Spiel nicht mit meiner Liebe, John

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Sündhaft sexy und verführerisch charmant: Der attraktive Kasinobesitzer John Fairweather bringt die Wirtschaftsprüferin Constance schier um den Verstand. Wie soll sie mit kühlem Kopf seine Bücher kontrollieren, wenn John sie plötzlich mit einem prickelnd heißen Kuss überrascht? Gegen jede Vernunft lässt Constance sich zu einer Nacht der Leidenschaft hinreißen. Doch kaum gesteht sie sich ein, dass sie ihr Herz an John verloren hat, macht sie eine folgenschwere Entdeckung. Hin- und hergerissen zwischen Pflicht und Liebe, muss sie eine dramatische Entscheidung treffen …


  • Erscheinungstag 22.09.2015
  • Bandnummer 1891
  • ISBN / Artikelnummer 9783733721411
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Sieh zu, dass du sie so schnell wie möglich loswirst. Sie ist gefährlich.“

John Fairweather funkelte seinen Onkel böse an. „Du spinnst. Rede dir doch nicht ein, dass dir jeder am Zeug flicken will.“

Obwohl er es nicht offen zugeben wollte, war jedoch auch John nervös: Das Bureau of Indian Affairs – die für Indianer zuständige Behörde – hatte eine Wirtschaftsprüferin beauftragt, in den Bilanzen des New Dawn herumzuschnüffeln. John ließ den Blick durch die luxuriöse Eingangshalle des Hotels mit dem angegliederten Kasino schweifen. Das freundliche Personal, die glänzenden Marmorböden, die Gäste – es gab nichts, was ihm an diesem Ort nicht gefiel. Hier ging es absolut korrekt zu, das wusste er. Trotzdem …

„John“, erwiderte sein Onkel, „du weißt ebenso gut wie ich, dass die US-Regierung für Indianer nicht viel übrig hat.“

„Wir wurden schließlich offiziell als Stamm anerkannt; wir haben unsere Chance genutzt und dies alles aufgebaut. Nur die Ruhe, Don, das ist reine Routine.“

„Du hältst dich für was Besseres mit deinem Harvard-Abschluss und deinem festen Platz in der Liste der umsatzstärksten Unternehmen. Aber für die bist du bloß einer von vielen Indianern, die Uncle Sam das Geld aus der Tasche ziehen wollen.“

„Das will ich gar nicht!“, entgegnete John heftig. „Du bist keinen Deut besser als die verfluchten Medien. Wir haben jede Menge Arbeit in diesen Laden gesteckt und es uns redlich verdient, Profit daraus zu ziehen. Genau wie vorher mit der Softwarefirma.“ John sah auf die Uhr. „Wo bleibt sie überhaupt? Ich habe noch einen Termin mit dem Bauleiter wegen der Arbeiten an meinem Haus.“

In dem Moment betrat eine junge Frau mit einer Brille auf der Nase und einem Aktenkoffer in der Hand das Hotel.

„Wetten, das ist sie?“, meinte Don.

„Unsinn! Die ist nicht mal alt genug, um den Führerschein zu machen.“

Unschlüssig blieb die Frau im Foyer stehen und schaute sich um.

„Flirte mir ihr“, flüsterte sein Onkel. „Lass den berühmten Fairweather-Charme spielen.“

„Du hast sie doch nicht mehr alle!“ John beobachtete, wie die Frau zur Rezeption ging. Sie sprach mit dem Angestellten, der nun auf John deutete. „Vielleicht ist sie es tatsächlich.“

„Sieh sie dir an. Die hat wahrscheinlich noch nie einen Mann geküsst“, sagte Don leise. „Mach ihr schöne Augen, verdreh ihr den Kopf, dann wird sie ganz schnell Reißaus nehmen.“

„Schön wär’s, wenn du das tätest. Mach dich vom Acker, sie kommt.“ John setzte ein Lächeln auf und lief der Frau entgegen. „John Fairweather, und Sie sind sicher Constance Allen.“ Er schüttelte ihre Hand. Sie war weich und klein, der Händedruck zaghaft. Die Frau wirkte nervös.

