Liebe mit kleinen Fehlern

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Noch nie hat Elizabeth einen so fürsorglichen Mann kennengelernt wie den Rancher Worth, der sich liebevoll um ihren kleinen Sohn kümmert. Sehnsüchtig träumt Elizabeth davon, für immer bei Worth bleiben zu können. Erwidert er ihre Gefühle?
  • Erscheinungstag 14.02.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733755584
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Auftrag ausgeführt!

Worth Lassiter saß am Steuer des Mietwagens und lachte vergnügt. An diesem wundervollen Junimorgen konnte ihm nicht einmal der Stau auf dem Highway zum Denver International Airport die gute Laune verderben. „Ich bin endlich frei, Beau“, sagte er laut. Natürlich konnte sein schon vor langer Zeit gestorbener Vater das nicht hören, aber Worth war es egal. Er war einfach nur glücklich. „Ich trage nicht länger die Verantwortung für Mom und meine Schwestern. Jetzt kann ich tun und lassen, was ich will.“

Er hatte seine drei Schwestern mit guten, ehrlichen Männern verheiratet, und in zwei Wochen würde seine Mutter Mary Mrs. Russell Underwood werden. Worth war froh über ihre Wahl. Russell war ein vernünftiger Typ, mit dem man gut reden konnte.

Ein Habicht flog hoch oben am Himmel. Bewundernd blickte Worth ihm nach. Der Vogel kostete das Leben bis zur Neige aus. Er war frei. Und genau das war er, Worth, jetzt auch.

Er dachte an die Reiseprospekte, die sich in seinem Büro stapelten, und hätte am liebsten laut gesungen. Die Welt stand ihm offen. Die Verantwortung für seine Familie mussten jetzt andere tragen.

Endlich konnte er all die Dinge tun, die er schon immer hatte machen wollen. Ohne Verpflichtungen. Nur noch Freiheit, Abenteuer und Ungebundenheit. Er konnte es nicht erwarten.

Mit einem dreizehn Monate alten Baby von Lincoln, Nebraska, nach Aspen, Colorado, zu fliegen ist keine so gute Idee gewesen, dachte Elizabeth Randall seufzend. Sie wischte ihrem Sohn die Tränen ab und versuchte, ihn zu beruhigen. „Wir sind bald da, Honey.“

Da bedeutete die Double Nickel Ranch in der Nähe von Aspen, die einer Familie namens Lassiter gehörte. In zwei Wochen heiratete ihr Vater Russell Mary Lassiter.

Elizabeth hatte lange überlegt, ob sie überhaupt zur Hochzeit kommen sollte, hatte sich dann aber doch dafür entschieden. Immerhin ging es um ihren Vater. Es wäre zu unhöflich gewesen, der Trauung einfach fernzubleiben.

Russell hatte von der Familie seiner Braut in den höchsten Tönen geschwärmt. Drei wundervolle Töchter, die bestens über das Ranchleben, Rinder und Pferde Bescheid wussten. Die genau das waren, was Elizabeth nie sein würde. Und nicht zu vergessen der perfekte Sohn, ein Cowboy, wie er im Buch stand und der nie etwas falsch machte. Im Gegensatz zu Elizabeth’ verstorbenem Ehemann, der auf Russells Sympathieskala ganz unten gestanden hatte.

Das Flugzeug war inzwischen gelandet, und die Passagiere öffneten die Sicherheitsgurte. Der Mann neben Elizabeth warf ihr einen bitterbösen Blick zu, stand dann auf und rannte förmlich den Gang hinunter. Sie konnte ihn gut verstehen. Die letzten anderthalb Stunden mussten für ihn die Hölle gewesen sein.

Für Jamie aber auch. Ein so kleines Kind hatte eben einen ganz anderen Lebensrhythmus. Hier gab es zu viele Fremde, unbekannte Geräusche und eine Flut von neuen Dingen, die auf den kleinen Jungen einstürzten. Kein Wunder, dass er mit Schreien und Tränen auf sich aufmerksam gemacht hatte.

