Spiel um dein Herz

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Delilah ist entschlossen, Sam Fletcher zu zeigen, wie wenig sie von ihm hält! Denn er hat mit ihrem Bruder Brendan um eine Woche mit ihr gepokert - und gewonnen. Nur Brendan zuliebe wird sie mit Sam sieben Tage in den Bergen verbringen. Doch schon beim ersten romantischen Sonnenuntergang in seiner Hütte am See spürt Delilah, dass ihr Herz wie verrückt klopft. Die erotische Ausstrahlung des attraktiven Mannes lässt sie keineswegs kalt. Als Delilah ihren starken Gefühlen erliegt, ist sie glücklich in Sams Armen. Aber kaum nach Hause zurückkehrt, erfährt sie etwas Unglaubliches…
  • Erscheinungstag 11.10.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733753580
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Sag mir, was dich quält, Sam, vielleicht kann ich dir helfen.“ Oggie Jones seufzte müde und schob die Zigarre in seinen anderen Mundwinkel. „Bald ist es drei Uhr, und entweder sagst du mir jetzt, was los ist, oder du gehst nach Hause.“

Sam Fletcher nahm einen Schluck Bier, das inzwischen warm geworden war. Er verzog sein Gesicht und schob das Glas beiseite. „Es geht um eine Frau.“

Oggie beugte sich vor. „Welche Frau?“

Da er noch nicht bereit war, diese Frage zu beantworten, lehnte Sam sich an die Bar und dachte laut nach. „Ich bin vierzig Jahre alt.“

„Das weiß ich.“

„Ich besitze ein Geschäft, ein Haus, eine Hütte am Hidden Paradise Lake und sollte eigentlich glücklich sein.“

„Allerdings.“

„Und ich bin glücklich.“

„Natürlich bist du das.“

„Beinahe.“

Oggie hob die Brauen und kaute auf seiner Zigarre. Als erfahrener Barkeeper wusste er, wann es besser war, den Mund zu halten, und er spürte, dass er Sam Zeit geben musste.

„Ich bin fast glücklich, Oggie, aber eben nicht völlig“, fuhr Sam fort.

„Willst du damit sagen, dass dir zu deinem Glück noch etwas fehlt?“

„Genau, mein Leben ist irgendwie … leer.“

Oggie schüttete den Rest von Sams Bier weg und spülte das Glas aus. „Es geht also nicht um irgendeine Frau, sondern um eine bestimmte Frau“, stellte er fest.

„Richtig.“

Oggie nickte. „Du hast alles erreicht, jetzt fehlt dir nur noch jemand, der dein Geld ausgibt.“ Er lachte laut.

Nun wirkte Sam beleidigt. „Für mich ist das nicht zum Lachen.“

„Ich wollte mich nicht über dich lustig machen.“

„Gut.“

„Wer ist denn die Glückliche? Und wo liegt das Problem?“, wollte Oggie wissen.

„Die Lady ist das Problem.“

„Spielt sie die Unnahbare?“

„Sie spielt gar nichts.“

„Aber was ist es dann?“

„Es gibt gar keine Lady, denn ich habe noch keine gefunden.“

Zufrieden, dass sie endlich am entscheidenden Punkt angekommen waren, reagierte Oggie mit einem „A-ha“. Dann schob er die Daumen unter seine Hosenträger. „Keine Einzige in Sicht?“

„Nein, und es ist nicht so, dass ich mich nicht umgesehen hätte. Ich wünsche mir Feuer und kann nicht einmal einen Funken entzünden. Vielleicht gibt es einfach keine Frau für mich.“

„So darfst du nicht reden“, warf Oggie ein. „Jeder Topf findet seinen Deckel.“

„Glaubst du wirklich?“

„Ich weiß es.“

Sam lächelte zufrieden. Sein alter Freund wusste, dass ein Mann die passende Frau braucht. Deshalb hatte Sam beschlossen, Oggie zurate zu ziehen. Er war glücklich verheiratet gewesen. Bathsheba Riley hatte ihm drei gut aussehende Söhne und eine Tochter geboren. Mit siebenunddreißig war Bathsheba an einem Schlaganfall gestorben, und obwohl seit ihrem Tod schon ein Vierteljahrhundert vergangen war, wurde Oggie manchmal ganz poetisch, wenn er von der „schönen Bathsheba, der Königin meines Herzens“, sprach.

