Noch nicht nah genug

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Wiley zieht Jessica an sich und küsst sie leidenschaftlich. Endlich fühlt sie sich wieder als begehrenswerte Frau. Nach dem tragischen Unfalltod ihres Mannes und ihrer kleinen Tochter hat sich die junge Anwältin nicht mehr nach einem Mann gesehnt. Bis ihr der athletische Rancher Wiley begegnete. Sie fühlt sich ihm ganz nah und dennoch nicht nah genug. Sie will mehr als puren Sex. Unerwartet liegt eines Tages ein ausgesetztes Baby vor Wileys Tür. Jessica ahnt, dass das Kind aus ihnen eine richtige Familie machen könnte ...
  • Erscheinungstag 27.07.2019
  • ISBN / Artikelnummer 9783733747640
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Wiley Cooper schlang die Zügel um einen Baum und ging bis zur Kante des Steilhangs, von dem aus man den besten Blick über das Tal hatte. Er war schon sehr früh losgeritten, als der Himmel im Osten das erste blasse Grau zeigte. Jetzt tauchte die Sonne am Horizont auf und ließ die roten Felsen in der Ferne in einem sanften Rosa erglühen. Unter ihm in dem weiten grünen Tal graste der größte Teil seiner Herde.

Er nahm einen Schluck aus der Feldflasche. Das Wasser schmeckte süß und frisch. Wiley wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab und blickte sich um. Wohin er auch sah, alles Land gehörte zu der Double-C-Ranch, die nach den Cables und den Coopers benannt worden war. Das war vor vierzig Jahren gewesen, als sein Vater seine Mutter geheiratet hatte und dadurch die beiden Ranches vereinigt wurden. Nun war er der alleinige Besitzer.

Wiley hatte in dem Land immer großen Trost gefunden. Colorado war schön, und Red Rock war sein Zuhause. Aber heute, an diesem Junimorgen, empfand er nicht den tiefen Frieden, der ihn normalerweise überkam, wenn er hier draußen war. Und er konnte sich nicht recht erklären, warum.

Eine Stunde vor Sonnenaufgang war er aufgewacht. Er war unruhig gewesen und hatte nicht wieder einschlafen können, bis er schließlich Ranger gesattelt hatte. Es war nicht das erste Mal in den letzten Monaten, und vielleicht war diese Ruhelosigkeit ein Zeichen dafür, dass er alt wurde. Immerhin wurde er im Herbst vierzig.

Das Dumme daran war, dass er sich keineswegs alt fühlte, im Gegenteil. Er steckte voller Ideen, war kerngesund, und die Ranch warf einen guten Gewinn ab. Auch die Zeitung war erfolgreich und hatte sogar einen Preis bekommen als beste Wochenzeitung ihrer Art. Als Verleger und Herausgeber vom Rekorder trug er einiges an Verantwortung, denn um die Ranch musste er sich natürlich auch kümmern. Aber er liebte seine Arbeit. Doch liebte er auch sein Leben? Da war er sich nicht sicher. Irgendetwas fehlte, auch wenn er nicht wusste, was.

Immer wieder war ihm in letzter Zeit durch den Kopf gegangen, ob das vielleicht damit etwas zu tun haben könnte, dass er allein lebte. Bisher war er eigentlich eher froh gewesen, dass er nicht noch einmal geheiratet hatte. Selbstverständlich wusste er, dass er nicht der Einzige war, der von einer Frau verletzt worden war. Aber obwohl die Scheidung von Joyce schon Jahre her war und er sie längst hätte überwunden haben sollen, fühlte er immer noch eine gewisse Bitterkeit, wenn er daran dachte.

Nicht, dass er für Frauen nichts übrig hatte. Er war gern mit Frauen zusammen, hatte sich aber mittlerweile eine simple Philosophie zurechtgelegt. Frauen waren zum Vergnügen da, aber man sollte sie nicht heiraten. Das war zumindest bis vor Kurzem seine Devise gewesen, bevor er die Nichte seines alten Freundes Ford Lewis, dem Bürgermeister von Red Rock, kennenlernte. Verdammt, Jessica Kilmer hatte seine Grundsätze tatsächlich umgestoßen.

Er musste einfach immer wieder an die junge Witwe denken. Jessica war Anwältin und lebte in Dallas. Sie hatte vor gut einem Jahr ihren Mann und ihre Tochter verloren und war auf den dringenden Wunsch von Ford nach Red Rock gekommen. Auch Ford war Anwalt und sah sich schon seit Jahren nach einem Partner für seine Kanzlei um. Schließlich wurde er auch nicht jünger und hatte als Bürgermeister genug zu tun.

