig. Aber das hier ist ein kleines Büro, auch wenn es zu einem großen Unternehmen gehört.“

„Jetzt hole ich aber wirklich den Kaffee.“

Mit einer schnellen Handbewegung schickte er sie fort. „Dann gehen Sie. Die Sache ist jedenfalls geklärt – Sie kommen mit!“

Als sie sich eine Viertelstunde später stark genug für die nächste Runde fühlte und mit dem Kaffee in sein Büro trat, war es leer. Auf dem Schreibtisch lag die Nachricht, dass er einen Termin habe. Doch als sie in seinem Kalender nachsah, war dort nichts eingetragen.

Sie ging zu ihrem Arbeitsplatz, setzte sich und betrachtete, das Kinn in die Hände gestützt, das an der Wand hängende Porträt seines Großvaters. Es zeigte ihn mit fürstlicher Kopfbedeckung und seinem Lieblingspferd. Nicht mit seiner Frau, sondern mit seinem Pferd. Was verriet das über das Familienleben in Tazzatine? Sicher, auch dort war die Zeit nicht stehen geblieben. Wenn Sam sich allerdings mit einer Frau verlobte, die er nicht liebte, die er nicht einmal näher kannte, nur um seiner Familie einen Gefallen zu tun, dann waren die alten Sitten eben doch noch lebendig.

Wie gerne hätte sie das Land kennengelernt. Sie stellte sich vor, wie sie auf einem Araberpferd über die Sanddünen galoppierte. Schon lange hatte sie sich gewünscht, in einem Zelt in der Wüste zu übernachten, auf dem Markt Pfefferminztee zu trinken und die Bräuche, die Sams Kultur ausmachten, aus nächster Nähe zu erleben. Solange es sich bei den Bräuchen nicht um seine Verlobung handelte.

Wäre es eine reine Geschäftsreise gewesen, dann hätte sie sich nicht länger gesträubt. Sie würde die Fluggesellschaft anrufen und Tickets reservieren. Aber es war eben nicht rein geschäftlich. Und niemand konnte von ihr verlangen, dass sie zusah, wie der Mann, den sie liebte, sich mit einer anderen verlobte.

Bisher war es ihr nicht allzu schwergefallen, ihre Gefühle vor ihm zu verheimlichen. Selbst wenn sie länger arbeiteten und er sie anschließend nach Hause fuhr. Es war auch kein Problem für sie, ihm spätabends wichtige Unterlagen in seine Penthousewohnung zu bringen. Aber es war etwas anderes, ihn ständig um sich zu haben, wenn er seine Hochzeitsvorbereitungen traf. Das war mehr, als sie ertragen konnte. Sie würde nicht mitkommen. Irgendwie musste sie ihm das klarmachen. Sie hatte ihn nicht einmal gefragt, wann die Hochzeit stattfinden sollte. Sie wollte es nicht wissen.

Das Telefon läutete, und sie nahm den Hörer ab. Seine Schwester Amina meldete sich.

„Es tut mir leid, Sam ist nicht im Büro“, sagte Claudia geschäftsmäßig.

„Das ist gut, denn ich möchte Sie sprechen, Miss Bradford“, erwiderte Amina. Dann fuhr sie leise fort: „Wir haben hier ein Problem. Bitte behalten Sie das, was ich Ihnen jetzt sage, für sich. Sam darf nichts davon erfahren.“

Claudia umgriff den Hörer fester. Sie konnte diese Bitte nicht abschlagen. Aber spielte es inzwischen wirklich noch eine Rolle, ob sie ein oder zwei Geheimnisse hütete?

2. KAPITEL

„Es geht um Zahara. Wissen Sie, wen ich meine?“, begann Amina. Ihre Stimme klang beunruhigt, fand Claudia. Doch sie konnte sich auch täuschen. Sie hatte sich nie länger mit Sams Schwester unterhalten.

„Seine … Verlobte?“

„Ja, genau. Ich bin ratlos. Aber ich möchte auf keinen Fall unnötig Staub aufwirbeln. Wenn also später noch jemand von der Familie bei Ihnen anruft, sagen Sie bitte, dass Sam nicht im Büro sei. Ich will nicht, dass er verunsichert wird. Es ist Folgendes: Zahara sollte letzte Woche zur Anprobe kommen. Ich habe für die Verlobungsfeier ein Kleid für sie entworfen und es in Paris anfertigen lassen. Sie hat den Termin verschoben und den nächsten auch. Dann haben wir ausgemacht, dass sie heute zur Anprobe kommt, und sie ist wieder nicht erschienen. Ans Telefon geht sie auch nicht. Meine anderen Kundinnen stellen schon Fragen, weil sie sich nirgends mehr blicken lässt. Ich habe versucht, es abzutun, und gesagt, sie sei wahrscheinlich sehr beschäftigt.“

„Vermutlich ist das auch der Grund. Sie wird viel zu tun haben.“

„Welche Frau findet nicht die Zeit, ein fantastisches Kleid anzuprobieren, das speziell für ihre Verlobung entworfen und in Paris genäht worden ist und noch dazu ein Vermögen kostet?“

