Tage der Sehnsucht, Nächte des Glücks

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Vom ersten Augenblick an weckt die schöne Amerikanerin Polly einen nie gekannten sinnlichen Hunger in dem griechischen Milliardär Andros Kristalakis. Auf eine Wirbelwind-Affäre folgt eine prachtvolle Hochzeit. Doch obwohl Andros ihr seine Welt des Luxus zu Füßen legt und Polly und er Nächte voller Leidenschaft verbringen, sieht er beim Blick in ihre Augen immer öfter Traurigkeit. Er ahnt, dass sie sich nach Liebe sehnt. Aber um die Mauer um sein Herz einzureißen, müsste er sich den Schatten der Vergangenheit stellen. Und das scheint unmöglich …
  • Erscheinungstag 15.06.2021
  • Bandnummer 2497
  • ISBN / Artikelnummer 9783733718800
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Nachdem er das wichtige Telefonat beendet hatte, betrat Alexandros Kristalakis, griechischer Milliardär und Societylöwe, das Foyer, wo seine Frau ihn bereits erwartete.

Polly war pünktlich. Sie kam nicht mehr zu spät wie zu Beginn ihrer Ehe, und auch ihre erfrischende, impulsive Art hatte sie abgelegt. Leider. Zunächst hatte er gedacht, dass sei den Hormonen während ihrer ersten Schwangerschaft geschuldet. Aber mittlerweile war ihre Tochter drei Jahre. Und er vermisste immer noch Pollys Spontaneität und offene Art, die er so sehr geliebt hatte.

Aber er durfte sich nicht beschweren. Über all die Jahre hatte sie ehrlich versucht, sich an den Status als Gattin eines griechischen Milliardärs aus einer alteingesessenen, traditionsbewussten Familie zu gewöhnen.

Polly kam aus einfacheren Verhältnissen, sodass sie die Umstellung oft als Herausforderung empfunden haben musste.

Obwohl sie anfangs kaum Griechisch gesprochen hatte, hatte sie sich den gesellschaftlichen Erwartungen ihrer neuen Stellung erstaunlich schnell angepasst und die ihr übertragenen Wohltätigkeitsaufgaben zügig übernommen. Mit ihrer natürlichen, warmherzigen Art hatte sie die Herzen seiner Freunde und Bekannten, ja, aller Menschen im Land im Sturm erobert und als seine Ehefrau in der Athener Gesellschaft schnell einen Platz gefunden.

Selbst jetzt, als Schwangere im sechsten Monat, war die sexy Brünette schöner als am Tag der Hochzeit.

Gleich zu Anfang hatte seine Mutter sich veranlasst gefühlt, Pollyanna in Anna umzutaufen, weil der Name für eine Dame aus ihren Kreisen nicht passend sei.

Das Designerkleid schmiegte sich erregend um ihre vollen Brüste, die in der zweiten Schwangerschaft noch üppiger geworden waren, und umschmeichelte ihren Babybauch, in dem sein Kind heranwuchs.

Nicht einmal die Geschäftserfolge, die er nur durch absolute Skrupellosigkeit erzielt hatte, erfüllten ihn mit so viel Stolz.

Anerkennend betrachtete Alexandros seine Frau. „Du siehst wunderbar aus, yineka mou.“

„Wofür du zwei teure Stylistinnen bezahlst.“ Polly lächelte nicht, und sie blickte ihn auch nicht aus ihren klaren, blauen Augen an.

Das tat sie kaum noch.

So vielen schenkte sie ihr warmherziges Lächeln – während sie bei ihm die eiskalte Lady gab. Nur im Schlafzimmer war sie ihm die feurige Geliebte …

Schon als sie zum ersten Mal miteinander geschlafen hatten, hatte er gewusst, dass sie eine ganz besondere Frau war. Daraufhin hatte er ihr einen Heiratsantrag gemacht – nicht einer der griechischen Erbinnen, die seine Mutter für ihn ausgewählt hatte.

Und Polly hatte Ja gesagt. Warum auch nicht? Schließlich konnte er ihr einen Lebensstil bieten, von dem sie niemals hatte zu träumen gewagt.

Doch es war nicht das teure Kleid, nicht der kostbare Diamantschmuck, den sie zum wöchentlichen Familienessen trug, und auch nicht das zu einem kunstvollen Knoten gewundene Haar, das Pollys Zauber ausmachte.