„Guten Tag, Mr Fairweather.“

„Nennen Sie mich bitte John.“

Sie trug ein locker geschnittenes blaues Kostüm und eine cremefarbene Bluse. Das Haar hatte sie zu einer Art Knoten hochgesteckt. Von Nahem sah sie immer noch sehr jung aus, und sie war hübsch. „Bitte entschuldigen Sie die Verspätung. Ich habe die falsche Ausfahrt erwischt.“

„Kein Problem. Waren Sie schon mal in Massachusetts?“

„Nein, ich bin zum ersten Mal hier.“

„Dann herzlich willkommen in unserem Staat und auf dem Stammesgebiet der Nissequot.“ Manche hielten diesen Satz für abgedroschen, aber John gefiel er. „Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“

„Nein danke!“ Sie blickte zur Bar und klang so entsetzt, als hätte er ihr gerade einen Whiskey aufgedrängt.

„Ich meinte, Tee oder Kaffee.“ John schmunzelte. „Unsere Gäste wollen entspannen und sich amüsieren; einige trinken deshalb tagsüber gerne mal einen Schluck. Doch wir arbeiten hier und halten uns damit lieber zurück.“ Zu seinem Leidwesen bemerkte er, dass Don sich weiterhin in der Nähe herumdrückte. „Das ist übrigens mein Onkel Don Fairweather.“

Die Frau rückte ihre Brille zurecht und gab Don die Hand. „Freut mich.“

Sei dir da nicht so sicher, wollte John beinahe sagen. Aber hier ging es ums Geschäft. „Ich bringe Sie jetzt nach oben ins Büro, Ms Allen. Don, tust du mir einen Gefallen? Siehst du mal nach, ob im Ballsaal alles für die Konferenz vorbereitet ist?“

Mit sichtlichem Widerwillen verzog Don sich daraufhin.

John seufzte erleichtert auf. Mit Familienmitgliedern zusammenzuarbeiten war nicht immer leicht, letztendlich zahlte es sich jedoch aus. „Geben Sie mir Ihre Tasche, die sieht schwer aus.“

Die Frau zuckte zurück, als er danach greifen wollte. „Geht schon, danke.“

„Keine Angst, wir beißen nicht. Nicht oft jedenfalls.“ Vielleicht sollte ich wirklich mit ihr flirten, überlegte John. Womöglich würde sie dadurch ein bisschen lockerer werden.

Eingehend musterte er sie. Die Frau war doch nicht so jung, wie er zunächst angenommen hatte. Sie war zierlich, aber ihre Miene wirkte resolut. Offenbar wollte sie ihm zeigen, dass sie ihren Job – und sich selbst – sehr ernst nahm. Auf einmal verspürte er größte Lust, sie ein wenig herauszufordern.

„Darf ich Sie Constance nennen?“, fragte er, während er sie zum Aufzug begleitete. Sie wirkte skeptisch, willigte aber ein. „Ich weiß natürlich, dass Sie zum Arbeiten hier sind. Trotzdem hoffe ich, Sie können Ihren Aufenthalt im New Dawn auch ein bisschen genießen. Um neunzehn Uhr findet im Quinnikomuk-Saal eine Liveshow statt, und Sie sind herzlich eingeladen.“

„Dafür habe ich keine Zeit“, erwiderte sie schroff und fixierte die Fahrstuhltüren.

„Ihre Mahlzeiten gehen selbstverständlich aufs Haus. Unsere Küche kann sich mit jedem Feinschmeckerlokal in Manhattan messen.“ Es machte John jedes Mal froh, wenn er damit etwas angeben konnte. „Das mit der Show sollten Sie sich übrigens noch einmal überlegen. Heute Abend tritt Mariah Carey auf; die Tickets sind seit Monaten ausverkauft.“

Die Türen glitten auf, und Constance eilte in die Kabine. „Das ist sehr freundlich, Mr Fairweather. Aber …“

„John, bitte.“

„Aber ich bin hier, um zu arbeiten“, ergänzte sie. „Es wäre nicht sehr angebracht, irgendwelche … Vergünstigungen anzunehmen.“ Sie schob ihre Brille hoch und spitzte die Lippen. Diesen Mund zu küssen muss aufregend sein, dachte John plötzlich. Sie hatte so schöne Lippen, voll und geschwungen …