„Außerdem“, hatte Ford im anvertraut, „muss das Mädchen mal raus aus seiner alten Umgebung.“

Seit dem Augenblick, als Jessica Kilmer ihm dann vorgestellt worden war, wusste Wiley, dass auch er an seinem Leben etwas ändern sollte. Dabei war gar nicht viel passiert. Aber irgendwie ahnte er gefühlsmäßig, dass etwas Neues seinen Anfang nahm. Dabei wusste er noch nicht einmal, ob er sie jemals wieder sehen würde. Sie war bereits wieder in Dallas, und soweit er gehört hatte, hatte sie sich noch nicht entschieden, ob sie das Angebot ihres Onkels annehmen sollte.

Alles hatte ganz harmlos angefangen. Er hatte bei Fords Büro angehalten, um ihm ein Buch zurückzubringen. Und da hatte Jessica gesessen, in einem leichten Baumwollpullover von der Farbe ihrer hellblauen Augen. Das schwarze Haar hing ihr über die Schultern, und er hatte selten eine so attraktive Frau gesehen. Offenbar hatte sein Gesichtsausdruck Bände gesprochen, denn Ford hatte breit gegrinst, als er sie miteinander bekannt machte.

Liebe auf den ersten Blick, war sein einziger Gedanke gewesen. Dabei war er doch viel zu erfahren und desillusioniert, um an so etwas glauben zu können.

Doch wie auch immer, als er hörte, dass Jessica bereits am nächsten Tag wieder nach Dallas zurückfliegen würde, hatte er sie für den Abend zum Essen in den Cowboy Club eingeladen.

Der Abend war sehr schön gewesen. Sie hatten sich von Anfang an gut verstanden, und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er sich während einer Verabredung keine Gedanken um die Gesprächsthemen zu machen brauchen. Im Gegenteil, ihm war so viel eingefallen, worüber er sich mit ihr unterhalten wollte, dass er fürchtete, die Zeit würde nicht reichen. Und das Schönste war gewesen, dass es ihr genauso ging, wie sie ihm gestand.

Dennoch war sie irgendwie ein bisschen reserviert gewesen. Er wusste nicht, ob sie noch unter dem großen Verlust ihres Mannes und ihrer Tochter litt oder ob ihre ungewisse Zukunft sie beunruhigte. Sie wirkte sensibel und verletzlich, und das hatte eine große Wirkung auf ihn.

Sie hatten auch noch getanzt, und er hatte sie einigen Freunden vorgestellt. Als er sie wieder in ihr Hotel zurückbrachte, war dann etwas geschehen, was er nicht so schnell vergessen würde. Während sie im hellen Mondlicht durch den anliegenden Garten zum Eingang des Hotels gingen, hatte er sich ein Herz gefasst und leise gesagt: „Ford ist sehr daran interessiert, dass Sie nach Red Rock kommen. Und um ehrlich zu sein, ich wäre begeistert, wenn Sie sich dazu entschließen könnten.“

Jessica hatte ihn freundlich angelächelt. „Danke, Wiley. Es ist gut zu wissen, dass ich willkommen bin.“

Sie hatte über das weite Land geblickt. Der milde Wind an diesem warmen Abend hatte in ihren Haaren gespielt, und er hatte sie hingerissen angeschaut und sich gefragt, ob er sie küssen sollte.

Dann hatte sie ihn wieder angeblickt und gesagt: „Ich muss darüber nachdenken und mir erst einmal über vieles klar werden.“

In diesem Augenblick hätte er sie in die Arme nehmen sollen, aber er hatte es nicht getan. Vielleicht hatte er Angst gehabt, den Zauber zu zerstören, der sie beide umgab.

Jessica hatte ihm schließlich die Hand auf den Arm gelegt. „Ich bin müde, Wiley, und muss jetzt schlafen.“

Er hatte sie einfach gehen lassen. „Gute Nacht“ war alles, was er herausgebracht hatte, und noch tagelang hatte er sich geärgert, weil er die Gelegenheit hatte vorbeigehen lassen.

Anfangs hatte er sich eingeredet, dass das ganze Schicksal sei. Entweder kam sie nach Red Rock und sie lernten sich besser kennen, oder er würde sein Leben so fortführen wie bisher und zufrieden damit sein. Doch als die Tage zu Wochen wurden, nahm seine Unzufriedenheit zu. Obwohl er Jessica kaum kannte, wünschte er sich, sie würde nach Red Rock kommen. Doch mit der Zeit wurden seine Befürchtungen, dass sie es nicht tat, immer stärker.

