Skandalöse Affäre mit dem Milliardär

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Sie sah, was sich in seinen Augen widerspiegelte. Hunger. Verlangen Der spanische Milliardär Xavier de la Vega ist skeptisch: Die Fremde behauptet, sie hätte für ihn einen Brief von seiner leiblichen Mutter. Bisher wusste er nur, dass er adoptiert wurde - seine Herkunft war ein Geheimnis. Lügt diese Jordan? Um das herauszufinden, lädt Xavier sie auf sein herrliches Anwesen am Meer ein, wo etwas Ungeahntes passiert: Zwischen ihnen funkt es heiß, und eine lustvolle Affäre beginnt. Doch das bleibt nicht unbemerkt. Ein Skandal entbrennt um Xavier, seine schöne Geliebte und die Vergangenheit, die er für immer vergessen wollte …
  • Erscheinungstag 15.01.2019
  • Bandnummer 2371
  • ISBN / Artikelnummer 9783733711931
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Sie müssen jetzt gehen, Señorita.“

Jordan Walsh legte den Kopf in den Nacken, bis sie dem uniformierten Sicherheitsmann in die Augen sehen konnte. „Das werde ich nicht tun“, erklärte sie ihm und machte keinerlei Anstalten, von dem Stuhl aufzustehen, auf dem sie nun schon seit über zwei Stunden saß.

Der große Mann runzelte die Stirn. „Sie müssen gehen. Das Gebäude schließt jetzt.“

Das Gebäude – damit war nichts anderes als der Vega Tower gemeint. Ein riesiger Monolith aus Glas und Stahl, der im Herzen des Geschäftsdistrikts von Barcelona stand und alles um ihn herum in den Schatten stellte. Er hatte beinahe zweieinhalb Milliarden Dollar gekostet und erstreckte sich vom Fundament bis zur Spitze über vierundvierzig Stockwerke. Das alles wusste Jordan deshalb so genau, weil sie genug Zeit gehabt hatte, die Hochglanzbroschüre mit dem Titel Die Vega Unternehmensgruppe – Sechzig Jahre Erfolg durchzulesen, die neben ihr auf dem niedrigen Beistelltisch im Warteraum lag.

Zwei Mal, um genau zu sein.

„Ohne einen Termin bei Mr. de la Vega werde ich dieses Gebäude nicht verlassen“, stellte sie entschieden klar.

Das war keine wirkliche Neuigkeit für den Sicherheitsmann. Dieselbe Forderung hatte sie auch gestellt, als sie vor zwei Stunden eingetroffen war. Und noch einmal eine Stunde später, als deutlich geworden war, dass seine Nachfrage bei der Assistentin des Geschäftsführers nicht zum gewünschten Ergebnis führen würde.

„Er ist nicht verfügbar.“

„Weshalb ich auch nicht um ein sofortiges Treffen, sondern lediglich um einen Termin gebeten habe“, entgegnete sie mit engelsgleicher Geduld.

„Das ist leider nicht möglich.“ Er umfasste ihren Oberarm mit seiner riesigen Pranke und zog sie auf die Füße.

Jordan atmete scharf ein. „Warten Sie!“ Sie stemmte ihre Fußsohlen gegen den weißen Marmorfußboden. „Sie wollen mich doch nicht ernsthaft aus dem Gebäude schleifen, oder?“

„Es tut mir wirklich sehr leid“, sagte er, doch sein Blick wirkte weniger entschuldigend als vielmehr mitleidig. Und das war etwas, das Jordan überhaupt nicht leiden konnte.

Es war nicht schwer, sich auszurechnen, was er und seine Kollegen über sie dachten. Ein Mann, so wohlhabend und mächtig wie ihr Boss, musste eine Vielzahl von weiblichen Bewunderern haben. Und als seine Angestellten hatten sie diesbezüglich sicher genaue Anweisungen.

Aber Jordan war keine beleidigte Verflossene oder Möchtegerngeliebte.

„Bitte“, wiederholte sie und verabscheute den flehentlichen Klang ihrer Stimme. „Können Sie nicht einfach noch mal in seinem Büro anrufen?“

Irgendjemand musste doch noch da sein. Sicher, es war fast halb sieben. Aber sie hatte erst gestern in einem Online-Artikel über ihn gelesen, dass er oft bis spät in die Nacht arbeitete und das auch von seinen Mitarbeitern erwartete.