Elizabeth verließ das Flugzeug und ging in den Transitbereich, um auf den Anschlussflug nach Aspen zu warten. Sie hatte noch eine halbe Stunde Zeit. Schnell setzte sie Jamie ab. Er würde sich über ein bisschen Freiraum bestimmt freuen. Der kleine Junge krabbelte sofort zum nächsten Sitz und zog sich hoch. Vorsichtig bewegte er sich auf seinen kleinen Knubbelbeinen die Stuhlreihe entlang. Immer wieder drehte er sich um und vergewisserte sich, ob seine Mutter noch da war.

Elizabeth lächelte ihn an, stellte die Reisetasche auf den Boden und setzte sich erschöpft hin.

Ein Cowboy kam in den Transitraum. Er trug einen schwarzen Stetson, Stiefel, Jeans und eine Lederjacke, die mit Fransen verziert war. Elizabeth warf ihm einen verstohlenen Blick zu. Er war der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte. Alle weiblichen Wesen in der Lobby schienen der gleichen Meinung zu sein. Der Cowboy genoss die Aufmerksamkeit sichtlich. Er lächelte und betrachtete eingehend jede Frau, an der er vorbeiging. Jetzt war Elizabeth an der Reihe. Er blieb stehen und musterte sie interessiert.

Ihr stockte der Atem. Schnell wandte sie sich ab. Was war bloß in sie gefahren? Sie war eine allein erziehende Mutter, neunundzwanzig Jahre alt und schon Witwe. So unverschämt gut aussehende Männer hatten in ihrem Leben keinen Platz mehr.

Eine Bewegung neben ihr erregte ihre Aufmerksamkeit. Es war Jamie. In der Hand hatte er ein altes Bonbonpapier und wollte es sich gerade in den Mund stecken.

„Pfui. Gib das Mummy.“ Sie schnitt Gesichter, um ihren Sohn abzulenken, und es gelang ihr, ihm seinen Schatz ohne große Gegenwehr zu entreißen. Jamie kletterte auf ihren Schoß, und Elizabeth küsste ihn auf die Stirn. Sie liebte dieses kleine vollkommene Wesen mehr als alles andere auf der Welt.

„Mrs. Randall?“ Sie zuckte zusammen und blickte auf. Der Cowboy. „Ja?“

„Mein Name ist Worth Lassiter. Sie sind Elizabeth Randall?“

Natürlich! Der unfehlbare Worth Lassiter! Wieso war sie nicht gleich darauf gekommen? „Woher haben Sie gewusst, wer ich bin?“

„Russell hat Sie mir beschrieben. Die schönste Frau mit dem niedlichsten Kind.“

Was für eine unverschämte Lüge! Ihr Vater würde so etwas nie sagen. Was bildete sich Worth Lassiter eigentlich ein? Seine leeren Komplimente konnte er sich sparen. Sie wusste genau, dass sie nicht attraktiv war. Das einzig Interessante an ihr war ihr rotes Haar, das sie jetzt allerdings zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte.

Der Cowboy ließ sich von ihrem frostigen Schweigen nicht beeindrucken. Er kniete sich hin und reichte Jamie die Hand. „Hallo, Kleiner.“

Der steckte den Daumen in den Mund und betrachtete den Fremden mit großen Augen.

Worth lachte und bewegte spielerisch die Finger. „Ich wollte Sie abholen. Leider stand ich im Stau, deswegen bin ich etwas spät dran.“ Er hob den Kopf und sah Elizabeth an.

