Nimm mich mit ins Paradies

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NIMM MICH MIT INS PARADIES von JANIS REAMS HUDSON

Gegensätze ziehen sich an? Von wegen. Vom ersten Moment an findet die junge Buchhalterin Anna den lebenslustigen Rock’n Roll-Songwriter Gavin Marshall zwar cool, aber auch verstörend. Leider hat ihr Bruder ihm erlaubt, in ihrem Haus zu wohnen, und so vergeht kein Tag, an dem Gavin sie mit seinem verführerischen Charme nicht gründlich verwirrt. Anna muss stark bleiben, denn der Motorradfreak scheint kaum besser als ihr unzuverlässiger Bruder zu sein. Gavin gibt erschreckend wenig auf Konventionen! Aber da ist sein freches Lachen, das sie glatt zum Träumen bringt. Von einer unmöglichen Zukunft mit ihm, die sexy, sinnlich und voller Liebe sein könnte …


  • Erscheinungstag 04.06.2024
  • ISBN / Artikelnummer 9783751524216
  • Seitenanzahl 192
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Es war eine typisch arbeitsreiche Woche gewesen, die mit einem typisch hektischen Freitag geendet hatte. Alles deutete darauf hin, dass es ein typisch ruhiges Wochenende in Oklahoma Citys typisch friedlichem Vorort Warr Acres werden würde.

Bis sie nach Hause kam.

Am Freitagabend hielt Anna Collins in ihrer Einfahrt. Bei laufendem Motor stieg sie aus und ging langsam zum Briefkasten an der Veranda. Sie wollte rennen, aber das hätte nicht zu ihr gepasst.

Sei da, sei da, bat sie stumm.

Mit zitternder Hand griff sie hinein. Sie ertastete die Umschläge und zog sie heraus. Eine Rechnung von Oklahoma Gas and Electric. Ein Gutschein für einen preisgünstigen Auspuff. Ein langer brauner Umschlag von …

Es ist gekommen! Es ist gekommen! jubelte sie in Gedanken.

Nach einem Blick über die Schulter, um sicher zu sein, dass niemand sie beobachtete, presste sie den Umschlag von der University of Central Oklahoma an sich und seufzte. Endlich. Ihr Antrag auf Zulassung zum Studium.

Jetzt brauchte sie nur noch den Fragebogen auszufüllen und ihn zusammen mit dem Abschlusszeugnis der Highschool und den Ergebnissen des Collegeeignungstests abzuschicken und zu warten, ob sie angenommen worden war. Das dürfte kein Problem sein. Dann würde sie sich einschreiben und mit den Kursen beginnen.

Endlich. Anna Lee Collins ging aufs College.

Seit der Kindheit hatte sie davon geträumt. Träume waren etwas, das Anna Collins sich normalerweise nicht gestattete, aber dieser war einfach nicht zu unterdrücken gewesen. Und fast genauso unmöglich zu verwirklichen. Sie war dreißig und bewarb sich erst jetzt um einen Studienplatz. So lange hatte es gedauert, die Schulden ihrer Eltern abzuzahlen, ihr Leben in den Griff zu kriegen, das ihres Bruders und ihre eigenen Finanzen.

Aber jetzt hatte sie das Geld. Endlich war es soweit. Obwohl sie tagsüber arbeiten und abends studieren würde, freute sie sich riesig. Der ersehnte Abschluss in Buchhaltung war zum Greifen nah.

College! Ich gehe aufs College! freute sie sich.

Anna wirbelte herum und hätte am liebsten einen Luftsprung gemacht, doch sie zwang sich, ruhig zur Einfahrt zu gehen. Sie schloss die Garage auf. Knarrend glitt das alte hölzerne Tor nach oben, und Anna stöhnte auf, als sie sah, was dahinter stand.

Das Motorrad ihres Bruders.

„Oh nein“, entfuhr es ihr. Sie liebte Ben. Wirklich, das tat sie. Aber …

Aber nichts. Dass er wieder einmal unangekündigt heimgekommen war, hieß nicht, dass er hier war, weil er Geld brauchte. Oder doch?

