Probezeit für eine neue Liebe

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Holly nimmt das Angebot des Gutbesitzers Kevin McEwan, bei ihm in seinem Herrenhaus zu wohnen und zu arbeiten, nur zu gern an. Die Chance, ständig in der Nähe des attraktiven Mannes zu sein, kann sie sich einfach nicht entgehen lassen. Kevin fasziniert sie wie noch keiner je zuvor …
  • Erscheinungstag 14.07.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733758202
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Holly hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Doch als sie sich umdrehte, war niemand zu sehen. Ringsum erstreckten sich sanfte, bewaldete Hügel, und sie konnte bis zu dem leuchtend blauen Wasser eines kleinen Sees blicken.

Nirgendwo in dieser Welt konnte man einen so friedlichen Ort wie diesen finden. Davon war Holly jedenfalls überzeugt. Es war so still, dass es schon beinahe in den Ohren wehtat. Wenn sie als Kind hierher gekommen war, hatte sie immer geglaubt, unter einer riesigen Glaskuppel zu sein. Sie hätte nur einen großen Stein fest genug dagegen zu schmettern brauchen und dann Verkehrslärm und andere Geräusche hören können.

Früher hatte Holly ihre Sommerferien hier verbracht. Sie hatte tun und lassen können, was sie wollte. Sie hatte schreien und rennen dürfen, ohne Angst haben zu müssen, anderen auf die Nerven zu gehen. Man konnte dieses schläfrige schottische Tal überhaupt nicht mit ihrer Heimatstadt Walsall im Herzen des Industriegebietes der Midlands vergleichen.

Aber noch niemals hatte Holly Angst gehabt, bespitzelt und von unsichtbaren Augen ständig beobachtet zu werden. Sie kam sich vor wie eine Fremde, die an diesem einsamen Ort nicht willkommen war.

„Holly Burns, du spinnst!“, rief sie sich zur Ordnung. „Nur weil du zehn Jahre lang nicht mehr hier warst, brauchst du dich nicht gleich als Eindringling zu fühlen. Du hast jedes Recht, hier zu sein, vergiss das nicht!“

Tief atmete sie die frische Luft ein. Es roch nach Heide, Torf und Kiefern. Dann setzte sie ihren Weg nach Braeside fort. Sie war froh, dass ihr Wagen kein Benzin mehr gehabt hatte, denn sonst wäre sie diesen Weg bestimmt nicht zu Fuß gegangen und hätte die unberührte Natur und wundervolle Luft des schottischen Hochlands nicht so genießen können. Andererseits wäre ihr im Auto nicht so unheimlich gewesen.

Sie war so sicher gewesen, genügend Benzin für die Fahrt zu haben, dass sie nicht daran gedacht hatte, vorher noch einmal zu tanken. Sie hatte erst auf der Rückfahrt gleich im nächsten Ort, Invercray, nachfüllen lassen wollen. Ihr kleiner Wagen stand nun am Eingang zu Glen Shilda.

Zu Hollys Linken war ein Damm, und ihr Blick folgte seinem Lauf den Hügel hinauf. Sie erinnerte sich an die Worte ihres Großvaters, der ihr erzählt hatte, dass ein Deichbauer genau über das Gesetz der Schwerkraft Bescheid wissen musste. Die Felsbrocken mussten so zusammengefügt werden, dass sie auch ohne Zement hielten.

Dieser Damm begrenzte den Besitz der Großeltern. An der nächsten Biegung würde Holly das Haus sehen können.

Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine Bewegung. Als sie schnell den Kopf drehte, sah sie einen Reiter, der unbewegt auf seinem Pferd saß. Sie konnte aus der Entfernung nicht erkennen, ob er in ihre Richtung blickte. Aber sie wusste instinktiv, dass er sie die ganze Zeit beobachtet hatte.

Wer dieser Reiter auch sein mochte, er wollte sie nicht hier haben, das war ihr klar. Also hatte sie ihr Gefühl nicht getrogen.