Doch der Sicherheitsbeamte schüttelte den Kopf. „Rufen Sie morgen wieder an.“

Frustriert kniff Jordan die Augen zusammen. Sie hatte schon am Tag zuvor angerufen. Und dem davor. Und jedes Mal war sie an der hochnäsigen Assistentin des Geschäftsführers gescheitert. Deshalb hatte sie sich an diesem drückend heißen Augustnachmittag auf den Weg gemacht, ihrem Anliegen persönlich Nachdruck zu verleihen.

Sie gab sich alle Mühe, sich zu wehren, und machte sich so schwer wie möglich, aber der Sicherheitsmann war einfach viel zu stark für sie. Und als er sich in Bewegung setzte, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm hinterherzustolpern. Sie waren schon fast beim Ausgang angelangt. Nur noch ein paar Schritte, und sie würde sich draußen auf dem Gehweg wiederfinden.

Die Glastüren öffneten sich und ließen einen Schwall heißer Luft herein. Jordan dachte an den Umschlag in ihrer Tasche – den Brief, den sie um den ganzen Globus getragen hatte – und verspürte das überwältigende Gefühl, versagt zu haben.

Und das alles, weil sie es einfach nicht schaffte, zu diesem einen Mann vorgelassen zu werden.

Bei dem Gedanken mobilisierte sie noch einmal all ihre Kräfte. „Ich bin Mr. de la Vegas Stiefschwester!“, rief sie aus, und der Sicherheitsmann blieb stehen. Sein Griff um ihren Arm lockerte sich für einen Moment – genug Zeit für sie, um sich von ihm loszumachen.

Es schien, als würde mit einem Mal alles in dem weitläufigen Foyer zum Stillstand kommen. Die anderen Sicherheitsbeamten und die Büroangestellten, die sich gerade auf dem Weg nach Hause befanden, starrten sie an.

Hitze brachte ihre Wangen zum Glühen. Sie schluckte hart und versuchte, die aufdringlichen Blicke zu ignorieren. „Ich bin sicher, dass Sie ihm nicht erklären möchten, warum Sie mich abgewiesen haben.“

Der Mann runzelte die Stirn, dann sagte er: „Warten Sie bitte.“

Er trat wieder an den Empfangstresen und führte ein kurzes Telefongespräch. Keine zwei Minuten später trat eine große, elegante Frau in einem blauen Businesskostüm aus dem Fahrstuhl.

Jordan spürte ihren prüfenden Blick auf sich, während die Frau auf sie zukam. „Miss Walsh.“ Ihre Stimme klang kühl. „Mr. de la Vega ist sehr beschäftigt, aber er hat sich bereit erklärt, Ihnen zehn Minuten seiner Zeit zu schenken.“

Sie sprach mit Akzent, aber Jordan hätte die Stimme auch so erkannt. Es war die Assistentin, die ihre Anrufe entgegengenommen und sich geweigert hatte, ihr einen Termin zu geben.

Jordan zwang ein Lächeln auf ihre Lippen und widerstand der Versuchung zu fragen, ob Mr. de la Vega wirklich sicher war, dass er zehn Minuten für sie erübrigen konnte. „Vielen Dank“, sagte sie, doch die Frau hatte bereits auf dem Absatz kehrtgemacht und überzeugte sich nicht einmal davon, dass Jordan ihr folgte.

Der Sicherheitsmann hatte die Fahrstuhlkabine aufgehalten und stieg mit ihnen ein. Jordan hämmerte das Herz bis zum Hals, als sie ins vierundvierzigste Stockwerk hinaufbefördert wurden. Sie hatte sich lange auf diesen Moment vorbereitet und sich genau überlegt, was sie sagen würde. Doch sie hatte nicht erwartet, dass sie so nervös sein würde.

Wobei – es war nicht gerade eine Kleinigkeit, die ihr da bevorstand. Sie hatte keine Ahnung, wie Xavier de la Vega sie empfing. Wie er reagieren würde. Sie wusste nicht einmal genau, wie sie in seiner Situation reagieren würde.