„Fassen Sie das bitte nicht als Bestechung auf, Constance. Ich bin einfach stolz auf das, was wir hier aufgebaut haben. Und deshalb möchte ich so viele Menschen wie möglich daran teilhaben lassen. Ist das etwa verkehrt?“

„Das möchte ich nicht beurteilen.“

Sobald sie das Stockwerk mit den Geschäftsräumen erreicht hatten, stürmte Constance aus dem Lift. John Fairweather hatte etwas an sich, das sie extrem beunruhigte. Er war ein großer, kräftiger Mann mit breiten Schultern. Sogar die recht große Aufzugkabine war ihr eng vorgekommen, solange sie mit ihm darin eingesperrt gewesen war.

Unschlüssig blieb sie im Korridor stehen. Ihre Verspätung hatte sie total aus dem Konzept gebracht. Eigentlich hatte sie eine halbe Stunde früher ankommen wollen; doch dann hatte sie die falsche Ausfahrt erwischt, sich verfranzt und …

„Hier entlang, Constance.“ Lächelnd bot John ihr seine Hand. Er zog sie jedoch sofort zurück, als Constance sie ignorierte.

Wenn er bloß diesen aufgesetzten Charme abschalten würde, dachte sie. Markante Züge, feurige Augen – damit kann er bei mir nicht landen.

„Wie gefällt Ihnen unser Bundesstaat bisher?“, erkundigte er sich.

Wieder dieser Charme. Der Typ hielt sich bestimmt für ziemlich heiß. „Dazu kann ich nicht viel sagen. Außer dem Mittelstreifen der Autobahn hab ich nicht viel gesehen.“

Er lachte. „Das müssen wir ändern.“ Er öffnete die Tür zu einem geräumigen Büro. Vier der fünf Arbeitsplätze darin waren leer. „Hier ist unsere Schaltzentrale.“

„Wo sind denn alle?“

„Im Kasino. Jeder von uns verbringt eine gewisse Zeit im Service, dem Herzen unseres Geschäfts. Katy hier nimmt Anrufe entgegen und erledigt die Ablage“, sagte er und stellte ihr damit die hübsche Brünette in der pinkfarbenen Bluse vor. „Don ist für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich. Ihn haben Sie ja bereits kennengelernt. Stew ist unser Mann vom Bau. Er ist sicher unterwegs, um irgendwo irgendwas zu reparieren. Rita ist für die IT zuständig und sieht sich heute in Boston neue Server an. Die Buchhaltung übernehme ich selbst.“ Er lächelte. „Ich kann Ihnen also die Bücher zeigen.“

Na toll, dachte Constance missmutig. Johns warmer Blick löste etwas äußerst Merkwürdiges in ihrer Magengegend aus. Offensichtlich war er es gewohnt, dass die Frauen ihm aus der Hand fraßen; zum Glück war sie immun gegen solchen Unsinn. „Wieso stellen Sie keinen Buchhalter ein? Haben Sie als Geschäftsführer nicht genug zu tun?“

„Zugleich bin ich außerdem der Finanzchef. Ich lege großen Wert darauf, alles Finanzielle selbst zu regeln. Vielleicht bin ich auch einfach nur zu misstrauisch.“ Er ließ seine makellosen weißen Zähne aufblitzen. „Die Verantwortung liegt letztlich genau hier.“ Dabei tippte er sich auf den Aufschlag der eleganten Anzugjacke.

Er schien sie förmlich dazu aufzufordern, einen Fehler in seinen Bilanzen zu entdecken – das war der Eindruck, den Constance nach dieser Bemerkung bekam. Dass er persönlich die Verantwortung übernahm, gefiel ihr allerdings.

