Sinnliche Nächte im Inselparadies

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Niemals! Wütend sucht Lisa den Tycoon Konstantin Zagorakis auf seiner Insel in der Ägäis auf, um ihn von der Übernahme ihres Konzerns abzuhalten. Ein brisantes Spiel mit dem Feuer! Denn Lisa ist ganz allein mit ihrem mächtigen Gegner auf seinem sinnlich sonnigen Eiland …


  • Erscheinungstag 29.04.2021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751506564
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

„Du musst flüchten, Lisa, schnell, bevor sie dich holen …“

Eloisa Bond packte ihre Tochter so heftig, dass Lisa Tränen in die Augen traten.

„Nur bei deinem Vater bist du sicher. In der Stadt.“ Verzweifelt redete sie auf sie ein.

„In der Stadt? Bei meinem Vater?“ Entsetzt sah Lisa ihre Mutter an, riss sich jedoch schnell wieder zusammen und setzte eine gleichgültige Miene auf. Ein ausdrucksloses, maskenhaftes Gesicht war in der Welt, in der sie lebten, der beste Schutz vor öffentlichen Erniedrigungen.

Lisa befand sich in ständiger Angst vor ihrer „Familie“, der Kommune. Niemals könnte sie es übers Herz bringen, ihre Mutter dort allein zurückzulassen. Doch auch die Vorstellung, zu ihrem Vater zurückkehren zu müssen, versetzte sie in Schrecken. Er war für sie nur ein Fremder. Vor sieben Jahren hatte sie ihn zusammen mit ihrer Mutter verlassen und konnte sich nur noch schemenhaft an ihn erinnern. War er nicht ebenso grausam wie die Männer in der Kommune gewesen?

Furchtsam blickte sie zur offenen Tür – es war verboten, sie zu schließen oder gar zu verriegeln.

„Bitte, Lisa, bitte! Du musst weg sein, bevor sie kommen.“

Die Stimme ihrer Mutter hatte wieder jenen verzweifelt weinerlichen Ton, den Lisa so hasste, weil sie ihn mit schrecklichen Erlebnissen verband. Eloisas einst schönes Gesicht wirkte eingefallen, ihre Augen waren blutunterlaufen und die Lippen von der letzten Bestrafung noch immer geschwollen.

Das trockene Schluchzen ihrer Mutter brach Lisa das Herz. Da sie jedoch nicht wusste, wie sie ihr helfen konnte, blieb sie stumm.

„Ich habe etwas Geld von meinen Marktverkäufen zurückbehalten.“ Eloisa griff in die Falten ihres weiten Gewandes.

„Aber das ist Diebstahl! Du hast dich am gemeinsamen Eigentum vergriffen – dafür wird man dich bestrafen!“

„Wenn du mich liebst, Lisa, nimmst du das Geld und flüchtest.“

Lisa sah ihrer Mutter ins Gesicht, die Münzen in ihrer Hand fühlten sich kühl und hart an. „Nur, wenn du mitkommst“, erwiderte sie fest.

Einen Moment lang leuchteten Eloisas Augen auf, doch dann waren von Weitem die Stimmen der Männer zu hören.

„Klettere durchs Fenster! Beeil dich!“ Das erste Mal in Lisas Leben übernahm ihre Mutter das Kommando. „Lauf, so schnell du kannst, zur Bushaltestelle, bleib vorher auf keinen Fall stehen! Hast du mich verstanden?“ Sie drückte ihr einen Zettel in die Hand. „Das ist die Adresse deines Vaters.“

„Und du?“

„Ich bleibe hier … ich lenke sie ab, bis du weit genug weg bist.“

Mutter und Tochter warfen sich einen letzten intensiven Blick zu. Für mehr war keine Zeit. Der Leiter der Kommune hatte für den Abend ein großes Fest angekündigt, zu dem alle eingeladen waren: Lisas rituelle Entjungferung.

„Ich muss zu meinem Vater. Ich muss zu meinem Vater.“ Wie im Wahn redete sich Lisa dies ein, während sie in der Dunkelheit über die einsame Landstraße lief. Nur so konnte sie ihre innere Stimme übertönen, die sie anflehte, umzudrehen und in die Kommune zurückzukehren, um ihrer Mutter zu helfen. Gleichzeitig wusste sie jedoch auch, dass sie mit ihrer Rückkehr Eloisa nur noch größeren Schmerz zufügen würde.