Seine strahlend blauen Augen konnten nur eins bedeuten: Ärger! „Russell hat mir nichts davon gesagt.“

„Macht nichts. Ich hatte geschäftlich in Denver zu tun und werde mit Ihnen nach Aspen zurückfliegen. Sie können sicher Hilfe gebrauchen. Ich wette, Ihr kleiner Junge hält Sie gut auf Trab.“

Elizabeth verspannte sich. Wollte er etwa andeuten, sie hätte ihren Sohn nicht im Griff? Nur weil sie müde und ihre Kleidung vom langen Sitzen verknittert war? Was dachte er sich eigentlich! Wenn er diese weite Reise mit einem weinenden Kleinkind gemacht hätte, sähe er auch nicht mehr so überwältigend gut aus! „Ich komme allein klar.“ Er glaubte ihr nicht, aber das war ihr egal.

„Bei drei Schwestern hätte ich es eigentlich besser wissen müssen. Die Hilfe eines Mannes ist heutzutage nicht mehr gefragt.“ Er seufzte gespielt traurig, und ihr war klar, er machte sich nur über sie lustig. Sie hätte nicht kommen sollen. Es war ein Fehler gewesen.

Jamie lachte und griff nach Worth’ Fingern.

Elizabeth nahm ihren Sohn hoch und wollte aufstehen, aber das rechte Bein war ihr eingeschlafen. Sie taumelte, verlor das Gleichgewicht und fiel zu Boden. Jamie hielt das Ganze für ein aufregendes Spiel und kreischte vor Freude. Er krabbelte auf ihren Bauch und hüpfte auf und ab. Die Leute im Warteraum drehten sich zu ihnen um. Verlegen schloss Elizabeth die Augen und wünschte sich weit weg. Nur schien die gute Fee gerade Urlaub zu haben, denn ihr Wunsch ging nicht in Erfüllung.

„Alles in Ordnung?“

Nur widerwillig öffnete sie die Augen. Sie hätte es nicht tun sollen. Worth Lassiter stand nämlich kurz vor einem Lachanfall. Er reichte ihr die Hand und half ihr hoch. „Lassen Sie mich zufrieden!“, sagte sie böse. „Ich komme allein klar.“

Worth trat einen Schritt zurück und zuckte die Schultern. Schnell hob sie ihren Sohn hoch, nahm die Reisetasche und ging davon.

In diesem Augenblick wurde der Flug nach Aspen aufgerufen. Erleichtert holte Elizabeth sich die Bordkarte. Die ganze Zeit stand Worth hinter ihr, aber sie drehte sich nicht um. Im Flugzeug setzte sie Jamie in einen Sitz am Gang und versuchte dann, ihre Reisetasche in der Gepäckablage unterzubringen. Worth beobachtete sie mit vor der Brust verschränkten Armen. Natürlich hoffte er, sie würde ihn um Hilfe bitten. Da konnte er warten, bis er schwarz wurde! Sie könnte zwar neben den vollkommenen Lassiters nie bestehen, aber mit ihrem Sohn und dem Gepäck kam sie allein klar!

Geschafft! Sie schloss die Klappe und nahm Jamie auf den Schoß.

„Entschuldigung.“ Worth Lassiter wollte sich doch tatsächlich auf den freien Platz am Fenster setzen!

„Merken Sie nicht, wie sehr Sie mich nerven!“ Empört funkelte sie ihn an.

Er ließ sich von ihrem Protest jedoch nicht beeindrucken, sondern drängte sich an ihr vorbei, ließ sich in den Sitz sinken und zog sich den Hut über die Augen.

Elizabeth wollte ihn nicht neben sich haben. Warum ließ er sie nicht in Ruhe? Seine Nähe machte sie nervös. Wenigstens machte Jamie keine Schwierigkeiten mehr. Er trank brav seine Flasche leer und schlief dann ein. Aus den Augenwinkeln betrachtete sie den Cowboy. Er rührte sich nicht. Wäre sie doch bloß in Nebraska geblieben. Sie hasste das Leben auf dem Land. Vor allem aber verabscheute sie Pferde.

Der Vierzig-Minuten-Flug kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Als sie schließlich den Flughafen von Aspen betrat, sah sie sofort, dass ihr Vater nicht gekommen war, um sie abzuholen.

