Sinnliche Sommernachtsträume

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Geheimnisvolle dunkelbraune Augen, in den schwarzen Locken eine rote Rose … Die exotische Domino da Silva sorgt für Aufsehen, dabei ist sie längst einem spanischen Gentleman versprochen. Bis sie sich von dem berüchtigten Verführer Joshua Marchmain einen Kuss rauben lässt - und damit ihre ganze Zukunft aufs Spiel setzt!


  • Erscheinungstag 11.07.2020
  • ISBN / Artikelnummer 9783733717889
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Domino da Silva hob ihr Gesicht der Sonne entgegen und seufzte zufrieden. Zu ihren Füßen überspülten Wellen die Kieselsteine, am fernen Horizont trafen sich der strahlend blaue Himmel und das Meer. Endlich war sie frei, wenn auch nur für kurze Zeit. Bald würde sie in das Haus an der Marine Parade zurückkehren müssen, zu den unvermeidlichen Fragen ihrer Cousine. Wenn Papa Carmela nach Spanien zurückschicken würde, könnte ich diesen letzten Sommer vor meiner trostlosen Zukunft genießen, dachte Domino. Aber das würde ihr Vater nicht tun. Die strengen Tanten in Madrid hatten ihr nur erlaubt, als seine Gastgeberin zu fungieren, falls die Cousine sie begleitete.

„Anscheinend haben Sie das fallen lassen.“

Die Augen mit einer Hand gegen die Sonne abgeschirmt, blickte sie zu einem Mann auf, der ihr ein zerknülltes Batisttaschentuch hinhielt. „Danke, das gehört mir nicht.“

„Sind Sie sicher?“

„Ich müsste mein Eigentum doch kennen“, erwiderte sie kühl.

„Natürlich. Aber Sie haben etwas zerstreut gewirkt und den Verlust vielleicht nicht bemerkt.“

„Wie gesagt, Sie irren sich, Sir.“

Ihre Stimme hatte einen scharfen Klang angenommen, was ihn offensichtlich nicht störte. Er trat sogar noch näher zu ihr, und seine Kühnheit verblüffte sie.

„Sir, ich würde es begrüßen, wenn Sie mir gestatteten, die schöne Aussicht in Ruhe zu genießen.“

Als er leise lachte, schaute sie zum ersten Mal in sein Gesicht. Sein gutes Aussehen machte sie nervös. Zerzaust fiel sein blondes Haar in die Stirn. Mit seinen goldbraunen Augen musterte er sie so ungeniert, dass sie errötete. Eine kleine Narbe auf der linken Wange ließ ihn noch attraktiver erscheinen.

„Nun bringen Sie mich in eine unangenehme Situation, Miss“, gestand er.

„Wieso?“

„Meinem Bestreben, die Wünsche einer Dame zu erfüllen, widerspricht mein Pflichtgefühl.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Eigentlich müsste ich weggehen und Sie allein lassen.“

„Bitte, tun Sie das.“

„Wenn es so einfach wäre!“, rief er in bedauerndem Ton. „Aber die Ritterlichkeit befiehlt mir, meinem Pflichtbewusstsein zu gehorchen. Da Sie sich ohne Begleitung hier aufhalten, muss ich Ihnen Gesellschaft leisten.“

„Da kann ich Sie beruhigen. Bitte, bemühen Sie sich nicht. Ich bin daran gewöhnt, allein spazieren zu gehen. Und ich kann sehr gut auf mich selber aufpassen.“

„Vielleicht weiß ein so junges Mädchen nicht, wie man es vermeidet, unwillkommene Aufmerksamkeit zu erregen. Übriges sind Sie ein sehr hübsches junges Mädchen.“ In seinen Bernsteinaugen tanzte das Sonnenlicht.

Ohne ein weiteres Wort wandte Domino sich ab und ging den Strand entlang. Aber schon nach wenigen Schritten blieb ein Volant ihres Kleids an einem verbogenen Eisenstück hängen, das sich vom Geländer der Promenade gelöst hatte.

„Erlauben Sie …“

Ehe sie zu protestieren vermochte, kniete der Mann nieder. Geschickt befreite er die zarte cremeweiße Spitze von dem Eisen. Domino stand verlegen da, dankbar für die Brise, die ihre erhitzten Wangen kühlte. Ehe sie es verhindern konnte, arrangierte er auch noch den zerknitterten Saum ihres Seidenkleids und berührte sekundenlang ihren Fußknöchel.

„Danke, Sir“, sagte sie atemlos und wandte sich ab, um in die Sicherheit der Marine Parade zu fliehen.

„Müssen Sie schon gehen?“, rief er ihr nach. „Wir haben uns gar nicht richtig kennengelernt. Allerdings sehe ich vor dem Lunch nur ganz selten die Fußknöchel einer Dame.“

Schockiert eilte sie weiter. Dieses Erlebnis sollte sie von weiteren Spaziergängen ohne Begleitung abhalten. In einem Jahr würde sie heiraten und nie mehr allein zum Strand wandern. Und keine impertinenten fremden Männer treffen. Erleichtert erreichte sie die Promenade und warf einen Blick über die Schulter. Da stand er immer noch. Und jetzt winkte er ihr fröhlich zu. Unmöglich! Abrupt wandte sie sich um.

Während Joshua Marchmain die abgetretenen Steinstufen zur Promenade hinaufstieg, beobachtete er die junge Dame. So schnell hatte er sie nicht in die Flucht schlagen wollen. Die Begegnung mit einem so unkonventionellen Mädchen, das allein ausging, war eine erfreuliche Abwechslung von der langweiligen Pflicht gewesen, Georges Launen zu ertragen. Warum der Prinz ihn unentbehrlich fand, verstand er nicht. Jahrelang hatte er sich von der gehobenen Gesellschaft ferngehalten, aber nach seiner Rückkehr war er sofort zu einem Favoriten im Royal Pavilion, der palastartigen Residenz des Regenten avanciert. Zuerst hatte er das amüsant gefunden, jetzt ödete es ihn an.