„Also gut, Oggie“, begann Sam. „Ich könnte deine Hilfe gebrauchen.“

„Wobei?“

„Die richtige Frau zu finden.“

„Was willst du wissen?“

„Vielleicht kannst du mir einen Tipp geben, wie und wo ich eine Frau kennen lernen kann. Am liebsten hätte ich eine, die unsere Stadt so liebt wie ich und niemals von hier weggehen will.“

Nun lachte Oggie. „Falls du es noch nicht gemerkt hast, befinden wir uns hier in North Magdalene. Zweihundertfünfzehn Einwohner, beziehungsweise zweihundertneunzehn, nachdem Beatrice Brantley Zwillinge bekommen hat und diese zwei Ladys aus Oakland in das Haus der Luntmans gezogen sind.“

„Natürlich weiß ich das, und wahrscheinlich habe ich jede Frau berücksichtigt, die zu mir passen könnte. Vielleicht habe ich aber eine vergessen.“

„Nun“, meinte Oggie, „mir fallen sieben Frauen ein, die zu einem Mann deines Alters passen könnten. Die beiden Damen aus Oakland, die ich eben erwähnte, fallen wohl weg, denn ich habe erfahren, dass sie ein Paar sind.“

Sam schöpfte wieder Hoffnung. „Sieben? Mir sind nur sechs eingefallen, und die kommen alle nicht infrage.“

Oggie schien noch einmal zu zählen. „Doch, ich komme auf sieben.“

„Wer?“

„Soll ich alle nennen?“

„Ja klar.“

„Okay. Alma Santino?“

„An sie habe ich gedacht, aber sie ist gerade mal zwanzig. Zu jung für mich.“

„Regina Black.“

„Nett, aber zu schüchtern.“

„Betty Brown.“

„Keinesfalls, sie kommandiert jeden herum.“

„Angie Leslie?“

„Zu flatterhaft. Du weißt, dass sie schon dreimal geschieden ist.“

„Warte. Jared ist auch schon zweimal geschieden, und du weißt, dass er absolut nicht flatterhaft ist.“

„Von Jared will ich nichts“, entgegnete Sam. „Aber Angie Leslie ist nicht die Richtige für mich.“

„Schade, denn sie ist sehr hübsch.“

„Dem kann ich nicht widersprechen, aber das Aussehen ist nicht alles.“

„Was ist mit Cathy Quail? Bist du nicht letzten Monat mit ihr ausgegangen?“

„Ja.“

„Und?“

„Nette Frau, aber ohne Pep.“

„Okay. Chloe Swan.”

Sam schüttelte den Kopf. Jeder im Ort wusste, dass Chloe an Oggies mittlerem Sohn interessiert war. „Chloe ist in Patrick verliebt“, bemerkte Sam. „Für mich hat sie nichts übrig. Das war jetzt schon die Sechste. Hast du dich verzählt?“

„Nein, ich habe sieben gesagt, und ich meine sieben.“

„Wen gibt es denn noch?“

Oggie wirkte etwas nervös. Sam verstand, warum, als er seine Antwort hörte. „Meine Delilah, natürlich.“

Nun erstarb der Funken Hoffnung in Sams Brust. Oggies zickige Tochter war die letzte Person, an die er sich an einem kalten Winterabend kuscheln wollte.

