Lauter süße Früchte

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Gut aussehend, charmant, offensichtlich sehr kinderlieb und dann noch vermögend, denn ihm gehört eine der größten Orangenplantagen im sonnigen Florida - Nick Starke ist ein Traummann! Und obwohl die hübsche Carlee über ihn Dinge erfahren hat, die ihr gar nicht gefallen, kann sie nicht anders: Sie verliebt sich in Nick. Trotzdem sagt sie ihm nicht die Wahrheit darüber, warum sie seine Nähe gesucht hat …
  • Erscheinungstag 16.06.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733757564
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Carlee hielt Alicias dreizehn Monate altes Kind auf dem Arm, während sie durch einen Tränenschleier hindurch auf das Grab schaute.

Sie konnte es immer noch nicht fassen, dass Alicia tot war. Es war alles so schnell gegangen. Sie hatten sich wie so oft an Sonntagen mit Kuchen verwöhnt, und plötzlich hatte Alicia sich laut stöhnend ans Herz gefasst und war zusammengebrochen. Carlee hatte sofort die Ambulanz gerufen, und Alicia war mit Blaulicht ins Krankenhaus gefahren und in die Notaufnahme gebracht worden. Doch jede Hilfe war zu spät gekommen. Bereits wenig später war ein Arzt bei Carlee im Wartezimmer erschienen und hatte ihr mitgeteilt, dass ihre Freundin verstorben sei.

Es sei ihr Herz gewesen, hatte er gesagt und gemeint, dass Alicia wahrscheinlich bereits seit ihrer Geburt einen unentdeckten Herzfehler gehabt haben musste. Auf seine Frage, ob Alicia schon länger Herzprobleme gehabt hatte, konnte sie ihm nur antworten, dass ein Arzt nach der schweren Geburt von Scotty verdächtige Herzgeräusche bei ihrer Freundin festgestellt hatte. Doch da Alicia nicht krankenversichert war, hatte sie sich keine kostspielige Untersuchung bei einem Kardiologen leisten können. Außerdem hatte sich ihre Freundin nicht allzu viele Sorgen wegen dieser Geräusche gemacht. Schließlich war sie immer gesund gewesen, und es war normal, dass man sich nach einer schweren Geburt erschöpft fühlte.

Zu schade, hatte der Arzt daraufhin gemeint. Wäre sie untersucht worden, hätte man den Herzfehler vermutlich beheben können.

Jetzt war Alicia tot, und Carlee war plötzlich für ein Kleinkind verantwortlich. Als die Sanitäter ihre Freundin in den Krankenwagen schoben, hatte Alicia sie gefragt, ob sie Scotty zu sich nehmen würde, sollte ihr etwas zustoßen. Und Carlee hatte, ohne zu zögern, Ja gesagt. Als sie dann mit Scotty im Arm in der Notaufnahme wartete, hatte ihr ein Arzt ein Blatt Papier überreicht. Alicia hatte noch kurz vor ihrem Tod einen Pfleger gebeten niederzuschreiben, dass sie Carlee als Vormund für ihren Sohn einsetzte. Und es war ihr noch gelungen, dieses Schriftstück zu unterschreiben.

Dann hatte der Arzt sie gefragt, ob sie Schwestern seien. „Beste Freundinnen“, hatte sie geflüstert, weil sie dem Arzt nicht erzählen wollte, dass gescheiterte Beziehungen zu verantwortungslosen Männern sie zusammengeschweißt hatten. Alicia und sie hatten sich gegenseitig Halt gegeben und sich geschworen, nie wieder so dumm zu sein und auf Lügner und Schufte hereinzufallen.

Carlees Eltern hatten sich getrennt, als sie erst zehn Jahre alt gewesen war. Das Gericht hatte der Mutter das Sorgerecht zugesprochen. Doch ihr Vater hatte nie Unterhalt gezahlt, und ihre Mutter war zu schwach gewesen, um sich gegen ihn aufzulehnen und auf gerichtlichem Wege ihr Recht zu erzwingen. Als Folge davon war nur selten genug Geld im Haus gewesen, und Carlee hatte ihre Mutter wegen ihres mangelnden Durchsetzungsvermögens und ihren Vater wegen seiner Verantwortungslosigkeit abgelehnt.