Wenn ja, was sollte sie tun? Sie musste sparen und hatte keinen Penny übrig. Aber sie hatte Ben noch nie abgewiesen. Wäre es fair, jetzt damit zu beginnen, ohne Vorwarnung?

Anna knabberte an ihrer Unterlippe. Als es ihr bewusst wurde, hörte sie auf und schloss das Tor. Für das Motorrad und ihren achtzehn Jahre alten Chevy war nicht genug Platz in der Garage.

Sie stellte den Motor ab, nahm ihre Tasche und ging zur Haustür, den Brief von der Universität in der Hand. Leise ging sie hinein, denn vielleicht schlief Ben. Falls er wie sonst die ganze Nacht hindurchgefahren war, lag er auf der Couch oder seinem Bett, das Gesicht nach unten und für mindestens achtzehn Stunden außer Gefecht.

Sie behielt recht. Da lag er, auf der Couch im Wohnzimmer, und trug nichts als schäbige Jeans. Ein weißes T-Shirt hing über der Reisetasche an der Wand. Daneben standen braune Lederstiefel, ein kleiner schwarzer Kulturbeutel, ein grellgelber Motorradhelm und … eine Gitarre? Seit wann spielte Ben Gitarre?

Kopfschüttelnd schloss Anna die Haustür. Woher mochte er diesmal gekommen sein. Die helleren Streifen in seinem blonden Haar und der gebräunte Rücken ließen vermuten, dass er am Strand gewesen war. Aber an welchem? Ostküste, Westküste oder am Golf? Und so muskulös war er bei seinem letzten Besuch auch nicht gewesen.

„Ben?“

Keine Antwort.

Anna zuckte mit den Schultern. Sie müsste sich längst daran gewöhnt haben, dass er von Zeit zu Zeit auftauchte. Ohne Vorankündigung. Immer wenn er pleite war. Er war vierundzwanzig. Wann würde er sich irgendwo niederlassen, einen festen Job finden, erwachsen werden?

Stirnrunzelnd ging sie ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Hoffentlich brauchte er diesmal kein Geld. Nach dem letzten Mal, der Sache mit dem Hunderennen, hatte er versprochen, nie wieder zu spielen oder zu wetten. Das war jetzt über ein Jahr her, und bisher hatte er Wort gehalten. Vielleicht hatte ihre Mühe sich ja doch gelohnt, und er würde nicht so enden wie Daddy.

Anna steckte den Umschlag in die Handtasche und legte sie auf die Kommode. Sie zog den Rock und die Jacke aus grauem Leinen aus, hängte sie auf Kleiderbügel und streifte sich die weiße Bluse ab. Danach schlüpfte sie in Jeans, Socken und bequeme Schuhe und schlich in die Küche. Nach einem Salat und einer gebackenen Kartoffel aus der Mikrowelle hatte sie es geschafft, sich um Ben keine Sorgen mehr zu machen. Dazu war es noch früh genug, wenn er ihr beichtete, warum er hier war.

Sie räumte die Küche auf, setzte sich an den kleinen Schreibtisch im Arbeitszimmer und füllte den Antrag aus. Dabei musste sie dreimal tief durchatmen, weil ihre Hand so sehr zitterte. Sie wollte nichts falsch machen. Nicht jetzt, da sie so kurz davor war, ihren Traum zu verwirklichen.

Sie ließ Ben bis zum nächsten Morgen schlafen. Erst dann beugte sie sich über ihn und berührte seine Schulter. „Du hast ewig lange geschlafen. Steh auf, und ich mache dir Frühstück.“

Er stöhnte auf und streckte sich, das Gesicht noch immer im Kissen vergraben. „Du bist eine Heilige, Mom.“

Mom?

Dann drehte er sich um, lächelte und schlug langsam die Augen auf.

Es war schwer zu sagen, wer verblüffter war. Anna oder der Mann auf ihrer Couch. Der Mann, den sie noch nie zuvor gesehen hatte.

Mit einem Aufschrei wich sie zurück, stolperte über den flachen Tisch und landete auf dem Po.

