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Aus ganzem Herzen glaubt die hübsche Physiotherapeutin Taylor daran, dass Josh Malone wieder gesund wird: Nach einem Flugzeugabsturz hat er mit Lähmungen zu kämpfen. Und trotz behutsamer Zärtlichkeiten wissen sie beide, dass ihre große Liebe sich nur erfüllt, wenn sie gemeinsam an seiner Heilung arbeiten …
  • Erscheinungstag 23.05.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733757281
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Wag es bloß nicht, jetzt aufzuhören!“ Taylor Philipps saß auf dem Boden und starrte dem müden Cowboy in die Augen. Sie bemerkte sehr wohl die Schweißperlen auf seiner Stirn.

„Wie lange noch, bis du zufrieden bist?“, fragte Josh und umklammerte die Hanteln.

„Mindestens noch eine Minute … besser fünf, falls du es durchhältst.“

Er stöhnte und übte weiter, wenn auch ohne sonderliche Begeisterung.

„Na, machst du etwa schlapp, Joshua Malone? Du hast mir doch erzählt, dass du voll in Form bist!“ Sie wusste, wie sie ihn anstacheln konnte. Und sie wusste auch, dass er mehr Energien freisetzen und seine Leistung steigern würde, wenn sie ihn ein wenig provozierte.

Schließlich stöhnte er auf und ließ sich auf den Boden fallen. „Das reicht jetzt.“ Eine Hantel rollte scheppernd die Matte entlang.

Taylor lächelte triumphierend. Sie sah auf die Uhr, stand auf und reichte Josh eine Hand. „Nicht schlecht. Vier Minuten länger als gestern.“ Er zog sich mit seinem gesunden Arm an ihr hoch.

„Wo hast du bloß deine Ausbildung zur Physiotherapeutin gemacht? An einer Sado-Maso-Schule?“ Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und massierte seine linke Schulter.

Lachend machte Taylor Notizen ins Krankenblatt. Am liebsten hätte sie hineingeschrieben: Reiches Kind muss sich gewaltig anstrengen. Armes Baby. Sie konnte aus den Augenwinkeln sehen, dass er sie mit seinem verführerischen Blick anlächelte. Den hatte er bestimmt vor dem Spiegel geübt, und zweifellos hatte er bei vielen ahnungslosen Frauen in Bozeman damit Erfolg gehabt. Sie fragte sich, ob er ahnte, wie sehr sie es genoss, seine offenen Avancen zu ignorieren. Seine Schulter war schon seit Wochen verheilt. Sie wusste genau, warum er noch zu ihr kam.

Als sie Max hereinkommen hörte, blickte sie auf. Er machte ein ernstes Gesicht und reichte ihr das schnurlose Telefon.

„Hey, Dad, hast du Taylor beigebracht, so gnadenlos mit Patienten umzugehen?“, versuchte Josh zu scherzen.

Doch Max überging ihn und wandte sich an Taylor. „Ein dringender Anruf aus Ann Arbor. Dein Vater.“

Taylors Herz begann wild zu klopfen. Ihr Vater würde sie nie auf der Malone Ranch bei der Arbeit stören, wenn es nicht unheimlich wichtig wäre.

Sie holte tief Luft und nahm den Apparat. „Dad?“ Doch der ernste Tonfall ihres Vaters bestätigte ihre schlimmsten Vermutungen. Er hatte schlechte Nachrichten, und es ging um ihre Mutter.

Taylor ging um die Ecke zum Büro, wo Max’ Schwiegertochter Savannah im Schneidersitz auf dem Boden saß. Ihr Sohn Billy kniete neben ihr und sah zu, wie sie seinem kleinen Bruder die Windeln wechselte. Savannahs strahlendes Lächeln verblasste, als sie Taylors Miene bemerkte.

Taylor ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen und lauschte angespannt den Worten ihres Vaters. „Wer ist ihr behandelnder Arzt?“, fragte sie schließlich. „Ich werde das nächste Flugzeug nehmen. Sag ihr, sie soll durchhalten, Dad. Ich bin schon auf dem Weg.“

Mit weichen Knien stand sie auf und legte das Telefon zurück. Gedankenverloren schaute sie zum Fenster hinaus auf die Wildblumen, die am Fuße der MoJo-Berge blühten und sich im blauen Wasser der Gebirgsbäche spiegelten. Sie hatte gewusst, dass dieser Tag irgendwann kommen würde. Und sie war sich stets sicher gewesen, was sie dann tun müsste.

