Sag mir die Wahrheit!

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Sagt Chase Remmington die Wahrheit? Wenn es stimmt, was der attraktive Weingutbesitzer herausgefunden hat, bricht Jillian das Herz: seine Tochter Marianne und ihre Tochter Abby sollen bei der Geburt vertauscht worden sein! Aber um nichts in der Welt würde sie ihr kleines Mädchen hergeben...
  • Erscheinungstag 29.07.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733778705
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

PROLOG

Chase Remmington hielt die Hand seiner Frau fest umklammert, und als die nächste Wehe kam, sprach er ihr Mut zu. Ein weiterer Adrenalinstoß ging ihm durch die Adern, und seine Aufregung steigerte sich fast ins Unerträgliche. Er machte sich die größten Sorgen um Fran. Eine OP-Haube bedeckte sein braunes Haar, aber man sah den Schweiß, der ihm auf der Stirn stand.

Draußen tobte ein eisiger Januarsturm. Bei dieser Witterung wäre es zu gefährlich gewesen, Fran in die Großklinik in der Nähe von Washington, D.C. zu transportieren. Deshalb brachte sie das Kind jetzt in einem kleinen Krankenhaus ganz in der Nähe ihres Hauses zur Welt. Obwohl das Hospital einen ausgezeichneten Eindruck auf sie gemacht hatte, als sie es im Rahmen des Geburtsvorbereitungskurses besichtigt hatten, bedauerte Chase jetzt zutiefst, Fran nicht in das größere Krankenhaus gebracht zu haben. An diesem Abend war die Station schlecht besetzt, und der Kreißsaal war überfüllt, weil viele Frauen schon in der frühen Phase der Geburt die Klinik aufgesucht hatten. Offenbar hatten sie Angst, dass das stürmische Winterwetter sie ans Haus fesseln könnte.

Der Kreißsaal sowie die Entbindungsstation waren derart überfüllt, dass zwei Frauen, die in den Wehen lagen, in einer engen Kabine auf dem Flur untergebracht worden waren. Fran teilte sich die Kabine mit einer jüngeren werdenden Mutter, die kaum älter als Anfang zwanzig zu sein schien. Wegen des Personalmangels konnte sich nur eine einzige Krankenschwester um die beiden kümmern. Kurz bevor die Schwester den Vorhang zwischen den Betten der beiden Frauen zuzog, hatte Chase einen schnellen Blick auf das Nachbarbett werfen können. Die Frau war ganz ohne Begleitung, und er war fassungslos, dass man sie die wahnsinnigen Schmerzen offensichtlich allein durchstehen ließ.

Mit seinen fünfunddreißig Jahren war er ein erwachsener Mann. Die Frau nebenan dagegen wirkte fast ein bisschen jung für ein Baby. Zu jung, um die Verantwortung, die ein Kind bedeutete, ganz allein tragen zu können. Das Baby, das Fran zur Welt brachte, war ein Wunschkind, und trotzdem sah er den Sorgen und Nöten der Elternschaft manchmal ängstlich und verunsichert entgegen.

Frans Frauenärztin Dr. Fenneker trat hastig ans Bett. Sie wirkte reichlich gehetzt, und während sie Fran untersuchte, rief die Krankenschwester, die die Frau nebenan durch die Wehen begleitet hatte, hinter dem Vorhang: „Der Kopf des Kindes ist da! Bitte zur Geburt!“

„Hier auch!“, rief Dr. Fenneker zurück.

Die Krankenschwester riss den Vorhang zur Seite. „Soll das heißen, dass ich die Entbindung bei Mrs. Kendall ganz allein durchführen muss?“, stieß sie mit zittriger Stimme hervor. „Dr. Singer hat doch vorhin gesagt, dass er gleich …“

„Dr. Singer entbindet die Zwillinge in Saal zwei. Sie schaffen das schon. Wenn Fran zwei Mal mit aller Kraft presst und ihr Baby da ist, helfe ich Ihnen.“

„Die nächste Presswehe!“, rief die junge Bettnachbarin gequält.

Chase erschrak über die Angst, die in der Stimme der Frau lag, konzentrierte sich aber auf Fran, die seine Hand panisch umklammert hielt. „Alles wird gut“, versicherte er ihr aufmunternd.

„Das Baby kommt“, rief die Krankenschwester.