Nachdenklich betrachtete Worth Elizabeth Randall. Sie wartete am Gepäckband auf ihre Koffer. Russell hatte immer wieder betont, wie selbstständig seine Tochter doch sei. Trotzdem hatte Mary Lassiter darauf bestanden, dass er, Worth, nach Denver fuhr und ihre zukünftige Schwiegertochter abholte. Er hätte sich weigern sollen.

Mrs. Randall war stur, unfreundlich und beharrte eisern darauf, alles unter Kontrolle zu haben. Jede andere Frau hätte sich über seine Hilfe gefreut. Mit einem Kleinkind zu reisen war wirklich kein Zuckerschlecken.

Verdammt noch mal, sie war wirklich ein hoffnungsloser Fall! Zu allem Überfluss sah sie aus wie Haut und Knochen. Während des Fluges hatte sie weder gegessen noch getrunken. Anscheinend bekam sie auch nicht genug Schlaf. Die dunklen Ringe unter den Augen bewiesen das. Warum bat sie nicht um Hilfe?

Die Nachmittagssonne schien durch das große Terminalfenster und ließ Elizabeth’ Haar rot aufleuchten. Warum hatte sie es bloß zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden? So wundervolles Haar sollte offen über die Schultern fallen! Oder auf der nackten Brust eines Mannes liegen. Was war das denn für ein Gedanke? Worth schüttelte entnervt den Kopf. Sie war Russells Tochter und obendrein noch Witwe.

Das Letztere erklärte wahrscheinlich auch ihr unhöfliches Benehmen. Er wusste von Russell, dass Elizabeth’ Mann bei einem Autounfall ums Leben gekommen war – und zwar an dem Tag, als er seine Frau und seinen neugeborenen Sohn aus dem Krankenhaus abgeholt hatte. Sicher trauerte sie immer noch um ihn. Ihre abwehrende Haltung half ihr wahrscheinlich, über den Schmerz hinwegzukommen.

Sie hatte so wunderschöne grüne Augen.

Der Junge auf ihrem Arm quengelte. Sie lächelte ihn an und versuchte, ihn zu beruhigen.

Worth wünschte sich, sie würde auch ihm so ein strahlendes Lächeln schenken.

Nur noch zwei Koffer lagen auf dem Laufband, aber Elizabeth ignorierte sie. Worth ging zu ihr. Vielleicht brauchte sie jetzt doch Hilfe?

Sie blickte starr auf die Ausgangstür. Es sah fast so aus, als würde sie gleich anfangen zu weinen.

Plötzlich wusste er, was los war. Sie wartete auf ihren Vater. Worth hätte sich treten können. Warum hatte er nicht daran gedacht, ihr zu sagen, dass Russell nicht kam? Er, Worth, würde mit ihr zur Double Nickel Ranch fahren.

Schweigend sah Elizabeth aus dem Wagenfenster. Sie war noch nie in Aspen gewesen. Am besten gefielen ihr die Berge und der unbeschreiblich blaue Himmel. Er war genauso blau wie Worth Lassiters Augen.

Wobei sie wieder beim Thema war. Der Mann, um den ihre Gedanken kreisten, saß lässig neben ihr und steuerte das Auto mit einer Hand. Allerdings war er ein guter, ruhiger Fahrer.

Ganz im Gegensatz zu Lawrence. Ihr Mann hatte sich so gut wie nie an Geschwindigkeitsbegrenzungen gehalten und immer erst im letzten Augenblick gebremst. Langsamere Fahrer hatte er durch Hupen und Blinken verscheucht. Erstaunlicherweise war es nicht seine Rücksichtslosigkeit, sondern der Fehler eines anderen Autofahrers gewesen, der ihn schließlich das Leben gekostet hatte.

