Männer - nein danke?

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Männer - nein danke! Zu schmerzhaft war es für Holly, als sie vor dem Traualtar sitzen gelassen wurde. Doch eines Tages steht der attraktive Jordan, Bruder ihres untreuen Verlobten, vor ihr. Und ein heißes Spiel um Liebe und Vertrauen beginnt …
  • Erscheinungstag 09.05.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733756918
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Heute durfte er sich auf keinen Fall verspäten.

Jordan Mason wusste, dass sein jüngerer Bruder ihm bis ans Ende seiner Tage Vorwürfe machen würde, wenn er zu spät zur Hochzeit käme.

Nachdem er sich endlich durch den Bostoner Verkehr gekämpft hatte, rannte er die steilen Stufen hoch. Er stürmte durch einen Nebeneingang in das Seitenschiff der alten, im gotischen Stil erbauten Kirche und wurde sofort von mehreren aufgeregten Brautjungfern und der zu Tränen gerührten Brautmutter umringt.

„Hallo, Jordan. Du hast es aber eilig“, rief eine der Frauen scherzhaft.

Die jungen Damen kicherten. Liza Farrell, die mit der Braut und den beiden Mason-Brüdern aufgewachsen war, klopfte ihm freundschaftlich auf den Rücken. „Du kannst es wohl nicht abwarten, Scott und Holly endlich verheiratet zu sehen, stimmt’s?“

Der Seitenhieb saß. Doch Jordan erwiderte nichts darauf. Es war kein Geheimnis, das er den beiden Verliebten empfohlen hatte, noch ein oder zwei Jahre bis zur Hochzeit zu warten. Sie waren noch so jung. Doch sein Rat war vehement abgelehnt worden. Und jetzt konnte er nichts mehr tun. Sein kleiner Bruder und Holly würden heiraten. Ob es ein Fehler war, würde sich später herausstellen.

Er zwinkerte Liza zu. „Ich zähle die Minuten.“

„Dein Bruder sollte die Minuten zählen“, tadelte Hollys Mutter und warf einen Blick auf ihre mit Brillanten verzierte Armbanduhr. „Er ist noch nicht hier.“

„Nein?“ Jordan war überrascht. Es sah Scott überhaupt nicht ähnlich, erst im letzten Moment zu erscheinen. Er war immer der Mason-Bruder gewesen, auf den man sich verlassen konnte.

„Nein. Und die Braut ist fertig.“ Mrs. West zog ein Taschentuch hervor und tupfte sich eine Träne aus den Augenwinkeln. „Sie sieht wunderschön aus in ihrem Hochzeitskleid. So elegant … wie eine echte Prinzessin.“

Jordan stöhnte innerlich auf. In den Augen ihrer Eltern war Holly immer so etwas wie eine Prinzessin gewesen. Und wie er gehört hatte, war sie für die Hochzeit auch dementsprechend ausstaffiert worden. Jordan konnte sich Holly allerdings nicht in einem prachtvollen Hochzeitsstaat vorstellen. Für ihn gehörten Jeans und T-Shirt und blonder Pferdeschwanz zu Holly West. In seinen Augen wirkte sie eher wie ein sorgloser Teenager und nicht wie eine Frau, die vor Gott, der Familie und halb New England heiraten wollte.

Als Mrs. West die Brautjungfern fortführte, schaute Jordan auf seine Uhr. Warum war Scott noch nicht hier?

Er ging zum Haupteingang, wo sechs Freunde des Bräutigams die ersten Gäste zu ihren Plätzen führten. Jordan erkundigte sich nach seinem Bruder. Niemand hatte ihn gesehen.

