Julia Ärzte Spezial Band 7

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MIT DEM MUT DER LIEBE von JUDY CAMPBELL
Seit Lisa zusammen mit Dr. Ronan Gillespie in seiner Landpraxis arbeitet, fühlt sie sich geborgen. Er kümmert sich rührend um sie – so, als ob er wüsste, dass sie Furchtbares erlebt hat. Aus Freundschaft wird schon bald Liebe für sie. Doch Lisa weiß: Nur, wenn sie Ronan ihr Geheimnis anvertraut, können sie miteinander glücklich werden …

MIT VOLLGAS INS GROSSE GLÜCK von SUSAN CARLISLE
Dr. Taylor Stiles hilft Shelby für zwei Wochen in ihrer Landpraxis aus, um einer Strafe wegen Raserei zu entgehen. Dass er auch mit Vollgas in ihr Bett will, hätte sie nicht vermutet – und genießt seine heißen Küsse umso mehr. Doch was wird sein, wenn Taylor wieder geht?

DER LANDARZT UND DAS CITYGIRL von JANICE LYNN
Für Cara ist nichts schlimmer, als die Kleinstadtpraxis ihres Vaters zu übernehmen. Und dann muss sie dort auch noch mit ihrem Rivalen Dr. Sloan Trenton zusammenarbeiten! Wenn er nur nicht so attraktiv wäre! Sosehr sie ihn hassen will, heimlich sehnt sie sich immer mehr nach ihm …


  • Erscheinungstag 16.09.2022
  • Bandnummer 7
  • ISBN / Artikelnummer 9783751508650
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Judy Campbell, Susan Carlisle, Janice Lynn

JULIA ÄRZTE SPEZIAL BAND 7

1. KAPITEL

Seit dem frühen Morgen hatte der Schmerz in Lisa Balfours rechter Bauchseite rumort, aber jetzt wurde er immer stärker. Es fühlte sich an, als ob ihr jemand mit einer glühenden Nadel Stiche versetzte. Musste das ausgerechnet bei ihrem Vorstellungsgespräch passieren? Sie hatte sich als kompetent, selbstbewusst und gescheit präsentieren wollen, sodass Dr. Ronan Gillespie gar keine Wahl blieb, als sie für seine Praxis zu engagieren. Stattdessen versuchte sie, den ziehenden Schmerz zu unterdrücken, während sie sich vorbeugte, um seine Fragen besser zu verstehen.

„Warum haben Sie sich für den Job hier in Arrandale beworben?“ Dr. Gillespie sprach mit einem leichten schottischen Akzent. Er blätterte in Lisas Bewerbungsunterlagen. „Sie waren zuletzt in einer viel größeren Praxis in einer Großstadt tätig. Warum wollen Sie unbedingt in einer kleinen Praxis in einer ländlichen Kleinstadt arbeiten? In der Umgebung von Arrandale gibt es außerdem einige größere medizinische Zentren, die ständig neue Mitarbeiter suchen.“

Lisa atmete tief ein. „Mir gefällt die Vorstellung, vielleicht als Partner in eine kleine Praxis wie diese einzutreten. Ich hatte solch einen Wechsel schon längere Zeit vor.“

Das war eine glatte Untertreibung. In Wirklichkeit hatte sie verzweifelt nach einer Möglichkeit gesucht, so rasch wie möglich aus Grangeford wegzukommen. „Meine Mutter stammt aus Arrandale und hat mir oft vorgeschwärmt, wie sehr sie das Städtchen gemocht hat. Leider ist sie nie wieder hergekommen, seit sie damals nach Südengland zog. Als sie starb, dachte ich, es sei eine gute Idee, mich in ihrer Heimstadt niederzulassen.“

Auch das war nur die halbe Wahrheit. Lisa hatte jedoch nicht die Absicht, Dr. Gillespie den tatsächlichen Grund dafür zu nennen, warum sie sich diese abgelegene Gegend ausgesucht hatte. Das war viel zu persönlich und ging nur sie selbst etwas an.

Ihr Gegenüber musterte sie mit höflichem Interesse. „Ihre Mutter ist also nie mit Ihnen hier gewesen, um Ihnen zu zeigen, wo sie ihre Kindheit verbracht hat?“

„Nein, meine Mutter hatte ihre Gründe, warum sie die Vergangenheit ruhen lassen wollte.“ Und das war auch mehr als verständlich, dachte Lisa traurig. „Nach ihrem Tod wollte ich den Ort, an dem sie ihre Kindheit verbracht hat, unbedingt kennenlernen.“

„Offensichtlich haben Sie eine schwere Zeit durchgemacht“, erwiderte er ruhig. „Aber wenn es Ihnen mit einem Neuanfang Ernst ist, dann haben Sie sich den richtigen Ort ausgesucht. Die Gegend um Arrandale ist wirklich wunderschön – ich möchte behaupten, sie kann mit anderen berühmteren Landstrichen auf der Welt mithalten.“

„Ja, es scheint hier wirklich sehr angenehm und ruhig zu sein“, nickte Lisa. „In Grangeford war es meist laut und hektisch.“

Überrascht runzelte Dr. Gillespie die Stirn. „Es ist hier vielleicht nicht ganz so ruhig und geruhsam, wie Sie es sich vorstellen. Ich kann Ihnen versichern, wir haben hier die gleichen Probleme wie in größeren Städten, vielleicht nur nicht so häufig. Es gibt auch hier Drogen- und Alkoholprobleme, wie überall. Das hier ist keine Idylle. Wenn Sie also nach einem beschaulichen Job suchen, dann ist das nicht der richtige Platz dafür.“

„Ich habe natürlich nicht gemeint, dass ich glaube, die Arbeit hier sei leichter“, beeilte sich Lisa zu versichern. Sie hatte den kritischen Unterton in seinen Worten schon verstanden. „Außerdem bin ich lange und harte Arbeitszeiten gewöhnt.“

Er nickte, ohne weiter darauf einzugehen. Verdammt, dachte sie, jetzt hat er gleich einen falschen Eindruck von mir gewonnen. Dabei war genau das Gegenteil der Fall – sie wollte sich voll und ganz auf den Job konzentrieren, den sie über alles liebte, und dabei die Erlebnisse vergessen, vor denen sie aus Grangeford geflüchtet war.

„Sie müssen wissen“, fuhr Dr. Gillespie fort, „dass mein Partner Terry Newman für längere Zeit ausfallen wird. Er hat sich im Skiurlaub ein Bein gebrochen. Ein sehr komplizierter Bruch, der mehrere Operationen erforderlich machte. Aber wir hatten schon seit einiger Zeit mit dem Gedanken gespielt, einen dritten Kollegen einzustellen, da der Ansturm der Patienten von zwei Ärzten kaum noch zu bewältigen ist. Sie können sich vorstellen, was hier los ist, seit ich allein bin.“

„Das muss eine ungeheure Belastung für Sie sein“, meinte Lisa, während sich der bohrende Schmerz in ihrem Unterleib wieder meldete. Sie war froh, als das Telefon klingelte und Dr. Gillespie abgelenkt wurde. Sie warf einen Blick in den Spiegel an der Wand hinter seinem Schreibtisch und erschrak. Ihr Gesicht war kreideweiß. Die Augen lagen tief in den Höhlen und waren von dunklen Schatten umrandet. Ihre normalerweise locker fallenden, honigblonden Haare hingen strähnig und unansehnlich herunter. Sie sah nicht so aus, als könne sie auch nur einen einzigen harten Arbeitstag durchhalten.

„Entschuldigung“, sagte Dr. Gillespie, als er den Hörer abhob. „Das ist bestimmt eine Information aus dem Krankenhaus über einen Patienten, den ich dorthin überwiesen habe.“

Während er mit dem schnurlosen Telefon im Raum auf und ab ging, fiel Lisa auf, dass er groß, schlank und sehr sportlich war. Er wirkte gelassen und strahlte unerschütterliches Selbstvertrauen aus. Er ist genau der Typ Arzt, in den sich die Patientinnen ein bisschen verlieben, schoss es Lisa durch den Kopf. Die Mischung aus gutem Aussehen und natürlicher Autorität konnte einen Mann sehr attraktiv machen.

Dr. Gillespie kam zum Schreibtisch zurück und machte sich ein paar Notizen, während Lisa sich im Zimmer umschaute. Es hätte dringend renoviert und mit ein paar neuen Möbeln versehen werden müssen. Aber dafür war der Blick aus dem Fenster überwältigend – sanfte Hügel, bedeckt mit Wäldern, und in den Tälern kleine, fast versteckte Gehöfte. Ja, es würde viel Spaß machen, die Gegend zu erkunden.

Er legt den Hörer auf und blickte Lisa entschuldigend an. „Der Job lässt einen nicht los, nicht einmal am Samstagnachmittag. Aber das wissen Sie ja selbst.“ Seine Stimme klang wieder geschäftsmäßig. „Möchten Sie mich vielleicht noch etwas fragen?“

In seinem Tonfall schwang ein Hauch von Ungeduld mit, sein schmales, intelligentes Gesicht mit den tiefblauen Augen blieb jedoch ausdruckslos. Lisa bemerkte, dass er auf seiner linken Wange eine Narbe hatte, die leicht pochte.

„Wie viele Patienten haben Sie in Ihrer Kartei?“

„Ungefähr viertausend. Aber wir haben ein sehr großes Einzugsgebiet abzudecken, das kann ganz schön anstrengend sein.“ Er betont das wohl noch einmal, dachte Lisa, um mir klarzumachen, dass die Arbeit hier nicht leicht ist.

„Es gibt mehrere kleine Dörfer in der Umgebung, die wir mitversorgen, und eine Reihe abgelegener Farmen. Für Operationen und stationäre Behandlungen steht uns ungefähr acht Kilometer entfernt ein kleines Krankenhaus zur Verfügung. Für kompliziertere Fälle können wir das Bezirkskrankenhaus in Inverleith belegen.“

Lisa nickte. Ihr wurde bewusst, dass in der Praxis von Dr. Gillespie an Arbeit wahrlich kein Mangel herrschte. Es schien, als ob er hohe Anforderungen an seine Mitarbeiter stellte. Aber das würde sie nicht stören, solange er fair blieb und den Sinn für Humor, den sie hinter seiner ernsten Miene spürte, nicht verlor. Hoffentlich glaubte er ihr, dass sie harte Arbeit nicht scheute!

Ein scharfer Schmerz schnitt in ihren Unterleib. Sie fühlte sich elend und leicht benommen. Verzweifelt schluckte Lisa, während sie sich auf Dr. Gillespies Gesicht konzentrierte. Hätte sie doch am Abend zuvor nicht diese Shrimps gegessen. Das war absolut nicht der richtige Moment für eine Lebensmittelvergiftung. Sie konnte ein leises Stöhnen nicht unterdrücken, als eine neue Schmerzwelle sie traf.

Beunruhigt schaute Dr. Gillespie sie an. „Sie sind ja ganz blass. Was ist mit Ihnen?“

Lisa rang sich ein gequältes Lächeln ab. „Nichts … es geht schon.“ Sie grub die Nägel in die Handflächen, bis es wehtat – als ob sie damit den Schmerz in ihrem Bauch erträglicher machen könnte. Er durfte nicht den Eindruck bekommen, sie sei krank. Sie wollte diesen Job. Unbedingt.

