Küss mich, Prinzessin!

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Nanny verzweifelt gesucht! Und Sean, allein mit seiner kleinen Nichte, hat Glück im Unglück: Die bezaubernde Carly bewirbt sich auf den Job. Aber Sean ahnt nicht, dass an den Haushaltskatastrophen und dem verführerischen Knistern eine waschechte Prinzessin schuld ist!


  • Erscheinungstag 23.10.2016
  • ISBN / Artikelnummer 9783733775223
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Es kostete Sean O’Mara fünf, wenn nicht sechs Minuten, bis er merkte, dass er ausgenutzt wurde. Allerdings hatte er am Abend vorher auch bis weit nach Mitternacht gearbeitet, und es war gerade erst kurz nach fünf Uhr morgens. Kein Wunder, dass er nicht wusste, wie ihm geschah, und völlig verschlafen dreinblickte.

„Du machst was?“, fragte er langsam nach, um endlich zu begreifen, wieso auf einmal ein Orkan durch sein Haus tobte.

„Ich fliege für zwei Wochen nach England.“ Seine Schwester wies ihre vierjährige Tochter an, im Flur vor dem Zimmer zu warten. Natürlich verschwand Melissa daraufhin sofort in der Küche. Auch seine Schwester verließ den Raum, aber nur um kurz darauf mit einer Menge Gepäck zurückzukehren, das sie aus ihrem Wagen geholt hatte.

Das war gar kein gutes Zeichen.

„England?“, fragte Sean erneut, da er langsam wach wurde.

„Ja.“ Sie sagte es so leichthin, als wollte sie lediglich auf die andere Straßenseite gehen und nicht auf die andere Seite des Planeten fliegen.

„Du hast gar keine Vorstellung, was mir deine Hilfe bedeutet, Sean.“ Sie wäre fast über ihren ganzen Kram gestolpert. „Du wirst mit Melissa keinen Ärger haben. Versprochen. Und ich werde den Auftrag für die Entwürfe so schnell es geht beenden.“

Kein Ärger mit Melissa? Ha! Das war ein Widerspruch in sich. Trotz seines erschöpften Zustandes fühlte er plötzlich die drängende Notwendigkeit, seiner Schwester diese Idee auszureden. Er konnte unmöglich für zwei Wochen die Verantwortung für ein kleines Kind übernehmen. Er hatte sein eigenes Leben, auch wenn sich das ausschließlich um seine Arbeit drehte. Denn Arbeit hatte er mehr als genug. Außerdem, was wohl am wichtigsten war, hatte er keine Ahnung, wie er ein Kind betreuen sollte.

„Und bitte vergiss nicht, sie braucht immer noch Hilfe auf der Toilette, du weißt schon, mit dem Papier“, warnte ihn Stacy.

„Was? Einen Moment mal …“ Sean rieb seine Schläfen, gähnte und streckte sich. Aber er wachte nicht in seinem Bett auf, was leider bedeutete, dass er nicht träumte. „Du kannst sie nicht bei mir lassen.“

„Wieso nicht? Du hast Verantwortungsgefühl. Du kannst kochen. Du bist nett. Meistens jedenfalls. Da kann doch gar nichts schiefgehen.“

„Alles kann schiefgehen! Einfach alles!“ Er suchte verzweifelt nach passenden Beispielen. „Ich kann nicht einmal Goldfische versorgen. Sie sind gestorben. Sieh es dir an.“ Er deutete auf das große Aquarium, das auf einem Tisch neben der Eingangstür stand. „Ich habe vergessen, sie zu füttern. Du begreifst hoffentlich, dass ich bei so etwas weder Verantwortungsgefühl besitze noch nett bin.“

Stacy lächelte ihn nur nachsichtig an. „Das schaffst du schon. Ach, klapp bitte den Toilettendeckel immer runter, sonst versucht sie zu angeln.“

„Aber …“ Sean streckte seinen Hals, um in die Küche blicken zu können.

Auf dem Fußboden saß ein süßes, unschuldiges vierjähriges Kind.

Er wusste jedoch, dass der Schein trog. Trotz ihrer blonden Locken und ihres engelsgleichen Lächelns war Melissa alles andere als unschuldig. Sie konnte ein unglaubliches Chaos anrichten, bevor er auch nur ein Mal blinzelte. In ihrem kurzen Leben hatte sie ihn schon drei Mal gebissen, zwei Mal an seinen Haaren herumgeschnippelt, ohne Erlaubnis, selbstverständlich, hatte in sein Bett gepinkelt, und das fünfzehn Minuten vor einer heißen Verabredung.