„Ich kann mir vorstellen, dass sie vor dem großen Fest sehr viel zu erledigen hat“, meinte Claudia, so als beschäftigte sie sich täglich mit Fragen zu wichtigen gesellschaftlichen Anlässen. Sie musste an die schnelle Anprobe vor ihrer eigenen Hochzeit denken, an den Damenabend, den ihre Freundin Susan für sie organisiert, und an das Probeessen im Restaurant, bei dem Malcolm sich betrunken hatte. Warum hatten damals nicht alle Alarmglocken bei ihr geläutet? Noch wäre Zeit gewesen, die Hochzeit abzusagen. Hoffentlich habe ich inzwischen dazugelernt. Ich will mir nicht noch einmal die Finger verbrennen, dachte sie.

„Sie kennen Zahara nicht“, sagte Amina. „Sie hat nichts zu erledigen. Das übernehmen alles die Bediensteten. Sie hätte nur kommen und das Kleid anprobieren müssen. Was ist nur mit ihr los? Man sollte doch glauben, dass sie glücklich über die Verlobung mit dem begehrtesten Junggesellen des Landes ist!“

„Ist sie es denn nicht?“

Es folgte ein langes Schweigen. Glaubte Amina nicht, dass die zukünftige Verlobte ihres Bruders glücklich war, oder wusste sie nicht, was sie sagen sollte?

Auch Claudia war ratlos. Sollte sie erwidern, dass sich jede Frau bei der Aussicht auf eine Ehe mit Sam wie im siebten Himmel fühlen müsse? Oder sollte sie lieber einen Gemeinplatz über die Nervosität vor dem großen Ereignis von sich geben?

„Was kann ich denn für Sie tun?“, fragte sie schließlich. Warum ruft Amina ausgerechnet mich an? Ich bin auf einem anderen Kontinent und gehöre weder zum Freundeskreis noch zur Familie.

„Sie nehmen doch Sams Anrufe entgegen. Stellen Sie bitte niemanden durch, der ihn beunruhigen könnte. Auch nicht Zahara. Diese Verlobung ist schon seit Ewigkeiten geplant. Es ist die Bestimmung der beiden, zu heiraten. Können Sie sich vorstellen, was diese Verbindung für unsere Familie bedeutet? Natürlich können Sie das. Sie sind Sams vertrauteste Mitarbeiterin. Und wir freuen uns so sehr, Sie endlich kennenzulernen.“

„Ich bin nicht ganz sicher …“ Was soll das alles? Wenn die beiden füreinander bestimmt sind, dann ist es doch wohl kein Weltuntergang, wenn diese Frau ihre Anprobe versäumt.

„Er könnte sein Büro nicht ohne Sie leiten. Ich weiß gar nicht, was wir machen würden, wenn Sie nicht mitkämen. Nicht auszudenken, dass etwas dazwischenkommt und Sie nicht da sind …“

Meinte sie nun die Vertragsunterzeichnung oder die Verlobung? Claudia verlor langsam den Faden.

„Hören Sie zu, Sie müssen sich keine Sorgen machen, alles wird gut gehen. Sämtliche Details sind im Vorfeld besprochen worden. Der Vertrag muss nur noch unterzeichnet werden, und dann …“

„Unsere Familie arbeitet seit Jahren auf diese Verbindung hin. Wir standen schon einmal kurz davor. Aber irgendetwas geht immer schief. So als läge ein Fluch auf dem Ganzen.“

„Sagen Sie doch nicht so etwas. Dieses Mal wird es klappen.“ Sie meinte doch den Vertrag?

„Das haben wir Ihnen zu verdanken. Weil wir Sie nun dabeihaben. Die Wahrsagerin hat mir gesagt, wir müssen unbedingt ein neues Gesicht zu den Verhandlungen mitbringen. Jemanden, der nicht zur Familie gehört. Sonst wird es nichts. Ich denke, sie hat Sie gemeint.“

„Das ist kaum möglich. Sie kennt mich doch gar nicht. Und ich werde vielleicht gar nicht … Kurz gesagt, ich kann nicht mitkommen.“

„Aber Sie müssen kommen!“

Entschlusskraft war offensichtlich ein Charakterzug der ganzen Familie. Wie mochte es wohl zugehen, wenn sich Sam und seine Schwester einmal in die Haare gerieten?

„Vater ist ein eher altmodischer Mensch, aber auch er hat erkannt, dass Frauen inzwischen eine wichtige Rolle im Geschäftsleben spielen. Zuerst war er strikt dagegen, dass ich mich selbstständig mache. Jetzt ist er, glaube ich, stolz auf meinen Erfolg. Von der Prophezeiung der Wahrsagerin habe ich ihm allerdings nichts erzählt. Aber sie hat sich noch nie geirrt.“

„Sie kann nicht mich gemeint haben. Ich bin nur eine ganz normale Angestellte.“ Claudia ließ sich nicht von ihrem Standpunkt abbringen.

