Sarah Morgan - Ärzte zum Verlieben - 4 Kurzgeschichten

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FÜR IMMER KÜSS ICH DEINE TRÄNEN FORT
Die Trennung von Dr. Tom Hunter schmerzt die junge Hebamme Sally so sehr, dass sie ihren Job auf seiner Station kündigt und aus der Stadt fortzieht. Erst sieben Jahre später sehen sie sich wieder. Doch sofort erkennt Sally: Ich liebe Tom immer noch ...


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ZWEITE CHANCE FÜR DR. AVANTI
Dramatischer Rettungseinsatz auf den Klippen von Penhally Bay: Der kleine Eddi ist beim Spielen verunglückt. Zum Glück sind Dr. Marco Avanti und seine Frau Amy gerade in der Nähe und können sofort helfen. Gemeinsam kämpfen sie um das Leben des kleinen Jungen, denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber gilt das auch für ihre Ehe? Amy will die Scheidung - und doch spürt Marco, dass sie ihn noch immer liebt. Wie soll er es schaffen, sie von der Tiefe seiner Gefühle zu überzeugen?


DR. SANTINIS GEHEIMNIS
Vom ersten Moment an ist Dr. Carlo Santini von der jungen Suzannah bezaubert! So hingerissen ist er von ihr, dass er ihre Einladung zu einem romantischen Weihnachtsabend annimmt. Dabei weiß Carlo genau, dass ihnen nur ein Glück auf Zeit vergönnt ist. Denn er hat ein Geheimnis, das Suzannah niemals erfahren darf...
  • Erscheinungstag 06.08.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783955769369
  • Seitenanzahl 560
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Sarah Morgan

Sarah Morgan - Ärzte zum Verlieben - 4 Kurzgeschichten

1. KAPITEL

Ich will die Scheidung … Ich will die Scheidung … Ich will die Scheidung …

Wie ein Mantra kreiste der Satz in ihrem Kopf. Amy sah aus dem Fenster, während das Taxi auf schmalen, gewundenen Landstraßen zur Küste im Norden Cornwalls fuhr. In der Nacht hatte es geschneit. Felder, Bäume und Sträucher waren mit Schnee bedeckt, und die winzigen Kristalle glitzerten und funkelten im Licht der Morgensonne. Ein herrlicher Wintertag kündigte sich an … jedenfalls für alle diejenigen, denen nicht das bittere Ende ihrer Ehe bevorstand!

In ihrem ganzen Leben hatte Amy sich noch nie so elend gefühlt. In der Ferne tauchte das Meer auf, und der Druck in ihrem Magen verstärkte sich. Tiefe Atemzüge halfen ihr auch nicht, ruhiger zu werden, und am liebsten wäre sie auf der Stelle umgekehrt.

Und dann?

Er hatte weder auf ihre Briefe noch auf ihre Anrufe in der Praxis reagiert. Ihr war gar nichts anderes übrig geblieben, als sich persönlich auf den Weg zu machen.

Die vertraute Landschaft zog an ihr vorbei, aber sie nahm kaum etwas wahr. Dieses Schweigen war so untypisch für ihn. Insgeheim hatte sie damit gerechnet, dass er sie mit Anrufen bombardieren oder unverhofft vor ihrer Tür stehen würde. Schließlich war er Italiener, heißblütig, leidenschaftlich und voller Glut wie ein Vulkan, der jederzeit ausbrechen konnte.

Marco wusste genau, was er vom Leben wollte. Und was er wollte, das nahm er sich.

Allerdings schien sie nicht dazuzugehören!

Ihr wurde die Kehle eng, und plötzlich brannten Tränen in ihren Augen. Du spinnst doch, schalt sie sich. Eine heftige Auseinandersetzung war das Letzte, was sie gewollt hatte. Das hätte alles noch viel schwerer gemacht, als es ohnehin schon war.

Die Stimme des Taxifahrers riss sie aus ihren Gedanken.

„Entschuldigung, was haben Sie gesagt?“

Der Mann blickte sie im Rückspiegel an. „Ich wollte nur wissen, ob Sie in Penhally Bay wohnen?“

Amy setzte ein höfliches Lächeln auf. „Nein, nicht mehr …“ Nicht mehr, seit mein Leben den Bach hinunterging.

„Ach so.“ Vorsichtig lenkte er den Wagen die schneebedeckte Straße entlang. „Dann sind Sie wieder hier, um mit Ihrer Familie Neujahr zu feiern? Bleiben Sie lange?“

Sie hatte hier keine Familie. Und zu feiern gab es auch nichts.

„Es wird nur ein kurzer Besuch“, erklärte sie und räusperte sich. „Heute Abend fahre ich wieder zurück. Um acht Uhr geht mein Zug.“

„Achten Sie bloß auf den Wetterbericht. Können Sie sich vorstellen, dass es letzte Nacht wieder geschneit hat, bei uns an der Küste? Und diese Kälte! Das kommt sonst alle Jubeljahre einmal vor.“ Er schüttelte den Kopf. „Globale Erwärmung, daran liegt’s. Das Klima spielt verrückt. Für unsere Gegend sind sogar schwere Stürme angesagt. Sie sollten entsprechend Zeit einplanen, bevor Sie zurückfahren, sonst verpassen Sie noch Ihren Zug.“

Amy hörte kaum zu, während sie aus dem Fenster sah. Komme, was wolle, sie würde Penhally Bay heute Abend wieder verlassen. Und wenn sie zu Fuß gehen musste!

Der Wagen bog in die Hauptstraße ein, und ihr Herz fing an zu rasen. Unwillkürlich rutschte sie in ihrem Sitz ein Stückchen tiefer.

Im nächsten Moment seufzte sie unterdrückt und richtete sich wieder auf. Was tat sie da eigentlich? Sie benahm sich ja, als müsste sie sich verstecken. Dabei war sie fünfunddreißig, eine erfahrene Ärztin, die schon einiges von der Welt gesehen hatte!

Leider genügte nur der Gedanke an ein Wiedersehen mit Marco, und ihr Selbstbewusstsein verabschiedete sich. In den letzten beiden Jahren hatte sie von ihm geträumt, an ihn gedacht und sich seinetwegen die Augen aus dem Kopf geheult. Und weil es ihr irgendwann reichte, dass er ständig ihre Gedanken und Gefühle beherrschte, war sie nicht nur aus Penhally Bay verschwunden, sondern auch aus England.

Erst auf einem anderen Kontinent fühlte sie sich sicher.

Um ihm auch jetzt nicht zufällig über den Weg zu laufen, beschloss sie, nicht direkt vor der Praxis auszusteigen.

„Bitte, halten Sie dort an der Ecke.“ Als der Wagen hielt, bezahlte sie den Fahrer. „Vielen Dank.“

Das Taxi wendete und fuhr davon. Reglos stand Amy eine Weile auf dem Bürgersteig, ihre Handtasche unter dem Arm. Die Geschäfte an der Hauptstraße von Penhally Bay hatten noch nicht geöffnet, aber in den Schaufenstern blinkten und funkelten Sterne, Engel, bunte Päckchen und andere Weihnachtsdekorationen. Wie mit einer dicken Puderzuckerschicht bestäubt lagen Straßen, Bäume und Häuser da.

Der Schnee schluckte jedes Geräusch, und Amy fühlte sich in eine Wintergeschichte von Charles Dickens versetzt. Plötzlich war ihr weihnachtlicher zumute als während der Feiertage selbst. Erinnerungen an die Kindheit tauchten vor ihrem inneren Auge auf: Wie sie Hand in Hand mit ihrer Großmutter durch die Läden ging und Christbaumschmuck aussuchte oder beim Schlachter am Tresen stand, um den Truthahn für den Festschmaus abzuholen.

Für sie war Penhally Bay schon immer ein magischer Ort gewesen, voller Zauber und die perfekte Kulisse für ein Märchen. Die wenigen glücklichen Stunden ihrer Kindheit waren untrennbar mit diesem malerischen Fischerdorf an Cornwalls Küste verbunden.

Früher hatte sie davon geträumt, dass ihre Kinder hier aufwachsen würden.

„Amy? Amy Avanti?“

Wie ertappt drehte sie sich um. Ihr Herz hämmerte in der Brust, ihre Handflächen wurden feucht.

„Tony …“ Das Lächeln misslang ihr kläglich. Musste der Wirt vom Smugglers’ Inn ausgerechnet jetzt hier entlangspazieren? „Du bist früh auf.“

„Viel zu tun um diese Jahreszeit.“ Über den hochgeschlagenen Mantelkragen hinweg musterte er sie prüfend. „Ist das alles, was du zu sagen hast? Dass ich früh unterwegs bin? Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen, Amy.“

„Entschuldige.“ Amy verkroch sich tiefer in ihren Mantel. „Mir ist nichts Besseres eingefallen.“

„Du warst schon immer eine Frau, die mehr zugehört als geredet hat.“ Tony grinste. „Was eine nette Abwechslung ist. Weiß Marco, dass du wieder zu Hause bist?“

„Nein.“ Sie wollte den Überraschungseffekt nutzen. Amy hoffte, dass er so schockiert wäre, sie zu sehen, dass er nicht viel sagen würde. Dann machte er ihr vielleicht keine Schwierigkeiten. „Es war ein spontaner Entschluss. Wir müssen ein paar Sachen bereden.“

„Vorhin habe ich seinen Maserati gehört. Ich schätze, Marco ist schon in der Praxis.“

Seine Worte beschworen Erinnerungen an einen heißen Sommertag vor zweieinhalb Jahren herauf. Jung verheiratet und voller Pläne waren sie kurz zuvor nach Penhally Bay gezogen, und Marco hatte Amy zu einer Fahrt in seinem geliebten Maserati mitgenommen. Der glänzende schwarze Sportwagen passte zu ihm. Testosteron und Pferdestärken.

Eine Hand am Steuer, hatte Marco den anderen Arm besitzergreifend auf Amys Rückenlehne gelegt, während sie die Küstenstraße entlangsausten. Amy hatte wieder das satte Brummen des PS-starken Motors im Ohr und erinnerte sich, wie sie Marco von der Seite angeblickt hatte, bewundernd und so verliebt …

Wahrscheinlich wusste er, was in ihr vorging. Dunkelhaarig, groß und gutaussehend war Dr. Marco Avanti es gewohnt, Erfolg bei Frauen zu haben. Sein weltgewandtes Auftreten verriet Lebenserfahrung und ein unerschütterliches Selbstbewusstsein. In dem Punkt konnte Amy ihm nicht das Wasser reichen.

Warum war er dann mit ihr zusammen?

Wie oft hatte sie sich das schon gefragt? Amy schluckte und schob den Gedanken beiseite. Er war nicht mehr mit ihr zusammen. Obwohl sie sich von ihm getrennt hatte, kam es ihr vor, als hätte sie das Unvermeidliche nur beschleunigt. „Es wundert mich, dass er den Maserati fährt. Das Ding hasst Kälte.“

„Und wie! Letzte Woche stand sein Liebling am Straßenrand und wollte einfach nicht anspringen. Du hättest deinen Mann sehen sollen. Wild gestikulierend überschüttete er den Wagen mit Worten, die kein Mensch kannte. Das gesamte Dorf wurde neugierig. Jedenfalls war die Buchhandlung plötzlich überfüllt, weil alle im Wörterbuch blättern wollten. Aber wenn es um seine Schleuder geht, benutzt Marco nicht immer Ausdrücke, die im Lexikon stehen.“

Tony kratzte sich am Kopf. „Ich habe ihm vorgeschlagen, einen englischen Wagen zu kaufen, der für englisches Wetter gebaut ist. Er hat nur mit den Achseln gezuckt.“

„Das kann ich mir vorstellen.“

„Es ist echt schön, dass du wieder da bist, Amy. Wir waren völlig von den Socken, als du von einem Tag auf den anderen einfach verschwunden warst.“

Sie nickte. Natürlich hatte sie die Leute damit schockiert. Wie konnte sie einen charmanten, atemberaubenden Mann wie Marco Avanti verlassen? Schließlich war sie keine Schönheit und sollte dankbar sein, dass sich überhaupt jemand für sie interessierte.

Wie hätte sie ihre Entscheidung erklären sollen? Die Hintergründe gingen niemanden etwas an, dafür waren sie zu persönlich. Niederschmetternd persönlich.

„Na, ich freue mich jedenfalls, dass du wieder aufgekreuzt bist. Wenn du dich beeilst, erwischst du Marco vielleicht, bevor er mit der Sprechstunde anfängt. Hast du das mit Lucy gehört? Ihr Baby ist früher gekommen, und jetzt fehlt ein Arzt in der Praxis.“

Aha.

Seit einem Jahr hatte sie nichts mehr aus Penhally Bay gehört. Und davor auch nur einmal, nachdem Kate Althorp, die Praxismanagerin, ihr einen Brief geschrieben hatte. Kate war früher ihre Freundin gewesen …

„Dann werden sie alle Hände voll zu tun haben.“ Gut für mich, dachte sie. Marco würde gar keine Zeit haben, eine Diskussion anzufangen. Also rein in sein Zimmer, sagen, was zu sagen war, und wieder raus, ehe er irgendwelche Schwierigkeiten machen konnte. Hoffentlich waren ihm seine Patienten wichtiger als seine Fast-Ex.

Amy fröstelte. Ihr Atem bildete weiße Wölkchen in der klirrend kalten Morgenluft. „Wir sehen uns später, Tony.“

„Gerne. Komm doch auf einen Drink im Smugglers’ vorbei.“

„Danke.“ Sie lächelte zustimmend und wusste insgeheim, dass sie es nicht tun würde. Ein Drink könnte ihr auch nicht helfen, den Schmerz zu betäuben, nachdem sie Marco wiedergesehen hatte. Dazu müsste sie schon Tonys gesamten Vorrat an Alkoholika in sich hineinschütten …

In der Gemeinschaftspraxis Penhally Bay Surgery am anderen Ende des Ortes lehnte sich Marco Avanti in seinem Ledersessel zurück und starrte auf den Flachbildschirm vor ihm.