Der Fremde sprang auf und streckte die Arme nach ihr aus. „Sind Sie okay?“

Als sie ihn auf sich zukommen sah, schrie Anna erneut auf und stemmte sich mit den Füßen gegen den Couchtisch. Die Kante der Glasplatte traf ihn an den Schienbeinen, und er stieß einen Schmerzenslaut aus.

Würde sie versuchen, durch die Haustür zu flüchten, könnte er sie packen. Die Hintertür führte in die Garage, und dort wäre sie gefangen, weil das Tor sich nicht von innen öffnen ließ. Die Seitentür klemmte, und die große war viel zu schwerfällig.

Vorausgesetzt, ihre Beine würden sie überhaupt weit genug tragen. Das war unwahrscheinlich, denn sie fühlten sich an wie gekochte Spaghetti.

Blieb nur das Telefon. Sie musste ans Telefon.

„Fassen Sie mich nicht an“, sagte sie, bevor die Panik sie lähmte.

„Okay“, erwiderte er atemlos und ließ sich wieder auf die Couch fallen. „Okay. Tut mir leid. Ich wollte Sie nicht erschrecken. Verdammt“, murmelte er. „Das hat weh getan.“

Ihr war egal, ob sie ihm beide Beine gebrochen hatte. Sie kam mühsam hoch und eilte an den Apparat neben dem Küchenschrank. Sie riss den Hörer von der Gabel und hatte den Zeigefinger schon auf der ersten Taste …

„Das brauchen Sie nicht zu tun“, sagte der Fremde hastig. „Mein Name ist Gavin Marshall.“

Sie verfehlte die zweite Taste, traf die falsche und musste von vorn anfangen.

„Ich bin ein Freund Ihres Bruders.“

Endlich begriff sie, was der Mann gesagt hatte. Ben? Er hatte etwas mit Ben zu tun? Aber es war zu spät. Sie hatte die Nummer bereits gedrückt.

Sie starrte den Eindringling an. Offenbar hatte er es nicht auf sie abgesehen. Er saß noch immer auf der Couch.

Mit klopfendem Herzen unterbrach sie die Verbindung, bevor die Notrufzentrale sich meldete. „Woher soll ich wissen, dass Sie wirklich Bens Freund sind?“

Der Mann zog seine Brieftasche heraus und warf sie ihr zu. Sie landete vor ihren Füßen. „Schätze, falls er nie von mir gesprochen hat, kann ich es nicht beweisen. Aber wenigstens kann ich mich ausweisen.“

Anna klappte die Brieftasche auf. Kalifornischer Führerschein, ein halbes Dutzend Gold- und Platinkreditkarten und eine Art Gewerkschaftsausweis. Auf allen stand sein Name. Gavin Marshall aus Santa Monica, Kalifornien.

Sie verglich das Foto auf dem Führerschein mit dem Fremden vor ihr. Es ist nicht fair, dachte sie, dass ein so gut aussehender Mann ein so gutes Foto im Führerschein hat. Es wirkte wie ein Studioporträt. Das Licht betonte die markanten Gesichtszüge, das dunkle Haar, die auffallend blauen Augen, den atemberaubenden Mund. Auf dem Foto lächelte er. Wenn er sie, Anna, jemals so anlächelte …

„Wo ist Ben?“, fragte sie, um sich nicht in ihren Fantasien zu verlieren.

„Keine Ahnung“, erwiderte Marshall. „Wenn er nicht schon hier war und wieder gegangen ist, müsste er jeden Moment auftauchen.“

„Sie meinen, er ist nicht mit Ihnen gekommen?“

„Nein.“

„Nein, was?“, fuhr sie ihn an. „Nein, das meinen Sie nicht, oder nein, er ist nicht mit Ihnen hier?“

„Nein, er ist nicht mit mir hier.“

„Wieso fahren Sie dann sein Motorrad? Was tun Sie in meinem Haus? Wie sind Sie überhaupt hereingekommen?“

„Ben hat mir seine Schlüssel gegeben.“

Anna blinzelte. „Ben überlässt niemandem sein Motorrad. Niemals.“

„Das dachte ich auch. Aber er wollte meinen Wagen fahren, also hat er mir seine Schlüssel gegeben. Wir sind hier verabredet.“

„Hier? Sind Sie den weiten Weg aus Kalifornien hergekommen, um sein Motorrad gegen Ihren Wagen zu tauschen?“

„Ja, Ma’am.“

Nun ja, Ben war so etwas zuzutrauen. Als sie darüber nachdachte, kam ihr der Name Gavin plötzlich bekannt vorher. Sie wusste nicht genau, woher, aber es hatte, mit etwas zu tun, das Ben ihr erzählt hatte. Etwas, das sich ganz vernünftig angehört hatte.

