Mein verführerischer Weihnachtsengel

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Junggeselle Tyler Halliday glaubt zu träumen: In seinem Wohnzimmer funkelt ein Christbaum, und eine Frau mit Baby im Arm erwartet ihn. Was führt diesen blonden Engel zu ihm? Arbeitet Amy wirklich als Haussitter und hat sich nur in der Adresse geirrt?


  • Erscheinungstag 14.12.2019
  • ISBN / Artikelnummer 9783733728953
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Tyler Halliday war furchtbar erschöpft. Schneeregen und Schnee hatten bereits vor Stunden seinen Regenmantel bis auf die Haut durchweicht. Eisiges Wasser rann ihm von der Krempe seines Huts in den Nacken.

Sein Pferd stolperte. Es war ebenso müde wie sein Reiter. Außerdem setzte die Dunkelheit viel zu schnell ein, der Weg vor ihnen war kaum noch zu erkennen.

Doch trotz all der Strapazen war Ty zufrieden. Er hatte die gesamte Herde gefunden. Die drei Rinder, die vor ihm hertrotteten, waren die letzten Ausreißer.

Es waren sechzehn Stunden vergangen, seit er den kaputten Zaun und die Fußspuren des Pumas entdeckt hatte. Er konnte sich glücklich schätzen, dass der Großteil der Herde sich widerstandslos von ihm in Richtung Weide hatte zurücktreiben lassen. Bis auf diese drei.

Die frischen Spuren im Schnee deuteten darauf hin, dass die Herde in alle Himmelsrichtungen auseinandergestoben war und der Puma diese drei Rinder hier umzingelt hatte. Offenbar hatten sie es geschafft, ihn mit ihren spitzen Hörnern in die Flucht zu schlagen, denn Ty hatte gesehen, dass sich die Spur des wilden Tieres schließlich am Halliday Creek verlor. Die drei Rinder jedoch waren panisch weitergelaufen. Fast den ganzen Berg hinauf zur Sommerweide.

Unter sich sah Ty die Lichter seines Hauses einladend durch die Bäume schimmern. Er freute sich auf ein warmes Essen, eine heiße Dusche und sein Bett.

Doch sein Pferd, Ben, war noch jung und hatte an diesem Tag bereits mehrfach gezeigt, was in ihm steckte. Darum drängte Ty es nicht mehr an als nötig, sondern überließ es dem jungen Wallach, sein eigenes Tempo zu finden, während sie einen Pfad hinabritten, der von frischem Neuschnee bedeckt war.

Nachdem er die Rinder sicher zurück zu ihrer Herde geführt, das Weidetor fest verriegelt und sein Pferd versorgt hatte, machte er sich auf zu seinem Haus. Dabei folgte er einem ausgetretenen Pfad, der an der Scheune vorbeiführte. Die Männer der Halliday-Familie liefen hier schon seit über hundert Jahren tagein, tagaus entlang, um zu ihrem Vieh und zurück zum Haus zu gelangen.

Tys Haus lag auf einem Hügel in unmittelbarer Nähe des alten Farmhauses, das sein Vater lange vor Tys Geburt für seine erste Frau gebaut hatte. Im Hintergrund erhoben sich schneebedeckte Berge.

Müde schleppte Ty sich auf die Veranda und griff nach dem Türknauf.

Im gleichen Moment erstarrte er.

Was hatte er da gerade gehört?

Jetzt war alles still.

Den Kopf leicht zur Seite gelegt, lauschte er in die abendliche Dämmerung, doch alles, was er hörte, war das einsame Flüstern des Dezemberwinds unter den Dachsparren des Hauses.

Jetzt hatte er schon Halluzinationen. Oder die typischen Wahnvorstellungen eines Mannes, der sich selbst viel zu lange zu viel abverlangt hatte.

Dennoch runzelte er die Stirn. Er war sich sicher, heute Morgen kein Licht angemacht zu haben. Und er lebte allein.

Wieder ertönte das Geräusch. Erschrocken trat er einen Schritt zurück und wäre fast rückwärts die Verandastufen heruntergefallen.

Das Geräusch kam definitiv aus dem Inneren des Hauses. Und es war ein fast schockierend fröhliches Geräusch. Tys Gedanken rasten. Er hatte schon seit Jahren keinen Fernseher mehr. Hatte er das Radio angelassen?

