Verführerische Blicke

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Alexandra und Nolan sind beide alleinerziehend und seit Jahren beste Freunde. Doch eines Tages entdeckt Alexandra, dass Nolan sie, wie er glaubt unbemerkt, voller Begehren ansieht. Plötzlich ist nichts mehr so, wie es früher war, denn Alexandra fühlt genau wie er. Kann aus Freundschaft Liebe werden?
  • Erscheinungstag 02.12.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733754297
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Nolan Larson hatte einen langen, anstrengenden Tag bei Gericht hinter sich. Er nahm eine Flasche Bier mit auf seine Terrasse, lehnte sich bequem in einem Schaukelstuhl zurück und schaute zum Abendhimmel hinauf. Er lebte nun schon seit mehr als fünf Jahren in Wyoming, trotzdem staunte er immer wieder, wieviel strahlender und näher die Sterne hier zu sein schienen als in Los Angeles. Er spürte, dass sich sein Herzschlag beruhigte und der Stress des Tages langsam von ihm abfiel.

Plötzlich hörte er eine Stimme. Er sah erstaunt zu der Hecke, die seinen kleinen Garten von Alexandra Talbots Garten trennte. Es war zweifellos Alexandras Stimme, aber was redete sie da?

Er ging leise zu der kleinen Lücke im Gebüsch, durch die sein Sohn Rick und Alexandras Tochter Tasha ständig krochen, um sich zu besuchen. Nolan schaute hindurch und lächelte.

Alexandra stand in Jeans und Sweatshirt auf ihrer hell erleuchteten Terrasse und las laut aus einem dicken Manuskript. Dabei veränderte sie ständig Stimme und Mimik.

„Hallo, Alexandra.“ Nolan quetschte sich durch die Hecke.

Beim Klang seiner Stimme schreckte sie zusammen und drehte sich heftig nach ihm um, eine Hand flach auf die Brust gepresst. „Nolan, du hättest mich beinahe zu Tode erschreckt.“

Nolan lächelte. Alexandra hatte ihn schon öfter aus dem Gleichgewicht gebracht, während es ihm bei ihr nur selten gelang. „Tut mir leid, Alex.“

„Sehr geknickt siehst du nicht gerade aus“, gab sie zurück.

„Was liest du da?“ Er zeigte auf das Manuskript. „Ein neues Stück für deine Klasse?“

Mit glänzenden Augen und einem stolzen Lächeln sah Alexandra zu ihm auf. Er hatte sie schon immer für eine schöne Frau gehalten, doch wenn sie so lächelte, war ihre Schönheit geradezu atemberaubend. Manchmal wünschte er sich, es würde sie mehr verbinden als nur Freundschaft.

„Es ist das Drehbuch für den Film ‚Gegen den Wind‘.“ Sie presste das Skript mit beiden Händen vor die Brust und ging ein paar Schritte auf Nolan zu.

„Für den Film, der im Sommer hier gedreht werden soll?“, fragte er. „Auf der Ranch deiner Familie?“

„Ja, und der Text ist großartig. Ich kann kaum glauben, dass mein Cousin Marsh ihn verfasst haben soll.“

„Ich dachte, er wollte dich das Skript gar nicht lesen lassen?“

„Wollte er auch nicht, der eingebildete Affe. Aus Sicherheitsgründen.“ Sie verdrehte theatralisch die Augen. „Aber stell dir vor, Blair DuMaine hat mich …“ Alexandra machte eine bedeutungsvolle Pause und tippte sich mit dem Zeigefinger auf die Brust, „gebeten, ihr beim Lernen ihres Textes zu helfen, ehe die Dreharbeiten beginnen. Ist es zu fassen?“

„Ich bin inzwischen so weit, dass ich alles glaube, wenn es um dich geht“, erwiderte Nolan.