Einige Wochen nach ihrer Rückkehr nach Dallas hatte er dann einen Vorwand gefunden, um Ford zu besuchen, ihn gefragt, ob er etwas von Jessica gehört hätte. „Sie hat mir eine Karte geschrieben und mir herzlich für die Gastfreundschaft gedankt“, hatte Ford geantwortet, „aber sie scheint sich noch nicht entschieden zu haben.“

„Hast du eine Ahnung, wie ihre Entscheidung ausfallen wird?“

Ford hatte sich nachdenklich übers Kinn gestrichen, vielleicht auch, um ein Lächeln zu verbergen, und verneint.

„Ich hoffe, wir haben einen guten Eindruck auf sie gemacht.“

„Da sehe ich nicht das Problem.“

„Meinst du, es hätte Sinn, wenn ein paar von uns ihr schreiben würden, um klarzumachen, dass sie hier willkommen ist?“

„Ein paar von uns?“, hatte Ford nachgehakt. „Denkst du dabei an dich?“

„Zum Beispiel.“

Ford hatte das Grinsen nicht länger unterdrücken können. „Das könnte helfen. Vielleicht aber auch nicht.“

Er hatte befürchtet, wie ein liebeskranker Trottel zu wirken, und obwohl Ford sein Freund war, wollte er sich nicht zum Narren machen und deshalb, nicht wieder nach Jessica zu fragen. Daran hatte er sich auch gehalten, sogar als er Ford ein paar Tage später im Cowboy Club traf und der ihm erzählte, dass er von seiner Nichte immer noch nichts gehört habe.

Wiley sah, dass die Sonne höher gestiegen war und blickte auf die Uhr. Es war kurz nach sechs, und Juana würde bereits in der Küche sein und Frühstück machen. Er hatte einen arbeitsreichen Tag vor sich und würde nichts erledigen können, wenn er weiter hier stehen blieb und über eine Frau nachdachte, die er kaum kannte.

Hinzu kam, dass donnerstags immer besonders viel zu tun war, weil die Zeitung am Freitag herauskam. Er hatte die Zeitung von Cyrus Cable, seinem Großvater mütterlicherseits, geerbt, einem interessanten, witzigen Mann mit Scharfblick. Cyrus’ Vater hatte sich kurz nach dem Bürgerkrieg in Red Rock angesiedelt und die Zeitung gegründet. Man sagte allgemein, dass die Cables wohl Tinte in den Adern hätten, und das traf ganz sicher auch auf Wiley zu. Als Herausgeber vom Rekorder hatte er immer die neuesten Informationen, und das gefiel ihm. Aber er hatte nie daran gedacht, die Ranch aufzugeben und nur noch in der Stadt zu leben. Er liebte das Land.

Wiley schraubte die Feldflasche wieder zu, ging zu seinem Pferd, löste die Zügel und stieg auf. Aber immer noch war er ruhelos und nervös. Was war bloß los mit ihm? Er war im Grunde seines Herzens doch zufrieden. Das Einzige, was ihn wirklich bekümmerte, war die Entfremdung von seiner Tochter, was er seiner Exfrau zu verdanken hatte.

Er hatte Joyce am College kennengelernt. Sie kam aus einer relativ armen Familie, und auch wenn sein Vater es nicht gerade zu Reichtum gebracht hatte, so war er doch ein erfolgreicher und gut situierter Rancher gewesen. Joyce war ehrgeizig und hatte das Ziel, endlich auch ihren Teil vom Kuchen abzubekommen. Sobald sie wusste, dass er aus einer wohlhabenden Familie kam, hatte sie es darauf angelegt, schwanger zu werden, obgleich sie behauptet hatte, die Pille zu nehmen.

Natürlich hatte er sie geheiratet. Kaum trug sie seinen Ring am Finger, hatte sie ihm ins Gesicht gesagt, dass sie ihn nicht liebe und nie geliebt habe. Er war am Boden zerstört gewesen. Dennoch hatte er sich nicht von ihr getrennt, im Wesentlichen wegen des Kindes, das sie erwarteten. Aber Joyce hatte nicht das geringste Interesse an der Ranch oder am Land gezeigt, sondern ihn gezwungen, ihr in Denver ein Haus zu bauen, und trotz seiner Bemühungen ging die Ehe bald in die Brüche.

Schließlich hatte seine Familie ihm geholfen, indem sie Joyce eine saftige Abfindung zahlte. Es stellte sich dann heraus, dass Joyces Kaltherzigkeit sich nicht auf ihre Tochter erstreckte. Sie liebte Lindsay und wollte sie mit niemandem teilen. Ihre Abmachungen sahen vor, dass er auf sein Besuchsrecht verzichtete, für das Kind zahlte und später voll für seine Ausbildung aufkommen würde.