In dem Jahr als Carlee ihren Highschool-Abschluss machte, heiratete ihre Mutter erneut. Sie zog an die Westküste und ließ Carlee allein in Florida zurück. Carlee verliebte sich, heiratete, bevor sie zwanzig war, und wurde nach fünf Jahren von ihrem Mann für eine ältere reiche Frau verlassen, die seinen extravaganten Lebensstil finanzieren konnte. Carlee blieb ohne einen Penny zurück, sogar den Fernseher, die Stereoanlage und den Wagen hatte er mitgenommen.

In der Zeit ihrer Scheidung hatte Carlee Alicia getroffen. Sie wohnten in demselben Apartmentkomplex. Alicia belegte am Tag Computerkurse und arbeitete abends in Cocoa Beach in der Blue Moon Lounge. Alicia war bereits schwanger, als Carlee sie kennenlernte, aber sie wollte nie über den Vater des Kindes reden. Und Carlee wollte nicht neugierig sein.

Carlee arbeitete bereits seit der Zeit auf der Highschool in der Geschenkboutique der Jupiter Orangenplantage, aber leider fand sie nur in der Saison dort Anstellung. Trotzdem gefiel ihr die Arbeit so gut, dass sie alle Jobs annahm, die sich ihr boten, um in der Erntesaison immer wieder dorthin zurückkehren zu können. Nach ihrer Scheidung benötigte sie allerdings mehr finanzielle Sicherheit, und Ben Burns, der Besitzer der Plantage, hatte ihr eine Gehaltserhöhung zugesagt und ihr versprochen, sie das ganze Jahr über in seinem Büro zu beschäftigen, wenn sie Computer- und Buchhaltungskurse belegen würde. Also war sie in eine Abendschule gegangen und hatte nach der Saison einen Job in der Kosmetikabteilung eines Kaufhauses angenommen.

Da die Zeiten hart waren, hatten Carlee und Alicia sich entschlossen, gemeinsam ein Apartment zu mieten. Selbst Schwestern hätten sich nicht so nah sein können, wie die beiden Freundinnen es gewesen waren. Carlee hatte Alicia sogar zur Schwangerschaftsgymnastik begleitet und war bei der Geburt von Scotty dabei gewesen. Später hatte sie dann Alicia geholfen, für Scotty zu sorgen und den Kleinen wie ihren eigenen Sohn zu lieben begonnen.

Tagsüber hatte Alicia eine Vereinbarung mit einer anderen arbeitenden Mutter getroffen, die beiden wechselten sich mit dem Babysitten ab. Wenn das Leben auch manchmal mühsam gewesen war, so war es doch nach Plan verlaufen. Es hatte sogar etwas wie Glück in ihrer kleinen Welt gegeben.

Jetzt war für Carlee diese Welt zusammengebrochen, und sie fragte sich, wie sie mit ihren neuen Mutterpflichten zurechtkommen sollte. Sie hatte niemanden, bei dem sie Scotty auch nur für ein paar Stunden lassen konnte. Zu allem Unglück zog auch noch die junge Frau weg, die früher auf Scotty aufgepasst hatte. Aber Carlee musste arbeiten und zur Schule gehen, damit sie den besser bezahlten Bürojob bei Burns bekam, und das wiederum bedeutete, dass sie einen Platz in einer Kindertagesstätte zahlen musste. Der Haken war nur, dass sie dafür kein Geld hatte. Ihr Budget vorher schon sehr klein gewesen, und jetzt hatte sie auch noch die Kosten für Alicias Beerdigung zu tragen. Es hatte niemanden gegeben, der dafür aufgekommen wäre, und Carlee hatte auf keinen Fall gewollt, dass Alicia ein Armenbegräbnis bekam.

Den Gedanken, eine neue Mitbewohnerin zu suchen, hatte Carlee bereits verworfen. Die Chance, ein zweites Mal jemanden zu finden, mit dem sie so gut wie mit Alicia harmonierte, war zu gering.

„Aber mach dir keine Sorgen, kleiner Junge“, flüsterte sie dem schlafenden Scotty ins Ohr, als die Beerdigungszeremonie beendet war. „Wir werden schon zurechtkommen.“ Mit diesen Worten wickelte sie die Decke noch ein wenig fester um den Kleinen. Es war zwar Frühling, doch der Tag war kühl und regnerisch, und ein kalter Wind wehte vom Indian River hinüber.