„Jedenfalls will sie Ihnen etwas mitteilen, wenn Sie erst einmal hier sind. Ihre Voraussagen sind wirklich zutreffend. Sie werden schon sehen.“

Am liebsten hätte sie Amina gesagt, sie solle die Phrasen ihrer Wahrsagerin für sich behalten. Doch ein Klopfen an der Tür hielt sie davon ab. Sam kam herein, sodass ihr nichts anderes übrig blieb, als das Gespräch rasch zu beenden.

„Wer war das?“, wollte er wissen.

„Meine Freundin Susan.“ Eine Lüge mehr oder weniger spielte nun auch keine Rolle mehr.

„Hoffentlich ist sie nicht zu sehr enttäuscht, dass Sie nicht zu ihrer Hochzeit kommen können.“

Claudia seufzte.

Er lächelte, denn er wusste, dass er gewonnen hatte. Wie immer hatte er die Oberhand behalten. „Sie werden es nicht bereuen. Aber jetzt möchte ich Sie um einen Gefallen bitten.“

Sie blickte auf. Einen Gefallen? Hatte sie ihm nicht gerade einen Riesengefallen getan? Sie entnahm seinem selbstsicheren Lächeln, dass er dieses Mal nicht mit Widerspruch rechnete.

„Ich habe mir gerade Ringe angesehen. Denn natürlich muss ich einen Verlobungsring mitbringen. Aber ich konnte mich einfach nicht entscheiden. Sie haben doch einen guten Geschmack. Nehmen Sie sich den Nachmittag frei. Gehen Sie zu Tiffany’s und wählen Sie einen Ring aus. Sie können ihn auf meine Rechnung setzen lassen. Ich hatte an Diamanten gedacht. Groß, aber nicht protzig. Sie wissen sicher, was Frauen mögen.“

Claudia stockte der Atem. Hatte sie wirklich geglaubt, es könne nicht mehr schlimmer kommen?

Entgegen ihrem Vorsatz, in San Francisco zu bleiben, saß Claudia zwei Wochen später neben Sam im Flugzeug. Der beeindruckende Fünfkaratring von Tiffany’s steckte in seiner Tasche. Aber daran schien er im Moment nicht zu denken, denn er hatte einen Stapel Geschäftspapiere vor sich ausgebreitet.

Auch Claudia hatte Arbeitsunterlagen dabei, doch da Sam darauf bestanden hatte, dass sie den Fensterplatz nahm, betrachtete sie nun, während der Jet aufstieg, die unter ihr vorbeiziehende, ständig wechselnde Landschaft – Inseln im blauen Ozean, Berge und Wälder – und versuchte sich vorzustellen, wie die Menschen dort wohl lebten.

Zwischendurch wanderten ihre Gedanken immer wieder zu den vor ihr liegenden Ereignissen, und sie fragte sich, ob sie es wohl schaffen würde, die Fassung zu bewahren und alles mit Würde und Haltung durchzustehen.

Zumindest eine Sache hatte sich von selbst erledigt. Amina hatte ihr telefonisch mitgeteilt, dass Zahara doch noch verspätet zur Anprobe erschienen sei, was sie mit Erleichterung aufgenommen hatte.

Ja, sie war froh, dass die Verlobung ohne Hindernisse ablaufen würde. Schließlich war es Sams Wunsch. Für ihn standen nun einmal die Interessen seiner Familie an oberster Stelle. Er verlobte sich aus Pflichtgefühl, aber das machte es ihr nicht leichter.

Gegen Mittag brachte der Flugbegleiter jedem von ihnen einen Salat Nicoise, den Sam bestellt hatte. Claudia sah zu, wie der Steward Thunfisch, Kartoffeln und grüne Bohnen in einer leichten Vinaigrette wendete und auf Salatblättern anrichtete. Es schmeckte köstlich, und sie genoss jeden Bissen. Dazu gab es knusprige Brötchen und ein Glas kühlen Weißwein.

„Sie scheinen Ihre Flugangst überwunden zu haben.“ Sam sah sie von der Seite an.

Daran hatte sie überhaupt nicht mehr gedacht. Wie typisch, dass er es nicht vergessen hatte.

„Ja, anscheinend. Es muss wohl an der Atmosphäre hier in der ersten Klasse liegen.“ Sie blickte sich um. Überall beugten sich gut gekleidete Passagiere über ihre Laptops, tranken Wein oder Kaffee oder aßen ihren Lunch. „Man kommt hier gar nicht auf den Gedanken, dass etwas schiefgehen könnte.“

„Sie fliegen zum ersten Mal erster Klasse?“

„Ich fliege überhaupt zum ersten Mal.“

Ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen.

„Als ich zum ersten Mal flog, war ich noch klein. Meine Mutter reiste mit meiner Schwester und mir nach Frankreich. Dort war sie zu Hause“, sagte er nachdenklich.