„Kate?“, rief er durch die offene Tür. „Hast du nicht gesagt, dass die Blutwerte von Lily Baxter da sind?“

„Wir hatten noch keine Zeit, sie zu übertragen.“ Kate kam ins Zimmer, in der Hand eine dampfende Tasse. „Die Suche nach einer Vertretung für Lucy ist schwieriger, als ich dachte. Damit du’s weißt – als ich heute Morgen in den Spiegel sah, hatte ich vier graue Haare mehr.“ Resolut schob sie einen Stapel Unterlagen beiseite und stellte ihm den Kaffee hin. „Hier, trink das. Du wirst es brauchen. Deine Patientenliste ist ellenlang.“

Marco atmete den belebenden Duft tief ein. „Den hast du für mich gemacht? Du bist ein Engel, amore.“ Mit seinen schlanken sonnengebräunten Fingern umfasste er die Tasse. Wunderbar! seufzte er stumm nach dem ersten Schluck. Sein müdes Gehirn hatte einen Koffeinkick bitter nötig. „Tutto bene? Alles in Ordnung? Erzähl mir das Schlimmste zuerst … eine Cholerawelle hat das Dorf erfasst? Die Pest ist im Anrollen? Die Patienten stehen Schlange, um mich zu sehen?“

„Mach keine Scherze. Und was die Schlange betrifft …“ Kate lächelte matt. „Das willst du gar nicht wissen. Nimm einfach einen nach dem anderen dran, und wenn du heute Abend immer noch zu tun hast, bringe ich dir einen Schlafsack.“

„Bitte sehr, wenn er eine warme, willige Frau enthält.“

Kate lachte auf. „Schäm dich!“ Sie ging zur Tür, und Marco stellte die Tasse ab.

„Hattest du Zeit, in der Werkstatt anzurufen?“

„Ja. Sie schicken jemanden vorbei, der sich den Maserati ansieht. Am besten gibst du mir die Schlüssel, dann brauche ich dich nachher nicht zu stören.“

Dankbar, dass er das nicht auch noch erledigen musste, griff Marco in die Tasche und warf ihr den Bund zu. „Grazie, Kate. Du bist nicht nur molto bellissima, sondern auch sehr tüchtig.“

„Das nennt man Zeitmanagement. Ich kümmere mich um deinen Wagen, und du hast mehr Zeit für Patienten. So hat jeder etwas davon. Deswegen brauchst du deinen italienischen Charme nicht an mich zu verschwenden.“

„Wieso verschwenden?“ Das Geplänkel gefiel ihm. Marco lehnte sich zurück und schenkte ihr ein verführerisches Lächeln. „Brenn mit mir durch, Kate. Wir verlassen diese kalte, windige Gegend, um in meinem wunderschönen Italien das Leben zu genießen. Ich habe einen palazzo in Venedig, direkt an einem der Kanäle.“ Er sah, wie ein Schatten über ihr Gesicht glitt.

Als sie seinen aufmerksamen Blick auffing, errötete sie und lächelte rasch, als wolle sie verbergen, dass sie unglücklich war.

„Vielleicht verlasse ich Penhally Bay“, entgegnete sie leise. „Vielleicht wird es Zeit, dass ich etwas anderes mache. Aber nicht mit dir. So dumm bin ich nicht. Weißt du, welchen guten Vorsatz ich fürs neue Jahr gefasst habe? Mich nicht mit einem Mann einzulassen, der eine andere Frau liebt. Und das tust du nun mal.“

Marco verspürte eine unwillkommene Anspannung, ließ sich aber nichts anmerken. „Das Einzige, das ich liebe, steht zurzeit draußen auf dem Parkplatz und hat einen Motorschaden. Das ist mein Baby.“

Langsam schüttelte Kate den Kopf. „Mir kannst du nichts vormachen, Marco. Jedes Mal, wenn von Amy die Rede ist, wirkst du kühl und kontrolliert, aber das bist du gar nicht. Was versteckst du hinter deiner Tarnkappe?“

Marco hatte nicht vor, sein Innerstes nach außen zu kehren. „Möchtest du das wirklich wissen? Zeit und Ort sind denkbar ungünstig, tesoro.“ Hatten sie nicht gerade noch über ihre Probleme gesprochen? Wieso waren plötzlich seine dran? Geschickt lenkte er das Gespräch in sichere Bahnen. „In fünf Minuten fängt meine Sprechstunde an. Ich könnte deine Schönheit nicht richtig würdigen. Wenn ich eine Frau liebe, brauche ich mindestens vierundzwanzig Stunden.“

„Hör endlich auf, oder ich muss dir einen Eimer Wasser über den Kopf kippen!“ Kate lachte glockenhell. „Schlimm genug, dass alle Frauen in Penhally Bay in dich verliebt sind. Sie warten nur darauf, dass dein gebrochenes Herz wieder heilt, um sich auf dich zu stürzen.“

„Meinem Herzen fehlt nichts.“ Er beugte sich vor und tippte etwas in seinen PC. „Und alle anderen Organe funktionieren auch tadellos.“

„Erzähl das bloß keinem! Sie würden uns die Bude einrennen, und wir haben schon genug zu tun.“ Ihr Lächeln verblasste. „Ich wünschte, ich wäre wie du. Wie machst du das? Amy und du, ihr wart doch so verliebt …“

Marco hatte eine scharfe Entgegnung auf der Zunge, hielt sich aber zurück, als er den Kummer in ihren Augen las. Entschlossen verdrängte er die düsteren Gedanken an seine Frau. „Kate … Hier geht es gar nicht um mich, oder? Sondern um dich und Nick. Vielleicht solltest du ihm sagen, dass du ihn liebst.“

„Was?“ Erschrocken legte sie die Hand an den Hals. „Ich … Wie kommst du darauf? Marco, um Himmels willen …“

„Nick ist der Seniorpartner und mein Kollege.“ Warum mussten Beziehungen so kompliziert sein? „Du bist auch meine Kollegin. Dass es zwischen euch knistert, ist nicht zu übersehen. Manchmal fliegen mir die Funken förmlich um die Ohren.“

„Nick und ich kennen uns schon lange.“

, ich weiß.“ Marco seufzte. „Du liebst ihn. Sag es ihm.“

„Selbst wenn du recht hättest, was natürlich nicht der Fall ist …“ Kate straffte die Schultern. „Meinst du, ich soll einfach an sein Sprechzimmer klopfen, hineinmarschieren und verkünden: Ich liebe dich?“

„Warum nicht, wenn es wahr ist? Als Mann kann ich dir versichern, dass wir ein direktes Wort zu schätzen wissen. Weibliche Spielchen sind anstrengend. Und wenn eine Frau mir sagen will, dass sie mich liebt …“ Er zuckte die breiten Schultern und lehnte sich lässig in seinen Sessel. „Warum soll ich sie davon abhalten?“

„Tut mir leid, aber ich versuche gerade, mir Nicks Gesicht vorzustellen, wenn ich deinen Rat befolge.“

Er musterte sie aufmerksam. Die dunklen Schatten unter ihren Augen entgingen ihm nicht. „Weißt du, was dein Problem ist? Du hast dich in einen Engländer verliebt, und die haben keine Ahnung von Liebe. Weil sie zugeknöpft, kühl und gefühlsarm sind. Gib ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit, eine Frau zu verführen, und sie würden dreiundzwanzig davon vor dem Fernseher verbringen und Fußball gucken.“

Wie beabsichtigt, entlockte er ihr damit ein Lächeln. „Vielleicht.“ Sie richtete sich auf. Vor seinen Augen verschwand das verletzliche weibliche Wesen, und die tüchtige Praxismanagerin kam wieder zum Vorschein. „Du bist ein guter Freund. Und für einen Mann bemerkenswert feinfühlig. Wahrscheinlich hätte ich weniger Kummer, wenn ich mich in einen heißen Italiener und nicht in einen kalten Engländer verliebt hätte.“

Marco dachte an seine Ehe. Die reine Katastrophe! „Heiße Italiener können auch mal falschliegen“, entgegnete er müde. „Außerdem ist Nick nicht kalt. Er leidet. Diese Schuldgefühle, die ihn zerfressen. Der Schmerz, den er nicht loswird. In letzter Zeit hatte Nick es nicht leicht.“

Da war er nicht der Einzige.

Ein Wunder eigentlich, dass sein Partner und er noch in der Lage waren, eine Praxis zu führen.

Marco trank einen Schluck Kaffee und schob die düsteren Gedanken in den hintersten Winkel seiner Seele.

Nicht dran denken. Nicht jetzt.

Um diese Jahreszeit war die Praxis gerammelt voll. Er hatte einen Haufen Arbeit vor sich, also keine Sekunde Zeit zum Grübeln.

Anders wollte er es auch gar nicht haben.

Draußen vor der Praxis blieb Amy stehen. Der frische Seewind brannte auf ihren Wangen, und über ihr ließ eine Möwe ihren klagenden Schrei ertönen.

In zehn Minuten fing Marcos Sprechstunde an. Danach hätte sie keine Gelegenheit mehr, mit ihm zu sprechen.

Zehn Minuten. Sie hatte zehn Minuten, um ihre Ehe zu beenden.

Für das, was du zu sagen hast, reicht es allemal, machte sie sich Mut und drückte die Tür auf. Wärme schlug ihr entgegen. Am Empfang sah sie Kate im Gespräch mit einer der Sprechstundenhilfen.

Amy blieb einen Moment unentschlossen stehen. Kate und sie waren früher eng befreundet gewesen. Hatte sie diese Freundschaft aufs Spiel gesetzt, als sie sang- und klanglos aus Penhally Bay verschwunden war? Unsicher ging sie weiter.

„Haben Sie einen Termin?“, fragte Kate freundlich, noch während sie aufblickte. Plötzlich weiteten sich ihre Augen überrascht. „Amy!“ Rasch kam sie um den Tresen herum. „Du bist wieder da! Ich dachte, du wärst noch in Afrika bei diesem Hilfsprojekt.“

„Nein, das ist abgeschlossen. Hallo, Kate.“

Die Praxismanagerin zögerte, trat dann aber vor und umarmte sie. „Ich freue mich so, dich zu sehen, Amy. Weiß Marco, dass du hier bist? Warum hast du nicht angerufen?“

„Ich dachte, ich … Nein, er hat keine Ahnung. Aber ich hätte gern kurz mit ihm gesprochen.“ Amy zuckte insgeheim zusammen, als sie sich reden hörte. Zwei Jahre hatte sie ihren Mann nicht gesehen, und jetzt tat sie so, als wollte sie nur wissen, wann er zum Abendessen nach Hause käme.

Bedauernd blickte Kate zu den Arztzimmern hinüber. „Seine Sprechstunde fängt gleich an. Wir haben unglaublich viel zu tun, seit …“

„Lucy ausfällt, ich weiß“, unterbrach Amy sie hastig. „Ich brauche wirklich nur eine Minute. Bitte, Kate.“

Kate nickte schließlich und griff zum Hörer. „Warte, ich sage ihm Bescheid …“

„Nein!“ Amy eilte auf sein Sprechzimmer zu. „Nicht nötig, danke“, fügte sie über die Schulter gewandt hinzu. „Ich gehe direkt rein.“

Damit sie es sich nicht noch anders überlegen konnte.

Ihr Herz hämmerte gegen die Rippen, als sie die Hand hob und anklopfte.

, herein.“

Beim Klang seiner samtigen tiefen Stimme fing ihre Haut an zu prickeln. Amy schloss unwillkürlich für einen Moment die Augen. Marco sprach fließend und fehlerlos Englisch, aber dass er Italiener war, war unverkennbar. Der weiche, einschmeichelnde Akzent hatte sie von Anfang an betört.

Nervös drückte sie die Klinke herunter.

Er ist ein Mann wie jeder andere, sagte sie sich. Du wirst keine weichen Knie bekommen, du wirst nicht darauf achten, wie er aussieht. Du wirst sagen, was du zu sagen hast, und wieder gehen. Zehn Minuten nur, dann hast du es überstanden. Danach kannst du dich in den Zug setzen und nach London zurückfahren.

Sie öffnete die Tür und betrat das Zimmer. „Hallo, Marco.“ Ihr Herz flatterte wie ein gefangener Schmetterling, während sie sich zwang, ihren Mann anzusehen. „Ich wollte kurz mit dir sprechen, bevor deine Sprechstunde anfängt.“

Ihre Blicke trafen sich. Dunkle Augen betrachteten sie forschend und so intensiv, dass ihr heiß wurde. Ihre Knie zitterten, ihr Herz geriet aus dem Takt. Die Fingernägel in die Handflächen gepresst stand hilflos Amy da und wartete darauf, dass die Welle abflaute.

Ein Mann wie jeder andere? Wem wollte sie etwas vormachen?

Sie hatte zwei Jahre lang Zeit gehabt, um sich auf diesen Augenblick vorzubereiten. Geändert hatte sich nicht das Geringste. Sie brauchte Marco nur anzusehen und wurde schwach. Warum? Gut, er war attraktiv, aber das waren andere auch. Seine Ausstrahlung? Marco hatte etwas Kraftvolles, eine männliche Stärke, gepaart mit einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein, wie nur ein italienischer Macho es aufbringen konnte. Dazu sein südländischer Charme … welche Frau würde ihn nicht begehren?

Amy sah ihn an und konnte nur an die hungrige, verzehrende Leidenschaft denken, die zwischen ihnen gebrannt hatte.