Ein Sommer in Brighton war ihm anfangs interessant erschienen. Ein Irrtum. Der Alltag des Prinzregenten bestand nur aus Banketten, Glücksspielen, Pferderennen, Musikabenden und Liebesaffären, genauso wie in London. Bei gelegentlichen Strandspaziergängen suchte Joshua Erholung von dem Trubel.

An diesem Vormittag hatte er die schlanke kleine Gestalt in cremefarbener Seide und Spitze sofort entdeckt. Der modische Strohhut hatte die widerspenstigen dunklen Locken kaum gebändigt. Und als sie zu ihm aufgeschaut hatte, mit großen braunen Augen in einem zauberhaften herzförmigen Gesicht, war eine seltsame Sehnsucht in ihm erwacht und glücklicherweise sofort wieder erloschen. Solche unwillkommenen Emotionen bezwang er schon seit Jahren, machte es das Leben doch viel einfacher.

Sobald Marston ihr die Tür öffnete, wusste Domino, dass sie mit Schwierigkeiten rechnen musste. Sichtlich erbost stand ihre Cousine in der Halle, eine Schürze um das schwarze Kleid gebunden. Der Butler zog sich wohlweislich zurück.

„Und wo genau warst du?“, zischte Carmela.

Domino antwortete nicht sofort. Bei ihrer Flucht vom Strand hatte sie ihre Absicht vergessen, einen Vorwand für ihre Abwesenheit zu besorgen und irgendeinen Firlefanz zu kaufen.

„Heute Abend gibt dein Vater einen Empfang, und du solltest mir bei den Vorbereitungen helfen“, fuhr Carmela in scharfem Ton fort.

Ja, natürlich, dachte Domino schuldbewusst. Als neuer spanischer Botschafter legte Alfredo da Silva großen Wert auf die Einladung an diesem Abend. Erst vor Kurzem hatte er sein Beglaubigungsschreiben erhalten. Und da der Prinzregent die heiße, staubige Hauptstadt verlassen hatte, um Erholung am Meer zu suchen, musste er dem Hof notgedrungen folgen. Vor ein paar Tagen hatte der Vater gerüchteweise erfahren, dass George vielleicht den Empfang beehren würde.

„Tut mir leid, Carmela“, versuchte sie, die empörte Cousine zu besänftigen, was ihr misslang. „Ich fühlte mich nicht wohl … Wie stickig es in diesem Haus ist, wenn die Temperaturen steigen, weißt du ja. Und ich dachte, ein Spaziergang an der frischen Luft würde mir helfen.“

Carmela schüttelte skeptisch den Kopf. „Draußen ist es noch stickiger. Und wie oft habe ich dir schon gesagt, du darfst nicht allein ausgehen? Wozu hast du eine Zofe, die dich überallhin begleiten würde?“

„Jetzt bin ich ja hier. Also sag mir, was ich machen soll.“

„Nichts.“

„Nichts?“

„Alles ist erledigt. Wie immer habe ich bis zur Erschöpfung gearbeitet.“ Wohl kaum, dachte Domino. Sie selbst hatte den Empfang schon vor Tagen geplant und es dann den Dienstmädchen überlassen, die Tische zu decken und die Blumen zu arrangieren. Außerdem hatte sie mit dem Küchenpersonal die Speisen und Getränke für das Dinner besprochen. Doch das erwähnte sie nicht, um ihre Cousine nicht noch mehr zu erzürnen.

Welches Opfer die Frau auf sich nahm, wusste Domino. Der Familie treu ergeben, konnte Carmela auf ihre steife Art sogar freundlich sein. Sie hatte nicht nach England kommen wollen, schon gar nicht in einen skandalösen Erholungsort, der für seine unmoralischen Extravaganzen in ganz Europa berüchtigt war. Trotzdem hatte sie sich hierher begeben, die Interessen der Familie über ihre eigenen gestellt und die angenehme Ruhe ihres Madrider Heims verlassen. Domino wäre viel lieber allein mit ihrem Vater nach England gereist. Aber Carmelas Anwesenheit war der Preis, den sie für ein paar Monate in wundervoller Freiheit zahlen musste.

Sie eilte die Stufen zu ihrem Zimmer hinauf. Erleichtert schloss sie die Tür hinter sich. Hier war sie außerhalb der Reichweite ihrer Familie. So unwillkommen sie ihre bevorstehende Heirat auch fand – die Ehe würde ihr wenigstens den endlosen Tadel ihrer Verwandtschaft ersparen. Die Tanten hatten ihr drei geeignete Bewerber vorgeschlagen und erklärt, sie müsse nur ihre Wahl treffen. Jeder sei imstande, das immense Vermögen und die Ländereien zu verwalten, die sie an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag erben würde. Wen sie heiratete, war ihr egal, nachdem sie Richard Veryan geliebt und einen schmerzlichen Verlust erlitten hatte. Trotz ihrer Jugend wusste sie, dass sie nie mehr so tiefe Gefühle für einen Mann empfinden würde. Jetzt war er glücklich mit der Gemahlin, die das Schicksal ihm bestimmt hatte. Und dass sie die beiden zueinander geführt hatte, tröstete sie ein wenig. Wenn doch nur …

Als es klopfte, wurde sie aus dem gewohnten sinnlosen Tagtraum gerissen. Vorsichtig, voller Angst vor Carmelas erneutem Unmut, öffnete sie die Tür. Aber es war ihr Vater, der eintrat und sie lächelnd umarmte.