Als sie die Lichter der Haltestelle aus dem Dunkel der Nacht auftauchen sah, mobilisierte sie ihre letzten Kräfte und erreichte gerade noch rechtzeitig den letzten Bus in die Stadt. Endlich war sie in Sicherheit. Die Kommune besaß kein Auto, mit dem man ihre Verfolgung hätte aufnehmen können …

Kommentarlos händigte der Busfahrer ihr das Ticket aus. Sosehr er sich auch über das schmutzige Mädchen, das krampfhaft einen Zettel umklammerte und entschlossen die Lippen aufeinandergepresst hatte, wundern mochte, er sagte kein Wort.

Lisa blickte ausdruckslos vor sich hin. Sie spürte, wie ihre Mutter ihr in Gedanken gut zuredete und sie aufforderte, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen und die Lisa Bond zu werden, die schon immer in ihr schlummerte.

In der Kommune hatte sie sich sorgsam um die zarten Setzlinge kümmern müssen, damit sie sicher wachsen und gedeihen konnten. Sie hatte das Unkraut von ihnen ferngehalten und sie verantwortungsvoll gehegt und gepflegt, bis sie zu großen Pflanzen herangewachsen waren. Und genau das Gleiche würde sie nun mit ihrem eigenen Leben tun.

1. KAPITEL

„Sie kommt …“

Konstantin Zagorakis verzog nicht die kleinste Miene, als sein persönlicher Assistent seine Verhandlungspartnerin ankündigte. Doch als Lisa Bond schließlich den Raum betrat, weiteten sich seine Augen für einen Moment.

Das Schicksal meinte es gut mit ihm, dass jetzt eine Frau den Aufsichtsrat von Bond Steel führte. Jack Bond war ein schwieriger Verhandlungspartner gewesen – mit der Tochter würde es ein leichteres Spiel werden.

Lisa Bond eilte zwar der Ruf voraus, eine eiskalte Geschäftsfrau zu sein, die ihrem verstorbenen Vater ebenbürtig war. Doch so abgebrüht sie auch sein mochte, sie war eine Frau und somit von ihren Gefühlen gelenkt. Und genau diese Tatsache hatte er schon früher zu nutzen gewusst.

Kühl und souverän schritt Lisa in den Konferenzraum. Ihr selbstbewusstes Auftreten imponierte und reizte Konstantin gleichermaßen. Sie war eine Herausforderung, doch er war sich sicher, wenn er seine altbewährten Verführungskünste anwendete, würde sie unter seinen Händen so geschmeidig wie Seide.

Lisa hatte eine schwere Kindheit durchlebt, das wusste er, aber auch seine Jugend war beileibe nicht leicht gewesen. Es gab nur zwei Frauen auf der Welt, denen er vertraute. Lisa Bond gehörte nicht dazu.

Sie war eine Frau mit Vergangenheit. Bevor sie zu ihrem Vater zurückgekehrt war, hatte sie mit ihrer Mutter in einer anarchistischen Kommune gelebt. Lisa hatte eine Mauer zwischen sich und dieser Vergangenheit errichtet, aber einem Mann wie ihm konnte sie nichts vormachen. Hinter ihrer kühlen Fassade verbarg sich zweifellos eine sensible Frau. Und Konstantin wollte beides: das Feuer in ihr entfachen und gleichzeitig Bond Steel zu einem Spottpreis an sich reißen.

Was geschäftliche Verhandlungen anging, kannte Konstantin keine Skrupel. Sein persönlicher Sieg war das Einzige, das ihn interessierte.

Lisa umgab eine Aura von Macht vermischt mit dem süßen Duft ihres Parfums. Männer in dunklen Anzügen folgten der kleinen, zierlichen Frau. Aber so deutlich sie sie körperlich auch überragten, es war ganz offensichtlich, wer hier die Zügel in der Hand hielt.