Dieser fremde Mann war ihr unheimlich. Während sie noch so dastand und ihn beobachtete, setzte er sein Pferd in Bewegung und galoppierte davon. Das Trommeln der Hufe durchbrach die Stille, die über dem Tal lag.

Als Pferd und Reiter ihrem Blick entschwunden waren, ging Holly das letzte Stück bis zum Haus ihrer Großeltern. Nein, jetzt war es ihr Haus, das vergaß sie immer wieder. Es war traurig, hierher zu kommen und die Großeltern nicht sehen zu können.

Hollys Mutter hasste dieses Fleckchen Erde. Sie war nur einmal vor ihrer Hochzeit hier gewesen. Damals hatte es noch keine Elektrizität gegeben, und heißes Wasser hatte man nur bekommen, wenn man in dem alten Herd Feuer machte und einen Kessel aufsetzte. Ihre Mutter fand das unzivilisiert und wollte um nichts auf der Welt hier leben.

Die großen Schulferien durfte Holly immer bei den Großeltern verbringen, worauf sie sich das ganze Jahr freute. Ihr Vater brachte sie her, blieb aber selber nur wenige Tage, um seine Frau nicht allein zu lassen. Sie hatte es immer wieder abgelehnt, auch nur ein paar Urlaubstage bei seinen Eltern zu verleben.

Holly war erst neun Jahre alt, als ihr Vater bei einem Unfall in der Fabrik, in der er arbeitete, ums Leben kam. Danach erlaubte ihre Mutter ihr nicht mehr, die Großeltern zu besuchen. Sie behauptete, Holly sei jedes Mal wild und unerzogen von dort zurückgekehrt.

Natürlich waren die Großeltern darüber empört und traurig gewesen. Sie vergaben ihrer Schwiegertochter nie, dass sie ihr Enkelkind von ihnen fern hielt. Sie schickten Holly Geschenke und Briefe, die diese liebevoll beantwortete. Aber sie durfte nie mehr hinfahren.

Dann hatte ihre Mutter wieder geheiratet. Holly empfand von Anfang an eine starke Abneigung gegen den Mann, der nun den Platz ihres geliebten Vaters einnahm. Als er sich dann noch wegen der Besuche auf die Seite der Mutter gestellt hatte, war aus der Abneigung Hass geworden.

Über die Jahre war die Erinnerung an die Großeltern und das nicht sehr große, aber gemütliche Haus verblasst. Und als ihre Mutter ihr mitteilte, dass die beiden kurz hintereinander gestorben seien, war Holly traurig, aber nicht untröstlich gewesen. Dennoch schämte sie sich, die alten Leute nicht besucht zu haben, als sie erwachsen geworden war und ihr niemand mehr hatte Vorschriften machen können.

Vielleicht wäre Holly hingefahren, wenn sie Steve nicht kennengelernt hätte. Aber sie war zu sehr in ihn verliebt gewesen und hatte befürchtet, er könnte ihr untreu werden, wenn sie ihn eine Zeit lang allein gelassen hätte.

Auch jetzt hatte Steve sie nicht gehen lassen wollen. „Die Angelegenheit kann durch ein Anwaltsbüro erledigt werden“, hatte er gemeint. „Warum sollst du den weiten Weg machen, wenn du den Besitz verkaufen willst?“

„Ich möchte alles wiedersehen“, hatte sie entschlossen geantwortet und ihn aus ihren grünen Augen angeblitzt.

Holly war sehr überrascht gewesen, dass die Großeltern ihr alles vermacht hatten. Sie war zwar ihre einzige Blutsverwandte, dennoch war ihr nie der Gedanke gekommen, sie eines Tages zu beerben. Zehn Jahre waren eine lange Zeit, und es war diesen beiden freundlichen und liebevollen Menschen schließlich versagt geblieben, die Tochter ihres einzigen Sohnes heranwachsen zu sehen.