Querida, komm mit mir, ich habe ein Geschenk für dich.“

„Das verdiene ich leider nicht, Papa. Frag Carmela.“

„Ach, was weiß sie schon? Solange du noch bei mir bist, will ich dich verwöhnen. So sehr habe ich dich vermisst.“

Er führte sie durch den Flur in sein Zimmer, wo ein wundervolles dunkelrosa Kleid auf dem Bett lag. Entzückt griff sie danach und hielt es an ihren Körper. Dann trat sie vor den Drehspiegel. Die Rosenfarbe betonte ihren zarten Oliventeint und die dunklen Locken.

„Oh, vielen Dank, Papa, das Kleid ist wunderschön. Aber viel zu elegant für einen schlichten Empfang. Heben wir es lieber für einen großen Ball auf.“

„Nein, dafür werde ich noch etwas Besseres finden“, erwiderte ihr Vater mysteriös. „Zieh es heute Abend an und trag die Amethyste deiner Mutter, die passen perfekt dazu. Wie sehr du Elena gleichst …“

Beinahe brach seine Stimme, und Domino drückte besänftigend seine Hand. „So gern ich mich auch verwöhnen lasse – du bist einfach zu gütig.“

„Meine Liebe, ich muss dir unlautere Motive gestehen. In diesem Kleid wirst du alle meine Gäste bezaubern, und sie werden sagen, wie glücklich Spanien ist, das solche Botschafter in die Welt schicken kann.“

Nun freute sie sich, weil sie mit ihrem Vater nach England zurückgekehrt war, obwohl ihre englische Tante sie vor Brighton gewarnt hatte. Lady Loretta Blythe hatte sich geweigert, Alfredo als seine Gastgeberin hierher zu begleiten, und ihr einen Brief nach Spanien geschickt. Überleg dir, ob es dir gefallen wird, in einer solchen Stadt Empfänge zu organisieren. Domino hatte sich für das Zusammenleben mit ihrem geliebten Papa entschieden. Außerdem war es sehr verlockend gewesen, dem strengen Regiment ihrer Madrider Tanten zu entrinnen.

Wieder in ihrem Zimmer, traf sie Flora an, ihre noch unerfahrene Zofe, die vom Land stammte und die, wie sie wusste, es kaum erwarten konnte, ihre junge Herrin für den Abend zurechtzumachen. Sie half ihr in das rosa Kleid und frisierte die üppigen Locken im modischen römischen Stil. Schließlich legte sie ihr die Halskette aus Amethysten und die passenden Ohrgehänge an.

Zufrieden musterte Domino ihr Spiegelbild. „Diesen Abend werde ich genießen, Flora. Trotz allem …“

„Oh, natürlich. Warum auch nicht?“

„Als ich mich bereit erklärte, an Lady Blythes Stelle mit Papa nach Brighton zu reisen, machte ich mir keine Gedanken über die Pflichten einer Gastgeberin. Und jetzt …“

„Sicher werden Sie alles großartig meistern, Miss Domino. Immer sagen und tun Sie, was richtig ist. Das wissen Sie ganz genau.“

„Oh ja, meine Tanten haben mir alles beigebracht, was wichtig ist. Aber heute gebe ich zum ersten Mal eine Gesellschaft für gehobene Kreise.“

Ihre erste Londoner Saison war trotz der wunderbaren Bälle und anderer glanzvoller Ereignisse ein Desaster gewesen. Denn sie hatte sich in den falschen Mann verliebt und ihren Ruf fast ruiniert.

„Nun sollten Sie nach unten gehen, Miss“, mahnte Flora. „Gerade hörte ich Miss Carmelas Tür ins Schloss fallen.“

Die Zofe ordnete die Falten des rosa Rocks und zupfte ihr ein letztes Mal die dunklen Locken zurecht. Domino lächelte sie warmherzig an. „Danke, Flora, Sie haben ein Wunder vollbracht. Hoffentlich werde ich Ihrem Talent Ehre machen.“

„Ganz bestimmt, Miss, Sie sehen wunderschön aus.“

In der Halle angekommen, bewunderte Domino die Rosensträuße in den hohen Vasen. Süßer Blütenduft wehte ihr entgegen. Ihr Vater und Carmela warteten beim Eingang, um die ersten Gäste zu begrüßen. Ausnahmsweise hatte die Cousine ihr übliches Schwarz mit einer dezenten Malvenfarbe vertauscht, die nicht so deprimierend an Beerdigungen erinnerte.

Als die beiden Schritte hörten, drehten sie sich zu Domino um, und Alfredo strahlte vor Stolz. Sogar Carmela rang sich ein anerkennendes, wenn auch verkniffenes Lächeln ab.

So weit, so gut. Dennoch fragte sich Domino besorgt, ob ihre Bemühungen den hohen Ansprüchen der Gäste genügen würden?

Zuerst traf Lord Albermarle ein, dessen joviales Wesen Domino sofort beruhigte. Die meisten Gäste würden Gentlemen sein, bei einem diplomatischen Empfang unvermeidlich, und sie hatte sich gefragt, wie sie das verkraften würde. Glücklicherweise nahm ihr Seine Lordschaft mit freundlichen Komplimenten und einem liebenswürdigen Lächeln alle Befangenheit. Das fand sie viel angenehmer als die kritischen Blicke weiblicher Gäste. Bald füllte sich der Salon. Die meisten der Eingeladenen hatten mit dem königlichen Hof oder dem Parlament zu tun. Aber es erschienen auch mehrere, die einfach nur den neuen spanischen Botschafter und sein Haus begutachten wollten. Was sie sahen, gefiel ihnen offensichtlich.