Elizabeth war so tief in Gedanken versunken, dass sie Worth’ Worte nicht gehört hatte. „Wie bitte?“

„Die ganze Lassiter-Familie freut sich schon darauf, Sie kennen zu lernen. Meine Schwestern hatten eigentlich geplant, gleich heute Mittag auf die Ranch zu kommen, aber Mom hat es ihnen verboten. Sie meinte, Sie sollten sich erst einmal von dem langen Flug ausruhen, bevor alle über Sie herfallen. Wir konnten ja nicht ahnen, dass die Reise für Sie ein Leichtes war und Sie noch richtig fit sind.“

Der Spott in seiner Stimme war ihr nicht entgangen, aber sie war zu müde, um sich mit ihm zu streiten. Sie betrachtete ihn verstohlen. Er hatte die Jacke ausgezogen und die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt. Sie konnte seine muskulösen, von der Sonne gebräunten Arme sehen. Die Hände ließen erkennen, dass er auf der Ranch hart arbeitete. Wie all die anderen Cowboys, die sie kannte.

Wie würde es wohl sein, wenn er sie zärtlich liebkoste? Wenn er mit ihr schlief und ihr liebevolle Worte ins Ohr flüsterte …

Elizabeth schloss die Augen und versuchte, diesen absurden Gedanken zu verdrängen. Sie hatte wirklich andere Probleme. Als Witwe hatte sie Besseres zu tun, als von einem Mann zu träumen.

Vielleicht bekam sie eine Grippe. Oder sie hatte zu wenig gegessen und nachts zu lange wach gelegen. Das musste es sein. Seit Lawrence’ Tod hatte sie Schwierigkeiten mit dem Einschlafen. Sie war auch nicht mehr ausgegangen und hatte Jamie als Grund dafür vorgeschoben. Das war allerdings nur die halbe Wahrheit. Sie konnte die mitleidigen Blicke nicht ertragen.

Aber es gab noch etwas anderes. Etwas, das tief in ihrem Herzen verborgen war. Eine furchtbare Wahrheit, die nicht ans Licht kommen durfte. Wusste einer von Lawrence’ Freunden Bescheid? Sie wollte nicht darüber nachdenken. Es tat zu weh.

„Russell hatte schon Angst, Sie würden nicht zur Hochzeit kommen.“ Worth warf ihr schnell einen Blick zu. „Aber jetzt sind Sie hier, und das finde ich gut. Ein Mann sollte nicht ohne sein einziges Kind heiraten.“

„Russell ist es egal, ob ich dabei bin oder nicht.“

Worth wusste schon, dass die beiden sich nicht besonders verstanden. „Sie nennen Ihren Vater beim Vornamen?“

„Überrascht?“

„Nein. Wir haben unseren Vater auch ‚Beau‘ genannt. Er hat es gehasst, mit ‚Dad‘ angeredet zu werden.“

„Ihr Vater ist tot?“

„Ja. Schon seit vielen Jahren.“

„Das tut mir leid.“ Und das war nicht gelogen. „Sie vermissen ihn bestimmt.“

„Was ist mit Ihnen? Der Tod Ihres Mannes muss ein schwerer Schlag für Sie und Ihren Vater gewesen sein.“

„Für Russell nicht.“ Elizabeth sah starr geradeaus. „Er hat Lawrence gehasst und alles getan, um die Hochzeit zu verhindern.“

Die Differenzen zwischen Vater und Tochter waren größer, als Worth gedacht hatte. Er erinnerte sich an ein Gespräch, das er vor zwei Tagen mit Russell geführt hatte.

Russell war nervös von einem Fuß auf den anderen getreten, und Worth hatte schon befürchtet, dass die Hochzeit ins Wasser fallen würde. Schließlich hatte Russell ihm dann doch gestanden, was ihn bedrückte. Es ging um seine Tochter Elizabeth.

Worth ließ in Gedanken das Gespräch noch einmal Revue passieren.

„Ich hätte nicht gedacht, dass Elizabeth zur Hochzeit kommen würde.“ Russell blickte zu Boden und trat gegen einen Stein.