Scotty wachte auf und begann zu weinen. Sie steckte ihm den Schnuller in den Mund und versprach, ihn zu füttern, sobald sie zu Hause angekommen waren. Ihr eigener Magen begann zu rumoren, und sie konnte sich nicht erinnern, wann sie die letzte Mahlzeit gegessen hatte. Kaffee war das Einzige, was sie in diesen letzten schrecklichen Tagen seit dem Tod von Alicia zu sich genommen hatte.

Sie wollte sich gerade vom Grab abwenden und den Friedhof verlassen, als Mr. Barnhill, der Pfarrer, sich an sie wandte. „Miss Denton, die anderen Damen dort drüben haben mir vorhin erklärt, dass sie mit Miss Malden zusammengearbeitet haben und Sie gern kennenlernen würden. Haben Sie einen Moment Zeit?“

„Natürlich“, murmelte Carlee, als er auf die Frauen wies, die langsam näher gekommen waren.

Nachdem sie Scotty ausgiebig bewundert hatten, sprachen sie davon, wie Alicia immer Fotos von dem Kleinen mitgebracht hatte, um ihnen ihren Sohn zu zeigen. Carlee dankte ihnen für die Kranz- und Blumenspenden. Das sei doch selbstverständlich, meinten sie, schließlich wäre Alicia eine großartige Kollegin gewesen.

Dann wünschten sie ihr und dem Kind noch alles Gute und verließen langsam den Friedhof. Nur eine, Marcy Jemison, blieb zurück.

„Alicias Baby ist so süß“, schwärmte sie, tätschelte dem Kind die Wange und streckte ihm einladend die Arme entgegen.

Doch Scotty wandte nur abrupt den Kopf ab und schmiegte sich noch enger an Carlee.

„Entschuldigen Sie“, bat Carlee. „Normalerweise würde er anders reagieren, aber ich glaube, er fühlte sich heute nicht so gut.“

„Nun, wer kann ihm das übel nehmen? Schließlich ist das die Beerdigung seiner Mutter. Vielleicht spüren Babys solche Dinge. Wer weiß das? Es war für uns alle ein Schock. Ich meine, Alicia wirkte in der letzten Zeit ziemlich erschöpft, aber verflixt, ich habe auch ein Baby und ich weiß, wie anstrengend es ist, ein Kind ohne die Hilfe eines Vaters zu versorgen. Wir haben gehört, Alicia wollte, dass Sie ihn zu sich nehmen. Was werden Sie tun?“

Es war eine sehr direkte Frage, aber Carlee spürte, dass die Frau es gut meinte. „So gut für ihn sorgen, wie ich kann, und ihn lieben, als ob er mein eigenes Kind wäre.“

„Nun, ich finde, Sie sollten die Hilfe des Vaters in Anspruch nehmen. Jeder weiß, dass dieser Schuft verheiratet gewesen war und dass er Alicia im Stich gelassen hat. Ich hasse Kerle wie ihn. Zuerst haben sie Ihren Spaß, und dann lassen sie die armen Mädchen sitzen und kümmern sich einen Dreck darum, was mit ihnen passiert.“

„Er wusste nicht, dass sie schwanger war, als er zu seiner Frau zurückkehrte“, erwiderte Carlee steif. Sie wollte nicht über Alicias Privatleben sprechen, hatte aber das Gefühl einiges klären zu müssen. „Als er sie traf, erklärte er ihr, dass er sich scheiden lassen würde. Und als er nicht mehr in die Lounge zurückkehrte, nahm sie an, dass er sich wieder mit seiner Frau versöhnt hatte. Sie hat ihm nie von dem Baby erzählt, um ihm keine Probleme zu machen.“

Marcy runzelte die Stirn. „Hat sie Ihnen das gesagt?“

„Ja. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden. Es ist sehr kühl, und ich würde Scotty jetzt gern nach Hause bringen.“

„Klar. Aber denken Sie daran, was ich Ihnen gesagt habe. Wenn dieser Kerl ausfindig gemacht werden kann, sollten Sie ihn auch zahlen lassen. Leider hat Alicia seinen Namen nie verraten. Und als er noch in die Lounge kam, habe ich nicht dort gearbeitet.“ Sie hob fragend die Augenbraue. „Hat sie Ihnen was erzählt?“

„Nur seinen Vornamen – Nick. Sie hat nicht gern über ihn gesprochen.“

„Nun, das ist wirklich schade, aber wahrscheinlich stammt er sowieso nicht aus dieser Gegend. In Cocoa Beach wimmelt es nur so von Touristen. Außerdem kommen Ingenieure und Techniker aus der ganzen Welt hierher. Aber wenn ich an Alicias Stelle gewesen wäre, hätte ich den Unterhalt gerichtlich eingefordert.“