„Dieses hier auch!“, gab Dr. Fenneker zurück, während sie am Fußende von Frans Bett stand. „Tun Sie einfach das, was Sie in Ihrer Ausbildung gelernt haben. Ich bin gleich bei Ihnen.“

Fran schrie auf vor Schmerzen und presste erneut mit aller Kraft.

Chase hatte das Gefühl, dass der Schmerz ihn ebenfalls zerriss. Um Himmels willen, mach, dass es bald vorbei ist! flehte er innerlich.

Ein paar Minuten später glitt das Baby aus Frans Unterleib in Dr. Fennekers Hände. „Sie haben ein kleines Mädchen!“, verkündete die Ärztin triumphierend.

Nie hatte Chase seine Frau mehr geliebt als in diesem Augenblick. Fran und das Kind … seine Tochter!

„Hier haben wir auch ein Mädchen“, erklärte die Krankenschwester zittrig. Sie und Dr. Fenneker saugten die Atemwege der beiden Neugeborenen frei und klemmten die Nabelschnüre ab.

Chase beugte sich zu Fran hinunter und flüsterte ihr zärtlich ins Ohr, welch tiefe Gefühle ihn durchströmten.

Nachdem die Ärztin das Baby versorgt hatte, legte sie es in ein Bettchen, das neben das Bettchen von Mrs. Kendalls Tochter am Fußende der Betten gerollt worden war, in denen die Frauen lagen.

Plötzlich flackerte das Licht auf. Sekunden später herrschte auf der Entbindungsstation, auf dem Flur sowie in der Kabine völlige Dunkelheit. Chase ergriff die Hand seiner Frau. „Alles wird gut“, beruhigte er sie. „Das Licht geht bestimmt sofort wieder an. Jedes Krankenhaus verfügt über ein Notstromaggregat. Garantiert.“

„Das Notstromaggregat springt nicht an!“, schrie in diesem Augenblick jemand im hinteren Bereich des Flurs. „Wir kümmern uns sofort.“

Beide Babys weinten leise. Chase hörte, wie die Bettchen der Babys kurz über den Fußboden rollten, während die Ärztin und die Krankenschwester orientierungslos über den Flur hasteten.

Einen Moment lang fühlte Frans Hand sich kalt und klamm an.

Die Krankenschwester schaltete eine batteriebetriebene Lampe an und stellte sie auf den Tisch. Dr. Fenneker kümmerte sich um Mrs. Kendall. Der Monitor gab kein Bild und keinerlei Geräusche mehr von sich …

Das beruhigende Piepsen war verstummt.

Wo ist mein Baby? Verzweifelt irrte Chase im Halbdunkel umher und suchte nach seiner Tochter. Die Schwester stand zwar bei den Bettchen, aber die Babys konnte er nicht sehen. Einen Moment später brachte sie Frans Tochter und legte sie ihr in den Arm.

Fran blieb jedoch stumm. Obwohl er kaum die Hand vor Augen sehen konnte, wusste Chase, dass irgendetwas nicht in Ordnung war.

„Dr. Fenneker? Dr. Fenneker, kommen Sie sofort zu meiner Frau!“

Das Licht ging wieder an.

Fran war leichenblass, und das Laken war über und über mit Blut befleckt.

Mit einem Satz war Dr. Fenneker an Frans Bett.

Und dann versank alles im Chaos.

1. KAPITEL

Eigentlich kommentierte Chase Remmington die Schläge, die das Schicksal ihm versetzte, noch nicht mal mehr mit einem Schulterzucken. Dazu hatte er in den vergangenen drei Jahren einfach zu viel ertragen müssen. Dennoch hatte der jüngste Schlag sein Leben weitaus mehr erschüttert als all das, was bisher passiert war.

Mit schnellen Schritten durchquerte er den Park. Lau blies der Wind ihm entgegen und wehte das Jackett seines Anzugs auseinander. Für den harten Winter in Pennsylvania war er vollkommen unangemessen gekleidet, aber hier in Florida war es fast schon zu warm für ein Jackett, obwohl es erst Februar war.

Sein Blick war auf eine Mutter mit ihrem Kind geheftet, die gemeinsam im Daytona Beach Park spielten. Er konzentrierte sich völlig auf die beiden und vergaß alles andere um sich herum, denn das dreijährige Mädchen war möglicherweise sein eigenes Kind. Seine leibliche Tochter.