Sir Henry Bridlington sprach vielen Gentlemen aus dem Herzen, als er verkündete: „Nach allem, was ich bisher feststellen konnte, ist Señor da Silva überaus sympathisch. Und seine Tochter dürfte die Sensation dieser Saison in Brighton werden.“ Nachdem er sich eine Prise Schnupftabak genehmigt hatte, fuhr er fort: „Die junge Dame ist bildhübsch, wohlerzogen und nicht dumm. Wirklich erfrischend, einer Frau zu begegnen, die eine eigene Meinung vertritt!“

„Das hängt wohl von der Meinung ab“, erwiderte ein blonder Gentleman mit bernsteinfarbenen Augen.

„Nichts Kapriziöses“, betonte Bridlington. „Ich fand ihre Konversation sehr vernünftig. Und diese Figur, das reizvolle Gesicht!“

„Ah, jetzt ergibt Ihr Lob einen Sinn, Sir. Die Meinung einer Frau ist so wechselhaft wie das Meer. Aber ihr Aussehen! Das ist etwas anderes. Diese unvergleichliche junge Dame muss ich unbedingt kennenlernen.“

Und so stand Domino, die zwischen den Gästen umhergeschlendert war, schließlich ihrem Peiniger von diesem Vormittag gegenüber.

Lässig lächelte er, während sie heftig errötete, und versperrte ihr den Weg. Nun erschien er ihr noch attraktiver, in einer Kniehose aus Satin und einem schwarzen Abendfrack. Dazu trug er eine gestreifte Seidenweste und ein schneeweißes Krawattentuch mit elegantem trône d’amour – Knoten, in dem eine Diamantennadel steckte.

„Miss da Silva, nehme ich an? Joshua Marchmain, zu Ihren Diensten.“ Formvollendet verbeugte er sich.

Kaum merklich neigte sie den Kopf und knickste. Ihr Widerstreben, ihn wiederzuerkennen, amüsierte ihn.

„Verzeihen Sie meine Kühnheit, mich selber vorzustellen“, bat er. Entschlossen übersah er, dass sie sein Lächeln nicht erwiderte. „Ich möchte diese wunderbare Soiree natürlich nicht verlassen, ohne meiner Gastgeberin zu danken, das wäre sehr unhöflich.“

„Da ein unhöfliches Verhalten Ihren Gewohnheiten entspricht, sollten Sie sich deshalb nicht sorgen, Sir.“ Ihr Erröten ließ nach, und sie hatte die Situation unter Kontrolle. Von diesem arroganten Mann würde sie sich nicht einschüchtern lassen.

„Wie meinen Sie das?“, fragte er gedehnt, und seine Verblüffung wirkte sogar echt.

„Das wissen Sie sehr gut.“

„Immerhin war ich nicht so unhöflich, unser zauberhaftes …“, er hielt kurz inne, „… Rendezvous zu erwähnen.“

„Das war kein Rendezvous“, protestierte sie, „sondern eine Belästigung, und Sie haben sich unverschämt benommen. Wie konnten Sie es wagen, eine Dame so unverschämt anzusprechen?“

„Überlegen Sie doch, Miss da Silva. Wie sollte ich denn wissen, dass ich es mit einer Dame zu tun hatte? Die Damen in meinem Bekanntenkreis pflegen nicht allein auszugehen.“

„Also glauben Sie, wenn Sie eine Frau nicht für eine Dame halten, dürfen Sie sich alles erlauben?“

„Sagen wir mal, normalerweise haben Frauen, die allein unterwegs sind, nichts gegen meine Gesellschaft einzuwenden.“

Was für ein unerträglicher Mann … „Die haben Sie mir aufgezwungen!“, fauchte sie. „Trotz meiner Bitte, mich allein zu lassen!“

Seine goldbraunen Augen verdunkelten sich, diesmal nicht vor Belustigung. „Wie konnte ich?“, fragte er mit samtweicher Stimme. „Ihre Nähe war viel zu verlockend, Miss da Silva.“

Schon wieder spürte sie verräterische Röte in ihren Wangen, und sie hätte am liebsten die Flucht ergriffen. Nur ihre gute Erziehung hinderte sie daran. Die Schultern gestrafft, sagte sie frostig: „Ich glaube, unsere Bekanntschaft ist beendet, Mr Marchmain.“

„Ganz im Gegenteil, Miss, ich habe das Gefühl, sie fängt erst an.“

„Wenn ich mich recht entsinne, hat mein Vater Ihren Namen nicht im Zusammenhang mit seiner Arbeit erwähnt.“

Nun trat er einen Schritt zurück. „Eine höfliche Umschreibung der Frage – was mache ich hier ohne Einladung? Das stimmt, ich wurde nicht eingeladen. Aber ich vermute, der Prinzregent wurde erwartet, und ich vertrete ihn.“

„Also wird er nicht kommen?“ Nur mühsam verbarg sie ihre Enttäuschung.

„Haben Sie ihn tatsächlich erwartet?“

„Man hat meinem Vater mitgeteilt, er würde uns vielleicht beehren.“

„Tut mir leid, Sie zu enttäuschen. George ist ziemlich launisch. Meistens tut er nur, was ihn amüsiert.“

Sein respektloser Kommentar verblüffte Domino. „Sind Sie ein Mitglied seines Haushalts?“

„Im Moment – ja.“

„Wie können Sie dann so von einer Königlichen Hoheit sprechen?“

„Glauben Sie mir, das ist ganz einfach, wenn man den Prinzregenten kennt.“

„Offenbar halten Sie nicht viel von ihm. Wieso bleiben Sie trotzdem in seinem Haus?“, fragte sie erfrischend freimütig.

„Das frage ich mich selber. Bisher fand ich keine Antwort. Vielleicht würden Sie es mir erklären.“

Verwirrt runzelte sie die Stirn. „Warum sollte ich das können?“

„Derzeit kann das niemand“, bemerkte er rätselhaft.