Nein. Er hatte heute Morgen nichts angeschaltet. Nachdem er das gestresst klingende Muhen eines Rinds vernommen hatte, war er aus dem Bett gesprungen und hatte das Haus, so schnell er konnte, im Morgengrauen verlassen.

Das Geräusch jedoch war unverkennbar. Und es konnte einfach nicht sein, dass es aus seinem Haus kam.

Nein. Er war einfach bloß übermüdet und bildete sich alles ein. Manchmal hörte man Dinge, die es gar nicht gab.

Gerade als Ty beschloss, die Sache zu vergessen, hörte er es erneut. Und es war lauter als zuvor. Ein brabbelndes Geräusch, wie kaltes Flusswasser, das unter den ersten dünnen Eisschichten über Steine plätscherte.

Ty wusste sofort, was es war. Obwohl er sich mit diesen Dingen nicht besonders gut auskannte.

In seinem Haus war ein Baby.

Lautlos stieg er von seiner Veranda und machte ein paar Schritte durch die Dunkelheit. An der Ecke des Hauses angelangt, zwang er sich, tief durchzuatmen. In der Ferne hoben sich die Berge schwarz vor dem mitternachtsblauen Himmel ab. Nicht mehr lange, und es würde stockfinster sein.

Vor ihm erstreckten sich schneeverkrustete Weiden, dahinter ein bewaldetes Tal – umrahmt von den zerklüfteten Hängen der Rocky Mountains. Er liebte die raue Landschaft seines Farmlands trotz der vielen Gefahren, die hier lauerten. In dieser Gegend musste man sehr vorsichtig sein. Das Auftauchen des Pumas heute Morgen war nur ein Beispiel. Allerdings war es viel gefährlicher, sich bei feuchtkaltem Dezemberwetter zu verirren, als einem alten Berglöwen zu begegnen.

Dennoch – konnte es einen besseren Platz auf der Welt geben als diesen? Hier fand die Seele eines Mannes Ruhe. Er hatte vor Jahren einmal den Fehler gemacht, von hier wegzugehen, und hatte sich dabei beinahe selbst verloren.

Das zufriedene Glucksen des Babys aus dem Inneren des Hauses wurde wieder lauter, und er spürte den Schock angesichts des ungebetenen Besuchers bis hinab in die feuchten, halb erfrorenen Zehen in seinen Stiefeln.

Ein Baby?

Im Vergleich zu den rätselhaften Lauten aus seinem Haus erschien ihm der stromernde Puma nun geradezu harmlos.

Langsam schlich Ty an der Hauswand entlang zur Vorderseite des Hauses. Am Ende der langen Zufahrt, die sich vom Highway 22 aus scheinbar endlos durch das Tal schlängelte, parkte ein Wagen.

Es war keiner der typischen Wagen, die man hier draußen üblicherweise fuhr. Die Leute hier bevorzugten Pick-up-Trucks, Dieselfahrzeuge mit Allradantrieb, die groß genug waren, um damit Vieh und Stroh zu transportieren.

Niemand hier in der Gegend fuhr einen Wagen wie diesen: knallrot und rund wie der Rücken eines Marienkäfers. Dazu noch tiefergelegt – für die hier vorherrschenden Wetterbedingungen völlig unpraktisch.

Niedlich. Das war wohl die beste Beschreibung für das Fahrzeug.

Der Babysitz auf der Rückbank mit den lustigen Tierfiguren, die sich von dem hellen Polsterstoff abhoben, passte perfekt ins Bild.

Prüfend legte Ty eine Hand auf die Motorhaube. Kalt. Der Wagen schien schon eine ganze Weile hier zu stehen.

Ein Blick auf das Nummernschild sagte ihm, dass der Wagen aus Alberta kam. Knappe zwei Stunden Fahrtzeit von hier entfernt. Eigentlich bräuchte er nur im Handschuhfach nach den Fahrzeugpapieren suchen, dann wüsste er, wem der Wagen gehörte. Doch als er am Türgriff der Beifahrertür zog, musste er feststellen, dass der Wagen abgeschlossen war. Unter anderen Umständen hätte er jetzt gelacht. Hier draußen im Niemandsland schlossen die Leute ihre Fahrzeuge nie ab. Wozu auch? Hier lebte nur eine Handvoll Menschen.

Als er sich wieder zum Haus umwandte, blieb ihm die Luft weg.

Zum zweiten Mal während der letzten zehn Minuten.