„Sie haben Ihre Mutter nie erwähnt.“

„Vielleicht weil sie zurück in die Provence zog, sobald meine Schwester und ich ins Internat kamen.“

„Dann sind Ihre Eltern also geschieden?“

„Ja. Für Sie ist das wahrscheinlich ein Beweis dafür, dass auch arrangierte Ehen scheitern können. Aber es war keine Vernunftehe. Meine Eltern haben aus Liebe geheiratet. Sie haben sich in Frankreich an der Universität kennengelernt und sich Hals über Kopf verliebt. Meine Mutter wusste nicht, was sie erwartete. Als sie dann in Tazzatine lebten, hatte sie furchtbares Heimweh und fühlte sich sehr einsam. Mein Vater war hilflos. Er ließ unser Haus in der Palmenoase in eine südländische Villa umbauen und stellte einen französischen Koch ein. Aber das machte Mutters Heimweh nur noch schlimmer. Vater konnte nicht verstehen, warum sie sich nicht einlebte. Ich glaube, ohne uns Kinder wäre sie gar nicht so lange geblieben. Als wir dann in die Schule kamen, ging sie fort.“

„Das tut mir leid.“ Claudia versuchte sich vorzustellen, wie es für ihn gewesen sein musste, ohne Mutter aufzuwachsen. Spontan legte sie ihm die Hand auf den Arm.

„Dafür gibt es keinen Grund. Meine Mutter ist heute sehr glücklich.“

„Und Sie?“ Sie stellte die Frage, obwohl sie sich sonst nie über Privatangelegenheiten unterhielten.

„Ich bin es auch“, antwortete er. „Aber das müssten Sie doch eigentlich wissen. Auch Amina geht es gut. Sie hat letzten Sommer ihren Urlaub in Südfrankreich bei Mutter verbracht. Und ich besuche sie ebenfalls, wenn ich die Zeit dazu habe.“

Er bewegte sich in seinem Sitz, und Claudia zog ihre Hand zurück. Vielleicht wollte er kein Mitgefühl. Möglicherweise bereute er schon, dass er ihr so viel von seinem Privatleben erzählt hatte. „In meinem Land hält die Großfamilie zusammen. Wenn ein Familienmitglied ausfällt, springt ein anderes ein. Damals kam meine Tante zu uns ins Haus“, fuhr er fort.

„Ich verstehe.“

„Auf dem Flug mit meiner Mutter nach Frankreich wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie viel sie aufgab, als sie meinen Vater heiratete. Wie schwer es für sie war, in einem fremden Land zu leben, ohne ihre Freunde und ihre eigene Familie. Jetzt wundern Sie sich vielleicht nicht mehr, warum ich nicht viel von der Liebe halte“, meinte er. „Sie führt immer nur zu Problemen.“

Claudia wollte sich auf keine Diskussion zu diesem Thema einlassen. Was hätte sie auch sagen sollen? Schließlich hatte die Liebe ihr selbst auch nur Schmerzen bereitet. Und die schlimmsten stehen mir sicher noch bevor, dachte sie.

Doch zum Glück wechselte Sam das Thema. „Wie kommt es, dass Sie noch nie geflogen sind?“

„Es hat sich bisher nicht ergeben“, antwortete sie ausweichend.

Als der Flugbegleiter die Teller abräumte, lehnte sie sich zurück und nahm sich vor, die Reise einfach zu genießen. Sie war froh darüber, Sam noch eine Weile für sich zu haben, mit ihm über seine Kindheit, seine Heimat und seine Familie zu reden. Bald würde das alles vorbei sein. Und so ließ sie sich auch das Eis mit heißer Schokoladensoße, das es zum Dessert gab, schmecken.

„Ich habe Sie noch nie so viel essen sehen“, sagte Sam lächelnd. „Ich glaube, ich kenne keine einzige Frau, die nicht ständig nach einem Diätplan lebt.“

„Dann kennen Sie jetzt eine.“

„Haben Sie denn keine Angst, dass Ihr Kleid für die Verlobungsfeier zu eng wird?“

„Welches Kleid?“

„Das Kleid, das Sie auf dem Fest tragen werden.“

„Ich … ich habe nichts Festliches dabei. Daran habe ich gar nicht gedacht. Ich gehöre doch nicht zur Familie.“

„Dann wird meine Schwester Ihnen behilflich sein. Sie besitzt eine Boutique und wird mit Begeisterung etwas für Sie aussuchen. Sie werden Amina mögen.“

„Da bin ich mir ganz sicher.“

Sam war perplex. Seit sie ins Flugzeug gestiegen waren, schien Claudia total verändert. Von ihrer vermeintlichen Flugangst war nichts zu spüren. Sie wirkte völlig entspannt, als sie ihre Plätze einnahmen. Überhaupt nicht wie jemand, der sich vor dieser Reise fürchtete. Vielleicht war sie einfach nur erleichtert, weil ihr nun eine Arbeitspause bevorstand. Er hatte ihr in den letzten Wochen viel abverlangt.

Sie war immer fleißig, so wie er. Aber diesmal hatten sie wirklich bis über die Ohren in Arbeit gesteckt. Sie hatten Sandwiches ins Büro bestellt und literweise Kaffee getrunken. Schließlich war alles bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Dann kamen erneut Änderungswünsche von den Anwälten seines Vaters. Ohne Claudia hätte er das alles gar nicht bewältigen können.