Aufgeregt musterte sie sich in der verspiegelten Kabinenwand. Sie trug eine ärmellose weiße Bluse und kakifarbene Caprihosen, kombiniert mit bequemen Schuhen. Sie wirkte schlicht und unauffällig neben der hochgewachsenen Spanierin. Das Einzige, was an ihr hervorstach, war ihr langes kupferfarbenes Haar.

Die Aufzugtüren öffneten sich, und jeder Gedanke an ihr Outfit war vergessen, als sie der anderen Frau durch einen breiten Korridor folgte. Der Teppich war so dick, dass er ihre Schritte zu verschlucken schien, und an den Wänden hingen Kunstwerke, die ein Vermögen gekostet haben mussten.

Schließlich betraten sie ein riesiges Büro, und ihre gesamte Aufmerksamkeit richtete sich sofort auf den Mann, der hinter dem gewaltigen Eichenschreibtisch saß.

Jordan hatte Fotos von ihm online gesehen. Nicht viele, nein. Anders als sein jüngerer Bruder, der sich bei praktisch jeder Gelegenheit fotografieren zu lassen schien, schätzte Xavier de la Vega seine Privatsphäre.

Doch die Schnappschüsse im Internet hatten sie in keiner Weise darauf vorbereitet, dem Mann in Fleisch und Blut gegenüberzutreten.

Er war unglaublich attraktiv. Und diese Augen. Grau … Wie die von Camila.

Ihre Kehle war mit einem Mal wie zugeschnürt. Jordan blinzelte, um sich wieder in die Gegenwart zurückzubringen.

Er stand auf, und seine schiere Größe traf sie wie ein kleiner Schock. Mindestens eins neunzig, dachte sie überrascht. Ihre Stiefmutter war klein und zierlich gewesen. Schon mit sechzehn hatte Jordan sie weit überragt.

Er trat um den Schreibtisch herum, und sie nahm seine gesamte Erscheinung in sich auf, von seinem kurzen schwarzen Haar über seinen maßgeschneiderten grauen Anzug bis hin zu den teuer aussehenden Lederschuhen. Alles war perfekt und makellos. Sogar der Windsor-Knoten seiner Krawatte war absolut ohne Tadel.

Eine Aura von Kompetenz und Autorität umgab ihn – und noch etwas, das Jordan nicht ganz identifizieren konnte.

Arroganz?

Ungeduld?

Sie ließ den Blick über sein Gesicht wandern – das markante Kinn, die hohe Stirn und die tiefschwarzen Brauen – und kam zu dem Schluss, dass dieser Mann definitiv keine Toleranz für Schwäche besaß.

Die Stille, die über dem Raum hing, wurde ihr bewusst. Er lächelte nicht. Er trat nicht einmal vor, um ihr die Hand zu reichen, wofür sie vermutlich dankbar sein sollte. Ihre Handinnenflächen waren nämlich schweißnass.

Seine Aufmerksamkeit wanderte zu seiner Assistentin. „Gracias, Lucia“, sagte er – seine Stimme war tief und unglaublich maskulin. „Lassen Sie uns bitte allein.“

Er schaute den Sicherheitsmann an und sagte etwas auf Spanisch – oder Katalan?, denn sie hatte gelesen, dass er beide Sprachen fließend sprach, ebenso wie Englisch und Französisch –, und ihre Knie wurden dabei ganz weich.

Sie liebte romanische Sprachen, und trotz seines unfreundlichen Benehmens war es unbestreitbar sexy, ihn seine Muttersprache sprechen zu hören.

Der Sicherheitsmann antwortete, dann verließen Lucia und er den Raum.

Seine Augen – sie waren ein oder zwei Schattierungen dunkler als Camilas, wie sie jetzt bemerkte – ruhten wieder auf ihr.

