Küsse, die Verzeih mir" sagen"

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"Wann kommt Daddy?" Laura weiß keine Antwort auf die Frage ihrer Tochter. Denn selbst wenn Gabriel sie im idyllischen Swallowbrook besucht, ist nicht sicher, dass er auch bleibt. Hat er seine kleine Familie nicht längst gegen seine Karriere als Onkologe eingetauscht?


  • Erscheinungstag 02.01.2019
  • ISBN / Artikelnummer 9783733745448
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Die Sommersonne schien herein, als Laura Armitage die Vorhänge im Schlafzimmer des Hauses zurückzog, das sie von ihrem Onkel geschenkt bekommen hatte. In den sanften goldenen Strahlen leuchtete auf den Feldern in der Ferne das reifende Korn ebenso wie das Wasser des von Bäumen gesäumten, nahe gelegenen Sees. Doch für Laura wurde der strahlende Morgen von einer unsicheren Zukunft überschattet.

Vor einem Monat waren sie und ihre Kinder in das große alte Haus in Swallowbrook gezogen, das sie zuvor gründlich hatte renovieren lassen. Das hübsche Dorf lag inmitten der nordenglischen Seenlandschaft, und Laura hatte hier eine Stelle als Praxismanagerin in der ärztlichen Gemeinschaftspraxis angetreten. Da sie London unbedingt verlassen wollte, war sie froh gewesen, als sich die Gelegenheit bot, den Job ihres Onkels zu übernehmen. Denn Gordon war nach Spanien gezogen, um dort seinen Ruhestand zu genießen.

Die Kinder, die achtjährige Sophie und der sechsjährige Josh, liebten den Ort nach all dem Lärm und der Hektik in London. Der See, bei jedem Wetter schön, war von schroffen Bergen umgeben, die das ganze Jahr über Wanderer und Kletterer anlockten. Vor allem aber im Sommer, während weit unter ihnen Boote unterschiedlichster Art und Größe durch das klare Wasser des Sees glitten.

Die Kinder genossen es besonders, wenn sie gemeinsam auf einem der zahlreichen Ausflugsdampfer bis zum gegenüberliegenden Ufer fuhren. Aber was immer sie auch unternahmen, Sophie stellte immer dieselbe Frage: „Mommy, wann kommt Daddy wieder nach Hause?“

„Bald“, sagte Laura dann jedes Mal liebevoll. „Er hat einfach so viel zu tun, weil er sich um kranke Menschen kümmern muss.“

Als Laura jetzt aus dem Fenster blickte, dachte sie, dass sie Swallowbrook sicher genauso lieben würde wie ihre Kinder, wenn nur Gabriel bei ihnen wäre. Doch durch ein schreckliches Ereignis war er ihnen genommen worden. Und bis er wieder auftauchte, würde Laura in der Ungewissheit leben müssen, ob ihre vorher bereits angeschlagene Ehe vielleicht endgültig gescheitert war.

Er wusste, dass sie das Haus ihres Onkels übernommen hatte und von morgens um neun bis nachmittags, wenn die Schule zu Ende war, in der Praxis arbeitete.

Als sie Gabriel von Gordons großzügigem Geschenk erzählt hatte, war er nicht sonderlich erfreut gewesen. „Schön, wenn es das ist, was du willst, Laura. Aber sobald ich hier raus bin, ziehe ich sofort wieder in unser Haus in London.“ Mit einem düsteren Lächeln hatte er hinzugefügt: „Ich nehme doch an, dass es noch existiert? Oder ist es etwa auch gepfändet worden?“

„Nein, natürlich nicht!“ Laura hatte ihre Tränen zurückgehalten, wie immer an den furchtbaren Besuchstagen, wenn sie einander wie Fremde an einem kleinen Tisch gegenübersaßen, ohne sich zu berühren.

