Schwester Ellies Traum vom Glück

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Schwester Ellie weiß, dass sie nach einer Enttäuschung von Ärzten die Finger lassen sollte. Aber dann bittet ausgerechnet der neue Chirurg James Leonardi sie um ein Date. Ein Traummann, in den sie sich glatt verlieben könnte! Obwohl sie nie etwas mit einem Kollegen anfangen wollte …
  • Erscheinungstag 12.02.2020
  • ISBN / Artikelnummer 9783733729790
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Das alte Gartentor in der Hill Street 71 quietschte, als Ellie es aufstieß. Sie nahm das Geräusch gar nicht wahr, so eilig hatte sie es heimzukommen. Durch die Tränen sah sie wie durch einen Schleier, deshalb brauchte sie mehrere Anläufe, um das Schlüsselloch der Haustür zu finden. Sie fühlte sich hundeelend, wollte nur noch die Bettdecke über den Kopf ziehen und sich vor der Welt verstecken.

Endlich gab die Tür nach, und Ellie stolperte ins Haus. Ihr war schlecht. Sie schaffte es gerade noch ins Badezimmer, bevor sie sich übergeben musste. Anschließend lehnte sie den Kopf gegen die kühlen Wandkacheln und fragte sich, ob ihr Magen das Abendessen schon vollständig losgeworden war. Das Fleischgericht, das sie bestellt hatte, vertrug sich nicht gut mit der Übelkeit, die seit Robs Ankündigung in ihr rumorte. Warum hatte sie sich überhaupt die Mühe gemacht, etwas zu essen?

Körperlich ging es ihr jetzt etwas besser, aber seelisch war sie am Boden zerstört. Sie ließ sich Wasser über das Gesicht laufen und putzte die Zähne, doch der Geschmack der Zahnpasta ließ sie erneut würgen. Schnell raffte sie mit einer Hand die blonden Haare im Nacken zusammen, dann musste sie sich auch schon das zweite Mal übergeben.

Nach der Spätschicht gingen Jess und Tilly gemeinsam vom Krankenhaus nach Hause in die Hill Street. Jess marschierte in die Küche, schaltete den Wasserkocher ein und suchte Brot, das noch keine Spuren von Schimmel aufwies. Eine von uns muss dringend einkaufen, dachte sie und schob ein paar essbar aussehende Scheiben in den Toaster.

Aus dem Badezimmer kam das Geräusch von laufendem Wasser und gleich darauf von jemandem, der sich erbrach.

„Ist das Ruby?“, wunderte sich Tilly.

„Keine Ahnung“, sagte Jess. Wenn vier, manchmal auch fünf Leute unter einem Dach wohnten, behielt man in all dem Trubel nur schwer den Überblick.

Tilly ging durch den Flur und klopfte an die Badezimmertür. „Ruby, bist du das? Alles in Ordnung?“

„Was machst du da?“, ertönte Rubys Stimme hinter ihr.

Überrascht drehte sich Tilly um. „Wir dachten, du bist im Bad. Es klingt, als würde sich jemand übergeben.“

Ruby kam die Treppe herunter. „Ich jedenfalls nicht. Aber Adam ist hier. Ich habe gehört, wie er nach Hause gekommen ist, und jemand war bei ihm.“

„Vielleicht Ellie“, mutmaßte Jess hoffnungsvoll. Sie wollte lieber nicht darüber nachdenken, wen Adam sonst mitgebracht haben könnte.

„Ellie ist zum Abendessen mit Rob verabredet“, erwiderte Ruby.

Die Badezimmertür wurde geöffnet, und Ellie erschien, blass und zitternd. Die Wimperntusche hatte schwarze Flecken unter ihren Augen hinterlassen.

„Was machst du denn zu Hause?“

„Was ist aus dem Abendessen mit Rob geworden?“

„Ist dir übel?“

Ellie blickte von einer Freundin zur nächsten und machte den Mund auf, brachte aber keinen Ton heraus.