Der Mann musste ein echter Freund von Ben sein, keine von den zwielichtigen Gestalten, mit denen ihr Bruder wettete und spielte.

Vor Erleichterung wurden ihr die Knie weich. Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich. „Sie haben mich ganz schön erschreckt. Das kostet mich mindestens zehn Jahre meines Lebens.“

„Tut mir leid“, sagte er. „Ich wollte nicht einschlafen, sondern mich nur eine Weile hinlegen …“ Er bückte sich und nahm das T-Shirt von der Tasche. Als er den Kopf hindurchsteckte, sah er sich um und runzelte die Stirn. „Ist heute wirklich schon Samstag?“

„Sicher“, fauchte sie. Ihre Angst hatte sich gelegt, Zorn und Verwirrung gewannen die Oberhand. Dass dieser Mann ihr Todesangst eingejagt hatte, machte sie fuchsteufelswild.

„Und als Ben nicht hier war, haben Sie einfach mein Haus betreten, ja? Ich finde das … unverschämt.“

„Sie haben recht.“ Er lächelte verlegen. „Das hätte ich nicht tun sollen.“

„Es war unverfroren.“

„Ja, Ma’am. Und es war frech und unhöflich, Sie so zu erschrecken. Es tut mir leid. Ich kam mittags hier an und wollte nicht zu lange auf der Veranda herumhängen. Vielleicht hätten die Nachbarn die Polizei gerufen.“

Es tat ihm wirklich leid. Aber sie war nicht ganz schuldlos. Gavin wusste, dass Anna Collins ihrem Bruder immer half, wenn er in Schwierigkeiten steckte. Er konnte sich jedes Mal auf sie verlassen und war daher nie richtig erwachsen geworden.

Sie wich seinem Blick nicht aus. In ihren großen grauen Augen lag noch ein Rest von Angst. Irgendwie bewunderte Gavin diese Frau. Sie hatte Mut, das musste man ihr lassen. Zumal sie nur halb so groß war wie er.

„Sie haben recht“, sagte sie. „Vermutlich hätten meine Nachbarn die Polizei gerufen.“

„Sieht aus, als würde ich doch noch mit ihnen reden müssen.“

„Mit meinen Nachbarn?“

„Polizei.“

„Wieso?“ Sie blinzelte wie ein Eulenbaby.

„Sie haben den Notruf gewählt, oder?“

„Ich habe aufgelegt, bevor sich jemand meldete.“

Gavin schüttelte den Kopf. „Das ist egal. Sobald Sie alle drei Ziffern wählen, weiß die Polizei, wer angerufen hat. Meistens schicken sie einen Streifenwagen hin, um sicher zu sein, dass alles in Ordnung ist.“

Großartig, dachte Anna. Das hatte ihr noch gefehlt. Die Polizei. Ihre Nachbarn würden begeistert sein.

Es war gerade erst neun Uhr morgens, und sie war erschöpft. Obwohl es ihr schwerfiel, stand sie auf und schob den Stuhl unter den Esstisch. „Wann wollte Ben denn hier sein?“

Gavin erhob sich ebenfalls. „Wenn er direkt hergefahren wäre, hätte er am Donnerstagabend oder Freitagmorgen hier sein müssen. Darf ich Ihr Badezimmer benutzen?“

Sie nickte. „Durch die Tür dort und dann nach links.“

Nachdenklich sah sie ihm nach.