Erstaunt betrachtete Worth seinen zukünftigen Schwiegervater. „Hast du etwa daran gezweifelt?“

„Ja. Es ist zwar schon mehr als ein Jahr her, dass ihr Mann Lawrence tödlich verunglückt ist, aber sie ist immer noch wütend auf mich.“

„Wieso das?“

Russell schob die Hände in die Taschen seiner Jeans. „Wegen der Beerdigung. Unsere preisgekrönte Stute hat ein Fohlen bekommen, und es ist eine schwierige Geburt gewesen. Ich habe Elizabeth gefragt, ob sie mich brauchen würde, aber sie hat Nein gesagt.“

„Du warst nicht auf der Beerdigung deines Schwiegersohns?“ Worth konnte kaum glauben, was er da hörte.

„Meine Exfrau und ihr Mann sind hingefahren. Ich wäre sowieso nur im Weg gewesen. Wenn Elizabeth auf meine Anwesenheit bestanden hätte, wäre ich natürlich gekommen. Aber sie hat nichts gesagt.“ Russell merkte selbst, wie fadenscheinig seine Ausrede klang. Er hatte einen Fehler begangen, und er wusste es.

„Du kannst dich immer noch bei ihr entschuldigen.“

Russell schüttelte den Kopf. „Ich habe es versucht, aber sie wollte nicht darüber reden. Sie denkt, dass ich Lawrence gehasst habe. Das stimmt nicht. Er war nur nicht der richtige Mann für meine Elizabeth.“ Er malte mit dem Fuß Kreise auf den Sandboden. „Ich habe versucht, sie zu warnen. Er war zwar intelligent und hatte gute Manieren, aber ich habe trotzdem ein ungutes Gefühl gehabt. Es war beinahe so, als lachte er uns die ganze Zeit aus. Irgendwie hat er mich an ein bockiges Pferd erinnert. Kein Mensch würde so einem Tier den Rücken zudrehen. Elizabeth hat meine Warnungen in den Wind geschlagen. Sie wollte einfach nicht hören. Ich weiß zwar nicht, was er geplant hat, aber etwas Gutes war es bestimmt nicht. Leider hat er am Ende doch noch triumphiert.“ Russell lachte bitter. „Meine Tochter hasst mich. Und er ist schuld daran.“

Worth hatte Russells Worte nicht ernst genommen. Für ihn war es nur das schlechte Gewissen gewesen, das aus seinem zukünftigen Stiefvater gesprochen hatte. Jetzt wusste er, dass die Dinge weitaus komplizierter waren.

Russell war ein netter, zuverlässiger Mann, der Mary glücklich machen würde. Gut, er hatte einen Fehler begangen, aber jeder machte im Lauf seines Lebens welche. Auch er, Worth, war weit entfernt davon, perfekt zu sein. Wenn Elizabeth ihren Vater wirklich so hasste, käme sie wohl kaum zu seiner Hochzeit.

Aber jetzt war sie hier – und Worth war sich nicht sicher, was sie eigentlich vorhatte. Wollte sie vielleicht die Heirat verhindern, um es Russell so richtig heimzuzahlen?

Er versuchte, die Situation von Elizabeth’ Warte aus zu sehen. Ihr Vater hatte ihren Ehemann abgelehnt und war nicht einmal zur Beerdigung erschienen. Zu Trauer gesellte sich oft Zorn. Elizabeth hatte einen Sündenbock für den Tod ihres Mannes gefunden – ihren Vater. Der hatte nun auch noch Heiratspläne, was für sie unerträglich sein musste. Also gab es für sie nur eine Lösung: die Hochzeit zu verhindern.

Da hatte sie die Rechnung allerdings ohne ihn, Worth, gemacht. Er ließ es nicht zu, dass seiner Mutter ein Leid zugefügt wurde. Elizabeth Randall würde nicht dazu kommen, ihren Racheplan in die Tat umzusetzen.

Worth hielt vor einem weißen zweistöckigen Haus. Elizabeth fiel sofort die große Veranda mit den vielen Stühlen auf. Auf der rechten Seite spendeten die großen Zweige einer riesigen Pappel Schatten. Neben der Scheune entdeckte Elizabeth eine große Koppel, auf der friedlich einige Pferde grasten.