Sein Vater kam auf ihn zu. „Stimmt es, dass dein Bruder noch nicht eingetroffen ist?“

„Sieht so aus.“

Lawrence verzog das Gesicht. „Er steckt wahrscheinlich in diesem schrecklichen Verkehr. Unglaublich für einen Samstag Nachmittag.“

„Er wird jeden Moment auftauchen.“

„Ich hoffe es“, erwiderte Lawrence und schüttelte den Kopf. „Deine Mutter, Gott habe sie selig, hätte dafür gesorgt, dass er zwei Stunden vor der Zeit zur Stelle ist.“

Jordan lächelte. „Sie hätte alles unter Kontrolle.“

„Sie hat Holly wie eine Tochter geliebt. Sie wäre begeistert von dieser Hochzeit.“

Jordan nickte. Es fiel ihm schwer, über seine Mutter zu sprechen. Er hatte den ganzen Tag an sie denken müssen. In den fünf Jahren seit ihrem Tod war einiges passiert. Lawrence hatte eine wesentlich jüngere Frau geheiratet und sich vom Geschäft zurückgezogen. Jordan hatte Mason CompWare, die Computerfirma seines Vaters übernommen; und Scott würde nun das Mädchen von nebenan heiraten.

„Hast du heute schon mit Scott gesprochen?“, fragte Lawrence plötzlich. „Hat er vielleicht zu intensiv Abschied von seinem Junggesellendasein genommen?“

„Ich habe heute Morgen mit ihm telefoniert. Er war wach, nüchtern und dabei, sich fertigzumachen.“

„Und du hast nichts mehr davon erwähnt, dass er die Hochzeit verschieben soll, oder?“

„Ich bitte dich, Dad.“

„Tut mir leid. Ich bin einfach nervös.“ Lawrence zuckte mit den Schultern. „Es passt einfach nicht zu ihm, dass er sich verspätet. Aber er wird schon noch rechtzeitig kommen. Ich habe mir um ihn nie Sorgen machen müssen.“

Aber um mich, dachte Jordan.

Reverend Parker – bereit, mit der Trauung zu beginnen – tippte ihm auf die Schulter.

„Ein dringender Telefonanruf, Mr. Mason. Sie können ihn in der Sakristei entgegennehmen.“ Er gab Jordan ein Zeichen, ihm zu folgen. Leise fügte er hinzu: „Ich glaube, es ist Ihr Bruder.“

„Er hatte doch keinen Unfall?“, fragte Jordan besorgt und folgte Reverend Parker durch das Seitenschiff zur Sakristei.

Der Geistliche schüttelte den Kopf. „Das scheint nicht das Problem zu sein.“

Jordan zuckte zusammen. Bitte, lass es nur eine Reifenpanne oder etwas Ähnliches sein, betete er. Bitte.

Reverend Parker deutete auf das Telefon und verließ dann die Sakristei. Er schloss die Tür hinter sich. Jordan holte erst tief Luft und nahm dann den Hörer. „Scott, wo bist du?“

„Zu Hause.“

„Zu Hause? Was soll das bedeuten?“, stieß Jordan hervor, obwohl er die Antwort bereits ahnte.

„Ich kann nicht. Ich kann nicht heiraten.“

Jordan fluchte laut.

„Du hattest recht“, fuhr Scott fort. „Mit allem hattest du recht. Wir sind zu jung … Wir sind gerade mit dem College fertig … Holly ist die einzige Freundin, die ich je hatte. Jordan, ich bin gerade einundzwanzig.“

„Und das alles fällt dir zehn Minuten vor der Trauung ein?“

„Mir ist erst seit gestern wirklich klar, dass es ein Fehler wäre“, gab Scott zu. „Und ich wusste nicht, wie ich die Sache absagen sollte. Ich bin sogar fertig angezogen, weil ich dachte, wenn ich erst einmal in der Kirche bin, wird es schon gehen. Aber es wäre falsch, Mensch. Sehr falsch.“

Jordan schloss die Augen. Jetzt verstand er, warum Scott auf seiner Junggesellenparty so viel getrunken hatte. „Hättest du nicht gestern Abend etwas sagen können?“

„Ich hatte Angst. Und ich wollte irgendwie auch nicht zugeben, dass du wie üblich recht hattest. Aber du hast recht. Mit allem.“