„Ist das nicht toll? Sie kommt morgen Abend und will mir als Gegenleistung sogar helfen, meine Oberstufenschüler ein bisschen auf Trab zu bringen.“

„Blair DuMaine? Die Diva aus Hollywood kommt ausgerechnet nach Sunshine Gap? Um sich auf ihre Rolle vorzubereiten?“

„Genau so ist es.“ Alexandra konnte ihr Temperament nur für wenige Sekunden zügeln, dann begann sie unvermittelt, einen wilden Freudentanz aufzuführen, bei dem ihre dunklen, glänzenden Locken um das Gesicht wirbelten.

„Wie hast du das geschafft?“, fragte Nolan. „Durch Erpressung?“

„Brauchte ich gar nicht. Sie war unheimlich nett und großzügig. Du wirst sie mögen.“

„Ich?“

„Ja, du. Ich möchte nämlich, dass du und Rick und Tasha morgen mit zu unserer Probe kommt. Einverstanden?“

„Kann ich sie kennen lernen?“

„Blair? Natürlich.“

„Wird sie mir ein Autogramm geben?“

„Wenn du eins möchtest.“ Alex griff nach seinem Arm. „Lass mich bitte nicht im Stich, Nolan. Tasha möchte unbedingt mit zur Probe, aber ich kann sie nicht so lange unbeaufsichtigt lassen. Sie wird sich langweilen und Unfug machen, sobald ich ihr den Rücken kehre.“

„So schlimm ist sie nun auch wieder nicht.“

„Gelangweilte Teenager können sehr gefährlich werden. Glaub mir, ich kenne mich aus, ich habe täglich mit ihnen zu tun.“

„Gut, wir kommen.“ Nolan sah sie an. „Kommst du auf ein Bier zu mir?“

Alexandra sah zu Tashas Fenster hinauf. Das Licht war aus, kein Laut kam von oben. „Einverstanden, ich bin ohnehin viel zu aufgedreht, um zu schlafen.“

Sie folgte ihm durch die Hecke und den Garten in seine Küche.

Nolan nahm ein frisches Bier aus dem Kühlschrank, und Alexandra holte sich ein Glas vom Regal. Sie setzte sich in die kleine Frühstücksnische, streifte die Schuhe von den Füßen und zog die Beine auf die Bank. Nolan nahm ihr gegenüber Platz.

Zahllose Abende hatte er schon mit Alexandra hier verbracht, wenn die Kinder zu Bett gegangen waren. Sie hatten miteinander gegessen, getrunken und geredet, die Freuden und Leiden allein erziehender Väter und Mütter geteilt. So war eine tiefe Freundschaft zwischen ihnen entstanden.

Er hatte sich nach dem Tod seiner Frau Jennifer und dem Umzug nach Sunshine Gap einsam und verloren gefühlt, doch Alex hatte Mitleid mit ihrem neuen Nachbarn gezeigt und ihm mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Er wusste nicht, was er ohne sie getan hätte.

„Und jetzt sag mir die Wahrheit“, begann Nolan. „Hast du vielleicht auch eine klitzekleine Intrige eingefädelt, um eine Rolle in dem Film zu ergattern?“

Alex verschluckte sich beinahe an ihrem Bier. „Natürlich nicht“, empörte sie sich.

„Wieso so heftig? Du bist eine tolle Schauspielerin. Warum solltest du nicht deine Beziehungen spielen lassen?“

„Ich bitte dich. Da wird ein richtig großer Kinofilm gedreht, und ich bin nur eine kleine Englischlehrerin an der High School. Alles, was ich vorweisen kann, ist ein bisschen Erfahrung im Laientheater.“

„Falsch“, unterbrach Nolan sie. „Du hast eine Schauspielausbildung und jede Menge Bühnenerfahrung. Außerdem habe ich einige Filme mit Blair DuMaine gesehen und finde, dass du ihr in jeder Beziehung das Wasser reichen kannst.“

Alexandra lachte laut. „Du bist süß, Nolan, aber du bist mein bester Freund. Also zählt deine Meinung nicht besonders viel.“

„Ich meine es aber ernst.“

Alexandra sah in irritiert an, doch sie hielt seinem forschenden Blick stand.