Sehr bald wurde klar, dass Joyce das ganze Geld gar nicht brauchte, denn knapp ein Jahr nach der Trennung heiratete sie Ben Larson, einen älteren reichen Bauunternehmer, der glücklich war, gleich eine fertige Familie übernehmen zu können.

Er war wieder aufs College gegangen, um seinen Abschluss zu machen, und in der Zeit hatte er seine erste und letzte Begegnung mit Ben Larson gehabt. Ben Larson bat ihn darum, Lindsay zu adoptieren.

„Du bist jung“, hatte er gesagt. „Du hast noch so viel Zeit, eine eigene Familie zu gründen. Ich werde für dein kleines Mädchen sorgen, als sei es mein eigenes Kind. Ich liebe ihre Mutter und werde dem Kind ein guter Vater sein.“

Damals war es mit der Gesundheit seines Vaters bergab gegangen. Seine Eltern hatten spät geheiratet und freuten sich auf die Zeit, wenn er, ihr einziger Sohn, die Ranch und die Zeitung übernehmen würde. Er hatte gewusst, dass seine Zukunft in Red Rock lag, und dass Joyce und seine Tochter ein anderes Leben führten. So hatte er der Adoption zugestimmt und war zu dem Leben zurückgekehrt, das er immer hatte führen wollen.

Hin und wieder hörte er über frühere Freunde etwas über seine Exfrau und seine Tochter. Offensichtlich funktionierte die Ehe, und Lindsay schien eine glückliche Kindheit zu haben.

Dennoch dachte er häufig an seine Tochter. Es gab Zeiten, in denen er versucht war, sich mit ihr in Verbindung zu setzen, aber er hatte es dann doch nicht getan. Joyce hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass Lindsay in dem Glauben aufwachsen würde, Ben sei ihr leiblicher Vater. Deshalb würde er seiner Tochter keinen Gefallen tun, wenn er ihr die Wahrheit sagte, und er versuchte, sie zu vergessen, was ihm schließlich auch ganz gut gelang.

Er wurde ein überzeugter Junggeselle. Allerdings nahm er an dem Leben von Sally Anne Springer, der Tochter seines Vorarbeiters Lucas, lebhaften Anteil. Aber der tragische Verlauf von Lucas’ Leben bestärkte ihn in seiner Meinung, dass Kinder und Familie nur Trauer und Elend nach sich zogen.

Da die Hälfte seiner Freunde ebenfalls allein lebte, fühlte er sich in seiner Lebensweise nur bestätigt. Allerdings hatte sich das in der letzten Zeit geändert, denn wie eine Seuche war das Heiratsfieber über Red Rock gekommen. Der erste war Luke gewesen, der Maggie heiratete und offensichtlich glücklich mit ihr war. Dann hatte Clay McCormick, der nie heiraten wollte, sich mit Erica Ross zusammengetan. Und selbst heute, schon ein Jahr nach der Hochzeit, strahlte Clay wie ein Honigkuchenpferd, sobald man ihn auf Erica ansprach oder er etwas von ihr erzählte.

Der letzte Schock war gekommen, als sein bester Freund Dax Charboneau, dem der Cowboy Club gehörte, Cloe James aus New York heiratete. Ausgerechnet Dax, hinter dem die Frauen immer hergewesen waren und der jede Falle hatte vermeiden können, hatte sich einfangen lassen.

Wiley schüttelte nachdenklich den Kopf und sah dann hoch, als Juana ihn rief.

Sie stand vor dem Ranchhaus und winkte ihm zu. „Señor Cooper, Mr. Lewis hat angerufen und möchte Sie dringend sprechen.“

Selbst für Ford, der nie lange schlief, war es noch sehr früh. Hoffentlich war nichts passiert. „Hat er gesagt, worum es geht?“, fragte er Juana, während er abstieg.

„Nein, Señor.“

„Gut. Ich bringe Ranger nur eben in den Stall und rufe ihn dann an.“

Juana nickte und ging wieder ins Haus.

Während Wiley das Pferd absattelte, dachte er darüber nach, was Ford wohl so dringend wollte. Ob er von Jessica gehört hatte? Aber natürlich konnte es auch etwas anderes sein.

Als er ins Haus ging, fühlte er eine merkwürdige Beklommenheit. Er fröstelte, obgleich es schon warm wurde. Falls Ford tatsächlich wegen Jessica anrief und ihre Entscheidung negativ ausgefallen war, würde er sehr enttäuscht sein. Andererseits machte diese Erkenntnis ihm klar, wie viel sie ihm bereits bedeutete, und das klärte seine Gefühle.