Durch das breite Wohnzimmerfenster hindurch funkelte ihm ein Weihnachtsbaum entgegen. Ty rieb sich die Augen und betete, dass er verschwunden war, wenn er wieder hinsah.

Er hoffte vergeblich. Der Baum war echt, und er war mit einer leuchtenden Lichterkette und vielen bunten Kugeln geschmückt, die sanfte Farbkleckse auf den Schnee in seinem Vorgarten warfen.

Verwirrt sah er sich um, suchte nach vertrauten Orientierungspunkten in der Landschaft und blickte immer wieder auf das Haus. Es war sein Haus. Und in diesem Haus hatte noch niemals ein Weihnachtsbaum gestanden. Zumindest nicht in den sechsundzwanzig Jahren, in denen er darin gelebt hatte.

Ein flüchtiger Gedanke ging ihm durch den Kopf, den er sofort wieder verwarf. Es war eine heimliche Sehnsucht, die er hegte, seit er ein kleiner Junge war.

Vielleicht war seine Mutter nach Hause gekommen.

Naive Wünsche jedoch passten nicht in das Leben eines Erwachsenen. Außerdem hatte sein Vater dafür gesorgt, dass dieser Wunsch niemals Realität werden würde.

Diese Situation hier mit dem Baby in seinem Haus und dem Weihnachtsbaum vor dem Fenster überforderte ihn in seinem übermüdeten Zustand. All das rührte Themen in ihm auf, die er seit Jahren in sein tiefstes Innerstes verdrängt hatte.

Frustriert lief er zurück zur Hintertür des Hauses. In Gegenden wie dieser benutzte man die Vordertür fast nie. Selbst Besucher klopften für gewöhnlich an die Hintertür. Hier konnte man seine schmutzigen Stiefel ausziehen und Jacken, Hüte und Zaumzeug in den beheizten Durchgang hängen.

Ty Halliday holte tief Luft. Sein Magen schien sich zu einem Klumpen zusammengezogen zu haben. Er fühlte sich wie in seinen alten Rodeozeiten. In dem Moment, kurz bevor sie das Gatter öffneten und man von einem wild bockenden Mustang durch die Luft geschleudert wurde.

Unwillig legte er die Hand auf den Türgriff und hätte sie am liebsten sofort wieder zurückgezogen. Dann runzelte er die Stirn. Seine Haustür war abgeschlossen.

Vielleicht spielte ihm einer der Nachbarn einen Streich. Sie alle kannten einander sehr gut und machten gern einmal ein Späßchen. Melvin Harries war mal vor einigen Jahren nach Hause gekommen und hatte einen Esel in seinem Wohnzimmer vorgefunden. Als Cathy Lambert und Paul Cranston geheiratet hatten, hatte sich einer der Nachbarn in ihr Haus geschlichen und sämtliche Schubladen in den Schränken mit Konfetti gefüllt. Nun waren sie seit sechs Jahren verheiratet, und manchmal sah man noch immer einen Schnipsel Konfetti an Cathys Pullis.

Seufzend bückte er sich und zog den rostigen Ersatzschlüssel unter der Fußmatte hervor. Manchmal schloss er ab, wenn er für ein paar Tage wegfuhr.

Langsam steckte er den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. Innerlich war er gewappnet. Bereit für einen Kampf. Doch was ihm entgegenströmte, trieb ihm fast Tränen in die Augen.

Sein Haus, das er bisher vor allem als einen Zufluchtsort angesehen hatte, fühlte sich an wie ein Zuhause.

Zuerst einmal duftete es gut. In der Luft lag ein leichter Hauch von Parfüm, Frau und Baby sowie ein köstlicher Bratenduft.

Und dann waren da die Geräusche aus dem Wohnzimmer, die das Herz jedes noch so harten Mannes erweichen mussten. Tyler musste unwillkürlich schlucken, als er die freudig glucksenden Geräusche des Babys hörte.

Nachdem er seine dreckigen Stiefel und Handschuhe ausgezogen hatte, holte er tief Luft. Dann stieg er die Stufen vom Eingangsbereich hinauf zur Küche.

Und blieb überrascht stehen. Vor ihm auf dem Küchenboden saß auf einer Decke ein wohlgenährtes Baby mit dichten rötlichen Locken inmitten von Spielzeugautos.

Fröhlich lachte es ihn an, als es ihn bemerkte.