„Da stimmt etwas nicht.“ Ruby nahm Ellie bei der Hand, zog sie ins Wohnzimmer und bugsierte sie auf ein Sofa. Ellies Hände waren eiskalt. „Wir brauchen eine Decke. Ich glaube, sie steht unter Schock.“ Ruby konnte weder Kratzer noch Blut oder blaue Flecken bei ihrer Freundin entdecken. „Ellie, rede mit uns. Was ist passiert? Bist du verletzt?“

Jess brachte Taschentücher und legte Ellie eine Steppdecke um die Schultern. „Hattest du einen Unfall?“

Ellie schüttelte den Kopf. Ihr Körper war unversehrt, aber wie sollte sie erklären, was für ein Abend hinter ihr lag? Keine ihrer Mitbewohnerinnen wusste, dass sie von dem Mann, mit dem sie seit drei Monaten zusammen war, einen Heiratsantrag erwartet hatte. Keine wusste, was sie sich erhofft hatte oder wie ihre Welt auf den Kopf gestellt worden war.

Ihre Freundinnen setzten sich auf die anderen Sofas.

„Du siehst grässlich aus“, stellte Tilly in ihrer nüchternen Art fest. „Was ist los?“

Wenn vier Frauen – und ein häufig abwesender Mann – zusammenlebten, gab es nur wenige Geheimnisse. Ellie wollte die Geschichte nicht verschweigen, bezweifelte jedoch, dass sie heute Abend von ihrem Reinfall erzählen konnte. Sie zog die Decke eng um sich und suchte Trost in der Wärme. „Ihr werdet sagen, dass ihr es mir prophezeit habt“, meinte sie mit bebender Stimme.

„Natürlich tun wir das nicht“, versicherte Jess.

Ellie blickte sie an. Tilly und Ruby waren mit Rob nie richtig warm geworden, deshalb versprach sie sich von Jess am meisten Mitgefühl. „Rob hatte mich zum Abendessen eingeladen. Ich dachte, er macht mir einen Antrag, aber er hatte eine andere Überraschung parat.“ Sie nahm ein Taschentuch und putzte sich die Nase. „Er ist verheiratet.“

„Was?“

„Verheiratet?“

„Mistkerl“, fauchte Tilly. „Ich hatte bei ihm gleich ein schlechtes Gefühl.“

„Das hilft jetzt wenig.“ Jess wandte sich wieder Ellie zu. „Erzähl von Anfang an.“

Ellie schniefte und nahm noch ein Taschentuch. „Rob wollte mich zum Essen ausführen, darum habe ich geglaubt, dieser Abend würde ein Meilenstein in unserer Beziehung sein. Ihr wisst ja, dass Rob nicht viel vom Ausgehen hält, sondern lieber zu Hause bleibt. Er sagt immer, dass er nach seinen langen Arbeitstagen ausspannen will und sein Privatleben kein Thema in der Klinik sein soll.“ Ellies Mitbewohnerinnen nickten. Sie kannten Rob. Er war Orthopäde am Eastern Beaches Hospital, in dem sie alle vier als Krankenschwestern arbeiteten.

Bisher hatte Ellie seine Gründe legitim gefunden. Jetzt fragte sie sich allerdings, ob er sie damit nur hatte täuschen wollen. „Ich dachte, wenn wir endlich richtig ausgehen, ist unsere Beziehung für Rob etwas Festes, über das jeder Bescheid wissen darf. Ich hielt es für ein gutes Zeichen und habe fest damit gerechnet, dass er mir einen Antrag macht – oder mir wenigstens vorschlägt, bei ihm einzuziehen. Dann hat er die Katze aus dem Sack gelassen: Seine Frau und seine Tochter fliegen nächste Woche aus Großbritannien her.“

„Eine Tochter hat er auch?“

„Und du wusstest von nichts?“

„Natürlich nicht“, antwortete Ellie scharf. „Glaubt ihr etwa, ich würde mich mit einem verheirateten Mann einlassen?“

„Nein.“ Ruby schüttelte den Kopf. „Aber wie hält man so etwas geheim?“

„Ganz einfach“, meinte Tilly. „Man lässt Frau und Kind im Ausland.“

„Aber er muss doch Fotos von ihnen in der Wohnung haben, Anrufe von ihnen bekommen und so was“, überlegte Jess laut.