Dr. Gillespie musterte sie misstrauisch. Er schien ihr nicht zu glauben, dass alles in Ordnung war. „Ich möchte noch erwähnen, dass Sie ab und zu auf Abruf für den Nachtdienst zur Verfügung stehen müssten. Wir haben zwar eine Vereinbarung mit einer Spezialagentur, die uns normalerweise den Dienst an Wochenenden und Feiertagen abnimmt. Aber während der Woche müssen wir meist selbst den Notdienst organisieren. Das war sicher in der Praxis in Grangeford genauso geregelt?“, fragte er, wobei er zum ersten Mal lächelte.

Die Narbe hinterließ dabei ein Grübchen in seiner Wange und gab ihm einen verwegenen Ausdruck. „Sie werden schon bemerkt haben, dass das Gebäude, in dem wir hier sind, nicht besonders modern ist, vielleicht sogar ein wenig schäbig“, fuhr er fort. „Mal sehen, wie die Praxis sich weiterentwickelt. Im Augenblick übersteigt eine gründliche Renovierung und Neuausstattung unser Budget.“

Er gibt sich wirklich alle Mühe, mich abzuschrecken, dachte Lisa. Vielleicht wollte er ihr nicht direkt ins Gesicht sagen, dass sie den Job nicht bekommen würde.

„Bereitschaftsdienst stört mich nicht, solange das nicht zu häufig im Monat der Fall ist. Und der Zustand des Gebäudes ist mir auch nicht wichtig. Viel wichtiger ist, ob die Patienten sich in dieser Praxis wohlfühlen“, erwiderte sie.

Ronan Gillespie nickte. „Stimmt. Ach, übrigens – ich brauche so schnell wie möglich jemanden zur Unterstützung. Mit wechselnden Aushilfen habe ich keine guten Erfahrungen gemacht. Wie lang ist Ihre Kündigungsfrist?“

„Ich bin schon aus der Praxis ausgeschieden.“

Überrascht blickte er sie an.

„Als meine Mutter schwer krank wurde, wollte ich bei ihr sein“, sagte Lisa schnell. „Darum habe ich schon vor ein paar Monaten gekündigt und zwischendurch in verschiedenen Praxen als Aushilfe gearbeitet.“ Auch das war nicht die ganze Wahrheit.

„Dann könnten Sie also sofort anfangen?“

„Ja – wann immer Sie wollen … ahhh!“ Sie konnte ein Aufstöhnen nicht unterdrücken, denn der Schmerz war jetzt unerträglich geworden. Sie presste die Hände auf den Bauch und krümmte sich auf ihrem Stuhl. Gillespie sprang auf, kam um den Schreibtisch herum und hockte sich neben sie.

„Was ist mit Ihnen, um Gotteswillen? Haben Sie Krämpfe?“

Der Raum verschwamm vor Lisas Augen. Schwankend kam sie von ihrem Stuhl hoch und taumelte ein paar Schritte vorwärts. Nur schemenhaft bekam sie mit, dass Dr. Gillespie sie auffing, hochhob und auf die Behandlungscouch legte. „Wo haben Sie Schmerzen, Lisa? Hier? Auf der rechten unteren Bauchseite? Und zieht sich der Schmerz bis zum Rücken?“ Er drückte leicht auf die schmerzende Stelle und entlockte ihr einen Aufschrei.

„Bitte nicht“, flehte sie. „Die Schmerzen sind unerträglich.“

„Keine Sorge, ich kümmere mich um Sie. Der Krankenwagen wird in ein paar Minuten hier sein.“

„Der Krankenwagen?“, fragte Lisa schwach. „Ich glaube, ich habe nur eine Lebensmittelvergiftung.“

Lisa versuchte sich aufzurichten, ließ sich aber sofort wieder zurücksinken. Behutsam legte Dr. Gillespie ihr die Hand auf die Schulter. „Vergessen Sie das Vorstellungsgespräch für heute. Zuerst müssen wir Sie versorgen. Und was die Lebensmittelvergiftung angeht, da bin ich mir über Ihre Diagnose absolut nicht sicher, Dr. Balfour.“

Plötzlich war der Raum voll mit Sanitätern in leuchtend gelben Westen. Lisa wurde auf eine Trage geschnallt, in den Krankenwagen geschoben, eine Sauerstoffmaske wurde auf ihr Gesicht gepresst. Das Gefühl der völligen Hilflosigkeit mischte sich mit der enttäuschenden Gewissheit, dass sie den Job, den sie unbedingt hatte haben wollen, nun wohl vergessen konnte. Sie verspürte ein leises Bedauern darüber, nicht mit Dr. Gillespie zusammenzuarbeiten, was sie überraschte.

Ronan Gillespie schaute vom Fenster aus dem Krankenwagen nach, der die Straße durch die Hügel nach Inverleith entlangfuhr. Er hatte von Anfang an vermutet, dass Lisa sich nicht wohlfühlte, denn sie hatte sehr blass ausgesehen. Schade, dachte er, dass die Kandidatin, die für den Job hervorragend geeignet schien, zusammengebrochen war, als er ihr gerade sagen wollte, sie könne am nächsten Tag anfangen.

Er war sich sicher, dass es noch einen anderen Grund dafür geben musste, dass Lisa Balfour unbedingt in Arrandale arbeiten wollte. Er glaubte ihr nicht, dass sie den Ort kennenlernen wollte, in dem ihre Mutter als Kind gelebt hatte. Aber grundsätzlich war er von ihren Bewerbungsunterlagen und von ihrem Verhalten sehr angetan. Vielleicht ging er ein Risiko ein, wenn er sie einstellte, aber instinktiv hatte er das Gefühl, dass er ihr vertrauen konnte.

Er seufzte. Lisa Balfour war eine attraktive, junge Frau. Sehr attraktiv. Genau der Typ Frau, den er noch vor ein paar Jahren besonders geschätzt hatte. Er lachte freudlos auf. Wenn es um Frauen ging, hatte er seine bittere Lektion gelernt. Er verspürte nicht den geringsten Wunsch nach einer neuen Beziehung. Merkwürdig und beunruhigend war nur der Anflug von sexuellem Verlangen gewesen, als er sie hochgehoben und auf die Untersuchungscouch gelegt hatte. Er war Lisa doch erst eine halbe Stunde vorher zum ersten Mal begegnet …

Die Blumen auf Lisas Nachttisch wirkten in ihrem strahlenden Gelb fröhlich und optimistisch. Es war ein wunderschöner Strauß Osterglocken. Lisa fragte sich, wer ihr die Blumen geschickt haben mochte. Sie kannte doch niemanden in der Gegend.

Ermattet schloss sie die Augen. Wenn ihr Blinddarm sich bloß noch ein paar Tage Zeit gelassen hätte mit der akuten Entzündung! Wenigstens so lange, bis ihr Einstellungsgespräch zu Ende war. Dr. Gillespie hätte seine Zusage, wenn es dazu gekommen wäre, nicht zurückgezogen, weil sie sich den Blinddarm herausnehmen lassen musste. Jetzt war die Chance, dass er sie einstellen würde, äußerst gering.

„Nun, wie geht es unserer Patientin heute? Fühlen Sie sich schon besser?“

Lisa riss die Augen auf und fuhr hoch. Ronan Gillespie stand am Fußende ihres Bettes.

„Danke, viel besser.“ Sie lächelte etwas mühsam. „Es … es tut mir leid, dass ich Ihnen so viele Umstände gemacht habe.“

„Darüber zerbrechen Sie sich nicht den Kopf. Die Hauptsache ist, dass Sie es noch rechtzeitig ins Krankenhaus geschafft haben und die Kollegen hier sehr rasch herausfanden, was mit Ihnen los war.“ Plötzlich lächelte er, was ihm ein jungenhaftes Aussehen gab und sein sonst so strenges Gesicht erhellte. „Wenn Sie unbedingt darauf aus waren, mehr über die Qualitäten unseres Krankenhauses zu erfahren, hätten Sie mich auch einfach fragen können“, versuchte er sie aufzumuntern. Sie lachte kurz auf, verzog aber sofort das Gesicht.

„Haben Sie noch Schmerzen?“

„Kaum. Zum Glück arbeiten sie hier schon mit Minimalinvasivtechnik. Der winzige Einschnitt wird bald verheilt sein.“

Er nickte zustimmend. „Ja, die Laparoskopie ist ein Segen für die Patienten. David Grieves, der Sie operiert hat, sagte mir, Ihr Blinddarm sei nicht zu stark entzündet gewesen. Sonst hätte er den Eingriff durch die winzige Öffnung nicht wagen können, ohne die Entzündungskeime in Ihrer Bauchhöhle zu verteilen. Wie lange hatten Sie schon Beschwerden?“

„Seit ein paar Tagen“, gab Lisa zu. „Aber für die akuten Beschwerden habe ich die Shrimps verantwortlich gemacht, die ich am Abend vor unserem Gespräch gegessen hatte. Ich dachte, ich hätte eine Lebensmittelvergiftung.“

„Ich freue mich jedenfalls, dass Sie schon wieder viel besser aussehen“, sagte Dr. Gillespie.

Was meinte er damit? Ihre Haare waren eine unordentliche, wilde Mähne. Und bestimmt war sie im Gesicht ungefähr so weiß wie der Krankenhauskittel, den sie trug. Ronan Gillespie war der Typ Mann, in dessen Gegenwart eine Frau den dringenden Wunsch verspürte, begehrenswert auszusehen – aber davon war sie Lichtjahre entfernt.

Sie freute sich, dass er sich die Mühe machte, sie zu besuchen. Und sie war ihm dankbar, dass er sich um sie gekümmert hatte, als sie zusammengebrochen war. Aber jetzt wünschte sie sich, er würde endlich gehen, damit er sie nicht länger in ihrem miserablen Zustand sah. In seiner Gegenwart kam ihr noch schmerzlicher zu Bewusstsein, dass sie den Job, den sie so gerne haben wollte, wohl in den Wind schreiben konnte.

Eine junge Frau in weißen Hosen und einem halblangen, weißen Kittel kam auf Ronan Gillespie zu. Sie lächelte Lisa an. „Entschuldigen Sie die Störung, aber kann ich kurz mit Dr. Gillespie sprechen?“

„Hallo, Tanya“, begrüßte Gillespie sie. „Dr. Balfour, darf ich Ihnen meine Schwester vorstellen? Sie hat gerade ihre Ausbildung als Physiotherapeutin hier beendet und geht in Kürze im Rahmen eines internationalen Austauschprogramms für ein halbes Jahr nach Italien. Tanya, das ist Dr. Lisa Balfour – ich hoffe, Sie wird mir bei der Arbeit in der Praxis helfen, sobald sie sich von der Blinddarmoperation erholt hat.“

Tanya schüttelte Lisa die Hand. „Das sind endlich mal gute Neuigkeiten. Ronan hatte es in den letzten Wochen nicht leicht, den Praxisbetrieb allein in Gang zu halten.“

Überrascht schnappte Lisa nach Luft. „Heißt das, Sie bieten mir den Job an, Dr. Gillespie? Aber Sie wollten doch jemand, der sofort anfangen kann. Nachdem ich schlappgemacht hatte, dachte ich, Sie würden mich nicht mehr nehmen.“

Er lächelte beruhigend. „Bis Sie wieder fit sind, komme ich schon allein zurecht. Ja, ich biete Ihnen den Job an.“ Er nickte ihr zu. „Sie wissen, ich erwarte bei der vielen Arbeit in der Praxis hundertprozentigen Einsatz.“

„Natürlich. Ich habe Ihnen schon gesagt, dass ich keine Angst vor anstrengender Arbeit habe.“

Tanya kicherte. „Dann passen Sie gut zu meinem Bruder – er lebt nur noch für den Job.“

Er verzog das Gesicht. „Ich hatte nicht viel Zeit, mich um andere Dinge zu kümmern. Um ehrlich zu sein, es gab nicht viele Bewerber für die Stelle. Eine Praxis wie diese in einer so abgelegenen Gegend scheint für die meisten Ärzte nicht besonders reizvoll zu sein.“

„Mir gefällt sie.“

„Dann wollen Sie den Job also annehmen?“

Lisa lachte. „Ja. Ich freue mich sehr und hoffe, dass ich schon bald wieder arbeiten kann. Danke, Dr. Gillespie.“

„Gedulden Sie sich, bis der Chirurg Ihnen grünes Licht gibt, egal, wie rasch mein Bruder Sie in der Praxis sehen möchte“, meinte Tanya.