„Du bist witzig“, bemerkte er trocken. „Also kommt keine Frau von hier infrage, wie ich schon befürchtet hatte.“

„Einen Moment noch.“ Oggie holte seine zerkaute Zigarre aus dem Mund und schaute sie an. „Meine Delilah ist nicht schlechter als die anderen.“

Da merkte Sam, dass er einen wunden Punkt berührt hatte. Mehr als einmal hatte Oggie gewünscht, dass Delilah einen Mann fand, ehe sie zu alt war, um ihrem Vater noch ein paar Enkel zu schenken. Aber noch nie hatte Oggie angedeutet, dass Sam dieser Mann sein könnte. Natürlich hatte er ihm auch noch nie verraten, dass er auf der Suche nach einer Frau war. Sam versuchte, den alten Mann zu besänftigen. „Okay, Oggie. Objektiv betrachtet ist Delilah …“ Er zögerte. Normalerweise fiel ihm zu Delilah Jones nichts Nettes ein. „Ganz in Ordnung“, meinte er schließlich. „Aber sie passt nicht zu mir, und das weißt du auch. Hast du noch eine andere Idee?“

Oggie war jedoch noch nicht besänftigt. „Nein, mir fällt nichts mehr ein“, knurrte er. „Warum geben wir meinem Mädchen keine Chance?“

„Weil sie mich auf den Tod nicht ausstehen kann.“

Nachdenklich kaute Oggie auf seiner Zigarre. Dann verteidigte er seine Tochter. „Versuch einmal, ihren Standpunkt zu verstehen. Im Alter von elf Jahren verlor sie ihre Mutter, und danach haben ihre wilden Brüder und ich ihr nur Kopfschmerzen bereitet. Damals schwor sie sich, etwas aus ihrem Leben zu machen, und das ist ihr gelungen. Sie ging aufs College und ist Lehrerin geworden. Sie hat eben nicht mehr viel mit uns gemeinsam, aber sie kann wirklich nichts dafür, wenn sie auf uns Kerle herabsieht, selbst wenn wir ihre Familie sind. Und dich hält sie für einen meiner Jungs, und das weißt du auch. Ihr Herz sitzt jedoch auf dem rechten Fleck. Wenn wir sie brauchten, wäre sie sofort zur Stelle.“

Trotz seiner Abneigung gegen Delilah Jones musste Sam Oggie Recht geben.

„Okay, also ist Delilah loyal und gutherzig. Ich träume aber von einer liebevollen und warmherzigen Frau, zu der ich abends nach Hause komme. Delilah ist so liebevoll wie ein Fuchs, den man gefangen nimmt.“

„Mein Mädchen kann auch sanft sein.“ Oggie klang nicht sehr überzeugt.

Nun reichte es Sam. „Das ist doch sinnlos. Ich will Delilah nicht, und sie mich bestimmt auch nicht. Schlag dir den Gedanken aus dem Kopf.“

„Das kann ich nicht. Je mehr ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir die Vorstellung von euch beiden.“

Sam wurde es ungemütlich. Das Glitzern in Oggies Augen behagte ihm gar nicht.

„Meine Güte, Sam. All die Jahre habe ich vor lauter Bäumen den Wald nicht gesehen. Du bist genau der Mann, den mein Mädchen braucht, und sie passt perfekt zu dir! Du sagtest doch, dass du Feuer suchst, und das hat sie auf jeden Fall.“

Sam stöhnte laut auf. „Verdammt, Oggie. Ich käme nie mit ihr klar. Und überhaupt … Delilah würde mich freiwillig noch nicht einmal anschauen.“

Oggies Augen waren jetzt voller Tränen. „Schließlich ist sie mein kleines Mädchen, und sie ist das einzige meiner Kinder, das noch nie verheiratet war. Bevor ich ihre Ma im Jenseits treffe, möchte ich sie mit dem richtigen Mann glücklich sehen.“

„Dieser Mann bin nicht ich.“ Sam bereute langsam, sich Oggie anvertraut zu haben. Niemals hätte er gedacht, dass sein alter Freund sich wünschte, seine ledige Tochter und er, Sam, würden ein Liebespaar werden. Um es geschmeichelt zu formulieren: Delilah hasste Sam. „Du bist wie ein Sohn für mich“, schmeichelte Oggie.

„Verdammt …“

„Und seit dem Tag, an dem du mit nichts als deiner frechen Art und deinen Kleidern am Leib in dieser Stadt aufgetaucht bist, hast du bewundernswert viel aus deinem Leben gemacht.“

„Oggie …“

„Es ist einfach perfekt. Schließlich hast du sogar … eine künstlerische Ader. Du bist Goldschmied und kannst gut schnitzen. Der Freund, den Delilah auf dem College hatte, war ein Künstlertyp. Wenn jemand bei ihr eine Chance haben soll, muss er künstlerisches Talent besitzen.“

„Jetzt reicht es wirklich“, unterbrach Sam.