„Wenn du wartest, bis ich meinen Urlaub nehmen kann, komme ich mit“, hatte Steve ihr angeboten. Aber Holly hatte nicht warten wollen. Sie war zwar fest entschlossen, Haus und Grundstück zu verkaufen, aber erst wollte sie es noch einmal wiedersehen und sich an die schönen Ferien ihrer Kindheit erinnern. Außerdem wollte sie einige Sachen als Andenken an die geliebten Großeltern mitnehmen.

Holly hatte den unbekannten und geheimnisvollen Reiter vergessen. Sie hastete das letzte Stück bis zum Haus hinauf, das von Bäumen und Büschen fast verdeckt wurde. Es war alles so, wie sie es in Erinnerung hatte, sodass sie beinahe erwartete, Rauch aus dem Schornstein aufsteigen und die Großmutter zu ihrer Begrüßung aus der Haustür treten zu sehen.

Aber das Gebäude lag kalt und still vor ihr. Es war viel kleiner, als sie es in Erinnerung hatte. Die Fenster waren stumpf und schmutzig. Sie glänzten nicht wie zu Großmutters Lebzeiten. Der Garten war verwildert. Man sah, dass Großvater schon längere Zeit vor seinem Tode nicht mehr darin hatte arbeiten können.

Holly merkte plötzlich, dass es fast dunkel war. Sie hatte länger gebraucht, um hierher zu kommen, als sie erwartet hatte. Sie kramte den Schlüssel, den ihr der Anwalt in Glasgow gegeben hatte, aus ihrer Handtasche und wurde ärgerlich, als er nicht passen wollte.

Sie fluchte vor sich hin, weil man ihr den falschen Schlüssel gegeben hatte. Als sie sich das Türschloss jedoch näher besah, bemerkte sie, dass es neu aussah. Jemand hatte das alte ausgewechselt!

Unwillkürlich musste sie an den fremden Reiter denken, verwarf diese Idee jedoch als zu fantastisch. Es lag kein Grund vor, ihn mit dem Schloss in Verbindung zu bringen. Vielleicht hatte ihr Großvater es kurz vor seinem Tode erneuert. Der Anwalt musste die Schlüssel verwechselt haben. Es gab viele plausible Erklärungen, die nichts mit dem Reiter zu tun hatten.

Holly ging zur Küchentür an der Rückseite des Hauses. Doch der Schlüssel passte auch hier nicht. Sie überlegte, was sie nun tun sollte. Wenn sie besser auf die Benzinuhr geachtet hätte, hätte sie jetzt nach Invercray fahren und dort in einem Hotel übernachten können. Nun blieb ihr nichts anderes übrig, als ein Fenster einzuschlagen und einzusteigen.

Es gab keine Nachbarn in diesem Tal, nur die Burg, weit weg am anderen Ende. Es war keine richtige Burg, eher ein sehr großes Haus, das den McEwens gehörte. Sie hatten dieses kleine Haus mit etwas Land damals an den Großvater verkauft.

Der alte Gutsbesitzer hatte Braeside einmal besucht, als Holly dort gewesen war. Er hatte einen Streit mit ihrem Großvater angefangen und mit lauter, tiefer Stimme geschrien. Er hatte ein rotes Gesicht, brennende schwarze Augen und einen weißen Schnurrbart gehabt. Holly hatte sich dieses Erlebnis fest ins Gedächtnis gegraben. Seither hatte sie eine unbestimmte Furcht vor den McEwens. Sie waren die letzten, die sie um Hilfe bitten würde.

Holly war selbst überrascht, wie unangenehm es ihr war, ein Fenster einzuschlagen. Obwohl es ihr Eigentum war, kam sie sich wie eine Verbrecherin vor.

Sie nahm einen großen Stein und sah sich um, ob sie auch nicht beobachtet wurde. Die Scheiben waren so klein, dass sie gezwungen war, mehrere zusammen mit den Rahmen zu zertrümmern, um sich hindurchzwängen zu können. Es war nicht schwierig, denn das Holz war morsch. Wer dieses Haus kaufte, würde einiges erneuern lassen müssen. Morgen würde sie einen Handwerker holen, um Fenster anfertigen zu lassen, und einen passenden Schlüssel für die Haustür besorgen.

