Sagapo heißt: Ich liebe dich

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Alexander Walcott brennt vor Eifersucht: Er hat einen Rivalen um Kates Liebe! Denn kaum verbringen sie einen romantischen Abend am Strand von Kreta, da taucht Robert Murrett auf. Er scheint zu glauben, dass er Kate erobern kann. Doch Alexander will sie für sich...
  • Erscheinungstag 12.04.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733777166
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Gleich nachdem Kate Pool am nächsten Morgen mit dem Krankenhaus telefoniert und erfahren hatte, dass ihre Arbeitgeberin Miss Nerina Walcott fest schlief, machte sie sich auf den Weg nach London. Sie wollte unbedingt mit dem Enkel der alten Dame sprechen und an sein Gewissen appellieren – so er denn überhaupt eines hatte –, seine Großmutter zu besuchen und Frieden mit ihr zu schließen. Es war ihr zwar nicht ganz klar, warum die beiden keinen Kontakt mehr miteinander pflegten, aber nach allem, was sie über die Angelegenheit wusste, hatte sie doch den Eindruck, dass die Entzweiung eher von ihm als von ihr verschuldet worden war.

Obwohl Alexander Walcott oder Xan, wie ihn seine Freunde nannten, erst in den Dreißigern war, hatte er sich schon einen Namen als Maler, Weltenbummler und Liebhaber schöner Frauen gemacht. Miss Walcott hatte eine Agentur in London damit betraut, Presseveröffentlichungen über seine Ausstellungen und sonstigen Großtaten zu sammeln und ihr zuzuschicken. Sie besaß bereits mehrere dicke Alben mit Zeitungsausschnitten über ihn und sein Tun, sowohl in künstlerischer wie auch in gesellschaftlicher Hinsicht.

Das Spektrum seiner abgelegten Freundinnen reichte von einer britischen Fernsehmoderatorin über eine amerikanische Anwältin bis hin zu der Polo spielenden Tochter eines australischen Millionärs. Keine hatte sein Interesse für mehr als nur ein paar Monate fesseln können, und auch an Nachfolgerinnen schien es nicht zu mangeln.

Ein Wochenblatt hatte ihn in einem Bericht zu den hundert begehrtesten Junggesellen der Welt gezählt und ihn als „einen der am schwersten zu fassenden Charmeure Europas“ bezeichnet, „dessen markantes Aussehen, formvollendetes Auftreten, Intelligenz und Talent den fehlenden Reichtum wettmachte“.

Was ihn jedoch wahrlich keinen armen Schlucker sein lässt, dachte Kate trocken, als sie aus dem Dorf fuhr, das ihr seit einem halben Jahr beruflich und privat als Ausgangspunkt diente.

Xan verdiente genug Geld mit seiner Kunst, um sich eine große Wohnung in London leisten zu können – wie die Hochglanzfotos in den Zeitschriften bewiesen – und auch die häufigen Reisen zu exotischen Plätzen, von wo er immer mit ausdrucksstarken Bildern und herrlichen Souvenirs zurückkam, um sein Heim in der Stadt oder das ateliermäßige Zuhause in einem Scheunenkomplex auf dem Land zu schmücken.

Seine Großmutter, ebenfalls eine begabte Malerin, bestritt ihren Lebensunterhalt, indem sie Gruppen von Hobbykünstlern an pittoreske Orte in Großbritannien sowie am Mittelmeer führte und ihnen dort half, ihre Fertigkeiten mit Pinsel und Stift zu verbessern.

Xan hingegen reiste allein oder in Begleitung seiner jeweiligen Freundin. Sein Einkommen übertraf das seiner Großmutter vermutlich um das Zehnfache und war bei weitem nicht so mühsam verdient. Und nach Kates Ansicht war es gerade dieses jahrzehntelange aufreibende Leben ihrer Arbeitgeberin, einschließlich der bedrückenden Entfremdung vom Enkel, warum Miss Walcott gestern nach dem Abendessen einen Herzanfall erlitten hatte.