Marco sagte nichts. Stumm lehnte er sich in seinem Sessel zurück, ohne sie aus den Augen zu lassen, und spielte mit dem Kugelschreiber. Schlanke gebräunte Hände, lange Finger … der Anblick beschwor erregende Erinnerungen herauf.

Unbehaglich straffte sie die Schultern. Seine ruhige Haltung konnte sie nicht täuschen. Unter der Oberfläche brodelte es, das spürte sie.

Trotzdem hätte sie viel darum gegeben, so kühl und gelassen wirken zu können. „Ich muss mit dir reden.“ Amy blieb an der Tür stehen, die Hände miteinander verschränkt, um das verräterische Beben zu unterdrücken.

„Du hast dir einen merkwürdigen Zeitpunkt für eine Versöhnung ausgesucht“, sagte er schließlich.

„Es ist keine Versöhnung. Wir müssen miteinander reden, das weißt du.“

Marco verzog keine Miene. „Und ich muss bis heute Mittag dreißig Kranke untersuchen. Du solltest wissen, wo meine Prioritäten liegen.“

„Mir blieb nichts anderes übrig als herzukommen, Marco. Du hast meine Briefe nicht beantwortet.“

„Das Thema gefiel mir nicht.“ Der scharfe Unterton war nicht zu überhören. „Schreib etwas, was mich interessiert, dann antworte ich auch. Aber jetzt musst du gehen. Mein erster Patient wartet.“

„Nein.“ In einem Anflug von Panik machte sie einen Schritt vorwärts. „Zwei Minuten noch. Ich weiß, du bist verärgert, aber …“

„Verärgert?“, wiederholte er spöttisch. „Wie kommst du denn auf die Idee?“

„Bitte, Marco, lass uns keine Spielchen spielen. Das bringt uns auch nicht weiter. Glaub mir, es war besser so, dass ich gegangen bin – für uns beide.“

„Du hast mich verlassen. Unsere Ehe besteht nur noch auf dem Papier. Bist du sicher, dass der Ausdruck verärgert …“ Sein Akzent verstärkte sich. „… das ausdrückt, was ich fühle?“

Amy spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Ehrlich gesagt hatte sie nie richtig gewusst, was er empfand. Zu keinem Zeitpunkt ihrer Beziehung. Und seine Reaktion auf ihre Abreise hatte sie ja nicht mitbekommen. Sie hatte damit gerechnet, dass er sich aufregte, weil sie ihn dem Klatsch und Tratsch einer kleinen Gemeinde aussetzte. Oder weil sie seine Zukunftspläne über den Haufen geworfen hatte. Aber nicht, weil er sie liebte. Was hatte sie einem Mann wie Marco Avanti schon zu bieten?

Nichts.

Vor allem, nachdem sie herausgefunden hatte, dass …

Amy verscheuchte den Gedanken. Damit konnte sie sich jetzt nicht befassen. Sie hob das Kinn. „Ich verstehe, dass du wütend bist, aber ich bin nicht hier, um mit dir zu streiten. Wir können es uns leicht machen oder schwer.“

„Du machst es dir natürlich leicht“, konterte er vorwurfsvoll. „Du verschwindest lieber, anstatt nach einer Lösung für das Problem zu suchen. Großartig, Amy.“

„Nicht jedes Problem lässt sich so einfach lösen, Marco!“ Frustriert biss sie sich auf die Lippe. Wenn sie nicht aufpasste, verriet sie mehr, als ihr lieb wäre. „Sicher bist du ärgerlich, aber wir müssen jetzt über die Zukunft reden. Du brauchst nur in die Scheidung einzuwilligen, dann bist du frei und in der Lage …“ Eine andere Frau zu heiraten, wollte sie hinzufügen, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken.

Accidenti – verdammt –, verstehe ich dich richtig? Du platzt in meine Sprechstunde, um die Scheidung zu verlangen?“ Marco erhob sich schwungvoll. Seine dunklen Augen sprühten Blitze. „Schlimm genug, dass ich heute für jede Diagnose nicht mehr als fünf Minuten Zeit habe. Jetzt hat auch noch meine Frau beschlossen, in dieser lächerlich kurzen Zeitspanne unsere Ehe zu beenden. Das ist ein Witz, oder?“

Amy hatte vergessen, wie groß er war. Beeindruckend groß. Marco maß knapp einen Meter neunzig, und er hatte breite, muskulöse Schultern. Sie unterdrückte das Bedürfnis, draußen bei Kate Schutz zu suchen, und wappnete sich. „Nein, ist es nicht, und wenn ich dich bei der Sprechstunde störe, bist du selbst schuld. Du hast ja nicht auf meine Briefe reagiert. Wie sollte ich dich erreichen? Außerdem, das hier dauert nicht lange.“

Als er die Schreibtischkante packte, schimmerten seine Knöchel durch die bronzene Haut. „Glaubst du wirklich, dass du sang- und klanglos verschwinden, genauso plötzlich wieder auftauchen und nach einer fünfminütigen Unterhaltung meine Einwilligung zur Scheidung bekommst?“ Er erhob die Stimme. „Ist das tatsächlich dein Ernst?“

Amy zuckte zusammen. Die heftige Reaktion überraschte sie. „Du brauchst nicht zu schreien. Hinter der Tür dort sind Patienten. Das gibt nur Tratsch.“

„Ach! Findest du nicht, dass es ein bisschen spät ist, sich deswegen Sorgen zu machen?“ Marco musterte sie grimmig und ließ sich in seinen Sessel zurücksinken. Mit beiden Händen fuhr er sich durch das schimmernde schwarze Haar. Einige Strähnen fielen ihm wieder in die Stirn, und Amy hielt unwillkürlich den Atem an.

Die Sehnsucht, ihn zu berühren, war so stark, dass sie die Hände hinter dem Rücken verschränkte.

Marco schien ihren inneren Kampf zu erahnen. Seine Augen verdunkelten sich, sein Blick senkte sich in ihren, und plötzlich lag ein gefährliches Knistern in der Luft. Wie gebannt sah sie ihn an. Die aufgeladene Atmosphäre sagte mehr als tausend Worte. Amy spürte, wie ihr Körper reagierte … das erregende Prickeln in ihrem Bauch, die Wärme, die ihre Schenkel durchströmte …

Die starke Anziehungskraft, die von Anfang an zwischen ihnen geherrscht hatte, hatte nichts von ihrer Magie verloren.

Und das bedeutete, dass sie von hier verschwinden musste, und zwar schleunigst. Amy versuchte, das verräterische Pochen tief in ihrer Mitte zu ignorieren, und trat den Rückzug an.

„Marco, es ist vorbei“, zwang sie sich zu sagen. „Lass es uns nicht schmerzvoller machen, als es ist.“

„Als du es gemacht hast, meinst du wohl.“

Da ging die Tür auf, und Kate eilte herein. „Marco, du musst dir die kleine Michelle ansehen. Jetzt gleich!“ Sie warf Amy einen entschuldigenden Blick zu. „Tut mir leid. Möchtest du solange oben im Personalraum einen Kaffee trinken?“

„Michelle?“, fragte Marco stirnrunzelnd.

Kate sah ihn verblüfft an. „Ja, Michelle! Was ist los mit dir?“ Ihr Blick glitt zu Amy, und sie errötete, als hätte sie gerade erst begriffen, was los sein könnte. „Michelle Watson. Carol hatte den Krankenwagen gerufen, aber anscheinend hätte er zwanzig Minuten gebraucht, weil er hinter einem Räumfahrzeug festsaß. Du meine Güte, in Europa haben sie meterhoch Schnee, und der Verkehr geht trotzdem weiter. Bei uns brauchen nur ein paar Flocken zu rieseln, und schon sind die Straßen dicht.“

„Michelle Watson, ach ja.“ Marco erhob sich. „Bring sie rein.“

„Watson?“ Amy erinnerte sich. „Carols Baby?“

„Sie ist kein Baby mehr“, sagte er knapp. „Du warst zwei Jahre weg, Amy.“

„Ja, aber …“ Sie unterbrach sich. Was hätte sie zu ihrer Verteidigung vorbringen können? Die Wahrheit? Dass sie seinetwegen gegangen war? Unmöglich, das würde alles nur noch komplizierter machen. „Du hast recht“, fuhr sie leise fort und fühlte sich hundeelend. Sie wollte ihm so viel sagen und konnte es nicht.

„Hol dir einen Kaffee. Oder geh. Das kannst du ja gut.“

„Wir müssen erst miteinander reden.“

Marco riss einen Schrank auf und schnappte sich das Pulsoximeter. „Dann musst du warten, bis ich Zeit habe“, grollte er. „Ich glaube, der nächste Termin ist frühestens in einer Woche zu haben. Frag die Mädchen am Empfang. Vielleicht können sie dich irgendwann dazwischenschieben.“

2. KAPITEL

Die Tür flog auf, und Kate erschien wieder, gefolgt von Carol, die ein Kleinkind auf den Armen trug. Die flauschige rosa Decke hüllte es fast vollständig ein. Hinter ihnen kam ein mürrisch dreinblickender Teenager herein, das hübsche Gesicht unter einer dicken Schicht Schminke verborgen.

Amy wollte das Zimmer verlassen, sah jedoch auf das Kind und wusste sofort, dass es ernst war. Die Kleine kämpfte um jeden Atemzug.

„Oh, Dr. Avanti!“ Panik beherrschte Carols Stimme. „Gott sei Dank, dass Sie da sind. Sie war so erkältet und ist heute Nacht immer wieder aufgewacht. Und heute Morgen ging es ihr richtig schlecht. Ich habe einen Krankenwagen gerufen, aber der steckte an der Küstenstraße fest, und Sie wissen doch immer, was zu tun ist, also bin ich einfach losgefahren, in der Hoffnung, dass Sie …“

Calma. Beruhigen Sie sich, Carol“, beschwichtigte er sie, doch sein scharfer Blick auf das Kind verriet, dass ihm der Ernst der Lage bewusst war. „Sie haben genau das Richtige getan.“

Amy trat einen Schritt vor. Ihre eigenen Probleme waren schlagartig vergessen. „Lass mich helfen. Was soll ich tun, Marco?“

Ein flüchtiger Blick zu ihr, dann nickte er kurz. „Geben wir ihr Sauerstoff.“

„Soll ich den Vernebler vorbereiten?“

„Ich möchte ihr den Beta-2-Agonisten lieber über ein Dosieraerosol mit Inhalationshilfe geben. In ihrem Alter ist das wirkungsvoller als ein Vernebler.“ Er wandte sich wieder dem Kind zu und tastete behutsam die Nackenmuskeln ab. „Michelle, angelo mia, was machst du für Sachen?“

Niemand hätte für möglich gehalten, dass Marco eine Minute vorher noch vor Zorn gekocht hatte. Keine Spur mehr von dem harten Unterton oder dem Ärger, der in ihm gebrodelt hatte.

Er konnte schon immer großartig mit Kindern umgehen, dachte Amy, während sie ihm die Sauerstoffmaske reichte. Seine Stärke gab ihnen Sicherheit, und seine sanfte Art schaffte Vertrauen. Stark und sanft zugleich, eine unwiderstehliche Mischung.

Carol drückte ihr Kind an sich und sah hilflos zu Marco auf. „Sie hat kaum gefrühstückt und sich gleich danach erbrochen. Hinterher bekam sie kaum Luft. Es war furchtbar!“

Der Teenager verdrehte die Augen und ließ sich gegen die Wand sinken. „Oh Mann, Mum, beruhige dich.“ Sie hustete ein paar Mal. „Du machst aus allem gleich ein Drama.“

„Halt dich zurück, Lizzie“, fuhr Carol sie an. „Du hast ihr Frühstück gegeben! Du hättest viel eher merken müssen, dass sie keine Luft bekam.“

„Bin ich ein verdammter Arzt, oder was?“, kam die missmutige Antwort. Amy entging jedoch nicht der sorgenvolle Ausdruck in Lizzies Augen. Sie erinnerte sich, dass Carol zum zweiten Mal verheiratet war. Lizzie musste also aus ihrer ersten Ehe stammen.

Besonders harmonisch schien es bei den Watsons nicht zuzugehen.

„Sie ist ja jetzt bei uns, und das ist das Wichtigste.“ Ruhig griff Marco nach dem Pulsoximeter und schob es auf den Finger der Kleinen. „So, Michelle, du kuschelst jetzt ein bisschen mit deiner Mama, damit ich dich untersuchen kann. Gleich kannst du besser atmen, tesoro.“

Tesoro … mein Schatz.

Amy versuchte nicht daran zu denken, dass er sie in glücklicheren Zeiten auch so genannt hatte. Sie deutete auf das Pulsoximeter. „Nettes Gerät“, sagte sie. Es war typisch für Marco, dass er mit den besten Hilfsmitteln ausgestattet war.

„Es sagt mir schnell und zuverlässig, was ich wissen muss.“ Marco blickte zu Carol hinüber. „Das Oximeter misst die Sauerstoffsättigung im Blut. Der Wert ist zu niedrig. Ich werde ihr etwas geben, um ihr die Atmung zu erleichtern.“

Blass und angespannt erwiderte sie seinen Blick. „Wieder ihr Asthma?“

. Die Erkältung kann der Auslöser gewesen sein.“ Geschickt schloss er die Sauerstoffmaske an das Mundstück der Inhalationshilfe an. „Michelle, ich lege dir eine Maske auf Mund und Nase, und du atmest einfach ganz normal. Braves Mädchen, so ist es gut.“

Angstvoll starrte sie ihn an. Schnelle rasselnde Atemzüge verrieten, wie sehr sie um den lebensnotwendigen Sauerstoff kämpfte.