„Es ist ein Familienunternehmen“, fügte er hinzu. „Im Büro arbeiten viele Stammesangehörige. Wir vergeben aber auch Aufträge an lokale Firmen: Drucksachen, das Webdesign, den Wachdienst und so. Schließlich soll die gesamte Region ein Stück vom Kuchen abbekommen.“

„Wo finde ich denn überhaupt die nächste Ortschaft? Ich habe ein Zimmer im Cozy Suites gebucht. Das muss ganz in der Nähe liegen. Auf dem Weg hierher habe ich es jedoch nicht gesehen.“

John schmunzelte. „Die nächste Stadt ist Barnley. Aber keine Bange, wir bringen Sie natürlich bei uns unter. Wir sind zwar ausgebucht, doch die Rezeption kann sicher was arrangieren.“

„Ich würde lieber außerhalb unterkommen. Wie gesagt, ich lege größten Wert auf Objektivität.“

„Wie Ihre Unterbringung Ihre Objektivität beeinträchtigen sollte, verstehe ich nicht ganz“, gab John zurück und betrachtete sie mit seinen dunklen Augen. „Sie wirken nicht wie jemand, der für Schmeicheleien anfällig ist.“

„Stimmt“, antwortete sie viel zu schnell. „Mein Urteil lasse ich durch nichts beeinflussen.“

„Und das Schöne an Zahlen ist, dass sie nie lügen.“ Er sah sie fest an.

Constance hielt seinem Blick stand, obwohl sich ihr Puls beschleunigte und sie kaum atmen konnte. Was bildete der Kerl sich ein, sie derart anzuglotzen?

Am Ende war sie jedoch diejenige, die den Blickkontakt unterbrach. Es kam ihr vor, als hätte sie einen Zweikampf verloren. Egal, den Krieg würde sie gewinnen. Natürlich logen die Zahlen nicht – aber die Leute, die mit ihnen arbeiteten, taten es gelegentlich. Seit sie in der Wirtschaftsprüfung arbeitete, hatte sie einige raffinierte Tricksereien erlebt. Nun hatte das Bureau of Indian Affairs – das BIA – die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Creighton Waterman beauftragt: Für ihren Arbeitgeber sollte Constance die Buchhaltung des New Dawn inspizieren. Sie sollte sich vergewissern, dass das Kasino seine Einnahmen ordnungsgemäß versteuerte und niemand in die eigene Tasche wirtschaftete.

Es kostete sie Überwindung, John jetzt wieder anzusehen. „Ich bin darauf spezialisiert, hinter die imposanten Zahlen in den Geschäftsberichten der Unternehmen zu blicken. Sie wären überrascht, was alles zum Vorschein kommt, wenn man tief genug gräbt.“ Sie freute sich beinahe darauf, die Kontobewegungen des New Dawn mit den offiziellen Geschäftsbüchern abzugleichen. Natürlich konnte sie nicht jeden einzelnen Posten nachprüfen. Doch sie würde es sofort merken, wenn hier nicht alles mit rechten Dingen zuging.

„Der Stamm der Nissequot begrüßt eine gewissenhafte Untersuchung“, erklärte er salbungsvoll, und sein Lächeln verursachte erneut ein flaues Gefühl in ihrem Magen. „Ich bin überzeugt, dass Sie zu einem zufriedenstellenden Ergebnis kommen werden.“

Mit einer Handbewegung bedeutete er ihr, eines der angrenzenden Büros zu betreten. Schnell huschte Constance an ihm vorbei; sie befürchtete, dass er sie sonst berühren könnte. Das Zimmer war geräumig, aber zweckmäßig eingerichtet. Hinter dem riesigen Schreibtisch aus glänzend poliertem Holz stand ein großer, lederner Bürostuhl, zwei weitere befanden sich davor. Der einzige Schmuck bestand aus einem Wandkalender des Hotels. Druckausgaben der Geschäftsberichte der letzten drei Jahre lagen auf der Schreibtischplatte, Aktenschränke säumten eine Wand. In einer Ecke stand ein runder Tisch mit vier Stühlen. Ihr dämmerte, dass es sich um sein eigenes Büro handelte.

John öffnete eine Schublade. „Die täglichen Kassenbelege, nach Datum sortiert. Jeden Morgen rechne ich als Erstes diese Zahlen nach.“

Seine Hand ruhte auf dem neuesten Geschäftsbericht, seine Finger gruben sich in den Hochglanzumschlag. Er hatte wirklich außergewöhnlich große Hände. Überhaupt sah er so gar nicht aus wie die Finanzchefs, die Constance bisher kennengelernt hatte. Ein Grund mehr, die Augen offen zu halten.