Sam beobachtete sie, wie sie die Position ihres Sitzes veränderte und aus dem Fenster sah. Er war diese Strecke schon oft geflogen und hatte vergessen, wie es sich anfühlte, das alles zum ersten Mal zu erleben.

Er beugte sich über sie und blickte ebenfalls hinaus. Dabei streifte er ihren Arm und nahm einen leichten Rosenduft wahr. Rosen in dieser Höhe? Claudia, seine nüchterne Assistentin, benutzte Parfum? Beides erschien ihm gleichermaßen unwahrscheinlich.

Als er sich wieder gesammelt hatte, erklärte er ihr, wo sie sich gerade befanden. Unter ihnen lag die Hudson Bay. Das die Bucht umgebende schnee- und eisbedeckte Land war vor Zehntausenden von Jahren entstanden. „Einen größeren Kontrast zu meinem fast völlig mit Sand bedeckten Land kann man sich kaum vorstellen.“

„Was ist mit den Oasen?“, fragte sie.

„Das sind nur kleine Unterbrechungen in der Sandwüste. Eine Quelle, ein Dorf, bestehend aus einigen Häusern und ein paar Palmen. Hoffentlich werden Sie nicht enttäuscht sein.“

„Ganz bestimmt nicht. Ich kenne es von Bildern. Es wirkt überwältigend.“

Er nickte. Wie würde ihr wohl die von Palmen umgebene Villa im marokkanischen Stil gefallen, in der seine Familie regelmäßig ihren Urlaub verbrachte? Möglich, dass Claudia es dort ebenso einsam finden würde wie seine Mutter damals. Schließlich hatte seine Assistentin ihr ganzes Leben in einer nordamerikanischen Großstadt verbracht. Vielleicht nahm sie den ganz besonderen Charme der Oase gar nicht wahr. Würden sie Zeit dazu haben, die Villa zu besuchen? War Claudia überhaupt daran interessiert? Gut möglich, dass sie vor lauter Terminen gar nicht dazu kamen.

Er öffnete seinen Laptop und beantwortete einige wichtige E-Mails. Da er sich nicht konzentrieren konnte, blickte er Claudia über die Schulter. Sie löste das Kreuzworträtsel in der Bordzeitung.

„Herrscher im Nahen Osten mit vier Buchstaben“, las er laut. „Emir.“

Sie trug es ein. „Sind Sie ein Emir?“

Er schüttelte den Kopf. „Ein Emir ist ein Fürst. Ich bin nur ein Scheich. Ich werde einmal der Führer unseres Stammes sein, der ungefähr die Hälfte der Bevölkerung ausmacht. Aber erst nach dem Tod meines Vaters. Bis dahin bin ich einer von vielen ehrgeizigen Führungskräften, die den Großteil der Arbeit von ihrer tüchtigen Assistentin erledigen lassen.“

Sie errötete vor Freude und sah dabei ganz entzückend aus. Er kannte sie als sachliche und effiziente Mitarbeiterin, und es gefiel ihm, dass sein unerwartetes Kompliment sie kurz aus der Fassung brachte. Sie war die bescheidenste Frau, die er kannte, und er fragte sich, ob sie auch nur im Geringsten eitel war. Dann fiel ihm der flüchtige Rosenduft ein, und er wollte sie schon darauf ansprechen. Aber vielleicht würde sie das noch mehr in Verlegenheit bringen.

„Ich bin doch sicher nicht der Einzige, der Ihnen Komplimente macht, oder?“ Er wusste überhaupt nichts von ihrem Privatleben. Möglicherweise spielte es sich ebenso ab wie seines: arbeiten, essen, schlafen, weiterarbeiten.

„Meine Freundinnen vom Kochklub loben meine Gerichte sehr“, antwortete sie schlicht.

„Wirklich? Was kochen Sie denn so?“

„Wir lassen uns immer von einem bestimmten Land inspirieren.“

„Das ist also Ihre Freizeitbeschäftigung.“

„Allzu viel Freizeit habe ich nicht.“

„Und das ist meine Schuld. Ich lasse Sie zu viel arbeiten.“

„Sie selbst arbeiten genauso viel, sogar noch mehr. Vielleicht wenn Sie …“

„Sie meinen, wenn ich erst einmal verheiratet bin, wird sich das ändern?“

„Wann werden Sie denn heiraten?“

„Ich weiß es noch nicht. Es wird sich schon ein passender Termin finden lassen.“

„Vielleicht hat Ihre Frau bereits Pläne gemacht. Wo Sie wohnen werden, wie Sie Ihre Abende verbringen.“

Er runzelte die Stirn. So weit hatte er noch gar nicht gedacht. Er wollte nicht umziehen und auch sonst nichts an seinem Leben ändern. Der Gedanke an neue Möbel und verplante Freizeit war ihm unangenehm. Was Zahara wohl von ihm erwartete? Am besten, man zog die Verlobungszeit möglichst lange hin. Und wenn sie nun gar nicht in San Francisco leben wollte? Vielleicht würde sie bleiben, wo sie war. Wo auch immer das sein mochte. Warum auch nicht?