In Wirklichkeit war Lisa Bond noch schöner als auf dem Foto, das er von ihr kannte. Sie trug ein schwarzes maßgeschneidertes Kostüm und hatte ihr dichtes haselnussbraunes Haar zu einem raffinierten Knoten zusammengefasst. Konstantin war es gewohnt, dass Frauen ihm gegenüber ihren Charme und ihre Reize ausspielten. Lisa bildete jedoch eine Ausnahme. Sie verhielt sich distanziert, und ihre faszinierenden grünen Augen blickten ihn kühl an.

Sie reizte ihn, und er wusste, auch von ihr würde er sich lediglich nehmen, was er wollte, mehr nicht. Konstantin fühlte sich von den Frauen verraten, gleich nach seiner Geburt hatte ihn die wichtigste Frau seines Lebens verlassen. Nie wieder würde er einer Frau trauen. Lediglich in zwei Fällen war er von diesem Grundsatz abgewichen, eine dritte Ausnahme würde es nicht geben.

In einem Punkt waren sich Boulevardzeitungen und seriöse Fachmagazine einig: Lisa Bond besaß männliche Führungsqualitäten gepaart mit weiblicher Raffinesse, und darauf beruhte ihr Erfolg. Als Konstantin ihr Dekolleté erblickte, musste er diesem Urteil zustimmen. Es war unwahrscheinlich, dass sie lediglich vergessen hatte, den obersten Knopf ihres Blazers zu schließen. Wahrscheinlicher war, dass sie ihre Verhandlungspartner absichtlich mit dem Anblick ihrer vollen Brüste zu verwirren versuchte.

Was immer auch während der Konferenz passieren mochte, Konstantin würde sich durch ihre Tricks nicht ablenken lassen, sondern die Schwachstellen ihres Unternehmens schonungslos offenlegen. Er und seine Leute würden die Unterlagen durchkämmen, bis sie den kleinsten Fehler in der Firmenpolitik gefunden hätten. Die bevorstehende Verhandlung über die Übernahme einiger Zulieferbetriebe war nur ein Ablenkungsmanöver. Sobald er die Schwachstelle von Bond Steel entdeckt hatte, würde er zuschlagen und sich den gesamten Konzern einverleiben.

Inwieweit Lisas eigener Arbeitsplatz in Gefahr war, würde sich noch zeigen. Es hing davon ab, wie kooperativ sie sich verhielt. Eins jedoch stand jetzt schon fest, wenn er mit Lisa Bond fertig war, würde Zagorakis International Inc. um eine weitere mächtige Firma größer sein.

Gleichzeitig machte sich Lisa ihre eigenen Gedanken zu der momentanen Situation. Es fiel ihr allerdings schwer, dabei einen kühlen Kopf zu bewahren, denn Konstantin Zagorakis machte sie wütend. Er war früher als verabredet in ihrem Büro erschienen und hatte damit ihren minutiös geplanten Tagesablauf durcheinandergebracht.

Bond Steel hatte Betriebsteile zu verkaufen, und Zagorakis International Inc. war an solcherart Geschäften immer interessiert. Weder sie noch ihre Mitarbeiter hatten jedoch mit dem persönlichen Erscheinen von Konstantin Zagorakis gerechnet, dazu ging es um zu wenig. Für einen Mann wie ihn hing von dem Erwerb der kleineren Firmen, die nicht mehr in das Konzept von Bond Steel passten, nicht viel ab. Lisa dagegen war auf den Verkauf angewiesen, um dem Mutterkonzern die dringend benötigte Kapitaleinlage zu beschaffen.

Familienunternehmen erfreuten sich an der Börse derzeit keiner großen Beliebtheit, und die Aktien von Bond Steel waren im Kurs stark gefallen. Die Lage war angespannt, und weitere Bieter für die Zulieferbetriebe gab es nicht. Sollte es Lisa nicht gelingen, den Handel mit Zagorakis perfekt zu machen, war Bond Steel stark gefährdet. Damit hätte sie nicht nur die Existenzgrundlage ihrer Arbeiter und Angestellten vernichtet, sondern auch eine persönliche Erniedrigung erlitten. Wollte sie nicht dem alten Vorurteil gerecht werden, Frauen hätten in der Stahlbranche nichts zu suchen, musste es unbedingt zu einem Abschluss kommen.