Auch vor den Kindern weinte sie niemals, fest entschlossen, dass nichts ihre kindliche Unschuld trüben sollte. Nein, ihre Tränen vergoss sie in den langen nächtlichen Stunden in dem großen Doppelbett, das sich ohne ihren geliebten Ehemann kalt und leer anfühlte.

„Ich habe die Stelle in Swallowbrook angenommen, um die Rechnungen zu bezahlen, solange du nicht da bist“, hatte sie zu ihm gesagt. „Weil das Haus jetzt mir gehört, werden wir auch dort einziehen. Doch anscheinend hast du nicht vor, nachzukommen. Ich dachte, du willst endlich die Kinder wiedersehen, nachdem du nicht zulässt, dass ich sie mit hierherbringe.“

„Das will ich auch“, erklärte er finster. „Aber vorher muss ich erst zu einem anständigen Friseur, damit sie mich auch wiedererkennen. Das heißt nicht, dass nicht jeder Tag ohne sie die Hölle ist.“

„Und wie ist jeder Tag ohne mich?“, fragte Laura gekränkt.

„Eine ständige Erinnerung daran, dass ich nie für dich da war, wenn du mich gebraucht hast. Und daran, dass du dich deshalb einem anderen zugewandt hast“, erwiderte Gabriel in demselben ausdruckslosen Ton.

„Ja, und als du ausnahmsweise mal früher nach Hause gekommen bist und mich in den Armen eines anderen Mannes sahst, hieltest du es für dein Recht, über die Situation zu urteilen, ohne eine Erklärung abzuwarten. Dabei hast du beinahe jemanden getötet, der im Gegensatz zu dir gerne mit mir zusammen sein wollte“, gab Laura zurück. Dennoch hielt sie ihre Stimme in dem überfüllten Besucherraum gesenkt.

Unzählige Male waren sie die Sache durchgegangen, während sie auf das Gerichtsverfahren gewartet hatten. Nur der Umstand, dass Gabriel den anderen Mann wiederbelebt hatte, hatte ihn vor einer längeren Haftstrafe bewahrt.

An dem Tag hatte er Laura aus den Armen von Jeremy Saunders gerissen und ihm einen derart heftigen Schlag versetzt, dass Jeremy rückwärts taumelnd gestürzt und mit dem Kopf auf den Kaminsims geprallt war. Als sie sich über ihn beugten, hatten sie bemerkt, dass Jeremys Herz nicht mehr schlug. In dem Moment war Gabriel wieder zur Vernunft gekommen und hatte sofort ärztliche Hilfe geleistet.

Laura schüttelte die schlimmen Erinnerungen ab und ging langsam nach unten. Sie musste das Frühstück machen, damit die Kinder rechtzeitig zur Schule kamen.

Die beiden hatten sich schnell an das Landleben gewöhnt, und Sophie kümmerte sich auch hier rührend um ihren kleinen Bruder. Sowohl äußerlich als auch von ihrem Wesen her war sie Gabriel sehr ähnlich mit ihrem dunklen Haar, den grünbraunen Augen, ihrer raschen Auffassungsgabe und ihrer Entschlossenheit.

Josh ähnelte eher Laura mit ihrer ruhigen Art, vielmehr der Laura, die sie früher gewesen war. Mittlerweile hatte sie ihre innere Ruhe und Zufriedenheit zum größten Teil verloren.

Sie hatten an einer der großen, mit Bäumen bestandenen Allee in London gewohnt, nicht weit von Gabriels Arbeitsplatz als Onkologe in einem großen Londoner Krankenhaus. Er war so gefragt, dass Laura sich in den letzten Jahren fast wie eine alleinerziehende Mutter gefühlt hatte, weil er nie da gewesen war.

Seine beiden Eltern waren noch in seiner Jugendzeit an Krebs gestorben, und während des Medizinstudiums hatte er beschlossen, Onkologe zu werden. Jedes Leben, das er vor der schrecklichen Krankheit retten konnte, half ihm, etwas besser mit dem Verlust seiner Eltern fertig zu werden.