Er ging davon aus, dass alles beim Alten blieb. Hauptsache, die beiden Großfamilien waren erst einmal zufriedengestellt. Er hatte auch kaum Zeit für ein Privatleben, denn nach der Fusion war das Unternehmen doppelt so groß. Damit boten sich enorme Möglichkeiten für eine weltweit agierende Reederei.

„Geschäftlich wird es viele positive Veränderungen geben. Sie werden vielleicht eine Assistentin brauchen“, sagte er zu Claudia.

Sie erwiderte nichts. Hatte sie Zweifel? Oder brütete sie über ihrem Kreuzworträtsel?

„Ein Supermodel mit vier Buchstaben“, murmelte sie.

Er nannte einen Namen, den sie schon einmal gehört hatte.

Sie blickte ihn an. „Sie scheinen sich gut auszukennen.“

„Groß, dünn, mit knochigen Hüften und hervorstehenden Wangenknochen. Mir gefallen Frauen mit Kurven besser. Frauen, die auch ab und zu mal lächeln.“

Unmöglich, über diese Bemerkung nicht zu lächeln.

Er hatte keine Ahnung, ob Claudia Kurven hatte. Im Büro und auch während des Fluges trug sie leger geschnittene Kostüme. Wie schade, dass sie nicht daran gedacht hatte, ein Kleid für die Party einzupacken. Vielleicht hätte er sie daran erinnern sollen. Andererseits war es nicht seine Sache, seiner Assistentin Kleidervorschläge zu machen. Wie sie wohl in einem Abendkleid aussah? Er konnte es sich nicht vorstellen.

Zahara kam ihm in den Sinn. Sicher hatte sie sich seit dem letzten Treffen sehr verändert. Lächelte sie ab und zu? Hatte sie Kurven? Was empfand sie, wenn sie an die Verlobung dachte? Würde sie ihn am Flughafen abholen?

Sie war nicht am Flughafen. Sein Vater hatte einen Chauffeur geschickt, der bereits seit Jahren für die Familie arbeitete. Sam fragte sich, was wohl in Claudia vorging, angesichts der vielen Männer in weißen Gewändern, die alle in voller Lautstärke redeten. Sicher war sie überwältigt. Seine Mutter war es zumindest gewesen.

Ali, der Fahrer, verbeugte sich leicht und sagte: „Willkommen zu Hause.“ Dann holte er ihre Reisetaschen vom Gepäckband.

Zu Hause? War diese drückend heiße Stadt sein Zuhause? Oder war es San Francisco, das so oft von einer kühlen Nebeldecke umhüllt war? Oder hatte er keine Heimat mehr? Er warf sich die Anzugjacke über die Schulter, rollte die Ärmel hoch und ging mit Claudia und Ali zu der wartenden Limousine.

Claudia fächelte sich mit den Zollformularen Kühlung zu. Feine Schweißperlen ließen ihr Gesicht glänzen.

„Der Wagen ist klimatisiert“, sagte Sam. Die Hitze machte ihr offensichtlich zu schaffen.

Wenige Minuten später hielten sie vor dem Bürogebäude an. Sam stieg aus, blickte nach oben und hielt die Hand über die Augen, um sie vor der sengenden Sonne zu schützen. Seit seinem letzten Besuch waren weitere Hochhäuser gebaut worden. Und ständig kamen neue hinzu. Die Luft war erfüllt vom Surren der Kräne, dem Aufeinanderschlagen von Stahlrohren und dem Dröhnen der Presslufthämmer. Das alles bedeutete Fortschritt.

Er warf einen Blick in Claudias Richtung. Wie wirkte das alles auf eine Fremde? Hatte sie jetzt schon einen Kulturschock von der Hitze und dem Lärm? Man merkte es ihr jedenfalls nicht an. Mit schnellen Schritten folgte sie ihm in die kühle Empfangshalle des Al-Hamri-Gebäudes und zum Lift, so als wäre es ihr täglicher Weg zur Arbeit.

Sam ließ Claudia mit dem Sekretär seines Vaters in der Empfangshalle zurück und fuhr direkt nach oben ins Büro, wo er seinen betagten Vater umarmte.

„Vater, wie geht es dir?“ Ein Blick genügte, und Sam war in Sorge. Sein Vater wirkte gealtert und müde. Als er ihn in die Arme schloss, spürte er, wie dünn und gebrechlich er geworden war. Wie konnte er sich in dem halben Jahr so verändert haben, seit sie sich beim Stapellauf ihres neuen Containerschiffs getroffen hatten? Warum hatte ihm niemand etwas gesagt?

„Es geht mir gut, jetzt, wo du da bist.“ Abdul Al-Hamri lächelte seinen Sohn an und nahm in einem großen Ledersessel Platz, demselben Sessel, in dem schon sein Großvater gesessen hatte. Natürlich nicht hier in diesem modernen Hochhaus. Was hätte sein Ahne wohl empfunden, wenn er, so wie Sam jetzt gerade, aus dem Fenster geblickt und die Ölplattformen vor der Küste gesehen hätte und die neuen Gebäude, die sich über eine weite Strecke am Ufer entlangzogen?