Lisa überlegte fieberhaft. Weshalb war Konstantin Zagorakis persönlich gekommen? Ging es ihm um mehr als die Zulieferbetriebe? Wollte er Bond Steel komplett übernehmen?

Sie begegnete seinem Blick und erstarrte. Zagorakis stand in dem Ruf, seine Beute wie eine Schlange erst zu hypnotisieren und dann zu verschlingen. Lisa hatte das in einem Artikel über ihn gelesen und hatte lachen müssen. Jetzt fand sie den Vergleich nicht mehr so lustig.

Widerwillig, aber wehrlos spürte sie sein Charisma. Konstantin Zagorakis war ein typischer Großindustrieller: rücksichtslos, ehrgeizig und ohne einen Funken Mitgefühl. Doch auch sie war eine erfahrene und unnachgiebige Verhandlungspartnerin, was die Aufregung unter den Anwesenden erklärte. Die bevorstehende Auseinandersetzung versprach, spannend zu werden.

„Guten Tag, meine Herren.“

Obwohl Lisa ihre Stimme nicht erhoben hatte, herrschte nach einem letzten Rücken der Stühle sofort absolute Stille. Sie mochte souverän wirken, aber sie fühlte sich unsicher. Zagorakis, der ihr genau gegenübersaß, sandte mit jeder Bewegung erotische Signale aus, und ihr Körper reagierte darauf. Das musste sie sofort unterbinden.

Glücklicherweise beherrschte sie die Kunst meisterhaft, ihre Gefühle zu unterdrücken – nicht umsonst war sie durch Jack Bonds harte Schule gegangen. Lisa lächelte bitter. Ihr Vater hatte ihr demonstriert, wie ein Mann eine Frau zugrunde richten konnte, ohne die geringsten Gewissensbisse dabei zu haben. Lisa hatte sich geschworen, niemals dem Beispiel ihrer Mutter zu folgen, sondern zu kämpfen, anstatt sich willenlos in den Ruin treiben zu lassen.

Konstantin war der Schatten nicht entgangen, der über Lisa Bonds Gesicht geflogen war, und er war enttäuscht. Er hatte eine stolze, herausfordernde Frau erwartet. Eine geschwächte Beute verdarb den Spaß an der Jagd, bevor sie überhaupt begonnen hatte.

Zu seiner Erleichterung fasste Lisa sich jedoch sofort wieder.

Betont entspannt lehnte Lisa sich zurück, denn Zagorakis gegenüber Schwäche zu zeigen schien nicht ratsam. Dieser Mann hatte etwas an sich, das Erinnerungen an ihre Kindheit weckte.

Es musste an seiner maskulinen Präsenz liegen, an der Aura von Macht und Stärke, die ihn umgab. Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf, um die unliebsamen Bilder zu verscheuchen, die sich ihr plötzlich aufdrängten. Der Anführer der Kommune war ein mächtiger, Gehorsam gebietender Mann gewesen, der keinerlei Moral und Anstand kannte und sein Charisma nutzte, um seine Anhänger von ihm abhängig zu machen.

Unglücklicherweise hatte Lisa seine Aufmerksamkeit erregt, da sie sich körperlich schneller als die anderen Mädchen der Kommune entwickelt hatte. Das hatte ihn auf die Idee gebracht, speziell für sie ein Einweihungsritual vor den Augen der gesamten Kommune stattfinden zu lassen. Bis an ihr Lebensende würde Lisa ihrer Mutter dafür dankbar sein, dass sie ihr geholfen hatte, dieser öffentlichen Vergewaltigung zu entkommen …

Abrupt kehrten Lisas Gedanken in die Gegenwart zurück, und sie blickte sich besorgt um. Doch alle waren mit ihren Unterlagen beschäftigt, und niemand schien ihre geistige Abwesenheit bemerkt zu haben.

Sie atmete tief durch und spürte, wie ihre Energie zurückkehrte. Ihre Vergangenheit würde sie immer wieder einholen, das wusste sie, aber sie würde sie auch davor bewahren, sich falschen Illusionen hinzugeben.

„Mrs Bond?“ Konstantin Zagorakis war aufgestanden und streckte ihr über den Tisch hinweg die Hand entgegen.