„Ich möchte wirklich wissen, warum du an der High School unterrichtest, statt eine Karriere als Schauspielerin zu verfolgen.“

Das Funkeln in Alexandras Augen erlosch, und ihr Gesicht wurde starr.

„Alexandra? Was habe ich denn gesagt?“ Verblüfft über ihre plötzliche Verwandlung, sprang Nolan auf und ging um den Tisch herum. Er nahm ihre Hand. „Es tut mir wirklich leid. Ich wollte dir nicht wehtun oder …“

Sie unterbrach ihn mit einem raschen Kopfschütteln. „Ist schon in Ordnung. Nur eine alte Geschichte. Nichts von Bedeutung.“

„Willst du darüber reden?“

„Nein, lieber nicht. Ich würde dich zu Tode langweilen.“

Nolan drückte freundschaftlich ihre Hand. „Nichts zu machen. Du hast mir sicher mehr als hundert Mal zugehört, wenn ich von Jennifer erzählt habe, aber über deine Vergangenheit weiß ich so gut wie nichts. Ich habe zwar hier und da ein wenig von dem Klatsch über dich aufgeschnappt, aber ich finde, es wäre an der Zeit, dass du mir die wahre Geschichte über Alexandra McBride Talbot erzählst.“

Sie entzog ihm ihre Hand. „Oh, ich hasse Anwälte. Sie sind so verflixt stur.“

„Antworte mir.“

„Also gut.“ Sie stellte die Füße auf den Boden und sah auf das Glas in ihren Händen. „Seit ich denken kann, wollte ich Schauspielerin werden.“

„Und du bist nach Hollywood gegangen und …“

Alex sprang auf und begann nervös in der Küche auf und ab zu gehen. „Ach, hör doch auf, was soll das? Tausende meinen, sie seien begabt. Und nur ein ganz kleiner Prozentsatz von ihnen wird wirklich berühmt.“

„Wie bitte?“ Nolan lachte überrascht auf. „Seit wann lässt du dich wegen einer möglichen Niederlage von irgendetwas abhalten?“

Alexandra wischte seinen Einwand mit einer Handbewegung weg. „Wie auch immer. Ich habe meinen Traum vor langer Zeit begraben.“

„Vielleicht solltest du ihn wieder ausgraben?“

„Ich bin nicht begabt genug.“

„Wer sagt das?“

„Ich weiß es einfach. Und ich bin auch nicht schön genug. Also hör auf, mich zu nerven.“

„Gut, eine Frage noch. Warum hast du deinen Traum aufgegeben?“

„Wegen meiner Familie.“ Alexandra ging zum Fenster und sah in die Dunkelheit hinaus. „Du weißt doch selbst, wie überaus besorgt sie alle sind. Nicht nur meine Eltern. Tante Lucy und Onkel Harry sind mindestens ebenso schlimm.“

„Aber dein Cousin Marsh hat den Sprung nach Hollywood geschafft.“

„Er ist ein Mann“, antwortete Alexandra. „Dort ist man altmodisch, bei ihm war man weniger streng als bei mir.“

„Vielleicht hat er nur entschiedener gekämpft. Ich verstehe einfach nicht, warum du es nicht wenigstens versucht hast.“

„Meine Familie bestand darauf, dass ich zuerst aufs College gehe. Ich wollte zwar nicht, aber ich habe schließlich nachgegeben, weil sie mich sonst nicht weiter finanziell unterstützt hätte. Dann traf ich Tashas Vater, und den Rest kennst du sicher aus den Klatschgeschichten, die über mich in Umlauf sind.“