Er ließ seinen Blick über Jillian Kendall schweifen, die Frau, die in derselben Nacht wie Fran ein Baby zur Welt gebracht hatte – im Bett direkt neben ihr. Ein paar Minuten lang hatten chaotische Zustände geherrscht, und in diesen Minuten war ihr Leben vermutlich auf eine Weise miteinander verknüpft worden, die weder sie noch er sich in ihren kühnsten Träumen je hätten vorstellen können.

Im Umgang mit anderen Menschen ging Chase nie besonders diplomatisch vor. Fran hatte das verstanden. Mehr als ein Mal hatte sie ihn darauf hingewiesen, dass er sich viel zu direkt und viel zu fordernd verhielt, um ihm dann hinterher lächelnd zu erklären, wie sehr sie ihn dafür bewunderte. Doch jetzt musste er Jillian Kendall mit Samthandschuhen anfassen, obwohl er am liebsten auf der Stelle zu Marianne zurückgekehrt wäre, um sich zu vergewissern, dass sich ihr Zustand nicht verschlimmert hatte. Er wollte nichts anderes, als an ihrem Bett sitzen und ihr Geschichten vorlesen. Denn wenn er das tat, funkelten und strahlten ihre Augen jedes Mal.

Beim zweiten Blick auf Jillian Kendall stellte er fest, dass in ihrem kastanienbraunen Haar rote Strähnen schimmerten. Drei Jahre nach der Geburt ihrer Tochter sah sie noch schöner aus als damals. In jener Nacht hatte er zwar nur einen kurzen Blick auf sie werfen können, aber ihr Aussehen war ihm noch sehr deutlich vor Augen.

Jetzt lächelte Jillian. Sie ging mit ihrer Tochter zur Schaukel. Der Privatdetektiv, den Chase vor einiger Zeit engagiert hatte, hatte ihm berichtet, dass sie ihre Tochter Abby genannt hatte. Abby, meine Tochter, dachte er.

Jillian war überrascht, dass Chase den gepflasterten Weg verließ, eine Abkürzung über den Rasen nahm und direkt auf sie zu marschierte.

Er ließ seinen Blick interessiert über die kleine Abby gleiten, betrachtete eingehend ihr schulterlanges, gewelltes braunes Haar und ihre braunen Augen, bevor er sich schließlich an Jillian wandte. „Mrs. Kendall?“

„Ja, ich bin Jillian Kendall.“ Ihre grünen Augen sahen außerordentlich neugierig drein.

Er wusste, dass sie inzwischen verwitwet war, und er hoffte, dass das Leben ohne einen Mann an ihrer Seite ihm in die Hände spielen würde. „Mein Name ist Chase Remmington. Ich komme zu Ihnen wegen einer Angelegenheit, die Sie und Ihre Tochter betrifft.“

Obwohl sie ihre Tochter schaukelte, trat sie einen Schritt näher zu ihm. „Was denn für eine Angelegenheit?“

„Ich bin heute Morgen aus Pennsylvania hergeflogen. In Pennsylvania besitze ich ein Weingut, die Willow Creek Estates. Ich habe bereits versucht, Sie bei sich zu Hause aufzusuchen, aber leider traf ich Sie nicht an. Ihr Nachbar hat mir allerdings verraten, dass Sie mit Ihrer Tochter oft in den Park gehen. Es war mir äußerst wichtig, Sie so schnell wie möglich zu finden.“

„Warum?“

Die Mittagshitze brannte. In Florida konnte es sogar im Februar ausgesprochen heiß werden, und Abby wurde in der Schaukel langsam unruhig. Die braunen Locken wippten ihr rechts und links um den Kopf, als sie ihre Mutter fragend anschaute. „Ich habe Hunger. Kann ich nach Hause?“, wisperte sie so leise, dass Chase sie kaum verstehen konnte.

Jillian kümmerte sich augenblicklich um ihre Tochter. Sie stellte sich vor die Schaukel und hielt sie an. „Ja, wir gehen sofort nach Hause“, erklärte sie, hob ihre Tochter heraus und behielt sie auf dem Arm.

Das Mädchen lehnte den Kopf an die Schulter der Mutter und musterte Chase schüchtern.