Im Haus war es kalt und düster. Holly drückte einen Schalter, doch es blieb dunkel. Der Strom war abgeschaltet worden.

Sie sah sich um, soweit es bei dem bisschen Licht möglich war, das von außen hereindrang. Sie musste an blank geputztes Messing, hübsche Blumen und duftendes Toastbrot mit schmelzender Butter denken, die ihr das Kinn hinablief.

Doch jetzt wirkte dieses vernachlässigte, leer stehende Haus trostlos. Eigentlich war nichts anderes zu erwarten gewesen, aber die Erinnerungen an die wundervollen Ferien ihrer Kindheit hatten sich zu stark in ihr Gedächtnis geprägt.

Holly war maßlos enttäuscht. An diesem Tag war aber auch alles schief gegangen. Es hatte bereits am Morgen damit begonnen, dass sie die Zeit verschlief. Beim Anziehen der Strümpfe hatte sie sich eine Laufmasche gerissen, und das Frühstücksei war hart geworden, weil sie es völlig vergessen hatte. Und dann war ihr auch noch das Benzin ausgegangen.

Aber Holly ließ sich so leicht nicht aus der Ruhe bringen. Sie fand trockenes Holz, Papier und Streichhölzer und machte Feuer im Herd, das bald hell und freundlich loderte. Sie setzte Wasser auf und war ihrer Großmutter dankbar, dass sie diesen alten Herd nicht gegen einen elektrischen ausgetauscht hatte.

Danach suchte Holly nach Kerzen und fand auch welche. Bei dem sanften, flackernden Schein konnte sie etwas besser sehen. Sie fand Packpapier, das sie mit Heftzwecken an dem beschädigten Fenster befestigte. Dann zog sie die Vorhänge zu. In der Küche fand sie einige Vorräte an Tee, Kaffee und Esswaren, die zum Teil noch genießbar waren. Sie machte sich Kaffee, den sie schwarz trinken musste, da es natürlich keine Milch und auch keinen Zucker gab. Auch fand sie eine noch ungeöffnete Dose mit Keksen, die sie dazu aß.

Allmählich fühlte sie sich wohler. Gesättigt und ausgeruht saß sie in dem gemütlichen Wohnzimmer. Im Kerzenlicht konnte man den Staub, der sich inzwischen auf alles gesetzt haben musste, nicht erkennen.

Wenig später ging Holly die Treppe hinauf zum Schlafzimmer der Großeltern, nahm frische Bettwäsche aus dem Schrank und bezog ein Bett. Sie zog sich aus und schlüpfte ins Nachthemd, dann blies sie die Kerze aus. Obwohl das Haus so einsam war, hatte sie keine Angst. Hier war ihr Vater aufgewachsen, und ihre Großeltern waren hier alt geworden. Nun gehörte es ihr. Wenn sie auch so viele Jahre nicht hatte herkommen dürfen, war ihr das Haus immer noch vertraut.

Eigentlich war es schade, es zu verkaufen. Aber da sie hier nicht leben konnte, war es sinnlos, es zu behalten. Es würde immer mehr verfallen. Steve und sie würden bald heiraten. Er würde ganz sicher nicht hier leben wollen. Außerdem war es unmöglich, hier eine Arbeit zu finden. Das Geld, das Holly für Grundstück und Haus bekommen konnte, würde ihnen für Anschaffungen eines eigenen Haushaltes sehr gelegen kommen. Steve wollte modern wohnen, und da Holly ihn liebte, stimmte sie dem zu. Während sie über vieles nachdachte, schlief sie ein.

Holly wurde von Geräuschen und Schritten aus dem Schlaf geschreckt. Sie setzte sich auf und hörte, wie die Haustür aufgeschlossen wurde. Es war bereits hell draußen, und die Sonne schien durchs Fenster. Holly stand auf, warf einen Morgenrock über und ging zur Tür. Leise öffnete sie sie und schlich sich langsam die Treppe hinunter. Als sie um die Biegung kam, erblickte sie einen Mann, der breitbeinig, in schwarzen Lederstiefeln und Reithose, auf sie wartete.