„Mich interessiert aber deine Version.“

„Sie ist nicht so interessant.“ Alexandra zupfte das Etikett von der Bierflasche und faltete es zusammen, bis es nur noch ein kleiner Papierball war. „Brad nannte mich exotisch, und ich fiel auf ihn herein. Ich wurde schwanger, wir heirateten, und ein Jahr später wurden wir geschieden. Ich war mit einem Mal eine allein stehende Frau mit einem Baby. Ende der Karriere als Schauspielerin.“

Alexandra rollte den kleinen Papierball mit dem Zeigefinger auf dem Tisch hin und her. „Bradley Talbot war damals so unreif, wie ein Mann nur sein kann, und ich wollte nicht, dass seine hochnäsige Mutter mein Kind groß zieht. Also musste ich selbst so schnell wie möglich erwachsen werden. Deshalb habe ich mein Lehrerinnenexamen gemacht.“

„Ich verstehe ja, dass du eine gewisse Sicherheit gesucht hast, aber warum bist du ausgerechnet hierher zurückgekommen?“

„Weil ich wollte, dass Tasha ein möglichst behütetes, liebevolles Zuhause hat. Ich musste also zurück nach Sunshine Gap, damit meine Familie bei Bedarf einspringen konnte. Und wenn ich meine Tochter so betrachte, dann denke ich, dass es die richtige Entscheidung war.“

„Du hast sie wirklich sehr gut erzogen.“ Nolan saß zurückgelehnt in seinem Stuhl und betrachtete Alexandra. Er bewunderte sie, dass sie um ihrer Tochter willen ihren großen Traum aufgegeben hatte. Auch hatte sie sich keinesfalls zu einer Märtyrerin entwickelt oder ihre Unzufriedenheit an Tasha ausgelassen.

„Weißt du, Alexandra“, sagte er, „du könntest es trotz allem versuchen.“

„Was versuchen?“

„Schauspielerin zu werden.“

Sie warf ihm einen kurzen Seitenblick zu und lachte dann schmerzlich. „Dafür ist es viel zu spät. Hollywood liebt junge Frauen, und ich habe die dreißig leider schon überschritten.“

Nolan musterte sie kritisch. „Du siehst immer noch wie zwanzig, allerhöchstens fünfundzwanzig aus.“

„Lügner.“

Er sah ihr in die Augen und entdeckte, dass Alexandra ihm tatsächlich nicht glaubte. Irgendwie musste er ihr beweisen, dass ihre Schönheit bei weitem ausreichte, um ein Filmstar zu werden. Also zog er sie von ihrem gemütlichen Plätzchen hoch und führte sie am Ellbogen in den Waschraum vor den großen Spiegel.

„Was soll das?“, fragte Alexandra irritiert.

„Sei still und zapple nicht so herum.“

Mit einem tiefen Seufzer, der ihren Missmut zum Ausdruck bringen sollte, stellte sich Alexandra gerade vor den Spiegel.

Nolan stand hinter ihr und betrachtete ihr Spiegelbild. „So ist es gut. Jetzt versuche einmal, dich mit meinen Augen zu betrachten. Ich werde mit deinem Haar beginnen.“

„Was stimmt nicht mit meinem Haar?“

„Alles stimmt. Es ist voll und glänzend. Es sieht immer gut aus, egal, wie du dich frisierst. Obwohl ich eine Vorliebe für lange Haare habe, gefallen mir deine kurzen Locken.“

Alexandra drehte ihren Kopf aufmerksam hin und her und strich sich eine Strähne hinters Ohr. „Ja, ich denke auch, meine Haare sind in Ordnung.“

„Und deine Figur ist auch in Ordnung.“

Alexandra streckte die Brust heraus und nahm die Schultern zurück. Sie stützte die Hände auf die Hüften und betrachtete sich von allen Seiten im Spiegel. „Na ja, mein Bauch ist ziemlich flach und meine Oberschenkel sind nicht zu dick. Aber meine Hüften …“