Carlee stimmte mit Marcy überein, verstand aber Alicias Verhalten trotzdem. Ihre Freundin hatte eine äußerst unerfreuliche Kindheit hinter sich. Ihre Mutter wurde ebenfalls von ihrem Vater wegen einer anderen Frau verlassen. Im krassen Gegensatz zu Carlees Mutter hatte Alicias jedoch lautstark auf ihr Recht gepocht. Sie war so weit gegangen, höchstpersönlich vor der Tür ihres Exmannes zu erscheinen, wenn das Geld mal zu spät gezahlt worden war. Zu diesen Anlässen hatte sie Alicia stets mitgenommen, und je älter Alicia wurde, umso gedemütigter hatte sie sich gefühlt. Eines Tages hatte die neue Frau ihres Vaters sogar die Türe geöffnet und ihrer Mutter das Geld ins Gesicht geworfen. Unter Tränen hatte Alicia Carlee erzählt, wie ihre Mutter damals das Geld auf den Knien wieder aufgesammelt hatte.

Carlee hatte Alicia dann versichert, dass die Dinge sich geändert hätten. Man könnte heute dem Vater die Anweisung erteilen, direkt an das Gericht zu zahlen, auf diese Weise würde der Staat sich darum kümmern, ausstehende Gelder einzuklagen. Aber Alicia wollte nichts davon hören. Wenn ein Mann dazu gezwungen werden musste zu zahlen, dann wollte sie lieber nichts von ihm haben. Das war und blieb ihre Meinung.

Scotty weinte fast den ganzen Weg nach Hause, und Carlee hatte das Gefühl, sie würde die Last der ganzen Welt auf ihren Schultern tragen. Sie hatte seit Alicias Tod kaum geschlafen und sich Sorgen darum gemacht, wie sie das Leben mit Scotty in den Griff bekommen konnte. Sie hatte in den letzten drei Tagen seit Alicias Tod nicht mehr gearbeitet, aber ihr Chef hatte gestern angerufen und ihr erklärt, dass sie morgen unbedingt wieder an ihrer Arbeitsstelle gebraucht würde. Hinzu kam, dass sie bereits alle Ausfallstage, die in ihrem Kurs erlaubt waren, genommen hatte. Ein weiterer – und sie würde den Kurs noch mal von vorne beginnen müssen.

Als sie zu Hause angekommen war, wollte Carlee den Kleinen füttern, doch Scotty war so müde, dass sie es nach wenigen Löffeln Gemüsebrei aufgab und ihn ins Bett legte. Nachdem er eingeschlafen war, rief sie mehrere Bekannte und Nachbarn an, um zu fragen, ob jemand den Jungen am nächsten Tag zu sich nehmen könnte. Doch auch der Hinweis, dass sie für diesen Gefallen bezahlen würde, nutzte nichts. Alle hatten Termine, die man nicht mit einem Kleinkind wahrnehmen konnte.

Ratlos gab sie schließlich auf und sah sich in der Wohnung um. Alicias Sachen waren noch überall verstreut, und das konnte sie in diesem Moment absolut nicht ertragen. Sie sammelte sie rasch zusammen, brachte sie in Alicias Zimmer und schloss die Tür. Später würde sie ihre Sachen ausräumen, aber zuerst gab es wichtigere Dinge zu tun.

Als sie die Rechnungen durchsah, die auf dem Küchentisch lagen, wurde ihr schlecht vor Sorgen. Das Beerdigungsinstitut hatte ihr gestattet, die Rechnung in mehreren Monatsraten abzuzahlen, aber da waren auch noch die Rechnungen des Kinderarztes, die Alicia nicht beglichen hatte. Scotty war zwar bisher gesund gewesen, aber er hatte die notwendigen Routineuntersuchungen und Impfungen erhalten.

Alicia hatte keinen Cent hinterlassen. Ihr Wagen war auf Kredit gekauft gewesen und bereits vom Händler eingezogen worden. Auf ihrem Konto befand sich kein müder Penny. Die Miete war in einigen Tagen fällig, und Alicia hatte ihren Anteil für eine Autoreparatur ausgegeben, mit dem Versprechen, dass sie Carlee das Geld nächsten Monat zurückgeben würde.