Carol rieb ihr den Rücken. „Schsch, schon gut, Darling. Dr. Avanti wird dir helfen. Das tut er immer, das weißt du doch.“

Die Kleine fasste sich ans Gesicht und versuchte, die Maske wegzuzerren. Marco nahm ihre Hand und hockte sich hin. „Nicht, cucciola mia. Das ist eine Zaubermaske, die dir beim Atmen hilft.“ Er streichelte die kleine pummelige Hand und sah Carol an. „Was ist ihr Lieblingsmärchen?“

„Märchen? Ich … ich weiß nicht …“

„Dornröschen“, murmelte Lizzie.

Erstaunt sah Amy zu ihr hinüber. Die kleine Halbschwester schien ihr also doch nicht ganz egal zu sein.

Amy ahnte, was Marco vorhatte, und machte sich daran, alles für einen intravenösen Zugang bereitzulegen. Dann nahm sie Hydrocortison aus dem Schrank.

„Dornröschen, also? Das ist auch meine Lieblingsgeschichte.“ Marco schenkte Lizzie ein Lächeln, das auch eine trotzige Königstochter betört hätte, und strich Michelle die blonden Locken aus der Stirn. „Dann erzähle ich dir, wie ich sie kenne. Es war einmal eine wunderschöne Prinzessin. Sie hieß Michelle und lebte in einem herrlichen Schloss am Meer. Amy?“

Er senkte die Stimme. „Kannst du mir fünfzig Milligramm Hydrocortison intravenös vorbereiten? Ich würde es ja oral verabreichen, aber wenn sie erbricht, müssen wir es sowieso i. v. geben.“

Ihr Streit schien vergessen. Sie reichte ihm das Gewünschte, während er bereits weitererzählte.

„Der König und die Königin liebten ihre kleine Prinzessin Michelle von Herzen und wollten ihr zu ihrem Geburtstag ein riesiges Fest geben.“ Sein italienischer Akzent umschmeichelte die Worte und beruhigte das Kind. Es sah ihn an, sichtlich gespannt, wie es weitergehen würde. „Und Prinzessin Michelle lud alle ihre Freunde ein und auch ihre große Schwester Lizzie, die ihr von allen die liebste Freundin war.“ Marco hob den Kopf und lächelte Lizzie zu. Verlegen senkte das junge Mädchen den Blick.

„Michelle, gleicht piekt es ein bisschen. Ich gebe dir noch mehr Zaubermedizin, damit es dir besser geht.“ Geschickt schob er die feine Nadel in die Handvene. Die Kleine wimmerte leicht, und Marco nahm die Spritze, prüfte die Ampulle und injizierte das Serum. Dabei erzählte er seine Geschichte weiter, als sei nichts gewesen. „Es wurde eine fröhliche Geburtstagsparty, wie sie lange keiner erlebt hatte. Alle hatten sich besonders hübsch angezogen, es wurde getanzt und gelacht, und Prinzessin Lizzie begegnete einem gut aussehenden Prinzen.“

„Bestimmt nicht in Penhally Bay, diesem langweiligen Kaff“, murmelte Lizzie vor sich hin und fing wieder an zu husten.

Marco ließ die leere Spritze auf das Tablett fallen. Als er antwortete, lag ein amüsierter Ausdruck in seinen dunklen Augen. „Der Prinz war inkognito auf dem Weg zu seinem Schloss.“

Und tatsächlich – Lizzie lächelte widerstrebend.

Er ist unglaublich, dachte Amy hilflos. Bezaubert mit seinem südländischen Charme jedes weibliche Wesen im Raum und behandelt gleichzeitig eine ernste Asthma-Attacke, als sei es ein Kinderspiel.

Wer auch immer behauptete, Multitasking und Männer seien der Gegensatz schlechthin, der hatte Marco noch nicht bei einem Notfall erlebt. Vielleicht profitierte er von seiner langjährigen Erfahrung als Krankenhausarzt. Oder war er von Natur aus ein Mann, der mit Stresssituationen mühelos fertig wurde?

Carol warf ihm einen besorgten Blick zu. „Müssen wir mit ihr ins Krankenhaus? Mein Mann wartet zu Hause, um den Sanitätern Bescheid zu sagen, dass wir hier sind. Lizzie kann eben hinlaufen und sie herholen, wenn es nötig ist.“

„Warum ich? Es gibt Telefone, Mum!“ Lizzies gute Laune schien verflogen. „Draußen ist es schweinekalt.“

„Warum kannst du nicht ein Mal einfach helfen?“, fuhr Carol sie an. Sie presste die Lippen zusammen und fuhr leiser fort: „Du denkst nur an dich!“

„Einer muss es ja machen, wenn du es nicht tust.“

„Elizabeth!“

„Ach, lass mich doch in Ruhe.“ Hustend stürmte Lizzie aus dem Zimmer und warf die Tür geräuschvoll hinter sich zu.

Carol zuckte zusammen. Ihr Gesicht war rot vor Verlegenheit und Ärger. „Als hätte ich nicht genug am Hals“, sagte sie mit bebender Stimme. „Es tut mir leid, dass sie sich so aufführt. Ich habe keine Ahnung, was mit Lizzie los ist. In den letzten Monaten hat sie sich total verändert. Früher war sie nett und lieb und hat sich wundervoll um Michelle gekümmert. Aber jetzt geht sie bei der kleinsten Kleinigkeit hoch.“

„Das ist die Pubertät“, erklärte Amy, damit Marco sich darauf konzentrieren konnte, den Bericht fürs Krankenhaus zu schreiben.

„Sie ist ständig unterwegs. Manchmal weiß ich überhaupt nicht, wo sie ist. Und in der Schule geht es auch bergab. Dabei hatte sie so gute Zensuren.“ Sie drückte Michelle an sich. „Außerdem trifft sie sich mit diesen schrecklichen Lovelace-Kindern. Jeder weiß, was das für Typen sind. Die hängen nachts auf der Straße herum, und ich würde mich nicht wundern, wenn sie Drogen nähmen …“

Auch das gehörte dazu, wenn man in einer Landarztpraxis arbeitete. Amy rieb sich die schmerzenden Schläfen und fragte sich, wie Marco es schaffte, so entspannt zu bleiben.

Schwungvoll tippte er eine Taste auf seiner PC-Tastatur an und blickte zu Carol hinüber. „Haben Sie sich schon an die Schule gewandt?“

„Zwei Mal. Jedes Mal musste ich mir einen Vortrag darüber anhören, wie man mit Mädchen im Teenageralter umgeht.“

Der Drucker warf den Bericht aus. „Wie stark sind Lizzies Stimmungsschwankungen?“

„Fast unerträglich.“

„Seit wann hat sie diesen Husten?“ Marco nahm das Blatt und unterschrieb.

„Husten?“ Verwirrt blickte sie ihn an. „Ich weiß es nicht. Aber jetzt, wo Sie es sagen … ich glaube, schon länger. Einmal habe ich sie gefragt, ob sie raucht, aber sie sah mich nur mit einem dieser verächtlichen Blicke an und marschierte aus dem Zimmer.“

Marco steckte den Bericht in einen Umschlag und reichte ihn ihr. „Lizzie kommt in ein schwieriges Alter“, sagte er sanft. „Sie ist noch keine Frau, aber auch kein Kind mehr. Verständlich, dass sie unsicher ist und sich gegen alles und jeden auflehnt. Das ist völlig normal.“

„Meinen Sie wirklich?“

„Wir reden ein andermal ausführlich darüber.“ Er schob den Kugelschreiber wieder in die Brusttasche seines Arztkittels. „Heute ist Michelle die Hauptperson. Sie wird sich erholen, da bin ich ganz sicher. Aber zu Ihrer Beruhigung möchte ich sie ins Krankenhaus einweisen. Sie haben für heute genug Sorgen gehabt, und im Krankenhaus ist sie gut aufgehoben. Dann haben Sie ein bisschen Luft und können sich mehr um Lizzie kümmern.“

„Wenn ich nur wüsste, wie“, sagte Carol mutlos. „Was ich auch mache, es ist falsch. Manchmal ist sie kaum ansprechbar, und dann wieder springt sie mir fast ins Gesicht, sobald ich etwas zu ihr sage. Kleinkinder sind nicht so anstrengend wie Teenager, finde ich.“

Er lächelte verständnisvoll. „Mütter haben den schwierigsten Job der Welt, weil sie ständig neue Fähigkeiten brauchen. Aber Sie sind eine gute Mutter, und gute Mütter finden immer einen Weg … vergessen Sie das nicht.“

Amy fing Carols dankbaren Blick auf und wandte sich ab. Zu schmerzlich war das Gefühl, das ihr plötzlich die Kehle zuschnürte. Musste er so einfühlsam sein? Konnte es ihm nicht egal sein, ob Carol mit ihrer älteren Tochter Probleme hatte? Als Arzt war er doch nur bei der Kleinen gefragt.

Hätte er sich unsensibel verhalten, wäre alles einfacher.

Leider genügten zehn Minuten, um ihre ärgsten Befürchtungen zu bestätigen. Selbst nach zwei Jahren Trennung hatten sich ihre Gefühle nicht verändert. Sie liebte Marco Avanti immer noch, und sie würde ihn bis an ihr Lebensende lieben.

Ohne Michelle aus den Augen zu lassen, griff Marco zum Telefon und rief die diensthabende Kinderärztin an. Die Atmung des Mädchens gefiel ihm nicht.

Hatte er etwas übersehen?

Normalerweise zweifelte er nicht an seinem ärztlichen Sachverstand. Aber es war ihm auch noch nie passiert, dass er sich um einen Notfall kümmern musste, nachdem seine Frau unverhofft in seiner Praxis aufgetaucht war. Oder sollte er lieber sagen, Exfrau? Sie hatte gesagt, sie wolle die Scheidung.

Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich verunsichert. Schuld daran war Amy.

Er konzentrierte seine Gedanken wieder auf Michelle und beendete das Gespräch. Noch einmal ging er genau durch, was bei einem Asthmaanfall bei Kleinkindern zu tun war. Nein, er hatte alles richtig gemacht.

Amy beobachtete ihn. Wartete sie auf den richtigen Moment, ihn um die Scheidung zu bitten? Warum ausgerechnet jetzt? In der Praxis war die Hölle los, und sie hatten einen Arzt zu wenig. Er hatte keine Zeit, sich mit Amy, mit Scheidung oder damit zu befassen, wie er seine Ehe retten sollte.

Die Tür öffnete sich, Kate eilte herein. „Carol, Ihr Mann hatte den Krankenwagen zu uns umgeleitet. Einer der Sanitäter wartet vorn und möchte wissen, ob sie noch gebraucht werden. Soll Michelle ins Krankenhaus?“

Carol sah Marco an. „Meinen Sie, das ist wirklich nötig?“

Entschlossen drängte er seine eigenen Probleme in den Hintergrund und nickte. „Auf jeden Fall. Die Kinderärztin ist informiert. Sie will Michelle über Nacht zur Beobachtung dabehalten. Vielleicht muss sie andere Medikamente bekommen.“

Carol schloss kurz die Augen. „Das wird nicht leicht“, flüsterte sie. „Michelle ist noch so klein und sehr ängstlich. Ich mache mir solche Sorgen. Ich möchte so gern, dass sie ein normales Leben führt. Was soll erst werden, wenn sie zur Schule muss?“

„Eins nach dem anderen, Carol“, sagte er beruhigend und drückte ihr die Schulter. „Ich spreche die Behandlung mit der Klinik ab, und dann beobachten wir genau, wie es Michelle den Winter über geht. Und wenn Sie Kummer haben, können Sie sich jederzeit einen Termin bei mir geben lassen. Gemeinsam schaffen wir es. Auch, dass Sie besser mit Lizzie fertig werden.“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Carol biss sich auf die Lippe. „Sie sind so nett, Doktor, ich muss gleich weinen.“ Sie presste die Hand auf den Mund. „Entschuldigen Sie, ich komme mir vor wie ein Idiot.“

„Nein, Carol, Sie lieben Ihre Kinder, und Sie sind müde und voller Sorgen.“ Sein Blick glitt zu Michelle. Das ungute Gefühl blieb. Das Mädchen war bleich, die Atemfrequenz zu hoch. Marco fasste einen Entschluss. „Ich fahre mit“, sagte er zu Kate.

„Du willst die Praxis verlassen, mitten in der Sprechstunde?“

Da er sich bewusst war, dass Carol zuhörte, versuchte er es mit einer humorvollen Antwort. „Was heißt hier mitten? Ich habe noch nicht einmal richtig angefangen.“ Marco griff nach seiner Arzttasche.

Kate machte ein verzweifeltes Gesicht. „Marco, das Wartezimmer ist brechend voll. Dr. Roberts und Dr. Lovak sind auch mit Patienten beschäftigt, und da Lucy …“

„Wir haben hier ein krankes Kind, um das ich mich kümmern muss“, unterbrach er sie sanft und warf den Püster mit dem krampflösenden Mittel in die Tasche.