Obwohl sie jetzt etwas müde wirkte, war sie eine atemberaubende Frau.

„Alles an dir ist wunderschön“, versicherte Alexandros ihr.

Sie lächelte schwach, das Kompliment schien sie kaum zu berühren.

Dabei hatte sie früher gestrahlt, wenn er ihr beteuerte, wie schön sie sei – für ihn die schönste Frau der Welt.

Wann hatte sich das geändert?

Seit wann nannte er sie nicht mehr agapi mou?

Polly forderte nichts und sprach ihn nie darauf an. Sie war nur leicht zusammengezuckt, wenn er sie so genannt hatte. Und irgendwann hatte er es nicht mehr getan. Sie hatte nichts dagegen, als yineka mou, seine Gattin, bezeichnet zu werden. Also begnügte er sich damit.

Wie so oft hatten sie den Helikopterflug zu seiner Mutter in Athen schweigend hinter sich gebracht. Der Rotorlärm war so ohrenbetäubend, dass sie Kopfhörer trugen und sich bestenfalls schreiend hätten verständigen können.

Dennoch hatte es Zeiten gegeben, in denen sie sich aneinandergeschmiegt hatten, weil die Körpersprache genügte. Damals waren Worte überflüssig gewesen. Damals …

Nachdem sie auf dem Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach des Kristalakis-Gebäudes gelandet waren, verlief die Fahrt zur Familienvilla in den nördlichen Außenbezirken von Athen schweigend.

Seine Mutter begrüßte sie kühl mit dem üblichen Kuss auf die Wangen, Polly mit einem angedeuteten Kuss – aus Rücksicht auf das Make-up.

Zu Beginn ihrer Ehe war das anders gewesen. Da hatte die lebenssprühende junge Frau ihre Abneigung gegen seine Mutter oft nur mühsam überspielen können.

Jetzt zeigte sie keine Regung. Die Glut war erloschen, nur nicht im Bett.

Wenn sie miteinander schliefen, war sie ihm immer noch eine leidenschaftliche, unersättliche Geliebte, doch sie übernahm nicht mehr die Initiative.

Wann hatte sich das geändert?

Irgendwann hatte er sich damit abgefunden, dass das Feuer der Leidenschaft nachließ, weil das eine übliche Entwicklung war …

Nein, er hatte keinen Grund, sich zu beklagen.

Wieso machte er sich darüber Gedanken?

„Wie ich sehe, lässt du die fabelhafte Stylistin kommen, die ich dir empfohlen habe, Anna“, lobte seine Mutter. Wieso klang es dennoch nach leiser Kritik?

Und warum war seine schöne Frau zusammengezuckt?

„Wie du siehst“, bestätigte Polly.

Corrina, seine sonst so sanftmütige Schwägerin, warf seiner Mutter einen tadelnden Blick zu. „Polly hat ein natürliches Gespür für diese Dinge. Sie hatte von jeher Stil und braucht keine Stylistin.“

Seine Mutter fasste das als Affront auf. Würdevoll hob sie den Kopf und schwieg. Von Anfang an hatte sie den Namen als gewöhnlich empfunden, sich beharrlich geweigert, sie so zu nennen. Alle nannten sie jetzt Anna, selbst er, Alexandros.

Jetzt wandte er sich an seinen Bruder, der – hoffentlich – das unangemessene Verhalten seiner Frau etwas geraderückte.

Doch Petros lächelte Corrina verliebt zu. „Wie stets hast du völlig recht, agapi mou. Die Stylistinnen, die mein Bruder für sie engagiert, hat Polly überhaupt nicht nötig.“

Worauf Corrina ihren Angetrauten anhimmelte, was Alexandros irritierte. Doch war es nicht eigentlich normal, dass eine frisch verheiratete Frau ihren Mann als Superhelden sah? Warum fühlte er sich beim Anblick des verliebten Paares dann unbehaglich?

Unauffällig blickte Alexandros zu seiner Frau hinüber.

Wie üblich tat sie, was die Höflichkeit gebot: stand steif da, ohne sich an der Unterhaltung zu beteiligen.

„In meinem Haus lasse ich mir ungern Vorhaltungen machen“, warf seine Mutter pikiert ein.