Gut eine Stunde später hatte Kate die Hauptstadt erreicht. Da sie selbst einige Jahre hier zu Hause gewesen war, fiel es ihr leicht, zu der vornehmen Adresse von Xans Wohnung unweit von Kensington Gardens zu finden, aber die Parkplatzsuche gestaltete sich dann umso schwieriger. Endlich hatte sie eine Lücke erspäht und manövrierte den Wagen geschickt hinein.

Als Kate noch für einen Londoner Immobilienmakler arbeitete, hatte sie stets topmodisch gekleidet und super gepflegt sein müssen, doch seitdem sie Miss Walcotts Sekretärin war oder „Mädchen für alles“, wie sie sich empfand, spielte es keine Rolle mehr, was sie gerade trug. Jeans und Bluse, vielleicht auch ein Pulli an kühleren Tagen, waren genau der passende Look für ihren neuen Job. Eine zart getönte Gesichtscreme, etwas Lipgloss sowie farblose Mascara für die dichten schwarzen Wimpern waren die einzigen Kosmetikartikel, die sie noch regelmäßig benutzte. Schon seit Monaten hatte sie sich nicht mehr so richtig fein gemacht, ihre Kleider lagen fast alle noch unausgepackt im Koffer. Sie waren Überbleibsel eines Lebens, das Kate nicht wieder aufnehmen wollte, selbst in dem unwahrscheinlichen Fall nicht, dass man ihr die alte Stelle zurückgeben sollte.

Wie viele andere hatte auch sie den Schock der Kündigung ihres Arbeitsplatzes erfahren. Sie hatte ihn nur schwer verdaut, jedoch dabei erkannt, dass nichts von dem, das sie verloren hatte, sie wirklich glücklich gemacht hatte. Sie brauchte – und das hatte sie ihr ganzes Leben nie gehabt – eine Familie, das Gefühl, irgendwohin zu gehören. Deshalb hatte sie auch nicht viel Zeit für einen Mann wie Xan übrig, der nichts mit seiner nächsten Verwandten zu tun haben wollte.

Kate wusste noch nicht, wie schwer Miss Walcotts Herzanfall gewesen war, doch wenn diese durchkäme, war das allein deren eiserner Willenskraft und der medizinischen Fürsorge im Krankenhaus zu verdanken. Sie ist hart im Nehmen, dachte Kate zuversichtlich, wenn auch ein wenig fest gefahren in ihren Gewohnheiten und Ansichten, aber das ist sicherlich normal für einen Menschen ihres Alters.

In den sechs Monaten ihrer Bekanntschaft hatte Kate ein äußerst warmes Gefühl für ihre Arbeitgeberin entwickelt und wäre begeistert gewesen, sie zur Großmutter zu haben. Warum es Xan Walcott nicht so erging, warum er nicht auch nur einmal telefonierte, war ihr unverständlich.

Hoffentlich ist er da, dachte Kate, als sie an der Haustür klingelte. Sie hatte ihn gestern Abend anrufen wollen, dann aber feststellen müssen, dass er eine Geheimnummer besaß.

„Wer ist da?“, tönte eine Stimme aus der Gegensprechanlage.

„Kate Pool, Mr. Walcott. Ich arbeite für Ihre Großmutter. Sie ist im Krankenhaus … es ist sehr ernst. Kann ich bitte kurz mit Ihnen reden?“

Es herrschte einen Moment Schweigen. „In Ordnung. Kommen Sie herauf. Oberste Etage.“ Schon hörte Kate den Türöffner summen.

Sie betrat den langen schmalen Flur, der so typisch war für georgianische Reihenhäuser dieser Größenordnung und sah mit geschultem Blick, wie gepflegt das Treppenhaus war. Langsam nahm sie eine Stufe nach der anderen und nahm sich vor, ihre instinktive Abneigung gegen Xan Walcott nicht gleich zur Schau zu tragen. Sie brauchte seine Hilfe, und da wäre es unklug, ihm ihre Ablehnung offen zu zeigen, doch sollte er nicht kooperieren wollen, würde sie keinen Hehl mehr daraus machen.