Carlee hätte am liebsten geweint, aber sie wusste, dass sie davon nur Kopfschmerzen bekommen würde. Und die konnte sie im Moment nicht gebrauchen. Sie brauchte jetzt einen klaren Kopf, um eine Bestandsaufnahme zu machen.

Da sie niemanden hatte, der auf Scotty aufpassen konnte, würde sie höchster Wahrscheinlichkeit nach ihren Job verlieren.

Sie hatte kaum Geld und würde auch bald keine Wohnung mehr haben, wenn sie ihre Miete nicht bezahlen konnte.

Sie musste ein Kind versorgen, und …

Carlee schluckte und ließ zum ersten Mal einen Gedanken zu, den sie bisher entschieden verdrängt hatte. Wozu hatte ein Kind einen Vater? Wenn dieser Schuft Alicia und Scotty im Stich gelassen hatte, sollte er wenigstens dafür zahlen.

Und wenn sie mit Scotty überleben wollte, brauchte sie seine Unterstützung.

Carlee seufzte. Sie wusste, was jetzt zu tun war. Sie hatte keine andere Wahl.

2. KAPITEL

Carlee war niemals in der Blue Moon Lounge gewesen, aber durch Alicias Beschreibung kam ihr sofort alles bekannt vor. Da waren die riesigen Topfpalmen, die großen üppigen Ficusbäume, die hängenden Farne, die Philodendren und die bunten tropischen Vögel, die in ihren Bambuskäfigen zwitscherten. Wasser rieselt eine Steinwand in einem Goldfischteich hinunter, und durch die Glasschiebetüren hatte man einen fantastischen Blick auf das blaue Meer. Alicia hatte gern hier gearbeitet und gutes Trinkgeld gemacht.

Carlee hatte bewusst den Nachmittag für ihren Besuch gewählt, bevor die Gäste zur „Happy Hour“ hereinströmten.

Ein Mann mit einem Hawaii-Hemd und Kakihosen begrüßte sie. „Kann ich Ihnen helfen? Es tut mir leid, aber die Bar ist leider noch nicht geöffnet.“ Dann warf er einen fragenden Blick auf Scotty. „Ich hoffe, Sie haben nicht geplant, ihn zur ‚Happy Hour‘ mitzubringen.“

„Du lieber Himmel, nein! Ich war eine gute Freundin von Alicia Malden. Dies hier ist ihr Sohn Scotty. Ich nehme an, dass Sie sie kannten.“

„Natürlich habe ich sie gekannt“, erwidert er, und Mitgefühl schwang in seiner Stimme mit. „Ich bin Jim Martin, der Manager. Wir haben Alicia alle sehr gemocht, und ich möchte Ihnen sagen, wie leid uns das Ganze tut. Ich wollte eigentlich auch zur Beerdigung kommen, konnte aber leider aus Termingründen nicht fort. Aber ich habe Blumen geschickt, und ich weiß, dass einige meiner Mädchen daran teilgenommen haben.“

„Ja, die Blumen waren wirklich wundervoll. Wie lange haben Sie Alicia eigentlich gekannt?“

„Ich habe hier erst vor sieben Monaten als Manager angefangen, und ich mochte Alicia von Anfang an. Sie hat ausgezeichnete Arbeit geleistet.“ Er sah sie fragend an. „Gibt es etwas, womit ich Ihnen helfen kann?“

„Nein, Sie kannten sie leider nicht lange genug, um mir die Information zu geben, die ich brauche. Ist vielleicht Marcy Jemison in der Nähe?“

Er wies auf die offenen Glasschiebetüren. „Sie macht gerade mit einigen Mädchen draußen auf der Terrasse Pause.“

Carlee dankte dem Mann und ging hinaus zu Marcy. Sie stand mit zwei anderen Frauen am Geländer. Alle drei trugen die weißen Shorts und die blauen Blusen, die Carlee bereits von Alicia kannte.

Marcy hatte sie kaum entdeckt, als sie bereits auf sie zulief und Scotty die Arme entgegenstreckte. Dieses Mal ließ er sich mit einem breiten Lächeln von ihr auf den Arm nehmen.