Das kleine Monster, um das es ging, sah ihn an und lächelte freundlich. Dabei hielt Melissa ihren Kinderbecher so, dass der Grapefruitsaft über sie und den sauberen Boden schwappte. Vor Freude über dieses unerwartete Ereignis kicherte sie fröhlich.

Seans Magen zog sich vor Angst zusammen. „Ich habe zu arbeiten“, wandte er ein, aber dieser Einwand klang selbst für seine Ohren ziemlich lahm. Doch Kinder waren nun einfach nicht seine Sache. Er war Architekt. Da er seine eigene Firma leitete, bedeutete dies an guten Tagen ein Minimum an vierzehn Stunden Arbeit.

Aber das war keine Überraschung, entstammte er doch einer langen Reihe von Arbeitssüchtigen. Sein Großvater wie auch sein Vater waren beide erfolgreiche Anwälte gewesen, die sich niemals um ihre Kinder gekümmert hatten. Aus eben diesen Gründen hatte Sean selbst keine.

Er wollte seine eigenen Kinder, sollte er denn jemals welche haben, nicht so behandeln, wie er einst behandelt worden war. Seine Arbeit bedeutete ihm alles, weshalb er in seinem Beruf auch der Beste sein wollte.

„Ich erzähl dir mal was Neues“, entgegnete Stacy. „Du arbeitest viel zu hart.“

„Mir gefällt meine Arbeit.“

„Das ist ja bekannt.“ Sie warf ihm einen mitleidigen Blick zu. „Wann hast du dir das letzte Mal einen Tag freigenommen?“

„Nun …“ Er konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, aber es musste so um die zwei Jahre her sein, als er wegen seiner Exverlobten am Abgrund gestanden hatte.

„Ich tue dir sogar einen Gefallen, Sean, wart’s nur ab. Melissa wird dir zeigen, wie schön das Leben sein kann, wenn du dir nur die Mühe machst, es etwas langsamer angehen zu lassen, und dir auch einmal eine Pause gönnst.“

Man musste kein Wissenschaftler sein, um vorherzusagen, dass er diese Debatte verlieren würde. „Aber …“

„Probier es doch einfach mal aus, Sean. Leg ein Puzzle zusammen. Mal ein Malbuch aus. Diese Tätigkeiten eignen sich hervorragend, um Stress abzubauen.“

Ein Malbuch ausmalen? Allein der Gedanke daran ließ ihn erschauern. Aber plötzlich bemerkte er hinter dem spöttelnden Tonfall seiner Schwester etwas wie Verzweiflung. „Stacy, was ist los?“

Seine Schwester überhörte diese Frage, stützte die Hände in die Hüften und blies sich die Haare aus den Augen, während sie die Unmengen an Gepäck betrachtete. „Ein Reisebett“, zählte sie auf. „Kindertassen. Kleider für jedes Wetter und jede Gelegenheit. Ein Kindersitz für das Auto. Ein Hochstuhl für den Esstisch. Schwimmflügel und Schwimmreifen. Und ein Luftbefeuchter für alle Fälle.“

Für welchen Fall? „Stacy …“

„Ja, ich denke, das wäre alles. Ach ja, hier ist noch eine Liste von Nummern, die du vielleicht brauchst. Arzt, Krankenhaus, Zahnarzt, Versicherung und Versicherungsagent …“

Du lieber Himmel! dachte Sean. Doch trotz seiner aufsteigenden Panik spürte er, dass etwas bei seiner Schwester nicht in Ordnung war. „Hey.“ Er packte sie an den Schultern und zwang sie, ihn anzusehen. „Was ist los?“

Seine Schwester rang sich ein Lächeln ab. „Das habe ich dir doch gesagt.“

„Es geht wirklich nur um deine Arbeit?“

„Wirklich.“ Sie hob demonstrativ drei Finger. „Großes Pfadfinderehrenwort.“

„Dann wirst du doch bestimmt jemand anderen kennen, bei dem Melissa bleiben kann. Einen Freund, oder …“

Er musste nicht mehr weitersprechen, denn er konnte die Antwort seiner Schwester an ihrem Gesicht ansehen.

Sie hatte niemanden außer ihm, zu dem sie gehen konnte.