Noch bevor Kate im dritten Stock den Türklopfer betätigen konnte, wurde ihr schon geöffnet, und sie stand einem Riesen von fast zwei Metern Länge gegenüber, aus dessen frisch gebräuntem Gesicht sie zwei stahlgraue Augen kühl anschauten. Es gehört offensichtlich nicht zu seinen Gepflogenheiten, Besucherinnen mit einem freundlichen Lächeln zu begrüßen, dachte sie, oder aber es liegt an meiner Verbindung zu seiner Großmutter, dass er sich mir gegenüber so abweisend gibt.

„Ich habe zehn Minuten Zeit“, sagte er und trat zurück, damit Kate hereinkommen konnte. „Danach muss ich zu einer wichtigen Verabredung.“

„Wenn Ihre Nummer im Telefonbuch zu finden gewesen wäre, hätte ich mir meine Zeit sparen können, ich habe auch ohne die Fahrt nach London genug zu tun, Mr. Walcott. Sind Sie später frei? Als Miss Walcotts nächster Verwandter sollten Sie vielleicht zur Stelle sein, falls sich ihr Zustand verschlechtert. Ein Herzanfall ist immer eine ernste Sache und mit siebzig ganz bestimmt.“

Xan hatte die Tür geschlossen und führte Kate in einen großen hellen Wohnraum, den sie schon von einem Bildbericht in der Zeitschrift House & Garden her kannte.

„In welcher Funktion sind Sie für meine Großmutter tätig?“

„Ich bin ihre Assistentin. Ich habe mich letzten Winter auf eine Anzeige beworben, die sie aufgegeben hatte, weil sie die ganze Arbeit nicht mehr allein bewältigen konnte. Ich bin für die verwaltungstechnische Seite von Palette Holidays zuständig und fungiere als Reiseleiterin, wenn wir unterwegs sind.“

„Wie lange arbeiten Sie schon für sie?“, fragte Xan und bedeutete ihr, Platz zu nehmen.

„Sechs Monate … seit Anfang April.“ Kate setzte sich auf einen antiken Stuhl mit geflochtener Rückenlehne und beobachtete, wie sich Xan elegant auf einem stoffbezogenen Sofa niederließ, auf dem sich eine interessante Ansammlung von Kissen türmte.

„Lang genug, würde ich meinen, um festzustellen, dass meine Großmutter und ich keine besonders enge Beziehung zueinander haben. Genau genommen, eigentlich gar keine.“

„Mir ist durchaus klar, dass es zwischen Ihnen beiden eine Entfremdung gibt, doch in Anbetracht der Umstände …“

„Hat sie nach mir gefragt?“

„Sie bekommt zurzeit Beruhigungsmittel und hat noch nicht nach Ihnen gefragt, doch bin ich mir sicher, dass sie das tun wird.“

„Was lässt Sie das denken?“

Kate erzählte ihm von den Alben mit Zeitungsausschnitten. „Sie ist offensichtlich stolz auf Ihre Leistungen.“

Xan schaute auf die Uhr. „Haben Sie die Nummer vom Krankenhaus?“

Kate nahm ihr Notizbuch aus der Umhängetasche. Als sie sah, dass er zum Telefon griff, das auf einem kleinen Tisch gleich neben ihm stand, las sie ihm die Zahlen einzeln vor, und er wählte. Während er auf die Verbindung wartete, musterte Xan sie von Kopf bis Fuß und richtete schließlich seinen Blick starr auf ihre Augen, als könnte er so auch ihre Gedanken lesen. Kate gefiel das Ganze überhaupt nicht und hoffte, dass er seine Aufmerksamkeit von ihr abwenden würde, wenn sich die Telefonistin am anderen Ende der Leitung meldete.