„Keine falsche Bescheidenheit.“

Sie warf ihm einen strafenden Blick zu. „Was willst du denn? Ich habe schließlich ein Kind geboren, da hat man keine perfekte Figur mehr.“

„Jetzt sieh doch mal genau hin und sei nicht so kritisch.“ Nolan trat dichter hinter sie und legte seine Hände auf ihre Oberarme. „Du hast einen tollen Busen. Und er ist echt, Alex, kein Silikon.“

„No-o-o-lan.“

Er hörte nicht auf ihren Protest, sondern legte seine Hände fest links und rechts auf ihre Taille. Noch nie zuvor hatte er sie so berührt. „Deine Taille ist unglaublich schmal, siehst du? Und deine Hüften haben genau diese entzückende Rundung, der die Hände eines Mannes kaum widerstehen können.“

„Nolan Larson!“ Alexandra drehte sich halb zu ihm um. „Ich kann nicht glauben, dass du …“

Er ließ ihre Taille los und drehte sie so, dass sie seitlich vor dem Spiegel stand. „Dein kleiner Po ist rund und fest. Genau wie er sein sollte. Aber das Aufregendste an dir sind deine Beine. Ich kann dir versichern, ich habe noch nie Beine gesehen, die so lang und sexy sind wie deine. Sie sind einfach atemberaubend.“

„Ich denke, du bist mein Freund.“

Alexandras schlichte Bemerkung ließ ihn aufschauen. Der Ausdruck ihrer Augen machte ihm klar, dass er wohl ein wenig zu weit gegangen war.

„Das bin ich auch.“

Sie schüttelte langsam den Kopf. „Ein Freund würde mich nie so ansehen wie …“

„Wie ein Mann eine schöne Frau ansieht? Meinst du das?“ Hielt sie ihn denn für völlig geschlechtsneutral?

„Ja.“

„Falsch.“ Nolan atmete tief durch und versuchte sich zu beruhigen. „Wir sind Freunde, Alexandra. Aber ich bin weder dein Vater noch dein Bruder. Ich fand dich vom ersten Augenblick an hinreißend.“

„Aber du hast nie …“

„Versucht, dich zu verführen?“ Als sie nickte, zuckte er mit den Schultern. Er trat ein paar Schritte zurück und steckte die Hände in die Hosentaschen. „Du hast nie eine Andeutung in dieser Richtung gemacht. Und deine Freundschaft war mir zu wertvoll, um sie durch einen Annäherungsversuch zu gefährden. Aber ich habe dich immer als äußerst begehrenswerte Frau betrachtet.“

„Warum hast du nie etwas gesagt?“ Alexandra sah bedrückt auf ihre Hände, und Nolan meinte, er höre ein leises Schniefen.

Er hob ihr Kinn hoch und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. „Bitte weine nicht. Ich bin doch immer noch dein Freund. Ich habe das alles doch nicht gesagt, um dich unglücklich zu machen.“

Alexandra entzog sich seinem Griff. „Warum dann?“

„Weil die Chance, dass jemals wieder ein Film in Sunshine Gap gedreht wird, eins zu einer Billion ist“, antwortete er. „Dies ist eine einmalige Gelegenheit, den Traum deines Lebens zu verwirklichen. Und ich versuche dich davon zu überzeugen.“

„Aber wie?“

„Sprich mit Blair oder Marsh darüber, dass du gern eine Rolle hättest.“

„Das kann ich nicht.“

„Warum nicht? Tasha ist dreizehn Jahre alt. Sie braucht dich nicht mehr rund um die Uhr, und ich kann ja auch mal einspringen.“

„So einfach ist das nicht. Drehbeginn ist der fünfzehnte Juni, sicher sind schon alle Rollen vergeben.“

„Mag sein. Trotzdem kann es nicht schaden, auf dich aufmerksam zu machen. Vielleicht gibt es ja noch eine kleine Nebenrolle.“

Alexandras Augen begannen wieder zu leuchten, doch sie zögerte noch. „Ach, ich weiß nicht. Ich muss darüber nachdenken.“

Nolans aufmunterndes Lächeln erzeugte ein seltsam kribbelndes, wohlbekanntes Gefühl in ihrer Magengegend. Sexuelle Anziehung war schließlich nichts Neues für eine dreiunddreißig Jahre alte geschiedene Frau mit Kind. Doch Nolan gegenüber hatte sie noch nie so empfunden. Seltsam eigentlich, denn er war groß und schlank und sehr attraktiv.