„Wie war der Flug?“

„Wir konnten einiges an Arbeit erledigen.“

„Wir?“

„Ich habe meine Assistentin mitgebracht. Claudia. Sie ist für die Verhandlungen unentbehrlich.“

Skeptisch verzog der alte Mann das faltige Gesicht. „Wer?“

Besorgt beobachtete Sam seinen Vater. Er hatte ihm von Claudia berichtet. Und auch erwähnt, dass sie ihn begleiten würde. Ließ das Gedächtnis seinen Vater im Stich?

„Ich habe dir von ihr erzählt. Claudia arbeitet seit zwei Jahren für mich. Sie ist meine rechte Hand und kennt alle Details der Verträge. Ich vertraue ihr absolut.“

Sein Vater schüttelte den Kopf.

„Du hast doch sicher keine Vorbehalte mehr gegen Frauen in der Geschäftswelt? Du siehst ja, wie erfolgreich Amina mit ihrer eigenen Boutique ist.“

„Ich weiß, ich weiß. Die Welt ändert sich. Mir persönlich wäre es lieber, wenn Amina heiratete und zu Hause bliebe. Aber sie hat ihren eigenen Kopf. So wie du, so wie ihre Mutter.“

„Und wie du, Vater. Ihren Ehrgeiz und ihren Elan hat sie von dir geerbt.“

„Und was ist mit den alten Sitten und Bräuchen? Was wird aus Ehe und Familie? Aber deshalb bist du ja hier, nicht? Es steht nicht nur die Firmenfusion auf der Tagesordnung.“

„Natürlich.“ Sam spürte, wie sich seine Muskeln anspannten. In Kalifornien war ihm die Verlobung noch in weiter Ferne erschienen. Aber hier ging es um die Gründung einer Familie, und zwar ganz konkret.

Sam konnte es sich nicht vorstellen. Noch nicht. Nun, da er in Tazzatine angekommen war, erschien ihm der Gedanke, eine Fremde zu heiraten, völlig abwegig.

„Wie geht es Zahara?“, erkundigte er sich höflich.

„Das weiß ich nicht. Ich habe sie nicht gesehen. Und ihr Vater hat sie auch nicht zu Gesicht bekommen.“

Sam runzelte die Stirn. Keiner hatte sie gesehen? Was bedeutete das? „Gibt es irgendwelche Probleme?“

Sein Vater warf ihm einen missmutigen Blick zu. „Natürlich nicht. Man hat mir versichert, dass alles in Ordnung sei.“ Dann fuhr er fort: „Der Vertrag ist auch fast fertig. Wenn wir alles unter Dach und Fach haben, kann deine Mitarbeiterin sich die Zeit mit Einkäufen und Golfspielen vertreiben. Amina wird sich ihrer annehmen, wenn wir beschäftigt sind. Die Anwälte wollen nur noch einige Kleinigkeiten ändern. Man wird dir alles vorlegen. Dann können wir endlich unterzeichnen. Nun aber zu deiner Verlobungsfeier. Du weißt gar nicht, wie glücklich mich das macht. Und die Odalyas natürlich auch. Ben Abdul Odalya ist mein ältester und bester Freund. Wir haben immer gehofft … Obwohl …“

Sam wartete, doch sein Vater blickte nur gedankenverloren aus dem Fenster.

„Freuen sich auch wirklich alle über die Verlobung?“, hakte Sam nach. Langsam kam ihm einiges seltsam vor.

„Setz dich doch“, sagte sein Vater nun. „Ich muss dich etwas fragen.“

Claudia fand sich in einer faszinierenden neuen Welt wieder. Sie hatte gewusst, dass sie in eine aufstrebende Metropole reisen würde. Dennoch war sie auf der Fahrt vom Flughafen überrascht gewesen von dem Baulärm und dem vielen Staub, der durch die Straßen wirbelte, und beeindruckt von den strahlend weißen Gebäuden, die das gleißende Sonnenlicht reflektierten. Neugierig hatte sie die vielen Menschen betrachtet, die nach der neuesten westlichen Mode gekleidet waren. Dazwischen gab es aber auch zahlreiche verschleierte Frauen sowie Männer, welche die Kufija, das traditionelle Arabertuch, trugen.

Nach einer Führung durch die Büros trat nun eine große, schlanke junge Frau in einem eleganten Businesskostüm auf sie zu und stellte sich als Amina vor. Lächelnd schüttelte sie Claudia die Hand.

„Sie sind sicher etwas müde nach dem langen Flug. Wo ist denn mein Bruder? Ach, ich weiß schon, er ist bei Vater. Kommen Sie doch mit in mein Apartment. Ich habe das Gästezimmer für Sie herrichten lassen. Sie möchten sicher auspacken, bevor die Party beginnt.“

Party? So schnell? „Vielleicht sollte ich Sam Bescheid sagen, wo er mich findet.“ Und ihm bei der Gelegenheit auch mitteilen, dass ich hier bin, um zu arbeiten, und nicht, um an einer Familienfeier teilzunehmen.