„Guten Morgen. Ich heiße Xan Walcott und bin mit Miss Nerina Walcott verwandt, die gestern Abend bei Ihnen eingeliefert wurde. Könnte ich bitte mit jemandem sprechen, der mir Auskunft über ihr Befinden geben kann?“

Unaufhörlich sah er Kate weiter an, die ihrerseits versuchte, ihn mit Blicken davon abzubringen. Aber vergebens. Als es ihr schließlich zu ungemütlich wurde, schaute sie sich angelegentlich im Zimmer um.

In den Regalen reihte sich ein Buch ans andere, und an den Wänden hingen zahlreiche Bilder, die jedoch nicht von seiner Hand stammten. Da war ein herrlicher alter Apothekerschrank, in dem Xan, wie Kate vermutete, wohl seine Malutensilien aufbewahrte, und überhaupt gab es eine verschwenderische Fülle von alten und neuen Einrichtungs- und Dekorationsgegenständen, die dem Raum eine behagliche Atmosphäre verliehen.

Ehrlich gestand sich Kate ein, dass ihr diese Umgebung weitaus besser gefiel als die karge Einfachheit von Miss Walcotts Häuschen. Sicher hatten auch dessen schlicht gehaltene Zimmer mit den weiß getünchten Wänden einen gewissen Charme, doch das stilvolle Durcheinander in Xans Wohnraum sprach sie eindeutig mehr an. Das lag vielleicht zum Teil in ihrer Kindheit begründet. Sie war in einem Waisenhaus aufgewachsen, das zwar gut geführt worden war und liebenswerte, ja zugewandte Betreuerinnen gehabt hatte, in dem es aber kaum Möglichkeiten gegeben hatte, persönliche Schätze zu sammeln und aufzustellen.

Kate sah kurz wieder zu Xan hin, der seine Bitte gerade zum zweiten Mal vortrug. Verärgert bemerkte sie, dass er sie noch immer betrachtete, allerdings machte er inzwischen keine so strenge Miene mehr. Doch Kate konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, als erwöge er nun mit abschätzenden Blicken, ob sie vielleicht eine interessante Frau für ihn wäre. Und diese Musterung behagte ihr genauso wenig wie die vorhergehende.

„Ich bin Miss Walcotts Enkel“, erklärte er einem Gesprächspartner am anderen Ende, „und ihr einziger Verwandter.“ Aufmerksam hörte er zu. „Ja … ja, ich verstehe. Wissen Sie, ob sie nach mir gefragt hat? Hat sie nicht. Vielen Dank, ich rufe dann später wieder an. Sollte sie nach mir fragen, können Sie mich unter dieser Nummer erreichen.“ Er nannte eine Nummer in London, wiederholte sie, bedankte sich erneut und legte schließlich nach einem kurzen Gruß auf.

„Der übliche Krankenhausbericht“, wandte er sich an Kate. „Sie ist so weit stabil, aber ihr Zustand noch kritisch.“

Kate stand auf. „Wenn Ihre Großmutter nicht nach Ihnen fragt, heißt das keineswegs, dass sie Sie nicht sehen möchte. Sie fragt vielleicht nicht, weil sie glaubt, dass Sie nicht kommen würden. Aber ein Wiedersehen mit Ihnen könnte für ihr Überleben oder Sterben entscheidend sein.“

„Meiner Ansicht nach würde mein plötzliches Auftauchen sie momentan eher umbringen als heilen“, bemerkte er bissig. „Es sind jetzt fünfzehn Jahre her … nein, mehr … dass Nerina und ich zuletzt die Klingen gekreuzt haben. Unsere Beziehung war ein einziger Kleinkrieg, seitdem ich alt genug war, selbstständig zu denken. Wenn Sie aus einer glücklichen Familie stammen, ist es wahrscheinlich schwer für Sie zu akzeptieren, dass es viele Blutsverwandte gibt, die sich gegenseitig nicht ausstehen können.“

Wie würde er wohl reagieren, fragte sich Kate, wenn ich ihm sagte, dass ich gar keine Familie habe, weil ich mit sechs Wochen in einem Warenhaus auf dem Boden einer Umkleidekabine zurückgelassen wurde und meine Eltern nie ausfindig gemacht werden konnten? Doch sie verspürte nicht den leisesten Drang, es diesem harten, selbstgenügsamen, freiwilligen Einzelgänger zu erzählen.