Sie konnte nicht ewig im Wagen sitzen bleiben. Worth kam ihr zuvor. Er war um das Auto herumgegangen und öffnete ihr jetzt die Tür. Er ließ Elizabeth aber nicht aussteigen. „Ich möchte dir noch einen guten Ratschlag geben. Ich darf doch ‚du‘ sagen, immerhin gehören wir bald zu einer Familie.“ Als Elizabeth nicht protestierte, sprach er weiter. „Wenn du mit Russell noch eine offene Rechnung zu begleichen hast – gut. Aber regelt das unter euch. Das Glück meiner Mutter geht mir über alles. Zerstöre es also nicht.“

Zuerst dachte Elizabeth, er würde einen Scherz machen, aber seine Miene war so finster, dass ihr ein Schauer über den Rücken lief. Er meint es ernst, dachte sie erschrocken. Mit diesem Mann war nicht gut Kirschen essen! Aber wieso wollte er sie plötzlich einschüchtern? Das passte doch nicht zusammen.

Worth legte die Hände rechts und links auf das Autodach und beugte sich zu ihr herunter. „Ich weiß, was du vorhast, Rotschopf, und ich werde es mit allen Mitteln verhindern. Glaube also ja nicht, du kannst diese Heirat torpedieren.“

Jetzt wurde ihr einiges klar. Er dachte, sie sei gekommen, um sich an ihrem Vater zu rächen! Was für ein abwegiger Gedanke. Nichts lag ihr ferner. Bevor sie Worth Lassiter richtig die Meinung sagen konnte, hatte er sich wieder aufgerichtet und die Heckklappe des Wagens geöffnet, um ihre Koffer zu holen.

In diesem Augenblick kam Russell mit einer blonden Frau aus dem Haus. Wahrscheinlich eine dieser ach so vollkommenen Lassiter-Töchter, von denen ihr Vater die ganze Zeit geschwärmt hatte! Elizabeth rang sich ein Lächeln ab und stieg aus.

Ihr Vater nickte ihr kurz zu. „Hallo, Elizabeth. Wie war der Flug? Ich nehme das Gepäck, Worth.“

„Gut.“ Sie lächelte immer noch. „Die Sonne hat die ganze Zeit geschienen.“

„Das ist schön.“ Russell schob die Hände in die Taschen seiner Hose. „Also auch keine Luftlöcher, oder?“

„Nein.“

„Gut, gut.“ Verlegen räusperte er sich. „Es gibt nichts Schlimmeres als Luftlöcher.“

„Du meine Güte, Russell“, sagte die blonde Frau, „das ist deine Tochter. Wenn du einen Wetterbericht hören willst, mach das Radio an.“ Sie umarmte Elizabeth herzlich. „Willkommen auf der Double Nickel Ranch. Ich bin Mary Lassiter.“

„Sie können unmöglich Worth’ Mutter sein!“ Elizabeth’ Überraschung war nicht gespielt.

„Ich mag deine Tochter schon jetzt.“ Mary strahlte ihren Verlobten an. „Und wo ist Russells Enkel? Ich kann es gar nicht erwarten, ihn endlich kennen zu lernen.“

„Hier.“ Worth hatte Jamie aus dem Kindersitz befreit und kam auf sie zu. Er hielt den kleinen Jungen im Arm. Jamie schien nichts dagegen zu haben – ganz im Gegenteil, er krähte fröhlich.

Elizabeth traute ihren Augen kaum. Ihr Sohn hatte sonst Angst vor Fremden. Wie hatte Worth das geschafft?

Jamie warf einen Blick auf Mary und Russell und schien gleich losweinen zu wollen.