Corrina schien das nicht zu beeindrucken, während Petros auffuhr: „Warum sollte meine Frau Polly kein Kompliment machen? Falls dir das nicht passt, können wir den Familienessen zukünftig auch fernbleiben.“

„Petros – was fällt dir ein, so mit mir zu reden?“, entrüstete sich seine Mutter.

„Ach, Mama, hab dich bitte nicht so!“, mischte seine jüngere Schwester Stacia sich forsch ein. „Du weißt doch, dass Petros seine heißgeliebte Frau immer in Schutz nimmt. So sind die Kristalakis nun mal. Denk nur an Papa.“

Wie stets lenkte ihre Mutter bei der Erwähnung des verstorbenen Gatten ein und lächelte nachsichtig. „Mag sein … Aber ich bin deine Mutter …“

Nach dem Tod ihres Mannes war Athena fast zusammengebrochen, nachdem sie im Jahr zuvor schon ihre Eltern verloren hatte.

Eine Weile hatten alle befürchtet, ihre Mutter würde in Trauer versinken. Sie hatte sich abgeschottet und ihr Zimmer nicht mehr verlassen, bis Alexandros sie in seiner Verzweiflung in ein luxuriöses Sanatorium gebracht hatte.

Das hatte ihrer Mutter geholfen, ins Leben zurückzufinden. Sie war wieder aufgeblüht und in die Villa zurückgekehrt. Doch Alexandros hatte die schlimme Zeit nicht vergessen und wusste, wie verletzlich seine Mutter wirklich war.

„Corrina ist meine Frau“, schwang Petros sich entschlossen zu ihrer Verteidigung auf, um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, wer in seinem Leben an erster Stelle stand.

Wieder schien seine Mutter aufbegehren zu wollen, doch Stacia ging dazwischen. „Niemand streitet das ab, Petros. Wir stehen voll hinter Corrina.“ Schützend legte sie einen Arm um ihre Mutter. „Außerdem darfst du überhaupt nicht böse sein. Du hast alles dafür getan, dass Alexandros so wird wie Papa.“

„Mag sein.“

Stacia lächelte überlegen. „Corrina und Anna sollten sich glücklich schätzen, mit Kristalakis-Nachkommen verheiratet zu sein – den rücksichtsvollsten und einfühlsamsten Männern der Welt. Findest du nicht, Anna?“

Es wunderte Alexandros, dass sie seine Frau einbezog. Auch nach fünf Jahren war Stacia mit seiner „amerikanischen Braut“ nicht warm geworden. Aber wie Anna jetzt reagierte, brachte ihn in Rage.

„Dazu kann ich mich nicht äußern, Stacia. Ich kannte euren Vater gar nicht.“ Polly ließ sich in einen Sessel sinken, sodass Alexandros sich nicht zu ihr setzen konnte. Sie wirkte müde. Hatte sie wieder Rückenschmerzen? „Alexandros ist nicht so einfühlsam wie Petros bei seiner Corrina.“

Das saß. Sein Bruder ein besserer Ehemann als er? Ihr Blick war ausdruckslos. Es schien ihr egal zu sein, dass sein jüngerer Bruder ein besserer Ehemann war als er, der große Alexandros Theo Kristalakis.

Doch es sollte noch schlimmer kommen.

Stacia gab ihr recht, während seine Mutter beleidigt schwieg … und Corrina Polly mitfühlend betrachtete.

Petros warf seinem Bruder einen vorwurfsvollen Blick zu.

Vorwürfe wiederum hätte Alexandros von keinem erwartet, schon gar nicht von seinem jüngeren Bruder.

Nicht zu fassen! Petros und seine Frau hielten ihn für einen schlechten Ehemann.

Plötzlich fiel Alexandros eine Auseinandersetzung ein, die er mit seinem Bruder kurz vor dessen Trauung gehabt hatte …

Nach einer Besprechung mit leitenden Firmenangestellten hatte Alexandros seinen Bruder beim Kaffee zur Rede gestellt.