Holly erschrak. Sie hatte ihn sofort erkannt: Es war der Fremde, der sie gestern beobachtet hatte.

Der Mann war groß und schlank. Er sah aggressiv aus und hatte eine Peitsche in der Hand. Holly blieb stehen. Sie wagte nicht, zu dicht an ihn heranzutreten und ihn zu fragen, was er in ihrem Haus zu suchen habe. Sie traute ihm zu, die Peitsche gegen sie zu benutzen, obwohl er bis jetzt weder etwas gesagt noch getan hatte. Sie fuhr sich mit der Hand durch die kurzen, kastanienbraunen Locken und merkte, dass ihre Hände zitterten.

Dann raffte sie ihren Mut zusammen. Schließlich war sie in ihren eigenen vier Wänden, und der Fremde hatte kein Recht, hier zu sein. Aber seine dunklen Augen blickten sie unfreundlich und eiskalt an. Sein Mund war zu einer schmalen Linie verkniffen, die schwarzen Augenbrauen waren zornig zusammengezogen. Er hatte eine Adlernase und dichtes, fast schwarzes, gewelltes Haar. Er sah finster und bedrohlich aus.

Später fragte sie sich, warum sie zugelassen hatte, dass er zuerst das Wort ergriff. Das Schweigen schien eine Ewigkeit zu dauern, während sie einander musterten und abschätzten. Holly war wie gelähmt und brachte kein Wort über die Lippen.

„Sie wissen wohl, dass das Zerstören fremden Eigentums und das Einsteigen in ein Haus strafbar sind?“ Er hatte eine tiefe Stimme, die sie erschreckte.

Doch sie durfte sich die hochmütige Art dieses Fremden nicht bieten lassen. Er konnte sich hier nicht einfach als Herr und Meister aufspielen.

„In mein eigenes Haus?“, entgegnete Holly, so ruhig sie konnte. Sie versuchte, Angst und Zorn zu unterdrücken. Sie sah ihn aus großen Augen an und hob ihre fein geschwungenen, dunklen Brauen. Ihre Wangen waren leicht gerötet, und die kastanienbraunen Locken umrahmten in kleidsamer Unordnung ihr Gesicht.

Aber es hatte den Anschein, dass ihre Schönheit den Mann durchaus nicht beeindruckte. Er musterte ihre schlanke Gestalt gleichgültig.

„In Ihr Haus? Dass ich nicht lache!“, rief er. Er hatte nur einen leichten schottischen Akzent. „Braeside gehört mir, und wenn Sie nicht augenblicklich verschwinden, werde ich keine Hemmungen haben, Sie hinauszuwerfen.“

Diese Unverschämtheit hatte Holly gerade gefehlt. Sie wurde wütend. Ihre Augen glühten förmlich vor Zorn, und ihre Wangen bekamen rote Flecken.

„Ich weiß nicht, wer Sie sind“, zischte sie, „aber ich weiß, dass Sie unverschämt sind. Dieses Haus gehörte meinem Großvater, und jetzt gehört es mir. Sie sind der Eindringling, nicht ich! Und wenn Sie sich nicht sofort aus dem Staube machen, werde ich …“ Sie verstummte, als sie sich vorstellte, wie sie diesen Riesen von einem Mann gewaltsam hinausbefördern sollte.

Er grinste. Wahrscheinlich war ihm der gleiche Gedanke durch den Kopf geschossen. Langsam drehte er die Reitpeitsche zwischen Daumen und Zeigefinger. „Was würden Sie denn tun?“

„Ich würde Sie auffordern, mein Haus zu verlassen“, antwortete Holly hitzig, „und die Polizei holen, wenn Sie es nicht täten.“ Sie zitterte und war ärgerlich, weil sie ihm erlaubte, sie zu reizen. „Ich habe eine lange, anstrengende Fahrt hierher. Sie haben mich geweckt, und ich bin schlechter Laune. Gehen Sie. Sie haben kein Recht, sich hier aufzuhalten.“

„Da ich den Schlüssel besitze, habe ich sehr wohl das Recht, finden Sie nicht auch?“

„Einen Schlüssel habe ich auch, und es ist gewiss nicht meine Schuld, dass er nicht mehr passt“, sagte Holly wütend.