Ihre Eltern waren seit fünf Jahren tot. Ihr Vater war an einem Herzinfarkt gestorben, zurückzuführen auf achtzehn Stunden Arbeit täglich, zwei Packungen Zigaretten pro Tag und Unmengen von Fast Food. Noch im gleichen Jahr, als Seans und Stacys Vater starb, war ihre Mutter einer Lungenentzündung erlegen.

Natürlich hatte Stacy viele Freunde, allerdings eher solche von der unzuverlässigen Sorte, jedenfalls soweit Sean es beurteilen konnte. Immerhin hatte er in den letzten drei Jahren immer wieder versucht, seine Schwester auf den Pfad der Tugend zu geleiten.

Verdammt, er wusste, dass sie sich an niemanden wenden konnte. Ihre alten Freunde waren unzuverlässig und ihre neuen eben noch zu … neu. Melissas Vater hatte sie vor Langem verlassen.

Stacy blickte ihn ernst an. Sie bemühte sich redlich, tapfer zu sein und ihr Leben allein zu meistern, ohne von ihrem großen Bruder abhängig zu sein. Und was tat er? Er versuchte, sie wegzuschicken. Aber das konnte er unmöglich tun, nicht nach allem, was sie zusammen durchgemacht hatten.

Er seufzte. „Geht schon in Ordnung.“ Er setzte ein müdes Lächeln auf. „Ich mach es.“

„Wirklich?“ Sie strahlte plötzlich über das ganze Gesicht und umarmte ihn voller Erleichterung. „Ich schulde dir was“, flüsterte sie ihm zu. Dann warf sie ihrer Tochter eine Kusshand zu und ging zur Tür. „Ich hab dich lieb, Melissa. Und dich auch, Sean!“ Schon war sie aus dem Haus.

Sean blickte ihr nach, als sie wegfuhr, während aus der Küche noch immer Melissas Kichern drang. Der Himmel mochte wissen, was sie da schon wieder anstellte.

Langsam und mit einem unguten Gefühl, machte er sich auf den Weg dorthin.

Melissa hielt ihm lächelnd ihren leeren Becher entgegen. „Mehr Saft.“

Sean rieb sich die Augen, griff nach einem Schwamm und lernte die erste Lektion des Tages. Grapefruitsaft machte Flecken. Überall und dauerhaft.

Zwei Tage später zeugten dicke Augenringe davon, dass Sean an Schlafmangel litt. Er hatte weder sein Rasierzeug angefasst noch Wäsche gewaschen, und das Haus sah aus, als hätte ein Orkan darin gewütet. Da er unmöglich gleichzeitig in seinem Büro arbeiten und Babysitter spielen konnte, versuchte er, alles von zu Hause aus zu erledigen.

Aber angesichts eines vier Jahre alten Albtraums war dieses Vorhaben zum Scheitern verurteilt.

Das Faxgerät und die beiden Telefone klingelten um die Wette, sodass ihm der Kopf schwirrte. Jede Nacht bestand Melissa darauf, ein, zwei Stunden zu ihm ins Bett zu kommen, um nicht allein schlafen zu müssen. Und wenn er sie in ihr Bett zurückverfrachtete, kam sie hartnäckig wieder zu ihm.

Jetzt fiel ihm plötzlich auf, dass das Kind, im Gegensatz zu seiner klingelnden Technik, sich viel zu still verhielt. „Melissa?“, rief er auf dem Weg zum Telefon.

Keine Antwort.

Das letzte Mal, als sie so ruhig gewesen war, hatte sie den teuren Holzfußboden im Flur mit Seifenblasen überflutet, weil sie das hübscher fand. Er war darauf ausgerutscht und hatte sich der Länge nach hingelegt, was Melissa zu einem wahren Heiterkeitsausbruch veranlasst hatte.

Gegen alle Vernunft hoffte er, dass die Anzeige, die er aufgegeben hatte, Hilfe bringen würde. Die Anzeige lautete: „Kindermädchen für vierzehn Tage verzweifelt gesucht“. Er hoffte, dass sich heute jemand melden würde, aber in seinem Innersten bezweifelte er es.

„Melissa!“, rief er noch einmal, dann nahm er den Hörer ab. Am anderen Ende der Leitung war Nikki, seine Sekretärin.