Unvermittelt empfand Chase das starke Bedürfnis, Abby ebenfalls auf dem Arm zu halten. Er wollte sie unbedingt kennen lernen, wollte herausfinden, ob sie wirklich seine Tochter war. Das einerseits. Andererseits wäre es ihm am liebsten gewesen, wenn er die Finger von der Sache hätte lassen können. Auf keinen Fall sollte sein enges Verhältnis zu Marianne irgendwie geschädigt werden. Aber er hatte keine Wahl.

Jillian trug Jeans und eine blau geblümte Bluse. Steht ihr ausgesprochen gut, ging es Chase unwillkürlich durch den Kopf.

„Ihre Tochter hat Hunger. Außerdem ist es ziemlich heiß“, bemerkte er. „Es wäre wirklich das Beste, wenn wir zu Ihnen gehen und uns dort über die Angelegenheit unterhalten.“

Jillian setzte ihre Tochter in den Buggy, den sie neben der Schaukel abgestellt hatte. Die Frisur verdeckte ihr Gesicht, aber als sie sich wieder aufrichtete, schaute sie ihn direkt an. „Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich Sie einen Fuß in mein Haus setzen lasse, bevor Sie mir nicht verraten haben, worum es eigentlich geht. Ich bin noch nie in Pennsylvania gewesen, und von einem Weingut namens Willow Creek Estates höre ich zum ersten Mal.“

Chase wusste, dass Jillian als Veranstaltungsmanagerin arbeitete. Sie war offen und durchsetzungsfähig, und sie hatte alle Eigenschaften, die man von einer jungen, selbstbewussten Frau heutzutage erwarten durfte. Er würde die Bombe platzen lassen müssen, wenn er erreichen wollte, dass sie ihn in ihr Leben ließ.

„Wir sind uns schon mal begegnet“, begann er vorsichtig. „Zugegeben, nicht offiziell. Meine Frau hat ihr Baby in derselben Nacht zur Welt gebracht wie Sie Ihres. In derselben Kabine auf dem Flur.“

Jillian riss die Augen auf. „Damals in der kleinen Klinik, in der Gegend von Washington, D.C.?“

„Ja. Ich nehme allerdings an, dass Sie sich nicht an mich erinnern können. Sie lagen in den Wehen, und die meiste Zeit war der Vorhang zwischen den beiden Betten zugezogen. Wissen Sie noch, was dann geschah? Die beiden Entbindungen fanden praktisch gleichzeitig statt, und danach gab es einen Blackout …“

„Ja, natürlich kann ich mich erinnern. Und Ihre Frau …“

„Sie hat einen Blutsturz erlitten“, erklärte Chase. „Im OP ist sie dann gestorben.“

„Das tut mir außerordentlich leid.“

Chase wollte nicht weiter über das Unglück reden. „In jener Nacht ist ein schwerer Fehler passiert.“ Jetzt wurde er direkt. „Unsere Töchter sind vermutlich vertauscht worden. Ich glaube, dass Abby meine Tochter ist. Und meine Tochter Marianne ist Ihre.“

Jillian wurde aschfahl. „Ausgeschlossen“, stieß sie entsetzt hervor. „Die Krankenschwester hat Abby sofort ein Armband umgebunden.“

„Ja, und dabei muss es passiert sein. Die Schwester hat den Babys die falschen Bänder umgebunden. Ich schlage allerdings vor, dass wir woanders weiterreden. Irgendwo, wo wir Ruhe haben.“

Jillian Kendall wirkte wie vom Schlag getroffen. Abwehr und panische Angst spiegelten sich auf ihrem Gesicht, als ihr plötzlich klar wurde, dass er sogar recht haben könnte.

In diesem Moment machte Abby sich in ihrem Buggy bemerkbar. Sie strampelte unruhig und fuchtelte mit den Ärmchen in Richtung ihrer Mutter. „Mommy, nach Hause. Bow-Wow hat Hunger.“

„Okay, Schatz, lass uns nach Hause fahren“, meinte Jillian und legte die Hand beruhigend auf den Kopf ihrer Tochter.