„Was ist mit Holly? Liebst du sie nicht?“

„Doch, ich liebe sie. Aber ich frage mich, ob es wirklich die Liebe ist, die ein ganzes Leben lang hält.“

„Bist du sicher, dass du die Hochzeit absagen willst?“

„Absolut sicher.“

„Dann komm her, und sag es Holly.“

„Unmöglich! Ich kann ihr nicht ins Gesicht sehen.“

„Du schuldest ihr eine Erklärung.“

„Ich … ich kann nicht“, stotterte Scott. „Ich komme nicht.“

„Und wer soll es ihr mitteilen? Ich etwa?“

„Ja.“

„Bist du verrückt geworden? Sie hält im Moment nicht besonders viel von mir, und sie wird meinen, dass ich dich dazu überredet habe.“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Nein! Ich tue es nicht!“

„Bitte, Jordan.“

„Du machst dich jetzt sofort auf den Weg, oder ich komme und schleppe dich am Kragen hierher.“

„Vergiss es. Ich komme nicht.“

„Verdammt, Scott!“

„Ich habe Holly geschrieben und alles erklärt. Ich werde mit ihr reden, sobald ich zurück bin.“

„Zurück? Wo willst du hin?“

„Ich weiß es nicht. Ich muss nur für eine Weile von hier fort“, erwiderte Scott leise. „Sag ihr einfach, wie leid es mir tut.“

Jordan hielt den Hörer noch in der Hand, als sein Bruder schon längst aufgelegt hatte. Er war wie gelähmt. Was sollte er Holly sagen? Wie sollte er beginnen?

Holly befand sich in einem Raum direkt neben der Sakristei. Er konnte das glückliche Lachen der Frauen durch die geschlossene Tür hören. Wut stieg in ihm hoch. Vielleicht sollte er Holly erklären, dass sie froh sein konnte, gerade noch rechtzeitig herausgefunden zu haben, welch elender Schuft Scott war. Sie sollte erleichtert sein, dass sie solch einen verantwortungslosen Mann nicht heiraten musste.

Er klopfte an die schwere Holztür.

Liza öffnete ihm. „Endlich“, sagte sie. „Können wir anfangen?“

Er trat ein. Umgeben von ihrer Mutter und den Brautjungfern stand Holly mitten in dem kleinen Raum und zupfte nervös an ihrer langen Schleppe. Sie drehte sich zu ihm um.

Jordan war sprachlos. Es war, als hätte er sie nie wirklich wahrgenommen. War dies der kleine, dürre Wildfang, der ihm und Scott überallhin gefolgt war? Das vorlaute kleine Mädchen, das er fast sein ganzes Leben schon kannte? Er betrachte sie von Kopf bis Fuß. Diese Frau war eine Holly, wie er sie noch nie gesehen hatte: anmutig in ihrem prachtvollen Hochzeitskleid, die blonden, langen Haare zu einer eleganten Frisur hochgesteckt, ein strahlendes Lächeln auf dem Gesicht.

Er hätte seinen Bruder umbringen können.

Holly runzelte verwundert sie Stirn, und ihre großen, braunen Augen, die plötzlich wieder so frech wie immer wirkten, funkelten fröhlich. „Was starrst du mich so an?“

Er räusperte sich. „Ich muss mit dir sprechen.“

Sie lachte und nahm ihrer Mutter den Brautstrauß aus der Hand. „Damit wirst du noch etwas warten müssen. In genau einer Minute werde ich nämlich heiraten.“

„Holly, ich muss wirklich mit dir reden – allein.“

Sie schaute ihn verwundert an. Es war kaum zu ertragen. Dann sah er, dass sich ihr Blick veränderte. Sie wusste es.

„Scott kommt nicht.“

Ihm fehlten die Worte, um es ihr zu erklären. So schüttelte er nur den Kopf und flüsterte: „Es tut mir so leid, Holly.“

Die anderen Frauen im Raum schwiegen wie betäubt.

„Wie kann er nur? Warum?“

Die Qual in Hollys Stimme schmerzte ihn. Jordan streckte die Hand aus, doch sie wich zurück.