„Wie haben Sie das gemeint?“, fragte sie, als er zurückkam. „Wenn er direkt hergefahren wäre … Ich dachte, es wäre alles abgesprochen. Hat er Ihnen nicht gesagt, wann er sich mit Ihnen treffen will?“

Oh je, dachte Gavin und rieb sich die Nase. „Nicht so richtig.“ Er wollte sie nicht anlügen, aber die Wahrheit würde ihr nicht gefallen.

Er fand es hinreißend, wie sie eine Augenbraue hochzog. „Nicht so richtig was?“, fragte sie scharf.

„Es war nicht so richtig abgesprochen“, gab er zu.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich glaube, Sie sollten mir jetzt besser erklären, was los ist, Mr Marshall. Vielleicht hätte ich doch nicht auflegen sollen.“

„Nennen Sie mich Gavin, und nein, Sie konnten ruhig auflegen. Wenn ich meinen Wagen von Ben zurückbekomme, gibt es keinen Grund, die Polizei damit zu befassen.“

„Was?“, rief sie. „Was sagen Sie da?“

Gavin hätte sich treten können. Warum hatte er das gesagt? Aber er war verdammt wütend auf Ben Collins. Diesmal war der Knabe zu weit gegangen, und jemand musste ihm eine Lektion erteilen, bevor er echte Probleme bekam. Ben erinnerte ihn an Danny, und Gavin wollte nicht, dass Ben so endete wie Danny.

„Ich sage, dass ich hier bin, um mit Ben das Fahrzeug zu tauschen. Das ist wahr. Aber der ursprüngliche Tausch … als er sich meinen Wagen auslieh und mir seine Harley zurückließ … geschah ohne mein Wissen oder Einverständnis.“

Anna umklammerte die Stuhllehne. Gavin Marschall mochte auslieh gesagt haben, aber Anna hörte heraus, was er meinte. Sie zwang sich ruhiger zu atmen. „Kommen Sie“, forderte sie ihn auf. „Erzählen Sie mir endlich, was wirklich geschehen ist.“

„Warum setzen wir uns nicht wieder hin?“

„Warum erzählen Sie mir nicht, was Sie mir verschweigen wollten?“

Gavin hatte das Gefühl, auf Zehenspitzen durch ein Minenfeld zu schleichen, aber es ließ sich nicht ändern. Er wollte nicht riskieren, dass Ben ihr ein Märchen auftischte, an ihr Mitleid appellierte und ihr wieder einmal Geld abknöpfte. Diesmal würde Ben seine Probleme allein lösen.

Gavin zog den Stuhl am anderen Ende des Tisches heraus und wartete.

Nach kurzem Zögern nahm Anna Platz. „Okay, ich sitze.“

Gavin setzte sich ebenfalls und sah sie an. „Erstens müssen Sie wissen, dass ich nicht gelogen habe. Ben und ich sind Freunde. Gute Freunde.“

„Aber?“

„Aber diesmal ist er zu weit gegangen. Er hätte meinen Wagen nicht nehmen dürfen.“

Anna senkte den Blick. „Vorhin sagten Sie, er hätte ihn ausgeliehen, jetzt hat er ihn plötzlich genommen.“

„Er hat mich nicht gefragt, Anna“, erklärte Gavin behutsam. „Er wusste, dass ich Nein gesagt hätte.“

Sie hob den Kopf. „Ein guter Freund, ja? Und Sie hätten ihm Ihren Wagen nicht geliehen?“

„Meine 57er-Corvette?“, entgegnete er empört. „Niemals. An das Steuer meiner Corvette würde ich nicht einmal meine Mutter lassen. Und Ben weiß das.“

Anna kannte sich mit Autos nicht aus, doch sie wusste, dass eine Corvette Baujahr 1957 als Klassiker galt. Und sie wusste auch, dass Männer sehr empfindlich waren, wenn es um ihre Spielzeuge ging.

Ben, Ben, was hast du getan? haderte sie stumm mit ihm.

Ihr Bruder hatte versprochen, vorsichtiger zu sein. Er würde kein Verbrechen begehen. Er würde nie ein Auto stehlen.

„Ben ist kein Dieb“, sagte sie mit zitternder Stimme.