„Du hast recht“, stimmte Ronan Gillespie ihr zu. „Und da wir jetzt Kollegen sind, sollten wir die Förmlichkeiten beiseitelassen und uns mit dem Vornamen anreden. Einverstanden? Übrigens – können wir noch irgendetwas für Sie tun, Lisa? Sollen wir Ihr Gepäck aus dem Hotel herschaffen?“

„Das wäre sehr freundlich. Ich habe für zwei Nächte ein Zimmer im Birsk Lodge gemietet. Dort ist meine Reisetasche mit ein paar Dingen, die ich gut gebrauchen könnte. Ich denke, dass ich noch ein paar Tage länger in dem Hotel bleiben werde, um mich zu erholen. Inzwischen werde ich in Grangeford anrufen und veranlassen, dass man mein übriges Gepäck herschickt.“

Tanya runzelte die Stirn und sah ihren Bruder an. „Die arme Lisa kann doch nicht allein in dem unansehnlichen Hotel herumliegen. Das ist ja eine abscheuliche Vorstellung.“

Sie wandte sich zu Lisa um. „Ich habe eine umwerfende Idee. Sie werden bei uns in The Rowans wohnen. Das Haus ist riesengroß. Und wir haben eine Haushälterin, der es gar nichts ausmacht, sich um Sie zu kümmern. Habe ich recht, Ronan?“

Lisa warf ihm einen raschen Blick zu. Der spontane Vorschlag seiner Schwester schien ihn nicht zu begeistern.

„Natürlich“, sagte er höflich und verzog die Lippen zu einem etwas steifen Lächeln. „Sie sind uns willkommen.“

„Das kann ich doch nicht annehmen“, protestierte Lisa. „Es macht mir nichts aus, ein paar Tage im Birsk Lodge zu bleiben. Ich werde bestimmt bald eine Wohnung oder ein Haus finden, das ich anmieten oder kaufen kann.“

„Dann müssen Sie ja auch nur für ein paar Tage in The Rowans bleiben“, meinte Tanya. „Was ist also, Ronan? Lisa würde uns doch überhaupt nicht stören. Und so lernt ihr euch sogar besser kennen, bevor ihr in der Praxis zusammenarbeitet.“

Ronan nickte. Er sah jetzt ganz entspannt aus. „Tanya hat recht – Sie würden sich keinen Gefallen tun, wenn Sie sich im Birsk Lodge verkriechen.“

Begeistert klatschte seine Schwester in die Hände. „Dann ist es also abgemacht. Sobald Sie aus dem Krankenhaus entlassen werden, ziehen Sie zu uns. Ich bereite inzwischen alles für Sie vor.“

Lisa war zu müde, um noch länger zu argumentieren. Außerdem stimmte sie Tanya zu – das Hotel Birsk Lodge war nicht gerade einladend. Sie musste nur versuchen, so bald wie möglich eine eigene Unterkunft zu finden.

„Vielen Dank. Es wäre wirklich sehr schön, wenn ich ein paar Tage bei Ihnen wohnen könnte.“

„Also abgemacht“, sagte Ronan. „Ich werde David Grieves fragen, wie lange Sie noch hierbleiben müssen. Er soll mir Bescheid geben, wann ich Sie abholen kann.“

Sein Gesichtsausdruck war wieder so ernst wie bei ihrem Vorstellungsgespräch. Als er mit seiner Schwester aus dem Zimmer ging, drehte er sich kurz um. „Ich schaue noch einmal herein, wenn ich mit Grieves gesprochen habe.“

Mit einem erleichterten Seufzer ließ Lisa sich zurücksinken. Erst jetzt wurde ihr klar, wie sehr sie sich den Job gewünscht hatte. Die Idee, bald jeden Tag mit Ronan Gillespie zusammenzuarbeiten, gefiel ihr. Hoffentlich hatte sie keinen Fehler gemacht, seine Gastfreundschaft anzunehmen – obwohl es der Vorschlag seiner Schwester gewesen war.

„Ist Dr. Gillespie Ihr Hausarzt?“, fragte die junge Krankenschwester, die ein paar Minuten später hereinkam, um Lisas Blutdruck zu messen.

„Wir sind Kollegen. Ich werde in seiner Praxis arbeiten, sobald ich wieder auf den Beinen bin.“

„Meinen Glückwunsch“, sagte die Schwester. „Er ist ein großartiger Mann, nicht wahr?“

„Es wundert mich, dass er nicht verheiratet ist und auch keine feste Beziehung hat, wie ich gehört habe“, meinte Lisa. „Er ist doch schon gut über dreißig.“

„Er lässt keine Frau mehr an sich heran. Ein paar von meinen Freundinnen haben es versucht, aber ohne Erfolg. Er war mal verlobt, aber seine Verlobte und er sind wohl im Streit auseinandergegangen. Was genau passiert ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall hatte er seitdem keine Freundin mehr, das hätte sich gleich herumgesprochen.“ Die junge Schwester grinste Lisa an und ging hinaus.

Es war verblüffend, dass ein Mann, der offensichtlich fast jede Frau hätte haben können, so lange Zeit einer verlorenen Liebe nachtrauerte.

Erst jetzt bemerkte Lisa, dass in dem Strauß Osterglocken eine Karte steckte. Gerührt las sie, was Ronan Gillespie geschrieben hatte:

Ich habe noch nie ein Vorstellungsgespräch mit jemandem geführt, der eine akute Blinddarmentzündung hatte. Werden Sie rasch wieder gesund, Dr. Balfour.

Ihr Ronan Gillespie.

Ronan stand auf dem Parkplatz des Krankenhauses vor seinem Wagen und schaute noch einmal zum zweiten Stock hinauf.

„Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich Lisa Balfour angeboten habe, in unserem Haus zu wohnen“, murmelte er vor sich hin. „Ich muss verrückt sein. Warum habe ich mich von Tanya herumkriegen lassen?“

Den Klatsch in der Praxis und der Stadt konnte er sich lebhaft vorstellen. Alle würden darüber spekulieren, wie es kam, dass er eine junge, attraktive Ärztin bei sich wohnen ließ. Er konnte schon hören, wie gewisse Leute sagten: „Endlich hat der arme Dr. Gillespie wieder eine Frau kennengelernt“, und sich bedeutungsvoll ansahen.

Dabei war eine neue Beziehung das Letzte, was er wollte. Er hatte das Desaster mit Maisie immer noch nicht ganz überwunden. Trotz des warmen Frühlingstages musste er frösteln, als er an die wilden Drohungen dachte, die sie ausgestoßen hatte, nachdem er sich von ihr getrennt hatte. Hoffentlich würde er sie nie wiedersehen.

Er stieg in den Wagen und fuhr los. Er ärgerte sich über sich selbst, dass er diesen Albtraum einfach nicht abschütteln konnte. Er wusste, dass er sich nicht länger von der Welt abkapseln durfte, dass er nach vorn schauen und sein Leben wieder in den Griff bekommen musste. Vielleicht schaffte er das jetzt, mit Hilfe von Lisa Balfours, die kompetent und verlässlich schien.

Sie würde ihm so viel Arbeit abnehmen, dass er daran denken konnte, endlich mal wieder Golf zu spielen. Oder zum Angeln zu gehen. Oder seine Mutter in Glasgow zu besuchen, die er viele Monate nicht gesehen hatte. Er würde wieder so etwas wie ein Privatleben haben, auf das er lange verzichtet hatte. Aber was Lisa anging – die Beziehung zu ihr würde rein beruflich sein.

Er hielt in der Einfahrt zu The Rowans an. Das altehrwürdige Haus aus grauem Granit und mit Efeu bewachsenen Mauern war ihm ans Herz gewachsen. Er stieg aus dem Wagen, reckte sich und schaute zu den Hügeln hinüber, hinter denen gerade die Sonne unterging und den Abendhimmel rot färbte.

Was auch immer hinter Lisa Balfours Entscheidung, nach Arrandale zu kommen, stecken mochte – er war jetzt froh, dass sie da war. Aber er musste darauf achten, Distanz zu ihr zu wahren. Er schloss die Haustür auf und nahm die Post aus dem Briefkasten. Während er sie rasch durchblätterte, wurde ihm bewusst, dass seine Gedanken immer noch um Lisa kreisten.

„Du musst vorsichtig sein und darfst nicht noch einmal den Fehler machen, Beruf und Vergnügen zu verwechseln“, murmelte er vor sich hin.

Ein großer Hund kam laut bellend für das abendliche Begrüßungszeremoniell aus der Küche gestürmt. „Hallo, Tam“, sagte Ronan, während er das begeistert jaulende Tier kraulte. „Du kannst dich freuen, wir werden künftig wieder häufiger zusammen spazieren gehen. Ich habe eine neue Kollegin. Jetzt muss ich nur noch beweisen, dass ich meine Lektion, was Frauen angeht, wirklich gelernt habe.“

2. KAPITEL

Das Zimmer war sehr geräumig und luftig. Die große Fenstertür ging bis zum Boden und gab den Blick auf Wälder und einen blau schimmernden See in einiger Entfernung frei. Das breite Doppelbett hatte geschnitzte Holzpfosten. Die Einrichtung wurde ergänzt durch solide, ebenfalls handgeschnitzte Schränke, einen großen gerahmten Spiegel und einen kleinen Tisch.

In Lisas Kopf tauchte die Vision eines viktorianischen Dienstmädchens in einem adretten Hauskleid auf, das morgens ins Zimmer kam und in dem von weißen und blauen Kacheln umrahmten Kamin ein Feuer anzündete. Ronan und Tanya entstammten einer anderen Welt als sie selbst, das war ihr sofort klar geworden, einer Welt, die von Wohlstand, guter Erziehung und gehobenem Lebensstil geprägt war. Die beiden hatten es sicher nicht erleben müssen, dass ihre Eltern – wie es bei Lisas Mutter gewesen war – sich das Geld für die Ausbildung ihrer Kinder vom Munde hatten absparen müssen.

Neben dem riesigen Schlafzimmer gab es ein ebenfalls sehr großzügig bemessenes Badezimmer. Ihre kleine Suite lag an einem Ende des Korridors, Ronans Zimmer am anderen Ende. Das war auch gut so, denn Lisa hatte den Eindruck, dass Ronan auf Abstand bedacht war, solange sie hier wohnte.