„Machen Sie es sich bequem.“ Er wies auf den Stuhl, seinen Stuhl. Um dort hinzugelangen, musste Constance dicht an John vorbeigehen. Sie streifte ihn, und sofort überlief sie eine Gänsehaut. Aber es kam noch schlimmer: Er zog einen zweiten Stuhl heran und setzte sich direkt neben sie. Dann schlug er den aktuellsten Bericht auf, auf dessen Umschlag eine stattliche Eiche prangte. Er zeigte auf die Ertragszahlen oben auf der ersten Seite. „Sehen Sie selbst: Wir machen hier keine halben Sachen.“

Einundvierzig Millionen Dollar Reingewinn – das war in der Tat nichts Halbes. „Ich kenne die Geschäftsberichte bereits“, sagte sie. „Mich interessieren die Rohdaten.“

Aus einer der Schreibtischschubladen holte er einen Laptop hervor und rief ein paar Seiten auf. „Mit diesen Daten haben Sie direkten Zugriff auf den Tagesbetrieb. Damit sollten Sie in der Lage sein, alle nötigen Informationen zu finden.“

Constance machte große Augen: John gab ihr tatsächlich Zugang zu den tagesaktuellen Einnahmen und Ausgaben. Selbstverständlich war es möglich, dass diese Zahlen getürkt waren. Doch vor allem beeindruckte es sie, wie flink er zwischen den Fenstern auf dem Bildschirm wechselte; dabei waren seine Finger breit genug, um zwei Tasten zugleich zu betätigen. Sie bemerkte außerdem den angenehmen Duft, der ihn umgab. Und der dunkelgraue Anzug setzte seinen gut gebauten Körper sehr vorteilhaft in Szene. All das fiel ihr nun besonders auf, nachdem er ja nur wenige Zentimeter von ihr entfernt saß.

„Diese Dokumente enthalten die monatlichen Berichte, die ich über sämtliche Geschäftsaktivitäten führe“, erläuterte er. „Wenn unerwartete Ereignisse auftreten, mache ich mir eine Notiz.“

„Was meinen Sie mit ‚unerwartet‘?“ Erleichtert riss sie sich vom Anblick der feinen dunklen Härchen auf seinem Handrücken los.

„Verdächtig hohe Gewinne, ein Hausverbot, Beschwerden aus der Öffentlichkeit oder vom Personal. Man muss auf die kleinsten Details achten, dann wird man von den großen Problemen nicht kalt erwischt.“

„Klingt vernünftig.“ Constance lächelte ihn an. Wieso eigentlich? überlegte sie dann und hatte zunächst keine Antwort darauf. Vermutlich gehörte sich so etwas im Berufsleben. Hoffte sie zumindest. Er hatte sie angestrahlt, und so hatte ihr Gesicht diesen Ausdruck unwillkürlich widergespiegelt.

Sofort rief sie sich zur Ordnung. Dieser Mann schien zu ahnen, welche Wirkung er auf sie hatte.

„Wieso veröffentlichen Sie einen Geschäftsbericht, obwohl Sie nicht als Aktiengesellschaft firmieren?“, wollte sie wissen.

„Ich muss mich nicht gegenüber Investoren verantworten wie eine AG. Aber dafür trage ich eine viel größere Verantwortung: Ich stehe gegenüber den Nissequot in der Pflicht.“

Der Stamm der Nissequot bestand im Wesentlichen aus Johns unmittelbaren Angehörigen, das hatte Constance im Internet gelesen. Das Reservat existierte nur dank einer großzügigen Auslegung der Lokalhistorie und war allein deshalb gegründet worden, damit der Stamm das extrem lukrative Kasino betreiben konnte. „Um wie viele Personen handelt es sich dabei?“

„Hier leben etwa zweihundert Menschen. Vor ein paar Jahren waren wir bloß zu viert, in fünf Jahren werden wir hoffentlich einige Tausend sein.“ Wieder dieses Lächeln.

Constance zwang sich, den Bildschirm anzusehen. „Mit der Aussicht auf einen Anteil an einundvierzig Millionen Dollar ist es vermutlich nicht schwer, die Leute anzulocken.“

Als er schwieg, schaute sie auf. Sie bemerkte, dass er sie scharf musterte.