„Nein, noch ein Vorschlag, Junge!“

„Gute Nacht, Oggie.“

„Komm zurück!“

Sam winkte nur, aber Oggie gab sich nicht geschlagen. „An dem Tag, an dem du mit Delilah Ernst machst, vermache ich dir The Mercantile!“

Bei diesen Worten zögerte Sam. The Mercantile war eine alte Scheune, die zu einem Gebäude neben der Bar gehörte, die Oggie vor vierzig Jahren für wenig Geld erworben hatte. Sie würde genügend Platz für ein größeres Geschäft bieten, von dem Sam schon länger träumte. Aber hatte Oggie früher nicht gesagt, dass sein Sohn Patrick das Gebäude erben sollte?

„Hörst du, was ich sage, Sam Fletcher?“

Natürlich hörte Sam, was Oggie sagte, und er konnte nicht anders, als über das Angebot nachzudenken. The Mercantile reizte ihn sehr, und es stimmte, was Oggie über ihn und Delilah gesagt hatte. Sie waren beide künstlerisch veranlagt, sie beide hatten Feuer. Doch ob das reichte, die Funken sprühen zu lassen? Zugegeben hinterließ der Gedanke an Oggies widerspenstige Tochter bei Sam kein Gefühl der Leere wie bei den anderen Frauen. Wenn er an Delilah Jones dachte, wurde ihm immer ganz heiß, aber diese Hitze wurde nicht durch leidenschaftliche Gefühle, sondern durch Abneigung hervorgerufen.

Nein, er musste die Realität akzeptieren. Er würde nie mit Delilah Jones zurechtkommen, selbst wenn Oggie ihm hundert Scheunen versprach. Sam zuckte mit den Schultern und öffnete die Tür.

„Kapiert?“, brüllte Oggie, als Sam in die von Sternen erhellte Nacht hinausging. „Wie lange bist du schon hinter dem Gebäude her? Verkaufen werde ich es nie. Du bekommst es geschenkt, wenn du aus meinem Mädchen eine glückliche Frau machst!“

2. KAPITEL

Delilah Jones stand vor Fletcher Gold Sales und überlegte, ob sie in den Laden gehen sollte. Dass Sam Fletcher der Eigentümer war, war für sie Grund genug, das Geschäft nicht zu betreten.

Doch sie hatte sich bereit erklärt, alle Geschäftsleute in der Stadt aufzusuchen, um eine Spende für den Glockenturm der Kirche zu erbitten. In diversen Geschäften hatte sie schon Geldbeträge erhalten.

Ihren Vater um eine Spende zu bitten war nicht einfach gewesen, denn er hatte schon wieder gefragt, ob sie inzwischen einen Mann gefunden habe.

Nachdem er ihr einen Geldbetrag gegeben hatte, musste er noch hinter ihr herrufen. „Ich meine es verdammt ernst mit den Enkelkindern. Ich habe mich schon um die Sache gekümmert. In den nächsten Tagen wird jemand vorbeikommen. Halt dich bereit. Verstanden?“

Nun fehlte nur noch Sam Fletcher, und dann hatte sie ihre Verpflichtungen gegenüber der Kirchengemeinde erfüllt. Delilah strich über ihren schmal geschnittenen Rock, rückte den Kragen ihrer Bluse zurecht und öffnete die Ladentür.

Als sie eintrat, klingelte eine Glocke.

„Komme sofort!“, ertönte eine tiefe Stimme aus dem hinteren Teil des Ladens.

Delilah schwieg, weil sie nicht wollte, dass Sam sie an der Stimme erkannte. Sonst würde er sich vielleicht weigern, mit ihr zu reden. Wer konnte schon ahnen, wie dieser Wilde reagieren würde?