„Na, schau an. Sie leben noch“, eröffnete sie das Gespräch. „Ich habe hier drei Verträge, die Sie sich ansehen müssen, fünf neue Baupläne zum Überarbeiten …“

„Einen Moment mal.“ Er achtete nicht auf ihr theatralisches Stöhnen, sondern schaltete auf die zweite Leitung um, in der gerade ein Kunde wartete.

Im gleichen Augenblick sprang das Faxgerät an. Die aufgeweckte Nikki sandte ihm die erste Seite des Vertrages, um den er sich kümmern sollte. Während Sean Sam begrüßte, riss er das Fax heraus und lauschte mit einem Ohr nach Lebenszeichen von Melissa.

Allmählich wurde er ein wahrer Meister darin, die unterschiedlichsten Dinge gleichzeitig zu tun.

„Die Pläne für Ihren Bau?“, sagte er zu Sam Snider, seinem Kunden. „Die werden wir wohl bis …“

„Onkel Sean!“ Der Ruf kam aus dem Badezimmer. Melissa war wieder aufgetaucht.

Mit einer Hand deckte er die Sprechmuschel ab. „Ich komme gleich.“

„Jetzt, Onkel Sean! Jetzt!“

„Ich komme gleich“, wiederholte er, dann wandte er sich wieder seinem Gesprächspartner zu. „Wie ich gerade sagte …“

„Aber Onkel Sean, ich bin fertig!“

Toll. Sie war fertig. Er bemühte sich, Sam auf eine Warteschleife zu legen, aber der Mann war so umständlich und langatmig, dass Sean am Ende doch den Hörer in der Hand behielt, während er mit dem anderen Ohr Melissas Geschrei vernahm.

Das Faxgerät warf den zweiten Vertrag aus.

„Onkel Sean!“

Als ob dies noch nicht genug war, klingelte es auch noch an der Tür.

Er brauchte eigentlich einen Klon von sich.

Oder eine Ehefrau.

Vor knapp zwei Jahren war er einmal mit Tina fast so weit gewesen. Aber er hatte keinen Augenblick bereut, doch nicht vor den Altar getreten zu sein.

Bis jetzt.

Sam redete weiter auf ihn ein.

„Wisch mich ab!“, schrie Melissa in einer Lautstärke, dass man sie im ganzen Bundesstaat Kalifornien hören konnte.

„Ich wisch dir den Hintern gleich ab!“

„Bitte?“, fragte Sam erkennbar pikiert.

Sean beugte sich vor und schlug mit dem Kopf gegen die Tischkante, doch außer dass ihm dies fast eine Gehirnerschütterung eingebracht hätte, änderte sich nichts. Er versagte auf ganzer Linie, und mit Versagen konnte er überhaupt nicht umgehen. Ganz langsam zählte er bis zehn, aber sein Leben blieb weiterhin die Hölle auf Erden.

Er verabschiedete seinen reichen Kunden schnell, aber höflich und legte auf. Einen Moment lang verfluchte er die Unterbrechung, die möglicherweise zum Verlust eines lukrativen Auftrags führen konnte, dann lief er ins Badezimmer und half Melissa mit dem Toilettenpapier.

Anschließend eilten sie gemeinsam zur Haustür.

„Ich hoffe, es ist meine Mommy.“ Melissa sprang wie aufgezogen vor ihm herum, sodass ihre blonden Locken durcheinanderwirbelten. Seit sie bei ihm war, hatte sie ihm noch keine Gelegenheit gegeben, sie zu bürsten.

Immerhin hatte er sie dazu gebracht, sich die Zähne zu putzen. Das war ja schon etwas.

„Ich will meine Mommy wiederhaben.“

„Das weiß ich doch.“ Sean vermisste ihre Mutter auch. Gewaltig. „Aber die bleibt noch zwei Wochen lang weg. Die Person an der Tür wird für die Zeit dein Kindermädchen sein.“ Das hoffte er jedenfalls.

Melissa sah ihn groß an. „Wie lange sind zwei Wochen?“

„Vierzehn Tage.“

Das Kind legte den Kopf schräg und sah ihn traurig an. „Das ist viel zu lange.“

Ganz ohne Frage. „Das wird so schnell vorbeigehen, dass du es kaum merkst, Spätzchen. Möchtest du die Tür aufmachen?“

Diese Aussicht zauberte ein strahlendes Lächeln auf ihr Gesicht. „Hoffentlich ist es Mary Poppins. Die singt so schön.“

Sean war es egal, ob die Frau, die er einstellte, singen konnte oder schön war. Sie sollte ihm nur beim Babysitten helfen, und zwar sofort.