„Wegen des Zeitunterschieds und seiner Schichten im Krankenhaus war es wohl leicht für Rob, nie in meiner Gegenwart mit seiner Familie zu telefonieren“, sagte Ellie. „Ich hatte keinen Grund zu vermuten, dass er lügt. Es gab keine Anrufe, er trägt keinen Ehering, und in seinem Appartement steht kein einziges Familienfoto.“

„Hat er dir erzählt, warum die beiden ausgerechnet jetzt kommen? Er ist doch schon seit Monaten hier.“

„Sie wollten das Ende des Schuljahres abwarten.“

„Wie alt ist seine Tochter denn?“

„Keine Ahnung.“ Ellie war nicht scharf auf Einzelheiten gewesen. „Alt genug jedenfalls, um zur Schule zu gehen.“

„Also hat er sich mit dir nur die Zeit vertrieben, bis seine Frau herfliegt?“, fragte Ruby entsetzt.

„Ich wusste gleich, dass etwas bei ihm faul ist.“ Tilly klang, als hätte sie Rob liebend gern den Hals umgedreht.

„Na, dann wirst du das, was jetzt kommt, umso mehr genießen“, meinte Ellie. „Er dachte, ich würde die Affäre mit ihm fortsetzen, wenn seine Frau hier ist.“

„Du machst Witze! Hoffentlich hast du ihm ordentlich die Meinung gesagt.“

„Und ob. Eine richtige Szene habe ich ihm gemacht. Ich wusste gar nicht, dass ich so etwas kann. Wahrscheinlich ist er mit mir in ein Restaurant gegangen, weil er dachte, da würde ich mich zusammenreißen.“ Ellie rief sich den Moment in Erinnerung und war froh, dass sie aufbegehrt hatte. Sie mochte sich zutiefst gedemütigt fühlen, aber wenigstens hatte sie das letzte Wort gehabt. Und so deprimierend der Abend auch gewesen war, so ging es ihr doch schon etwas besser, nachdem sie sich ihren Freundinnen anvertraut hatte. „Ich kann nicht fassen, wie dämlich ich war.“

„Es ist nicht deine Schuld, Ellie. Rob hat dich belogen“, tröstete Ruby.

„Menschenskind, seine arme Frau“, warf Tilly ein.

„Wen interessiert denn seine Frau! Was ist mit Ellie?“ Jess war stinksauer.

Tilly winkte ab. „Ohne ihn ist Ellie besser dran. Seine Frau hat weniger Glück; sie muss sich weiter mit ihm herumplagen.“

„Aber ihr wisst doch, wie gern ich zu jemandem gehören möchte.“ Ellie streckte zum dritten Mal die Hand nach den Taschentüchern aus. „Ich hatte all meine Hoffnungen auf Rob gesetzt, und er hat mich zum Narren gehalten.“

„Rob ist der Narr“, widersprach Ruby. „Verschwende bloß keine Zeit damit, ihm nachzuweinen. Du lernst einen anderen Mann kennen. Einen, der dich verdient.“

Jess nickte. „Der Richtige für dich ist irgendwo da draußen, und es lohnt sich, auf ihn zu warten. Wenn du ihn triffst, wird alles gut. Dann kriegst du dein Happy End.“

„Ich dachte, Rob könnte der Richtige sein.“

„Ist er nicht, Ellie, vertrau mir. Das wirst du erkennen, wenn du dem Mann begegnest, der für dich bestimmt ist.“ Ruby hatte mit Cort ihre große Liebe gefunden und glaubte, dass jeder Mensch irgendwann so glücklich sein würde wie sie selbst.

„Ich habe das Gefühl, dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt.“

„Um Himmels willen, du bist doch erst dreiundzwanzig.“ Tilly sprach mit der geballten Weisheit einer nur um wenige Jahre älteren Frau.

„Schon, aber ich will Kinder. Meine Eltern konnten mich erst nach einer künstlichen Befruchtung bekommen. Was, wenn ich auch Probleme damit habe, schwanger zu werden? Das will ich lieber früher als später erfahren.“

„An deiner Stelle würde ich das nicht an die große Glocke hängen“, riet Tilly pragmatisch. „Sonst schreckst du die meisten Männer ab.“

„Diejenigen, die keine Kinder wollen, passen doch sowieso nicht zu mir, oder?“

„Durch den Kinderwunsch allein passen sie aber auch nicht automatisch zu dir. Ich glaube kaum, dass du viele Typen findest, auf deren To-do-Liste Kinder ganz oben stehen.“

Ellie spürte, wie ihr wieder die Tränen kamen. „Rob hat gesagt, dass Kinder für ihn dazugehören.“

„Jetzt weißt du auch, warum: Weil er schon Vater ist.“ Tilly neigte nicht dazu, mit ihrer Meinung hinter dem Berg zu halten.