Aus irgendeinem völlig verrückten Grund verspürte Chase den Impuls, Jillian Kendall in die Arme zu schließen. Sofort jedoch bemühte er sich, auf Distanz zu gehen. „Mrs. Kendall …“

„Nennen Sie mich ruhig Jillian“, unterbrach sie ihn leise. „Wir gehen am besten zu mir. Ich werde uns etwas zu essen machen. Danach hält Abby ihr Mittagsschläfchen, und dann können Sie mir alles sagen, was Sie mir zu sagen haben. Aber ich rate Ihnen dringend, mir mehr zu bieten als nur die wirre Vermutung, dass unsere Kinder damals vertauscht worden sein könnten.“

„Kein Problem“, erwiderte er brüsk.

Sie warf ihm einen warnenden Blick zu, griff nach dem Buggy und schob ihre Tochter heimwärts.

Der Mann ist verrückt, dachte Jillian und zitterte innerlich, als sie zusah, wie Abby hungrig in die Küche rannte. Und er irrt sich gewaltig, überlegte sie weiter. Vertauschte Babys. Ausgeschlossen! Obwohl er gar keinen verrückten Eindruck macht und ganz vernünftig mit mir gesprochen hat. Er sieht sogar aus, als ob …

Chase war groß und kräftig, und seine Augen waren noch dunkler als sein braunes Haar. In ihrem gemütlichen Haus, das sie mit Blumen, Kissen aus Chintz, gerahmten Kunstdrucken und Porzellanvasen hübsch dekoriert hatte, wirkte er allerdings irgendwie deplatziert.

Die Tränen standen ihr in den Augen, als sie in die Küche ging, ihre Tochter in die Arme schloss und sie hochhob, damit sie sich am Waschbecken die Hände abspülen konnte. Es kümmerte sie nicht, dass Chase Remmington sie vielleicht für eine unfreundliche Gastgeberin hielt. Sie musste unbedingt auf Distanz gehen. Und sie wollte ihrer Tochter nahe sein. Es brauchte Zeit, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass er sie mit einer Tatsache konfrontierte, auf die sie nur mit heftigster Abwehr reagieren konnte.

Chase Remmington dachte jedoch nicht daran, auf Distanz zu gehen und ihr Zeit zu lassen. Plötzlich stand er in der blaugelben Küche neben ihr und setzte sich ungebeten auf einen der gepolsterten Stühle, als hätte er sich schon tausend Mal dort hingesetzt.

Nachdem sie Abby die Hände abgetrocknet hatte, hob Jillian ihre Tochter ebenfalls auf einen Stuhl. Normalerweise plapperte Abby ununterbrochen, aber wenn sich ein Fremder im Hause aufhielt, war sie plötzlich ausgesprochen schüchtern.

„Ich bin immer so direkt“, meinte Chase und lächelte verhalten.

Jillian war klar, dass sie die Angelegenheit so schnell wie möglich durchsprechen mussten. Aber jedes Mal, wenn sie ihn anschaute, schien ihr Herz sich fast zu überschlagen. Ihr Puls raste, und eine unerklärliche Hitze schoss ihr in die Wangen. Krampfhaft beschwor sie sich, um jeden Preis die Ruhe zu bewahren. Du bist nur erschrocken, redete sie sich ein, die Situation zerrt an deinen Nerven.

Sie ging zum Kühlschrank, öffnete ihn und starrte hinein. Aber der Inhalt verschwamm ihr vor den Augen.

„Mommy, Mommy, ich habe Hunger“, klagte Abby. „Und Bow-Wow auch.“ Das Kuscheltier saß vor ihr auf dem Tisch. „Ich will Saft und Huhn.“

Vergeblich versuchte Jillian, etwas zu sagen.

„Jillian?“ Chase tauchte hinter ihr auf.

Sie zwinkerte heftig mit den Augen, um die Tränen zurückzudrängen.

„Ich kann mir gut vorstellen, wie Ihnen zu Mute ist“, meinte er leise und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Jillian riss sich zusammen. Ja, wahrscheinlich kann er es sich wirklich vorstellen, dachte sie, weil er nämlich selbst Schreckliches erlebt hat. Auf sein Mitgefühl durfte sie jedoch keinesfalls vertrauen. Nicht, wenn sie stark sein wollte. Für ihre Tochter. Für Abby.

„Es geht schon wieder“, murmelte sie schließlich. „Lassen Sie mir eine Minute Zeit.“

Sie merkte, dass er sich zurückzog, und beobachtete, dass er zu ihrer Tochter ging und sie fragte, ob Bow-Wow ihr bester Freund sei.

„Nein. Mommy ist mein bester Freund“, erklärte Abby wie aus der Pistole geschossen.