In den letzten zehn Jahren hatten sie nicht einmal zwei Worte miteinander gewechselt. Wenn sie sich jetzt richtig verhielt, konnten sie vielleicht höflich zueinander sein. Nervös umklammerte sie ihre Handtasche sowie den Geldumschlag. Um sich abzulenken, schaute sie sich im Laden um.

Was sie sah, ließ sie ungläubig staunen. Im Schein der Sonnenstrahlen leuchtete der Holzfußboden in einem warmen Goldton. Glänzende Vitrinen waren mit einer Vielzahl von Goldstücken, Schmuck und aparten Souvenirs gefüllt. An den Wänden hingen Ölgemälde und Aquarelle, die die Tier- und Pflanzenwelt Kaliforniens darstellten. Ausrüstungsartikel für Goldsucher befanden sich ordentlich aufgereiht in staubfreien Regalen.

Außerdem sah Delilah schöne Holzfiguren: ein sich aufbäumendes Pferd, ein Weißkopfseeadler, ein Rehkitz. Delilah hatte bereits ein paar Mal gehört, dass Sam Fletcher gut schnitzen konnte. Ob er diese Figuren selbst angefertigt hatte?

Wie merkwürdig, dachte sie verwirrt. Gehört dieses hübsche kleine Geschäft wirklich Sam Fletcher? Wie lange besitzt er es schon? Früher verkaufte er seine Goldstücke und den Schmuck von einem ramponierten Lieferwagen aus.

Man hatte ihr schon gesagt, dass der Laden ein Juwel sei. Außerdem wusste sie, dass Touristen bei Sam die Ausrüstung für die Goldsuche liehen. Noch nie hatte sie sich Gedanken gemacht, welches Leben Sam Fletcher führte. Warum auch? Sie wollte nichts mit ihm zu tun haben.

Nicht dass es wichtig war, wie sein Geschäft aussah. Es passte nur nicht ganz zu der Vorstellung, die sie sich von Sam gemacht hatte.

Als Delilah sich umsah, klingelte die Türglocke erneut. Ein Mann und eine Frau, die offensichtlich Touristen waren und einen Ausflug in das Goldgräberland machten, betraten den Laden.

Der Frau fielen sofort die Schmuckstücke auf. „Walter, schau dir diesen Ring an.“

Delilah zog sich zurück, bis sie in einer Ecke neben einem hohen Ständer mit Spitzhacken und Schaufeln stand. Eine Tür am anderen Ende des Ladens wurde geöffnet. Delilah zuckte zusammen und stieß mit dem Ellenbogen gegen den Ständer. Bei dem Geräusch drehte sich der Kunde um und bemerkte sie.

In diesem Moment kam Sam Fletcher aus dem hinteren Raum. Wie immer wirkte der große Mann mit der rotgoldenen Löwenmähne und dem gepflegten Bart beeindruckend.

Aus irgendeinem Grund musste Delilah an ihre erste Begegnung vor zwanzig Jahren denken. Die Erinnerung überfiel sie unvermittelt. Als Sam Fletcher in den Verkaufsraum kam, fühlte sie sich wie damals mit vierzehn und glaubte sich auf dem Weg zu ihrem Geheimplatz am Fluss, wohin sie immer ging, wenn sie alleine sein wollte.

Es war an einem späten Vormittag im Frühsommer, und die Bäume waren schon dicht belaubt. Die Sonne schien warm, als Delilah die Tür öffnete.

Draußen seufzte sie erleichtert, denn sie freute sich, im Freien zu sein. Seitdem ihre Mutter gestorben war, gab es in ihrem Zuhause keine Ruhe und Ordnung mehr. Ihr Vater und die Brüder schienen die Streitereien und das Durcheinander regelrecht zu genießen.

Im Moment war es im Haus still, da alle wie üblich lange schliefen. Die vergangene Nacht war schrecklich gewesen, und jeder ihrer Brüder hatte seinen Teil dazu beigetragen.

Zuerst war ihr dreizehnjähriger Bruder Brendan mit einer Zigarette im Mund eingeschlafen. Gott sei Dank hatte Delilah den Brandgeruch bemerkt und ihren Bruder retten können.