„Ein bisschen Mitgefühl wäre nicht fehl am Platz“, gab Jess zu bedenken.

Tilly legte beide Arme um die Steppdecke und drückte Ellie. „Tut mir leid, dass es dir jetzt schlecht geht. Aber ich weiß genau, dass alles ein gutes Ende nimmt.“

„Wie soll ich bloß mit Rob zusammenarbeiten?“ Ellie putzte sich noch einmal die Nase.

„Geh mit erhobenem Kopf zur Arbeit. Du hast nichts falsch gemacht. Er ist der Lügner.“

1. KAPITEL

Ellies Augen brannten. Tränen stiegen ihr in die Augen, als der Sarg auf den Edelstahlrollen durch den Vorhang glitt und verschwand. Hinter dem Vorhang, abgeschirmt von den Trauernden in der Kapelle, brachte man den Körper ihrer Großmutter fort. Bald würde alles, was von ihr blieb, in eine kleine Urne passen. Die würde hinter einer Messingplakette landen, neben der Asche von Ellies Großvater und Eltern.

„Alles okay?“

Jess saß links neben Ellie. Sie hielt ihr ein Päckchen Taschentücher hin.

Ellie zog eins heraus und lächelte. „Ja, alles okay.“

Ihre Großmutter war achtundachtzig Jahre alt geworden und nicht überraschend gestorben. Allerdings bedeutete ihr Tod, dass Ellie nun allein war, das einzige lebende Mitglied ihrer Familie. Sie war ein Einzelkind, das mit elf beide Eltern verloren hatte. Damals hatten ihre Großeltern die Vormundschaft übernommen, und jetzt waren sie ebenfalls tot. Die Tränen kamen Ellie selbstsüchtig vor.

Ihre drei Freundinnen flankierten sie. Mit Jess hatte sie sich vor ein paar Jahren während der Ausbildung zur Krankenschwester angefreundet. Gemeinsam hatten sie Höhen und Tiefen erlebt, gute und schlechte Noten, gute und schlechte Beziehungen. Ruby und Tilly waren noch nicht so lange ihre Freundinnen, erst, seit sie zusammenwohnten und am Eastern Beaches Hospital arbeiteten. Ellie betrachtete die drei Frauen als Familie, aber sie waren halt keine.

Innerhalb von neun Wochen hatte sie ihren Freund verloren – na gut, nicht direkt verloren, eher herausgefunden, dass er der betrügerische Ehemann einer anderen Frau war – und jetzt auch ihre Großmutter. Sicher, sie hatte wundervolle Freundinnen, doch im Grunde sehnte sie sich nach etwas anderem. Ellie wünschte sich eine eigene Familie. Stell dich nicht so an, schalt sie sich. Bei der Beerdigung ihrer Großmutter im Selbstmitleid zu versinken, ging zu weit. Sie war dreiundzwanzig, sie hatte Jess, Ruby und Tilly, und es würde sich schon alles finden.

An der Leere in ihrem Herzen änderte das leider nichts. Seit dem Tod ihrer Eltern wollte Ellie diese Leere füllen. Es konnte nur durch Liebe geschehen, und zwar ausschließlich durch eine Familie. Egal, wie viel ihr die Freundinnen bedeuteten, die Lücke klaffte noch immer. Was, wenn sie ihre große Liebe niemals fand? Wenn sie nie die Familie bekam, von der sie träumte? Wenn die Leere für immer blieb?

Ellie schüttelte den Kopf. So durfte sie nicht denken. Sie musste stark sein. Positiv. Irgendwo wartete der perfekte Partner auf sie, daran musste sie glauben. Rob war ein Fehler gewesen, aber das hieß nicht, dass sich die Suche nach Liebe erledigt hatte. So hoffte sie jedenfalls.

Die Musik in der Kapelle verklang, der Sarg war fort und ihre Großmutter ebenfalls. Hier gab es nichts mehr zu tun. Ellie stand auf.

„Kommt jemand mit in die Stat Bar?“, fragte Tilly draußen. In dieser Bar machten sie nach der Arbeit gern einen Zwischenstopp. Sie lag ganz in der Nähe des Krankenhauses, und bis zur Hill Street waren es nur wenige Schritte.