„Ist es wirklich zu viel verlangt, wenn ich dich bitte, deine Flitterwochen wegen der Gala um eine Woche zu verschieben, Petros? Du weißt, wie viel Mutter daran liegt.“

„Sicher.“ Sein Bruder reagierte trotzig. „Wenn du glaubst, ich würde meine Ehe so schleifen lassen wie du deine, liegst du falsch. Natürlich weiß ich, dass Mutter nach Papas Tod eine schlimme Zeit durchgemacht hat. Aber die Frau, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen werde, ist mir wichtiger als Mamas Wohltätigkeitsgala.“

„Für die Familie muss man Opfer bringen, und unsere Frauen gehören zur Familie.“

Petros lachte ironisch. „Ist deine Mutter dir wichtiger als deine Frau?“

„Sicher.“

„Nein danke. Ich möchte, dass meine Frau mich in fünf Jahren noch liebt.“

„Was, zum Teufel, soll das nun wieder heißen?“

„Dass ich meine Flitterwochen nicht opfere, um unsere Mutter glücklich zu machen.“

Damals hatte Alexandros die Anspielung seines Bruders nicht ernst genommen, doch jetzt holten sie ihn ein.

Liebte Polly ihn nicht mehr? Im Bett war sie immer noch leidenschaftlich … Aber Liebe? Alexandros ließ die Zeit an sich vorbeiziehen. Früher hatte er daran nie zweifeln müssen. Agapi mou hatte er sie genannt, von Liebe jedoch selten gesprochen. Auf Liebesschwüre war Polly nie aus gewesen – nicht einmal, als er ihr den Heiratsantrag gemacht hatte.

Er hatte einfach vorausgesetzt, dass sie perfekt zueinanderpassten.

Erst als seine Tochter geboren worden war, hatte er zum ersten Mal von Liebe gesprochen. Er hatte Polly einen Eternity-Ring geschenkt, um ihr zu zeigen, wie viel sie ihm bedeutete.

Rückblickend musste er zugeben, dass Polly nicht gerade überwältigt auf seinen Liebesbeweis reagiert hatte.

Hielt sie nichts von Gefühlsduselei?

„Wie kannst du so etwas sagen?“, mischte seine Mutter sich jetzt anklagend ein.

Polly neigte den Kopf leicht zur Seite, als müsse sie die Frage überdenken. „Warum sollte ich lügen? Alle hier wissen, welche Stelle ich in Alexandros’ Leben einnehme.“ Ihr Ton verriet, dass sie nicht verstand, was ihn und seine Mutter an ihrer Antwort störte. Gelassen wandte sie sich Petros zu. „Wirst du mit Corrina in eurem Athener Apartment wohnen bleiben?“

Sein Bruder nickte.

Während Petros nach dem Universitätsabschluss und der Hochzeit mit Corrina in eine der beiden Penthousewohnungen in der obersten Etage des Kristalakis-Gebäudes eingezogen und in die Firmenleitung eingestiegen war, war Alexandros zunächst in der Familienvilla geblieben, bis er und Anna ein eigenes Haus gekauft hatten.

Seit Generationen residierte die Großfamilie Kristalakis in der palastartigen Luxusvilla vor den Toren der Stadt.

„Wohnt ihr dort nicht zu beengt, wenn Nachwuchs kommt, Petros?“, gab seine Mutter zu bedenken.

Der zuckte mit den Schultern. „Mit dem Nachwuchs haben wir es nicht eilig, Mama. Wenn es so weit ist, suchen wir uns ein Haus in Athen oder kaufen uns etwas auf dem Land wie Alexandros.“

„Wir genießen die Wochenenden bei euch“, versicherte Corrina ihrer Schwägerin. „Obwohl ich mir sicher bin, dass es vor allem an der netten Gesellschaft liegt.“

Alexandros fiel auf, dass sein Bruder es vermieden hatte, von ihm und Polly zu sprechen – ein unausgesprochener Vorwurf, nachdem Alexandros den Kauf des Landsitzes eigenmächtig beschlossen und seine junge Frau nicht einmal nach ihrer Meinung gefragt hatte. Ihm entging auch nicht, dass Polly und Corrina sich verständnisinnig zulächelten.

Da Polly sich mit seiner Mutter nicht gut verstand, hatte er mit der Familientradition gebrochen, das Anwesen auf dem Land gekauft und es nach seinem Geschmack einrichten lassen. Wenn er seine Frau vor vollendete Tatsachen stellte, wäre sie sicher froh darüber, hatte er angenommen.

Doch die war wenig erfreut gewesen, allein auf dem Land leben zu müssen, während er täglich zur Arbeit in die Stadt pendelte.

Folglich hatten sie heftig miteinander gestritten, bis ihm die Nerven durchgegangen waren. Er sei es leid, sich den Launen einer Frau auszusetzen, hatte er ihr im Eifer des Gefechts entgegengeschleudert. Sie könne froh sein, einen Milliardär geheiratet zu haben, der nur ihr Bestes wolle.