Sie schlief schon fest, als ihr Bruder Patrick ins Haus stürmte. Delilah erwachte und stellte fest, dass es zwei Uhr morgens war. Da Patrick einen fürchterlichen Lärm veranstaltete, zog sie ihren Morgenmantel an und ging aus dem Zimmer, um nachzuschauen, was los war.

„Was spionierst du hier herum?“, fragte Patrick, als er seine Schwester sah. Dann hielt er ihr die rechte Hand hin, von der Blut aus einer Wunde auf den Küchenfußboden tropfte. „Wenn du schon auf bist, dann kannst du mir auch gleich die Hand verbinden.“

Nachdem sie die Wunde versorgt hatte, ging sie wieder zu Bett. Kaum war sie eingeschlafen, als ihr ältester Bruder Jared gegen die Tür schlug.

„Verdammt, lasst mich rein! Ich will rein, verdammt noch mal!“

Delilah wartete darauf, dass einer ihrer Brüder reagierte, aber nichts geschah. Ihr Vater war noch nicht aus der Bar zurück. Jared klopfte weiter gegen die Haustür und brüllte immer lauter. Delilah wusste, dass er die Tür bald eintreten würde, denn er hatte es schon einmal getan. Deshalb zog sie wieder den Morgenmantel an und ließ Jared ins Haus.

Mit voller Wucht schlug er die Tür zurück, als Delilah öffnete, gab eine Unverschämtheit über Frauen von sich, stürmte an seiner Schwester vorbei und ging in sein früheres Zimmer. Ohne zu fragen, wusste Delilah, was passiert war. Er war betrunken, und seine Frau Sally hatte ihn wieder mal hinausgeworfen.

Der Morgen war noch frisch und verriet nichts von den Strapazen der Nacht. Als sie zu ihrem Versteck ging, kam ihr der Gedanke, dass ihr Vater eigentlich kaum besser als seine Söhne war. Um elf Uhr lag er immer noch schnarchend auf der Couch. Nachdem die Bar geschlossen war, hatte er, wie fast jede Nacht, mit seinen Freunden noch auf seine verstorbene Frau getrunken.

Doch das Chaos, das in ihr Leben eingezogen war, ließ sie jetzt hinter sich, für wenige kostbare Minuten, denn sie war auf dem Weg zu ihrem Versteck, wo sie Ruhe und Frieden finden würde.

Ruhe und Frieden? Was sie stattdessen fand, war ein Riese mit fettigem Haar und eine zerstörerische Maschine. Ungläubig starrte sie auf die Szene vor sich. Ihr Lieblingsplatz war zerstört, der Fluss eine einzige Schlammwüste. Jemand hatte offensichtlich beschlossen, dass ihr Zufluchtsort ideal für die Goldsuche war. Der Schwimmbagger, mit dem die Menschen in dieser Gegend in großem Stil nach dem Gold fischten, erfüllte die Luft mit ohrenbetäubenden Geräuschen.

Zwischen den Steinen am Flussufer saß ein Mann im Taucheranzug und hantierte mit einem großen Schlauch, der in den Fluss führte. Obwohl die Haare des Mannes schmutzig und ungekämmt waren, leuchteten sie in der Sonne.

Da erkannte Delilah ihn: der neue Kumpel ihres Bruders Jared. Sam Fletcher war vor einigen Monaten aus dem Nichts in der Stadt aufgetaucht. Er machte nur Ärger, betrank sich jeden Abend und lebte in seinem Lieferwagen.

Nun war das Maß voll. Sie lief zu dem kleinen Strand und stürzte sich schreiend auf den Mann. Wütend schlug sie ihn und beschimpfte ihn mit den Kraftausdrücken, für die sie ihren Vater und ihre Brüder immer verachtete.

Sam zögerte einen Moment, aber dann schüttelte er sie wie eine lästige Fliege von sich ab, und sie fiel hin.