Laura hatte immer gewusst und akzeptiert, dass dies der Grund für die Hingabe an seinen Beruf war. Doch im Laufe der Zeit hatte die Tatsache, dass er ständig völlig erschöpft in den frühen Morgenstunden nach Hause kam und innerhalb von Sekunden neben ihr einschlief, ihren Tribut gefordert.

Dann fuhr er noch vor Tagesanbruch zurück ins Krankenhaus, sodass es zwischen ihnen so gut wie keine körperliche Beziehung mehr gab. Gabriels Besessenheit von seiner Arbeit würde sie schließlich auseinanderbringen, falls er nicht ein bisschen kürzer trat, um auch ab und zu mit seiner Familie zusammen zu sein.

Ausgerechnet durch eine Schwellung in Lauras Achselhöhle hatten sich die Dinge schließlich zugespitzt. Eines Morgens, nachdem er bereits fort war, hatte sie den Knoten gefühlt und sofort besorgt bei Gabriel angerufen.

Da er gerade eine größere Operation vor sich hatte, sagte er zu ihr: „Geh am besten zu deinem Hausarzt, damit er sich die Sache anschaut, Laura. Ich muss gleich in den OP.“

Wie vor den Kopf geschlagen, hatte sie langsam den Hörer aufgelegt. Als sie ihren Hausarzt aufsuchte, war auch dieser mehr als verblüfft, dass sie zu ihm kam, obwohl es sich bei ihrem Mann um einen der anerkanntesten Krebsspezialisten des Landes handelte.

Nach seiner Untersuchung sagte er: „Es könnte alles Mögliche sein, Mrs Armitage, aber zur Sicherheit werde ich Sie an einen Onkologen überweisen. Gibt es jemanden, zu dem Sie gerne hingehen würden?“

„Ja, zu meinem Mann.“

Taktvoll unterließ der Arzt jeden Kommentar, sondern vereinbarte den gewünschten Termin für den folgenden Tag.

Im Krankenhaus hatte Laura sich zu den anderen Patienten in den Warteraum gesetzt. Als ihr Name aufgerufen wurde, folgte sie der Krankenschwester ins Sprechzimmer.

Mit gesenktem Kopf saß Gabriel am Schreibtisch und wollte gerade die Patientenakte durchgehen. Sobald er aufschaute, hob er überrascht die Brauen. „Was tust du denn hier, Laura? Siehst du denn nicht, dass ich beschäftigt bin?“

„Ich muss dich sprechen“, sagte sie ruhig.

„Aber hier ist doch wirklich nicht der richtige Ort dafür“, erwiderte er. „Kannst du nicht warten, bis ich nach Hause komme?“

„Nein, kann ich nicht, Gabriel. Du bist nie da, und ich will auch nichts Privates mit dir besprechen, sondern bin als Patientin hier.“

„Was?“, rief er aus. „Wieso? Was ist los mit …?“ Er brach ab. „Die Schwellung in deiner Achsel? Du warst bei deinem Hausarzt?“

„Ja“, antwortete Laura steif. „Er war zwar sehr erstaunt, dass ich zu ihm kam, obwohl ich mit einem der führenden Onkologen Englands verheiratet bin, hat aber einen Termin für mich vereinbart. Es wundert mich, dass deiner Sekretärin mein Name nicht aufgefallen ist. Aber vermutlich hat sie nicht damit gerechnet, mich als Patientin hier anzutreffen.“

Zutiefst betroffen meinte Gabriel: „Lass mich mal sehen.“

Während er sie abtastete, war beiden bewusst, dass er sie zum ersten Mal seit Monaten überhaupt berührte. Dann zog sie ihr Top wieder an.