„Er hat dich geschickt, um es mir zu sagen?“

Es waren die längsten fünf Minuten seines Lebens, als er ihr erzählte, was er wusste. Holly schaffte es, sich so lange zusammenzureißen. Doch kaum hatte er den Raum verlassen, brach sie in Tränen aus. Er hörte ihr Schluchzen durch die geschlossene Tür. Und während Jordan zu den Hochzeitsgästen ging, um sie zu informieren, dachte er an den Schmerz in Hollys Augen.

Wahrscheinlich würde ihn dieser Blick sein Leben lang verfolgen.

1. KAPITEL

Jordan Mason irrte durch die kleine Stadt am Ende der Welt, auf der Suche nach einer Frau, die er seit fünf Jahren nicht gesehen hatte.

„Und wenn es so weitergeht, werde ich noch fünf Jahre brauchen, um sie zu finden“, murmelte er, während er sich suchend umsah.

Er war wütend auf sich selbst. Warum hatte er sich nur von den Sorgen eines alten Mannes anstecken und zu dieser Fahrt überreden lassen?

Fluchend wendete er mitten auf der verlassenen Landstraße und fuhr zurück in das Zentrum vom Golden, Massachusetts. An dem Gemischtwarenladen hielt er an und erkundigte sich nach dem Weg.

„Können Sie mir sagen, wie ich zur Old Paget Road komme?“, fragte er den weißhaarigen Mann an der Kasse.

Jordan notierte sich die Beschreibung auf einem Zettel und machte sich auf den Weg. Hinter der Arthur B. Paget Memorial-Bibliothek bog er rechts ab. Die Straße führte über die Golden Creek-Brücke. Einige Meilen weiter erreichte er endlich die Old Paget Road. Sie war kurvenreich und schmal. Nur die Briefkästen am Straßenrand wiesen auf Häuser hin, die hinter Ahornbäumen, Birken und Kiefern verborgen lagen.

Jordan entdeckte den Briefkasten mit dem Namen „West“, kurz bevor der einsame Weg an einem See endete. Er bremste und fragte sich, was Holly veranlasst hatte, in diese gottverlassene Gegend zu ziehen.

Langsam fuhr er die Auffahrt zu ihrem Haus entlang. Der Wagen holperte durch die Schlaglöcher, während Zweige der wild wuchernden Büsche gegen die Karosserie schlugen. Jordan biss die Zähne zusammen und lenkte den Wagen vorsichtig um eine scharfe Kurve.

„Warum habe ich mich darauf eingelassen?“, schimpfte er. „Das ist das letzte Mal, dass ich … Verdammt!“

Es ging alles so schnell, dass er nur undeutlich etwas Weißes und Pinkfarbenes direkt vor sich wahrnahm. Er stieg auf die Bremse. Der Wagen kam sofort zum Stehen. „Um Gottes willen“, keuchte Jordan. Sein Herz raste vor Schreck.

In panischer Hast stieg Jordan aus. Er war sicher, dass er rechtzeitig gehalten und das Kind nicht angefahren hatte. Doch das kleine Mädchen saß auf der Straße und nicht weit davon entfernt lag das pinkfarbene Dreirad, dessen Räder sich noch drehten.

Er eilte zu der Kleinen. „Ist alles in Ordnung? Tut dir etwas weh?“

Das Mädchen, eher benommen als verängstigt, schaute an sich hinab und nickte. „Alles in Ordnung.“

„Sicher?“ Er musterte das Kind eingehend. Außer ein paar Kratzern am Knie schien es nicht verletzt zu sein. Erleichtert atmete er auf. „Verdammt, beinahe hätte ich dich überfahren.“

Die Kleine betrachtete ihn mit kühlem Blick. „Du hast ein böses Wort gesagt.“ Sie erhob sich.

Jordan musste unwillkürlich lächeln. „Sollte nicht irgendjemand auf dich aufpassen? Wo ist deine …“

Bevor er den Satz beenden konnte, war das Kind schon fortgelaufen. Jordan stieg wieder in den Wagen und hoffte, dass Holly wirklich am Ende dieser endlos erscheinenden Auffahrt wohnte. Und dass sie zu Hause war.