„Das ist mir durchaus bewusst“, erwiderte sie steif. „Aber heißt es nicht auch ‚Blut ist dicker als Wasser‘? Ich hätte nicht geglaubt, dass die Probleme zwischen Ihnen und Ihrer Großmutter, die ja von früher her datieren, in der aktuellen Situation noch groß von Belang sind. Miss Walcott ist alt und krank, und ihr Leben war voller Leid. Sicher war es auch für Sie sehr schmerzlich, Ihre Eltern zu verlieren. Aber Kinder kommen leichter darüber hinweg. Miss Walcott hat jeden verloren, den sie je geliebt hat. Ist es wirklich zu viel verlangt, dass Sie sich etwas Zeit nehmen und mit Ihrer Großmutter Frieden schließen? Es ist doch nicht weit von hier.“

„Ich werde darüber nachdenken. Wenn Sie mich dann jetzt bitte entschuldigen wollen …“

Gemeinsam verließen sie die Wohnung. „Sind Sie mit dem Wagen oder dem Zug nach London gekommen?“, fragte er unten, als er die Haustür aufschloss.

„Ich bin mit Miss Walcotts Auto gefahren. Es steht gleich hier um die Ecke.“ Kate streckte Xan die Hand hin. „Auf Wiedersehen, Mr. Walcott. Ich hoffe, dass Sie sich am Ende für die menschliche Geste entscheiden. Zufällig weiß ich, dass Sie der einzige Erbe Ihrer Großmutter sind. Wenn sie nicht überlebt, fühlen Sie sich bestimmt nicht sonderlich wohl, das kleine Häuschen zu bekommen und nicht einmal versucht zu haben, die Dinge zwischen Ihnen beiden in Ordnung zu bringen.“

Schon während des Sprechens hatte Kate gespürt, wie er mit seinen langen Fingern ihre Hand fest umschloss, und auch jetzt gab er sie überraschenderweise immer noch nicht frei. Stattdessen schaute er Kate aufmerksam ins Gesicht. „Sie haben außergewöhnliche Augen. Ich würde mir die Iris gern einmal mit der Lupe ansehen.“

Dann fiel sein Blick auf ein herannahendes Taxi. Eilig betrat er mit einem knappen „Auf Wiedersehen“ die Straße, um das Auto herbeizuwinken, und ließ Kate auf dem Bürgersteig vor seinem Wohnhaus allein zurück.

Kaum saß Kate im Auto, verstellte sie den Rückspiegel, um ihre Augen kurz zu betrachten. Die Männer hatten ihr schon alle möglichen Komplimente gemacht, ihre schönen Beine bewundert oder auch ihr langes blondes Haar, aber noch keiner hatte die ungewöhnliche Farbe ihrer Augen hervorgehoben.

Ihre Pupillen, goldfarben gerändert, waren manchmal so dunkel, dass sie fast schwarz zu sein schienen. So entstand der Effekt, dass man den Eindruck haben konnte, die Farbe ihrer Augen würde sich entsprechend der Kleidung verändern, die sie gerade trug. Ein blaues Sweatshirt ließ sie blau wirken, wohingegen das dunkelgrüne indische Seidentuch, das sie auf einem Londoner Straßenmarkt gekauft hatte, ihnen einen grünen Glanz verlieh.

Schon öfter hatte sich Kate gefragt, von welchem Elternteil sie wohl die Augen geerbt hatte, und auch heute gingen ihre Gedanken wieder in die Vergangenheit zurück, und sie beschloss, über einen kleinen Umweg nach Hause zu fahren.

Mit einem Gefühl prickelnder Nervosität lenkte sie wenig später den Wagen an dem weltbekannten Kaufhaus Harrods vorbei. Eine unbekannte Person hatte sie hier vor sechsundzwanzig Jahren zurückgelassen: Warm in eine Decke gepackt, an der ein Zettel mit dem Namen Kate Pool befestigt gewesen war. Und das war auch schon alles, was sie über ihre Herkunft wusste.