Er hoffte, es würde der ältere, großmütterliche Typ sein. Der Typ Frau, der Melissa Märchen erzählen konnte und sie knuddeln würde, eben all diese Sachen, für die er keine Zeit hatte. Dann konnte er sich wieder ganz seiner Arbeit widmen, ohne sich schuldig zu fühlen.

Melissa und er öffneten die Tür gemeinsam.

„Hallo.“ Die Frau war weder alt, noch sah sie wie Mary Poppins aus.

Seans erster Gedanke war, dass sie die intensivsten blauen Augen hatte, die er je gesehen hatte. Der Eindruck wurde noch durch die dicken Gläser ihrer Brille verstärkt. Und wenn sie wie jetzt lächelte, blitzen ihre Augen. Es war aber keines dieser Ich-brauche-einen-Job-Lächeln, sondern das süßeste, offenste Lächeln, das er je gesehen hatte. Unendlich erleichtert erwiderte er ihr Lächeln.

„Ich bin Carly Fortune und vielleicht Ihr zukünftiges Kindermädchen.“ Sie reichte ihm die Hand, und bei dieser Bewegung fiel ihr das lange dunkle Haar über die Schulter.

„Ich bin Sean O’Mara, der Mann, der ein Kindermädchen sucht.“ Sie war gar nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. während er ihre warme, weiche Hand schüttelte. Erstens war sie recht jung. Zwar fielen ihre dunklen Haare ihr gerade ins Gesicht, aber er schätzte sie auf Mitte zwanzig. Sie trug einen weiten Sweater, einen knöchellangen Rock und klobige Laufschuhe.

Überhaupt war sie so eingehüllt, dass er nicht sagen konnte, ob sie zierlich oder eher vollschlank war. Da er ein Mann war, achtete er bei Frauen besonders auf das Äußere. Er war nicht sonderlich stolz darauf, aber so war er nun einmal. Bei einer schönen Frau musste er sich einfach umdrehen.

Es war aber nicht so, dass Carly Fortune nicht schön war. Sie wirkte eher wie Sandra Bullock in einer typischen Rolle. Aber sie strahlte Mitgefühl und Lebensfreude aus, Eigenschaften, die sicherlich notwendig waren, wenn man ein Kind betreuen wollte.

Nur dieses seltsame Gefühl, dass sie unter dieser wallenden Kleidung etwas versteckte, bereitete ihm Unbehagen. Tina, dachte er voller Bitterkeit. Dabei war es schon zwei Jahre her, dass ihn die Frau, die eine krankhafte Lügnerin gewesen war, verlassen hatte, und dennoch konnte er keiner Frau gegenübertreten, ohne misstrauisch zu werden.

Doch als Carly Fortune ihn nun so anlächelte, geschah etwas Eigenartiges. In seinem Herzen, das er seit der Enttäuschung mit Tina verschlossen hatte, regte sich ein Gefühl, das er fast schon vergessen hatte.

Carly Fortune bückte sich nach ihrer Reisetasche, wobei ihr die Brille fast von der Nase gerutscht wäre. Bei dieser Bewegung gab der Schlitz im Kleid flüchtig den Blick auf ihre schlanken Schenkel frei. Sean konnte sich nur wundern. Er hätte nicht damit gerechnet, so viel nackte Haut zu erspähen. Aber wie hätte er auch ahnen können, dass sie so wenig unter ihrer verhüllenden Kleidung anhatte? Plötzlich begann sein Herz zu rasen.

„Du bist nicht Mary Poppins.“ Traurig schob Melissa ihre Unterlippe vor. Ihre Augen wurden feucht, und sie klammerte sich an Seans Bein fest. „Ich wollte so gern Mary Poppins.“ Ihre Stimme klang ganz dumpf, weil sie das Gesicht an sein Hosenbein schmiegte und sich mit ihren Fingern in sein Bein krallte.

Sean wollte sie hochheben, aber sie klammerte sich nur noch fester an ihn. Er legte ihr einen Arm auf ihre kleine Schulter. Die kleine Tyrannin wirkte auf einmal sehr verletzlich. Keine Frage, er brauchte Hilfe.