Wie auch immer – Lisa war ihm dankbar für die Gastfreundschaft, die er ihr gewährte. Nach einer Woche wusste sie jedoch über ihren Gastgeber genauso wenig wie vorher. Auch bei einem gemeinsamen Abendessen hatte er sich sehr verschlossen gegeben. Bis auf diesen einen Abend hatte Lisa immer allein gegessen.

Ronan kam gewöhnlich ziemlich spät aus der Praxis. Und Tanya war inzwischen nach Italien abgereist. Bei dem bisher einzigen gemeinsamen Abendessen hatten sich Ronan und Lisa wie ein Paar in viktorianischer Zeit an den Schmalseiten des langen Esstisches gegenübergesessen. Betty, die Haushälterin, hatte eine köstlich duftende Kasserolle mit Wild serviert.

„Betty ist eine fabelhafte Köchin.“ Lisa war froh, dass sie die lastende Stille mit einer unverfänglichen Bemerkung unterbrechen konnte. „Ich habe viel zu viel gegessen, seit ich hier bin. Bald passt mir kein Kleid mehr.“

Die ernsten blauen Augen musterten sie über die ganze Länge des Tisches hinweg. Sein prüfender Blick beunruhigte Lisa.

„Sie sehen erholt aus“, sagte er. „Ihre Wangen haben wieder Farbe. Und die tiefen Schatten unter Ihren Augen sind verschwunden. Zum Glück haben Sie Ihren Appetit wiedergefunden.“

Schweigend aß er weiter, während Lisa innerlich seufzte. War er immer so spröde? Als er sie im Krankenhaus besucht hatte, war er ihr lockerer und zugänglicher erschienen. Seit sie jedoch in seinem Haus wohnte, verhielt er sich distanziert, als ob er befürchtete, sie könne etwas von ihm erwarten. Es wurde Zeit, diesen Zustand zu beenden.

„Da es mir seit ein paar Tagen wieder besser geht, habe ich angefangen, nach einem geeigneten Haus für mich zu suchen. Ich habe auch ein kleines Landhaus gefunden, das mir gefällt und das ich gern kaufen würde. Aber momentan ist es nur zu mieten.“

„In der Stadt?“

„Nein, am See. Es hat einen Garten, der aber nicht so groß ist, dass er mir zu viel Arbeit machen würde. Der Besitzer des Hauses geht für einige Zeit ins Ausland. Sie kennen ihn bestimmt – Bill Garrity.“

Ronan nickte. „Er ist Fotograf und auf wilde Tiere spezialisiert. Aber er hat auch einige beeindruckende Bildbände über die heimische Vogelwelt veröffentlicht.“ Er zögerte einen kurzen Moment. „Und wann wollen Sie umziehen?“

„Wahrscheinlich am nächsten Wochenende. Ich denke, dass ich am Samstagmorgen meine Sachen hinüberschaffe. Zum Glück habe ich ja nicht viel zu transportieren. Glauben Sie, dass Sie es noch weitere fünf Tage mit mir aushalten können?“

Er lächelte höflich. „Sie können selbstverständlich so lange hierbleiben, wie Sie wollen. Aber Sie möchten sicher bald in Ihren eigenen vier Wänden leben. Ich helfe Ihnen am nächsten Samstag beim Umzug.“

Klang er etwa erleichtert? Lisa lächelte und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Der ausgezeichnete Wein, den er ihr eingeschenkt hatte, lockerte ihre Zunge.

„Das hier ist ein wunderschönes Haus. Aber fühlen Sie sich ohne Ihre Schwester nicht etwas einsam?“

„Das Haus gehört seit Generationen meiner Familie. Natürlich ist es für meine Schwester und mich viel zu groß, aber wir würden es niemals aufgeben“, erwiderte er achselzuckend. Er hob sein Glas an und ließ den Wein darin kreisen. „Ich glaube, ich könnte nie in einem kleinen Haus leben – ich bin hier geboren und aufgewachsen.“

Lisa dachte an die winzige Etagenwohnung, in der sie und ihre Mutter gelebt hatten. Wieder wurde ihr bewusst, dass Ronan und sie aus völlig unterschiedlichen Welten stammten.

Er stand auf und kam zu ihr herüber, um ihr Wein nachzuschenken, und füllte auch sein eigenes Glas neu. „Und was ist mit Ihnen – in was für einem Haus haben Sie in Grangeford gelebt?“

„Ich hatte eine kleine Wohnung in der Stadt, die ich inzwischen verkauft habe. Meine Mutter hat die letzten Jahre in einer Sozialwohnung verbracht.“

„Haben Sie nicht bedauert, aus Grangeford wegzugehen?“

Lisa lachte bitter auf. „Überhaupt nicht. Dort gab es nichts, von dem ich mich schweren Herzens getrennt hätte. Diese Phase meines Lebens ist vorbei, ich will sie einfach vergessen. Ich möchte hier in Arrandale einen völlig neuen Anfang machen.“

Ronan zog die Augenbrauen hoch. „Laufen Sie vor irgendwelchen unangenehmen Erinnerungen davon?“

Lisa wurde rot. „Ich würde lieber sagen, dass ich eine Tür in meinem Leben zugeschlagen habe und dabei bin, eine andere aufzustoßen.“ Herausfordernd sah sie ihn an. „Wahrscheinlich trägt jeder von uns Erinnerungen mit sich herum, die er gern hinter sich lassen möchte.“

Er trank einen Schluck Wein, bevor er nickte. „Sie haben recht. Und es ist tatsächlich besser, nicht zurück, sondern nach vorn zu schauen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit Ihrem Neuanfang Erfolg haben.“ Plötzlich stand er auf und ging zu den Fenstern hinüber, um die Vorhänge zuzuziehen.

Er ist immer noch nicht über seine geplatzte Verlobung hinweggekommen, dachte Lisa. Vielleicht wird er das nie. Sie trank den letzten Schluck Wein, erhob sich, nickte Ronan freundlich zu und ging in ihr Zimmer.

Er blieb noch eine Weile am Tisch sitzen, während er nachdenklich auf ihren leeren Stuhl starrte. Einerseits war er zufrieden damit, dass Lisa endlich eine eigene Bleibe gefunden hatte. Das hatte er doch gewollt, oder? Es beunruhigte ihn, allein mit dieser attraktiven Frau unter einem Dach zu leben. Er konnte sich kaum konzentrieren, denn seine Gedanken kreisten auffallend stark um sie. Tagsüber in der Praxis erwischte er sich häufig dabei, dass er sich fragte, was sie wohl gerade machte. So konnte es einfach nicht weitergehen. Es war gut, dass sie bald auszog …

Ihr erster Arbeitstag! Lisa öffnete in ihrem Zimmer weit die Fenster und atmete die klare Morgenluft ein. In einem Baum schlug eine Drossel. Es hörte sich an wie ein Willkommensgruß. In Grangeford hatte sie um diese Zeit die Fenster geschlossen halten müssen, wegen des Verkehrslärms und der Abgase.

Ronan war schon zu einem Hausbesuch unterwegs. Also würde sie allein in die Praxis fahren.

Rasch ging sie in die Küche, wo Betty den großen Holztisch schrubbte. „Bis heute Abend. Wünschen Sie mir Glück für meinen ersten Tag.“

„Das werden Sie brauchen – die meisten Leute bilden sich doch nur ein, krank zu sein“, meinte Betty verächtlich.

Ronan hat recht. Das Gebäude muss dringend renoviert werden, dachte Lisa, als sie auf dem Parkplatz aus ihrem Wagen stieg. Aber dafür war das Panorama mit den grünen, sanft geschwungenen Hügeln, die Arrandale umgaben, eine Wohltat für die Augen. Die Ruinen einer alten Burg thronten wie ein stummer Wächter nicht weit entfernt auf der Spitze eines Hügels. Die Straße, die sich in weiten Kurven durch die Landschaft wand, führte direkt ins Zentrum des kleinen Städtchens. Der Marktplatz wurde eingerahmt von hübschen Geschäften im Landhausstil, an einem Ende stand eine uralte, geduckt wirkende Backsteinkirche.

Wie schade, dass ihre Mutter das alles nicht mehr hatte sehen können. Nicht hatte sehen wollen, korrigierte sich Lisa.

Aber das war Vergangenheit. Sie war davon überzeugt, dass sie sich in Arrandale wohlfühlen würde. Alles sah so friedlich und geordnet aus. Schwer vorstellbar, dass es, wie Ronan gesagt hatte, hier ebenfalls Probleme mit Alkohol und Drogen gab.

Die Praxis lag am Ortsausgang von Arrandale. Ursprünglich waren es zwei nebeneinanderstehende kleine Landhäuser gewesen, die dann zu einem Doppelhaus umgebaut worden waren.

„Erlauben Sie.“ Eine Hand reichte an ihr vorbei und öffnete die Eingangstür. Lisa hatte Ronan gar nicht kommen hören. „Willkommen in The Coppice, unserem kleinen Ärztezentrum“, meinte er.

Er lächelte Lisa an. Seine Haare wurden von der frischen Morgenbrise durcheinandergeweht. Seine blauen Augen blickten weniger streng, als sie es sonst bei ihm gewohnt war.

„Kommen Sie, ich stelle Sie Val und Cora Simmonds vor“, sagte er, als sie eintraten und am Wartezimmer vorbeigingen, das trotz der frühen Stunde schon gut gefüllt war. „Val und Cora besorgen hier den Empfang und kümmern sich auch sonst darum, dass in diesem Tollhaus alles einigermaßen geregelt abläuft.“

Zwei junge Frauen, die sich erstaunlich ähnlich sahen, schauten lächelnd auf, als Lisa und Ronan das Büro hinter dem Empfangstresen betraten. Der Raum war mit Aktenschränken vollgestellt, in einer Ecke stand ein Computer, auf dessen Bildschirm ein bizarres grafisches Muster hin und her zuckte. In der anderen Ecke summte ein Kaffeeautomat.

„Hallo, Dr. Balfour – willkommen in The Coppice“, sagte eine der Frauen, stand auf und streckte Lisa die Hand hin. „Ich bin Val Simmonds. Und das da ist meine Schwester Cora. Wir freuen uns, dass Sie sich so schnell von der Operation erholt haben. Das muss ja eine böse Überraschung für Sie gewesen sein.“

Lisa fragte sich, ob sie die Zwillingsschwestern je würde auseinanderhalten können. Ronan lächelte amüsiert, als er ihren ratlosen Gesichtsausdruck bemerkte. „Keine Sorge, Sie lernen schon, sie zu unterscheiden. Eine von beiden ist zum Beispiel Linkshänderin. Aber fragen Sie mich bitte nicht, welche.“

Die Schwestern lachten. „Die meisten Leute können uns nicht auseinanderhalten.“ Val verzog das Gesicht. „Dabei bin ich ein paar Zentimeter größer als Cora. Und außerdem viel schlanker.“

Cora gab Val einen Klaps auf den Arm. „Schluss damit. Also, Herr und Frau Doktor, das Wartezimmer ist heute Morgen voll. Die Patientenakten haben wir schon herausgesucht. Am späten Vormittag müssen mehrere Hausbesuche gemacht werden. Hier ist die Liste der Patienten, die im Wartezimmer sitzen. Wollen Sie gleich anfangen oder vorher noch einen Kaffee trinken?“

„Prima Idee“, meinte Ronan. „Da sehen Sie, wie die beiden mich herumkommandieren“, sagte er zu Lisa gewandt. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer. Es ist am Ende des Korridors. Das wird für Sie ein Sprung ins kalte Wasser. Ich vermute, einige der Patienten sind heute Morgen nur erschienen, weil sie neugierig auf Sie sind.“

Lisas Sprechzimmer war nicht sehr groß. Das Fenster war mit einem dünnen weißen Vorhang verhängt. Der Schreibtisch mit den beiden Unterschränken war schon etwas betagt und abgenutzt, und das Gleiche galt für den verblassten Teppich auf dem Boden. Gegenüber ihrem Schreibtisch stand eine Untersuchungscouch an der Wand. Ein Waschbecken mit einem Spiegel und mehrere Ablageborde vervollständigten die Einrichtung. Das alles war bescheidener als in ihrem Zimmer in der Praxis in Grangeford, wirkte aber irgendwie freundlicher.