Es war bemerkenswert. Statt in Tränen auszubrechen beim Anblick des großen fremden Mannes, der da so unerwartet in die Küche hereingeschneit kam, strahlte das Kind ihn aus seinen kullerrunden braunen Augen an.

„Daddy“, stieß es hervor. Das war nun wirklich die Krönung.

Ty entfuhr ein leiser Fluch, der weder für Kinder- noch für Damenohren gedacht war.

Wobei sie nicht gerade wie eine Dame wirkte. Jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Mit einem Rundbogen war die Küche mit dem Wohnzimmer verbunden. Zuerst sah er nur Haare, die ebenso lockig waren wie die des Babys. Dann trat sie hinter den Zweigen des Weihnachtsbaums hervor, und er sah sofort, dass ihre Augen genauso groß und dunkel waren wie die des Babys. Allerdings schaute sie bedeutend überraschter.

Warum war sie überrascht? Das hier war immerhin sein Haus.

Auf jeden Fall sah sie genauso niedlich aus wie das Auto. Ihre schmale Nase war mit Sommersprossen gesprenkelt, das Haar hatte die Farbe von flüssigem Honig. Auf den ersten Blick dachte er, sie hätte eine eher jungenhafte Figur. Dann erkannte er, dass ihre Kurven nur von dem weit geschnittenen Holzfällerhemd verdeckt wurden.

Sie trug kein Make-up. Doch sie war eine der wenigen Frauen, die es auch gar nicht brauchten.

„Wer sind Sie?“, fuhr sie ihn mit einem leichten Zittern in der Stimme an.

Was war das für eine Frage? Ihn interessierte viel mehr, wer sie war. An der Art, wie sie sich umsah und nach etwas zu suchen schien, womit sie sich gegen ihn verteidigen konnte, sah er, dass sie nicht nur überrascht war, sondern auch Angst hatte. Damit lösten sich auch die letzten Zweifel daran auf, ob das alles hier vielleicht bloß ein übler Nachbarsstreich war.

Selbst aus der Entfernung sah er, wie ihr Puls unter der zarten Haut an ihrem Hals wild pochte.

Wieder musste er gegen den Gedanken ankämpfen, dass er bloß träumte. Außerdem gefiel es ihm ganz und gar nicht, dass seine Erschöpfung all diese Träume und Sehnsüchte aus den dunklen Ecken seines Bewusstseins hervorholte. Es wäre nur allzu leicht, an dieser rührseligen Szene, die sich ihm hier in seinem eigenen Haus darbot, Gefallen zu finden.

Entschlossen richtete er sich auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Er war ein starker Mann, der nicht so leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen war und keinen Sinn für alberne Träumereien hatte.

In diesem Moment sprang sie hinter dem Baum hervor und auf ihn zu, in der Hand eine Tischlampe, mit der sie vor seinem Gesicht herumfuchtelte, als sei es eine Waffe.

Spöttisch verzog Ty den Mund. „Was haben Sie damit vor?“, fragte er betont ruhig.

„Wenn Sie es wagen sollten, mein Kind oder mich anzufassen, dann werden Sie es schon spüren!“

Die Lampe war aus Elchgeweih gefertigt und ziemlich groß und schwer. Er sah, dass sie bereits Mühe hatte, sie zu halten. Es machte ihm bewusst, wie zierlich sie war. Dennoch hatte er Mühe, sich zusammenzureißen. Die verschlossene Hintertür kam ihm wieder in den Sinn, und er schüttelte leicht den Kopf.

„Ehrlich gesagt habe ich bedeutend mehr Angst vor einem Baby als vor einer Lampe. Vor allem, wenn es mich Papa nennt.“

Ihr Griff um die Lampe schien sich ein wenig zu lockern.

„Wie sind Sie in mein Haus gelangt?“, erkundigte sie sich fordernd. „Ich hatte die Tür abgeschlossen.“

„Mit einem Schlüssel“, erklärte er betont ruhig. „Zufällig habe ich einen. Ich bin nämlich Tyler – Ty – Halliday, und das hier ist mein Haus.“

Einen kurzen Moment lang ließ sie die Lampe sinken. Sie schien nachzudenken. Dann brachte sie ihre Waffe wieder in Position und funkelte ihn angriffslustig an.