„Taylor?“

Sie drehte sich um und sah in Savannahs besorgtes Gesicht.

„Kann ich etwas für dich tun?“, fragte Savannah, als Max und Josh gerade zur Tür hereinkamen.

„Ich werde im Reisebüro anrufen und ein Flugticket für dich besorgen“, erbot sich Max.

Taylor nickte wie betäubt. „Ich muss nach Hause und ein paar Sachen packen. Keine Ahnung, wie lange ich wegbleiben werde …“

Max trat auf sie zu. Seine traurige Miene erinnerte Taylor daran, dass er und ihre Mutter vor Jahren eng befreundet gewesen waren. „Wir kommen hier schon zurecht. Mach dir darüber keine Gedanken.“ Er fasste sie aufmunternd an den Schultern. „Aber du solltest dich jetzt nicht hinters Steuer setzen.“

„Ich kann dich zum Flughafen bringen“, schlug Josh vor.

Savannah setzte ihr quirliges sechs Monate altes Baby auf eine Hüfte und sah auf die Uhr. „Soweit ich weiß, geht nur eine Maschine vor Mittag nach Detroit. Wenn du sie noch bekommen willst, musst du sofort aufbrechen.“ Savannah dachte kurz nach. „Jenny und ich werden ein paar Sachen für dich zusammenschmeißen, während Max sich um dein Ticket kümmert.“

Taylor ließ sich aus dem Büro hinaus und die Treppe hinunter zu den Wohnräumen führen, als sei sie eine Schlafwandlerin. Savannah verstaute das Baby kurzerhand im Laufstall und wies Billy an, seinem kleinen Bruder Gesellschaft zu leisten. Dann holte sie zwei Reisetaschen aus dem Kleiderschrank.

„Danke“, murmelte Taylor und ging zur Küche, wo Hannah, die dicke Haushälterin, und Jenny gerade das Mittagessen kochten. Die beiden lachten herzlich und drehten sich um, als Taylor hereinkam.

„Meine Mutter ist sehr krank, und ich muss sofort zum Flughafen“, sagte Taylor mit zitternder Stimme. Sie blinzelte heftig, um die Tränen zurückzuhalten. „Savannah meinte, du könntest mir ein paar Kleidungsstücke leihen, Jenny …“

Jenny wischte sich die Hände an der Schürze ab, die sich über ihren runden Bauch spannte, und kam bestürzt auf Taylor zu. „Natürlich. Komm mit und such dir aus, was dir gefällt. Ich werde es in den nächsten paar Monaten nicht brauchen.“ Sie tätschelte aufmunternd Taylors Hand.

Gemeinsam gingen sie hinaus zu dem Anbau, den Jenny mit ihrem Mann bewohnte. Sie bewegte sich erstaunlich flink für eine Frau, die im sechsten Monat schwanger war und Zwillinge erwartete. Taylor suchte sich ein paar Sommerkleider, Jeans, Tops und Röcke aus und verstaute sie in den Reisetaschen.

Als sie zum Haupthaus zurückkamen, stand Max nachdenklich am Fenster. Josh legte gerade den Telefonhörer auf. „Alles geregelt. Bist du fertig, Taylor?“

Max drehte sich zu ihr um. „Ich habe noch einen Platz für dich ab Bozeman bekommen, aber der Flug geht in weniger als zwei Stunden.“

Josh machte eine wegwerfende Handbewegung. „Mach dir keine Sorgen, Dad. Ich werde sie einfach mit meinem Flugzeug dorthin bringen.“

Max sah ihn ernst an. „Hast du nicht gesagt, es müsse gewartet werden?“

Josh zuckte die Achseln. „Ach was, nur ein paar Einstellungen mussten überprüft werden. Ich hab’ mich gestern schon drum gekümmert.“

Taylor verzog das Gesicht. Das hatte ihr gerade noch gefehlt – sich in eine kleine Maschine zu quetschen und ihr Leben einem waghalsigen Cowboy anzuvertrauen.