„Die Apartments der Familienmitglieder befinden sich gleich hier im obersten Stock. Wir sind also nicht weit weg. Das ist sehr praktisch für die Workaholics in der Familie.“ Ihr Lächeln nahm der Kritik ihre Schärfe. „Ich lasse Sam ausrichten, wo er uns findet. Wenn die Männer erst einmal anfangen, über Schiffe zu reden, dann verlieren sie jedes Gefühl für Zeit. Es ist besser, sie auch noch einmal an das Fest heute Abend zu erinnern. Die Bayadhis werden kommen und natürlich die Familie von Zahara. Wir feiern nicht nur die Verlobung, sondern auch die Firmenfusion. Das sind natürlich viele fremde Gesichter für Sie, aber ich hoffe, Sie werden sich trotzdem gut amüsieren.“

Mich amüsieren? Wenn der Mann, den ich liebe, sich mit einer anderen verlobt? Ganz sicher nicht! Claudia hatte nicht vor, an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Sie wollte für sich sein. „Machen Sie sich meinetwegen bitte keine Gedanken. Ich kann den Abend gut allein verbringen.“

„Aber natürlich essen Sie mit uns.“ Amina winkte einen jungen Mann herbei, der Claudias Reisetasche nahm und sich entfernte.

Claudia wollte etwas entgegnen, doch sie wusste aus Erfahrung, wie schwer es war, sich gegen ein willensstarkes Mitglied der Familie Al-Hamri durchzusetzen, und verschob die Aussprache auf später.

„Wie praktisch“, entfuhr es ihr kurz darauf, als sie in einem privaten Aufzug nach oben in Aminas Apartment fuhren.

An der Tür zog Amina die Schuhe aus, und Claudia folgte ihrem Beispiel. Die Wohnung war edel. So könnte sich auch eine wohlhabende alleinstehende Frau in New York oder Paris einrichten. Die Möbel bestanden zum Großteil aus Antiquitäten, die Sofas wirkten elegant, aber sehr bequem. Von ihrer Gastgeberin erfuhr Claudia, dass einheimische Künstler die Teppiche von Hand gewebt hatten. Als Amina sah, wie Claudia bewundernd die schönen Muster betrachtete, schlug sie vor, ihr bei Gelegenheit die Souks zu zeigen, wo sie alle Kunsthandwerker und Händler persönlich kannte.

Dann machte sie die Balkontüren weit auf, und ein leichter Luftzug wehte vom Meer herein. Claudia trat nach draußen und atmete tief durch. Zu lange hatte sie sich nun schon in klimatisierten Räumen aufgehalten. Beglückt blickte sie auf das Meer, das vor ihr in der späten Nachmittagssonne funkelte.

„Sicher haben Sie noch andere Verpflichtungen“, sagte Claudia. „Sie müssen mir nicht Gesellschaft leisten. Ich komme gut allein zurecht.“

„Heute Nachmittag vertritt mich eine Verkäuferin in der Boutique“, antwortete Amina. „Ich habe mich auf das Treffen mit Ihnen gefreut. Ich bin sehr froh, dass Sie gekommen sind. Jetzt kann ich endlich aufatmen.“

„Aber wieso denn? Ich bin doch nur hier für den Fall, dass es beim Vertragsabschluss in letzter Minute zu Problemen kommt.“ Hoffentlich wurden nun nicht wieder die Sprüche der abergläubischen Wahrsagerin aufgewärmt.

Amina nickte langsam. Eine Frau in einem schlichten langen Kleid betrat den Balkon. Sie stellte zwei Gläser mit Tamarindensaft und kleine Schalen mit Nüssen und Oliven auf einen schmiedeeisernen Tisch.

„Danke, Fatima“, sagte Amina. Sie wartete, bis die Bedienstete den Balkon verlassen und sich entfernt hatte, bevor sie weitersprach.

„Probleme?“, meinte sie mit einem wehmütigen kleinen Lächeln. „Ach, wenn Sie wüssten!“

3. KAPITEL

Das Gästezimmer, in hellem Grün und warmem Apricot gestrichen, hatte einen Balkon mit Meerblick. Der Raum, feminin, aber nicht verspielt, wurde von einem großen Himmelbett beherrscht, das mit feinster ägyptischer Baumwolle und hauchzarter apricotfarbener Bettwäsche bezogen war. Doch Aminas ganzer Stolz war das Badezimmer.

„Meine Tante findet es zu altmodisch. Aber ich wollte es genau so haben. Ich habe alles aus England kommen lassen – das Waschbecken, die frei stehende Wanne mit den nostalgischen Löwenfüßen und die weißen Wandfliesen. Ich hoffe, es gefällt Ihnen.“

„Es hat so viel Charme. Ich finde es ganz wunderbar!“ Claudia war hingerissen. Von allem: den flauschige...

Autor

Lynne Graham

Lynne Graham ist eine populäre Autorin aus Nord-Irland. Seit 1987 hat sie über 60 Romances geschrieben, die auf vielen Bestseller-Listen stehen. Bereits im Alter von 15 Jahren schrieb sie ihren ersten Liebesroman, leider wurde er abgelehnt. Nachdem sie wegen ihres Babys zu Hause blieb, begann sie erneut mit dem Schreiben....

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