„Meine Angestellten sind um meine Sicherheit besorgt.“

Es waren nicht unbedingt die ersten Worte, die sie von ihm erwartet hatte. Sie blinzelte verwirrt. „Warum?“

„Sie glauben, dass Sie eine Bedrohung darstellen könnten“, führte er aus. „Tun Sie das, Miss Walsh?“

Sie riss die Augen auf. „Eine körperliche Bedrohung, meinen Sie?“ Der Gedanke war so absurd, dass sie ein Lachen nicht unterdrücken konnte. „Wohl kaum.“

„Das sehe ich genauso.“ Er neigte den Kopf zur Seite. „Sind Sie Reporterin?“

„Nein“, antwortete sie stirnrunzelnd. „Wie kommen Sie darauf?“

„Reporter haben die Angewohnheit, bei ihren Bemühungen, mit mir in Kontakt zu treten, sehr kreativ zu werden.“

„Ich fürchte, ich kann nicht ganz folgen.“

„Ihre Behauptung, meine Stiefschwester zu sein.“

„Ah …“ Sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. „Das kann ich erklären …“

„Können Sie das, Miss Walsh?“ Seine Stimme klang barsch. „Denn als ich das letzte Mal mit ihnen sprach, waren meine Eltern nach wie vor glücklich verheiratet – miteinander. Meines Wissens hat keiner von ihnen irgendwelche geheimen Ehepartner oder Stiefkinder.“

Sie hatte ja durchaus erwartet, dass es nicht leicht werden würde. Genau deshalb hatte sie ja solche Sorgfalt darauf verwendet, ihre erste Begegnung penibel zu planen. Doch jetzt, wo sie ihm gegenüberstand, konnte sie sich plötzlich an gar nichts mehr erinnern.

Sie schluckte hart. „Ähm … Vielleicht sollten wir uns setzen?“

Erst stand er einfach nur da und schaute sie an, die Augen zu Schlitzen verengt, so als würde er überlegen, ob er sie nicht doch vor die Tür setzen sollte. Schließlich deutete er auf den Stuhl, der vor dem Tisch stand.

Sie lächelte erleichtert. „Vielen Dank“, sagte sie und bemerkte, dass er wartete, bis sie saß, ehe er auf seinem eigenen Stuhl Platz nahm. Es war eine einfache, altmodische Geste, die sie ihm gegenüber für einen Moment milder stimmte – zumindest, bis er den Mund öffnete.

„Reden Sie schon, Miss Walsh. Ich habe nicht den ganzen Abend Zeit.“

Das Lächeln verschwand von ihrem Gesicht. Um Himmels willen, war er immer so brüsk? Oder wurde diese spezielle Behandlung nur Fremden zuteil, die um eine Audienz bei ihm ersuchten?

Sie setzte sich gerade auf und sagte. „Jordan.“

„Wie bitte?“

„Mein Vorname ist Jordan.“

Er trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte, ehe er abrupt aufhörte und die Hand zur Faust ballte. „Ihr Akzent – sind Sie Australierin?“

„Ja, ich komme aus Melbourne.“ Sie hielt inne, atmete tief durch und öffnete ihre Tasche, um das rote, ledergebundene Tagebuch hervorzuholen. Sie öffnete den Verschluss, schlug es auf – und da waren sie: der versiegelte Umschlag und die beiden Fotos, wegen denen sie hergekommen war. „Bis vor Kurzem habe ich dort mit meiner Stiefmutter gelebt.“ Sie nahm eines der Fotos und hielt es ihm entgegen. „Camila Walsh.“

Er schaute das Bild an, doch seine Miene zeigte keinerlei Reaktion. Jordan wusste nicht, warum sie das enttäuschte. Natürlich würde er ihre Stiefmutter nicht erkennen.

Doch ihre Augen … Konnte er nicht sehen, dass es seine Augen waren?

„Ihr Mädchenname war Sanchez“, fuhr sie fort. „Sie kam ursprünglich aus einem kleinen Ort nördlich von hier.“

„War?“

Jordan zögerte. In den vergangenen zehn Tagen hatte sie sich von der Überzeugung tragen lassen, dass sie nicht nur das einzig Richtige tat, sondern dass es zudem auch eine gute Sache war.

Nach Wochen, in denen sie sich verloren und allein gefühlt hatte, ohne Job, ohne irgendjemanden auf der Welt, hatte sie ihren Flug nach Spanien gebucht und sich dabei beinahe euphorisch gefühlt.