Lisa empfand diese Gebärde als bedrohlich. Unwillkürlich musste sie an ihre Mutter denken, die an dem autoritären Benehmen ihres Ehemannes zerbrochen war. Jack Bond war ein großzügiger Förderer vieler karitativer Einrichtungen gewesen, aber das seelische Leiden seiner eigenen Frau war ihm verborgen geblieben. Die Rolle, die er für sie vorgesehen hatte, konnte und wollte Eloisa nicht erfüllen. Sie empfand sie als inhaltsleer und befremdlich. Um ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben, war sie in die Kommune geflüchtet.

„Von jetzt an werde ich ein selbstbestimmtes Leben führen“, hatte Eloisa ihrer Tochter gesagt, als sie mit ihr in die Kommune floh. Was für eine Illusion! Die Frauen mussten arbeiten, die Männer tranken – und durften bestimmen, wann und mit wem sie schlafen wollten.

Ihrer Meinung nach hatte ihre Mutter damals lediglich eine Form der Sklaverei gegen eine andere eingetauscht. Lisa hatte sich geschworen, ein derartiges Schicksal für sich selbst niemals zuzulassen. Seit sie aus der Kommune geflohen war, hatte sie sich niemals wieder jemandem untergeordnet, und das sollte auch so bleiben.

Konstantin Zagorakis tat nur das, was alle von ihm erwarteten, als er Lisa Bond zu Beginn der Konferenz die Hand schüttelte. Doch der körperliche Kontakt elektrisierte Lisa. Ihr war, als hätte sie einen schlafenden Löwen berührt, der jeden Moment zu einem tödlichen Sprung ansetzen könnte …

„Es freut mich, Sie hier begrüßen zu dürfen“, meinte sie und lächelte. Beide wussten, dass es lediglich eine Floskel war, und maßen sich mit abschätzenden Blicken.

Lisas Recherchen über das Privatleben von Konstantin Zagorakis hatten zu keinem Ergebnis geführt – anscheinend besaß er keins. Keine Familie, keine Geliebte, keine Skandale, dafür ein Wirtschaftsimperium, das bis in den entferntesten Winkel der Welt reichte. Mit fünfunddreißig war er einer der finanzkräftigsten Männer dieser Erde.

Doch Bond Steel ist nicht käuflich, dachte sich Lisa, genauso wenig wie sie selbst. Ohne mit der Wimper zu zucken, hielt sie seinem durchdringenden Blick einen Moment lang stand. Dann setzte sie sich wieder.

Die Sitzordnung ermöglichte es ihr, Konstantin Zagorakis genau zu beobachten. Schon allein seine Kleidung war eine Provokation. Er trug Jeans und unter dem hellen Leinensakko nicht einmal ein Hemd, sondern lediglich ein schwarzes T-Shirt. Seine Garderobe entsprach keineswegs dem bei einem solchen Anlass üblichen Standard. Dennoch musste Lisa anerkennend feststellen, dass jedes Kleidungsstück von einem der teuersten Designer stammte. Alles in allem glich er eher einem Golfprofi als einem der weltbesten Topmanager. Sein dichtes, leicht gelocktes und pechschwarzes Haar berührte fast den Kragen seines Jacketts, und seinem Kinn war anzusehen, dass er sich mindestens einen Tag lang nicht rasiert hatte.

Als sich ihre Blicke zufällig trafen, zuckte Lisa zusammen. So dunkel, weich und ausdrucksvoll Konstantin Zagorakis’ Augen auch wirken mochten, es lag etwas gefährlich Lauerndes darin. Er ist nicht hier, um über die Übernahme von Betriebsteilen zu verhandeln, erkannte Lisa, er ist hier, um die Schwachstellen von Bond Steel herauszufinden. Er ist hier, um meine Schwachstellen herauszufinden.

Lisa war es gewohnt, von männlichen Verhandlungspartnern als leichte Beute angesehen zu werden. Normalerweise hatte sie keine Probleme damit und lehrte ihre Gegner schnell das Fürchten. Doch dieser Zagorakis schien aus anderem Holz geschnitzt zu sein – und das nicht nur wegen seiner erotischen Ausstrahlung. Dieser Mann war mit allen Wassern gewaschen.