„Das ist Alicias Baby“, erklärte sie den anderen und drückte ihn an sich. „Ist er nicht süß?“ Dann wandte sie sich wieder Carlee zu. „Was bringt Sie an den Strand?“

„Unsere Unterhaltung auf der Beerdigung.“

Marcys Augen weiteten sich. „Toll. Das ist großartig. Sie wollen den Typ also wirklich festnageln. Gut.“

Carlee hätte ihr Vorhaben etwas anders umschrieben. Sie wollte lediglich den Namen von Scottys Vater herausfinden, damit sie ihn fragen konnte, ob er bereit wäre, Verantwortung für seinen Sohn zu tragen. Sie wusste noch nicht, was sie tun würde, wenn er die Vaterschaft nicht anerkannte. Sie fand nur, dass Scotty die Unterstützung seines Vaters verdient hatte.

Sie wandte sich den beiden anderen Frauen zu. „Kennt einer von Ihnen vielleicht den Mann, mit dem Alicia ausgegangen war?“

„Nein, aber Bonnie Handel, die Kassiererin kennt ihn“, antwortete eine der beiden. „Sie arbeitet bereits seit vier Jahren hier.“

Carlee war plötzlich richtig aufgeregt. „Wo kann ich sie finden?“

„Sie brauchen nur über Ihre Schulter zu schauen“, erklärte Marcy und gab ihr Scotty zurück.

Carlee drehte sich um und sah eine Frau, die ungefähr fünfundfünfzig Jahre alt sein mochte. Mit ihrem kurz geschnittenen silberweißen Haar und den eisblauen Augen sah sie noch sehr attraktiv aus. Die schwarze Satinbluse und die engen weißen Hosen zeigten, dass sie kein Pfund zu viel auf ihren Hüften hatte.

Carlee ging zu ihr hinüber, stellte sich vor und erklärte, warum sie gekommen war.

„Kommen Sie, wir werden ins Büro gehen“, forderte Bonnie sie auf, führte sie ins Büro und schloss die Tür. „Ich hoffe, dass Sie diesen Kerl ausfindig machen. Dieser Schuft soll dafür bezahlen, dass er das arme Mädchen im Stich gelassen hat. Wenn ich Alicia gewesen wäre, hätte ich ihn nie damit durchkommen lassen. Das habe ich ihr oft genug gesagt.“

Carlee nickte. „Ich weiß. Ich auch nicht.“

„Bereits als er das erste Mal diese Bar betrat, hatte sie sich auf Anhieb in diesen Mann verliebt. Ich kann es ihr noch nicht mal verübeln. Er sah wirklich sehr gut aus. Dann kam er jeden Abend, und irgendwann hat sie nach Feierabend mit ihm die Bar verlassen. Da wusste ich, was los war.“

„Sie sprach mit mir hin und wieder über ihn“, berichtete Bonnie weiter. „Ich bin älter als die anderen Angestellten und war schon immer eine gute Zuhörerin. Deswegen laden die Mädchen gern bei mir ihre Probleme ab. Alicia erzählte mir, dass er verheiratet wäre, sich aber scheiden lassen wollte. Ich sagte ihr, dass jeder verheiratete Mann, der einen Seitensprung macht, das Gleiche erzählt. Aber sie wollte nichts davon hören, sondern war fest davon überzeugt, dass er sie wirklich liebte. Selbst als er aufhörte, die Lounge zu besuchen, gab sie die Hoffnung nie auf, dass er zurückkommen würde.“

Scotty wurde immer schwerer auf Carlees Arm, und Carlee setzte sich auf einen Stuhl und steckte Scotty den Schnuller in den Mund. „Wie lange waren die beiden zusammen? Erinnern Sie sich daran?“

Bonnie verzog nachdenklich den Mund. „Oh, nur ein paar Wochen, aber sie war unsterblich in ihn verliebt.“

„Und dann ist er einfach verschwunden“, sagte Carlee, mehr zu sich selbst als zu Bonnie. „Vielleicht ist er ja tatsächlich zu seiner Frau zurückgekehrt, wie Alicia es gesagt hat. Sie meinte, dass sie ihm niemals hinterher laufen würde. Wenn er sie wirklich liebte, würde er von allein zurückkehren.“

„Oh, diese Männer.“ Bonnie rollte die Augen. „Er hat ihr gesagt, dass er sie über alles lieben würde, und ihr geschworen, dass er zu ihr zurückkommen würde. Dieser Kerl hat doch gelogen, wenn er nur den Mund aufmachte.“

„Hat sie jemals seinen Namen erwähnt?“, fragte Carlee hoffnungsvoll. „Sie hat immer nur Nick gesagt. Ein einziges Mal habe ich nach seinem Familiennamen gefragt. Aber sie wollte ihn mir nicht sagen.“