Als Chase sich wieder auf seinen Platz setzte, stellte er fest, dass Jillian nicht mehr ganz so stark zitterte wie vorher. Sie griff nach dem Orangensaft im Kühlschrank, nach dem Hühnchensalat und nach einer Gurke. In ein paar Minuten hatte sie Abbys Mahlzeit zubereitet, das Essen für sich selbst und für Chase aber vollkommen vergessen.

Abby aß bereits ihr Sandwich.

„Was kann ich Ihnen anbieten?“, fragte Jillian ihren Gast. „Käse, Schinken …“

„Danke, ich bin nicht hungrig“, lehnte er ab. „Aber lassen Sie sich nicht abhalten.“

„Ich bekomme keinen Bissen runter.“

„Dann lassen Sie mich erzählen, warum ich zu Ihnen gekommen bin und was ich vorhabe.“

Jillian betrachtete ihre Tochter, die sich gerade ein Stück Gurke in den Mund schob. „Ich bin mir nicht sicher, ob wir die Angelegenheit in Abbys Gegenwart besprechen sollten.“

„Stimmt. Das Beste wäre, ich erläutere Ihnen erst mal die Fakten. Dann lenken Sie sie mit einem Malbuch ab, während wir besprechen, wie es weitergehen könnte.“

Offenbar wusste er, wie man mit Dreijährigen umzugehen hatte. Es sah ganz danach aus, als würde er sich intensiv um seine Tochter kümmern.

„Abby malt leidenschaftlich gern“, gestand sie ein. „Ihre Tochter auch?“

„Und wie. Sie liebt alles, was mit Basteln und Kleben zu tun hat.“ Er schaute Abby an und ließ den Blick dann wieder zu Jillian gleiten. „Meine Frau und ich wohnten in der Nähe von Washington, als sie schwanger wurde. Ich bin Biochemiker, und Fran hat im Labor gearbeitet, als ich sie kennen lernte. Wir waren ein Jahr lang verheiratet und beide schon fünfunddreißig. Wir wollten ein Kind und hatten keine Zeit mehr, lange zu warten.“

„Aber jetzt leben Sie in Pennsylvania?“, erinnerte sie sich an seine Worte.

„Ja. Auf einem Weingut in der Nähe von Lancaster. Ich bin Biochemiker geworden, weil ich auf dem Weingut meiner Familie aufgewachsen bin. Aber nach dem Studium bin ich immer nur für kurze Besuche dort gewesen. Bis vor neun Monaten. Mein Vater ist ganz unvermittelt an einem Herzinfarkt gestorben, und ich habe die Verwaltung des Gutes übernommen.“

„Dann wohnen Sie also mit Ihrer Tochter auf den Willow Creek Estates?“

„Ja. Zusammen mit meiner Mutter. Sie hilft mir sehr mit Marianne, seit …“ Chase hielt inne. „Genau deswegen bin ich zu Ihnen gekommen.“ Er stützte sich mit verschränkten Armen auf den Tisch und beugte sich vor.

Sein intensiver Blick gab ihr unmissverständlich zu verstehen, dass er zu den Männern gehörte, die niemals Zweifel an ihren Absichten aufkommen ließen. Seine Ziele standen ihm klar vor Augen und die Wege dorthin auch. Ganz anders als Eric. Eric hatte sie gelehrt, dass man Männern nicht trauen durfte. Männer waren in der Lage, jede Situation zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen. Als er gestorben war, hatte sie sich geschworen, in Zukunft nur an Abby zu denken.

Abby sollte die Nummer eins ihres Lebens sein. Was auch immer sie tat, ihre Tochter sollte den größten Vorteil davon haben.

Meine Tochter.

Jillian schluckte schwer. Sie stellte fest, dass das Mädchen ihr Sandwich und die Gurke aufgegessen hatte und sich über die Kekse hermachte. In den letzten Tagen hatte das Kind nahezu ununterbrochen vor sich hingeplappert und nur während der Mahlzeiten geschwiegen. Ob seine Tochter wohl auch so lebhaft ist wie meine? fragte sie sich unwillkürlich.

Kann es wirklich sein, dass Abby seine Tochter ist?