Gavin zuckte zusammen. Ihr schmerzlicher und flehender Blick ging ihm ans Herz. Aber er durfte nicht weich werden, denn irgendwann würde Ben bitter dafür bezahlen, wenn er auch diesmal wieder ungestraft davonkam.

„Er hat meine Schlüssel vom Tresen genommen, als ich nicht hinsah, und dann die Stadt verlassen. Meinem Anrufbeantworter hat er erzählt, dass er los ist, um das Geld aufzutreiben, das er mir schuldet.“

Anna schloss die Augen. Sie schluckte schwer. „Was …“ Sie musste erneut schlucken. „Was wollen Sie von mir? Ich … habe nicht viel Geld.“

„Ich will Ihren Bruder.“

„Aber Sie sehen doch, dass er nicht hier ist.“ Da war er wieder, der Schmerz. Und das Flehen.

„Noch nicht. Aber er wird kommen.“

„Woher wissen Sie das?“

„Er kommt immer her, wenn er in Schwierigkeiten steckt, oder?“

Ihre Augen wurden groß. „Woher …“

„Von Ben. Er spricht mit seinen Freunden über Sie.“

„Er ist kein Dieb. Bestimmt nicht.“

In Gavins Ohren klang das, als ob sie eher sich selbst als ihn überzeugen wollte. Er wusste, dass Ben Collins kein Dieb war. Ben war einfach nur unreif und verantwortungslos. Gavin war zwar stinksauer auf ihn, aber er konnte noch immer nicht glauben, dass Ben bösartig oder kriminell war.

Nein, das mit dem Wagen war ein Streich. Ben spielte seinen Mitmenschen gern Streiche. Manchmal auch üble. Gavin war fest entschlossen, dem Knaben eine Lektion zu erteilen, bevor er dem Falschen einen Streich spielte.

„Vor ein paar Monaten hat er sich von mir Geld geliehen und es nicht zum versprochenen Zeitpunkt zurückgezahlt. Vor zwei Tagen hat er meinen Wagen aus der Einfahrt gestohlen und ist spurlos verschwunden. Wie würden Sie das nennen?“

Die Frau starrte ihn an wie ein Hase, der ins Scheinwerferlicht eines Wagens geraten war. „Ein Mißverständnis?“

„Guter Versuch, aber nein.“

„Ein … ein Streich?“

Also kannte sie ihren Bruder doch ein wenig. „Ein verdammt teurer Streich, finden Sie nicht auch?“

„Sie haben sein Motorrad. Das war nicht gerade billig.“

„Sie müssen es wissen. Ich wette, Sie haben es bezahlt. Aber eine 57er-Corvette ist auch nicht billig.“

„Wie wertvoll kann ein über vierzig Jahre alter Wagen schon sein, verglichen mit Bens Motorrad?“, fragte sie.

Gavin wusste, dass ihm der Unterkiefer heruntergeklappt war, aber irgendwie bekam er den Mund nicht wieder zu. Dann brach er in Gelächter aus. „Das war gut“, prustete er.

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Aber da es bei dieser Sache um meinen Bruder geht und er offensichtlich nicht hier ist, schlage ich vor, Sie beseitigen das Chaos, das Sie in meinem Wohnzimmer angerichtet haben, und verlassen mein Haus.“

Verwirrt sah Gavin sich um. Chaos? Welches Chaos? Er schüttelte den Kopf. „Ich enttäusche Sie nur ungern, aber ich muss bleiben, bis Ben auftaucht.“

Anna stand auf. „Sie brauchen nicht hier auf ihn zu warten. Ich bin ziemlich sicher, dass es auch in Santa Monica Telefone gibt.“

„Die gibt es. Aber Ihr kleiner Bruder hat kapiert, dass er diesmal bis zum Hals in Schwierigkeiten steckt. Und wenn ich eins über Ben Collins weiß, dann ist es, dass er zu seiner großen Schwester flüchtet, wenn er Probleme hat. Tut mir leid, Anna, aber Sie werden mich ertragen müssen, bis er erscheint.“

„Das kann nicht Ihr Ernst sein!“, protestierte sie.