„Dann auf zu neuen Ufern“, murmelte Lisa. Sie fühlte sich beschwingt, weil sie endlich wieder die Arbeit tun konnte, die sie liebte. Sie drückte auf den Knopf, der an der Rezeption ein rotes Licht aufleuchten ließ. Val – oder Cora – würde den ersten Patienten zu ihr hineinschicken.

Die Tür wurde aufgestoßen, und ein korpulenter Mann um die Fünfzig trat ein. Er trug einen blauen Overall, der voller Ölflecken war. Wie ein Bär ließ er sich auf den Stuhl fallen, lehnte sich vor, um nach ihrer Hand zu greifen, und begann zu reden, bevor sie einen einzigen Ton herausbringen konnte.

„Ich freue mich, Sie zu sehen, Dr. Balfour. Sie wollen also Dr. Gillespie bei der Arbeit helfen. Ihr Start hier war ein bisschen schwierig, nicht wahr? Während des Vorstellungsgespräches sind Sie umgekippt, habe ich gehört. Was war denn los?“

Lisa musste an sich halten, um nicht zu lachen. Der Mann ihr gegenüber verwechselte wohl die Rollen, die sie beide hier spielten.

„Offensichtlich spricht sich hier alles schnell herum. Es war mein Blinddarm, der herausmusste. Aber ich bin jetzt wieder völlig in Ordnung.“

Der Mann verzog das Gesicht. „Das kann ganz schön lästig sein. Mein Vetter wäre fast an einem Blinddarmdurchbruch gestorben. Sie sollten vorsichtig sein und sich noch eine Weile schonen. Die Spätfolgen können sich noch nach Monaten zeigen.“

„Das werde ich mir merken. Aber was führt Sie zu mir, Mr. Berry?“, unterbrach Lisa ihn hastig. Schließlich wollte sie über seine Gesundheitsprobleme sprechen – und nicht über ihre eigenen.

Der Mann stöhnte auf. „Ich hoffe nur, Sie können mir helfen. Sonst sind Sie dafür verantwortlich, dass meine Frau sich scheiden lässt. Lachen Sie nicht, aber es geht um mein Schnarchen. Meine Frau behauptet, das ganze Haus wackelt, wenn ich damit loslege. Sie ist bereits in ein anderes Zimmer umgezogen. Es ist wegen ihrer Mutter, wissen Sie – sie kommt uns besuchen. Und ich muss es vorher schaffen, das Schnarchen abzustellen.“

Mr. Berry versuchte, die Sache komisch darzustellen, aber Lisa wusste, wie sehr es Menschen belasten konnte, mit einem notorischen Schnarcher zusammenzuleben. Sie schaute ihn sich genauer an. Er war ein großer und viel zu schwerer Mann – kein Wunder, dass er nicht richtig atmen konnte, wenn er im Bett lag.

„Die Situation ist weder für Sie noch für Ihre Frau einfach, das weiß ich“, sagte Lisa. „Es war richtig, dass Sie hergekommen sind. Schnarchen kann manchmal völlig harmlose Ursachen haben, oft steckt aber auch eine ernsthafte Erkrankung dahinter.“

Plötzlich schien Mr. Berry beunruhigt. „Das wusste ich ja gar nicht. Schnarchen kann also tatsächlich gefährlich sein?“

„Manchmal ist eine Herzerkrankung die Ursache. Oder jemand leidet an einer Schlafapnoe, bei der es während des Schlafens zu zeitweiligem Atemstillstand kommt. Ich schlage vor, wir machen ein paar Tests bei Ihnen.“

„Und damit finden Sie heraus, warum ich schnarche?“

„Hoffentlich. So komisch es klingt, aber ich hätte gern, dass Ihre Frau Ihr Schnarchen auf Tonband aufnimmt. Das wäre für die Diagnose sehr hilfreich. Möglicherweise ist Ihre Atmung behindert. Das kommt häufig bei Menschen mit Übergewicht vor.“

Mr. Berry verzog das Gesicht. „Ich weiß, was Sie damit sagen wollen, Dr. Balfour. Ich sollte abnehmen.“

„Das würde ich Ihnen empfehlen. Ich kann Ihnen einen Diätplan mitgeben. Außerdem schlage ich vor, dass wir eine Reihe von Bluttests machen.“

Der Patient staunte. „Und das alles nur, weil ich schnarche?“

„Wie ich schon sagte, Schnarchen kann verschiedene Ursachen haben, harmlose und weniger harmlose.“

Mr. Berry strahlte sie an. „Ich bin beeindruckt, Frau Doktor. Und sehr froh, dass ich zu Ihnen gekommen bin. Ich hatte schon befürchtet, Sie würden mich für übergeschnappt halten, Sie mit einer solchen Lappalie zu belästigen.“

Lisa schüttelte den Kopf. „Ganz bestimmt nicht.“

Mr. Berry erhob sich. „Also, ich hoffe, Sie leben sich rasch hier ein.“ Auf dem Weg zur Tür drehte er sich noch einmal um und tat so, als ob ihm gerade etwas eingefallen sei. „Übrigens – wenn Sie mal Probleme mit Ihrem Wagen haben, lassen Sie es mich wissen. Meine Werkstatt ist hier in der Stadt. Dr. Gillespie lässt seinen Wagen auch bei mir reparieren.“

Der Morgen verlief abwechslungsreich. Lisa lernte die unterschiedlichsten Patienten kennen – vom drei Monate alten Baby mit Verdauungsproblemen bis zu einem neunzigjährigen Mann, der sich beim Anstreichen seines Schlafzimmers verletzt hatte. In erster Linie waren aber alle neugierig auf die neue Ärztin in Dr. Gillespies Praxis. Immer wieder musste Lisa die gleichen Fragen beantworten.

Gab es einen einzigen Menschen in Arrandale, der nicht wusste, dass sie krank geworden war?

Auch ihre letzte Patientin an diesem Morgen erkundigte sich gleich, ob es ihr wieder besser ginge.

„Ja, vielen Dank, Mrs. Glendinning. Es geht mir gut.“

„Schön zu hören.“ Mrs. Glendinning, eine ältere Frau mit dicken Brillengläsern, schien enttäuscht, dass Lisa sich nicht näher über ihre Krankheit und die Operation ausließ. „Werden Sie länger hierbleiben?“

„Davon gehe ich aus“, meinte Lisa. „Die Stadt gefällt mir, ich glaube, hier werde ich mich wohlfühlen.“ Bevor Mrs. Glendinning weiterplaudern konnte, fragte Lisa schnell: „Welches Problem führt Sie zu mir?“

Die ältere Frau verzog das Gesicht. „Mein Füße. Sie bringen mich noch um. Häufig brennen sie wie Feuer, ich kann kaum noch meine Arbeit machen.“

„Was für einen Beruf haben Sie?“

Ein Ausdruck von Stolz zeigte sich auf ihrem Gesicht. „Ich arbeite seit vielen Jahren als Haushälterin in Glenside House – das ist das große Haus am See. Es gehört Sir Richard Carstairs. Ich kümmere mich dort um alles.“

Lisa spürte, dass ihr Herz plötzlich bis zum Hals schlug. Sie hatte nicht erwartet, so schnell mit dem Namen Carstairs konfrontiert zu werden. Sie erinnerte sich noch genau an den Moment, als ihre Mutter ihr zum ersten Mal von ihrer Herkunft aus einer Familie namens Carstairs in Arrandale erzählt hatte.

„Entschuldigung – sagten Sie Carstairs?“

„Ja, das habe ich, Dr. Balfour. Sir Richard achtet sehr darauf, dass mit dem Haus alles in Ordnung ist. Seit Generationen gehört es seiner Familie.“

Plötzlich erinnerte sich Lisa an die Worte ihrer Mutter: „Meine Eltern, die Carstairs, waren äußerst streng. Und unerbittlich in ihren moralischen Überzeugungen. Als ich mit sechzehn schwanger wurde, wollten sie einen öffentlichen Skandal um jeden Preis vermeiden und wiesen mich aus dem Haus. Mir blieb nichts anderes übrig, als allein nach Grangeford zu gehen und dort mein Kind zu bekommen. Grangeford war weit genug von Arrandale entfernt, um die ‚Familienschande‘ verheimlichen zu können.“

Immer, wenn Lisa daran dachte, wie herzlos ihre Mutter von ihren Eltern behandelt worden war, wurde sie traurig und zornig zugleich. Aber sie fühlte auch Stolz auf ihre Mutter, die unter unsäglichen Schwierigkeiten ihr Leben in den Griff bekommen und ihre Tochter allein großgezogen hatte. Und die nie jemanden um Hilfe bitten musste. Lisa war klar, warum es für ihre Mutter so wichtig gewesen war, ihrer Tochter eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Aber sie wusste auch, dass ihre Mutter nie aufgehört hatte, ihre Heimat Arrandale zu lieben.

Lisa streifte die Gedanken an die Vergangenheit ab und lächelte die ältere Frau an. „Es ist bestimmt anstrengend, sich um ein so großes Haus zu kümmern.“

„Ja, aber ich mag diese Arbeit, auch wenn ich sie im Moment nicht mehr so tun kann, wie ich müsste. Sir Richard ist ein netter Mann, aber wenn er merkt, dass ich es nicht mehr schaffe, könnte er auf die Idee kommen, sich eine andere Haushälterin zu suchen.“

Dem Gesicht der Frau war deutlich anzusehen, dass diese Vorstellung ihr Angst machte. „Dann schauen wir uns Ihre Füße mal an“, versuchte Lisa sie zu beruhigen.

Mrs. Glendinnings Füße waren rot und geschwollen, und die Haut auf dem Spann wies tiefe Risse auf. „Da sieht so aus, als ob es sehr wehtäte“, sagte Lisa. „Wie lange sind Ihre Füße schon so?“

„Seit ein paar Wochen“, gab die Frau zu. „Zuerst hoffte ich, es würde von selbst besser. Aber seit einer Woche bekomme ich kaum noch die Schuhe an. Glauben Sie, dass Sie mir helfen können?“

„Ich bin sicher, dass Ihre Füße schon bald wieder ganz normal sein werden“, meinte Lisa. „Es handelt sich um eine Pilzerkrankung, die zu tiefen Rissen führt, wenn sie nicht gleich behandelt wird. Ich werde Ihnen ein Antibiotikum gegen die Entzündung verschreiben und ein Puder gegen die Pilzinfektion, damit Ihre Füße wieder gesund werden.“

Mrs. Glendinning strahlte. „Glauben Sie wirklich? Das wäre ja großartig.“

„Aber Sie müssen vorsichtig sein“, warnte Lisa. „Sie sollten die Füße mindestens zwei Tage lang hochlegen und ruhig halten. Wir müssen unbedingt verhindern, dass die Infektion sich an Ihren Unterschenkeln ausbreitet.“

„Zwei Tage Ruhe? Das geht nicht. Sir Richard gibt am Wochenende eine große Party. In den nächsten Tagen muss ich alles vorbereiten. Ich möchte ihn nicht enttäuschen – er ist ein so guter Arbeitgeber.“

„Ich gebe Ihnen ein Schreiben für ihn mit“, sagte Lisa beruhigend. „Aber ich muss darauf bestehen, dass Sie sich ein paar Tage Ruhe gönnen.“

„Also gut, Dr. Balfour“, stimmte Mrs. Glendinning zögernd zu. „Vielleicht kann meine Schwiegertochter mal aushelfen, schließlich stehe ich ihr häufig genug fürs Babysitten zur Verfügung.“

„Sie werden das schon machen. Kommen Sie bitte in einer Woche wieder, damit ich kontrollieren kann, wie die Medikamente anschlagen.“

Lisa nahm einen Briefbogen und schrieb rasch ein paar Zeilen zur Information an Sir Richard Carstairs. Dann humpelte Mrs. Glendinning mit schmerzverzogenem Gesicht zur Tür.