„Warum stellen Sie die Lampe nicht wieder hin?“, schlug er vor. „Ihre Arme zittern ja schon. Wir wissen doch beide, dass ich Sie Ihnen mit Leichtigkeit aus der Hand reißen könnte, wenn mir der Sinn danach steht.“

„Versuchen Sie es bloß nicht!“, warnte sie ihn.

Es war, als forderte eine Maus einen Elefanten heraus. Doch er musste sich eingestehen, dass er ihren Mut bewunderte.

Irgendetwas zog am Stoff seines Hosenbeins. Als er nach unten blickte, sah er, dass das Baby zu ihnen ins Wohnzimmer gekrabbelt war und sich nun an seiner Jeans hochzuziehen versuchte.

„Daddy!“, krähte es erneut.

„Wehe, Sie fassen mein Kind an!“

„Seien Sie versichert, das werde ich ganz bestimmt nicht.“

Im Handumdrehen hatte sie die Lampe auf den Boden gestellt und kniete sich vor ihm nieder, um das Baby auf den Arm zu nehmen.

Sie war ihm so nah, dass er ihren weiblichen Duft wahrnehmen konnte. Er erinnerte ihn an eine Blume. Flieder? Nein. Lavendel. Der Duft mischte sich mit dem leichten Geruch nach Babypuder. Eigentlich war es verwunderlich, dass er diese Zuordnung überhaupt treffen konnte. Schließlich gehörten all diese Dinge überhaupt nicht in seine Welt. Es war wohl ein männlicher Instinkt. Und jetzt in diesem Augenblick fühlte er sich wie betört und vollkommen in ihren Bann gezogen.

Doch sie beeilte sich, Abstand zwischen sie beide zu bringen, um ihn aus sicherer Entfernung misstrauisch zu betrachten.

„Sie müssen sich im Haus geirrt haben“, sprach er weiter. „Ich wohne hier wirklich. Und ich habe den ganzen Tag draußen in der Kälte verbracht. Ich wäre Ihnen also sehr dankbar, wenn wir das hier schnell klären könnten, damit ich etwas essen und dann zu Bett gehen kann.“

Offenbar beruhigte sie die Tatsache, dass er den Anschein erweckte, sie eher loswerden zu wollen, als ihr Baby zu rauben oder sie zu überfallen.

Dennoch blieb ihr Blick wachsam. „Wenn das hier wirklich Ihr Haus ist, dann sagen Sie mir doch, was sich in der obersten Schublade der Küche befindet.“

„Besteck.“

„Das ist in jeder Küche so!“

Sie haben die Frage gestellt“, erinnerte er sie.

„Gut. Dann die zweite Schublade!“

Für einige Sekunden schloss er die Augen. Eigentlich war ihm dieses Spiel zu dumm. Doch je eher sie diesen verängstigten Gesichtsausdruck ablegte, desto eher würde sie ihren Irrtum einsehen. Dann wäre er sie endlich los. „Geschirrtücher. Waren einmal weiß, jetzt gelblich verfärbt. Ein roter Topflappen mit einem durchgebrannten Loch. Nächste Schublade: Kartoffelstampfer, Suppenkelle, Fleischklopfer für zähes Rindfleisch …“

Ihre Augen weiteten sich entsetzt. „Oh Gott“, flüsterte sie.

„Seit wann sind Sie hier, dass Sie so genau wissen, was in meinen Schubladen ist?“

Schuldbewusst senkte sie den Blick, sodass er sich fragte, in welchen Schubladen sie wohl noch so gewühlt hatte.

„Haben Sie etwa auch in meinem Schlafzimmer rumgeschnüffelt?“, erkundigte er sich mit drohendem Unterton in der Stimme.

„Es tut mir so leid“, stammelte sie.

Jetzt, wo die Angst von ihr abfiel, wirkte sie nur noch blass und zittrig. Sie schien Mühe zu haben, sich überhaupt auf den Beinen zu halten.

„Fallen Sie mir nicht in Ohnmacht“, warnte er sie. „Ich möchte nicht das Baby auffangen müssen.“

„Oh, ich werde ganz sicher nicht in Ohnmacht fallen!“, versicherte sie ihm gefasst und straffte die Schultern. „Halten Sie mich etwa für einen Schwächling?“

„Schwächling? Wohl eher für den Typ, der Jane Eyre liest, auf dem Land völlig die Orientierung verliert und sich bei Fremden ungefragt häuslich einrichtet.“

Er sprach bewusst provokant, um sie noch ein wenig mehr zu reizen. Ihre aufgebrachte Art gefiel ihm nämlich bedeutend besser als diese Panik in ihrem Blick.