„Sie starb vor sechs Wochen.“ Irgendwie schaffte sie es, die Worte ohne Zittern in der Stimme hervorzubringen. Sie starrte auf das Foto ihrer Stiefmutter.

„Mein Beileid.“

Sie sah auf. Es hatte ehrlich geklungen. „Danke.“ Dann atmete sie tief durch den Mund ein und langsam durch die Nase aus. So hatte Camila es ihr beigebracht, um mit stressigen Situationen umzugehen.

Sie wusste, er wartete darauf, dass sie ihm erklärte, warum sie hier war. Ob er schon eine Ahnung hatte? Sie musterte ihn, doch er wirkte absolut ungerührt.

„Camila war Ihre leibliche Mutter.“

Ihre Worte schienen von den Wänden widerzuhallen. Jordan wappnete sich innerlich, doch Xavier de la Vega schien unbeeindruckt.

„Haben Sie Beweise dafür?“

Sie blinzelte. Er wirkte so kühl und kontrolliert – sehr viel weniger emotional als alles, was sie erwartet hatte. Doch vermutlich war es ein Fehler, zu viel in seine Reaktion hineinzuinterpretieren. Mit sechsundzwanzig – und nach fünf Jahren als Krankenschwester in der Notaufnahme – hatte sie vieles gesehen und erlebt. Und eines wusste sie genau: Menschen reagierten auf lebensverändernde Nachrichten auf unterschiedliche Weise. Manche wirkten oberflächlich ruhig, doch darunter herrschte ein wahrer Tumult von Gefühlen.

Sie schob ihm das andere Foto zu. „Das sind Sie“, sagte sie, und ihr Herz schlug einen Purzelbaum bei dem Gedanken, dass dieses winzige, unschuldige Baby zu dem mächtigen und einschüchternden Mann herangewachsen war, der vor ihr saß.

Er beugte sich vor und schaute sich das Bild an. Dann lehnte er sich wieder zurück. „Das beweist gar nichts“, erklärte er abweisend. Er runzelte die Stirn. „Dieses Kind könnte praktisch jeder sein.“

Sie griff nach dem Foto und drehte es um. Die blaue Tinte auf der Rückseite war im Laufe der Zeit verblasst, doch Camilas Handschrift war noch lesbar.

„Da steht Ihr Vorname“, sagte sie und wartete. Er schien unwillig, sich die Fotografie noch einmal anzusehen. Doch als er es schließlich tat, sah sie, wie seine Augen groß wurden. „Und das Geburtsdatum darunter ist, soweit ich weiß …“

„Meines“, fiel er ihr ins Wort. „Es ist kein Geheimnis, dass ich adoptiert bin. Ein altes Foto mit meinem Vornamen und meinem Geburtsdatum muss gar nichts heißen.“

„Vielleicht nicht“, lenkte sie ein, entschlossen, die Nerven zu behalten. „Aber meine Stiefmutter hat mir Dinge erzählt. Dinge, die nur Ihre Adoptiveltern oder Ihre leibliche Mutter wissen können.“

Sein Blick wurde eisig. „Zum Beispiel?“

Nervös fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippe. „Vor fünfunddreißig Jahren arbeitete Regina Martinez als Haushälterin für Ihre Eltern“, begann sie und wiederholte damit das, was Camila ihr etwa einen Monat vor ihrem Tod anvertraut hatte. „Sie hatte eine achtzehnjährige unverheiratete Nichte, die schwanger wurde. Zur selben Zeit spielten Ihre Eltern bereits mit dem Gedanken, ein Kind zu adoptieren, nachdem Ihre Mutter mehrere Fehlgeburten gehabt hatte. Eine private Adoption wurde arrangiert, und kurz darauf wurden Sie geboren – in einer Privatklinik hier in Barcelona. Und danach haben sie Sie mit nach Hause genommen.“

Und die junge Camila war am Boden zerstört gewesen, auch wenn ihr keine andere Wahl geblieben war. Mit der Alternative – als unverheiratete Mutter unter dem Dach ihres strengen Vaters in einem konservativen Dorf zu leben – hätte sie weder sich selbst noch ihrem Kind einen Gefallen getan.