Max fasste sie am Arm. „Sag deiner Mutter, ich …“ Er zögerte und warf einen Blick auf die besorgten Gesichter in der Küche. „Sag ihr, wir alle beten für sie.“

Die Frauen umarmten Taylor noch schnell, bevor sie von Josh aus der Küche gezogen wurde. Er führte sie zu seinem staubigen roten Pick-up. Seufzend stieg sie ein, während Josh ihr Gepäck verstaute. Er schwang sich auf den Fahrersitz und blickte zu ihr hinüber. „Tu nicht so, als hätte dein letztes Stündchen geschlagen. Ich fahre zwar schnell, aber sicher.“

Taylor warf ihm einen zweifelnden Blick zu, sagte aber nichts. Jetzt war nicht der richtige Moment, um mit ihm zu streiten.

Josh legte den Rückwärtsgang ein und wendete schwungvoll. Schottersteine spritzten in alle Richtungen, als er den Kiesweg zum Hauptgatter herunterschoss. Taylor biss die Zähne zusammen und umklammerte die Armlehne.

Sobald sie in Joshs Cessna gestiegen war, fiel jede Ängstlichkeit von ihr ab. Der Start war sanft und problemlos, und unter normalen Umständen hätte sie das atemberaubende Panorama der Berge am Horizont und das farbenfrohe Patchwork der Felder unter ihr sehr genossen. Es war ein strahlender Maimorgen, und die Sonne stand hoch am blauen Himmel Montanas. Genau so hatte ihre Mutter das weite Land beschrieben, als Taylor noch ein kleines Mädchen in Ann Arbor war. Taylor war davon so beeindruckt gewesen, dass sie ihre Ausbildung als Krankenschwester dort absolviert hatte, wo ihre Mutter aufgewachsen war. Sie wollte selbst einmal den wunderschönen Teil des Landes kennenlernen, den ihre Mutter in so prachtvollen Farben geschildert hatte.

Taylor lehnte sich zurück und schloss die Augen. Mom hatte recht gehabt. Es war einfach großartig hier. Doch sie wünschte sich, es wäre nicht so weit bis Michigan, wo ihre Eltern und ihr Bruder wohnten.

Wenn Mom jetzt nur durchhält, dachte Taylor. Eine Träne lief ihr über die Wange, und sie suchte in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch, um sich die Nase zu putzen.

„Ist deine Mutter schon lange krank?“, fragte Josh.

Taylor rutschte unbehaglich auf dem Sitz herum. „Mom hatte einen Autounfall, als ich in der Schwesternschule war. Sie wurde ziemlich schwer verletzt. Arme und Beine waren gebrochen … und sie verlor eine Niere. Danach musste sie lange im Krankenhaus liegen und auch anschließend viel Krankengymnastik machen.“

„Bist du deshalb Krankengymnastin geworden?“

„Kann schon sein.“ Unwillkürlich musste Taylor lachen. „Ich weiß noch, dass ich immer Krankenhaus mit meinen Puppen gespielt habe. Ich war unheimlich stolz auf meine Mutter und fand ihre Schwesternuniform so schick. Als ich ihr später nach dem Unfall bei den Übungen zu Hause geholfen habe und feststellte, wie sehr das hilft … Na ja, ich sah eben, was so eine Therapie bewirken kann. Ich dachte …“, wieder fühlte Taylor einen dicken Kloß im Hals, „ich hatte gehofft, es würde nie dazu kommen.“

„Wozu?“

„Ihre noch verbleibende Niere … sie hat versagt.“ Taylor musste hart schlucken und sah weg.

„Was ist mit einer Transplantation?“

„Sie steht schon auf der Liste, aber die Zeit drängt.“ Taylor beschloss, Josh gegenüber ganz offen zu sein. „Wenn sie noch keinen Spender gefunden haben, bis ich komme, werde ich Mom eine von meinen Nieren geben.“

Sie erwartete, dass er ihr widersprechen und sie auf die Gefahren hinweisen würde, die eine Nierenspende mit sich brachte. Doch er sagte lange nichts. „Ich wünschte, ich hätte dasselbe für meine Mutter tun können“, meinte er schließlich.