„In diesem Fall wären Sie besser gleich wieder umgekehrt, als Sie das feststellten.“

„Mein Auto ist stehen geblieben, weil ich kein Benzin mehr hatte. Und erzählen Sie mir bloß nicht, dass Sie das nicht wussten. Sie haben mich gestern lange genug beobachtet. Wenn Sie so sehr gegen meine Anwesenheit hier waren, warum haben Sie mich nicht früher aufgehalten? Und meinen Sie vielleicht, dass ein Hausschlüssel Sie zum Hauseigentümer macht? Oder ist es Ihre Angewohnheit, Frauen aus dem Bett zu holen? Haben Sie vielleicht Spaß daran, Frauen zu bedrohen?“

Holly hatte noch nie so unhöflich zu irgendjemandem gesprochen. Gute Manieren und Höflichkeit Fremden gegenüber waren ihr schon in jungen Jahren eingebläut worden. Aber dieser Grobian verdiente es nicht besser. Wer glaubte er zu sein?

Seine Augen wurden zu Schlitzen, als er sie so sprechen hörte, und seine Nasenflügel bebten, während er die Peitsche gegen seine Reitstiefel schlug. „Verflucht, Sie sind auf dem besten Weg, belästigt zu werden!“

Holly fuhr zusammen und machte einige Schritte zurück. Dabei stolperte sie an der untersten Treppenstufe und fiel ungraziös hin. Morgenrock und Nachthemd rutschten hoch, sodass ihre langen, schlanken Beine bis obenhin sichtbar wurden.

Sie bemerkte, dass er ihre Beine ungeniert musterte. Aber da sie nicht zeigen wollte, wie peinlich ihr diese Inspektion war, machte sie keine Anstalten, sich zu bedecken. Stattdessen erhob sie sich langsam und tat so, als sei nichts geschehen.

Dann kam ihr der Gedanke, dass dieser Mann gefährlich werden könnte, wenn sie ihn zu sehr reizte. Niemand würde ihre Hilferufe hören, wenn es ihm einfiel, sie zu belästigen. Und sie traute ihm alles zu.

Andererseits aber war es unmöglich, sich einem so hochnäsigen und unverschämten Menschen gegenüber zivilisiert zu benehmen. Holly schüttelte den Kopf, dass ihre Locken flogen. „Wenn Sie mich auch nur mit dem kleinen Finger berühren, werden Sie den größten Ärger bekommen.“

„Da dann mein Wort gegen das Ihre stünde, würden Sie wohl kaum Erfolg damit haben“, gab er ungeniert zurück.

Holly sah ihn böse an. „Sie halten sich wohl für eine sehr wichtige Persönlichkeit in dieser Gegend. Wollten Sie das damit andeuten? Dann lassen Sie sich gesagt sein, dass es mich völlig kalt lässt. Von mir aus können Sie der Kaiser von China sein. Wenn Sie mich anrühren, mache ich solch einen Skandal, dass Sie wünschen, nie geboren worden zu sein!“

Erstaunlicherweise lächelte der Fremde. „Sie spielen sich reichlich auf für Ihre Größe. Ich muss zugeben, dass ich eine Frau mit Verstand und Kühnheit bewundere. Das heißt aber nicht, dass Sie hier bleiben dürfen.“

Holly merkte, dass sie auf verlorenem Posten kämpfte. „Ich weiß nicht, wer Sie sind. Aber es scheint, dass wir völlig entgegengesetzte Ansichten über diesen Besitz haben. Ich kann beweisen, dass er mir gehört.“ Leider hatte sie den Brief des Anwaltes nicht bei sich. „Haben Sie Beweise?“