Kate konzentrierte sich wieder ganz auf den mittäglichen Stoßverkehr und war froh, als die Hauptstadt endlich hinter ihr lag. In einer guten Dreiviertelstunde konnte sie im Krankenhaus sein und nach Miss Walcott sehen. Was mache ich bloß mit dem geplanten Malkurs auf Kreta, fragte sie sich verzweifelt, die alte Dame wird unmöglich in der Lage sein, in vierzehn Tagen dort ihre Arbeit aufzunehmen? Wo bekomme ich nur einen Ersatz für sie her, alles ist doch bereits für die Reisegruppe gebucht? Jetzt das ganze Unternehmen abzusagen wäre für alle Beteiligten eine große Enttäuschung.

Kate hatte noch keine Lösung des Problems gefunden, als sie sich leise der Kranken näherte und auf einen Stuhl neben ihr Bett setzte. Sie war bestürzt über deren Aussehen und ging nach wenigen Minuten wieder, da Miss Walcott tief zu schlafen schien.

Draußen sprach sie mit dem Arzt, doch der äußerte sich recht unverbindlich zu den Chancen der alten Dame, sich von diesem gesundheitlichen Schlag zu erholen. Kate mahnte sich zur Geduld, Robert Murrett würde ihr später bestimmt eine genauere Auskunft geben. In der Zwischenzeit blieb ihr nichts anderes übrig, als auf Xans Gewissen zu bauen, das ihn hoffentlich zu seiner Großmutter trieb.

Aber hat er überhaupt eins? fragte sie sich. Als er mit sechzehn Jahren von ihr weggelaufen war, hatte er sich keineswegs veranlasst gefühlt, sie irgendwann wissen zu lassen, dass es ihm gut ginge.

Kate brachte gerade die Küche in Ordnung, als sie Roberts Auto auf der Straße halten sah. Er war der Sohn von Miss Walcotts langjährigem Freund und Hausarzt und hatte, nachdem sein Vater sich vor neun Monaten zur Ruhe gesetzt hatte, dessen Platz in der Gemeinschaftspraxis vor Ort eingenommen.

Sie waren sich das erste Mal auf einer Party begegnet, und wenige Tage später hatte er dann angerufen, um sie zu einem Konzertbesuch einzuladen. Sie hatte leider ablehnen müssen, da sie genau zu der Zeit mit Miss Walcott auf der ersten Malreise des Jahres in Frankreich gewesen war. Doch inzwischen hatten sie sich häufiger gesehen und Freundschaft geschlossen, die sich vielleicht noch tiefer entwickeln würde.

Wie Kate gehört hatte, hatte Robert eine ernst zu nehmende, aber gescheiterte Liebesbeziehung mit einer Studienkollegin hinter sich, die, so hieß es, letztlich mehr an ihrer beruflichen Karriere interessiert gewesen war als an der Beziehung zu ihm. Doch das lag jetzt fünf Jahre zurück, und da Robert nie irgendwie unglücklich auf Kate gewirkt hatte, schien er die ganze Angelegenheit inzwischen wohl überwunden zu haben.

Er war es auch gewesen, der gestern ihren Notruf beantwortet hatte, der offenbar unmittelbar zu dem Dienst habenden Arzt durchgestellt worden war. Bald darauf war er schon da gewesen und hatte Miss Walcott nach einer kurzen Untersuchung gleich selbst ins nächste Krankenhaus gebracht. Später am Abend hatte er Kate dann nach Hause zurückgefahren und heute Morgen noch einmal mit ihr telefoniert, bevor sie nach London aufgebrochen war.

„Hallo, wie ist es gelaufen?“ Robert musste sie am Spülbecken hantieren gesehen haben, denn er kam, ohne anzuklopfen, direkt zur Hintertür in die Küche herein.