„Alexandros wollte nicht lange auf Kinder warten“, bemerkte seine Mutter mit einem missbilligenden Blick zu Petros.

Corrina schien etwas einwenden zu wollen, doch dann schüttelte sie nur den Kopf und presste die Lippen zusammen.

„Was wolltest du sagen?“, fragte Alexandros seine Schwägerin.

„War nicht so wichtig.“

„Innerhalb der Familie solltest du sagen können, was du denkst.“

Seine Frau schüttelte ungläubig den Kopf, schwieg aber ansonsten. Sie hatte schon lange aufgehört, ihre Meinung zu äußern.

Corrina warf ihm einen warnenden Blick zu. „Ich wollte nur anmerken, dass ihr auch länger gewartet hättet, wenn die Schwangerschaft für dich ebenso belastend wäre wie für deine Frau, Alexandros.“

„Lächerlich!“, fuhr seine Mutter auf. „Die Natur hat es nun mal so eingerichtet, dass die Frau die Kinder zur Welt bringt. Warum sollte mein Sohn egoistisch sein, wenn er von seiner Frau erwartet, ihm Erben zu schenken?“

„Meine Frau hat meinen Bruder nicht als egoistisch bezeichnet.“ Petros streckte sich, sein Ton war schärfer geworden.

Es war Polly, die zu vermitteln versuchte.

„Ich bin gern Mutter“, versicherte sie Corrina. „Schließlich wusste ich, auf was ich mich mit einem zweiten Kind einließ.“ Beschwichtigend wandte sie sich an ihre Schwiegermutter. „Ich weiß, dass du Corrina und Petros nicht kritisieren willst, weil sie mit Kindern noch warten möchten.“

„Nein, natürlich nicht.“ Seine Mutter schien besänftigt.

Für Alexandros konnte von kritisieren keine Rede gewesen sein.

Petros war anderer Meinung, während Corrina sich entspannte und Polly mit einem aufmunternden Lächeln belohnte. „Du bist eine wunderbare Mutter.“

„Danke. Helena ist mein ganzes Glück.“

Es hatte Zeiten gegeben, als sie auch so über ihre Ehe gedacht hatte … nur war das lange her.

Das Abendessen wurde angekündigt und verhinderte weitere Debatten.

Alexandros atmete auf.

Es war bereits später Abend, als sie sich auf den Rücksitz der schwarzen Limousine sinken ließen, um sich zum Hubschrauber bringen zu lassen.

Den ganzen Abend über hatte Alexandros es kaum erwarten können, mit Polly allein zu sein.

„Unglaublich, dass du mich vor der Familie so hingestellt hast, als wäre ich kein fürsorglicher Ehemann“, hielt er ihr vor.

Seine Ehefrau lachte erstaunt auf. „Siehst du dich etwa selbst so?“

„Wann habe ich dich je vernachlässigt?“ Gereizt bewegte er sich auf dem Sitz. „Würdest du mich bitte ansehen, wenn wir miteinander reden?“

Endlich hob sie den Kopf, ihre blauen Augen wirkten müde. „Wann hast du das nicht getan?“

„Ich bin kein egoistischer Ehemann.“

„Wenn du meinst …“ Polly lehnte sich wieder an die Kopfstütze und schloss die Augen.

„Hältst du es nicht einmal mehr für nötig, dich mit mir zu streiten?“

„Ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, aber ich wüsste nicht mehr, worüber ich mit dir streiten könnte, Alexandros.“

Als sie über alles Mögliche streiten konnten, sich sogar angeschrien hatten, hatte er ihr nicht zugehört. Inzwischen diskutierten sie nicht einmal mehr darüber, ob ihre Tochter sie zu den Familientreffen begleiten sollte.

Ruhig hatte Polly entschieden, es sei nicht gut, das Kind mitzunehmen, weil das Abendessen viel zu spät beginnen würde und die Kleine rechtzeitig ins Bett müsse. Athena und Stacia dürften die kleine Helena aber jederzeit besuchen kommen, wenn sie wach sei.