Domino fand das Gespräch mit Mr Marchmain ziemlich mühsam. Aber sie war zu neugierig, um ihn einfach stehen zu lassen. Wie mochte es sein, im Pavilion des Prinzregenten zu wohnen? „Ist der Palast grandios?“, fragte sie impulsiv, was sie sofort bereute. Vor einem so selbstbewussten Mann wollte sie sich keine Blöße geben.

Nachsichtig lächelte er und schien ihre Naivität charmant zu finden. „Oh ja, grandios – oder eher exzentrisch. Doch Sie werden den Palast sicher bald besuchen und sich eine eigene Meinung bilden.“

„Nun, vielleicht. Mein Vater hat mir nichts von seinen Plänen erzählt.“

„Hoffentlich gehört ein Besuch im Palast dazu. Wenn das so ist, würde ich gern eine Besichtigungstour mit Ihnen unternehmen.“

Dieses Angebot würde sie ablehnen, weil sie keinen Wert auf seine Gesellschaft legte, aber sie gab ihm die erwartete höfliche Antwort. Wenigstens benahm er sich in diesem Moment nicht unverschämt. Dann irritierte er sie erneut.

„Sie haben in Madrid gelebt, nicht wahr?“

„Wieso wissen Sie das?“

„Ich ziehe Erkundigungen ein. Und manchmal erhalte ich Informationen. In Madrid gibt es ein großartiges Kunstmuseum, den Prado. Kennen Sie ihn?“

„Mein Elternhaus liegt in der Nähe des Prados.“

„Dann dürfen Sie sich glücklich schätzen. Wann immer Sie wollten, konnten Sie das Werk des genialen Velásquez bewundern.“

Erstaunt hob Domino die Brauen. „Interessieren Sie sich für Kunst?“

„Ein wenig. Ich sammle Gemälde. Neulich erwarb ich einen kleinen da Vinci. Darauf bin ich sehr stolz. Wenn Sie den Pavilion besuchen, werde ich Ihnen das Atelier zeigen, das ich mir eingerichtet habe.“

„Sind Sie ein Maler?“

„Nur ein Dilettant. Aber es tröstet mich zu malen.“

Sie fragte sich, warum ein Mann wie Joshua Marchmain Trost brauchte. Doch sie fand keine Zeit, um darüber nachzudenken, denn Carmela erschien an ihrer Seite und zischte ihr ins Ohr, der Champagner würde ausgehen. Wie gedenke sie das Problem zu lösen? Anscheinend verläuft die Soiree erfolgreicher, als wir es gehofft haben, dachte Domino. Die Gäste blieben unerwartet lange, um zu essen, zu trinken und zu plaudern. Sie entschuldigte sich bei Mr Marchmain, der sich tief verneigte.

Ehe Carmela ihrer Cousine folgte, warf sie ihm einen skeptischen Blick zu. Vor diesem Mann musste sie das Mädchen warnen. Sie wusste nichts über ihn. Aber eine innere Stimme sagte ihr, man dürfe ihm nicht trauen. Und ihre junge Verwandte hatte sich viel zu lange mit ihm unterhalten. Bestenfalls würde das auf die anderen Gäste sonderbar wirken, womöglich beschwor es jedoch Klatsch und Tratsch herauf, und das konnten sie sich nicht leisten. Nächstes Jahr sollte Domino heiraten, und sie musste beschützt werden, bis der Ring an ihrem Finger steckte.

Joshua schaute den Damen nach und lächelte ironisch vor sich hin. Den Typ, den Carmela personifizierte, kannte er sehr gut. Wie viele solcher Duennas hatte er im Lauf seiner wenig glorreichen Karriere bezwungen? Aber Domino schien ihren eigenen Willen zu besitzen. Deshalb und auch wegen ihres jugendlichen Charmes würde es sich lohnen, ihr den Hof zu machen. Vielleicht würden sich die nächsten Wochen erfreulicher gestalten, als er es erhofft hatte. Er schlenderte zwischen den plaudernden Gästen hindurch und ließ sich in der Halle von einem Lakaien Hut und Mantel bringen.

Dann verließ er Haus Nummer acht an der Marine Parade mit beschwingteren Schritten, als er es betreten hatte.

Am nächsten Morgen verbarg sich die Sonne hinter dichten Wolken, und das Meer erstreckte sich in dumpfem Grau bis zum Horizont. Die Aussicht auf einen Spaziergang erschien Domino nicht besonders verlockend. Aber es war Sonntag, und es gehörte zu den Pflichten des spanischen Botschafters, mit seiner Tochter den Gottesdienst in der königlichen Kapelle zu besuchen.

Carmela wollte die beiden nicht begleiten. Niemals würde sie einen Fuß in eine protestantische Kirche setzen, verkündete sie. Also blieb sie daheim und verbrachte die nächste Stunde im privaten Gebet.

Obwohl Domino und ihr Vater sich nach der anstrengenden Soiree noch etwas ermattet fühlten, munterte die frische Luft sie bald auf, während sie die Promenade entlanggingen. Da der Empfang ein eindeutiger Erfolg gewesen war, blickte Don Al­fredo seiner Mission voller Optimismus entgegen.

Domino freute sich über die gute Laune ihres Papas. Natürlich war es ihr nicht leichtgefallen, zum ersten Mal als Gastgeberin bei einem so wichtigen gesellschaftlichen Ereignis zu fungieren. Aber sie hatte ihre Aufgabe bravourös erfüllt.

Außer der Begegnung mit dem unmöglichen Mr Marchmain war nichts Unangenehmes passiert. Und er faszinierte sie sogar. Er erschien ihr rätselhaft und steckte voller Widersprüche. Einerseits wirkte er wie ein arroganter Lebemann, andererseits interessierte er sich für die schönen Künste. Offenbar war er reich genug, um seine Zeit im extravaganten Gefolge des Prinzregenten zu verschwenden. Aber das Verantwortungsgefühl, das zu einem solchen Vermögen gehörte, fehlte ihm vermutlich. Und seine gehobene gesellschaftliche Position an Georges Seite schien ihm zu missfallen.