„Danke, Dr. Balfour – es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen.“ Sie lachte verschämt. „Wir haben uns alle gefragt, wie die neue Kollegin von Dr. Gillespie wohl sein würde. Er brauchte so dringend jemanden, der ihm hilft, seit Dr. Newman diesen Unfall hatte. Es wird ihm guttun, eine junge und attraktive Frau wie Sie um sich zu haben. Er hatte in den letzten Jahren wenig Spaß am Leben.“

Dann sind wir ja schon zwei, dachte Lisa. Sie schrieb eine Notiz über den heutigen Besuch in die Patientenakte von Mrs. Glendinning.

Kurz nachdem die Patientin gegangen war, steckte Ronan den Kopf zur Tür hinein. „Wie wäre es mit einem Kaffee? Und hätten Sie danach Lust, mich bei einigen Hausbesuchen zu begleiten? Dabei kann ich Ihnen gleich die Gegend zeigen.“

„Eine gute Idee“, meinte Lisa, bevor sie aufstand.

„Ich vermute, Ihre Patienten haben Sie mit Fragen gelöchert. Ich habe gesehen, dass Arthur Berry auf Ihrer Liste stand. Hat er gleich versucht, Sie als Kundin für seine Werkstatt anzuwerben?“, fragte Ronan belustigt.

„Das hat er tatsächlich“, lachte Lisa. Verwundert stellte sie fest, dass Ronan hier in der Praxis viel weniger steif und formell wirkte als zu Hause. „Alle haben sich bemüht, sehr nett zu mir zu sein, denn alle waren bestens darüber informiert, dass ich während unseres Vorstellungsgespräches zusammengebrochen bin.“

„Neuigkeiten verbreiten sich hier wie ein Lauffeuer. Gab es irgendetwas Besonderes bei einem der Patienten?“

„Nein, eigentlich nicht.“ Nur, dass ich gleich am ersten Tag mit dem Namen Carstairs konfrontiert wurde, fügte sie in Gedanken hinzu.

Ronan hatte zwei Tassen Kaffee vom Automaten geholt. Dankbar nippte Lisa an dem dampfenden, wohlriechenden Getränk.

„Sie kennen wahrscheinlich alle diese Menschen recht gut“, meinte sie. „Wie lange sind Sie schon in dieser Praxis?“

„Über sieben Jahre. Gegründet wurde sie von meinem Vater. Als er sich aus dem Berufsleben zurückzog, habe ich die Praxis weitergeführt. Er ist vor zwei Jahren gestorben. Unsere Familie ist schon seit mehreren Generationen hier ansässig.“

„Und Ihr Partner Newman, ist er auch schon so lange dabei?“

„Terry kam vor fünf Jahren zu mir.“

„Wie traurig, dass Ihr Vater nicht viel Zeit hatte, seinen Ruhestand zu genießen.“

„Er hat ihn überhaupt nicht genossen. Er hasste den Ruhestand. Er habe viel zu viel Zeit, um, wie er sagte, ‚blödsinnige und überflüssige Dinge‘ zu tun. Schließlich zog er mit meiner Mutter nach Glasgow, um näher bei meinen beiden älteren Schwestern und ihren Kindern zu sein. Aber jetzt“, sagte er plötzlich brüsk, „wird es Zeit, dass wir zu unseren Hausbesuchen aufbrechen.“

Lisa war von seinem Stimmungswechsel überrascht. Hatte sie mit ihren Fragen einen wunden Punkt getroffen? Offensichtlich redete er nicht gern über seine Vergangenheit.

Sie tat so, als hätte sie seine Reaktion nicht bemerkt, und wechselte das Thema. „Das Klima hier scheint ausgesprochen gesund zu sein. Heute war ein Patient bei mir, der als Neunzigjähriger noch seine Wohnung eigenhändig renoviert.“

„Wir besuchen jetzt einen anderen Patienten, der über neunzig ist, Gordon Fairbairn“, erklärte Ronan, während sie durch Arrandale fuhren. „Er wohnt in Corrie House, einem sehr beliebten Altenwohnheim. Aber leider sieht es so aus, als ob das Heim geschlossen werden müsste. Die Gemeinde kann die Kosten nicht mehr aufbringen. Die Bewohner sollen in ein Heim in Inverleith umgesiedelt werden. Das ist für sie katastrophal. Die meisten wurden in Arrandale geboren und haben ihr ganzes Leben hier verbracht. Sie haben Verwandte und Freunde hier – in Inverleith werden sie sich ausgestoßen und einsam fühlen.“

„Das ist ja wirklich schrecklich. Hat man nicht daran gedacht, was das für die Betroffenen bedeutet?“

„Die Nachricht hat viele Menschen hier aufgeschreckt. Wir haben gerade eine Initiative gegründet, um Geld zum Erhalt des Heimes zu sammeln.“

Er bog in die Einfahrt eines weitläufigen, prächtig aussehenden Hauses ein. Große Fenstertüren reichten auf beiden Seiten des imposanten Eingangs bis zum Boden. Drinnen waren mehrere ältere Leute zu sehen.

„Momentan ist nur eine Hälfte von Corrie House bewohnt“, meinte Ronan, als sie ausstiegen und zur Eingangstür hinübergingen. „Die andere Hälfte muss dringend renoviert werden. Der Eigentümer hat der Gemeinde das Haus für eine sehr niedrige Miete als Altenwohnheim überlassen, wenn sie dafür die Renovierungskosten übernimmt.“

„Wohnt der Besitzer selbst noch in dem Haus?“

„Nein. Sir Richard Carstairs wohnt nicht weit von hier in Glenside House. Er ist immer noch der wohlhabendste Mann in Arrandale. Ich treffe ihn regelmäßig bei irgendwelchen Komiteesitzungen.“

Wieder dieser Name, dachte Lisa. „Eine meiner Patientinnen heute Morgen, Mrs. Glendinning, arbeitet als Haushälterin bei Sir Richard“, sagte sie.

„Ja, ich kenne sie. Sie ist sehr stolz auf ihre Stellung, obwohl das große Haus und die vielköpfige Familie bestimmt viel Arbeit machen.“

Eine adrette Frau in einer dunkelblauen Schwesternuniform und einer weißen Haube begrüßte sie an der Eingangstür. Das Namensschild an ihrer Uniform wies sie als Dilys Conran aus, die Wirtschafterin des Altenwohnheimes.

„Guten Morgen, Ronan. Ich freue mich, dass Sie gleich hier vorbeikommen und nach dem guten Mr. Fairbairn sehen. Ich habe ihm schon gesagt, dass Sie angekommen sind.“

„Hallo, Dilys. Darf ich Ihnen meine neue Kollegin Dr. Lisa Balfour vorstellen? Ich bin gerade dabei, sie mit einer Reihe unserer Patienten bekannt zu machen. Sie wird in Zukunft einen Teil der Hausbesuche übernehmen.“

Lächelnd schüttelte Dilys Lisa die Hand. „Großartig, dass Ronan endlich jemanden gefunden hat, der ihm hilft. Er hat seit Monaten zu viel gearbeitet. Sie haben sicher schon gehört, was dem Heim droht. Wir hoffen sehr, dass es doch noch eine Lösung geben wird und wir hierbleiben können. Aber jetzt hat Sir Richard auch noch angekündigt, dass er die Miete erhöhen muss. Das könnte das endgültige Aus bedeuten.“ Sie seufzte, während sie traurig den Kopf schüttelte. „Wir haben hier zwanzig betagte Leute, die große Angst davor haben, umziehen zu müssen.“

„Das ist ja auch schrecklich“, sagte Lisa mitfühlend, „alt zu sein und nicht zu wissen, was die Zukunft bringt.“

Mrs. Conran führte Lisa und Ronan durch die hellen Räume mit den hohen Decken zu einem Schlafraum auf der Rückseite des Gebäudes. „Dort haben wir ja Mr. Fairbairn“, sagte sie und zeigte auf einen der Sessel am Fenster. „Seine Brust und die Bronchien machen ihm mal wieder Schwierigkeiten.“

Der alte Mann saß in einem Sessel mit einer hohen Lehne und hatte trotz des warmen Wetters eine Decke über den Beinen.

„Hallo, Gordon“, begrüßte Ronan ihn, ging hinüber und hockte sich neben ihn, damit der alte Herr nicht zu ihm hochschauen musste. „Ich habe meine neue Kollegin Dr. Lisa Balfour mitgebracht.“

Verschmitzte, wache Augen richteten sich auf Lisa. Dann zwinkerte Gordon mit einem schwachen Lächeln Ronan zu. „Da haben Sie sich aber eine besonders hübsche Kollegin ausgesucht, Ronan. Es macht Ihnen jetzt bestimmt viel mehr Spaß, morgens zur Arbeit zu gehen.“

„Ihre Augen scheinen immer noch bestens zu funktionieren“, meinte Ronan, griff nach seinem Stethoskop und horchte Fairbairns Brust ab. „Haben Sie Beschwerden beim Atemholen?“

„Ziemlich“, erwiderte er leise.

„Sind Sie einverstanden, Gordon, wenn Dr. Balfour Sie auch abhört?“

Lisa setzte ihr Stethoskop auf Gordons Brust. Sein Herz schlug unregelmäßig und heftig. Die Adern an seinem Hals lagen prall auf der Haut, sodass man das Blut darin pulsieren sehen konnte.

„Stark beschleunigter Herzschlag“, murmelte sie.

„Was erwarten Sie, wenn eine hübsche junge Frau mir so nahe kommt?“, grummelte der alte Herr. Dann schaute er Lisa mit einem etwas wehmütigen Lächeln an. „Viel Zeit bleibt mir nicht mehr, habe ich recht? Aber was soll’s – es macht mir keine Angst. Ich hatte ein gutes Leben. Angehörige habe ich auch nicht mehr.“

Er legte seine dünne, knochige Hand auf Ronans Arm. „Sorgen Sie dafür, dass mich, wenn es so weit ist, keiner Ihrer übereifrigen Kollegen an diese Maschinen anschließt. Ich möchte nicht an all diesen Schläuchen und Drähten hängen, nur damit ich noch ein paar Tage länger lebe. Versprechen Sie mir das?“

Ronan nahm die Hand des alten Mannes. „Machen Sie sich keine Sorgen, Gordon, wir werden Ihren Wunsch respektieren. Aber jetzt werde ich Ihnen etwas verschreiben, damit Sie sich besser fühlen. Das ist doch in Ordnung?“

Wie verständnisvoll und einfühlsam er mit dem alten Mann umgeht, dachte Lisa. Sie schaute zu Dilys hinüber, die ihr zunickte, als ob sie Lisas Gedanken erraten hätte.