„Ausschüttungen an Einzelpersonen gibt es bei uns nicht“, antwortete er schließlich. „Wir ermutigen die Stammesangehörigen, hier zu leben und mitzuarbeiten. Unser Gewinn wird treuhänderisch verwaltet. Das Geld fließt in Projekte, die dem gesamten Stamm zugutekommen.“

Sie räusperte sich verlegen. „Tut mir leid, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“

„Schon gut.“ Er blieb freundlich, lächelte jedoch nicht mehr. „Vielleicht kämen wir tatsächlich schneller voran, wenn wir Schecks verteilen würden. Aber mir ist es lieber, wenn sich alles ein wenig langsamer entwickelt. Die Leute sollen kommen, weil sie es selber möchten.“

„Verständlich.“ Sie setzte ein Lächeln auf und überlegte unwillkürlich, ob es überzeugend rüberkam. Dieser John Fairweather verunsicherte sie. Er … war unglaublich attraktiv. Mit einem Mann wie ihm hatte sie nie zuvor zu tun gehabt. Die meisten ihrer Kollegen waren eher in sich gekehrt und vom langen Sitzen am PC aus der Form geraten. John Fairweather verbrachte zwar ebenfalls viel Zeit hinter dem Schreibtisch; das bewies die Fülle an Material, das er ihr gezeigt hatte. Und trotzdem – so braun gebrannt und stark wie die Eiche auf dem Cover des Geschäftsberichts – wirkte er wie jemand, der sich den ganzen Tag im Freien aufhielt.

„Alles in Ordnung?“

Mit Mühe riss sie sich von diesen völlig unangebrachten Gedanken los. „Ich glaube, ich hätte jetzt doch gerne eine Tasse Tee.“

Constance lag in ihrem Bett im Motel Cozy Suites und starrte im Dunkeln auf die Umrisse des Deckenventilators. Sie war viel zu aufgeputscht, um Ruhe zu finden. Dabei hatte sie Schlaf bitter nötig: Morgen musste sie sich im Kasino auf die Zahlen konzentrieren und eine gute Leistung abliefern, denn sie wollte ihre Vorgesetzte beeindrucken. Vielleicht konnte sie dann um eine Gehaltserhöhung bitten, um sich endlich eine Anzahlung auf ein Haus leisten zu können. Es war allerhöchste Zeit, dass sie bei ihren Eltern auszog.

Direkt nach dem Studium knapp bei Kasse zu sein und daraufhin wieder zu Hause einziehen zu müssen war eine Sache. Aber sechs Jahre später immer noch dort zu wohnen, obwohl man eigentlich gut verdiente …

In den Augen von Constances Eltern war die Welt voller Sünder, vor denen man sich in Acht nehmen musste. Als sie den beiden von ihrer Reise nach Massachusetts und ihrem Auftrag im Spielkasino berichtet hatte, waren sie entsetzt gewesen. Sie hatten beinahe so reagiert, als wollte Constance ihre gesamten Ersparnisse am Würfeltisch verspielen. Dabei war es eine große Ehre, mit einem derart wichtigen Regierungsauftrag betraut zu werden. Constance hatte ihnen das klarmachen wollen, doch ihre Eltern hatten auf ihren üblichen Ermahnungen – „Halte dich fern von schlechten Menschen!“ – beharrt. Und sie hatten ihr Angebot wiederholt, dass Constance jederzeit im elterlichen Baumarkt mitarbeiten konnte.

Ein Leben lang Farbe zu mischen – nein, darauf hatte sie keine Lust. Natürlich bemühte Constance sich, eine gute Tochter zu sein. Aber sie war intelligent und wollte das tun, was sie am besten konnte. Wenn sie dafür die Staatsgrenze überschreiten und sich ein paar Sündern stellen musste, nahm sie das in Kauf.

Außerdem war sie ja hergekommen, um Missetaten aufzudecken; sie gehörte also ganz klar zu den Guten.