„Schwer zu sagen“, erklärte er. „Es könnte hormonell bedingt sein, eine Muskelzerrung oder vielleicht auch ein gutartiger Tumor. Wir sollten also keine voreiligen Schlüsse ziehen, ehe nicht alle notwendigen Untersuchungen vorliegen. Die werde ich für morgen veranlassen. In Ordnung?“

„Ja.“ Laura stand auf.

„Wenn du noch ein paar Minuten wartest, fahr ich dich nach Hause“, hatte er ihr zerknirscht angeboten.

Doch sie hatte abgelehnt. „Nein danke. Ich komme schon klar.“ Damit war sie gegangen.

Wegen all der Unsicherheit in ihrem Leben empfand Laura die Arbeit in der Gemeinschaftspraxis von Swallowbrook wie eine friedliche Oase, auch wenn sie dort immer viel zu tun hatte.

In der Praxis gab es vier Ärzte: Nathan und Libby Gallagher sowie Hugo Lawrence, der erst seit Kurzem mit der jungen Assistenzärztin Ruby Hollister verheiratet war. Bald würden sie wieder nur zu dritt sein, da Libby schwanger war und nach der Geburt ihres Kindes zu Hause bleiben wollte, um sich um das Baby und ihren sechsjährigen Adoptivsohn zu kümmern.

Laura hatte in der Krankenhausverwaltung gearbeitet, als sie Gabriel Armitage begegnet war. Der hochintelligente, attraktive Onkologe und die blonde Schönheit aus dem Büro hatten sich sofort zueinander hingezogen gefühlt.

Beim Weihnachtsball des Krankenhauses hatten sie sich kennengelernt, und nicht lange danach läuteten bereits die Hochzeitsglocken. Bis Gabriel zu einem der gefragtesten Krebsspezialisten des Landes wurde, waren sie mit ihren beiden Kindern eine glückliche Familie gewesen.

Dann jedoch war der unglückselige Tag gekommen, an dem ihr Leben eine katastrophale Wendung genommen hatte.

Niemand in der Praxis wusste viel über Laura, was ihr im Augenblick auch ganz recht war. Ihre neuen Kollegen schienen zu vermuten, dass sie sich von ihrem Ehemann getrennt hatte. Und so lange, bis sie selbst eine bessere Vorstellung davon hatte, wie es mit ihr und Gabriel weitergehen sollte, war es einfacher, die Leute in diesem Glauben zu lassen.

Alle hatten sie herzlich aufgenommen. Die beiden Gallaghers hatten Laura und ihre Kinder an einem Sonntag zum Tee eingeladen, um sie willkommen zu heißen. Dabei freundeten Toby und Josh sich gleich miteinander an. Sophie dagegen, stolze Besitzerin eines rosafarbenen Handys, bekam einen Anruf und telefonierte stundenlang auf einer Bank im Garten, während die Jungen Fußball spielten.

Auf dem Heimweg berichtete sie mit geröteten Wangen und strahlenden Augen: „Das war Daddy.“

Den Schmerz ihrer Mutter, dass Gabriel ihr offensichtlich nichts zu sagen hatte, bemerkte Sophie nicht. Wie soll unsere Ehe jemals wieder funktionieren, wenn Gabriel nicht einmal mit mir redet, fragte sich Laura. Oder war es in seinen Augen ohnehin zu spät dafür? Wollte er ihre Ehe womöglich beenden, wenn er aus dem Gefängnis kam?

An jenem furchtbaren Tag waren sie mit dem Krankenwagen zur Notaufnahme mitgefahren. Während Gabriel und die Sanitäter Jeremy Saunders beobachteten, saß Laura stumm daneben, noch immer unter Schock über das, was gerade passiert war. Und dass Gabriel, die Liebe ihres Lebens, sie tatsächlich der Untreue für fähig hielt.

Wäre er nur wenige Sekunden später gekommen, hätte er gesehen, wie sie Jeremy von sich stieß. Doch Gabriel war nicht imstande gewesen, einen klaren Gedanken zu fassen, nachdem seine Frau ihn als Patientin aufgesucht hatte, um wenigstens auf diese Weise seine Aufmerksamkeit zu erlangen.