Der Wind frischte auf, wehte von Westen her, und Domino musste mit einer Hand ihren Angoulême-Hut mit den hübschen vergoldeten Eicheln festhalten. Mit der anderen bändigte sie den pfirsichfarbenen Rock, der sich um ihre Beine bauschte. Während ihr Vater seine Pläne für die folgende Woche erläuterte, war sie mit ihren Gedanken woanders.

„Papa“, begann sie unvermittelt, als er für einen Moment schwieg, „was weißt du über Mr Marchmain?“

„Nicht viel. Er gehört zum Hofstaat des Prinzregenten. Wahrscheinlich ein reicher, lasterhafter Müßiggänger.“

Bestürzt biss sie auf die Lippe. Gewiss, Mr Marchmain war ziemlich unverschämt. Aber lasterhaft?

„Kümmere dich nicht um ihn“, fügte Alfredo hinzu und tätschelte ihre Hand. „Georges Gefolge hält sich an seine eigenen Gesetze. Mit diesen Leuten geben wir uns nur ab, wenn es unbedingt sein muss.“

„Wieso ist Joshua Marchmain ein einfacher Mister? Eigentlich dachte ich, der Prinzregent umgibt sich nur mit adeligen Personen.“

„Ich glaube, der junge Mann ist mit einem Aristokraten verwandt und hat ein Riesenvermögen geerbt. Und das braucht er, wenn er dem Regenten Gesellschaft leistet. Aber warum interessierst du dich für ihn, querida?“

„Nun, ich fand einfach nur, er hätte gestern Abend nicht zu unseren anderen Gästen gepasst.“

„Möglicherweise sollte Mr Marchmains Anwesenheit auf unserem kleinen Empfang bekunden, dass der Prinzregent Notiz von Spanien nimmt. Das müssen wir akzeptieren. Aber wir werden Distanz wahren.“ Er umfasste ihren Arm. „Komm, wir wollen selbstsicher auftreten und nicht den Eindruck erwecken, unsere verspätete Ankunft in der Kirche würde uns beschämen.“

Sie beschleunigten ihre Schritte. Ringsum wirbelte der Sommerwind Staub auf.

Brighton ist ein fashionabler Urlaubsort. Fast zu fashionabel, dachte Domino, und die Marine Parade keine ideale Adresse. Zu nahe beim Stadtzentrum gelegen, lockte sie zahlreiche Spaziergänger an. Wie Domino bereits festgestellt hatte, wohnten an dieser Straße, in der Nähe des Pavilion, mehrere junge Spunde, die sich auf amüsante Monate am Meer freuten. Und diese Dandys mit ihren gezupften Augenbrauen und gezwirbelten Schnurrbärten starrten nur zu gern alle jungen Damen an, die ihren Weg kreuzten. Sie wünschte, ihr Vater hätte ein Haus am Stadtrand gewählt. Aber wenigstens mussten sie nicht allzu weit gehen, um die Kirche zu erreichen.

Die Chapel Royal war ein klassizistisches Gebäude mit runden Fenstern und dorischen Säulen vor dem Haupteingang, wo sich bereits eine lange Schlange gebildet hatte. Endlich näherten Domino und ihr Vater sich dem imposanten Kirchentor. Da entstand eine Bewegung hinter ihnen, weil ein Dienstbote seinem Herrn den Weg bahnte. Sie drehte sich um, wollte feststellen, wer diese bedeutsame Persönlichkeit war, und erschrak. Diesen Mann hatte sie bei ihrem letzten Aufenthalt in England hassen gelernt.

Lord Leo Moncaster lächelte sie grimmig an. „Miss da Silva? Welch eine Überraschung! Und ich dachte, ich würde Sie nie wiedersehen.“

Auch ihr Vater drehte sich um und musterte die verächtliche Miene des Fremden. „Belästigt dich dieser Gentleman, Domino?“

Hastig beruhigte sie ihn und wandte sich ab.

„Wie ich sehe, haben Sie diesmal Verstärkung mitgebracht.“ Moncaster grinste noch höhnischer. „Weilt auch Ihre Tante in Brighton, jederzeit bestrebt, Sie zu verteidigen?“

„Lady Blythe ist in London geblieben, Sir. Allerdings sehe ich keinen Grund, warum Sie das interessieren sollte.“

„Oh, da irren Sie sich, Miss da Silva. Alles, was mit Ihnen zusammenhängt, interessiert mich brennend. Im Gegensatz zu Ihnen besitze ich ein ausgezeichnetes Gedächtnis.“ Mit diesen Worten schob er sich an Domino vorbei und betrat die Kirche.

Entnervt zitterte sie am ganzen Körper. Aber ihr Vater sollte ihre Bestürzung nicht bemerken, und so lächelte sie tapfer. „Gehen wir hinein.“

Die Begegnung mit Leo Moncaster schockierte sie zutiefst. Bei ihrer Übersiedlung nach Brighton war sie nicht darauf gefasst gewesen, den Mann wiederzusehen, der ihr so empfindlich geschadet hatte. Aber sie hätte ahnen müssen, dass er sich in der Nähe des Pavilion aufhalten würde. Er war ein unverbesserlicher Spieler. Angeblich gewann er jede Nacht ein Vermögen am Spieltisch des Prinzregenten. Wo sollte ein solcher Mann den Sommer lieber verbringen?