„Okay.“ Kate seufzte leise. „Fahr mit ihr. Wir kommen schon irgendwie klar.“

Schuldbewusst blickte Carol von einem zum anderen. „Es tut mir so furchtbar leid.“

„Das muss es nicht. In dieser Praxis bekommt jeder Patient so viel Aufmerksamkeit, wie er braucht. Die anderen Patienten werden sich nicht beschweren, weil sie genau wissen, dass ihnen eines Tages das Gleiche passieren kann.“ Marco sah zu Amy hinüber, die unbehaglich und ein wenig verloren in der Ecke stand. „Amy kann mit meiner Sprechstunde weitermachen. Dann brauchen Nick und Dragan keine Patienten zusätzlich zu übernehmen.“

Anscheinend hätte er ihr genauso gut vorschlagen können, nackt durch den Hafen zu laufen. Sie starrte ihn schockiert an. „Ich …?“

„Ja, du. Du bist Allgemeinärztin. Wir stecken in einer Krise, und du möchtest uns bestimmt gern helfen.“

„Aber …“

„Was für eine grandiose Idee! Das wäre fantastisch“, rief Kate erleichtert aus und schob Carol zur Tür hinaus, wobei sie nach der rosa Decke griff, die zu Boden zu gleiten drohte. „Ich bringe Carol und Michelle schon mal zum Krankenwagen. Amy, du kannst Lucys Sprechzimmer benutzen. Bin gleich wieder da und erkläre dir alles Weitere.“

„Aber ich bleibe nicht …“ Die Tür schloss sich hinter Kate, und Amy fuhr herum. „Marco, das ist doch lächerlich. Ich will nur fünf Minuten mit dir reden, mehr nicht.“

„Wie du siehst, habe ich nicht mal eine Minute.“ Er ließ die Tasche zuschnappen. Mit einem metallischen Klicken rastete der Verschluss ein. „Wenn du mit mir reden willst, übernimm meine Sprechstunde. Hinterher habe ich vielleicht Zeit.“

„Marco …“

Er packte die Tasche. „Das ist meine Bedingung.“

„Wir müssen uns unterhalten, das weißt du.“ Amy schlang die Arme um sich, ließ sie schließlich fallen. „Du lässt mir kaum eine Wahl“, sagte sie resignierend.

„Wie du mir damals, als du einfach gegangen bist.“ Auf dem Weg zur Tür fiel sein Blick aus dem Fenster. Die schneeweiße Winterlandschaft erinnerte ihn daran, dass er besser einen Mantel überziehen sollte.

Auf einmal konnte er es kaum erwarten, aus diesem Zimmer zu verschwinden. Marco war wütend. Auf Amy und auf sich selbst, weil er nach zwei langen Jahren immer noch nicht gelernt hatte, sie zu vergessen.

„Keine Diskussion, Amy. Erst die Sprechstunde, dann das Gespräch.“

„Falls etwas fehlt, sag mir Bescheid.“ Kate deutete auf die Schränke. „Eigentlich müsste alles vorhanden sein. Und wenn du sonst irgendwelche Informationen brauchst, kannst du Nick anrufen. Er hat die Nummer zwei.“

Nick Roberts, der Seniorpartner. Obwohl er ein enger Freund von Marco war, hatte Amy ihn immer ein bisschen einschüchternd gefunden.

Was würde er davon halten, dass sie plötzlich hier auftauchte? Bald nachdem sie Penhally Bay verlassen hatte, war seine geliebte Frau Annabel gestorben. Eine Tragödie für Nick.

„Wie geht es ihm? Ich war entsetzt, als du geschrieben hast, was passiert war.“

„Ja.“ Mit ausdruckslosem Gesicht schob Kate einen Stapel Rezeptformulare in den Druckerschacht. „Das waren wir alle. Ich dachte, du solltest es erfahren. Allerdings musste ich erst Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um deine Adresse zu bekommen. Selbst die Hilfsorganisation, für die du gearbeitet hast, konnte mir nicht garantieren, dass dich der Brief überhaupt erreicht.“

„Ich war viel unterwegs. Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich ihn bekam.“ Sie sank auf den Stuhl. „Ich habe Nick eine Karte geschrieben. Wie … wie geht es ihm?“

Kate nahm einen Kugelschreiber vom Schreibtisch. „Schwer zu sagen, er redet nicht viel über sich selbst. Er macht einfach weiter.“

„Hat er schon jemand Neues kennengelernt?“

Der Kugelschreiber entglitt ihren Fingern. „Er verabredet sich, geht aus.“ Ihre Stimme klang seltsam gedämpft, als sie sich nach dem Stift bückte. „Aber ich glaube nicht, dass etwas Ernstes dabei ist. Bist du so weit? Ich schicke dir dann den ersten Patienten herein.“

Amy strich über die Schreibtischplatte, blickte auf den PC und hatte das Gefühl, in einem führerlosen Zug dahinzurasen. Mit unbekanntem Ziel. Wie kam es, dass sie in Lucys Zimmer saß, um eine Sprechstunde abzuhalten, obwohl sie nur mit Marco hatte reden wollen? Eigentlich gehörte sie nicht zu den Menschen, die nicht Nein sagen konnten. „Wie viele sind es?“

„Das verrate ich dir lieber nicht, sonst suchst du schreiend das Weite. Nur so viel: Marco ist in Penhally Bay ausgesprochen beliebt. Aber vielleicht hast du Glück, und bei Dragan werden noch Termine abgesagt. Dann kann er dir ein paar Patienten abnehmen.“ Kate lächelte. „Danke, Amy. Du rettest uns das Leben.“

Fast hätte sie hysterisch losgelacht. Sie fühlte sich nicht wie ein Lebensretter. Eher wie der, der zu ertrinken drohte. „Ich weiß nicht, ob ich euch wirklich nützlich sein kann. Ich kenne keinen einzigen Patienten.“

„Du bist Ärztin und damit sehr nützlich.“ Kate beugte sich vor und schaltete den Computer ein. „Wenn du auf diese Taste hier drückst, hast du alles, was du brauchst, auf dem Bildschirm. Amy, du hast zwei Jahre im tiefsten Afrika gearbeitet, da sollte eine Sprechstunde in einem kleinen Ort in Cornwall ein Kinderspiel sein.“

Plötzlich sehnte sie sich nach Afrika zurück. Allein, um Abstand zu Marco zu haben. Amy schloss kurz die Augen. Ihr graute schon jetzt vor dem Gespräch mit ihm. „Kate, wie rufe ich die Patienten auf?“

„Über diesen Summer.“ Sie schob einen Papierstapel beiseite. „Und in der ersten Schublade liegt eine Liste der Krankenhausärzte, falls du jemanden einweisen musst.“

Amy sah ihr nach, als sie das Zimmer verließ, und betätigte rasch den Summer, bevor sie vollends den Mut verlor.

„Hallo, Mrs …“ Lächelnd blickte sie ihrer ersten Patientin entgegen und sah auf die Karte. „… Duncan. Dr. Avanti begleitet einen Notfall ins Krankenhaus, und ich springe solange für ihn ein. Was kann ich für Sie tun?“

„Ich fühle mich seit Tagen nicht wohl. Erst dachte ich, es ist eine Erkältung, aber jetzt habe ich diese bohrenden Kopfschmerzen. Mein rechtes Auge juckt, und die Haut rundherum ist irgendwie taub.“

„Den Ausschlag auf Ihrer Nase, wie lange haben Sie den schon?“

„Damit bin ich aufgewacht. Entzückend, wie?“ Mrs Duncan lachte matt. „Jetzt sehe ich auch noch aus wie ein Clown. Das Kleid, das ich mir für den Neujahrsball gekauft habe, kann ich wohl im Schrank lassen. Es sei denn, der Veranstalter macht einen Maskenball daraus.“

Sorgfältig untersuchte Amy die gerötete Stelle und erinnerte sich, dass sie so etwas schon einmal in Afrika gesehen hatte. „Seit heute Morgen, sagten Sie?“

„Ja.“ Sie seufzte. „Wenn man glaubt, das Leben ist schlimm genug, holt es zum nächsten Schlag aus.“

Amy rang sich ein Lächeln ab. „Ich weiß, was Sie meinen.“

„Ich hätte mich damit draußen gar nicht blicken lassen, aber die Schmerzen sind kaum auszuhalten. Keine Ahnung, woher dieser Ausschlag kommt. Weihnachten war ich allein, ich kann mich nirgends angesteckt haben.“

Nachdem sie sich die Hände gewaschen hatte, setzte sie sich wieder hinter den Schreibtisch. „Es ist Herpes, Mrs Duncan.“

„Herpes?“, kam die verblüffte Antwort. „Im Auge? Das gibt’s doch nicht!“

„Leider doch. Ich überweise Sie ins Krankenhaus, dort wird man Ihre Augen genauer untersuchen. Aber ich gebe Ihnen ein Rezept für Aciclovir mit. Es zeigt gute Wirkung, wenn man es innerhalb von zweiundsiebzig Stunden nach Auftreten der ersten Symptome anwendet.“ Sie wählte das Präparat aus, und gleich darauf spuckte der Drucker leise surrend das Rezept aus.

Mrs Duncan verstaute den Zettel in ihrer Handtasche. „Muss ich sofort ins Krankenhaus?“

„Am besten ja. Ich rufe gleich durch und melde Sie an. Gehen Sie direkt zur Augenstation.“

„Danke.“ Sie wirkte noch immer überrascht. „Ich hatte ja alles Mögliche erwartet, aber nicht das.“

„Falls Sie Fragen haben, kommen Sie gern wieder, dann reden wir darüber.“

Im selben Moment fiel ihr ein, dass sie schon in wenigen Stunden nicht mehr hier sein würde. Amy blickte auf ihre Armbanduhr und fragte sich, wie lange Marco wohl wegblieb. Und wie ging es Michelle inzwischen? Es war ein komisches Gefühl, wieder in England zu sein und eine Sprechstunde abzuhalten.

Der Strom der Patienten schien endlos. Als wieder einmal die Tür aufging, betrat zu ihrem Erstaunen jedoch Nick Roberts das Zimmer.

„Nick.“ Sie erhob sich hastig. „Ich … schön, dich zu sehen.“

„Ganz meinerseits.“ Prüfend blickte er sie an. „Was für eine Überraschung.“

„Ja. Ich, also … Marco und ich haben etwas zu besprechen, und auf einmal war hier der Teufel los, und jetzt helfe ich ein wenig aus.“ Sie lächelte schwach, während sie wieder in den Sessel sank.

„Vielen Dank, das ist unsere Rettung. Wie geht es dir?“

„Gut“, log sie. „Und dir? Ich habe gehört, dass Lucy dich zum Großvater gemacht hat. Herzlichen Glückwunsch! Obwohl ich sagen muss, dass du dafür viel zu jung aussiehst.“

„So geht es einem, wenn man früh Kinder bekommt“, meinte er trocken. „Wie war es in Afrika?“

„Interessant.“ Miserabel. Sie zögerte. „Das mit Annabel tut mir aufrichtig leid, Nick.“

„Danke. Auch für deine Karte.“ Die Antwort klang kühl und sachlich. Nick verriet mit keinem Wort, was in ihm vorging. „Und? Wie sehen deine Pläne aus, Amy?“

Als Nächstes? Die Scheidung. Laut sagte sie: „Ich weiß noch nicht genau. Marco und ich müssen erst miteinander reden.“

Er nickte. „Falls es in der Sprechstunde irgendwelche Schwierigkeiten gibt, ruf mich an. Oder Dragan.“

„Danke.“ Gedankenvoll blickte sie ihm nach.

Eine Minute später erschien Kate mit einer Tasse Kaffee.

„Ist der für mich?“

„Den hast du dir verdient. Im Wartezimmer sehen wir endlich Land.“

„Ist Marco schon zurück?“

„Ja, doch er musste gleich wieder los. Einer der Brauereifahrer, die die Getränke für den Neujahrsball ausliefern, klagte über Brustschmerzen.“ Sie stellte die Tasse auf den Schreibtisch. „Schwarz, kein Zucker. Stimmt doch, oder?“

Verdutzt hob Amy den Kopf. „Ja.“

„Ein Tipp von Marco. Er meinte, bevor du morgens nicht deinen Kaffee gehabt hast, wärst du zu nichts zu gebrauchen.“

Erinnerungen an ausgedehnte Morgenstunden mit Marco im Bett stiegen in ihr auf. Amy spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Sie streckte die Hand aus und betätigte den Summer. „Ich danke dir, Kate. Am besten mache ich gleich weiter. Ist bei euch jeder Tag so?“

Die Praxismanagerin lachte. „Nein. Manchmal haben wir richtig viel zu tun.“

Es war also kein Spielchen gewesen. Marco hatte wirklich keine Zeit für ein Gespräch gehabt.

Der nächste Patient war ihr noch aus Kindertagen vertraut. Rob, der alte Fischer, hatte sich die Hand verletzt, und die Wunde hatte sich entzündet. Amy verschrieb ihm ein Antibiotikum.

Rob nahm das Rezept und stand auf. Kopfschüttelnd blickte er auf sie herunter. „Kleine Amy. Kommt mir vor, als wär’s gestern, dass Sie mir bis hier gingen“, brummte er und zeigte auf seine Hüfte. „Jeden Sommer haben Sie Ihre Großmutter besucht und in dem kleinen Cottage an der Küste gewohnt. Sie waren immer allein, haben nie mit den anderen Kindern gespielt. Oft standen Sie am Hafen und haben zugesehen, wie wir den Fang reinbrachten. Mit ernsten Augen und still, als würden Sie überlegen, ob Sie beim nächsten Mal mit in See stechen sollen.“

Amy vergaß den nächsten Atemzug.

Genau das hatte sie tatsächlich gedacht. Morgen für Morgen war sie zum Kai gegangen, hatte den Kuttern nachgeschaut und sich gewünscht, mit der Flut davongleiten zu können. Hin zu einem neuen Leben. Einem besseren Leben.

Das Glück fällt dir nicht in den Schoß, Amy, du musst es schon suchen.