Jeremy, der mitbekommen hatte, wie Laura tränenüberströmt nach Hause kam, war nur allzu gern bereit gewesen, seine schöne Nachbarin zu trösten. Er hatte sie in den Arm genommen und ihr besänftigend übers Haar gestrichen. Und genau in dem Moment, als Gabriel hereinkam, hatte Jeremy die Situation ausgenutzt und Laura geküsst, woraufhin Gabriel rotgesehen hatte.

In der Notaufnahme, wo die Polizei bereits auf ihn wartete, wurde Gabriel wegen Verdachts auf schwere Körperverletzung verhaftet. Laura wäre mit zur Polizeiwache gefahren, aber er bestand darauf, dass sie bei einer Nachbarin blieb. Außerdem würden ja auch bald die Kinder aus der Schule kommen.

Am frühen Abend hatte Gabriels Sekretärin bei ihr angerufen, um ihr zu sagen, dass die für den nächsten Tag angesetzten Untersuchungen auf jeden Fall durchgeführt werden sollten. Er selbst würde so bald wie möglich wieder nach Hause kommen.

Danach rief Laura im Krankenhaus an, um sich nach dem Zustand von Jeremy zu erkundigen. Dieser hatte einen Schädelbruch erlitten, war jedoch mittlerweile außer Lebensgefahr. Gabriels schnelle Erste Hilfe hatte ihm offenbar das Leben gerettet.

Das Gefühl der Unwirklichkeit, das ihn in der gesamten Zeit seiner Haftstrafe begleitet hatte, verging auch nicht, nachdem Gabriel die Tür zu seinem Haus in London aufschloss. Jetzt bin ich frei, dachte er düster, aber was nun? Er blickte sich in dem Eingangsflur um, der aus Mangel an frischer Luft muffig roch. Gabriel öffnete ein Fenster, wobei er sich fragte, ob er selbst vielleicht genauso roch.

Würde Laura ihm jemals verzeihen, dass er an ihr gezweifelt hatte? Pflichtbewusst hatte sie ihm regelmäßig Besuche im Gefängnis abgestattet. Aber das Band zwischen ihnen war zerrissen, das hatte er jedes Mal gespürt.

Nach ihrem Termin bei ihm an jenem verhängnisvollen Tag vor fast einem Jahr war Gabriel schlagartig bewusst geworden, was mit seiner Ehe nicht stimmte. Die Frau, die er über alles liebte, musste sich einen Termin bei ihm geben lassen, damit er ihr wenigstens ein bisschen Aufmerksamkeit schenkte.

Sobald sie gegangen war, hatte er alle Beratungstermine an seinen Stellvertreter abgegeben. Am frühen Nachmittag war er dann nach Hause gegangen, um ihr zu sagen, dass er in Zukunft sein Arbeitspensum verringern würde und sie wieder eine richtige Familie sein konnten.

Mit einem großen Strauß ihrer Lieblingsblumen in der Hand kam er ins Wohnzimmer, wo er sie in inniger Umarmung mit ihrem Nachbarn ertappte, der sie gerade küsste. Jeremy Saunders war der größte Faulpelz unter der Sonne und hielt sich für unwiderstehlich. Ausgestattet mit einem erheblichen eigenen Vermögen, verbrachte er seine Tage damit, sich im Londoner Jetset zu vergnügen. Gabriel hingegen musste häufig vierundzwanzig Stunden hintereinander operieren, und in den ersten Sekunden seines glühenden Zorns glaubte er, der Playboy von nebenan würde Laura den Hof machen.

Vor Gericht wurde er schließlich zu neun Monaten Haft wegen schwerer Körperverletzung verurteilt. Da er seinem Gegner zugleich auch das Leben gerettet hatte, war die Strafe milder ausgefallen als üblich.