Er ging in sein Büro und rief Ford an.

„Oh, hallo, Wiley.“ Ford hielt kurz inne und seufzte dann leise. „Von mir abgesehen bist du wohl derjenige, der am meisten daran interessiert ist zu erfahren, ob Jessica nun nach Red Rock kommt. Deshalb wollte ich dir auch gleich sagen, dass es nicht besonders gut aussieht.“

Er schluckte. „Inwiefern?“

„Sie rief mich gestern Abend an. Wir haben uns fast eine Stunde lang unterhalten. Es kam auf Folgendes heraus. Ihr gefällt zwar alles, was sie hier gesehen hat, aber sie meint, der Zeitpunkt sei nicht günstig.“

„Dann hat sie sich also entschieden, in Texas zu bleiben“, erwiderte er dumpf.

„Entschieden noch nicht, aber es sieht ganz danach aus. Sie hat mir gesagt, dass ich mich ihr gegenüber nicht verpflichtet fühlen sollte, falls ich jemand anderen wüsste, der bei mir einsteigen will. Ich habe ihr zwar gesagt, dass sie sich Zeit lassen und nicht unter Druck setzen soll, aber ich habe kein gutes Gefühl.“

Ich hätte sie küssen sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte, dachte Wiley erneut. Das hätte sie vielleicht nicht umgehauen, aber es hätte ihr klargemacht, dass sie ihm nicht gleichgültig war. Wenn ihre Entscheidung so auf der Kippe stand, hätte das vielleicht ausschlaggebend sein können. Zumindest hätte er so empfunden, wenn er an ihrer Stelle wäre.

„Hoffentlich irrst du dich, Ford“, antwortete er schließlich. „Denn ich fürchte, wir können da nicht viel tun.“

„Ich habe versucht, sie zu überzeugen, aber von einem bestimmten Punkt an hat so was den gegenteiligen Effekt. Ich fürchte, wir müssen einfach abwarten.“

„Ja, da hast du wahrscheinlich recht.“

Als er den Hörer auflegte, war Wiley niedergeschlagen. Er hasste es, wenn ihm die Hände gebunden waren, in einer Sache, die ihm so wichtig war. Immer wieder musste er daran denken, wie er Jessica beim Tanzen in den Armen gehalten hatte. Wenn er die Augen schloss, konnte er sich noch gut an den Duft ihres zarten Parfüms erinnern.

Er stand auf und ging in das große Wohnzimmer, in dem immer alle wichtigen Entscheidungen getroffen worden waren. Hier waren sein Vater und er übereingekommen, Joyce auszuzahlen. Hier hatte er über den Brief von Lukes Tochter Sally Anne nachgedacht, die ihn um Geld bat. Hier hatte er als Kind oft mit seinem Großvater gesessen und ihm zugehört.

„Jeder Weg hat seine Hindernisse“, hatte Cyrus immer gesagt. „Wer glaubt, dass er leicht durchs Leben segeln kann, ist ein Dummkopf.“

Er, Wiley Cooper, war kein Dummkopf. Und er würde sich auch nicht einfach einem Schicksal unterwerfen, wenn er es verhindern konnte. Sein Großvater war kein Kirchgänger gewesen, aber er hatte seine Großmutter oft sagen hören: „Gott hilft denen, die sich selber helfen.“

Es wurde Zeit, dass jemand dem Schicksal ein wenig auf die Sprünge half.

2. KAPITEL

Den ganzen Nachmittag hatte Jessica in einer Sitzung verbringen müssen, und sie war nun müde und erschöpft. Als sie im dichten Feierabendverkehr nach Hause fuhr, dachte sie darüber nach, was sie noch im Kühlschrank hatte. Bestimmt nicht viel. Sie versuchte, möglichst selten einzukaufen, denn immer noch ertrug sie es nur schwer, in ein Geschäft zu gehen.

Früher hatte sie gern eingekauft, aber das hatte sich geändert, als sie vor gut einem Jahr Geoff und Cassandra verlor. Denn sie hatten die Besorgungen fast immer gemeinsam gemacht und dabei viel Spaß gehabt. Hinzu kam, dass Geoff ansonsten an allem Häuslichen nicht besonders interessiert gewesen war und im Grunde immer noch das Leben eines Junggesellen geführt hatte, auch wenn er inzwischen Frau und Kind gehabt hatte. Er hatte seinen Sportwagen geliebt, war leidenschaftlich gern Ski gefahren und hatte Golf gespielt. Vor Cassandras Geburt hatte sie ihn oft begleitet, aber später hatte ihr dazu die Zeit gefehlt. Und es war enttäuschend für sie gewesen festzustellen, dass Geoff seinen Lebensstil nicht im Geringsten geändert hatte, nachdem er Vater geworden war.