„Möchtest du lieber woanders hingehen?“, wandte sich Ruby an Ellie. „Irgendwohin, wo dich niemand kennt?“

Ellie wusste, dass wie immer viele Kolleginnen und Kollegen in der Stat Bar sein würden. Ihre Freundinnen hätten es verstanden, wenn sie den Ort heute meiden wollte, doch sie schüttelte den Kopf. „Nein, schon in Ordnung. Mir geht es gut, wirklich.“

Die Sonne schien noch, als sie zum Coogee Beach zurückkehrten. Es war ein herrlicher Nachmittag, der Ellies Meinung nach nicht zu einer Beerdigung passte. Während sie an ihrem Drink nippte, stellte sie fest, dass der Sonnenschein ihre Stimmung aufhellte.

Sie ergatterten einen der begehrten Tische draußen, von dem aus sie auf den Strand schauen und die salzige Luft riechen konnten. Der weiße Sand und das Geräusch der Wellen, die sich am Strand brachen, trugen dazu bei, dass Ellie sich allmählich besser fühlte. Möglicherweise lag es auch an ihrem zweiten Wodka mit Limone und Soda. Allmählich füllte sich die Bar, und Ellie entschied, ihr Make-up aufzufrischen.

Ihre hohen Absätze klickten auf den Fliesen der Damentoilette. Wenn sie nicht arbeitete, trug sie hohe Schuhe, um ihre Größe von nur 1,58 Meter wettzumachen. Sie musterte ihr Gesicht im Spiegel. Die Augen sahen gerötet, aber kaum geschwollen aus, obwohl ihre Nasenspitze noch rot vom Weinen war.

Ellie holte Bürste und Schminkutensilien aus der Tasche. Zuerst legte sie den Kopf in den Nacken und nahm Augentropfen. Dann zog sie den Reif aus ihren schulterlangen blonden Haaren, bürstete sie und steckte den Reif wieder zurück. Auf die Nasenspitze tupfte sie etwas Grundierung. Die Tropfen wirkten schon; ihre blauen Augen sahen jetzt klarer aus. Ellie zog die Lippen nach und zupfte ein paar blonde Haare von ihrem schwarzen Kleid.

Auf dem Rückweg zu ihren Freundinnen kam sie am Tresen vorbei und sah, wie ihr verlogener Ex einen Drink bezahlte. Statt seines Arztkittels trug er einen makellos gebügelten Anzug und hob sich damit stark von den anderen Gästen in ihren legeren Klamotten ab. Er stand mit dem Rücken zum Meer, sodass er Ellie nicht sehen konnte. Schnell ging sie an ihm vorbei.

„Rob ist hier“, sagte Ruby, als Ellie zum Tisch zurückkehrte.

„Ich weiß.“

„Willst du wirklich bleiben?“

„Ja, kein Problem. Ich bin über ihn hinweg.“

Das war nötig gewesen, und zwar schnell. Rob und sie arbeiteten nämlich beide in der Orthopädie, also sah sie ihn fast täglich und konnte sich nicht den Luxus erlauben, sich zurückzuziehen, um ihre Wunden zu lecken. Sie musste eine zivilisierte Arbeitsbeziehung aufrechterhalten. Der reservierte, kühle Rob war seit der Trennung kein bisschen zugänglicher geworden. Trotzdem schafften sie es, gut zu kooperieren. Ellie wollte keinerlei privaten Kontakt, fand aber nichts dabei, in derselben Bar wie er zu sein.

„Es ist mir immer noch peinlich“, räumte sie ein. „Zum Glück haben wir die Affäre so geheim gehalten, dass ich jetzt nicht vor der kompletten Belegschaft blöd dastehe. Ich habe meine Lektion gelernt. Ab jetzt lasse ich mir Zeit und stürze mich nicht gleich kopfüber in eine Beziehung.“

Ruby musste grinsen, und Tilly lachte.

„Was ist denn so lustig?“, fragte Ellie.