„Sie sehen zumindest nicht aus wie jemand, der Jane Eyre überhaupt kennt“, schoss sie zurück.

„Das stimmt. Hier draußen in der Wildnis leben wir ziemlich primitiv“, entgegnete er spöttisch. „Wir lesen eigentlich so gut wie gar nicht, und schreiben können wir auch nicht. Wir ritzen nur Symbole in Steintafeln.“

„Entschuldigung“, murmelte sie nun etwas zerknirscht. „Ich hatte Sie nicht beleidigen wollen. Ich bin in das falsche Haus eingezogen, und nun werde ich auch noch frech zu Ihnen. Aber ich verspreche Ihnen, ich werde nicht in Ohnmacht fallen. Dafür bin ich nicht der Typ.“

„Sehr beruhigend“, gab er trocken zurück. „Und nur damit Sie Bescheid wissen – so leicht bringt man mich nicht aus der Fassung. Dafür braucht es schon einiges mehr als die bloße Andeutung, dass ich mich in der klassischen Literatur nicht auskenne.“

Statt einer Antwort holte sie tief Luft und versuchte, sich zu beruhigen.

„Das hier ist nicht das Haus der McFinleys, stimmt’s?“, erkundigte sie sich schließlich.

Ihr Gesichtsausdruck sprach Bände. Innerlich schien sie in sich zusammenzusinken, was noch viel schlimmer war als ihre Angst zuvor.

Er konnte sich nicht helfen, er hatte das unbändige Verlangen, sie zu trösten. Den Arm um sie zu legen und ihr zu versichern, dass alles gut würde. Es war ein Impuls, gegen den er kaum ankam.

„Aber Sie kennen die McFinleys?“, fragte sie weiter. In ihrer Stimme lag ein Hauch von Verzweiflung. „Ich passe auf ihr Haus auf. Für sechs Monate. Solange sie in Australien sind. Sie sind schon vor ein paar Tagen abgereist, ich konnte nicht eher kommen …“

Ty schüttelte den Kopf. Er hatte das beunruhigende Gefühl, dass sie kurz davor war, in Tränen auszubrechen. Weinende Frauen überforderten ihn. Er konnte es nicht ertragen, wenn eine Frau weinte.

Das Baby schien den plötzlichen Stimmungsumschwung seiner Mutter bemerkt zu haben. Sein fröhliches Brabbeln verstummte. Mit großen Augen starrte es die Mutter an und schien auf ihre Reaktion zu warten.

Eine falsche Bewegung, ermahnte Ty sich selbst, und sie würden beide anfangen zu weinen.

Insgeheim zählte er die Tage bis Weihnachten. Noch sechs Tage. Warum suchte sich eine junge Frau mit Baby so kurz vor Weihnachten eine neue Bleibe?

Sie war auf der Flucht.

Vor was oder vor wem, ging ihn nichts an, versuchte er sich einzureden.

„Mona und Ron?“ Ihre Stimme wurde immer leiser als sie den ratlosen Ausdruck in seinem Gesicht sah.

Er schwieg.

„Sie haben noch nie von ihnen gehört, richtig?“ Ein weiterer tiefer Atemzug, dann betrachtete sie ihn prüfend.

Ty ließ sie nicht aus den Augen, während er sich anstrengte, sich seine Belustigung nicht anmerken zu lassen. Endlich schien sie sich sicher zu sein, dass er kein Axtmörder war.

Dann schob sie das Baby auf ihre Hüfte und rieb sich die Hand an ihrer Jeans ab – hatte sie vor lauter Angst feuchte Hände bekommen? –, ehe sie sie ihm entgegenstreckte. Ebenso wie das Hemd verbarg die Jeans nur auf den ersten Blick ihre überraschend weibliche Figur. Der wild entschlossene Kampfgeist schien auf einmal aus ihr gewichen zu sein. Was blieb, war ein bloßes Beschämtsein darüber, unerlaubterweise in das Haus eines Fremden eingedrungen zu sein.

„Ich bin Amy Mitchell“, murmelte sie mit hochrotem Gesicht, während sie sich die Hand gaben.

Die roten Wangen ließen sie noch hübscher wirken. Und verletzlicher. Sie schien noch immer mit den Tränen zu kämpfen.