„Hallo, du Süße.“ Mit einem kurzen Blick auf Sean hockte sich Carly neben sie. „Das tut mir aber wirklich leid. Du hast recht, ich bin nicht Mary Poppins. Aber ich habe auch so eine Wundertasche wie sie dabei, mit lustigen Sachen drin. Siehst du?“ Sie hob ihre Reisetasche und schwenkte sie verlockend. Es klapperte und rasselte.

Melissa ließ Seans Bein los. „Ist Mommy da drin?“

„Nein.“ Carly hatte eine volle, ein wenig heisere Stimme. Noch so ein Widerspruch. Es war eine Stimme voller Gefühl, die im Gegensatz zu ihrer fast nonnenartigen Kleidung stand. „Aber ich habe einige hübsche Kleider dabei. Möchtest du sie sehen?“

Melissa blinzelte kurz und gab dann nickend ihr Einverständnis. „Okay.“

Okay. Sie hatte okay gesagt. Sean konnte nicht anders, er musste ständig die Frau angrinsen, die gerade dabei war, ihm das Leben zu retten.

Jedenfalls für die nächsten zwei Wochen.

2. KAPITEL

Carlyne tat etwas, was sie in den sechsundzwanzig Jahren ihres Lebens noch nie getan hatte: Sie zögerte. Dabei war dies doch genau das, was sie wollte – eine Pause von ihrem verrückten, hektischen Leben. Endlich Gelegenheit bekommen, zu erfahren, wie normale Menschen lebten.

Eine Möglichkeit, sich unter das Volk zu mischen.

Also betrat Prinzessin Carlyne Fortier das Haus von Sean O’Mara. Allerdings hielt sie nicht Einzug als elegante, kultivierte Prinzessin, sondern als Carly Fortune.

Das war ihre Idee gewesen. Sie hatte regelmäßig amerikanische Zeitungen gelesen, ganz so, wie sie sich heimlich alte amerikanische Fernsehserien anschaute und aufnahm. Sie war seit Langem mit ihrem Leben unzufrieden, und so hatte sie begonnen, auch die Anzeigenteile der amerikanischen Zeitungen zu studieren. Dabei hatte sie sich immer vorgestellt, wie sie sich dort unerkannt niederlassen und den richtigen Mann finden würde. In ihrer Welt war das unmöglich. Dort gab es keinen Mann für sie, den sie als passend betrachtete. Sie fragte sich, ob sie jemals herausfinden würde, ob sie zu einer guten Mutter taugte.

Da war ihr eine Anzeige aus einer kleinen Zeitung aus Santa Barbara, Kalifornien, ins Auge gefallen. Sean O’Mara suchte ein Kindermädchen. Eine echte Herausforderung.

„Hast du Knetgummi dabei?“, fragte Melissa.

Oje. Nicht nur, dass sie hier in Klamotten herumstand, die jeder Modeschöpfer als Todsünde angesehen hätte, nein, sie sollte auch noch das typisch amerikanische Kindermädchen für eine Vierjährige darstellen!

Ein vierjähriges Mädchen, das sie ausgesprochen ernst anblickte.

Carlyne wusste nichts über Kinder, genauso wenig wie über Knetgummi, aber das würde sich ändern. „Ich fürchte, nein. Aber dafür weiß ich, wo wir es kaufen können.“ Das wusste sie auch nur, weil sie neulich in einem Laden gewesen war, der zu einer bekannten Discounterkette gehörte. Das war die letzte und neueste ihrer so gar nicht königlichen Vergnügungen, die sie für sich entdeckt hatte. Nachdem sie zum ersten Mal in dem Laden gewesen war, hatte sie sich regelrecht in ihn verliebt. Es war das einzige Geschäft, in dem Strumpfhosen neben Verandamöbeln verkauft wurden. „Knetgummi gibt es da in allen Farben“, erklärte sie, stolz, wenigstens das zu wissen.

„Aber Mommy hat immer Knetgummi“, erklärte Melissa trotzig.

Kein Problem. Sie würde einfach Francesca, ihre Privatsekretärin, anrufen, und sich von ihr darüber informieren lassen.

„Melissa, Knetgummi kommt nicht infrage“, erklärte Sean und hockte sich neben seine Nichte.