Taylor sah ihn überrascht an. Jeder im Krankenhaus wusste, dass Max verwitwet war, doch sie wusste nicht, woran seine Frau gestorben war. Wie hätte Josh seiner Mutter helfen können? Es gab Gerüchte, dass Max’ Frau Selbstmord begangen hatte – aber niemand wusste etwas Genaues. Dr. Max Malone lieferte nicht viel Stoff für die Gerüchteküche. Sein Privatleben behielt er stets für sich.

Sowohl bei den Vorlesungen als auch im Krankenzimmer sprach Max nur über Medizin. Er war mitfühlend und freundlich, aber darüber hinaus war er ziemlich zugeknöpft. Wenn ihre Mutter ihr nicht so viel darüber erzählt hätte, welche Pionierarbeit er in der Universitätsklinik von Michigan geleistet hatte, hätte Taylor erst mit der Zeit mitbekommen, was für ein erfolgreicher Arzt Max war. Sie hatte wirklich Glück, ihn als Mentor zu haben.

Plötzlich lächelte Josh. „Du bist eine sehr mutige Frau, Taylor Phillips.“

„Da wäre ich mir nicht so sicher. Ich denke gar nicht darüber nach, was mir passieren könnte. Aber eins weiß ich mit Sicherheit: dass ich etwas tun muss.“

Josh zwinkerte ihr auf seine entwaffnende Art zu und konzentrierte sich wieder auf die Anzeigen im Cockpit. Warum spielte er ihr etwas vor? Für einen Moment hatte sie etwas von dem wahren Josh gesehen, doch der Vorhang war schnell wieder gefallen. Jetzt gab er sich wieder als sorgloser Playboy. Neugierig betrachtete sie sein sandfarbenes, von der Sonne gebleichtes Haar, das ziemlich wild aussah. Sie fragte sich, ob er absichtlich an einem verwegenen Image arbeitete oder ob es eine zwangsläufige Folge seines Lebensstils war.

Plötzlich geriet der Motor ins Stottern, und das Flugzeug verlor schnell an Höhe. Taylor klammerte sich erschrocken an der Armlehne fest. „Was war denn das?“

Josh stabilisierte das Flugzeug scheinbar ungerührt. „Das ist eben schon eine alte Kiste. Mach dir keine Sorgen, okay?“

Taylor sah bereits den Flughafen und wünschte sich, sie wären schon sicher gelandet.

„Wenn ich dich das nächste Mal mitnehme, habe ich schon das neue Flugzeug. Dann brauchst du wirklich nicht mehr so ängstlich zu sein.“

Sie verschränkte die Arme und versuchte sich zu entspannen. Die Motorengeräusche waren wieder völlig normal, und sie befanden sich im Landeanflug. So, so, ein neues Flugzeug also. Sie würde noch lange ihren Kredit fürs Studium abstottern müssen, und Josh sprach so selbstverständlich von einer neuen Cessna, als ob es sich um ein Paar Stiefel handelte! Vielleicht war er eben doch ein reiches, verwöhntes, egoistisches Kind …

„Du rufst uns doch an und sagst uns, wie es deiner Mutter geht?“, fragte Josh.

„Ja … ja, natürlich.“ Sie konzentrierte sich auf die Landung und verdrängte alle Gedanken an Joshua Malone aus ihrem Kopf. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagte ihr, dass sie mühelos den Anschlussflug erreichen würde. Hoffentlich war es für ihre Mutter noch nicht zu spät!

Josh half ihr beim Aussteigen und trug ihr Gepäck über das Rollfeld. Taylor schien im Geiste schon meilenweit weg zu sein, und er konnte sie gut verstehen. Er wünschte, ihm fielen jetzt die passenden Worte ein, um sie zu trösten. Doch er wusste noch allzu gut, wie er sich bei dem Tod seiner Mutter gefühlt hatte und dass die Worte seiner Mitmenschen seinen Schmerz nicht hatten mildern können. Deshalb schwieg er.

Er wartete mit ihr, bis ihr Flug aufgerufen wurde. Dann verabschiedete er sich schnell und wünschte ihr Glück. Als er ihr nachsah, wie sie anmutig den Gang hinunterging, stieg ein Gefühl der Angst in ihm auf. Was erwartete sie in Ann Arbor, und wann würde sie zurückkommen?