Worth lachte und strich ihm über die Wange. „Keine Angst, mein Kleiner, dir passiert nichts. Wir Männer halten zusammen. Ich übergebe dich erst, wenn du bereit bist, all die Sabberküsse zu ertragen.“

„Also wirklich, Worth“, sagte Mary lachend, „ich sabbere nicht. Du bist unmöglich.“ Sie wandte sich Elizabeth zu. „Ich habe Jamie und dich in Davys Zimmer untergebracht. Wenn du lieber allein schlafen möchtest, können wir den Kleinen auch woanders einquartieren. Das Haus ist groß genug. Komm mit, ich zeige es dir.“

Elizabeth hatte so viel Freundlichkeit nicht erwartet. Schnell streckte sie die Arme aus. „Jamie.“ Mehr brachte sie nicht heraus, denn sie war zu gerührt.

Worth zögerte kurz, übergab ihr dann aber doch den kleinen Jungen. „Ich bringe dein Gepäck nach oben. Inzwischen kannst du dich mit Mom ein wenig unterhalten.“ Sein drohender Blick sprach Bände. Wehe, sie würde auch nur ein schlechtes Wort über ihren Vater verlauten lassen!

Die Sonne war schon aufgegangen. Ihr strahlendes Licht schien durch das Fenster in Elizabeth’ Zimmer und weckte sie. Sie lag auf dem Bauch und genoss die Ruhe. Ein schöner heißer Kaffee wäre jetzt genau das Richtige, aber sie wollte Jamie nicht wecken, der am anderen Ende des Raumes in seinem Bettchen schlief. Es hatte lange gedauert, bis er endlich die Augen zugemacht hatte. Die Aufregung und die lange Reise waren einfach zu viel für ihn gewesen. Elizabeth hatte lange gebraucht, bis sie ihn beruhigt hatte. Erst dann hatte auch sie sich hingelegt, obwohl sie eigentlich hellwach gewesen war. Unruhig hatte sie sich von einer Seite auf die andere gedreht. Der gestrige Tag war auch für sie sehr anstrengend gewesen. Zwei von Marys Töchtern waren zum Abendessen gekommen, um Elizabeth kennen zu lernen. Cheyenne war mit einem Hotelier namens Thomas Steele verheiratet und hatte zwei Kinder: Davy, zehn Jahre, und Virginia, neun Monate. Ihre jüngere Schwester Allie Peters hatte die sechsjährige Hannah und die fünf Monate alte Harmony mitgebracht. Marys dritte und jüngste Tochter Greeley lebte mit ihrem Mann in Denver.

Worth’ Schwestern sahen Mary Lassiter sehr ähnlich. Sie waren attraktiv, selbstbewusst und wurden von ihren Ehemännern angebetet.

Elizabeth fühlte sich fehl am Platze, aber das war nicht alles. Wenn sie ehrlich war, dann kam noch eine große Portion Neid dazu. Jamie würde in keiner glücklichen Großfamilie aufwachsen und auch nie einen Onkel wie Worth Lassiter haben.

Ein Onkel, der von allen bewundert und geliebt wurde, der hervorragend mit Kindern umgehen konnte und den ganzen Abend einen kleinen, vergnügten Jungen auf dem Schoß gehabt hatte.

Ihren Jamie. Es hatte ausgesehen, als wäre Worth Lassiter sein Vater. Das war er aber nicht.

Elizabeth hätte am liebsten geweint. Es war alles so ungerecht. Ihren Sohn traf keine Schuld an dem, was geschehen war, aber er musste trotzdem leiden. Sie erinnerte sich an den Tag seiner Geburt: ein so unschuldiges, kleines Wesen, das sie sofort ins Herz geschlossen hatte. Sie gäbe alles dafür, wenn sie ihn vor der furchtbaren Wahrheit beschützen könnte. Nur würde ihr das nicht gelingen.

Autor

Jeanne Allan
Als Autorin für Harlequin Liebesromane, veröffentlichte Jeanne Allan 22 Romane. Auf dem Cover ihres Romans Peter's Sister, wurde ihr Name als „Allen“ falsch geschrieben. Ihr wahrer Name jedoch ist Barbara Blackman.
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