„Mrs. Mitchell“, sagte er schließlich, obwohl er keinen Ehering gesehen hatte, und nahm ihre Hand. In diesem Moment realisierte er, warum er gezögert hatte, sie zu nehmen. Amy Mitchells Hand fühlte sich unglaublich zart und weich an. Sie erschien ihm fast winzig in seiner rauen Arbeiterhand. Die unerwartete Berührung und ihre Nähe machten ihm unangenehm bewusst, wie trostlos sein karges Leben hier draußen in der Einöde eigentlich war.

Ihre Augen waren nicht braun, wie er zunächst geglaubt hatte, sondern eine Mischung aus grünen und goldenen Sprenkeln vor einem kaffeebraunen Hintergrund.

Jetzt, wo sie nicht mehr befürchten musste, von diesem vermeintlichen Einbrecher überwältigt zu werden, war der Ausdruck in ihren Augen weich und besorgt zugleich.

Ihre honigfarbenen Locken kringelten sich wie eine wilde Löwenmähne um ihr Gesicht. Zu gerne hätte er sie berührt, um ihre Textur unter seinen Fingerspitzen zu erfühlen.

Ty Hallidays Welt war ein kalter Ort. In dieser Welt gab es keinen Raum für Weichlinge, für die Tränen, die sich hinter der erstaunlichen Sanftheit ihrer Augen angestaut hatten. Und keinen Raum für die hell strahlenden Lichter eines Weihnachtsbaums.

Das Baby schien genau mitzubekommen, was passierte, und wirkte mit einem Mal entspannt.

„Daddy“, krähte es und streckte die Arme nach Ty aus.

Fast erschrocken trat Ty einen Schritt zurück.

In seiner Welt war kein Platz für kindliche Unschuld und Vertrauen. So etwas kannte Ty nicht. Es war ihm so fremd wie ein unbekanntes, exotisches Land.

Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er noch immer Amy Mitchells Hand hielt. Auch sie schien es plötzlich zu realisieren, denn sie errötete noch heftiger und zog ihre Hand hastig zurück.

„Ich kann das alles nicht glauben“, stammelte sie. „Ich hatte doch den Navi eingeschaltet.“

Fast hätte man denken können, die plötzliche Röte in ihrem Gesicht hing mit dem defekten Gerät zusammen. Und nicht mit ihm.

Vielleicht war es so.

Er glaubte es aber nicht.

Besser, er dachte gar nicht weiter darüber nach. Es erstaunte ihn immer wieder, wie abhängig die Leute aus der Stadt von ihren Navigationsgeräten waren.

„Es ist nicht das erste Mal, dass Durchreisende hier draußen Probleme mit ihren Geräten bekommen“, versuchte er, sie zu trösten, nachdem er erschrocken festgestellt hatte, dass sie kurz davor war, in Tränen auszubrechen.

„Tatsächlich?“ Im ersten Moment schien sie erleichtert zu sein, dann wurde sie blass. Sicher stellte sie sich vor, was passiert wäre, wenn sie nicht sein Haus gefunden hätte und ihr irgendwo in den Bergen das Benzin ausgegangen wäre.

Es war typisch für ihn. Er war für solche sensiblen Geschöpfe wie Frauen einfach nicht gemacht. Nun hatte er ihr wieder Angst gemacht.

Nachdem sie das Baby zurück auf seine Decke gesetzt hatte, begann sie hastig, ihre Habseligkeiten zusammenzupacken.

„Es tut mir furchtbar leid, Mr. Halliday. Wir werden uns sofort auf den Weg machen. Das ist mir alles furchtbar peinlich“, bemerkte sie, während sie Babyspielzeug in eine Tasche stopfte.

Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, als er sah, dass sie erneut rot angelaufen war. Dieses Mal ähnelte ihre Gesichtsfarbe den roten Kugeln am Weihnachtsbaum, und er musste unwillkürlich überlegen, wann er das letzte Mal gelächelt hatte.

Autor

Cara Colter
Cara Colter hat Journalismus studiert und lebt in Britisch Columbia, im Westen Kanadas. Sie und ihr Ehemann Rob teilen ihr ausgedehntes Grundstück mit elf Pferden. Sie haben drei erwachsene Kinder und einen Enkel. Cara Colter liest und gärtnert gern, aber am liebsten erkundet die begeisterte Reiterin auf ihrer gescheckten Stute...
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