Chase Remmingtons tiefe Stimme ließ sie aus ihren Überlegungen aufschrecken. „Ich kann mir denken, was Ihnen durch den Kopf geht“, hörte sie ihn sagen. „Wenn ich Marianne anschaue, kann ich mir auch nicht vorstellen, dass sie das Kind von jemand anders ist.“

Jillian fing seinen Blick auf. Seine Bemerkung hatte sie mitten ins Herz getroffen. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass ihr Leben von nun an nie mehr so sein würde, wie es gewesen war.

„Erzählen Sie mir alles“, bat sie ihn.

Er lehnte sich leicht zurück und fuhr fort: „Frans Schwangerschaft war kompliziert, aber sie hat eigentlich nie gejammert. Wir wollten beide ein Baby. Die ganzen neun Monate hatte sie unter morgendlicher Übelkeit zu leiden. Sie hat es geduldig ertragen. Als dann die Wehen begannen, dachten wir überglücklich, dass das Leben für uns erst richtig beginnen würde.“

Meine Schwangerschaft war ganz anders, überlegte Jillian. Es hatte sie zutiefst verletzt, dass Eric sie betrogen hatte. Trotzdem hatte sie sich entschieden, ihm zu verzeihen und an der Ehe festzuhalten.

„Wie lange haben die Wehen Ihrer Frau gedauert?“, hakte Jillian vorsichtig nach.

„Schrecklich lange. Zwölf Stunden. Als es endlich so weit war, war sie mit den Kräften am Ende.“

Obwohl Jillian genug mit sich selbst zu tun gehabt hatte, waren ihr damals dennoch ein paar Frauen aufgefallen, deren Wehen noch längst nicht so weit fortgeschritten waren wie ihre, als man sie in die Kabine am Ende des Flurs geschoben hatte. Außerdem konnte sie sich gut erinnern, dass die Entbindungsstation an jenem Abend vollkommen überfüllt gewesen war. Dann hatte sie jedoch all ihre Kräfte auf Abbys Geburt konzentriert. Nichts anderes hatte sie interessiert.

Gleich nachdem sie Fran Remmington in die Nachbarkabine gefahren hatten, hatte die Krankenschwester den Vorhang zugezogen. Jillian erinnerte sich noch an den schnellen Blick, den Chase ihr zugeworfen hatte, und an den liebevollen und bewundernden Blick, der seiner Frau gegolten hatte. In diesem Moment hatte sie sich so einsam gefühlt wie noch nie zuvor in ihrem Leben. In der Nacht, in der Abby geboren worden war, war Eric nicht in der Stadt gewesen. Sogar während der Wehen, die kaum auszuhalten gewesen waren, machte sie sich noch Gedanken darüber, wo und mit wem er sich gerade herumtrieb – und ob sie ihm wohl jemals wieder würde vertrauen können.

„Wir haben nur wenige Minuten nacheinander entbunden“, entsann Jillian sich.

„Die Ärztin hatte der Krankenschwester Anweisungen gegeben“, ergänzte Chase. „Danach sind beide Babys in die Rollbettchen gelegt worden.“

„Und dann ging ganz plötzlich das Licht aus“, murmelte Jillian.

„Ja, das Licht ging aus. Ich habe gehört, wie die Babybetten verschoben worden sind. Die Rollen haben geknirscht.“ Er schaute sie besorgt an. „Mein Privatdetektiv hat die Krankenschwester ausfindig gemacht, die damals vor drei Jahren Dienst hatte. Sie hat zugegeben, dass sie seit jener Nacht den Zweifel hegt, ob sie die Armbänder vertauscht hat oder nicht.“

„Warum um alles in der Welt ist sie dann nicht von sich aus mit der Sprache herausgerückt?“

„Sie war damals bereits allein erziehende Mutter und wollte auf keinen Fall ihren Job riskieren.“

„Wie haben Sie das alles herausgefunden? Und wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, Nachforschungen anzustellen?“

In diesem Moment schaltete Abby sich ein. „Alles aufgegessen, Mommy. Kann ich Elmo sehen?“

Autor

Karen Rose Smith
Karen Rose Smith wurde in Pennsylvania, USA geboren. Sie war ein Einzelkind und lebte mit ihren Eltern, dem Großvater und einer Tante zusammen, bis sie fünf Jahre alt war. Mit fünf zog sie mit ihren Eltern in das selbstgebaute Haus „nebenan“. Da ihr Vater aus einer zehnköpfigen und ihre Mutter...
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