Irgendwann war aus Spiel Ernst geworden. Taylor Phillips war nicht mehr nur eine Herausforderung für ihn, die er erobern wollte – nein, er hatte begonnen, echte Gefühle für sie zu entwickeln.

Abrupt drehte er sich um und eilte zu seiner Cessna zurück.

Wie hatte er es nur so weit kommen lassen können?

2. KAPITEL

John Phillips saß vor der Tür zur Intensivstation und bemerkte seine Tochter nicht sofort. Er ließ müde den Kopf hängen, und tiefe Falten hatten sich in sein besorgtes Gesicht gegraben.

„Dad!“ Taylor rannte auf ihren Vater zu und nahm ihn fest in den Arm. „Es wird alles gut werden, Dad. Ich habe eine Entscheidung getroffen.“

John sah sie überrascht an, und Taylor sah ihm direkt in die traurigen dunklen Augen. „Ich werde Mom eine meiner Nieren spenden.“ Er schüttelte den Kopf, doch Taylor legte beharrlich die Hände auf seine Schultern. „Es hat keinen Sinn, mit mir darüber zu streiten. Kannst du ihren Arzt rufen, während ich nach Mom sehe? Lass ihn notfalls anpiepsen.“ Sie sah sich um und fragte: „Wo ist Michael?“

„Dein Bruder ist in der Kapelle.“ Er starrte auf den gefliesten Boden. „Liebes …“

„Bitte, Dad. Hol den Arzt. Wir dürfen jetzt keine Zeit verlieren.“ Sie küsste ihn auf die Wange und stand auf. Die Türen zur Intensivstation schwangen auf, und Taylor eilte zum Empfang.

„Ich möchte zu Angela Phillips – ich bin ihre Tochter.“

„Zimmer sechs auf der rechten Seite – aber Sie können nur ein paar Minuten bleiben.“

„Danke.“ Taylor ging rasch zum Krankenzimmer, in dem ihre Mutter lag, und blieb wie angewurzelt in der Schwelle stehen. Ein Gewirr von Schläuchen und Kabeln verband Angela mit Infusionen und Überwachungsgeräten. Taylor hatte das schon oft gesehen, doch hatte es sich nie um ihre Mutter gehandelt – ausgenommen das eine Mal nach ihrem Autounfall vor vielen Jahren. Auch damals hatte ihre Mutter schwach und zerbrechlich ausgesehen, doch sie hatte sich wieder in die energische, kraftvolle Frau verwandelt, die Taylor kannte.

„Taylor!“ Angela streckte eine zitternde Hand nach ihr aus. „Ich bin ja so froh, dass du es noch geschafft hast …“

Rechtzeitig geschafft hast, dachte Taylor. „Mom, du musst jetzt ganz stark sein.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Du wirst eine neue Niere bekommen. Alles wird wieder gut.“

Angela schloss die Augen und lächelte leicht. „Ich kann nicht zulassen, dass du so etwas tust.“

„Wer sagt denn, dass ich der Spender bin?“

Angela machte die Augen halb auf und warf Taylor einen wissenden Blick zu.

„Na schön. Aber ich werde es trotzdem tun, egal, was ihr sagt.“ Taylor las die Werte auf dem Monitor ab. Die mussten erst noch besser werden, bevor operiert wurde, doch ihre Mutter war eine Kämpferin. Sie musste es einfach schaffen!

Taylor konnte sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Sie hatten sich immer nahe gestanden, auch wenn sie durch Hunderte von Meilen getrennt waren. Jeden Sonntagabend schwatzten sie ausgiebig am Telefon und schrieben sich außerdem lange Briefe. Es gab nichts, worüber sie nicht reden konnten.

„Taylor?“, flüsterte ihre Mutter.

Taylor beugte sich vor und küsste ihre Mutter auf die mit winzigen Schweißperlen bedeckte Stirn. „Ich bin hier, Mama.“

„Du musst etwas für mich tun …“

„Alles, was du willst, Mama.“ Sie musste hart schlucken, um nicht zu weinen. Noch nie hatte sie ihre Mutter so krank gesehen, nicht einmal nach dem Unfall.