Sie war absolut sicher, dass er sie und die Tochter auf seine Art geliebt hatte, aber irgendwie war er immer der große Junge geblieben, auf dessen Charme sie anfangs ja auch hereingefallen war. Er war nicht bereit gewesen, Verantwortung übernehmen, und das hatte ihn und seine Tochter schließlich das Leben gekostet. Er hatte das Baby zu ein paar Einkäufen mitgenommen und bei überhöhter Geschwindigkeit die Gewalt über seinen Porsche verloren.

Wie immer, wenn sie daran dachte, fühlte Jessica sehr intensiv den schmerzlichen Verlust. Sie strich sich über die Stirn und versuchte, sich auf etwas ganz anderes zu konzentrieren. Wahrscheinlich hatte sie nur noch eine Dosensuppe im Schrank, also sollte sie irgendwo anhalten und etwas Vernünftiges essen. Sie hatte in den letzten Monaten sehr wenig gegessen, hatte abgenommen, und ihr Arzt hatte ihr ernsthaft ins Gewissen geredet.

Sie hielt bei Moms Pantry, einem bürgerlichen Restaurant, und obgleich es relativ voll war, fand sie in einer Nische noch einen Platz. Auf der Speisekarte fiel ihr sofort „Moms Cowboy-Steak“ auf, und sie musste unwillkürlich an Red Rock und den Cowboy Club denken. Und natürlich an Wiley Cooper.

Wie immer lächelte sie bei der Erinnerung. Wiley war ein netter Mann, ruhig und nachdenklich, intelligent und erfolgreich und dennoch bescheiden. Er hatte gemeint, er sei nur ein einfacher Cowboy, aber er war alles andere als einfach, das war ihr gleich klar gewesen. Und er war ausgesprochen sexy.

Es beeindruckte sie, dass er nicht nur Rancher war, sondern auch noch eine Zeitung herausgab. Außerdem schien er seelisch einmal sehr verletzt worden zu sein, hatte also ähnliche Erfahrungen wie sie gemacht.

Besonders gut gefiel ihr, dass sie sich in Wileys Gegenwart als etwas Besonderes fühlte. Der Abend mit ihm war sehr schön gewesen, und sie dachte häufiger daran zurück. Das war auch der Grund, weshalb es ihr so schwer fiel, eine Entscheidung zu treffen. Denn obgleich Dallas ihr vertraut war und sie sich hier wohlfühlte, träumte sie von einem anderen Leben. Aber sie wusste natürlich auch, dass es unvernünftig wäre, wegen eines einzigen gelungenen Abends mit einem sexy Cowboy hier alles aufzugeben und gen Westen zu ziehen. Mit Gefühlen war das so eine Sache, sie konnten sich schnell ändern. Und manchmal sah man etwas in einem Menschen, das nur der eigenen Fantasie entsprang.

Jessica wusste genau, dass besonders Frauen in ihrer Situation anfällig dafür waren. Deshalb versucht sie, ihren Verstand zu gebrauchen und sich nicht von ihren Gefühlen leiten zu lassen. Allerdings hatte sie sich seit Geoffs Tod auch für keinen Mann mehr interessiert gehabt.

In den letzten drei Monaten war sie viermal ausgegangen, zweimal mit jemandem, den sie nicht kannte, das hatten Freunde arrangiert, und zweimal mit Tommy Jack Simons, mit dem sie zusammen studiert hatte. Tommy Jack war ein begeisterter Tänzer, und zwei Wochen nach ihrer Rückkehr aus Colorado hatte er sie angerufen. Sie habe sich lange genug in ihr Schneckenhaus zurückgezogen, hatte er gemeint.

Sie waren dann in eine Bar in Richardson gegangen, ganz in der Nähe ihrer Wohnung. Der Abend war recht nett gewesen, und Tommy Jack hatte sie vor ihrer Haustür geküsst, der erste Kuss seit Geoffs Tod. Als sie danach in ihr Bett gekrochen war, hatte sie jedoch weder an Geoff noch an Tommy Jack, sondern an Wiley gedacht.

Sie musste überhaupt viel zu häufig an ihn denken, und als vor einer Woche ihr Onkel Ford angerufen hatte, war sie kurz davor gewesen, ihn nach Wiley zu fragen, hatte es aber unterlassen, denn sie wollte auf keinen Fall, dass ihre Entscheidung für oder gegen Red Rock von einem Flirt beeinflusst wurde.