„Ich will aber Knetgummi!“

„Darüber haben wir doch schon gesprochen, erinnerst du dich nicht daran?“, fragte Sean. „Es macht gar keinen Sinn, mich anzuschreien.“

„Was ist Sinn machen?“

Sean schloss die Augen und fuhr sich mit einer Hand durch sein dunkles Haar. „Das hier ist unser Sorgenkind, Melissa“, wandte er sich an Carlyne, um das Gespräch wieder auf die Arbeit zu lenken.

Nicht, dass sie das Geld oder eine Unterkunft gebraucht hätte. Sie besaß Residenzen in St. Petersburg, Paris und an der spanischen Mittelmeerküste. Was sie wirklich brauchte, war ein Platz, an dem sie ohne einen goldenen Löffel im Mund leben konnte. Zweifelsohne war dieser Job dazu geeignet, ihr das nahe zu bringen, was sie sich unter dem normalen Leben einer amerikanischen Frau vorzustellen hatte. Und genau das wollte sie kennenlernen. Einfach einmal selbst in einem Supermarkt einkaufen gehen und ihre eigenen Besorgungen allein erledigen. Sie wollte wissen, wie es war, irgendwo zu leben, ohne im Scheinwerferlicht zu stehen. Wollte wissen, ob sie als Mutter geeignet war. Amerika erschien ihr der geeignete Ort zu sein, da es für Unabhängigkeit und Freiheit stand, Dinge, die sie sich von ganzem Herzen wünschte.

Wenn Sean sie mit seinen Augen, die so blau waren wie der klare Himmel über den Bergen, ansah, hatte sie das unbestimmte Gefühl, dass er ihre Verkleidung durchschaute, obwohl sie wusste, dass dies unmöglich war.

Sie war mit den meisten Königshäusern Europas verwandt, entstammte einer langen Reihe russischer und französischer Vorfahren. Es war wie in einem Märchen. Ihre Familie war mit dem russischen Zaren verwandt und hatte früher in Russland gelebt. Als das Zarenreich zerfiel, schaffte ihre Familie es, sich mit ihren Reichtümern und Titeln ins Ausland zu retten, und lebte seither sorgenfrei in Frankreich. Sie war eine Prinzessin ohne Königreich, eine Weltbürgerin, aber leider keine gewöhnliche. Die Leute waren von ihr und ihrer Familie fasziniert, aber seit sie in Amerika unterwegs war, war sie noch von keiner Menschenseele erkannt worden. Dank ihrer Erziehung und ihrem geheimen Bildungsprogramm in Form von Fernsehen sprach sie ein perfektes Englisch.

Sie trug eine dunkle Langhaarperücke und hatte sich stark geschminkt. Damit verbarg sie sowohl ihren blonden Bob als auch ihre makellos weiße Haut. Da sich viele Menschen an ihre leuchtend grünen Augen erinnerten, trug sie himmelblaue Kontaktlinsen. Die riesige Brille mit den dicken Gläsern war eine plötzliche Eingebung gewesen. Ärgerlich nur, dass sie ihr andauernd von der Nase rutschte.

Die unscheinbare Kleidung vervollständigte ihre Maskerade, da Carlyne in der Öffentlichkeit ausschließlich in Designermodellen aufgetreten war. Und nun stand sie wieder in der Öffentlichkeit. Nur diesmal ohne ihre Leibwächter und einen Pulk Paparazzi. Vor Erleichterung lächelnd, trat sie in Seans Haus ein. Beim Spiegel im Flur blieb sie wie angewurzelt stehen. Das, was sie dort erblickte, ließ sie erstarren.

Es war eine Sache, einen Fluchtplan zu entwickeln, aber das Ergebnis ihrer Anstrengungen vor Augen zu haben, war etwas völlig anderes.

Dennoch, es blieb dabei. Sie war schon viel zu lange einsam gewesen. Abgeschnitten vom Rest der Welt. Nicht, dass irgendjemand sie bedauern würde. Denn Prinzessin Carlyne Fortier hatte alles, was man sich wünschen konnte. Gutes Aussehen, Verstand, Reichtum. Doch ihr Aussehen und ihr Reichtum waren nur ererbt, genau wie alle ihre Freunde, denn es waren Freunde der Familie. Ihr Verstand war durch die beste Erziehung, die man für Geld kaufen konnte, geschult worden. In jedem wachen Moment ihres Lebens war sie von Leuten umgeben, die etwas von ihr wollten. Aber ihre Familie nahm sie dennoch nicht ernst genug, um ihr etwa zu gestatten, einer Arbeit nachzugehen. Sie war nichts weiter als eine schöne Verzierung.