Constance drehte sich nun auf die Seite, damit die grüne Leuchtanzeige des Weckers auf dem Nachttisch sie nicht störte. Wenn sich das Gedankenkarussell bloß abschalten ließe!

Ein schriller Ton ließ sie aufschrecken. Abrupt setzte Constance sich auf. An der Decke blinkte mit einem Mal ein grelles Licht, das sie blendete. Blind suchte sie nach dem Schalter der Nachttischlampe, fand ihn aber nicht. Das Schrillen zerrte an ihren Nerven.

Was ist los? Als sie endlich ihre Brille gefunden hatte, stand sie auf und tastete sich an der Wand entlang zum Lichtschalter. Er funktionierte nicht. Auch die Digitalanzeige des Radioweckers war erloschen. Plötzlich ergoss sich eiskaltes Wasser über sie. Constance japste nach Luft und hustete. Die Sprinkleranlage! Es brennt! Sofort rannte sie zur Tür. Im selben Moment fiel ihr jedoch die Aktentasche ein, in der sich ihr Laptop und ihre Geldbörse befanden. Auf der Suche danach bewegte sie sich vorsichtig durch die fremde Umgebung, die nur sporadisch vom Aufblitzen des Feuermelders erleuchtet wurde. Gerade hatte sie sie neben dem Schrank entdeckt, als sie den Qualm roch.

Constance schnappte sich die Tasche und hetzte zum Ausgang. Adrenalin rauschte durch ihre Adern. Sie hatte die Kette vorgelegt; es dauerte einige qualvolle Sekunden, bis sie die Tür geöffnet hatte. Auch die anderen Gäste eilten über den Flur und strömten nach draußen in die Nacht. Aus dem Raum zwei Türen weiter quoll dichter Rauch.

Sie hatte ihre Schuhe vergessen. Und ihre Klamotten. Mit dem Pyjama war sie einigermaßen züchtig bekleidet. Dennoch konnte sie sich so nirgends blicken lassen. Sollte sie noch mal reingehen? Hinter ihr hustete jemand, dicker schwarzer Rauch wehte zu ihr herüber. In einem Zimmer ganz in der Nähe hörte sie ein Kind weinen.

„Feuer!“, schrie Constance schließlich. Sie drückte die Tasche fest an die Brust und lief über den Korridor. Dabei hämmerte sie an jede Tür und rief den Leuten zu, so schnell wie möglich herauszukommen. Hoffentlich hatte jemand die Feuerwehr alarmiert! Immer mehr Menschen traten auf den Gang. Constance half einer Familie dabei, ihre drei Kleinkinder über die Treppe nach unten zu bringen. Waren jetzt alle in Sicherheit?

Sie hörte, wie irgendjemand mit der Notrufzentrale telefonierte. Rasch hastete sie erneut nach oben und half einem älteren Paar, das in der rauchgeschwängerten Dunkelheit herumstolperte. Danach rannte sie noch einmal den Flur entlang und klopfte an die Türen, die noch geschlossen waren. Was, wenn dahinter jemand schlief? Zwar hätten die Lichter und die Sirenen Tote erwecken können, aber …

Zu ihrer großen Erleichterung fuhr in dieser Sekunde die Feuerwehr vor. Im Nu hatten die Einsatzkräfte das Motel evakuiert und alle zu dem Ende vom Parkplatz gebracht, das vom Gebäude am weitesten entfernt war. Anschließend kümmerten sich die Feuerwehrleute darum, den Brand zu löschen. Doch wann immer die Flammen an einer Stelle erstarben, loderten sie an einer anderen wieder auf.

„Das reinste Pulverfass“, meinte ein Mann, der hinter Constance stand, „mit all den Teppichen, Vorhängen und Bettüberwürfen. Und schon der Rauch ist tödlich.“

Wenig später brannte bereits der gesamte Komplex lichterloh. Die Geretteten mussten vor der Hitze weiter zurückweichen. Ungläubig und entsetzt beobachteten Constance und die anderen Gäste die Geschehnisse.