„Mir bleibt keine andere Wahl.“

Sie schnappte nach Luft wie ein Fisch an Land. „Sie können nicht in meinem Haus bleiben.“

„Ich muss“, antwortete er. „Ich verspreche, ich werde Ihnen keinerlei Umstände bereiten. Sie werden gar nicht merken, dass ich hier bin.“

„Soll das ein Scherz sein? Ich finde das nicht lustig, aber es kann nur ein Scherz sein“, sagte sie fassungslos.

„Wenn es ein Scherz ist, würde ich gern die Pointe kennen“, erwiderte er gereizt.

„Das … darf … nicht … wahr sein“, stammelte sie.

„Es tut mir leid, Anna, aber ich muss hier sein, wenn Ben auftaucht.“

„Hier können Sie nicht bleiben“, wiederholte sie.

Okay, dachte er und biss die Zähne zusammen. Er hatte versucht, vernünftig zu sein, aber sie sah es nicht ein. Es war Zeit, die Samthandschuhe auszuziehen. „Da ich mindestens fünfundsiebzig Pfund schwerer als Sie bin, werden Sie mich wohl kaum daran hindern können. Ich werde erst verschwinden, wenn ich weiß, wo mein Wagen ist und dass ich ihn zurückbekomme.“

Sie straffte die Schultern. „Das wird sich zeigen.“ Sie drehte sich um und marschierte zum Telefon.

„Sie haben die Polizei schon einmal angerufen.“

„Diesmal werde ich nicht auflegen.“

Die harte Tour zieht auch nicht, dachte Gavin. Anna Collins war kein Feigling. Also würde er bluffen müssen. „Ich habe noch keine Anzeige erstattet. Wollen Sie, dass ich das tue?“

Sie wirbelte herum. „Woher weiß ich, dass Sie sich diese verrückte Geschichte nicht ausgedacht haben? Vielleicht haben Sie Ben ermordet und sein Motorrad gestohlen? Vielleicht wollen Sie mich auch noch umbringen?“

„Das tue ich gleich, wenn Sie nicht aufhören, meine Maschine als Motorrad zu bezeichnen, als wäre sie ein Rasenmäher mit zehn PS. Meine Maschine ist eine Harley-Davidson, kein gewöhnliches Motorrad. Und ich habe Ihren Bruder nicht ermordet. Noch nicht …“

„Das soll ich einem Wildfremden glauben, der in mein Haus eingebrochen ist?“

„Ich bin nicht eingebrochen“, erwiderte er verärgert. „Ich habe Bens Schlüssel.“

Sie zog die Augenbrauen zusammen. „Er hat seine Schlüssel bei Ihnen gelassen. Für mich hört sich das nach einem Tausch an, nicht nach Autodiebstahl.“

„Für ihn auch, aber ich war nie damit einverstanden. Er macht eine Spritztour in einem sehr teuren Wagen, der ihm nicht gehört, und wenn er mir eine Beule hineinfährt, drehe ich ihm den Hals um.“

„Wegen eines alten Wagens regen Sie sich so auf?“, rief sie entrüstet.

„Eine 57er-Corvette in tadellosem Zustand ist kein alter Wagen!“

„Haben Sie schon mal daran gedacht, eine Therapie zu machen?“, fragte sie. „Ich finde Ihr Verhältnis zu Kraftfahrzeugen irgendwie ungesund.“

Er musste aufhören, die Zähne zusammenzubeißen, sonst hatte er bald keine mehr. „Es geht nicht nur um den Wagen, sondern auch um die Sachen auf dem Rücksitz.“

Sie stemmte die Hände in die Taille.

Hübsche Taille, dachte er.

„Was für Sachen?“

„Das geht Sie nichts an.“

„Das sehe ich anders. Sie beschuldigen meinen Bruder eines Verbrechens, Sie dringen ungebeten in mein Haus …“

„Dafür habe ich mich schon mehrfach entschuldigt“, unterbrach er sie.