Rob runzelte die Stirn. „Sie sehen blass aus. Alles in Ordnung?“

Nur mit Mühe gelang ihr ein Lächeln. „Ja, sicher.“

„Ihre Großmutter war eine gute Frau. Und so stolz auf Sie.“

„Sie wollte immer, dass ich Ärztin werde.“

„Klar.“ Rob grinste. „Sie hat jedem, der es hören wollte, das Neueste von ihrer klugen Enkelin erzählt.“ Das Lächeln wurde wehmütig. „Wir vermissen sie. Aber die jungen Leute, denen Sie das Cottage verkauft haben, sind nett. Sie haben inzwischen zwei Kinder.“

„Das ist schön.“ Amy stand auf. Sie hatte genug von den alten Erinnerungen. „Falls die Hand Schwierigkeiten macht, müssen Sie noch einmal wiederkommen, Rob.“

Der Fischer rührte sich nicht. „Sie hat sich gewünscht, dass Sie heiraten und Kinder kriegen. Sie und Dr. Avanti, das hätte ihr gefallen. Schön, dass Sie wieder da sind. Auch für die Praxis. Die können wirklich Verstärkung gebrauchen, nachdem Lucys Baby zu früh gekommen ist.“

Wieder da? „Ich wollte eigentlich nicht … ich meine …“ Achselzuckend unterbrach sie sich. „Hab mich sehr gefreut, Sie zu sehen, Rob.“

Wozu sollte sie lang und breit erklären, dass sie nicht bleiben würde? Sie würden noch früh genug merken, dass ihr Besuch nur von kurzer Dauer war.

Nachdem sie ihren Patienten zur Tür begleitet hatte, setzte sie sich wieder hinter den Schreibtisch und stützte den Kopf in die Hände. Hinter ihren Schläfen pochte es unangenehm, und ihr Hals fühlte sich an wie zugeschnürt.

„Eine Sprechstunde in Penhally Bay scheint nicht einfacher zu sein als eine in Afrika – wenn ich deinen Gesichtsausdruck richtig deute.“

Die tiefe samtweiche Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Amy fuhr hoch und ließ die Hände in den Schoß sinken. So entschlossen sie gewesen war, mit Marco ein klärendes Gespräch zu führen, so sehr fürchtete sie sich plötzlich davor.

3. KAPITEL

„Marco. Ich … ich habe dich nicht kommen hören.“

„Anscheinend warst du meilenweit weg.“ Er stieß die Tür zu und schlenderte ins Zimmer. „Du bist blass. Was ist los?“

Amy nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit Rouge zu benutzen. Sie lachte freudlos auf. „Ich dachte, das wäre klar.“

„Mir nicht. Du hattest kein Problem, ohne ein Wort auf und davon zu gehen. Ein paar Erinnerungen sollten dir nichts ausmachen.“

„So einfach war es für mich nun auch wieder nicht, Marco. Ich habe nur getan, was für uns beide richtig war.“

„Nein, für dich. Ich wurde nicht gefragt.“ Ärger glomm in seinen Augen auf, als er vor den Schreibtisch trat. „Du hast es nicht für nötig gehalten, mit mir zu reden, bevor du verschwunden bist.“

„Ich habe mit dir geredet!“

„Wann, bitte?“

„Ich habe dir gesagt, dass ich unglücklich bin. Wir hätten nie nach Penhally Bay zurückkommen dürfen.“

„Als hätte dir jemand eine Gehirnwäsche verpasst … An einem Tag liegst du in meinem Bett, und wir planen unsere Zukunft, und am nächsten packst du deine Sachen und suchst das Weite, als sei der Teufel hinter dir her. Das ergibt doch keinen Sinn!“

Wenn du wüsstest, was ich weiß, dann schon.

„Ich habe meine Meinung eben geändert“, entgegnete sie steif. „Du bist nur sauer, weil du nicht mit entschieden hast. Du hast eben gern alles unter Kontrolle.“

„Kontrolle?“ Er hob eine Augenbraue. „War unsere Beziehung für dich ein Machtkampf, amore?“

Amy wich seinem eindringlichen Blick aus. Groß und breitschultrig stand Marco vor ihr, und sie hatte das Gefühl, dass das Zimmer schrumpfte.

Sie erhob sich und ging ans Fenster. „Lass uns ehrlich sein, Marco, wir haben einen Fehler gemacht. Wir hätten nie heiraten sollen. Drei Monate, das ist doch lächerlich, da kann man sich nicht richtig kennenlernen!“ Sie fixierte einen imaginären Punkt in der Ferne und sprach die Worte aus, die sie eingeübt hatte. „Gut, die Anziehung war da. Das will ich nicht abstreiten. Aber Anziehung allein reicht nicht, um sich ein Leben lang aneinander zu binden.“

Stille.

„Du meinst hormongesteuerte Teenager“, sagte er schließlich. „Wir waren erwachsen und wussten, was wir wollten.“

„Erwachsen oder nicht, wir haben uns dazu hinreißen lassen, spontan zu heiraten. Warum? Eine Beziehung hätte genügt.“

Marco sagte lange Zeit nichts, aber sie spürte seinen brennenden Blick förmlich zwischen den Schulterblättern.

„Sieh mich wenigstens an, wenn du das, was uns verbindet, auf eine billige Affäre reduzierst.“ Das klang gefährlich ruhig.

Amy holte tief Luft und drehte sich um. „Billig habe ich nicht gesagt, Marco. Es war wundervoll, das wissen wir beide. Aber wir hätten nicht versuchen sollen, mehr daraus zu machen. Wir haben unterschiedliche Vorstellungen vom Leben.“

Suchend blickte er ihr ins Gesicht. „Tatsächlich? Wenn ich mich recht erinnere, wollten wir das Gleiche, bevor wir nach Penhally Bay kamen. Wir hatten Pläne gemacht. Ich würde mit Nick in der Praxis arbeiten, und du wolltest zu Hause bleiben, unsere Kinder bekommen und später wieder anfangen zu arbeiten. Deshalb haben wir das Haus gekauft.“

An das Haus mochte sie nicht einmal denken! „Tut mir leid, dass ich meinen Teil der Abmachung nicht eingehalten habe. Aber ich habe mich nun mal für eine Karriere und gegen eine Familie entschieden.“

Er sah sie an, als hätte er eine Fremde vor sich, und murmelte etwas auf Italienisch vor sich hin.

Amy seufzte entnervt auf. „Wenn das hier funktionieren soll, sprich bitte Englisch, damit ich dich verstehen kann.“

„Du sprichst Englisch, aber ich verstehe dich trotzdem nicht!“, brauste er auf und strich sich mit seinen schmalen gebräunten Händen durchs Haar. „Du sagst, du willst Karriere machen. Als wir uns kennenlernten, hast du von Familie und Kindern gesprochen, von nichts anderem. Du warst sanft, zärtlich, liebevoll. Dann sind wir nach Penhally Bay gezogen, und plötzlich …“ Er schnippte mit den Fingern. „… verwandelst du dich in eine Frau, die ich nicht kenne. Warum ist auf einmal alles anders? Was ist passiert?“

Die Versuchung, ihm alles zu sagen, war groß. Aber dann wäre ihre Flucht umsonst gewesen, und außerdem würde die Wahrheit alles nur komplizierter machen. Der bittere Geschmack in ihrem Mund verstärkte sich.

„Vieles“, antwortete sie mit mühsam erkämpfter Gelassenheit. „Erstens ist Penhally Bay nicht gerade der Nabel der Welt. Ich habe mich gelangweilt, die Arbeit als Ärztin vermisst. Patienten, den Medizineralltag.“

„Warum hast du nichts gesagt? Wir hätten für dich Arbeit gefunden. In Penhally Bay oder woanders.“ Marco wanderte auf und ab.

„Der Zug ist abgefahren“, erwiderte sie leise. „Wir sollten nach vorn schauen. Sobald wir alles besprochen haben, lasse ich dich in Ruhe.“

„In Ruhe?“ Er fuhr herum, einen angespannten Ausdruck im schmalen attraktiven Gesicht. „Glaubst du wirklich, ich hätte meine Ruhe, wenn du wieder verschwindest? Ich hatte nicht eine ruhige Minute, seit du weg bist!“

Nicht?

Ihr Herz machte einen kleinen Satz, aber die Ernüchterung folgte auf dem Fuße. Selbst wenn er sie vermisst hatte, es änderte nichts an den Fakten. Vielleicht hatte sie auch nur seinen Stolz getroffen. Marco Avanti war ein Mann, der genau wusste, was er wollte, und sie hatte seine Pläne durchkreuzt. Das war alles.

„Es tut mir leid“, sagte sie aufrichtig. „Es tut mir leid, wenn ich dir wehgetan habe.“

Er musterte sie scharf. „Aber du willst die Scheidung?“

Amy zögerte nur kurz. „Ja“, brachte sie hervor. „Es ist das einzig Richtige.“

„Bestimmt nicht.“ Dicht vor ihr blieb er stehen. Dunkle Augen suchten ihren Blick. „Ich hätte nie gedacht, dass du so leicht aufgibst, Amy. Warum versuchst du nicht, unsere Ehe zu retten?“

Ihr Herz fing an, wie verrückt zu hämmern. Die Sehnsucht, wurde unerträglich. Bis ihr einfiel, dass es kein Zurück gab. Sie hatte schon so viel auf sich genommen, um es bis hierher zu schaffen. Amy schüttelte den Kopf. „Sie ist nicht mehr zu retten.“

„Woher weißt du das? Wir versuchen es gemeinsam. Rede mit mir, Amy, und ich zeige dir, dass es geht.“

„Nein, Marco. Zwei verschiedene Hälften kann man nicht zusammenfügen. Du willst eine Familie. Hast du mir nicht selbst erzählt, dass du lange nicht dafür bereit warst? Bis sich das eines Tages änderte.“

„Ja, als ich dir zum ersten Mal begegnet bin. Mein erster Gedanke war, dass ich noch nie solch eine verführerische Frau gesehen hatte.“ Seine Stimme klang heiser. „Du trugst ein nachtblaues Kostüm und diese sexy High Heels, und deine Beine kamen mir vor wie das achte Weltwunder. Aber du warst todernst und stelltest mir eine Frage nach der anderen.“

Sie wurde rot. „Du hast über einen Aspekt der Pädiatrie referiert, der mich besonders interessiert hat.“

„Mir fiel noch mehr auf. Du hattest nicht nur herrliche Beine und wunderschöne braune Augen, sondern warst intelligent und auf bezaubernde Weise warmherzig und freundlich. Ich wusste sofort, dass du die Richtige bist … die Frau, die ich zur Mutter meiner Kinder machen wollte.“

Die Mutter seiner Kinder.

Ein lastendes Schweigen entstand. Amy wusste, dass er eine Antwort erwartete, aber sie brachte kein Wort hervor. Um nicht hilflos dazustehen, griff sie nach ihrer Tasche, zog den Mantel von der Stuhllehne und schlüpfte hinein. Als sie den Gürtel zuband, hatte sie sich wieder einigermaßen gefangen.

„Entschuldige, dass ich deine Pläne durchkreuze, aber ich kann nicht die Mutter deiner Kinder sein. Du solltest dir eine andere Kandidatin suchen. So, und jetzt muss ich gehen.“ Bevor ich vor ihm zusammenbreche.

„Ich dachte, du willst mit mir reden?“

„Es … ich kann nicht …“ Sie brauchte unbedingt frische Luft. Und Abstand. Ganz viel Abstand. „Du hast zu tun. Ich hätte nicht kommen sollen. Kümmere dich um deine Patienten, ich schreibe dir noch mal. Diesmal kannst du mir ja antworten. Glaub mir, es ist das Beste für uns.“ Hastig strebte sie zur Tür.

Sie kam nicht weit. Marco packte sie am Arm, und sie spürte die Wärme seiner Hand durch den Wollstoff hindurch. „Wir sind noch nicht fertig. Letztes Mal bist du einfach gegangen, ohne dir anzuhören, was ich zu sagen habe. Das wirst du nicht wieder tun, Amy.“

„Deine Patienten warten.“

„Um die kümmere ich mich gleich. Hinterher essen wir zusammen Mittag. Im Smugglers’ Inn. Dabei können wir uns unterhalten.“

Vor den Augen einer neugierigen Öffentlichkeit. „Willst du, dass die Leute über dich tratschen?“

„Der Klatsch ist mir egal. Kate kann dir einen Kaffee bringen, während du auf mich wartest. Und dann fahren wir zusammen.“

„Nicht nötig. Ich gehe ein bisschen spazieren, und wir treffen uns dort. Aber ich werde heute Abend nach London zurückfahren.“

„Das heißt, du hast genug Zeit für ein ausgedehntes Mittagessen. Halb eins. Und sei dort. Diesmal werde ich dich suchen.“

Das Smugglers’ Inn lag am Rand einer Klippe, ein wenig außerhalb von Penhally Bay.

Dröhnend fuhr der Maserati auf den Parkplatz. Marco stellte den Motor ab und saß einen Moment still da. Der Geruch der Ledersitze stieg ihm in die Nase, ein Duft, der ihn normalerweise beruhigte. Heute nicht. Er war noch immer angespannt, nachdem er Amy so unverhofft wiedergesehen hatte.

Er fluchte leise vor sich hin, stieg aus, verschloss den Wagen und marschierte auf das Gasthaus zu. Die Temperatur war weiter gesunken, ein eisiger Wind pfiff ihm um die Ohren. Vergeblich versuchte Marco, sich einen Plan zurechtzulegen, aber er hatte keine Ahnung, was er tun oder zu Amy sagen sollte. Sein sonst so scharfer Verstand schien eingefroren.

Welch eine Ironie des Schicksals! Von allen Frauen, die ihn im Laufe der letzten Jahre belagert hatten, musste er sich ausgerechnet die aussuchen, die mit ihrem Beruf verheiratet war und kein Interesse daran hatte, Kinder zu bekommen.

Er stutzte. Als er sie kennenlernte, wollte sie Kinder. Damals hatte er ihre Sehnsucht nach einer eigenen Familie damit erklärt, dass sie anscheinend von ihrer Mutter enttäuscht war. Vielleicht hatte er sich geirrt. Wie in so vielem, was Amy betraf.