Er stellte den Bagger ab und baute sich vor ihr auf. „Was willst du dumme Gans? Beweg deinen Hintern von meinem Claim.“

Das war der Gipfel. Wieder schrie sie. „Claim! Dein Claim! Dieser Ort gehört mir, kapierst du, mir! Du verschwindest jetzt von hier, du … schmutziger widerlicher Penner!“

Die Beleidigung schien ihn tatsächlich zu treffen. „Du kleine …“ Einen Augenblick befürchtete sie, dass er sie schlagen könnte, und sie schrak zurück. Aber er schien sich zu beherrschen und schaute sie genauer an. „Du bist doch Jareds kleine Schwester – Oggies Mädchen, Delilah Jones.“

„Für dich Miss Jones“, verkündete sie mit gespielter Tapferkeit, die ihr selbst absurd vorkam. „Jetzt verschwinde mit dem Bagger.“

„Du kapierst es nicht, Mädchen. Du bist diejenige, die jetzt verschwindet, und zwar sofort.“

„Nein, du haust ab. Verzieh dich, du Idiot!“

Er musste erkannt haben, dass es keinen Zweck hatte, mit ihr zu diskutieren. Deshalb sagte er kein Wort mehr, sondern stürzte sich auf sie. Sie hastete zurück, war jedoch nicht schnell genug. Er packte sie und legte sie über seine Schulter wie einen Sack Mehl.

Dann marschierte er los. Er machte sich nicht einmal die Mühe, Delilah in seinen Wagen zu werfen, sondern ging barfuß die zwei Meilen bis zu ihrem Zuhause, während sie auf seinen Rücken hämmerte und ihn wüst beschimpfte.

Sam ging bis zur Haustür und klopfte dagegen. Ihre drei Brüder und ihr Vater kamen heraus, und sie sahen so ungepflegt und zwielichtig aus wie dieser Riese im schwarzen Taucheranzug.

„Was ist los, Fletcher?“, knurrte ihr Vater. „Vor fünf Minuten habe ich noch geschlafen. Ich habe dich kommen gehört.“ Wieder schrie Delilah, und ihr Vater verzog das Gesicht. „Süße, kannst du nicht etwas leiser sein?“

Delilah, der inzwischen alles egal war, schrie noch lauter als zuvor. Ihr Vater und die Brüder traten zurück und ebneten Sam Fletcher den Weg. Er trug sie ins Haus und warf sie auf das Sofa.

„Halt sie von meinem Claim fern, Oggie“, verlangte er, drehte sich um und schloss die Tür hinter sich.

Nun herrschte Ruhe. Aber nicht lange, denn Delilahs Vater und die Brüder schauten sich an und fingen an zu lachen.

Als sie gar nicht mehr aufhörten, schrie sie, dass sie den Mund halten sollten. Schließlich sprang sie von der Couch, rannte in ihr Zimmer und schloss sich für den Rest des Tages dort ein.

Später klopfte ihr Vater an die Tür, um sich wieder mit ihr zu vertragen. Sie öffnete, und verzieh ihnen – ihrem Vater und den Brüdern.

Sam Fletcher hingegen verzieh sie nie, und im Laufe der Zeit hasste sie ihn immer mehr.

„Darf ich Ihnen etwas zeigen?“, fragte Sam Fletcher das Paar, das sich die Ringe anschaute.

„Ja“, bat die Frau eifrig. „Diesen, und diesen auch, bitte.“

Walter hustete leicht und wies mit dem Kopf auf Delilah, die im Schatten stand. „Anna, da ist noch jemand vor uns an der Reihe.“

Anna – und Sam Fletcher – drehten sich um. Delilah rührte sich nicht von der Stelle, und Sam Fletcher starrte sie an.

Delilah wäre am liebsten im Boden versunken. Eine Minute lang sagte keiner ein Wort. Dann trat sie hinter dem Ständer mit den Schaufeln hervor. Sie streckte sich und zog an ihrer Strickjacke. „Nein, ich bin nicht als Kundin hier. Lassen Sie sich durch mich nicht stören. Ich wollte nur kurz mit … dir reden, Sam.“ Sie hatte ihn tatsächlich in einem freundlichen Ton angesprochen und ihn beim Vornamen genannt. Sam stand eine Sekunde der Mund offen, und er sah so überrascht aus wie Delilah selbst. „Wenn du einen Moment Zeit für mich hättest …“

Sie sah ihm an, dass er ihr nicht über den Weg traute, aber glücklicherweise hielt ihn die Anwesenheit der Kunden davon ab, eine grobe Bemerkung zu machen. „Gleich habe ich Zeit“, erwiderte er.