Jessica trank einen Schluck Wasser. Wenn sie heute noch etwas essen wollte, sollte sie sich lieber auf die Speisekarte konzentrieren. Doch als sie sich in die Vorspeisen vertiefte, musste sie erneut an den Abend mit Wiley denken. Sie hatten etwas fürchterlich Scharfes gegessen, ein typisches Gericht aus der Gegend, das Wiley ausgesucht hatte, und sie erinnerte sich an sein breites Grinsen, als ihr die Tränen in die Augen traten.

Aber dann hatte er anerkennend genickt. „Nicht schlecht für eine Stadtpflanze.“

„Es stimmt, jetzt lebe ich in der Stadt“, hatte sie schließlich hustend herausgebracht. „Aber vergessen Sie nicht, dass ich in Colorado aufgewachsen bin. Wenn man einmal mit dem Land verwachsen ist, bleibt man es sein Leben lang.“

Wiley hatte sie nach ihrem Leben in Dallas gefragt, danach, was ihr gefiele und was nicht. Er selbst sei zwar viel gereist, sei aber eng mit dem Land verbunden, und er liebt das Leben in Red Rock. „Das mag sich merkwürdig anhören“, hatte er hinzugefügt, „aber über sein eigenes Land zu reiten ist die beste Therapie, die es gibt.“

Sie hatte schon seit Jahren nicht mehr auf einem Pferd gesessen, denn Reiten war so ungefähr der einzige Sport, für den Geoff sich nicht interessiert hatte. Wie es wohl wäre, mit Wiley auszureiten? Sicher würde es viel Spaß machen, dafür würde er schon sorgen. Er war nicht der Typ Mann, der eine Frau lediglich neben sich tolerierte.

„Haben Sie schon gewählt?“, fragte die Kellnerin.

Jessica schreckte hoch. „Nein, ich meine … ja. Ich nehme das Cowboy-Steak.“

Die Kellnerin nickte und ging weiter zum nächsten Tisch, an dem vier Personen saßen. Der kleine Junge im Hochstuhl war unruhig und weinerlich, wahrscheinlich bekam er Zähne. Je mehr seine Mutter sich bemühte, ihn zu beruhigen, desto lauter schrie er.

Jessica versuchte, das Geschrei zu ignorieren, aber sie hätte alles darum gegeben, wenn es ihr Baby gewesen wäre, das dort weinte. Sehr gut konnte sie sich noch daran erinnern, wie es gewesen war, als Cassandra ihren ersten Zahn bekam. Es war vorbei. Sie holte tief Luft. Und das Leben ging weiter. Das musste sie endlich begreifen.

Die Kellnerin kam und brachte ihr Essen. Aber erst als Jessica beinahe fertig war, verließ die Familie am Nebentisch das Restaurant, und sie entspannte sich. Ob sie wohl irgendwann einmal so weit sein würde, nicht immer und überall Geoff und Cassandra zu erblicken? Wie wäre, wenn sie in Red Rock lebte, besser oder schlechter? War die Anonymität einer Großstadt für einen Menschen wie sie gut oder schlecht? Ihr wollte sie davon überzeugen, dass sie in Red Rock besser aufgehoben sei, aber sie war sich da nicht sicher.

„Wie wäre es mit einem Stück frischem Pfirsichkuchen zum Nachtisch?“ Die Kellnerin war neben sie getreten und lächelte sie freundlich an.

„Nein, vielen Dank … Mavis“, sagte Jessica nach einem kurzen Blick auf das Namensschild. „Ich glaube, diesmal muss ich passen. Wenn Sie mir bitte die Rechnung bringen …“

„Selbstverständlich. Sofort.“

Während sie auf die Rechnung wartete, bemerkte Jessica einen neuen Gast, der gerade hereingekommen war und sich an die Theke setzte. Er trug Cowboystiefel und legte den Stetson auf den Barhocker neben sich. Er war groß und schlank, hatte blaue Augen und struppiges blondes Haar, und war offensichtlich nicht aus Dallas. Abgleich er höchstens Anfang zwanzig war, erinnerte er sie an Wiley Cooper.

Sie war in einer Kleinstadt aufgewachsen, und als Teenager hatte sie genau für diesen Typ Cowboy geschwärmt. Ihre Mutter hatte gelacht und gemeint, sie würde sicher mal einen Cowboy heiraten und bereits mit zwanzig ihr erstes Baby haben.