Endlich stand er vor einem Cottage, das von einer großen Rasenfläche umgeben war. Das kleine Mädchen war nur wenige Meter vor ihm. Es warf einen verängstigten Blick über die Schulter und rannte, als wäre der Teufel hinter ihm her.

„Warte, Kind“, rief er aus dem Fenster. „Ich suche Holly West.“

„Gracie, Gracie!“, schrie das Kind und stolperte über den Rasen zum Haus.

Eine weißhaarige Frau erschien in der Tür. „Was ist los, Stephanie? Was ist passiert?“, fragte sie.

„Der Mann … der Mann dort!“

Die Frau sah an dem Mädchen vor bei und entdeckte Jordan in seinem Wagen. Sie kniff die Augen zusammen.

„Das hat mir gerade noch gefehlt.“ Fluchend stieg Jordan aus.

Als er sich der Frau näherte, trat diese einen Schritt zurück und zog das Kind mit sich. „Was geht hier vor?“

„Ein Missverständnis. Ich suche jemanden.“

Sie betrachtete ihn skeptisch. „Ich glaube nicht, dass wir Ihnen helfen können.“

„Gracie.“ Das Kind zupfte an der Schürze, doch die Frau brachte es zum Schweigen.

„Der Mann im Gemischtwarenladen hat mich hierher geschickt“, erklärte Jordan. Er hatte langsam genug von Golden und all seinen Bewohnern. „Und auf dem Briefkasten …“

„Gracie“, sagte das Kind wieder.

Die Frau beachtete es nicht. „Sie sind hier falsch“, erwiderte sie in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. „Mir wurde nicht gesagt, dass Besuch kommt.“

„Gracie!“

„Was ist denn?“

„Er will zu Mommy.“

„Nein, will ich nicht“, stieß Jordan hervor. Er war mit seiner Geduld am Ende. „Ich kenne deine Mutter gar nicht.“

„Nun, wen suchen Sie denn?“, fragte Gracie.

„Holly West. Ich bin ein alter Freund von ihr.“

Argwöhnisch sah die Frau ihn an. „Wenn das stimmen würde, dann wüssten Sie, dass Holly West die Mutter des Kindes ist.“

Plötzlich war sein Mund so trocken wie die staubige Auffahrt. Sein Blick fiel auf das kleine Mädchen mit dem Pferdeschwanz und den großen braunen Augen, das sich an das Bein der Frau klammerte. Er betrachtete das Kind von Kopf bis Fuß, es kam ihm sonderbar vertraut vor.

Und das zweite Mal in fünf Jahren war Jordan Mason sprachlos.

Der Golden Retriever rieb sich zufrieden an Hollys Bein, als Dr. Gabe Sawyer ihr die Hundeleine reichte. „Taffys Impfschutz reicht noch für ein Jahr. Nur die Wurmkur muss sie noch weiter machen“, sagte er. „Jess hat dir doch ausreichend Tabletten mitgegeben, oder?“

„Hat sie.“ Holly lächelte die Assistentin des Tierarztes an. „Und danke, dass ich Taffy hier lassen konnte, während ich bei Harvey Kingston war. Tut mir leid, dass es länger gedauert hat, als erwartet.“

Gabe warf ihr einen hoffnungsvollen Blick zu. „Bist du wenigstens vorangekommen?“

„Der Hauseigentümer wehrt sich weiterhin gegen einen Umbau und weigert sich, den Parkplatz zu vergrößern. Er meint, es würde nur die Nachbarn verärgern.“

„Damit hat er vielleicht nicht unrecht, Holly.“

Sie seufzte. „Wenn ich meine Geschäftsräume in Golden nicht erweitern kann, muss ich nach Randlestown ins Einkaufszentrum umziehen“

„Muss das wirklich sein?“

„Ich brauche einfach mehr Platz. Mein Vertrag mit der Kosmetikfirma verlangt, dass ich alle neuen Produkte ins Programm aufnehme“, erklärte sie. Das Telefon in der Praxis klingelte.