„Schön.“ Sie rang sich ein Lächeln ab.

Danach widmete er sich den Kunden. Als das Paar nach zwanzig Minuten aus dem Geschäft ging, trug Anna einen neuen Ring und eine Kette, und Walter besaß alles, was man für die Goldsuche benötigte.

„Was willst du?“, fragte Sam ohne Einleitung, nachdem die beiden Touristen den Laden verlassen hatten.

Delilah, die so getan hatte, als würde sie das Bild einer Eule bewundern, hatte plötzlich das Gefühl, als sei der Laden kleiner geworden und die Temperatur gestiegen.

Würde sie Erfolg haben? Man ging nicht zu dem Mann, den man am meisten verabscheute, und bat ihn um eine Spende. Nellie Anderson oder Linda Lou Beardsly sollten sich gefälligst um diese Angelegenheit kümmern.

Sie drehte sich um und ging zur Tür.

„Ist schon gut“, antwortete sie. „Es war keine gute Idee. Jemand anderes wird sich mit dir in Verbindung setzen.“

Er lachte und stellte sich ihr in den Weg. Um ihn anzusehen, musste sie den Kopf ziemlich weit zurücklegen. Der Kerl war mehr als einen Kopf größer als sie.

„Weswegen?“

Da sie nun keine wütende Vierzehnjährige mehr war, beantwortete sie seine Frage sachlich. „Wegen einer Spende für den Glockenturm der Kirche. Er stürzt bald ein und muss neu gebaut werden.“

Seine eisblauen Augen schienen sie festzunageln. „Das ist der einzige Grund, aus dem du hier bist? Du hast nicht etwa mit deinem Vater geredet?“

„Doch, ich habe mit meinem Vater gesprochen, und er hat zweihundert Dollar gespendet.“

„Zweihundert Dollar.“ Er warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. „Für den Glockenturm?“

„Ja, das sagte ich bereits.“

„Sonst hat er nichts erwähnt?“

„Wovon redest du?“ Ihr Temperament drohte mit ihr durchzugehen. Wenn er weiter fragte, würde sie sich nicht mehr beherrschen können.

„Nichts, schon gut.“ Unter seinem Bart konnte sie ein Lächeln erkennen. „Nur ein kleiner Zufall.“

Sie starrten sich an. Delilah kochte vor Wut, Sam grinste. „Gut, das ist alles. Würdest du mich bitte vorbeilassen?“, bat sie schließlich höflich.

Nun verschwand sein Grinsen, als würde er sich erinnern, dass sie immer Feinde gewesen waren. „Möchtest du deinen Auftrag denn nicht erfüllen?“

Am liebsten hätte sie ihm gesagt, dass die Kirche auf sein Geld verzichten konnte, aber das stimmte nicht. „Ich … natürlich. Eine Spende wäre schön.“

„Gut“, antwortete er und ging zur Kasse. Er reichte Delilah einen Scheck über fünfhundert Dollar, und sie füllte eine Quittung aus.

„Danke“, sagte sie gezwungen.

„Alles für einen guten Zweck“, entgegnete er freundlich.

Sie drehte sich um und ging wortlos aus dem Laden. Delilah war sich sicher, dass Sam sie beobachtete, aber das würde sie sich nicht anmerken lassen.

Sam beobachtete sie tatsächlich.

Autor

Christine Rimmer
Christine Rimmers Romances sind für ihre liebenswerten, manchmal recht unkonventionellen Hauptfiguren und die spannungsgeladene Atmosphäre bekannt, die dafür sorgen, dass man ihre Bücher nicht aus der Hand legen kann. Ihr erster Liebesroman wurde 1987 veröffentlicht, und seitdem sind 35 weitere zeitgenössische Romances erschienen, die regelmäßig auf den amerikanischen Bestsellerlisten landen....
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