Doch ihre Mutter hatte sich geirrt. Sie hatte nicht nur für Cowboys geschwärmt, sonder war auch gern zur Schule gegangen, hatte dann Jura studiert, und nach ihrem Abschluss hatte sie keinen Cowboy geheiratet, sondern einen Anwalt, worüber ihre Mutter sehr verblüfft gewesen war.

Jessica blickte auf ihre linke Hand. Immer noch konnte man den weißen Streifen erkennen, dort auf dem Ringfinger, wo ihr Ehering gesessen hatte. Erst vor drei Monaten hatte sie ihn abgenommen und das eigentlich nur, weil ihre Freundin Carolyn darauf bestanden hatte. Schließlich sei ihre Ehe mit Geoff ja alles andere als perfekt gewesen. Aber für sie war der Ring dennoch ein Symbol ihres Lebens mit Geoff und Cassandra gewesen, und sie hatte sich deshalb nur schwer von ihm trennen können.

Die größte Trauer hatte sie zwar überwunden, und sie fühlte wieder mehr Lebensmut, trotzdem gab es immer wieder Phasen, in denen sie sich so sehr nach ihrer Tochter sehnte, dass sie den Verlust kaum ertragen konnte.

Die Kellnerin kam und brachte die Rechnung. Jessica zahlte, stand auf und ging zur Tür. Als sie an dem jungen Cowboy vorbeikam, grinste er sie strahlend an. Sie lächelte und trat hinaus den warmen Sonnenschein. Plötzlich musste sie an ihren allerersten Besuch in Red Rock denken. Sie war gerade fünfzehn gewesen, als ihr Vater starb, und ihre Mutter und sie hatten ein paar Monate bei Ford gewohnt. An ihrem ersten Abend hatte er sie zum Essen in den Cowboy Club eingeladen.

Sie war ungemein beeindruckt gewesen, als sie diese typische Westernbar betraten. An dem langen Tresen aus glänzend poliertem Mahaghoni hatten die attraktivsten Cowboys gesessen, die sie jemals gesehen hatte.

Ihre Mutter, die noch voller Trauer über den Tod ihres Mannes gewesen war, hatte ihr Interesse an den Männern nicht bemerkt. Aber ihr Onkel Ford hatte sie lächelnd gefragt, ob sie eine Cola an der Bar trinken wolle, bis ihr Tisch frei werden würde. Und ob sie wollte! Sie erinnerte sich noch gut daran, wie sehr sie sich bemüht hatte, möglichst erwachsen zu wirken, als sie die Cola bestellte.

Aber nicht nur ihre Vorliebe für Cowboys hatte sie an jenem Abend entdeckt. Als sie schließlich an einem freien Tisch saßen, hatte ihr Onkel, der Anwalt war, sich sehr genau nach ihrer finanziellen Situation erkundigt und war für ihre Mutter eine große Hilfe in allen rechtlichen Fragen gewesen. Damals hatte sie beschlossen, Jura zu studieren, um Menschen, die Probleme hatten, helfen zu können.

Jessica setzte sich in den Wagen und startete. Dankbar nahm sie den kühlen Luftstrom der Klimaanlage auf. Sie umfasste das Steuerrad und starrte in die Dämmerung hinaus. Sie war froh, dass sie etwas gegessen hatte, wenn auch die Aussicht, jetzt in ihr leeres Haus zurückzukehren, sie nicht gerade fröhlich stimmte. Aber so war es nun einmal, sie war allein, hatte kein Baby mehr und keinen Mann.

Nach einem Moment straffte sie sich. Keinesfalls wollte sie sich wieder ihren negativen Gedanken überlassen. Sie war schließlich eine intelligente Frau und für ihr Leben selbst verantwortlich. Sie wollte lieber an etwas Angenehmes denken, vielleicht an attraktive Cowboys wie Wiley Cooper zum Beispiel.

Wiley Cooper hatte den Mietwagen gegenüber von Jessica Kilmers weißem Bungalow geparkt. Seit fast zwei Stunden saß er jetzt schon hier, aber bisher war sie noch nicht aufgetaucht. Natürlich war es ein Risiko, einfach auf gut Glück nach Dallas zu fahren, ohne Ankündigung, geschweige denn Einladung. Vielleicht machte er sich nun zum Narren, denn schließlich kannten sie sich ja kaum. Aber er hatte es trotzdem gewagt. Außerdem konnte er am ehesten mit einer ehrlichen Reaktion rechnen, wenn er Jessica mit seinem Besuch überraschte. Das war zwar ein bisschen unhöflich, aber er wollte die Wahrheit wissen.

Autor

Janice Kaiser
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