„Ich verschreibe Ihnen ein Mittel, dass die Herztätigkeit stärkt und die Nierentätigkeit entlastet“, meinte Ronan.

„Vergebliche Liebesmühe“, grummelte der alte Mann. „Wie wäre es mit einem kräftigen Schluck Whisky? Das wäre genau das Richtige.“

Ronan lachte. „Ich glaube tatsächlich, ein Schluck vor dem Schlafengehen würde Ihnen guttun, Gordon. Was halten Sie davon, Dilys?“

„Ich notiere es mir gleich und sorge dafür, dass Mr. Fairbairn bekommt, was er wünscht.“

Zufrieden ließ sich Gordon Fairbairn in seinen Lehnstuhl zurücksinken und schaute aus dem Fenster auf das Panorama der Hügel.

„Sein Herz ist wirklich in einem schlechten Zustand“, sagte Ronan zu Dilys, als er mit ihr und Lisa zum Ausgang ging. „Ich möchte ihm allerdings nicht allzu viele Medikamente verschreiben, sondern nur erreichen, dass er sich ein wenig besser fühlt. Ich werde eine Sauerstoffflasche und einen Inhalator vorbeibringen, um seine Atmung zu erleichtern. Ich möchte ihn auf keinen Fall ins Krankenhaus einweisen. Sie haben selbst gehört, dass er sich davor fürchtet.“

„Ja, es wäre schrecklich für ihn, ins Krankenhaus zu müssen“, stimmte Mrs. Conran zu. „Dort können sie für ihn auch nicht mehr tun als wir hier.“

„Es wäre wirklich schade, wenn Corrie House geschlossen werden müsste“, sagte Lisa, als sie mit Ronan zu seinem Wagen ging. „Die alten Leute fühlen sich hier ausgesprochen wohl.“

„Wenn ich in der Lage wäre, die Schließung zu verhindern, würde ich es sofort tun“, meinte Ronan. „Aber woher das Geld für die dringend notwendigen Reparaturen nehmen? Sie haben selbst gesehen, dass es überall Schäden gibt, die unbedingt beseitigt werden müssten.“

Kurz bevor sie den Wagen erreichten, warnte Ronan Lisa vor einem großen Schlagloch. „Keine Sorge“, lachte sie. „Das schaffe ich mit einem einzigen kleinen Sprung.“ Leider hatte sie völlig falsch eingeschätzt, wie groß das Loch war, und landete mit dem rechten Fuß mitten in dem schlammigen Wasser, das hochspritzte und ihre Beine und den Rock beschmutzte. Sie stieß einen entsetzten Schrei aus.

Ronan sprang vor, nahm sie in den Arm und hob sie aus der Pfütze. Mit einem ironischen Grinsen schaute er auf sie hinunter. „Ich dachte, das würden Sie mit einem kleinen Sprung schaffen?“

Einen Moment lang war sein Gesicht ganz dicht vor ihrem, dann ließ er sie plötzlich los und trat einen Schritt zurück. Die Narbe auf seiner Wange zuckte. Und einen kleinen verrückten Moment lang verspürte Lisa den Wunsch, ihre Wange an seine zu drücken, seine Lippen auf ihrem Mund und seine Hände auf ihrer Haut zu spüren. Ihr Herz schlug so heftig, als ob sie gerade hundert Meter gelaufen wäre.

Sie atmete tief ein, um sich zu beruhigen. Zu welchen Fantasien ließ sie sich hinreißen? Er war nur ein Kollege. Und sie kannte ihn erst seit zwei Wochen. Die Erinnerung an das, was in Grangeford geschehen war, schoss ihr durch den Kopf. Nein, so etwas wollte sie nie wieder erleben, um keinen Preis.

„Sie haben Ihr Kleid schmutzig gemacht“, sagte Ronan. „Der Schlamm ist bis in Ihr Gesicht gespritzt.“ Er streckte die Hand aus und wischte einen Fleck von ihrer Wange.

Eine Sekunde lang schloss Lisa die Augen. Seine Berührung hatte eine heftige Reaktion bei ihr ausgelöst, wie von einem elektrischen Schlag. Hoffentlich hatte er nichts bemerkt. Aber er war inzwischen in den Wagen eingestiegen und schien den Vorfall schon vergessen zu haben.

Reiß dich zusammen, Lisa, befahl sie sich. Sich mit einem Mann einzulassen, war genau das, was sie zurzeit überhaupt nicht brauchen konnte. Sie hatte beschlossen, sich auf ihren Job zu konzentrieren und ein selbstständiges Leben, frei von Zwängen und Rücksichtnahmen, zu führen. Lisa dachte daran, wie stolz ihre Mutter auf ihr Medizinstudium, ihren Abschluss und ihren ersten Job gewesen war. Nie würde sie vergessen, wie ihre Mutter sie nach dem bestandenen Staatsexamen mit Tränen in den Augen umarmt hatte.

3. KAPITEL

Eine Weile fuhren sie schweigend weiter. Lisa warf einen Seitenblick auf Ronans ernstes Gesicht und fragte sich, ob er tatsächlich nichts von ihrer starken körperlichen Reaktion auf seine Berührung bemerkt hatte. Nach ihren Erfahrungen mit Trevor Merchant in Grangeford war sie fest überzeugt gewesen, dass sie gegen attraktive Männer immun sein würde. Wieso hatte sie ihre Gefühle vorhin nicht besser unter Kontrolle gehabt?

Sie lehnte sich in ihrem Sitz zurück, während sie sich auf die Schönheit der Landschaft zu konzentrieren versuchte.

„Beeindruckend, nicht wahr?“ Ronans tiefe Stimme unterbrach sie in ihren Gedanken.

„Wie bitte? Ach ja – die Landschaft. Wirklich wunderschön. Wie habe ich es nur so lange in Grangeford aushalten können? Sie müssen das alles hier sehr lieben, stimmt’s, Ronan?“

„Ich könnte mir nicht vorstellen, woanders zu leben“, stimmte er zu. „Lange Zeit war es mir nicht möglich, all die Dinge zu tun, die mir früher so viel Spaß gemacht haben – lange Wanderungen zu unternehmen, Golf zu spielen, zu angeln. Jetzt, da ich Sie als Partnerin habe, kann ich vielleicht wieder ein wenig mehr an meine Freizeit denken.“

„Das wünsche ich Ihnen.“

Sie fuhren auf der Landstraße, die zurück in die Stadt führte. „Jetzt werden Sie eine Familie kennenlernen, die alles andere als eine Zierde dieser Gemeinde ist. Die Mitglieder der Familie, die wir jetzt besuchen, halten uns manchmal mehr in Atem, als uns lieb ist.“

Ronan bog in eine Seitenstraße ab, die zu einer Siedlung am Rande eines kleinen Industriegebietes führte. Der kurze Weg bis zur Haustür, auf die Ronan zuging, war mit alten Bierdosen, Plastiktüten und Altpapier vermüllt. Aus dem Haus war die schrille Stimme einer Frau zu hören, die Obszönitäten schrie. Lisa warf Ronan einen entsetzten Blick zu.

„Jean MacCann ist nicht gerade für ihre gewählte Ausdrucksweise bekannt“, meinte er achselzuckend, bevor er auf den Klingelknopf drückte, dann klopfte er kräftig gegen die Tür. Im Haus begann ein Hund wild zu bellen. Die schrille Stimme schrie dem Tier zu, das Maul zu halten. Dann riss eine Frau mit einem rot angelaufenen Gesicht die Tür auf. Als sie Ronan erkannte, öffnete sie die Tür weit, wobei sie sich ein Lächeln abrang.

„Kevin liegt im hinteren Zimmer auf der Couch.“ Sie warf einen misstrauischen Blick auf Lisa. „Ist das ’ne Schwester?“

„Das ist Dr. Lisa Balfour“, klärte Ronan sie auf. „Sie ist Ärztin und arbeitet seit heute in der Praxis. Sie begleitet mich, damit sie unsere Patienten kennenlernt.“

Jean murmelte etwas Unbestimmtes, drehte sich um und ging zurück ins Haus. Sie folgten ihr in einen abgedunkelten Raum mit schmutzigen Vorhängen, die zugezogen waren. In einer Ecke dröhnte ein Fernsehapparat. Draußen heulte, bellte und kratzte ein Hund, der offensichtlich dabei war, in den nächsten Sekunden die Tür einzureißen. In der Luft hing der Geruch von kaltem Zigarettenrauch und schalem Bier.

Ein schlaksiger Junge von ungefähr vierzehn Jahren saß auf der Couch und starrte gebannt auf den Bildschirm. Er sah kaum auf, als Lisa und Ronan eintraten. „Der Doktor ist hier, er will dich untersuchen“, rief die Mutter scharf.

„Er sagt, sein Hals ist rau und tut weh. Das geht schon seit Tagen so.“ Sie musste schreien, um den Lärm des Fernsehers zu übertönen. Sie stieß mit dem Fuß einen Stapel Comic-Hefte zur Seite, die vor dem Jungen auf dem Boden lagen. „Kevin, mach den Mund auf, damit der Doktor reinschauen kann.“

Ronan ging zur Couch hinüber und leuchtete dem Jungen mit einer Taschenlampe in den Hals. „Wieso ist er nicht in die Sprechstunde gekommen, wenn es ihm schlecht geht?“

Die Mutter schüttelte den Kopf. „Ich hatte einfach keine Zeit. Und allein geht er nicht.“ „Sie steckte sich eine Zigarette an.“ „Was ist nun mit seinem Hals?“

„Sieht nicht gut aus“, meinte Ronan, während er seinen Rezeptblock herausholte. „Seine Mandeln sind geschwollen und ziemlich rot. Ich schreibe ihm ein Antibiotikum gegen die Entzündung auf. Bist du gegen Penicillin allergisch, Kevin?“ Da er keine Antwort bekam, zeigte er auf den Fernseher und fragte: „Kann man das Ding nicht mal ein paar Minuten abstellen?“

Als das Dröhnen plötzlich aufhörte, zeigte der Junge zum ersten Mal eine Reaktion. „He, was soll das?“, rief er aufsässig. „Ich will das sehen.“ Er stand auf und wollte den Apparat wieder einschalten.

Ronan hielt ihn auf. „Zuerst werde ich mir mal die Lymphdrüsen in deinem Nacken ansehen.“ Er tastete mit den Fingern beide Seiten des Nackens ab. „Ziemlich stark geschwollen. Du musst unbedingt die Tabletten, die ich dir verschreibe, regelmäßig einnehmen. Und viel Flüssigkeit trinken. Wenn es nicht rasch besser wird, musst du nächste Woche in meine Sprechstunde kommen.“

Kevin nickte mürrisch, schaltete den Fernsehapparat wieder ein und drehte ihn auf volle Lautstärke. Lisa und Ronan schauten sich angewidert an.

„Wir gehen dann mal, Mrs. MacCann. Es warten noch andere Patienten auf uns“, sagte Ronan.