„Dein Wort in Gottes Ohr“, antwortete Tilly. „Ich kenne niemanden, der sich so schnell verliebt wie du.“

„Zugegeben, ich bin eine hoffnungslose Romantikerin. Als du dich in Marcus verliebt hast und Ruby in Cort, hat mich das angesteckt. Ich dachte, ich könnte die Nächste sein. Aber in Zukunft fasse ich mich in Geduld.“ Ellie nahm sich fest vor, stark zu bleiben. Zuversichtlich. Sie würde ihren Traummann schon finden. „Irgendwo gibt es den Richtigen für mich, und wenn die Zeit reif ist, taucht er auf.“

„Wie wäre es mit sofort?“, meinte Jess. „Da steht ein heißer Typ am Tresen.“

„Ich meinte nicht gleich heute.“ Ellie lachte.

„Sieh ihn dir wenigstens an, bevor du ablehnst.“

Ellie drehte den Kopf. Es war klar, wen Jess meinte. Der Mann, der am Tresen lehnte, trug ausgeblichene Jeans und ein enges schwarzes T-Shirt, das seine durchtrainierten Arme und den breiten Brustkorb betonte. Er war in der Tat heiß. Einer seiner Füße ruhte auf dem Stahlrohr am unteren Ende des Tresens. Die Jeans schmiegte sich an seinen wohlgeformten Po. Er war schlank, aber nicht dürr. Ellie sah kein Anzeichen einer Speckrolle und konnte feste Bauchmuskeln erahnen. Dabei wirkte er nicht wie jemand, der Stunden im Fitnesscenter verbrachte.

Er stand seitlich zu Ellie, doch sie registrierte ein markantes Kinn mit dunklen Bartstoppeln, volle Lippen, dunkle Augenbrauen und Wimpern. Jetzt bekam er seinen Drink und drehte sich um, ahnungslos, dass ihm die Blicke von vier jungen Frauen folgten.

Ellie setzte sich aufrecht hin und beobachtete ihn. Er bewegte sich elegant und selbstbewusst. Als er sich zu den Ärzten um Rob herum gesellte, sah sie neugierig zu, wie ihr Ex ihn den Kollegen vorstellte. Woher kannte Rob den Mann?

„Weißt du, wer das ist?“ Jess rückte ihren Stuhl ein wenig aus Ellies Blickfeld.

„Keine Ahnung.“

Jetzt konnte sie ihn von vorn sehen. Er war etwas kleiner als Rob, also gut 1,80. Rob bekam allmählich einen Bauch. Neben dem gut gebauten Fremden wirkte er älter als 33. Seine Haare waren zwar noch dicht, aber inzwischen eher grau denn braun. Der heiße Typ hingegen hatte volle, fast schwarze wellige Haare.

„Wenn Ellie nicht interessiert ist, solltest du hingehen und ihn ansprechen, Jess“, schlug Ruby vor.

Ellie erinnerte sich nicht daran, Desinteresse bekundet zu haben, schwieg jedoch. Immerhin hatte sie angekündigt, sich künftig mit Männern Zeit zu lassen.

„Auf keinen Fall“, wehrte Jess ab. „Bei dieser Truppe presche ich nicht vor.“

Das konnte Ellie nachvollziehen. Sie und ihre Freundinnen waren erst seit Kurzem examinierte Krankenschwestern und gingen außerhalb der Arbeitszeiten nicht einfach ungebeten auf die Ärzte zu. Erst recht nicht, wenn Rob mit von der Partie war.

Allerdings wusste Ellie, dass Jess den attraktiven Fremden noch aus einem anderen Grund nicht ansprechen wollte: Sie war bis über beide Ohren in Adam verliebt.

Adam Carmichael, das einzige männliche Wesen im Haus, ihr meistens abwesender Vermieter, Rubys Bruder und Casanova in einer Person. Seine Mitbewohnerinnen scherzten, er solle eine Drehtür an seinem Schlafzimmer anbringen, damit er seine Eroberungen effizienter hinein- und hinausbefördern konnte. Obwohl er total falsch für Jess war, stand sie auf ihn.

Ellie wünschte, Jess würde einen Mann kennenlernen, der sie von Adam ablenkte. Leider schien ihre Freundin entschlossen zu sein, sämtliche Alternativen zu ignorieren, einschließlich des heißen Typen. Also kann genauso gut ich den Anblick genießen, dachte Ellie.