Petros hatte sie unerwähnt gelassen, da er seine Nichte von Anfang an regelmäßig besucht hatte. Er war der Einzige, der sie herzlich in der Familie aufgenommen hatte. Zusammen mit Corrina kam er einmal in der Woche zur Villa Liakada hinaus. Oft blieben sie sogar übers Wochenende und flogen erst am Sonntagabend mit Alexandros und Polly zum Familienessen nach Athen. Diesmal waren die beiden Mitte der Woche bei ihnen gewesen.

„Wieso hast du meiner Mutter nicht vorgeschlagen, die Familientreffen mittags anzusetzen, damit unsere Tochter dabei sein könnte?“

„Ich bin die Letzte, die deine Mutter beeinflussen könnte. Sie ist nicht wie meine Familie“, betonte Polly.

Ach was! Für seine Mutter gehörte Polly zur Familie, nur sah sie das anders.

Konnte das vielleicht auch an seiner Mutter liegen? Hatte er zu viele Zugeständnisse gemacht, weil sie wegen ihrer labilen Gemütsverfassung eine gewisse Rücksichtnahme verdiente, und auf der anderen Seite von seiner Frau zu viel verlangt, weil sie stark war?

Selbstkritik war nicht seine Sache, doch nun wurde Alexandros bewusst, dass er manches für selbstverständlich gehalten hatte.

„Hattest du erwartet, dass ich ihr das vorschlage?“, versuchte er, sich verständnisvoll zu geben.

„Nein.“

„Und warum nicht?“

„Nun, hast du es getan?“

„Nein.“ Er hatte nicht einmal darüber nachgedacht, eine alte Familientradition zu ändern, und nun schämte er sich dafür.

Natürlich hätte seine Tochter dann öfter mit ihrer yia-yia zusammen sein können. Ein zwangloses Mittagessen wäre auch für seine Frau einfacher gewesen. Warum hatte Polly bisher nie etwas darüber gesagt?

„Also?“, erwiderte sie nur.

Er wusste keine Antwort. Warum hatte er das Thema überhaupt zur Sprache gebracht? „Es stört mich, dass du es so hinstellst, als sei mein Bruder ein besserer Ehemann als ich.“

„Ich würde mir nie herausnehmen, deinen Bruder zu beurteilen.“

„Aber du hast ihn als aufmerksam und rücksichtsvoll gelobt, sodass ich in einem schlechten Licht dastand.“

„Wenn du selbstkritisch wärst, hättest du es zugegeben. Aber wie wir wissen, ist das nicht deine Stärke.“

„Was soll das nun wieder heißen?“, brauste Alexandros auf.

Das schien sie nicht zu berühren, denn sie hielt die Augen geschlossen. „Wenn du nett sein wolltest, wärst du es. Wenn du aufmerksam und rücksichtsvoll sein wolltest, würdest du dir keinen Zwang antun.“ Nur kurz schwieg sie. „Vielleicht. Aufmerksam zu sein, bedeutet, dass man weiß, wie die eigenen Entscheidungen sich auf andere auswirken, und so etwas liegt dir nicht.“

„Ich treffe ständig Entscheidungen.“

„Eben.“

„Und du findest, es kümmert mich nicht, ob andere davon betroffen sind?“

„Nein.“

Einfach so. Nein. Keine Begründung, keine Einschränkung. Exakt so meinte Polly es.

Wusste sie, dass er mit seinen Unternehmen unzählige Jobs schuf und Menschen Arbeitsplätze sicherte?

„Ich kann auch rücksichtsvoll und einfühlsam sein.“ Hatte er es in ihrer Ehe nicht wiederholt bewiesen? Oder hatte er das falsch gesehen? Fünf Jahre lang …?

„Bei deiner Mutter“, räumte sie ein. „Und obwohl du Stacia verwöhnst, denkst du selten an ihre Wünsche, wenn sie sich nicht mit deinen decken.“

„Willst du mir wieder vorwerfen, ich würde nie Partei gegen meine Mutter ergreifen?“

„Ich werfe dir gar nichts vor.“ Polly seufzte. „Gibt es einen Grund dafür, dass du jetzt mit mir darüber sprichst? Ich bin wirklich müde.“

„Ach, das hatte ich vergessen: Es bringt nichts, mit mir zu streiten.“

„Alexandros, was soll ich dazu sagen?“

„Dass ich kein schlechter Ehemann bin!“, forderte er.

Endlich – endlich hob sie den Kopf und sah ihn an. Ihre Augen funkelten so zornig, wie er sie lange nicht erlebt hatte.