Tatsache war wohl, dass sie sich ihm gegenüber einfach keine sexuellen oder romantischen Gefühle erlauben wollte. Nolan war einfach … Nolan, und damit absolut tabu. Seit er ins Nachbarhaus gezogen war, war er ihr bester Freund und Vertrauter geworden. Umso mehr, als auch er allein erziehend war und die Sorgen und Nöte um ihre allmählich flügge werdenden Kinder sie vereinten.

„Alex? Alles in Ordnung mit dir?“

Sie räusperte sich und zwang sich zu einem Lächeln. „Aber ja, Nolan, alles in bester Ordnung.“

Sie trat einen Schritt zurück, als er auf sie zuging. „Um Himmels willen, Alexandra, ich werde mich schon nicht auf dich stürzen.“

„Das weiß ich.“ Sie drehte sich um und ging zurück in die Küche.

Sie trank den letzten Schluck aus ihrem Glas, klemmte ihr Skript unter den Arm und ging zur Tür. Das Problem war, dass sie selbst das beinahe übermächtige Verlangen empfand, sich Nolan an den Hals zu werfen und ihn zu küssen, bis er den Verstand verlor. „Ich muss jetzt gehen, morgen ist Schule.“

Nolan war vor ihr an der Hintertür und verstellte ihr den Weg. „Du bleibst, bis wir das geklärt haben.“

„Es gibt nichts zu klären, Nolan. Alles ist in bester Ordnung.“

„Warum siehst du mich dann nicht an?“

Widerwillig hob Alexandra den Blick, um Nolan anzusehen. Seine grünen Augen wirkten unglaublich attraktiv. Waren seine Wimpern schon immer so lang und dicht gewesen? Verflixt, sie musste so schnell wie möglich nach Hause, um sich wieder in den Griff zu bekommen.

„Alles ist in bester Ordnung“, wiederholte sie und zwang sich zu einem Lächeln. „Ich weiß, dass du nur mein Selbstvertrauen stärken wolltest. Das war nett von dir. Wirklich.“

Nolan blickte sie unverwandt an. „Ich wollte nicht nett sein, Alex. Ich habe jedes Wort so gemeint, wie ich es gesagt habe.“ Seine Stimme war leise und beherrscht. „Aber ich will nichts von dir, was du nicht auch möchtest. Unsere Freundschaft soll bleiben, wie sie ist. Es sei denn, auch du möchtest, dass sie sich wandelt.“

„Ich verstehe“, erwiderte sie, obwohl sie ihm keine Sekunde glaubte.

Die Worte waren ausgesprochen und ließen sich nicht mehr ungesagt machen. Wie um Himmels willen sollte Alexandra ihm je wieder in die Augen blicken, ohne daran zu denken, dass er ihren Busen toll und ihre Beine ungeheuer sexy fand?

„Ich muss jetzt wirklich gehen.“ Sie schob ihn sanft zur Seite. „Es ist schon ziemlich spät. Bis morgen.“

„Gut, bis morgen. Aber wir werden …“

Doch Alexandra lief schon die Treppe hinunter zur Hecke und drehte sich nicht mehr nach ihm um.

Nachdem sie das Licht auf der Terrasse gelöscht und ihre Hintertür zugeschlossen hatte, ging Alexandra nach oben in ihr Schlafzimmer. Doch sie war noch viel zu aufgedreht, um sich hinzulegen.