Sicher, manchmal änderten Menschen ihre Einstellung zum Leben, aber …

Gib ihr die Scheidung, sagte er sich grimmig. Sie war zwei Jahre weg, da ist nichts mehr zu retten. Heißer Zorn erfasste ihn, und Marco atmete tief die kalte, klare Luft ein. Nach kurzem Zögern stieß er die Tür zum Pub auf.

Wärme, Gelächter und Stimmengewirr schlugen ihm entgegen. Suchend glitt sein Blick zur Bar.

Würde Amy hier sein, oder stand sie jetzt frierend am Bahnsteig? Wartete sie auf den Zug, der sie von ihm fortbringen würde?

Wie stark war ihr Wunsch, sich von ihm scheiden zu lassen?

Und dann sah er sie, eine schlanke Gestalt, allein am Kamin. Sie trug noch Mantel und Schal, als könne kein Feuer sie wärmen. Wie verletzlich und einsam sie wirkte. Sie hatte ihr seidiges dunkles Haar hinter das Ohr zurückgestrichen, und plötzlich regte sich etwas in ihm. Marco erinnerte sich an die unzähligen Male, als er seine Lippen auf ihren zarten Hals gepresst und sie liebkost hatte.

Frustriert löste er den Blick von der samtig schimmernden Haut, ärgerlich über sich selbst, weil ihn heftiges Verlangen übermannt hatte. Die Zeit heilt alle Wunden … pah! dachte er. Was für ein Blödsinn. Bei ihm war gar nichts verheilt. Im Gegenteil, er begehrte Amy mehr als jede andere Frau, der er in seinem Leben begegnet war. Und er konnte sich nicht damit abfinden, dass sie ihn verlassen hatte!

Warum? Weil sie die Einzige war, die sich von ihm abgewandt hatte? Ging es hier um seinen Stolz? War er wirklich so oberflächlich?

Wieder explodierte Ärger in ihm. Er ließ es zu. In den letzten beiden Jahren hatte er festgestellt, dass er mit seiner Wut noch am besten bedient war. Besser als mit nagenden Gefühlen wie Schmerz und bitterer Enttäuschung …

Sobald er sich im Griff hatte, marschierte er zum Tresen und nickte dem Mann dahinter zu. „Tony, gib mir etwas Kaltes, das nicht die Sinne benebelt.“

Der Wirt ließ den Blick zu Amy gleiten, die immer noch in die Flammen starrte. „Könnte sein, dass du etwas Stärkeres brauchst.“

„Führ mich nicht in Versuchung, ich habe Rufbereitschaft. Hat sie schon bestellt?“

Tony holte ein Glas aus dem Regal und entfernte routiniert die Kronkorken mehrerer kleiner Flaschen. „Sie kam vor zehn Minuten. Hat einen Grapefruitsaft bestellt und bezahlt, drei Sekunden höflich Konversation gemacht und sich dann wie ein waidwundes Reh in die Ecke dort geschleppt. Bis jetzt hat sie ihren Saft nicht angerührt. Willst du meine Meinung hören? Sie ist unglücklich. Du solltest deine phänomenalen ärztlichen Fähigkeiten einsetzen, um herauszufinden, wo der Schuh drückt.“

Marco trommelte mit den Fingern auf dem Holz herum. Er wusste genau, was los war. Sie wollte eine schnelle Scheidung, und er stellte sich quer.

Der Inhalt der Fläschchen füllte gluckernd das Glas. „Bitte schön.“ Tony schob es ihm hin. „Ein Fruchtcocktail für den Doktor im Dienst. Voller Vitamine, kein Alkohol. Geht aufs Haus. Wenn du Hunger hast, sag mir Bescheid. Die Pasteten sind vor fünf Minuten aus dem Ofen gekommen, und ich habe exzellente Fish and Chips. Aber ich vermute mal, dass du dich vor deinen Patienten nicht mit Cholesterin vollstopfen willst, oder?“

Marco grinste nur schwach, nahm seinen Obstsaft und ging zum Kamin.

„Tut mir leid, dass du warten musstest.“ Er stellte das Glas ab und zog den Mantel aus. „Manche Patienten brauchen mehr Zeit, als ich eigentlich habe.“

„Macht nichts.“ Flüchtig blickte sie auf. Im Schein der Flammen funkelten rötliche Glanzlichter in ihrem Haar. Ihm fiel auf, wie blass sie war. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten, und sie war dünner geworden.

Er betrachtete sie gedankenvoll. Für eine Frau, die sich mit Freuden für eine Karriere entschieden hatte, wirkte sie nicht gerade glücklich. Was war mit ihr los? Belastete sie die Sache mit der Scheidung, oder hatte sie sich in Afrika eine Tropenkrankheit eingefangen?

„Also …“ Er hob seinen Drink. „… erzähl mir von deiner Arbeit. Ist es anstrengend?“

„Wie bitte?“ Anscheinend hatte sie nicht zugehört.

„Deine Arbeit. Das, was dir wichtiger ist als alles andere, tesoro.“ Der ironische Unterton kam von selbst. „Wichtiger als Ehe und Kinder.“

Sie zuckte zusammen, als wäre ihr gerade erst klar geworden, wovon er redete. Aber dann straffte sie die Schultern und blickte wieder ins Feuer. „Ich habe ein Malaria-Projekt betreut.“

„Und das war interessant? Befriedigend?“ Warum sieht sie mich nicht an?

„Ja.“

Ärger wallte in ihm auf. Marco war drauf und dran, sie am Nacken zu packen, damit sie ihm endlich in die Augen blickte. „War es das wert, unsere Ehe zu opfern?“

Sie schnappte nach Luft und sah ihn endlich an. „Unsere Ehe hat damit nichts zu tun.“

„Irrtum“, stieß er hervor. Aus dem Augenwinkel nahm er wahr, wie sich in der Nähe ein paar Köpfe nach ihm umdrehten. „Du hast mich verlassen, weil deine Karriere dir wichtiger ist als eine Familie. So einfach ist das!“

„Einfach ist gar nichts. Sprich leiser, Marco, die Leute gucken schon.“ Sie griff nach ihrem Saft, und das lange Haar glitt wie ein schimmernder Vorhang über ihre Wangen. „Du wolltest dies in der Öffentlichkeit klären. Können wir uns also bitte wie zivilisierte Menschen benehmen?“

„Zivilisiert?“ Zornig starrte er sie an. Wie konnte sie nur so ruhig bleiben? „Du hast unsere Ehe mit Füßen getreten. Vergib mir, amore, aber meine Gefühle sind alles andere als zivilisiert. Ich fühle mich …“ Ihm fehlten die Worte. Auf Italienisch hätte er gewusst, was er sagen sollte!

Amy erhob sich. „Es hat keinen Sinn. Ich hätte nicht herkommen sollen.“

Entschlossen, sie nicht gehen zu lassen, packte er sie beim Arm. „Setz dich. Du wolltest diese Unterhaltung.“

„Das nennst du Unterhaltung? Ich wollte nur ein paar Fakten besprechen, aber du verlierst gleich die Beherrschung.“

„Tue ich nicht.“ Marco holte Luft und bemühte sich um einen sachlichen Tonfall. „Ich habe eine Frage.“

„Was für eine?“ Mit wachsamem Blick sank sie wieder in den Sessel.

„Denkst du manchmal an uns? An das, was wir hatten? Hast du vergessen, wie es mit uns war?“

Bebend atmete sie tief durch, und der Ausdruck in ihren wunderschönen Augen sagte ihm genug. „Marco …“

Sein Handy klingelte, und er fluchte leise. Ausgerechnet jetzt. Er blickte auf das Display und seufzte. „Kate. Es muss wichtig sein.“

„Geh ruhig ran.“

Verärgert, dass sie gerade in diesem wichtigen Moment gestört wurden, drückte er die Taste und meldete sich knapp.

Sekunden später wurde alles andere nebensächlich. Selbst Amy.

„Ist etwas passiert?“, fragte sie sofort, als er das Gespräch beendete.

„Die Knight-Jungen werden vermisst.“ Er stand auf. „Eddie ist erst fünf.“ Seinen Mantel hatte er noch nicht ganz übergezogen, da flog die Eingangstür auf, und ein kleiner Junge stürmte herein.

„Dr. Avanti!“, keuchte er völlig außer Atem. „Kommen Sie, schnell! Eddie ist ausgerutscht und hingefallen, und wir kriegen ihn nicht wach, und er blutet überall …“ Seine Stimme überschlug sich, er musste Atem holen. „Ich glaube, er ist tot, Dr. Avanti. Er ist tot!“

4. KAPITEL

Calma. Beruhige dich, Sam.“ Marco legte dem Jungen die Hände auf die Schulter und ging vor ihm in die Hocke. „Erzähl mir, wo er ist.“

„Alfie und ich haben Piraten gespielt. Mum hat uns verboten, zur Klippe zu gehen, aber wir sind doch hin. Eddie ist uns nachgelaufen, und dann …“ Sam verzog das Gesicht, Tränen kullerten ihm über die Wangen. „Er ist tot. Überall ist Blut.“

Behutsam legte Marco einen Arm um ihn und sprach leise auf ihn ein.

Amy konnte nichts verstehen, aber Sam hörte auf zu weinen und sah vertrauensvoll zu Marco auf. „Ehrlich? Meinen Sie das ernst?“

Marco nickte und erhob sich. „Komm, zeig mir die Stelle.“ Sein Blick fiel auf Amy. „Bleib hier. Versprich mir, dass du nicht verschwindest, ehe wir uns unterhalten haben.“

„Ich komme mit.“

Schon auf dem Weg nach draußen drehte er sich stirnrunzelnd um. „Wenn ich Erste Hilfe leisten muss, kann ich nicht reden.“

„Ich will dir helfen“, erwiderte sie. „Ich bin Ärztin, schon vergessen?“

An seiner Wange zuckte ein Muskel. „Und ich dachte, du wolltest so bald wie möglich von hier verschwinden.“ Marco musterte sie. „In den Sachen kannst du nicht klettern.“

„Lass es gut sein, Marco. Wir verschwenden hier unsere Zeit.“

„Schnell, beeilen Sie sich. Er verblutet!“ Mit weit aufgerissenen Augen wartete Sam an der Tür und winkte hektisch.

Marco drehte sich halb zum Tresen um. „Tony, ruf die Küstenwache. Vielleicht brauchen wir auch einen Hubschrauber.“

Ein kräftiger Wind blies Amy die Haare ins Gesicht und erschwerte ihr den steilen Abstieg. Sie wusste genau, wie gefährlich dieser Pfad war. Als Kind hatte sie ihn geliebt und war unzählige Male in die von zerklüfteten Felsen gesäumte Bucht hinuntergeklettert.

Marco folgte Sam mühelos und mit sicherem Schritt. Nur gelegentlich warf er einen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass sie mitkam.

Amy konnte nicht sagen, ob sie über die erneute Unterbrechung ihres Gesprächs froh sein sollte. Marco hingegen schien frustriert zu sein. Fragte sich nur, ob er so entnervt war, dass er der Scheidung einfach zustimmte. Dann könnte sie Penhally Bay noch vor Einbruch der Dunkelheit verlassen.

Und wenn nicht? Wenn er ihr nicht glaubte, dass ihr der Beruf wichtiger war als Mann und Kinder?

Sie unterdrückte das Bedürfnis, sich zu beeilen. Schließlich wäre niemandem geholfen, wenn sie auch abstürzte. Gleich darauf hatte sie die riesigen Felsbrocken am Eingang zur Bucht erreicht. Hier tummelten sich im Sommer die Touristen, mit Keschern und Eimern beladen, um die Felsenteiche zu erkunden. Im Winter jedoch wagte sich kaum jemand an diesen rauen, unwirtlichen Ort. Erst recht nicht nach diesem plötzlichen Temperatursturz.

Gischt bedeckte die gezackten Steine und ließ sie schwarz aufglänzen. Amy entdeckte die Jungen. Einer lag reglos da, der andere kauerte wie ein Häuflein Elend neben ihm, und sein Gesicht war blutverschmiert. Sam und Marco waren bereits bei ihnen.

„Wir wollten nicht, dass er stirbt“, flüsterte Alfie. „Tun Sie doch was, Dr. Avanti.“ Er zitterte am ganzen Körper, während er entsetzt auf seinen kleinen Bruder starrte. „Wir haben gar nicht gemerkt, dass er uns nachgelaufen ist. Ich wollte ihn zurückbringen, aber dann ist er ausgerutscht und hat sich den Kopf gestoßen. Als ich versuchte, zu ihm zu klettern, bin ich auch ausgerutscht und hab mir den Kopf wehgetan. Und dann hat er nichts mehr gesagt. Er hat einfach nicht geantwortet.“ Sein Schluchzen wurde lauter.

Sam fing ebenfalls an zu weinen, aber als er Marcos Blick auffing, holte er tief Luft. „Schon gut, Alfie“, sagte er mit wackliger Stimme. „Wir müssen stark sein und helfen. Was sollen wir machen, Dr. Avanti?“

Marco kniete neben dem stillen Jungenkörper. „Bleib einfach erst mal sitzen, Sam. Er ist nicht tot, Alfie. Bestimmt nicht.“

Amy ging neben ihm in die Knie und zuckte zusammen, als sich der scharfkantige Stein in ihre Haut bohrte. „Ist er bewusstlos?“

„Sieht so aus.“ Mit sanften Fingern tastete er Kopf, Nase und Ohren nach Verletzungen ab. Unerwartet stöhnte Eddie auf, seine Lider flatterten. „Gut, sehr gut, er ist nur benommen.“ Behutsam setzte er seine Untersuchung fort. „Er hat ein scheußliches Hämatom am Hinterkopf. Ob die Wirbelsäule verletzt ist, kann ich nicht mit Sicherheit ausschließen.“

„Wird er sterben?“ Alfie war kaum zu verstehen.