Und seine Bosheit hielt auch an, nachdem Lady Blythe alle Spielschulden, die Domino in ihrer Unerfahrenheit gemacht hatte, bezahlt hatte. Auf das Geld war er natürlich nicht erpicht gewesen, sondern auf ihren Körper. Nun fühlte er sich um seinen Gewinn betrogen. Aber wie hätte sie ihn jemals attraktiv finden können? Unwillkürlich erschauerte sie, als würde sie auf Zehenspitzen über ein Grab schleichen. Ihr einziger Trost war die Beteuerung ihres Vaters, sie würden nur sehr wenig mit dem Prinzregenten und seinen Freunden zu tun haben.

Auch an diesem Morgen zeigte sich der Prinzregent nicht in der Kirche. Obwohl er vor etwa fünfzwanzig Jahren den Grundstein gelegt hatte, nahm er nicht mehr an den Gottesdiensten in der Chapel Royal teil, seit ein Geistlicher sein unmoralisches Verhalten angeprangert hatte. Aber er ließ sich vertreten. Ein riesengroßer Mann, der ein knarrendes Korsett trug, sank auf die Kirchenbank der königlichen Familie – der Duke of York, Georges Bruder.

Unentwegt murmelte er vor sich hin, kaum hörbar, aber zum Ärger seiner Sitznachbarn. Deren Versuch, ihn zum Schweigen zu bringen, amüsierte Domino. Für einen Moment vergaß sie ihre unerfreuliche Begegnung mit Lord Moncaster und sah sich in der reich geschmückten Kirche um.

Als sie zur anderen Seite des Mittelgangs spähte, erwiderte Joshua Marchmain ihren Blick und lächelte ihr zu. Hoch aufgerichtet saß er da und strahlte sein übliches Selbstvertrauen aus. Die Frau neben ihm sah ihn besitzergreifend an. In einem Ensemble aus grüner venezianischer Seide, mit einem Kopfschmuck aus Straußenfedern, wirkte sie sehr elegant. Die Federn schwankten leicht im Luftzug und versperrten den Leuten, die hinter ihr saßen, die Sicht zum Altar.

Nur mit halbem Ohr lauschte Domino der Predigt, zu abgelenkt von der Anwesenheit der beiden Männer, denen sie aus dem Weg gehen wollte. Erleichtert atmete sie auf, als die Schlusshymne erklang. Nun konnte sie mit ihrem Vater die Kirche verlassen. Weil der Pfarrer beim Tor stand und jedes einzelne Mitglied seiner Gemeinde verabschiedete, mussten sie erneut in einer Warteschlange ausharren.

„Nicht nur hübsch, auch noch fromm“, erklang eine leise Stimme an ihrer Seite. „Das wird ja immer besser.“

Dankbar, weil ihr Papa gerade mit einem Gentleman sprach, wandte sie sich zu Joshua Marchmain. „Belästigen Sie immer noch Frauen, die Ihre Gesellschaft unangenehm finden, Sir?“, fauchte sie.

„Nein, Miss da Silva, solche Damen niemals.“

Als sie seine Anspielung verstand, stieg ihr heißes Blut in die Wangen. Erbost wollte sie antworten, aber da ertönte eine Frauenstimme.

„Willst du mir nicht deine reizende neue Freundin vorstellen, Joshua?“, fragte die Frau in grüner Seide.

Nur kurz runzelte er ärgerlich die Stirn. „Selbstverständlich. Charlotte – das ist Miss da Silva, die Tochter des neuen spanischen Botschafters. Miss da Silva, darf ich Sie mit der Duchess of Severn bekannt machen?“

„Wie schön, dass Sie nach Brighton gekommen sind, meine Liebe!“

Domino wusste nicht, ob sie die Frau mit der gurrenden Stimme mochte. Immer wieder warf die Duchess begehrliche Blicke auf Mr Marchmain. Aber sie knickste anmutig und stellte ihren Vater der Dame vor.

„So bald wie möglich müssen Sie beide eine meiner kleinen Soireen besuchen“, flötete Charlotte Severn. „Noch in dieser Woche werde ich Ihnen eine Einladung schicken. Gewiss kennt Joshua Ihre Adresse.“

Hinter diesen Worten spürte Domino eine doppelte Bedeutung. Trotzdem gelang ihr ein höfliches Lächeln, als man sich verabschiedete, und sie hoffte, ihr Vater würde einen Vorwand finden, um die Einladung abzulehnen.

„Eine sehr vornehme Dame, nicht wahr, Papa?“, fragte sie auf dem Heimweg.

„Wer?“

„Die Duchess of Severn.“

„Zumindest ist sie exquisit gekleidet.“

„Das klingt nicht so, als würdest du sie mögen.“

„Ich kenne sie nicht, Domino. Jedenfalls missfallen mir die Kreise, in denen sie verkehrt.“

„Anscheinend kennt Mr Marchmain sie sehr gut.“

„In der Tat“, bestätigte Alfredo da Silva grimmig. Dann wechselte er abrupt das Thema.

Verwirrt überlegte sie, was ihn erzürnen mochte.

2. KAPITEL

Voller Wut machte Joshua auf dem Absatz kehrt und steuerte den Royal Pavilion an. Jetzt musste er allein sein, und er konnte Charlotte getrost Moncaster anvertrauen, den er in einiger Entfernung entdeckte. Er ärgerte sich nicht nur über ihre Einmischung in sein Gespräch mit Domino da Silva, sondern auch über die Einladung zu einer ihrer berühmten Soireen. Warum, wusste er nicht. Aber er wollte Dominos Bekanntschaft allein genießen – oder sie zumindest nicht der fragwürdigen Atmosphäre des Severn-Haushalts ausliefern.