Als die Frau die Haustür hinter ihnen ins Schloss geworfen hatte, holte Lisa tief Luft. „Der kalte Tabakrauch in dem Haus war ja kaum auszuhalten.“

„Viele unserer Patienten sind starke Raucher“, meinte Ronan. „Jean MacCann leidet jeden Winter unter einer schweren Bronchitis. Aber ich bezweifle, dass sie jemals meinen Rat befolgen wird, weniger zu rauchen.“ Er sah Lisa mit einem ironischen Lächeln an. „Jetzt haben Sie selbst erlebt, dass die Patienten in Arrandale sich kein bisschen von denen woanders unterscheiden.“

Lisa lachte. „Stimmt. In Grangeford hatten wir auch so einige Mrs. MacCanns.“

Der Wind wehte Lisas Haar hoch, sodass es ihren Kopf wie eine goldene Gloriole umgab. Ihre Augen funkelten belustigt. Sekundenlang konnte Ronan seinen Blick nicht abwenden. Er war immer wieder überrascht, wie attraktiv Lisa aussah. Er dachte daran, dass er plötzlich eine ungewohnte Erregung empfunden hatte, als er sie auf dem Parkplatz des Altenheims aus der Pfütze gerettet und einen Moment lang im Arm gehalten hatte.

Rasch stieg er in seinen Wagen und steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Anscheinend war er sexuell völlig ausgehungert. Seit seiner Trennung von Maisie war er mit keiner Frau mehr zusammen gewesen. Er hatte sich einmal schlimm die Finger verbrannt und keine Lust, so etwas ein zweites Mal zu erleben. Aber jetzt fiel es ihm immer schwerer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren, wenn Lisa in der Nähe war. Er war einfach machtlos dagegen, dass er sich körperlich so stark von ihr angezogen fühlte.

Er fuhr los. „Wird Zeit, dass wir zurück in die Praxis kommen“, sagte er unfreundlicher, als er beabsichtigt hatte. „Ich muss heute noch eine Menge Papierkram erledigen. Und heute Abend zu einer Versammlung. Für heute Nachmittag ist die wöchentliche Säuglingssprechstunde angesetzt. Könnten Sie das vielleicht übernehmen?“

„Natürlich“, sagte Lisa schnell. „Das tue ich gern. Wann fängt sie an?“

„In ungefähr einer Stunde. Rachel Burns, unsere Krankenschwester, die auf Teilzeitbasis für uns arbeitet, wird auch da sein. Übrigens, Cora hatte einen Diabetesanfall, und Val muss sich um sie kümmern. Sie kann erst in einer Stunde hier sein. Können Sie bis dahin das Telefon am Empfang bedienen?“

„Natürlich.“

Der Nachmittag verlief für Lisa interessant. Fünfzehn Babies mit ihren Müttern fanden sich zu der wöchentlichen Beratungsstunde ein. Rachel Burns erwies sich als eine sehr kompetente, fröhliche Helferin, die zu allen Müttern ein freundschaftliches Verhältnis hatte. Mit Lisa verstand sie sich gleich sehr gut. Es wurde viel gelacht, aber natürlich kamen auch die kleinen Sorgen und Probleme der jungen Mütter nicht zu kurz. Einige der Babies wurden geimpft, andere gewogen, um ihre Entwicklung zu kontrollieren.

Als die Beratungsstunde zu Ende war, brühte Rachel für beide einen Tee auf und packte selbst gebackenen Kuchen aus.

„Sie essen doch hoffentlich mit?“, fragte sie Lisa. „Allein schmeckt es mir nicht.“

„Ich nehme gern ein Stück – ein kleines, bitte.“

Eine Viertelstunde später verabschiedete sich Rachel. Sie musste ihre Kinder von der Schule abholen. „Also dann bis morgen.“ Sie winkte Lisa zu, die in das Büro hinter dem Empfangstresen gegangen war und damit begann, die Papiere, die seit dem Morgen dort liegen geblieben waren, zu ordnen.

Plötzlich wurde an die Glastür geklopft. Lisa schaute auf und sah eine attraktive junge Frau am Empfang stehen. Seidig glänzendes dunkelbraunes, halblanges Haar umgab ihr Gesicht. Sie trug einen beigefarbenen Hosenanzug, dem man auf den ersten Blick ansah, dass er von einem teuren Designer stammte.

Lisa kam aus dem Büro. „Kann ich Ihnen helfen?“

Überrascht sah die Frau Lisa an. „Arbeiten die Simmonds-Zwillinge nicht mehr hier?“ Ihre Stimme klang leicht heiser, und ihre Augen hinter den langen Wimpern waren von einem ungewöhnlichen fahlen Grün.

Lisa lachte. „Doch. Aber Cora fühlte sich nicht wohl, und Val ist bei ihr. Ich vertrete die beiden sozusagen heute Nachmittag. Ich bin Lisa Balfour, die neue Ärztin in der Praxis.“

Die junge Frau musterte Lisa. „Ich wusste nicht, dass er jemanden eingestellt hat.“ Sie schenkte Lisa ein förmliches Lächeln. „Sie sind nicht von hier, habe ich recht?“

„Ich stamme aus dem Norden Englands, aus Grangeford.“

„Hoffentlich kommt Ihnen das Landleben dann nicht zu eintönig vor. Arrandale ist zwar eine hübsche Stadt, aber so provinziell, dass es manchmal schwer zu ertragen ist.“ Sie lachte und streckte Lisa die Hand hin. „Vielleicht sollte ich mich vorstellen. Ich bin Maisie Cowper. Ich wollte Dr. Gillespie einen privaten Besuch abstatten. Er ist ein alter Freund. Und da ich mal wieder in der Gegend war, wollte ich ihn besuchen. Er wird bestimmt froh sein, mich zu sehen.“

„Ich bin erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen“, sagte Lisa. „Ronan besucht gerade einen Patienten. Ich weiß nicht, wann er zurückkommt.“

„Ah, immer im Dienste derer, die mühselig und beladen sind. Ja, so ist Ronan nun einmal“, erwiderte sie mit einem amüsierten Unterton.

„Ich werde ihm sagen, dass Sie hier waren. Kann er Sie irgendwo erreichen? Wollen Sie mir vielleicht Ihre Handynummer geben?“

Maisie warf einen Blick auf ihre goldene Armbanduhr. „Zum Teufel. Es ist schon spät. Ich muss los, um mir ein paar Immobilien anzuschauen. Ich kann nicht länger warten. Sagen Sie ihm, ich käme wieder vorbei, sehr bald schon.“

Lisa sah ihr nach, wie sie auf ihren eleganten Stöckelschuhen zur Tür ging. Kaum war sie weg, läutete das Telefon. Ronan war am Apparat.

„Hallo, Lisa. Ich wollte nur kurz fragen, ob bei Ihnen alles glattgegangen ist?“

„Ja, keine Probleme. Ich habe Ihnen über alles kurze Notizen gemacht, die Sie sich anschauen können, wenn Sie zurück sind.“

Nachdenklich legte sie den Hörer auf. Sie dachte wieder an die attraktive Maisie. Was für eine Rolle spielte sie in Ronans Leben? Waren sie nur alte Freunde – oder mehr? Hatte Maisie bestimmte Absichten, was Ronan betraf?

Lisa zuckte mit den Achseln. Das ging sie nichts an. Nur, weil eine hübsche Frau hergekommen war und nach Ronan fragte, musste sie sich nicht den Kopf zerbrechen. Als sie sich am Waschbecken die Hände wusch und in den Spiegel schaute, wurde ihr klar, dass sie einen Anflug von Eifersucht verspürte.

Sie schrieb rasch die letzten Notizen für Ronan auf und legte die Papiere auf seinen Schreibtisch. Sie musste endlich aufhören, über Ronan als Mann nachzudenken. Sie sollte sich um ihr neues Haus und ihr eigenes Leben kümmern.

Eine Stunde später kam Ronan zurück. Er ging in das Büro zu Lisa, um sie zu begrüßen.

Ronan strich sich mit der Hand übers Gesicht. Er sah müde aus. „Nun, was war hier los? Haben Sie etwas von Cora gehört?“

„Ja, Val hat angerufen. Sie sagte, Coras Zustand sei stabil, aber sie wollen sie noch bis morgen zur Beobachtung im Krankenhaus behalten. Ach ja – eine Maisie Cowper war hier und wollte Sie sehen. Sie sei zurück in der Gegend und würde wieder vorbeikommen.“

Entgeistert starrte Ronan sie an. „Wie bitte? Was sagen Sie da?“ Er sprach ungewohnt laut. „Maisie Cowper? Sie war hier?“

„Ja“, erwiderte Lisa, die über seine heftige Reaktion erstaunt war. „Sie sagte, Sie beide wären alte Freunde.“

„Tatsächlich? Haben Sie ihr gesagt, wann ich wieder zurück sein würde?“

„Ich habe nur gesagt, dass Sie einen Patienten besuchen.“

„Dann weiß sie also, dass ich am Nachmittag wieder hier bin.“

„Entschuldigung“, meinte Lisa verwirrt. „Habe ich etwas falsch gemacht?“

Er holte tief Luft und entspannte sich. „Nein, nein. Sie ist nur die letzte Person, die ich …“

Er unterbrach sich und schaute mit versteinerter Miene über Lisas Schulter zum Empfang hinüber. „Um Himmels willen … nicht Maisie. Nicht schon wieder.“

Er fasste Lisa an den Schultern. „Passen Sie auf, ich muss etwas unternehmen, dringend“, murmelte er. „Entschuldigen Sie, aber ich werde Sie jetzt küssen.“

Erstaunt riss Lisa die Augen auf. „Sie wollen wa…“

Er ließ ihr keine Zeit, ihre Frage zu Ende zu bringen. „Still“, sagte er, legte seine Arme um sie, zog sie fest an sich und presste seinen Mund auf ihre Lippen. Sie konnte seinen Herzschlag spüren, während er sie für einen Kuss festhielt, der ihr endlos vorkam.

Die Gedanken in Lisas Kopf überschlugen sich. Was nahm er sich heraus? Sie war wütend, aber gleichzeitig fühlte sie eine ungewohnte Erregung. Sie hätte ihn zurückstoßen müssen, stattdessen presste sie sich an ihn und erwiderte seinen Kuss.

Maisie lachte laut und höhnisch auf. „Du bist ja ein Wüstling, Ronan.“

Lisa fuhr herum, als sie Maisies Stimme hörte. Nein, wollte sie rufen, Sie irren sich, wir sind nur Arbeitskollegen.

Ronan wandte sich der Besucherin zu. „Oh, Maisie … das ist ja eine Überraschung“, sagte er mit falscher Freundlichkeit. „Lisa hat mir schon gesagt, dass du hier warst. Sie hat heute ihren ersten Arbeitstag in der Praxis.“ 

Maisies Gesicht war rot vor Zorn geworden. „Und du arbeitest sie wohl gerade ein?“, sagte sie mit einem bösen Lächeln. „Ich habe begriffen, was du unter Partnerschaft verstehst. Wenn ich hier nicht mehr willkommen bin, werde ich verschwinden.“

„Lisa und ich …“, begann Ronan.

Autor

Judy Campbell
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Janice Lynn hat einen Master in Krankenpflege von der Vanderbilt Universität und arbeitet in einer Familienpraxis. Sie lebt mit ihrem Ehemann, ihren 4 Kindern, einem Jack-Russell-Terrier und jeder Menge namenloser Wollmäuse zusammen, die von Anbeginn ihrer Autorenkarriere bei ihr eingezogen sind.
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