Allein durch sein Auftreten zeigte er, dass er Bond Steel für ein Unternehmen auf dem Abwärtskurs hielt. Um mit der leitenden Geschäftsführerin zu verhandeln, hatte er sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, sich anständig zu rasieren – und auf den obligatorischen Anzug hatte er auch verzichtet.

Konstantin Zagorakis’ Absichten waren leicht zu durchschauen. Er wollte Bond Steel komplett übernehmen. Die zum Verkauf stehenden Zulieferbetriebe bildeten für ihn nur den Aufhänger.

Als die Verhandlungen gegen Mittag ins Stocken gerieten, stand Konstantin Zagorakis auf. „Ich gehe jetzt“, erklärte er unvermittelt.

„Wir haben doch noch keine Einigung erzielt, Mr Zagorakis.“ Lisa hatte sich ebenfalls erhoben. „Nebenan wartet ein kleiner Imbiss auf uns. Lassen Sie uns eine Pause machen und anschließend die letzten Einzelheiten klären.“

„Ich betrachte die Angelegenheit als abgeschlossen.“ Überheblich musterte er sie von oben bis unten.

Lisa wurde blass. Eine solche Behandlung war sie nicht gewohnt. Normalerweise war sie es, die die Spielregeln festsetzte. Doch für Zagorakis war Bond Steel ein kleiner Fisch, den er sich skrupellos schnappen würde. Das Familienunternehmen und die vielen Angestellten, die hier ihren Lebensunterhalt verdienten, zählten für ihn nicht.

„Es tut mir leid, Mrs Bond, ich habe noch einen anderen Termin.“

Offensichtlich eine Lüge, was Lisa ihm allerdings nicht nachweisen konnte. Geschickt hatte er sie in eine peinliche Situation gebracht und auf subtile Weise auch ihre Autorität bei ihren Mitarbeitern untergraben, die den Wortwechsel natürlich mit angehört hatten.

Stolz richtete Lisa sich auf. Sie würde nicht dulden, dass Bond Steel von einem eiskalten Geschäftsmann vereinnahmt würde, für den das alte Familienunternehmen nicht mehr als eine Reihe von Zahlen darstellte. Zagorakis hatte sich offensichtlich allein deshalb dazu herabgelassen, persönlich an diesem Meeting teilzunehmen, um sie, die geschäftsführende Direktorin, besser einschätzen zu können. Wenn er sie als ungefährlich und harmlos eingestuft hatte, war das sein Fehler. Sie würde Bond Steel bis zum Letzten verteidigen.

Nach den Erfahrungen in der Kommune war die Firma ihre Rettung gewesen. Während andere Teenager von der großen Freiheit träumten, hatte sie sich nach Disziplin und Grenzen gesehnt. Sie hatte einen Rahmen gebraucht, der solide war und ihr das Gefühl von Sicherheit vermittelte, nur so hatte sie nachts ruhig schlafen können. Ihr Vater hatte es ihr ermöglicht, dieses Bedürfnis zu befriedigen.

Zuerst hatte er sie auf ein strenges Internat geschickt, das sie mit einem hervorragenden Abschluss verlassen hatte. Anschließend musste sie in der Firma ganz unten anfangen und sich allmählich hocharbeiten, denn Jack Bond behandelte seine Tochter genau wie jeden anderen Mitarbeiter auch.

Als sie nach seinem Tod seinen Platz einnahm, war sie bestens vorbereitet, denn das Erfolgsrezept ihres Vaters war ihr in Fleisch und Blut übergegangen: Zielstrebigkeit, harte Arbeit und keine gefühlsgesteuerten Entscheidungen.

„Träumen Sie, Mrs Bond?“ Konstantin Zagorakis lächelte nachsichtig.

Lisa holte tief Atem und ballte wütend die Hände zur Faust. „Lassen Sie sich bitte nicht aufhalten, Mr Zagorakis. Anscheinend war Ihr Entschluss, persönlich an den Verhandlungen teilzunehmen, etwas übereilt. Sollten wir beide uns wirklich noch einmal treffen müssen, um strittige Punkte zu klären, werden unsere Assistenten bestimmt einen geeigneten Termin finden.“

„Sagen wir Dinner um neun? Dabei könnten wir die Verhandlungen zum Abschluss bringen. Mein Chauffeur wird Sie abholen.“

Lisas Wangen röteten sich vor Zorn. „Nein, ich …“, Lisa sprach ins Leere, denn Konstantin Zagorakis war bereits auf dem Weg zur Tür.