„Ich heiße McEwen“, sagte er, „Kevin McEwen.“

Holly fiel es wie Schuppen von den Augen. Sie hätte es wissen müssen! Die Angst ihrer Kindheit, die sie vor der McEwen-Familie empfunden hatte, verwandelte sich in Feindseligkeit. „Der hiesige Landbesitzer?“, fragte sie unbeeindruckt. „Dann sollten Sie wissen, dass Ihr Vater oder Großvater dieses Stück Land mit dem Haus an meine Großeltern verkauft hat.“

Er betrachtete sie kalt und mit steinerner Miene. „Wir wollen die Tatsachen klarstellen: Es war mein Urgroßvater, der es verkaufte.“

„Dann streiten Sie es also nicht ab?“

„Nein, durchaus nicht.“ Zum ersten Mal legte er die Peitsche, mit der er die ganze Zeit gespielt hatte, aus der Hand. Dabei sah er aus dem Fenster.

Holly folgte seinem Blick und sah draußen einen wundervollen Rappen weiden. Sein Fell glänzte und verriet sorgfältige Pflege. Die Muskeln spielten unter dem seidigen Fell, wenn sich das Tier bewegte. Herr und Hengst passen gut zueinander, dachte Holly, jeder ein besonderes Exemplar seiner Art.

Genau betrachtet war Kevin McEwen der aufregendste Mann, dem sie je begegnet war. Sie wäre keine richtige Frau gewesen, hätte sie die sexuelle Anziehungskraft nicht gespürt. Aber er war unglaublich arrogant und meinte offenbar, jeden nach seiner Pfeife tanzen lassen zu können. Aber Holly Burns ließ sich von niemandem Vorschriften machen!

„Und warum behaupten Sie dann, dass das Haus Ihnen gehört?“, fragte sie betont ruhig. Die ganze Situation hatte nur einen Fehler: Sie fühlte sich durch ihr ungekämmtes, ungeschminktes und ungewaschenes Aussehen benachteiligt. Sie wünschte sich, richtig angezogen zu sein. Dann hätte es ihr Spaß gemacht, diesem Gernegroß zu sagen, was sie von ihm hielt.

Er lächelte, was eher ironisch als freundlich wirkte. „Mein Urgroßvater verkaufte Alasdair Burns dieses Haus und Grundstück, aber mein Großvater, James McEwen, eine Spielernatur in jeder Hinsicht, gewann es bei einem Pokerspiel zurück.“

„Sie lügen!“, entfuhr es Holly, und ihr wurde schwindelig. Obwohl sie ihn der Lüge bezichtigte, schien es ihr, als habe er doch die Wahrheit gesagt.

„Das ist eine Tatsache, auch wenn Sie es nicht wahrhaben wollen“, antwortete er gelassen. „Außerdem sollten Sie Ihren Mund wieder zumachen, damit keine Fliege hineinkriecht.“

Während er sprach, schob er ihr einen Sessel hin, dessen Kissen die gleichen Chintzbezüge hatte wie die des Lehnsessels vor dem Kamin. Alles war mit großer Sorgfalt und Liebe von ihrer Großmutter genäht und bestickt worden. Das Haus war ihr ganzer Stolz und ihre Freude gewesen. Und nun behauptete dieser hergelaufene Kerl, dass es den Großeltern nur für kurze Zeit gehört hätte und an die McEwens zurückgefallen sei?

Holly machte den Mund wieder zu und setzte sich in den Sessel. Sie wusste, lange würde sie nicht mehr auf den Beinen bleiben können. „Wenn das wahr sein sollte, möchte ich gern wissen, warum mein Großvater mir alles in seinem Testament vermacht hat. Er hätte es doch sonst geändert. Sie müssen sich irren.“

Holly brauchte sich nur an den Streit zwischen den beiden alten Herren zu erinnern, um zu wissen, dass Kevin McEwen recht hatte. Ihre Angst damals vor dem alten, heftig schimpfenden Mann war begründet gewesen, und jetzt stand sie einer jüngeren Ausgabe gegenüber, die sich die größte Mühe gab, den Alten durch Arroganz und Unverschämtheit noch zu übertreffen.