„Xan war da, aber er hatte nicht viel Zeit. Wir haben nur kurz miteinander geredet. Ich habe keine Ahnung, ob er hier auftauchen wird, und wäre nicht überrascht, wenn er wegbleiben würde.“

„Hat er Eindruck auf dich gemacht?“

Wie sein Vater war auch Robert ein Mann von mittlerer Größe und muskulöser Statur. Beide hatten blaue Augen und eine tiefe, ruhig klingende Stimme. Kate konnte sich nicht vorstellen, dass einer von ihnen je die Beherrschung verlieren würde. Sie waren ausgesprochen angenehm im Umgang und äußerst verlässlich. Und was Robert anging, so war er ziemlich attraktiv und besaß eine gehörige Portion Humor.

„Das habe ich gar nicht erwartet“, erwiderte sie. „Nach allem, was ich über ihn gehört und gelesen habe, ist er nicht mein Typ.“

„Ich habe nie viel mit ihm zu tun gehabt“, sagte Robert, während er die Arme vor der Brust verschränkte und sich gegen die Anrichte lehnte. „Ich weiß noch, dass ich ihn um seine Größe beneidet habe. Bis ich vierzehn Jahre alt war, galt ich als etwas zu klein geraten. Er war immer merklich größer als ich … und ein ausgesprochener Einzelgänger. Ich habe mich damals sehr für Mannschaftssport interessiert, Kricket und Rugby, und fand es wohl ziemlich weibisch, die Zeit mit Zeichnen zuzubringen. Einige seiner Mitschüler waren jedenfalls eindeutig dieser Meinung. Dad hat heute beim Frühstück erzählt, dass Xan einmal von seiner Großmutter zwangsweise in die Praxis gebracht wurde, weil er ordentlich verprügelt worden war. Es gab da einige Halbstarke, die es ganz schön auf ihn abgesehen hatten.“

„Miss Walcott hätte ihn gern die gleiche Schule besuchen lassen wie sein Vater, konnte es sich aber nicht leisten“, meinte Kate. „Ihr Leben war entsetzlich hart. Allein erziehende Mutter zu sein, ist immer schwer, aber in ihrem Fall war es wohl noch um einiges schwerer.“

„Hat sie mit dir darüber gesprochen?“

„Nur über die nackten Fakten … dass ihr Geliebter im Zweiten Weltkrieg gefallen ist und beide Elternpaare wollten, dass sie ihr Kind zur Adoption freigab. Als sie sich weigerte, ist sie wohl mehr oder weniger verstoßen worden. Unglaublich, findest du nicht?“

„Das war vor fünfzig Jahren. Anständige Mädchen taten das nicht – zumindest sollten sie das nicht. Es galt als schlimmer Schandfleck, selbst wenn die Väter vom Himmel geschossen, ihre Schiffe torpediert worden oder sie an Land gefallen waren und die Mädchen geheiratet hätten … wäre ihnen das Glück beschieden gewesen, den Krieg zu überleben.“

„Ich war wohl auch ein ungewolltes Kind“, sagte Kate aus einem Impuls heraus. „Hast du das gewusst?“ Als Robert verneinend den Kopf schüttelte, fuhr sie fort: „Ich habe es Miss Walcott erzählt, sie hätte es deinem Vater berichten können.“

„Wenn sie das getan hat, und das bezweifle ich, würde er es mir gegenüber nicht erwähnen. Mir ist jedoch nicht entgangen, dass du nie über deine Familie sprichst.“

„Ich habe keine“, antwortete Kate und klärte ihn kurz über ihr Schicksal auf. Sie hielt es für besser, jetzt darüber zu reden, bevor sich ihre Freundschaft weiterentwickelte.

„Warst du neugierig, etwas über deine Eltern zu erfahren?“

„Als ich noch Kind war, ja. Aber heute längst nicht mehr so stark. Es gibt keine Möglichkeit, sie je zu finden. Außerdem würde ich sie vielleicht nicht mögen, wenn ich sie kennen lernte.“

Zum Abendessen bereitete sich Kate eine Folienkartoffel und ein Pilzomelett zu, stellte den Teller auf ein Tablett und setzte sich gemütlich in einen Sessel im Wohnzimmer, um die Nachrichten im Radio zu hören. Miss Walcott lehnte Fernseher kategorisch ab.