Natürlich plante er keineswegs, das junge Mädchen zu verführen, schließlich war er ein Ehrenmann. Doch er musste verhindern, dass Domino eine Frau wie Charlotte näher kennenlernte. Mochte die Dame auch mit einem der vornehmsten Dukes von England verheiratet sein – sie hatte das Wesen einer Kurtisane und war kein Umgang für ein unerfahrenes junges Mädchen. Für die Duchess eignete sich das Milieu des Royal Pavilion. Dort fand sie alle erdenklichen zweifelhaften Amüsements, und ihr Gemahl schaute bereitwillig weg, während sie sich vergnügte. In den letzten Jahren gab er sich damit zufrieden, die Schönheit seiner Ehefrau zu bewundern, und bevorzugte die Lockung der Spieltische. Er zählte zu den besten Freunden des Prinzregenten, nicht zuletzt, weil es ihm dank seines immensen Reichtums gleichgültig war, wie viel Geld er verlor.

Von diesem Vermögen profitierte auch Charlotte. Doch das genügt ihr nicht, dachte Joshua sarkastisch. Der Luxus entschädigte sie nicht für einen langweiligen, betagten Ehemann.

Vor zwei Jahren hatte Joshua sie in Wiesbaden kennengelernt, in einem opulenten Casino. Dort hatte sie am Hazard-Tisch gesessen und ihn mit ausdruckslosen blauen Porzellanaugen angestarrt, aber keinen Zweifel an ihren Wünschen gelassen. Noch in derselben Nacht hatten sie eine Affäre begonnen und trafen sich gelegentlich. Dass die Duchess wegen ihrer Position oft für längere Zeit mit Verpflichtungen beschäftigt war, fand er sehr angenehm. Es gab immer genug andere Frauen, die ihm beglückt Gesellschaft leisteten. Und bisher hatten die langen Trennungen die Langeweile verhindert, die jede dauerhafte Beziehung mit sich brachte. Oder jede nach seiner ersten katas­trophalen Liebesaffäre.

Jetzt änderte sich die Situation. Er wusste nicht, ob die Meeresluft sein Blut erhitzte und diese innere Unrast bewirkte. Jedenfalls interessierte Charlotte Severn ihn nicht mehr, und sein Widerstreben, dem kriecherischen Hofstaat des Prinzregenten anzugehören, wuchs mit jedem Tag.

Und auch mit Domino da Silva hing die Veränderung zusammen. Nicht, dass er sie in sein Bett locken wollte. Das kam nicht infrage. Aber er schätzte ihre Vitalität, die Energie, mit der sie seine Hänseleien abwehrte. Erst drei Mal war er ihr begegnet. Und jedes Mal hatte es ihn gereizt, ihr Wesen zu erforschen.

An diesem Morgen hatte sie bezaubernd ausgesehen, in Pfirsichrosa und Cremeweiß. Auch wenn ihre dunklen Augen ihn verächtlich gemustert hatten. Sicher würde es ihm gelingen, ihrem Blick einen anderen Ausdruck zu verleihen. Wenn er jemals verrückt genug war, eine weitere Verbannung zu riskieren, würde ihn diese Herausforderung reizen. Noch nie war ihm Charlottes Nähe lästiger erschienen. Denn sie hatte es gewagt, sein Gespräch mit Domino zu stören – ein unverzeihlicher Fehler.

Die Duchess erwartete ihn im Vestibül des Royal Pavilion. Auf dem Umweg, den er gewählt hatte, war seine Laune etwas besser geworden. Für ihre galt das nicht.

Kaum hatte er die Halle betreten, herrschte Charlotte ihn auch schon an: „Da bist du ja, Marchmain! Ich dachte, ich hätte dich irgendwie verpasst.“

„Warum denn?“

„Natürlich nahm ich an, du würdest mich von der Chapel Royal hierher begleiten. Aber als ich mich nach dir umsah, warst du verschwunden.“

„Verzeih mir. Plötzlich empfand ich das Bedürfnis nach einem längeren Spaziergang. Und soviel ich weiß, ist das nicht dein liebster Zeitvertreib.“

„Ein Spaziergang mit dir ist immer ein Vergnügen, Joshua“, antwortete sie in etwas versöhnlicherem Ton.

„Dann muss ich dich noch einmal um Verzeihung bitten. Hätte ich das auch nur geahnt, wäre deine Gesellschaft höchst erfreulich gewesen“, log er.

Prüfend schaute sie ihn an. „Wieso kennst du die Tochter des spanischen Botschafters?“

„Wie du dich vielleicht entsinnst, vertrat ich den Prinzregenten gestern Abend auf Señor da Silvas Empfang“, erwiderte er gleichmütig.

„Anscheinend verstehst du dich sehr gut mit ihr.“

„Warum auch nicht? Meines Wissens strebt England bessere Beziehungen zu Spanien an.“

„Ah, daran liegt es also.“

Leo Moncaster schlenderte in die Octagon Hall und beobachtete das sichtlich angespannte Paar mit zynischem Vergnügen. „Ziemlich kalter Wind da draußen“, bemerkte er und lächelte heuchlerisch. „Das ist so problematisch an Brighton. Immer dieser Wind. Hoffentlich hat Prinny die Freuden der Meeresküste bald satt und kehrt nach London ins Carlton House zurück.“

Da die Duchess und Marchmain beharrlich schwiegen, hob er erstaunt die Brauen.

„Störe ich eine private Konversation? Wenn ja, muss ich mich untertänigst entschuldigen.“

„Nicht nötig, Moncaster, Ihre schlechten Manieren sind allgemein bekannt“, entgegnete Joshua mit scharfer Stimme – unfähig, seine Abneigung gegen den Mann zu verhehlen. „Soeben wollte ich mich von Ihrer Gnaden verabschieden“, fügte er hinzu und ging davon, um seine Räume aufzusuchen.

Fragend wandte Leo Moncaster sich zu Charlotte. „Ich weiß, ich gehöre nicht zu Marchmains Favoriten. Aber was erzürnt ihn außer meiner unwillkommenen Anwesenheit?“

Autor

Isabelle Goddard
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