Das Problem war nur, dass Randlestown zwanzig Meilen von dem Städtchen Golden entfernt lag. Zu weit, um für ihre Tochter erreichbar zu sein. Die finanzielle Sicherheit, die ihre gut gehende Boutique für Körperpflegeartikel bot, war zwar beruhigend, aber nicht alles im Leben.

„Holly, deine Haushälterin ist am Telefon“, rief Jess. „Sie sagt, es sei dringend.“

Holly warf Gabe einen besorgten Blick zu und nahm den Hörer. „Gracie, ist mit Stephanie alles in Ordnung?“, fragte sie sofort.

„Jetzt wieder“, versicherte ihr die ältere Frau. „Ein Mann ist ihr zum Haus gefolgt und hat ihr Angst eingejagt. Ich habe versucht, ihn loszuwerden, doch er behauptet ein Bostoner Freund der Familie zu sein. Ich habe ihn auf der Veranda stehen lassen, um dich erst einmal anzurufen.“

„Wie heißt er?“

„Mason.“

Holly erschrak. „Bist du sicher?“

„Ja, Jordan Mason. Groß, dunkelhaarig, gut aussehend“, erwiderte Gracie widerwillig. „Und seine Kleidung wirkt teuer.“

Das klang nach Jordan. Aber was tat er in Golden? „Lass ihn ins Haus, Gracie, und biete ihm etwas zu trinken an. Ich bin gleich da.“

Ungläubig schüttelte Holly den Kopf. Seit der geplatzten Hochzeit hatte sie keinen Kontakt mehr zu Jordan gehabt. Die Entfremdung zwischen den beiden Familien war schmerzlich gewesen. Doch selbst Scotts Tod durch einen Motorradunfall zwei Jahre später, hatte den tiefen Riss zwischen den Masons und den Wests nicht kitten können.

Warum war Jordan gekommen? Warum jetzt?, fragte sie sich immer wieder.

Minuten später parkte sie ihren Wagen neben seinem Mercedes. Typisch Jordan. Er hatte ein Faible für teure Autos, exklusive Kleidung und ein luxuriöses Zuhause. Sie lächelte. Oh ja, Jordan genoss es, reich zu sein – und wenn die Berichte stimmten, die sie in der Zeitung gelesen hatte, dann war er gerade noch reicher geworden.

Holly ließ Taffy in den Garten. An der Tür erwartete sie eine gereizte Gracie.

Holly spähte ins Wohnzimmer. „Wo ist er?“

„Ich habe ihm eine Limonade gegeben und ihn in den Garten geführt. Stephanie habe ich zum Spielen in ihr Zimmer geschickt. Ich dachte, sie sei dort sicherer.“

„Bei Mr. Mason habt ihr nichts zu befürchten. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit.“

„Vielleicht. Aber er hat Stephanie und mich erst einmal zu Tode geängstigt. Und das hat mir nicht gepasst.“

Holly legte der Haushälterin besänftigend die Hand auf die Schulter. „Ist schon in Ordnung. Ich bin froh, dass du mich bei Dr. Sawyers angerufen hast.“

„Wenn du möchtest, bleibe ich, bis er wieder fort ist.“

„Danke, aber das ist nicht nötig. Außerdem bist du schon den ganzen Tag hier.“

Gracie packte ihre Sachen zusammen und setzte den großen Strohhut auf, den sie grundsätzlich von Mai bis September trug. „Ich habe übrigens den Thunfisch-Nudel-Auflauf vorbereitet, den Stephanie sich gewünscht hat. Du musst ihn nur noch in den Ofen stellen.“

Nachdem Gracie fort war, eilte Holly die Treppen hinauf, um ihre Tochter zu begrüßen. Anschließend ging sie in den Garten.