Lisa hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. „Die Sitzung ist hiermit beendet, meine Herren“, kündigte sie an. „Morgen Vormittag um zehn treffen wir uns zur Nachbesprechung. Mike, Sie sind für die Tagesordnung verantwortlich.“

Es war neun Uhr abends. Lisa hatte ein heißes Bad genommen, sich in einen flauschigen Bademantel gewickelt und es sich bei einem Glas Rotwein auf der Couch bequem gemacht. Dennoch war sie alles andere als entspannt und las in ihrem neuen Roman, ohne dem Inhalt wirklich folgen zu können.

Endlich geschah, worauf sie die ganze Zeit gewartet hatte – die Klingel ertönte. Das musste der Chauffeur sein, den Konstantin Zagorakis angekündigt hatte. Lisa stand auf, um die CD zu wechseln. Vera, Vertraute und Haushälterin in einer Person, würde den Mann an der Tür abfertigen, wie sie es besprochen hatten. Beruhigt griff Lisa wieder zu ihrem Buch. Konzentrieren konnte sie sich jedoch immer noch nicht, denn ein markantes Gesicht mit dunklen, faszinierenden Augen schob sich immer wieder zwischen sie und die Buchzeilen.

Als es wieder klingelte, hob sie unwillig den Kopf. Was bildete sich dieser Zagorakis ein, seinen Fahrer ein zweites Mal zu ihrem Penthouse hochzuschicken? Neugierig schlich sie sich zur Tür, um zu hören, was auf dem Flur vor sich ging. Sie glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen: Konstantin Zagorakis persönlich – und Vera schien nicht in der Lage, mit ihm fertig zu werden!

Wutentbrannt riss Lisa die Wohnzimmertür auf. Zagorakis war noch lässiger gekleidet als am Vormittag und wirkte – sofern das möglich war – noch männlicher. Auf ein Jackett hatte er ganz verzichtet, und unter seinem figurbetonten T-Shirt zeichneten sich seine Muskeln deutlich ab.

„Wir waren zum Dinner verabredet“, meinte er selbstbewusst und lächelte.

„Sie vielleicht, ich nicht, Mr Zagorakis.“

„Nennen Sie mich doch bitte Tino, so wie all meine Freunde.“

„Es ist schon spät …“

„Genau, deshalb sollten wir die offenen Fragen auch schnellstens klären, Lisa.“

Lisa? Seit wann hatte sie es ihm erlaubt, sie beim Vornamen zu nennen? Auch im Umgang mit ihren Mitmenschen hielt sie sich an die Maxime ihres Vaters und wahrte stets Distanz. Erst als ihr Blick auf seinen Aktenkoffer fiel, beruhigte sie sich etwas. Anscheinend ging es Tino doch nicht um einen Flirt. Trotzdem, sie hatte den Termin auf zehn Uhr am nächsten Morgen festgesetzt, und dabei sollte es bleiben.

„Es war vereinbart, die strittigen Punkte morgen im Beisein unserer Berater zu klären“, bemerkte sie kühl.

„Wenn Sie meinen … Essen müssen wir aber trotzdem.“

„Ich möchte mich nicht wiederholen, Mr Zagorakis, aber es ist bereits spät und …“

„Ganz richtig, deshalb lasse ich das Dinner auch liefern. Um nichts in der Welt möchte ich Ihrer Haushälterin Ungelegenheiten bereiten.“

Vera erwiderte sein Lächeln, und Lisa wurde blass. War das eine Verschwörung?

„Es tut mir leid. Es ist schon spät, und ich möchte bald ins Bett gehen“, versuchte sie noch einmal, ihn zum Verlassen ihrer Wohnung zu bewegen.

„Das sehe ich.“ Anzüglich betrachtete er sie nun von Kopf bis Fuß.