„Vielleicht stimmt es nicht, und Ihr Großvater hat es nur behauptet. Bis Sie es beweisen können, werde ich hier bleiben“, erklärte sie entschieden.

Holly stellte erschrocken fest, dass sie diese Entscheidung viel zu hastig getroffen hatte. Ihre Pläne waren doch ganz anders gewesen: Sie hatte vorgehabt, sich nur kurz umzusehen, einige Andenken auszusuchen und dann wieder abzufahren. Sie hatte nicht geplant, hier zu leben, nicht einmal für kurze Zeit. Warum hatte sie sich von Kevin McEwen herausfordern lassen, ihre Pläne über den Haufen zu werfen?

Er trat ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. „Zweifeln Sie etwa an den Worten eines McEwen?“, fragte er in einem Ton, der andeutete, dass so etwas undenkbar war.

„Ich habe gesagt, dass ich es schriftlich sehen will“, erklärte Holly heftig.

„Haben Sie noch nie etwas von einem ‚Gentlemen’s Agreement‘ gehört?“

Holly blickte auf. Er starrte sie aus dunklen Augen an, sodass sie unwillkürlich zusammenschrak. Aber mutig hielt sie seinem Blick stand. „Danach zu urteilen, was ich bisher über Ihren Großväter gehört habe, war er keineswegs ein Gentleman. Das scheint übrigens eine Familieneigenschaft zu sein.“

Er verstand diese von ihr beabsichtigte Beleidigung und kam einen Schritt auf sie zu. „Wenn ich kein Gentleman wäre, würde ich Sie jetzt übers Knie legen. Sie können froh sein, junge Frau, dass ich es nicht tue. Außerdem kenne ich eine viel bessere Methode, Sie zu bändigen.“

Bevor Holly noch überlegen konnte, was er wohl meinte, packte er sie hart an den Oberarmen und zog sie hoch. Er presste sie so heftig an seine Brust, dass ihr die Luft wegblieb.

„Was tun Sie da?“, stieß sie mühsam hervor und versuchte verzweifelt, sich aus seiner Umklammerung zu befreien.

Höhnisch verzog er den Mund und beugte sich über sie. Da er ihr die Arme fest an ihre Seiten drückte, war sie völlig hilflos. Sie konnte sich nicht bewegen. Als sein Mund sie berührte, versuchte sie zu schreien. Aber er verschloss ihre Lippen mit einem Kuss, der ihr den Atem nahm. Er war so voller Leidenschaft, dass ihr Körper sofort darauf ansprach.

Dieser Mann war nicht zärtlich wie Steve, sondern fordernd und kraftvoll. Er war erfahren und kannte die Reaktionen der Frauen auf seine Anziehungskraft und sein Aussehen. Und ganz gegen ihren Willen schlug Hollys Herz schneller. Sie versank in einem Wirbel von Leidenschaft und Begehren, wie sie es nie zuvor erlebt hatte.

Als er sie endlich freigab, fiel sie verwirrt in den Sessel, aus dem er sie so unerwartet hochgerissen hatte. Er hatte ihr eine Lektion erteilen wollen, und das war ihm gelungen. Zitternd saß Holly da. Noch nie in ihrem Leben war sie so erregt gewesen. Er war ein ausgesprochen männlicher Typ, und seine kraftvolle Aggressivität machte ihn anziehend, jedenfalls für Holly, obwohl sie sich dagegen sträubte.

Autor

Margaret Mayo
Margaret Mary Mayo wurde am 7. Februar 1935 in der Grafschaft Staffordshire, England, geboren und hat diese Region noch nie verlassen. Sie hatte nie vor Autorin zu werden, obwohl sie das Lesen liebte. Nachdem ihre beiden Kinder, Adrian und Tina, geboren waren und schließlich zur Schule gingen, nahm sie ihre...
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