Jordan wusste sehr gut, wie es sich anfühlte, von der eigenen Mutter nicht gewollt zu sein. Sie hoffte, dass Xavier die Entscheidung seiner leiblichen Mutter nicht als Akt der Zurückweisung, sondern der Liebe sehen würde.

Sie wartete angespannt darauf, dass er etwas sagte. Natürlich war es mehr als nachvollziehbar, dass er ein paar Minuten brauchte, um zu verarbeiten, was sie gesagt hatte.

„Was wollen Sie, Miss Walsh?“

Sie blinzelte. Die Frage und sein eisiger Tonfall kamen für sie völlig überraschend. „Wie bitte?“

„Geld?“

Sie starrte ihn an. „Geld?“, wiederholte sie.

Sein Blick war durchdringend. „Es ist allgemein bekannt, dass meine Familie zu den wohlhabendsten in ganz Spanien gehört. Sie wären nicht die erste Person, die versucht, sich auf diese Weise Almosen zu erschleichen.“

„Almosen?“ Sie konnte nicht fassen, was sie da hörte. „Das ist beleidigend.“

„Ziemlich“, gab er zu. „Deshalb frage ich Sie noch einmal: Was wollen Sie, Miss Walsh?“

Jordans Herz hämmerte wie verrückt. Wie, um Himmels willen, konnte dieser arrogante, befehlshaberische Mann der Sohn ihrer Stiefmutter sein?

Camila war sanft und liebevoll gewesen und hatte stets das Beste im Menschen gesehen, ganz gleich, wie sehr sie in ihrem Leben auch gelitten hatte.

Jordan schaute den Umschlag an, den sie zwischen die Seiten ihres Tagebuchs gesteckt hatte. Sie hatte ihn um die halbe Welt bis hierher gebracht und war nicht ein einziges Mal versucht gewesen, einen Blick hineinzuwerfen.

Der Brief, der sich darin befand, war eine private Angelegenheit. Die Worte einer sterbenden Frau an ihren Sohn.

Sie hob das Kinn und schaute ihm in die Augen, um ihn wissen zu lassen, dass sie sich von ihm nicht einschüchtern ließ. Dass es nichts gab, wegen dem sie sich schämen müsste.

Sie hielt den Umschlag hoch. „Ich bin hier, um Ihnen das hier zu geben.“

„Und was ist das?“

„Ein Brief von Ihrer leiblichen Mutter.“

„Camila Walsh?“

„Ja. Von Ihrer leiblichen Mutter.“

„Eine Behauptung, die bisher noch nicht bewiesen ist.“

Jordan widerstand nur mit Mühe der Versuchung, ihrer Frustration Luft zu machen, indem sie die Faust auf den Tisch sausen ließ. Sie war niemand, der bei der kleinsten Provokation gleich an die Decke ging. Sie war glücklich darüber, das flammend rote Haar ihrer Mutter geerbt zu haben, aber – zum Glück! – nicht deren Persönlichkeit.

Ärger stieg in ihr auf. Allem voran auf sich selbst, weil sie eine solche Situation nicht vorhergesehen hatte.

Das hier war das Letzte, was sie für ihre Stiefmutter noch tun konnte. Für die Frau, deren Liebe und Freundlichkeit dabei geholfen hatten, die Wunden zu heilen, die ihre richtige Mutter bei ihr hinterlassen hatte.

Und, so beschämend der Gedanke auch sein mochte, Jordan hatte sich in ihrem Kopf eine kleine Fantasie zurechtgelegt. Sie hatte sich vorgestellt, dass sie Freundschaft mit Camilas Sohn schließen und eine geschwisterliche Beziehung zu ihm aufbauen könnte. Ein lachhafter Gedanke, wie sie jetzt feststellen musste.

Dies war ganz sicher nicht der Mann, mit dem sie eine solche Beziehung haben konnte. Sie mochte ihn nicht einmal. Genau genommen entsprach er allem, was sie nicht ausstehen konnte. Er war arrogant. Überheblich. Gefühllos. Ein selbsternannter Halbgott im maßgeschneiderten Anzug, der sein Königreich von seinem Elfenbeinturm aus regierte.