„Alexandros, ich bin im sechsten Monat schwanger und Mutter einer überaus lebhaften Dreijährigen. Auch ohne die Ausschüsse, denen ich auf dein Drängen vorstehe, wäre ich erschöpft. Nicht nur müde. Erschöpft.“ Auf einmal sah man es ihr an, ihre Lebenskraft war erloschen.

Schützend legte sie eine Hand auf ihren Babybauch. „In mir wächst neues Leben, mir wird oft übel. Selbst in einem bequemen Sessel fühle ich mich schrecklich, jeder Schritt fällt mir schwer. Sogar zu stehen, ist eine Folter, ebenso wie bei der ersten Schwangerschaft. Dennoch zwingst du mich, die dämlichen Make-up-Sitzungen einer Stylistin über mich ergehen zu lassen, damit ich an eurem geheiligten Familienessen teilnehmen kann, für das ich mich fünfzig Minuten lang in den Hubschrauber zwängen muss.“

„Ich wusste nicht, dass das für dich eine Qual ist.“ Hätte er sich das nicht denken können?

„Natürlich nicht. Als liebevoller Ehemann hättest du daran gedacht. In den fünf Jahren unserer Ehe hast du nichts getan, um mich glücklich zu machen, du hast nie an mein Befinden gedacht. Gedankenlos? Nein, das bist du nicht. Du bist ein erbärmlicher Ehemann.“

Das saß. Minutenlang schwieg er.

„Wenn ich wirklich so erbärmlich bin – warum bist du dann bei mir geblieben?“ Eine dumpfe Ahnung stieg in ihm auf.

Schon vor langer Zeit hatte er erkannt, dass die materiellen Vorteile, die es mit sich brachte, wenn man mit einem Milliardär verheiratet war, Polly nicht reizten. Warum blieb sie dann bei einem Ehemann, den sie als erbärmlich empfand?

„Fragst du dich das jetzt erst?“ Sie schluckte. „Wir haben uns Liebe und Treue geschworen, haben ein gemeinsames Kind. Als ich zum ersten Mal schwanger war, habe ich aufgehört, an mein eigenes Glück zu denken.“

Das meinte sie ernst. Der Grund, aus dem Polly bei ihm blieb, war nicht gerade schmeichelhaft für sein Ego.

„Du willst mit mir verheiratet bleiben – komme, was wolle?“

„Nein, das nicht.“

„Und was würde die Gelübde, die wir abgelegt haben, belanglos machen?“ Eine namenlose Furcht packte ihn.

„Misshandlung. Untreue.“

„Mehr nicht? Ich habe dich nie misshandelt und bin dir treu.“

„Na ja … das ist wirklich beachtlich.“ Wieder seufzte Polly. „Und du bist gut im Bett“, musste sie zugeben. „Du bist kein Liebhaber, der nur an sich denkt.“

Nur auf jede andere Weise selbstsüchtig.

Diesmal fehlten ihm die Worte.

2. KAPITEL

Sie waren am Helipad angekommen, und Alexandros fühlte sich erleichtert, das Gespräch beenden zu können. Was jetzt?

Betroffen beobachtete er, wie seine Frau sich anschickte, die Limousine zu verlassen. Wieder fiel ihm auf, wie müde Polly wirkte. Warum war ihm das nicht längst aufgefallen? Die Schatten unter den Augen waren vorher nicht da gewesen.

Schuldbewusst half er ihr beim Aussteigen, hob sie hoch und trug sie zum Hubschrauber. Sie wehrte sich nicht, sondern entspannte sich in seinen Armen.

Vertraute sie ihm? Oder war sie einfach erschöpft?

Im Hubschrauber streifte er sich das Jackett ab und hüllte Polly darein. Auch jetzt wehrte sie sich nicht, sondern entspannte sich und schlief sofort ein.

Auch gut. Sie musste völlig erschöpft sein.

Autor

Lucy Monroe

Die preisgekrönte Bestsellerautorin Lucy Monroe lebt mit unzähligen Haustieren und Kindern (ihren eigenen, denen der Nachbarn und denen ihrer Schwester) an der wundervollen Pazifikküste Nordamerikas. Inspiration für ihre Geschichten bekommt sie von überall, da sie gerne Menschen beobachtet. Das führte sogar so weit, dass sie ihren späteren Ehemann bei ihrem...

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