Erst jetzt bemerkte Constance, dass ihre Aktentasche weg war. Sie hatte sie abgestellt, um jemandem zu helfen. Allerdings wusste sie nicht mehr, wo. Die Tasche enthielt neben ihrem nagelneuen Laptop und ihrem Handy auch sämtliche Notizen, die sie sich im Vorfeld zu dem Fall gemacht hatte. Von den meisten Daten besaß sie Sicherungskopien; doch allein diese zusammenzusuchen, wäre der reinste Albtraum. Und ihre Brieftasche mitsamt Führerschein und Kreditkarten … Den Blick fest auf den nassen Boden gerichtet, begab sie sich auf die Suche.

„Da dürfen Sie nicht hin, Miss. Zu gefährlich!“

„Aber meine Tasche! Da sind wichtige Dokumente drin, die ich für die Arbeit brauche.“ Ihre Stimme klang weinerlich. Währenddessen suchte sie mit den Augen weiterhin den Hotelparkplatz ab. Das Feuer hatte inzwischen das Dach des Motels erreicht, und ätzender Rauch brannte in ihrer Nase. Was, wenn die Tasche nicht auftaucht? Oder total durchweicht ist?

„Constance!“ Wie aus dem Nichts trat John Fairweather vor sie.

„Was tun Sie denn hier?“

„Ich bin bei der freiwilligen Feuerwehr. Ist Ihnen nicht kalt? Wir haben Decken im Wagen.“

„Alles okay.“ Sie zwang sich, nicht auf ihren Schlafanzug hinabzuschauen. Peinlich, dass John sie so sehen musste. Und egoistisch und geschmacklos, in so einer Situation über ihr Aussehen nachzudenken. „Kann ich irgendwie helfen?“

„Sie könnten versuchen, die Leute zu beruhigen. Sagen Sie ihnen, dass alle Gäste des Motels im New Dawn untergebracht werden. Mein Onkel bringt sie mit einem Kleinbus hin.“

„Wie schön!“ Nachdem sie sich so gegen das New Dawn gesträubt hatte, landete sie also doch dort.

„Geht es Ihnen wirklich gut? Sie wirken etwas angeschlagen. Womöglich eine leichte Rauchvergiftung.“ John musterte sie besorgt. „Setzen Sie sich erst mal da drüben hin.“

„Mir geht’s gut, ehrlich. Ich war als eine der Ersten draußen. Jetzt werde ich mit den Leuten reden.“

John zögerte kurz. Schließlich nickte er und eilte davon, um mit seinen Kollegen einen Schlauch zu entrollen. Constance sah ihm hinterher. Sein weißes T-Shirt leuchtete im flackernden Blaulicht auf, und seine Schultern kamen ihr darin noch breiter vor.

Noch im größten Unglück hast du bloß Augen für den knackigen Body von John Fairweather, mahnte Constance sich im Stillen. Das geht ja wohl gar nicht. Barfuß stakste sie über den rutschigen Asphalt zurück zu den anderen. Ein kleines Mädchen weinte, eine alte Dame kauerte zitternd unter einer Decke. Constance erklärte den verstörten Gästen, dass ein nahegelegenes Hotel sie aufnehmen würde. Ein Bus würde alle hinbringen, die nicht selbst fahren konnten.

Einigen in der Gruppe fiel daraufhin ein, dass sie ihre Autoschlüssel in den Zimmern gelassen hatten. Auch Constance machte sich Sorgen wegen all der Dinge, die sie im Hotel vergessen hatte. Trotzdem bemühte sie sich, die anderen zu beschwichtigen. Wenigstens gab es keine Verletzten.

Allerdings hatte auch Constance keinen Schlüssel. Wäre sie geflogen, hätte sie sich vor Ort einen Wagen gemietet und müsste jetzt nur die Verleihfirma anrufen. Aber sie hatte das Abenteuer gesucht und war mit ihrem eigenen Auto hergekommen. Gerade als sie in Selbstmitleid versinken wollte, berührte jemand ihren Arm.

Autor

Jennifer Lewis

Jennifer Lewis gehört zu den Menschen, die schon in frühester Kindheit Geschichten erfunden haben. Sie ist eine Tagträumerin und musste als Kind einigen Spott über sich ergehen lassen. Doch sie ist immer noch überzeugt davon, dass es eine konstruktive Tätigkeit ist, in die Luft zu starren und sich Wolkenschlösser auszumalen....

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