Als Kate vor sechs Monaten bei ihr eingezogen war, gab es einzig zwei halbwegs moderne Geräte hier im Haushalt: einen elektrischen Wasserkocher und ein Dampfbügeleisen. Die Weißwäsche ließ die alte Dame von einer Frau im Dorf machen. Kurze Zeit später hatte Kate es jedoch geschafft, dass sich ihre Arbeitgeberin bereit erklärte, wenn auch widerwillig, eine Waschmaschine zu kaufen.

Wohlgesättigt hatte Kate gerade das Tablett in die Küche zurückgetragen, als sie ein Klopfen an der Haustür hörte. Verwundert über den späten Besuch, ging sie öffnen. Und ihre Überraschung war umso größer, als sie Xan in Cordhose, Blazer und offenem Hemdkragen draußen stehen sah. Sie hatte zwar gehofft, dass er ins Krankenhaus fahren würde, aber nicht gedacht, dass er auch hier vorbeischauen könnte.

„Guten Abend“, wünschte er höflich. Selbst in diesem Freizeitaufzug wirkte er ganz wie ein kultivierter Mann von Welt und hatte nichts von dem zwanglosen Look an sich, den Kate mit Künstlern verband.

„Guten Abend. Kommen Sie herein. Aber passen Sie auf Ihren Kopf auf“, fügte sie mit Blick auf den niedrigen Türrahmen hinzu.

„Ich war im Krankenhaus“, sagte er auf dem Weg ins Wohnzimmer.

„Bei Ihrer Großmutter?“

„Nein. Als ich dem Arzt unsere Beziehung schilderte, hielt er einen Besuch zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht für ratsam. Es würde sie zu sehr aufregen, mich zu sehen.“

„Ich war vor ein paar Stunden bei ihr, aber sie hat fest geschlafen“, informierte ihn Kate und stellte das Radio ab. „Ich wollte mir gerade einen Kaffee kochen, möchten Sie vielleicht auch eine Tasse?“

„Ja, gern.“ Xan sah sich kurz im Zimmer um. „Gehört es zu Ihren Aufgaben, hier Ordnung zu halten?“

„Ich mache alles, was gerade ansteht.“

„Zu meiner Zeit, beziehungsweise nach dem Tod meiner Mutter hat es hier nicht so ausgeschaut. Nerina war nie besonders häuslich.“

„Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment, ich bin gleich wieder da“, meinte Kate und ging in die Küche.

Bei ihrem Einzug hatte das Cottage dringend einen gründlichen Frühjahrsputz gebraucht. Kate hatte es dem fortgeschrittenen Alter ihrer Arbeitgeberin zugeschrieben, warum diese schmuddelige Gardinen und Bezüge duldete sowie Staub in allen Ecken und Ritzen. Nicht dass sie selbst eine übertriebene Sauberkeitsfanatikerin wäre, aber sie war einfach nicht bereit gewesen, den Zustand von Bad und Küche so hinzunehmen. Und nachdem sie dort für Grund gesorgt hatte, war sie auch den anderen Räumen zu Leibe gerückt. Nun roch es überall nach Bohnerwachs und Blumen und nicht mehr nach Muff und Moder.

Während Kate darauf wartete, dass das Wasser kochte, kam Xan in die Küche und registrierte mit einem Blick die polierte Anrichte und die glänzenden Kiefernschubladen, die das alte Steinspülbecken einrahmten.

„Macht es Ihnen etwas aus, allein hier zu sein?“

Autor

Anne Weale
Jay Blakeney alias Anne Weale wurde am 20. Juni 1929 geboren. Ihr Urgroßvater war als Verfasser theologischer Schriften bekannt. Vielleicht hat sie das Autorengen von ihm geerbt? Lange bevor sie lesen konnte, erzählte sie sich selbst Geschichten. Als sie noch zur Schule ging, verkaufte sie ihre ersten Kurzgeschichten an ein...
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