Sie schaute wieder in die Bar. Der Unbekannte unterhielt sich noch immer mit Rob, sah jetzt aber Ellie an. Ihre Blicke trafen sich, und Ellie spürte einen Ruck. Etwas durchzuckte sie wie ein Blitz oder ein Schock. Alles um sie herum verblasste; sie nahm nur noch diesen Mann wahr. Wie angewurzelt saß sie da, während er sie ungeniert von oben bis unten musterte. Sie hätte beleidigt sein sollen, wartete aber nur darauf, dass er fertig war und ihr wieder in die Augen sah. Unbewusst verharrte sie, um herauszufinden, was bei dem ersten Blickkontakt passiert war. Was nur?

Jetzt kehrte er zu ihren Augen zurück, und sie spürte es erneut. Jähes … was? Erkennen? Ellie fragte sich, ob er wusste, wer sie war. Nein, Rob hätte nie über sie gesprochen.

Sie brachte es nicht fertig, sich zu bewegen. Ellie merkte, dass sie den Mann anstarrte, doch sie konnte einfach nicht damit aufhören. Stattdessen fühlte sie, wie ihr eine heiße Röte den Hals hinauf in die Wangen kroch – und noch immer konnte sie nicht weggucken.

Seine Gesichtszüge hatten etwas Ungezähmtes an sich, etwas Verwegenes, das Ellie anzog. Ihr war, als könnte sie die Wärme spüren, die von ihm ausging. Sie wollte ihn berühren. Hätte er neben ihr gestanden, hätte sie die Arme ausgestreckt, um ihn zu spüren. Sie malte sich aus, wie ihre Haut unter seinen Handflächen heiß wurde, und prompt färbten sich ihre Wangen noch etwas dunkler.

Er hielt den Blickkontakt, und etwas Freches leuchtete in seinen Augen auf, fast, als könnte er Ellies Gedanken lesen. Dann lächelte er sie an. Ellie ertappte sich dabei, wie sie zurücklächelte. Sie wollte es gar nicht, aber sie reagierte instinktiv auf den Mann.

Schließlich zwang sie sich, den Blick von ihm loszureißen. Sie versuchte, sich auf die Unterhaltung ihrer Freundinnen zu konzentrieren und sich normal zu benehmen. So, als hätte sie eben keinen unglaublich intensiven Moment mit einem heißen Fremden erlebt.

Ellie hatte keine Ahnung, ob es ihr gelang. Zum Glück erschien Rubys Verlobter, Cort, und sorgte für eine willkommene Ablenkung.

Cort war Oberarzt in der Notaufnahme, und Ellie hätte gern gewusst, ob er den Mann kannte. Lange musste sie nicht auf die Antwort warten.

„Weißt du, wer der Typ im schwarzen T-Shirt da drüben ist? Der mit Rob Coleman spricht.“ Ruby machte eine Kopfbewegung in die Richtung.

„James Leonardi“, sagte Cort. „Ein neuer Assistenzarzt.“

„In der Notaufnahme?“, erkundigte sich Ellie.

Cort schüttelte den Kopf. „Orthopädie.“

„Orthopädie?“, wiederholte sie, ohne zu wissen, ob sie beklommen oder entzückt sein sollte. Der scharfe Typ war Orthopäde? Sie würde mit ihm zusammenarbeiten?

„Er ist vom Royal North Shore zu uns gekommen. Der Chefarzt soll ihn abgeworben haben. Offenbar setzt man hohe Erwartungen in ihn.“

Ellie bekam vage mit, dass Cort weiterredete, aber ihre Gedanken drifteten ab. James Leonardi. Der Nachname klang spanisch oder italienisch. Daher also stammte diese Leidenschaft, die er ausstrahlte und die sie förmlich mit Händen hatte greifen können. Auch in seinem Blick hatte Ellie sie entdeckt. Leidenschaft, Hitze, Temperament.

Es kam ihr vor, als würde die Luft um sie herum vibrieren. Ganz deutlich. Bestimmt war James Leonardi die Ursache. Wie konnte es bloß derart schnell und heftig zwischen ihr und einem Fremden funken?

Sie setzte sich so hin, dass sie in eine andere Richtung gucken musste. Mit diesem Mann würde sie arbeiten. Am besten stellte sie sich ihn im weißen Kittel in einer sterilen Umgebung vor. In OP-Kleidung. Nein. Das half nicht. In Ihrer Fantasie sah er genauso gut aus wie jetzt.

Vielleicht sollte ich nach Hause gehen, dachte Ellie. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Autor

Emily Forbes
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