Sie fragte sich, was wohl aus ihr geworden wäre, wenn sie arm geboren oder in einer durchschnittlichen Familie aufgewachsen wäre. Wäre sie eine normale Frau mit einer normalen Familie geworden? Hätte sie jetzt schon ein Kind gehabt?

Von daher war es nicht verwunderlich, dass sie ihre Tasche gepackt, ihre Kreditkarten bis auf eine weggelegt, sich bis zur Unkenntlichkeit verkleidet und auf Sean O’Maras Anzeige geantwortet hatte.

Unglaublich, sie hatte es tatsächlich getan. Sie sah ausgesprochen normal aus.

„Alles in Ordnung?“, fragte Sean.

Er stand neben ihr vor dem Spiegel. Sein fast schwarzes Haar reichte bis auf den Kragen seines Hemdes. Sie hatte den Eindruck, dass er sich lange nicht mehr gekämmt hatte. Außerdem war sein Polohemd voller Flecken, aber sie musste zugeben, dass seine Brust beeindruckend breit aussah. Seine Kakihose war sauber, wenn man davon absah, dass sie an den Stellen, an denen Melissa sich an ihn geklammert hatte, völlig verknittert war. Es fiel ihr auf, dass er barfuß ging, etwas, dass sie normalerweise abgestoßen hätte, denn Prinzessin Carlyne bevorzugte gut gekleidete Männer. Und gut gekleidet bedeutete von Kopf bis Fuß.

Dennoch wirkten seine gebräunten Füße irgendwie sexy.

Ebenso wie seine blauen Augen, mit denen er sie ansah. Wahrscheinlich wunderte er sich, wieso sie seit fünf Minuten ihr Spiegelbild anstarrte.

„Onkel Sean!“

Doch der konnte den Blick nicht von Carlyne nehmen. „Um ehrlich zu sein“, begann er schließlich, „weiß ich nicht so richtig, wie ich dieses Bewerbungsgespräch führen soll.“

„Dann sind wir ja schon zu zweit.“ Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, wie man sich für einen Job bewarb. Bislang hatte sie es nicht nötig gehabt. Aber es gab wohl für alles ein erstes Mal.

„Onkel Sean!“

„Wollen wir uns nicht erst einmal hinsetzen?“ Sean tätschelte den Rücken des kleinen Mädchens, um es zu beruhigen. Es war offensichtlich, dass er nicht an den Umgang mit Kindern gewohnt war. „Haben Sie einen Lebenslauf oder Empfehlungen dabei?“, fragte er geschäftsmäßig.

Carlyne dankte dem Schicksal für die besonderen Fähigkeiten ihrer Privatsekretärin. Francesca hatte ihr nicht nur einen alten Gebrauchtwagen für ihren Aufenthalt besorgt, sie hatte ihr auch einen Lebenslauf und Empfehlungsschreiben gezaubert, die allen Ansprüchen genügen würden. „Habe ich.“ Sie lächelte Sean einnehmend an. „Aber Sie sollten wissen, dass ich noch nie im Haus eines Arbeitgebers gewohnt habe.“

Sie hatte, außer mit ihrer Familie, überhaupt noch nie mit irgendjemandem zusammengelebt. Und das nicht, weil sie erst sechsundzwanzig war, sondern weil es keinem Mann je gelungen war, ihr Herz zu erobern.

„Ich brauche Sie aber die ganze Zeit hier“, erläuterte Sean. „Melissa ist die Tochter meiner Schwester, die gerade verreist ist. Und …“ Er senkte seine Stimme, und Carlyne konnte nicht anders, als seine Tonlage anziehend zu finden. „Ich komme hier nicht mehr klar. Ich habe keine Ahnung, was ich noch machen soll. Ich brauche Hilfe, und das schnell.“

„Sie sind nicht verheiratet?“ Die Frage war Carlyne einfach so herausgerutscht.

Autor

Jill Shalvis
New York Times-Bestsellerautorin Jill Shalvis lebt in einer Kleinstadt in Sierras, voller verschrobener Mitmenschen. Jegliche Ähnlichkeit mit den Quirky Charakters in ihren Büchern ist, naja, meistens zufällig. Besuchen Sie sie auf ihrer Website www.jillshalvis.com, um mehr über Jills Bücher und ihre Abenteuer als Berge erklimmendes Stadtkinde zu lesen.
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