Ihr zitterten die Knie, als sie ins Freie trat. Merkwürdig, dass bestimmte Erinnerungen plötzlich wieder wach wurden. Es war, als wäre sie gerade gestern sitzen gelassen worden.

Jordan saß auf einem der Gartenstühle und ließ den Blick in die Ferne schweifen. Er schien fasziniert von der Aussicht auf den See. Unbemerkt beobachtete Holly ihn. Wie damals trug er seine gepflegten, dunklen Haare zurückgekämmt. Seine Freizeitkleidung – weißes Polohemd und blaue Hose – wirkte leger, aber teuer. Er war ein ausgesprochen attraktiver Mann, mit klaren Gesichtszügen, gebräunt, selbstbewusst. Wie immer …

Bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr, hatte sie heimlich für Jordan geschwärmt. Doch die sechs Jahre Altersunterschied waren zu groß gewesen. Er besuchte bereits das College, hatte jede Woche eine neue Freundin und entwickelte sich zum Partylöwen. Holly war für ihn nichts weiter als das kleine Mädchen aus der Nachbarschaft gewesen.

Sie schüttelte den Kopf. Was kamen ihr nur für Gedanken? Sie zuckte mit den Schultern, holte tief Luft und ging zu ihm. „Hallo, Jordan.“

„Holly … hallo“, sagte er leise und erhob sich. Er betrachtete sie eindringlich. „Es ist lange her, dass wir uns gesehen haben.“

Es brachte sie ein wenig aus der Fassung, ihm nach so vielen Jahren wieder gegenüberzustehen. Sie trat einen Schritt zurück. „Du hast hier ganz schön für Aufruhr gesorgt.“

„Scheint so. Deine Haushälterin wollte mich nicht ins Haus lassen – nicht einmal, nachdem sie dich angerufen hatte.“ Er verzog die Lippen zu einem Lächeln. „Bekommst du nicht häufig Besuch?“

Sie erwiderte das Lächeln. „Jedenfalls keinen wie dich.“

Er antwortete mit einem Lachen, das die Spannung zwischen ihnen ein wenig löste. „Tut mir leid. Das nächste Mal rufe ich vorher an, um uns den Ärger zu ersparen.“

Er trank einen Schluck Limonade und deutete mit dem Kopf auf das Cottage. „Ich muss sagen, ich bin beeindruckt von dir, Holly. Das Haus und dein Geschäft in der Stadt … Ich bin daran vorbeigefahren.“

„Du wirkst überrascht. Hast du es mir nicht zugetraut, dass ich für mich selbst sorgen kann?“

„Jedenfalls nicht so.“ Er lächelte sie an. „Obwohl ich immer geahnt habe, dass du zäher bist, als man von dir glaubte.“

„Danke. Diesen Zuspruch hätte ich vor fünf Jahren brauchen können.“

„Ich habe versucht, mit dir zu reden – einige Male. Du hast aber meine Anrufe nicht entgegengenommen.“

„Ich weiß.“ Holly starrte auf ihr Glas. „Es war alles so schwierig. Ich wollte mit niemandem sprechen.“

Die Wahrheit war, dass sie mit ihm keinen Kontakt hatte haben wollen. Ein Mann wie er, unabhängig und zielstrebig, hätte ihr nicht helfen können. Er hätte gar nicht verstanden, wie verloren sie sich fühlte, nachdem sie von seinem Bruder verlassen worden war, oder wie es sie verletzt hatte, dass sich Scott noch Monate später weigerte, mit ihr zu sprechen.

„Das ist alles lange her.“

Holly lachte nervös. „Im Moment habe ich gar nicht das Gefühl.“

Als sie aufsah, merkte sie, dass sein Blick auf ihr ruhte. Waren seine Augen schon immer so tiefblau gewesen? Vielleicht wirkte die Farbe nur intensiver durch die winzigen Fältchen, die sich im Lauf der Jahre gebildet hatten. Vielleicht hatte sie es aber auch einfach vergessen. Errötend suchte sie nach einer geistreichen Bemerkung, um das fast intime Schweigen zu brechen.

Autor

Judith Yates
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