Unwillkürlich blickte Lisa an sich hinunter. War ihr Bademantel richtig geschlossen? Hatte Zagorakis vielleicht sehen können, dass sie nichts darunter trug? Diesen Augenblick nutzte der Chauffeur, der bisher schweigend hinter seinem Chef gestanden hatte, um ebenfalls den Flur zu betreten.

„Wo soll ich den Korb hinbringen, Sir?“, erkundigte er sich.

„Dort hinein.“ Als sei er hier zu Hause, wies Zagorakis zum Wohnzimmer und stellte sich so vor Lisa, dass sie den Mann nicht am Betreten des Raums hindern konnte.

Lisa wollte widersprechen, unterließ es dann aber doch – sie würde sich nur lächerlich machen. „Ihre Unverschämtheit ist wirklich kaum zu übertreffen“, bemerkte sie lediglich spitz.

„Keine unnötigen Komplimente, bitte.“ Abwehrend hob er die Hände und folgte seinem Chauffeur, um ihm weitere Anweisungen zu geben.

Diskret zupfte Vera Lisa am Ärmel. „Willst du die Gelegenheit nicht nutzen und dich anziehen?“, fragte sie leise. „Oder soll er sehen, dass du nichts außer einem Bademantel trägst, der noch nicht einmal Knöpfe hat?“

Schnell lief Lisa in ihr Ankleidezimmer. Spontan wollte sie nach Jeans und T-Shirt greifen, überlegte es sich dann aber doch anders und kleidete sich übertrieben korrekt: dunkelblaue Hose mit Bügelfalte, brave weiße Hemdbluse und flache Schuhe. Sie verzichtete auf jegliches Make-up, selbst auf Lippenstift, kämmte ihr Haar streng aus der Stirn und fasste es straff mit einem Band im Nacken zusammen. Sie war die geschäftsführende Direktorin von Bond Steel und keine Frau, die Männer durch ihr Äußeres beeindrucken wollte, das sollte Tino ruhig sehen.

Die Vorhaltungen, die sie ihm wegen seines aufdringlichen Benehmens machen wollte, erstarben ihr auf den Lippen, als sie das Wohnzimmer erneut betrat. Der Raum wirkte wie verwandelt, da jetzt allein Kerzen das Zimmer erhellten.

Aus dem silbernen Sektkühler ragte eine Flasche Champagner, auf dem flachen Couchtisch zwischen den beiden Sofas stand eine Platte mit erlesenen Meeresfrüchten, und frisches Weißbrot und Butter vervollständigten das Angebot. Alles sah nicht nur schön aus, sondern duftete auch so verführerisch, dass Lisa unwillkürlich das Wasser im Mund zusammenlief. Erst jetzt merkte sie, wie hungrig sie war – hoffentlich knurrte ihr nicht gleich der Magen!

„Kann ich Sie wirklich nicht in Versuchung führen?“, fragte Konstantin leise. „Vielleicht einige Shrimps?“ Er griff nach einem Teller, setzte ihn jedoch sofort wieder ab, als Lisa den Kopf hob und zur Tür gehen wollte.

„Was ist los?“ Er legte ihr die Hand auf den Arm, um sie zurückzuhalten.

„Ich muss mich wohl getäuscht haben.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich bildete mir ein, Vera hätte gelacht und wäre mit Ihrem Chauffeur aus der Wohnung gegangen.“

„So ist es auch gewesen.“

„Unmöglich. Vera würde niemals gehen, ohne sich von mir zu verabschieden.“

„Sie ist lediglich um Diskretion bemüht.“

„Diskretion?“

Er zuckte mit den Schultern. „Für meinen Chauffeur ist es wirklich kein Problem, Vera nach Hause zu bringen. Er muss noch nicht einmal einen Umweg machen.“

Autor

Susan Stephens
Das erste Buch der britischen Schriftstellerin Susan Stephens erschien im Jahr 2002. Insgesamt wurden bisher 30 Bücher veröffentlicht, viele gehören zu einer Serie wie beispielsweise “Latin Lovers” oder “Foreign Affairs”.

Als Kind las Susan Stephens gern die Märchen der Gebrüder Grimm. Ihr Studium beendete die Autorin mit einem MA in...

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