Bonnie schaute sie fragend an. „Warum suchen Sie nach diesem Mann? Wollen Sie ihm das Baby geben?“

Carlee sah sie bestürzt an. „Nein, nein, natürlich nicht. Ich liebe Scotty und werde ihn auf jeden Fall behalten.“

„Waren Sie mit Alicia verwandt?“

„Nein, wir waren aber sehr gute Freundinnen. Sie wollte, dass ich die Vormundschaft für Scotty bekomme. Noch bevor sie starb, hat sie ein Dokument unterschrieben …“ Carlee hielt inne und schüttelte leicht den Kopf. Es war ihr peinlich, so viele Informationen preiszugeben. Schließlich war sie nur gekommen, um den Namen von Scottys Vater zu erfahren.

Bonnie stieß einen verächtlichen Laut aus. „Er hätte ihn sowieso nicht gewollt. Sie wollen also Geld von ihm, nicht wahr? Da wünsche ich Ihnen viel Glück. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Schuft auch nur einen Cent Alimente zahlt. Es sei denn, sie gehen vor Gericht. Das bedeutet, dass sie einen Anwalt brauchen. Der wiederum kostet Geld. Haben Sie das?“

Carlee hoffte, dass es nicht so weit kommen würde. „Ich will ihn nur ausfindig machen und ihm eine Chance geben, das zu tun, was richtig ist. Er weiß ja noch nicht mal, dass ein Kind von ihm existiert und …“

„Was haben Sie gerade gesagt?“ Bonnie stemmte die Hände in die Hüften und starrte sie ungläubig an.

Unsicher wiederholte Carlee ihre Worte.

„Hat Alicia ihnen tatsächlich weisgemacht, dass er nichts von der Schwangerschaft wüsste?“

Carlee fröstelte plötzlich und zog Scotty noch enger an sich. „Sie hat mir gesagt, dass sie nie eine Chance gehabt hätte, es ihm zu sagen, da er plötzlich wie vom Erdboden verschluckt und nie mehr in der Lounge erschienen war. Er sollte aus Liebe zu ihr zurückkommen, nicht aus Pflichtgefühl. Deshalb hat sie nie nach ihm gesucht.“

Bonnie lachte traurig auf. „Junge, Junge, ich wusste nicht, dass Alicia so stolz war, sogar ihre beste Freundin anzulügen. Wahrscheinlich hat sie sich zu Tode geschämt, Ihnen die Wahrheit zu sagen. Natürlich hat sie ihm gesagt, dass sie schwanger war. Aber dieses egoistische Miststück hatte nichts Besseres zu tun, als von ihr eine Abtreibung zu verlangen. Sie stritten sich deswegen, genau hier vor dem Fenster auf der Terrasse, nachdem die Lounge bereits geschlossen hatte. Ich weiß es, denn ich habe jedes Wort, das sie damals sagten, verstanden.“

Carlee wurde fast übel. „Das … das kann ich nicht glauben.“

„Glauben Sie mir, das ist die traurige Wahrheit. Er sagte ihr, dass sie das Kind abtreiben soll. Dann verschwand er und wurde danach nie mehr in dieser Gegend gesehen.“

Jetzt wusste Carlee, warum Alicia diesen Mann niemals hatte um Hilfe bitten wollen. Er war ebenso verantwortungslos und oberflächlich wie Alicias und Carlees Väter gewesen. Schlagartig machte alles einen Sinn, doch jetzt war sie erst recht entschlossen, den Vater von Scotty ausfindig zu machen. Das sagte sie auch zu Bonnie.

Die Frau nickte verständnisvoll. „Dieser Kerl soll zahlen. Ich hoffe, Sie finden ihn.“

„Ja“, stieß Carlee bitter hervor und erhob sich. „Die Frage ist nur, wie ich das anstellen soll. Ich kenne ja noch nicht mal seinen Namen.“

„Aber ich.“

Autor

Patricia Hagan
Patricia Hagan ist die Autorin vieler Romane und von über 2500 Kurzgeschichten. Sie wurde in Atlanta, Georgia geboren. Da ihr Vater als Justizminister sehr viel umziehen musste, wuchs sie in vielen Teilen der USA auf. Sie wurden erst sesshaft, als ihr Vater in Sylacauga, Alabama eine Position als Richter annahm....
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