Nach jenem Tag hatte sich alles zwischen Gabriel und Laura geändert. In den Wochen vor dem Gerichtsverfahren schliefen sie in getrennten Zimmern und sprachen nur über häusliche Dinge und die Kinder. Die Vorstellung, längere Zeit von seiner Familie getrennt zu sein, war eine Qual für ihn. Der einzige Lichtblick waren Lauras Untersuchungsergebnisse, die zeigten, dass es sich bei ihr um eine gutartige Schwellung handelte.

Als Erstes stellte Gabriel sich in dem leeren Haus unter die Dusche, um den Gefängnisgeruch loszuwerden. Danach zog er endlich wieder seine eigene Kleidung an, die seit Monaten ungetragen im Schrank hing.

Den Kühlschrank fand er gut gefüllt vor, was ihn wunderte. Wenig später rief jedoch seine Sekretärin Jenny an, die sich erkundigte, ob die Lebensmittel, die sie eingekauft hatte, ausreichend wären.

„Laura hat mich gebeten, für Sie einzukaufen“, erklärte sie.

„Es ist alles wunderbar“, antwortete Gabriel. „Vielen Dank für Ihre Mühe.“

„Das war doch keine Mühe. Ich bin nur froh, dass Sie wieder zu Hause sind“, meinte sie verlegen. „Jeder in der Abteilung will wissen, wann Sie zurückkommen.“

„Die Frage ist wohl eher, ob ich zurückkomme“, erwiderte er. „Ich muss erst über einiges nachdenken, Jenny. Aber ich schaue sicher demnächst mal vorbei.“

Kaum hatte er aufgelegt, klingelte das Telefon erneut. Es war Laura.

„Gabriel! Du bist zu Hause. Gott sei Dank! Wie fühlt sich das an?“

„Ruhig und friedlich“, sagte er. „Jenny hat eingekauft. Ich werde mir also einen kleinen Snack machen und dann vielleicht im Park spazieren gehen. Ich habe gesehen, dass das Haus nebenan zum Verkauf steht. Wusstest du das?“

„Ja. Jenny hat es mir erzählt.“

„Warum tut Jeremy das?“

„Keine Ahnung. Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht interessiert bin.“ Nach einem kurzen Schweigen fügte sie hinzu: „Wann kommst du, um die Kinder zu besuchen?“

„Bald. Vielleicht nächste Woche.“

„Verstehe.“ Offenbar hatte Gabriel nicht die Absicht, sein Leben so weiterzuführen wie vor seiner Haftstrafe, was Laura gut verstehen konnte. Damals hatten sie wie Fremde nebeneinan­der hergelebt, und das wollte auch sie nicht mehr.

Sie war nicht nur deshalb nach Swallowbrook gezogen, weil sie plötzlich stolze Besitzerin eines Hauses geworden war, sondern weil sie im Stillen gehofft hatte, es könnte ein Neuanfang für sie und Gabriel werden, eine Chance, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Allerdings schien er andere Pläne zu haben, und nach dem Telefongespräch weinte Laura um all das, was sie verloren hatten.

Am Abend zuvor hatte ein Meeting der Ärzte zu dem neuen Projekt einer Krebsklinik auf dem Gelände der Praxis stattgefunden.

Die Bauarbeiten dafür hatten bereits begonnen. Die Klinik sollte eine Zweigstelle der Onkologie-Abteilung des örtlichen Krankenhauses werden, die stark überlastet war.

Libby hatte an dem Meeting nicht teilgenommen, da sie sich bald aus der Praxis zurückziehen wollte. Daher hatte sie angeboten, dass Sophie und Josh so lange in ihrem Haus mit Toby spielen konnten, bis es zu Ende war.

Als Laura die Kinder ablieferte, stellte Libby fest, wie müde und angestrengt ihre neue Kollegin aussah. Doch sie sagte nichts, da Laura Armitage sehr zurückhaltend war, was ihr Privatleben betraf.