„Sie können im Hotel wohnen. Ich rufe Sie an, wenn Ben kommt.“

Gavin schüttelte den Kopf. „Anna, das kann ich nicht. Wenn ich nicht hier bin, werden Sie ihm sagen, dass ich in der Stadt bin, und dann verschwindet er wieder. Oder Sie geben ihm das Geld, damit er seine Schulden bei mir bezahlt. Ich will nicht, dass Sie ihm auch diesmal aus der Patsche helfen. Er ist alt genug, um die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Er kann sich nicht ewig auf Ihre Hilfe verlassen.“

Anna wollte widersprechen, schloss den Mund jedoch sofort wieder. Es hatte recht, auch wenn es wehtat.

Vor dem Haus wurden Wagentüren zugeworfen. Sie warf einen Blick durchs Fenster und erstarrte. Die Polizei!

Was sollte sie tun? Die Wahrheit sagen und Ben in Schwierigkeiten bringen oder so tun, als wäre alles in Ordnung?

Aber sie durfte kein Risiko eingehen. Konnte sie sicher sein, dass Gavin Marshall kein Serienmörder auf Betriebsausflug war?

Doch ihr Beschützerinstinkt war stärker als ihre Angst. Sie durfte ihren Bruder nicht der Polizei ausliefern. Außerdem war da noch die innere Stimme, die ihr zuflüsterte, dass Gavin Marshall die Wahrheit sagte und ihr nichts tun würde.

Durfte sie der Stimme trauen?

Vage erinnerte sie sich daran, dass Ben ihr einmal erzählt hatte, welch guten Einfluss sein Freund Gavin auf ihn hatte, wie sehr er den Mann bewunderte und wie wichtig ihm dessen Hilfe war.

Das klang nicht nach jemanden, der hergekommen war, um ihr etwas anzutun, oder?

Bevor sie sich entscheiden konnte, betraten zwei Polizisten die Veranda und läuteten an der Tür.

2. KAPITEL

Als die Türglocke verklang, warf Gavin Anna einen durchdringenden Blick zu. „Zwingen Sie mich nicht, etwas zu tun, was ich nicht will, Anna. Ich möchte Ben nicht ans Messer liefern, aber ich werde mich auch nicht festnehmen lassen.“

Als Anna ihn nur ratlos anstarrte, ging er an ihr vorbei und öffnete die Haustür. Verlegen lächelte er die Polizisten an. „Ich habe ihr gesagt, dass sie zu spät aufgelegt hat und Sie trotzdem kommen würden.“

„Gibt es ein Problem?“, fragte einer der Uniformierten.

Anna stellte sich neben Gavin.

„Ms Collins.“

„Officer Wilkins“, grüßte sie zurück.

„Oho.“ Gavin lachte. „Sie kennen sich, was?“

Anna ignorierte ihn.

„Und Sie sind?“, fragte Officer Wilkins.

Gavin streckte die Hand aus. „Gavin Marshall. Es war meine Schuld, dass Anna den Notruf gewählt hat.“

„Wie das?“

Gavin schaffte es, noch verlegener dreinzublicken. „Ihr Bruder und ich haben die Fahrzeuge getauscht, und ich bin hier mit ihm verabredet. Da ich Bens Schlüssel habe, bin ich einfach ins Haus gegangen. Als Anna kam, hielt sie mich für einen Einbrecher. Bevor ich alles erklären konnte, hatte sie schon gewählt.“

Der Polizist spitzte die Lippen und sah Anna an. „Stimmt das?“

Das musste sie Gavin lassen, er hatte die Wahrheit gesagt. Und er hatte den Beamten seinen Namen genannt. Das konnte nur bedeuten, dass er ihr nichts tun wollte. Denn wenn ihr etwas zustieß, würde die Polizei wissen, nach wem sie suchen musste.

Natürlich wäre sie dann schon tot oder …

Unsinn! sagte sie sich. Wenn der Mann dir etwas hätte tun wollen, wäre längst Zeit dazu gewesen. Er war die ganze Nacht hier, und du hast wie ein Baby geschlafen. Er hätte dich mühelos ermorden können.

Nein, er hatte geschlafen. Er war hinter Ben her, nicht hinter ihr.

Sie nickte. „Ich habe ihn nicht erwartet“, sagte sie zu Officer Wilkins. „Es tut mir leid, dass Sie umsonst gekommen sind.“ 

Autor

Janis Reams Hudson
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