Angela presste Taylors Hand, und Tränen rannen über ihre Wangen. „Bitte, hasse mich nicht dafür …“

„Red keinen Quatsch“, wehrte Taylor ab. „Ich könnte dich nie hassen. Du weißt doch, wie lieb ich dich habe.“

Angela nickte kaum merklich. „Du musst auf dem Dachboden etwas für mich suchen … Aber zeig es um Himmels willen nie deinem Vater …“

Taylor sah sich nervös um, doch ihr Vater war ihr nicht gefolgt. Wovon um alles in der Welt redete ihre Mutter? Fantasierte sie?

„Unter dem alten Sofa … sind zwei lose Bretter … zwei Tagebücher, die ich vor Langem geschrieben habe“, brachte Angela mühsam und kaum hörbar hervor. „Niemand darf sie sehen!“ Sie öffnete langsam die Augen und sah ihre Tochter flehend an. „Hörst du?“

Was hatte das zu bedeuten? Ihre Eltern hatten nie Geheimnisse voreinander, da war sich Taylor ganz sicher. Sie behandelten einander stets mit Respekt und großer Zärtlichkeit und führten offensichtlich eine gute Ehe. Vielleicht war ihre Mutter etwas verwirrt durch die starken Medikamente, die man ihr gab.

„Taylor? Kannst du sie für mich holen?“

Sie küsste ihre Mutter auf die Wange. „Ja, Mom. Ruh dich jetzt ein bisschen aus, okay? Ich komme später wieder.“

Angela schloss die Augen und schien sofort eingeschlafen zu sein. Taylor überprüfte noch einmal die Monitore, doch die Werte hatten sich nicht verändert. Sie legte ganz vorsichtig den Kopf an die Stirn ihrer Mutter und flüsterte: „Gib nicht auf, Mom. Ich liebe dich so sehr.“

„Ich liebe dich auch“, flüsterte Angela, doch sie schaffte es nicht, die Augen noch einmal zu öffnen.

Taylor sah noch einmal zurück und schlich leise aus dem Zimmer.

Draußen warteten Michael und ihr Vater. Michael nahm sie schweigend in die Arme, und John fragte: „Wie geht es ihr? Ist sie … sie ist doch nicht …?“

„Nein, Dad. Sie schläft. Hast du den Arzt erreicht?“

Er nickte und nahm ihre Hand. „Ich habe ihm ausgerichtet, was du gesagt hast.“ Seine Augen füllten sich mit Tränen. „Er meinte, deine Mutter sei zu schwach für eine Transplantation. Es tut mir so leid, Liebes. Es ist einfach zu spät.“

„Nein!“ Taylor ließ ihn los und sah ihn wütend an. „So etwas darfst du nicht sagen! Mom ist eine Kämpferin. Sie wird sich erholen, und dann machen wir die Operation.“ Sie senkte die Stimme. „Du darfst jetzt nicht aufgeben, Dad! Mom wird dir das anmerken.“

John seufzte. „Du hast recht. Ich werde kurz hineingehen und ihr eine gute Nacht wünschen. Die Ärzte meinen, wir sollen nach Hause gehen und sie sich ausruhen lassen. Sie haben mir versprochen, sofort anzurufen, falls eine Änderung eintritt.“ Er machte ein paar zögerliche Schritte auf die Tür zu, doch dann straffte er seine Schultern, um seiner Frau eine gute Nacht zu wünschen – der Frau, mit der er nicht nur seit fast dreißig Jahren verheiratet war, sondern die auch stets seine beste Freundin gewesen war.

„Wo ist dein Gepäck?“, fragte Michael.

Taylor starrte ihrem Vater nach. Sie traute sich nicht, ihrem Bruder in die Augen zu sehen. Vielleicht konnte sie ja ihrem Vater etwas vormachen, aber bei ihrem Bruder hatte das noch nie funktioniert. Er war erst zwanzig, fünf Jahre jünger als sie, doch er durchschaute sie immer. „Das steht im ersten Stock beim Informationsschalter, aber …“

„Wenn du nicht gehst, wird Dad es auch nicht tun. So langsam mache ich mir ernsthaft Sorgen um ihn. Ich weiß nicht, wann er das letzte Mal geschlafen hat.“

„Du hast recht, Michael.“ Und da war ja auch noch die Bitte ihrer Mutter. Gab es wirklich etwas unter den Balken auf dem Dachboden?

Autor

Anne Eames
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