Und wenn Jordan sich mit einem auskannte, dann mit Männern, die unter einem Gottkomplex litten. Sie war mit einem Chirurgen ausgegangen, dessen Ego die Größe des Opernhauses von Sydney besaß. Schlimmer noch, sie war bei ihm eingezogen und hatte entschieden, dass sie ihn liebte.

Sie zügelte ihre Gedanken und konzentrierte sich auf das kalte, attraktive Gesicht des Mannes vor ihr. Und dann traf sie eine Bauchentscheidung. „Ich glaube nicht, dass Sie bereit für diesen Brief sind, Mr. de la Vega.“

Die Wahrheit war vielmehr, dass sie nicht bereit war, ihn aus der Hand zu geben. Was, wenn er ihn nicht mit dem Respekt behandelte, der ihm gebührte? Was, wenn er ihn wegwarf, ohne ihn auch nur gelesen zu haben?

Sie steckte den Umschlag wieder in ihr Tagebuch und riss ganz hinten eine leere Seite heraus. Dann nahm sie einen Stift aus ihrer Tasche und schrieb ihre Handynummer auf. „Ich werde noch ein paar Tage im Hostel Jardí bleiben und von dort aus nach Mallorca und dann nach Madrid weiterreisen.“ Sie legte das Blatt auf seinen Tisch. „Wenn Sie mich erreichen möchten, das hier ist meine Nummer.“ Sie packte ihre Sachen wieder in die Tasche und schlang sich den Träger über die Schulter. „Vielen Dank, dass Sie mich empfangen haben, Mr. de la Vega.“ Dann drehte sie sich um.

„Miss Walsh.“

Seine tiefe Stimme und sein Kommandoton ließen sie innehalten. Ihr Herz klopfte heftig. Hatte er es sich doch anders überlegt? War ihm womöglich bewusst geworden, wie furchtbar er sich verhalten hatte?

Sie hielt den Atem an, drehte sich um – und erlebte eine Enttäuschung. Er stand da und hielt ihr das Foto entgegen, das sie auf dem Tisch hatte liegen lassen. Es war das Bild, das ihn selbst als Baby zeigte. „Sie haben das hier vergessen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Es gehört Ihnen. Behalten Sie es – oder werfen Sie es weg. Ihre Entscheidung.“ Sie ging weiter, und auf dem ganzen Weg bis zur Tür spürte sie seinen Blick in ihrem Rücken. Doch er rief sie nicht noch einmal zurück.

Sie ging am Schreibtisch seiner Assistentin vorbei, die sich halb erhob, als Jordan den Kopf schüttelte. „Ich finde schon hinaus, vielen Dank.“

Als sie etwas später durch den Haupteingang auf den Gehweg trat, atmete sie tief durch.

Was sollte sie nun mit dem Brief ihrer Stiefmutter anfangen?

2. KAPITEL

„Ich habe die Papiere ausfindig gemacht“, erklärte Roberto Fuentes, langjähriger Anwalt und Freund der Familie de la Vega am anderen Ende der Leitung. Dann zögerte er, und Xav spürte, wie seine eiserne Selbstbeherrschung für einen Moment ins Schwanken geriet.

Er stand auf und presste sein Handy fest ans Ohr. Drei große Schritte brachten ihn zu dem riesigen Panoramafenster, von dem aus man einen fantastischen Blick über die ganze Stadt hatte.

„Der Mädchenname deiner Mutter war Camila Sanchez“, fuhr Roberto weiter fort.

Xavs Blut schien sich in Eiswasser zu verwandeln, dabei hatte der Anwalt nur bestätigt, was er längst geahnt hatte. Er stützte sich mit dem linken Arm am Fenster ab, weil er sich plötzlich schwach auf den Beinen fühlte.

„Xavier?“

„Ich habe gehört, was du gesagt hast, Roberto.“ Er trat vom Fenster weg und wieder zu seinem Schreibtisch. „War sie mit jemandem verwandt, der für meine Eltern gearbeitet hat?“

Wieder dieses Zögern. „Bei allem Respekt, Xavier, aber das ist eine Unterhaltung, die du mit Elena und Vittorio führen solltest. Sie haben immer gesagt …“

„Nein“, fiel Xavier ihm ins Wort. Er wusste, was seine Eltern immer sagten. Dass sie ihn liebten und dass sich daran nie etwas ändern würde. Und genau so war es auch immer gewesen. Schon ganze fünfunddreißig Jahre lang.