Ruby Hollister, die einen ähnlichen Eindruck hatte, tat ihr Bestes, damit Laura sich hier wohlfühlte. Diese schien unter einem starken Druck zu stehen, und es war auffällig, dass sie den Vater ihrer Kinder niemals erwähnte.

Nach ihrem Telefonat mit Gabriel am Freitagmorgen schien es Laura, als hätte sich das Gefühl der Unwirklichkeit in ihrem Leben noch verstärkt. Eine glückliche Wiedervereinigung ihrer Familie würde in nächster Zeit wohl nicht stattfinden.

Als Laura an diesem Abend noch lange unter dem Dach von Swallows Barn wach lag, hörte sie Sophie im Schlaf nach ihrem Vater rufen. Es war unfassbar, wie Gabriel seinen Kindern fernbleiben konnte, obwohl er doch jetzt seine Freiheit wiederhatte.

Wenn er nicht mit ihr zusammen sein wollte, na schön. Aber er liebte Sophie und Josh, und falls er nicht bald auftauchte, würde sie … Ja, was denn? Die Scheidung einreichen, um ohne ihn weiterleben zu müssen?

2. KAPITEL

Am Sonntag machte Laura mit den Kindern ein Picknick auf der kleinen Insel mitten im See. Bis auf ein einziges Anwesen war sie unbewohnt. Ein schönes, aus den für diese Gegend typischen grauen Steinen erbautes Haus, das den Namen Greystone House trug. Es gehörte den Gallaghers, die fast jedes Wochenende hier verbrachten. An diesem Wochenende jedoch fuhren sie zu der Hochzeit eines Freundes im Süden Englands. Daher waren Laura und die Kinder heute allein auf der Insel.

Josh und Sophie erkundeten begeistert das Gelände, und da Laura sie immer im Auge behalten konnte, ließ sie ihnen den Spaß. Sie sollten nur das Grundstück der Gallaghers nicht betreten.

Während die Kinder auf Entdeckungstour waren, bereitete Laura das Picknick vor, ehe sie sich auf den mitgebrachten Klappstuhl setzte und ihren Gedanken nachhing.

Es kränkte sie, dass Gabriel nicht sofort hierhergeeilt war, um wenigstens die Kinder zu sehen. An einem Neuanfang ihrer Ehe hatte er ohnehin anscheinend kein Interesse mehr.

Oft dachte Laura, wenn sie ihn an jenem Tag nicht als Patientin aufgesucht hätte, wären die folgenden tragischen Ereignisse gar nicht erst passiert. Alle Beteiligten hatten einen hohen Preis dafür gezahlt.

Auf einmal hörte sie ein Motorengeräusch näher kommen und seufzte. Das Boot hielt am Anleger an. Falls andere Leute dieselbe Idee hatten wie sie, dann war es mit der Ruhe und dem Frieden, nach denen sie sich so sehnte, bald vorbei.

Sie rief Sophie und Josh, gab ihnen etwas zu trinken und ließ dann beinahe die Flasche fallen, denn die Kinder erstarrten, als hätten sie einen Geist gesehen.

Langsam drehte Laura sich um, und als sie aufschaute, stand Gabriel vor ihr, der sie mit ernstem Blick ansah. Sekundenlang waren alle wie versteinert, bis Sophie ausrief: „Daddy!“

Autor

Abigail Gordon
Abigail Gordon ist verwitwet und lebt allein in einem Dorf nahe der englischen Landschaft Pennines, deren Berggipfelkette auch das „Rückgrat Englands“ genannt wird.
Abigail Gordon hat sich besonders mit gefühlvollen Arztromanen einen Namen gemacht, in denen die Schauplätze meistens Krankenhäuser und Arztpraxen sind.
Schon immer war Abigail Gordon ein Fan von...
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