Marco sah auf. „Nein“, sagte er zuversichtlich. „Dass du Sam zum Pub geschickt hast, war genau richtig. Gut gemacht, mein Junge.“

Mit einem Lob hatte er nicht gerechnet. Zweifelnd sah Alfie zu Marco auf, und Amy bemerkte, wie frisches Blut aus seiner Stirnwunde quoll.

„Ich rufe die Küstenwache an und kümmere mich dann um Alfie.“ Sie wühlte in ihrer Manteltasche nach dem Handy, doch Marco schüttelte den Kopf.

„Hier unten gibt es keinen Empfang. Und wenn wir ihn nach oben tragen, machen wir es vielleicht nur schlimmer. Sam?“ Sein Blick glitt zu dem Ältesten der Brüder. „Ich möchte, dass du noch einmal zum Pub läufst und Tony sagst, wir bräuchten einen Hubschrauber. Hast du mich verstanden?“

Sam sprang auf und nickte eifrig. Sein Gesicht war kreidebleich, die Augen riesig vor Angst. „Hubschrauber. Ja, mach ich. Ich mach das, Dr. Avanti.“

„Ausgezeichnet. Und pass auf bei den Felsen. Ein Unfall reicht.“ Marco wandte sich wieder dem Fünfjährigen zu. „Eddie? Kannst du mich hören? Er ist eiskalt, Amy. Wenn wir nicht aufpassen, wird Unterkühlung unser größtes Problem.“ Er fluchte leise. „Ich habe keine Erste-Hilfe-Ausrüstung bei mir, nichts.“

Rasch zog er Mantel und Pullover aus und hüllte den schmalen Körper darin ein. Amy widmete sich unterdessen Alfies Kopfwunde, aus der noch immer Blut sickerte.

Kurz entschlossen wickelte sie ihren Schal ab. „Alfie, ich drücke jetzt meinen Schal darauf, damit es aufhört zu bluten. Im Krankenhaus sehen wir es uns dann genauer an.“

„Ich will nicht ins Krankenhaus. Ich will zu meiner Mum … Au!“ Er zuckte zusammen. „Das tut weh.“

„Tut mir leid, es muss sein.“ Geschickt wand sie ihm den provisorischen Druckverband um den Kopf.

Marco warf ihr einen anerkennenden Blick zu. „Gute Idee.“

„Not macht erfinderisch. So was lernst du in Afrika.“

In seinen Augen blitzte etwas auf, aber er sagte nichts, sondern wandte sich wieder seinem Patienten zu.

„Müssen wir denn ins Krankenhaus?“, fragte Alfie ängstlich. „Mum wird ausrasten.“

„Sie ist froh, wenn ihr in Sicherheit seid. Komm, setz dich hierher.“ Sie legte den Arm um ihn und stützte ihn, damit er auf den glatten Steinen nicht wieder ausrutschte. „Rühr dich nicht vom Fleck. Ich muss Dr. Avanti helfen.“

Ohne Schal spürte sie den eisigen Wind stärker. „Du frierst doch bestimmt“, sagte sie fröstelnd, als sie sich neben Marco kniete.

„Eddie braucht die Sachen. Er hat weniger Körperfett als ich.“

Unwillkürlich glitt ihr Blick zu ihm. Von Fett keine Spur. Unter dem dünnen T-Shirt zeichneten sich kraftvolle Muskeln ab, der Stoff umspannte beeindruckend breite Schultern.

Ein bedrohliches Rauschen, von einem Krachen gefolgt, lenkte sie ab und erinnerte sie daran, dass das Meer im Winter hungrig, ungnädig – und im Moment beängstigend nahe war. „Das war ein ziemlicher Brecher, Marco.“

„Ja“, erwiderte er sachlich. „Wenn der Hubschrauber nicht in fünf Minuten hier ist, müssen wir Eddie aus der Gefahrenzone schaffen. Ich bewege ihn ungern, aber uns wird nichts anderes übrig bleiben.“

Der Junge fing an zu wimmern, und sofort sprach Marco beruhigend auf ihn ein. „Ich hätte Sam bitten sollen, eine Decke mitzubringen.“

„Bis Sam zurück ist, dürfte der Hubschrauber da sein“, versuchte sie, optimistisch zu bleiben. „Warte, nimm meinen Mantel.“

„Kommt nicht infrage.“ Marco packte sie am Arm. „Lass ihn an. Du brauchst ihn.“

„Aber …“

„Keine Widerrede, Amy.“

Näher kommendes Rotorengeräusch beendete die Diskussion.

„Gut.“ Sichtlich erleichtert sah Marco dem Rettungshubschrauber entgegen, der wie ein riesiges Insekt am grauen Himmel auftauchte.

Minuten später schwebte er über ihnen, und gleich darauf wurde per Seilwinde ein Mann zu ihnen heruntergelassen.

„Wie viele Verletzte, Marco?“

Amy fragte sich, woher die beiden sich kannten, bis ihr einfiel, dass viele Sanitäter der Luftrettung ihre Fähigkeiten bei ortsansässigen Ärzten trainierten.

„Zwei, einer davon schwer. Sein Bruder sagte, er hätte bei dem Sturz das Bewusstsein verloren. GCS-Wert bei dreizehn, als wir ankamen …“ Knapp und präzise fasste er die Situation zusammen.

Es dauerte nicht lange, dann lag Eddie sicher festgeschnallt auf einem Rettungsbrett und wurde an Bord des Helikopters gehievt.

Alfie bekam vor Staunen den Mund nicht wieder zu. „Wow!“ Die Sorge um seinen Bruder war für einen Moment vergessen. „Ist ja cool!“

Marco streifte seinen Pulli über. „Du bist der Nächste.“

„Ich fliege auch mit? Wenn ich das in der Schule erzähle …!“

Bald darauf landete auch Alfie im Bauch des Hubschraubers. Marco hob die Hand, und die Maschine knatterte auf ihrem kurzen Weg ins Krankenhaus davon.

In der Bucht brachen sich tosend die Wellen, das Meer schien zu wüten wie ein wildes Tier, dem man im letzten Moment die Beute entrissen hatte. Amy zitterte vor Kälte. „Lass uns verschwinden“, stieß sie hervor.

„Hier, zieh das an.“ Marco legte ihr seinen Mantel um die Schultern, und plötzlich war sie von wundervoller Wärme eingehüllt.

„Du kannst mir doch nicht deinen Mantel geben“, protestierte sie.

„Natürlich kann ich“, antwortete er streng und knöpfte ihn ihr zu, als sei sie ein kleines Kind. Unerwartet lächelte er. „Du versinkst fast darin.“

„Du bist ja auch größer als ich.“

Seine Augen verdunkelten sich, und Amy errötete. Rasch wandte sie sich ab, um den Pfad hinaufzusteigen. Er war ein großer, attraktiver Mann … der ihr immer noch gefährlich werden konnte.

Oben auf der Klippe wartete eine kleine Menschenansammlung auf sie. Auch Mary, die Mutter der drei Jungen, war dabei.

„Ich hatte sie in den Garten geschickt, weil sie nur vor ihren Computerspielen hockten. Als ich sie zum Mittagessen rief, waren sie alle drei weg.“ Sie presste die Hand vor den Mund, konnte ein Schluchzen jedoch nicht unterdrücken. „Was ist mit Eddie? Alle sagen, er ist schwer verletzt …“

Sofort trat Marco zu ihr und legte ihr den Arm um die Schultern. „Es sind Jungen, sie haben gespielt“, sprach er beruhigend auf sie ein. „Alfie hat eine Schnittwunde am Kopf, aber das lässt sich mit ein paar Stichen problemlos nähen. Eddie ist auf dem Weg ins Krankenhaus.“ Er erklärte ihr, was passiert war.

„Mein Mann hat den Wagen.“ Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie ihre Handtasche fallen ließ, als sie nach dem Handy suchte. „Er hilft meinem Bruder, einen alten Gartenschuppen abzureißen. Bei dem Wetter kann es eine Ewigkeit dauern, bis er wieder zurück ist.“

Marco bückte sich und reichte ihr die Tasche. „Ich fahre Sie ins Krankenhaus. Bis zur Nachmittagssprechstunde bin ich rechtzeitig wieder hier. Sagen Sie Ihrem Mann, dass Sie sich mit ihm in der Klinik treffen.“

Tränen schimmerten in Marys Augen. „Würden Sie das wirklich machen? Sie haben doch Wichtigeres zu tun.“

Er blickte Amy an, und sie wusste, was er dachte. Unser Gespräch.

Also lag die Entscheidung bei ihr. Entweder bestand sie darauf, ihre Unterhaltung fortzusetzen, oder sie ließ eine angsterfüllte Mutter so schnell wie möglich zu ihren Kindern.

„Wir reden später“, sagte sie leise und gab ihm seinen Mantel zurück. „Mein Zug fährt erst um vier.“

Ein kaum wahrnehmbares Zögern, dann griff Marco in seine Hosentasche und holte einen Schlüsselbund heraus. „Setzen Sie sich schon mal in den Wagen, Mary, ich komme gleich nach.“

Amy lächelte schwach. „Du lässt jemand anders an deinen kostbaren Maserati?“

„Nur weil ich mit dir sprechen will, ohne dass einer zuhört“, sagte er rau. „Du frierst, du brauchst eine heiße Dusche. Geh in die Praxis, lass dir von Kate trockene Kleidung geben, und dann warte auf mich. Wir unterhalten uns, sobald ich zurück bin.“

„Unser Gespräch scheint unter einem schlechten Stern zu stehen. Die Zeit läuft uns davon.“

„Bleib über Nacht.“

Amy traute ihren Ohren nicht. „Ausgeschlossen.“

„Ich dachte, du willst mit mir reden? Heute Abend wird uns niemand stören, Amy. Ich habe keine Rufbereitschaft. Du kannst zu mir kommen, wir essen zusammen und reden. Und morgen früh nimmst du den ersten Zug. Ich bringe dich auch zum Bahnhof.“

„Das ist …“ Unmöglich. „Nein, ich kann nicht.“

„Amy.“ Seine Stimme klang ungeduldig, während er zum Maserati hinüberblickte. „Das können wir nicht in ein paar Minuten abhandeln. Du wolltest dieses Gespräch, und wir sollten uns genügend Zeit dafür nehmen. Vielleicht ist es besser, wenn ich dir die Hausschlüssel gebe, und du fährst direkt zu mir und duschst dort. Ja, das ist eine gute Idee. Gegen sechs müsste ich in der Praxis fertig sein, dann können wir reden.“

Nein, nicht ins Haus! Genau das hatte sie vermeiden wollen. Die Erinnerungen waren zu schmerzlich.

„Ich glaube nicht, dass …“

„Mach es nicht komplizierter, als es ist, Amy.“ Er drückte ihr die Hausschlüssel in die Hand. „In meinem Wagen sitzt eine Mutter, die vor Sorge halb verrückt ist. Im Krankenhaus warten zwei kleine Kinder auf ihre Mutter. Sie brauchen meine Hilfe, und du hältst mich auf.“

Amy schluckte und schloss die Finger um die Schlüssel. „Bis nachher.“

Marco betrat das Haus und ging direkt in das große Wohnzimmer, von dem aus man eine atemberaubende Sicht aufs Meer hatte.

Amy stand am Fenster und starrte in die Brandung. Sie trug noch immer ihre Hose aus feinem Wollstoff, hatte sich aber einen seiner Pullover angezogen, was ihre zarte Aura unterstrich.

Als er in den Raum kam, drehte sie sich nicht um. Doch ihre schmalen Schultern spannten sich an, also hatte sie seine Anwesenheit gespürt. „Der Ausblick ist unglaublich“, sagte sie, und es klang wehmütig. „Ich habe dieses Zimmer gesehen und wusste sofort, das ist das Haus, das ich gesucht hatte.“

Sie mochte eine zarte Person sein, aber sie besaß die Macht zu zerstören …

Marco spürte, wie von Neuem Ärger in ihm aufwallte. Er warf seinen Mantel auf die Sofalehne. „Schade, dass du nicht lange genug geblieben bist, um auch darin zu leben.“

Sie wandte sich um, einen kummervollen Ausdruck in den Augen. „Nicht, Marco. Ich will keinen Streit. Akzeptier es so, wie es ist.“

„Was soll ich akzeptieren? Dass du mir unsere Beziehung vor die Füße geworfen hast? Dass du nicht ein einziges Mal versucht hast, das Problem zu lösen, das so plötzlich aus dem Nichts auftauchte?“

Einen Moment schien es, als wolle sie sich verteidigen. Doch dann sanken ihre Schultern herab, Amy drehte ihm wieder den Rücken zu und blickte aus dem Fenster. „Du hast mich geheiratet, weil du eine Familie gründen wolltest“, sagte sie leise. „Anfangs dachte ich, ich wollte es auch.“ Sie holte tief Luft. „Es war ein Irrtum. Und solche Differenzen lassen sich nicht überbrücken, Marco.“

Ungläubig starrte er auf ihren Rücken. Was sie sagte, ergab einfach keinen Sinn!

„Schön, du hattest plötzlich andere Vorstellungen vom Leben. Warum hast du nicht mit mir darüber geredet?“

„Wozu? Du wolltest das eine, ich das andere.“

Autor

Sarah Morgan

Sarah Morgan ist eine gefeierte Bestsellerautorin mit mehr als 18 Millionen verkauften Büchern weltweit. Ihre humorvollen, warmherzigen Liebes- und Frauenromane haben Fans auf der ganzen Welt. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von London, wo der Regen sie regelmäßig davon abhält, ihren Schreibplatz zu verlassen.

Foto: © Ev...

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