Nicht einmal, als plötzlich und unerwartet sein jüngerer Bruder Ramon – das Wunderkind, von dem die Ärzte ihrer Mutter versichert hatten, dass sie es nie haben würde – zur Welt gekommen war.

Seine Eltern sagten auch immer, dass sie ihn unterstützen würden, sollte er sich eines Tages entschließen, seine biologische Familie ausfindig machen zu wollen. Er hatte dieses Angebot niemals in Anspruch genommen, aber er wusste, dass sie ihr Wort halten würden.

Vittorio und Elena de la Vega waren gute Menschen. Gute Eltern. Xav hatte über die Jahre hart gearbeitet, um sie stolz zu machen. Hatte noch härter gearbeitet, um auch die entferntere Verwandtschaft zu überzeugen, die ihn nie als würdig betrachtet hatte, den Namen de la Vega zu tragen.

Nein, ganz gleich, ob sich sein Anwalt nun gut dabei fühlte oder nicht – er würde seine Eltern nicht in diese Sache mit hineinziehen. Er würde sie beschützen. Zumindest, bis ihm klar war, womit – oder mit wem – er es zu tun hatte.

Er setzte sich an den handgeschnitzten Eichenschreibtisch, der seit vier Generationen zusammen mit der Rolle des Hauptgeschäftsführers vom Vater an den ältesten Sohn weitergegeben wurde.

„Diese Unterhaltung bleibt unter uns“, sagte er. „Haben wir uns verstanden?“

„Wie du willst“, erwiderte der ältere Mann mit einem resignierten Seufzen. „Einen Moment …“

Xav hörte, wie mit Papier geraschelt wurde. Dann ergriff Roberto erneut das Wort.

„Ah … ja, jetzt erinnere ich mich. Miss Sanchez war die Nichte der Haushälterin deiner Eltern. Die Adoption war privat, alle Formalitäten liefen über dieses Büro.“

Xav schwieg einen Moment, während er die Informationen verarbeitete, die er gerade erhalten hatte. Schließlich sagte er: „Gracias, Roberto. Ich danke dir für deine Hilfe – und Diskretion.“ Danach beendete er das Gespräch, nur um sofort den nächsten Anschluss zu wählen.

Der Sicherheitsspezialist der Vega Corporation ging beim ersten Klingeln an den Apparat. „Ich habe Ihnen gerade das Dossier zugemailt“, sagte der Mann ohne Einleitung.

„Irgendetwas Alarmierendes?“

„Nichts. Ein paar Parkverstöße, aber das war’s auch schon. Sie ist Single und Krankenschwester in der Notaufnahme, zurzeit arbeitslos. Auf sozialen Plattformen nur mäßig aktiv. Mutter lebt in Nordamerika, der Vater ist verstorben und … ja, er war mit einer Camila Walsh, geborene Sanchez, verheiratet – inzwischen ebenfalls verstorben.“ Er hielt inne. „Sie scheint mir relativ harmlos.“

Xav presste die Lippen zusammen. Jeder Mann, der Frauen für harmlos hielt, war ein Narr. Er wusste aus Erfahrung, dass sie das nicht waren. Dieses Wissen war ein Grund, warum er in den letzten zehn Jahren seine Affären mit äußerster Sorgfalt ausgewählt hatte – und weshalb er bei der Wahl einer Ehefrau ebenso besonnen vorging.

„Und die Überwachung?“

„Wir haben sie noch immer im Blick. Sie war bis ein Uhr in einem Club. Heute Morgen hat sie das Hostel noch nicht verlassen.“

Xav runzelte die Stirn. Jordan Walsh war also ein arbeitsloses Partygirl? „Halten Sie mich über ihre Bewegungen auf dem Laufenden. Ich werde Sie informieren, sollte ich darüber hinaus etwas benötigen.“

Er legte auf, öffnete seinen Laptop und rief den Posteingang auf, in dem sich, wie versprochen, das Dossier befand. Er überflog den ersten Absatz, der lediglich die grundlegenden Daten aufführte. Das – und ein Foto.

Autor

Angela Bissell
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