Sie trat ans Fenster und spähte durch einen schmalen Schlitz in der Jalousie zum Nachbarhaus hinüber. Bei Nolan brannte noch Licht, und er hatte die Vorhänge nicht zugezogen. Er zog sich gerade sein Polohemd über den Kopf.

Alexandra schämte sich fast ein wenig, dass sie ihn heimlich beim Ausziehen beobachtete. Dabei hatte sie seinen nackten Oberkörper schon viele Male gesehen, wenn sie mit den Kindern schwimmen waren, wenn er im Garten arbeitete oder im Sommer mit ihr joggte.

Er stand nun ebenfalls am Fenster und blickte in die Nacht hinaus. Wie oft schon hatte sie ihn so gesehen? Sie konnte seinen Gesichtsausdruck nicht genau erkennen, doch ein Hauch von Einsamkeit schien ihn zu umgeben. Früher hatte sie immer geglaubt, er sei mit seinen Gedanken bei Jennifer. Doch möglicherweise dachte er gar nicht an seine verstorbene Frau, sondern vielleicht an … sie, Alexandra?

Bei diesem Gedanken rann ihr ein Schauer über den Rücken. Wie in einem Film sah sie sich im Nachthemd hinter Nolan stehen. Sie schmiegte ihre Wange an seinen warmen, glatten Rücken und hielt ihn mit den Armen umfasst. Ihre Brüste pressten sich gegen ihn, und ihre Hände liebkosten seine Haut. Und dann …

Ihr Herz schlug wie verrückt, und es fiel ihr schwer zu atmen. Krampfhaft schluckte sie ein paar Mal. Ihre Haut fühlte sich heiß und feucht an, und sie wollte …

„Lass das, Alex“, murmelte sie leise und wandte sich vom Fenster ab. „Denk nicht daran.“

Sie schlüpfte seufzend zwischen ihre Laken. Was war nur geschehen? Wieso schwirrten ihr mit einem Mal so viele verrückte Gedanken im Kopf herum? Nicht nur den Traum von der Karriere als Schauspielerin hatte sie aufgegeben, sondern auch den Traum, sich wieder zu verlieben, vielleicht noch ein Kind zu haben. Warum eigentlich? War das Scheitern ihrer ersten Ehe so traumatisch gewesen, dass sie sich vor einem neuen Versuch fürchtete? All das lag doch beinahe zwölf Jahre zurück.

Hatte Nolan recht? Sollte sie sich einen Ruck geben und versuchen, aus ihren Träumen Wirklichkeit werden zu lassen?

2. KAPITEL

Blair DuMaine kam am nächsten Abend rechtzeitig an, um an der High School gleich mit den Proben zu beginnen. Alex begrüßte sie und stellte sie stolz ihrer Abschlussklasse vor.

Zu Alexandras großer Freude behandelte Blair die jungen Leute fast wie ihresgleichen. Die Teenager dankten es ihr, indem sie sich augenblicklich ihren Anweisungen fügten und mit großer Hingabe mitarbeiteten. Nie zuvor hatten sie mit so viel Begeisterung und Einfühlungsvermögen die schwierigen Charaktere aus Tennessee Williams’ Schauspiel „Die Glasmenagerie“ auf der Bühne zum Leben erweckt.

Nach der Probe wollte Alexandra Blair noch zu einem Drink einladen. Blair zögerte, wobei ihr Gesicht einen halb traurigen, halb ärgerlichen Ausdruck annahm.

„Habe ich Sie irgendwie verletzt?“, fragte Alex. „Oder einer meiner Schüler?“

Blair schüttelte den Kopf, als wollte sie einen unangenehmen Gedanken vertreiben, und lächelte Alexandra dann zu. „Oh, nein, Alex. Ich habe schon lange nicht mehr so viel Spaß gehabt. Es ist nur schon ein wenig spät.“

„Spät?“ Alex sah auf ihre Uhr. „Es ist doch kaum neun.“

„Nun, Dillon macht es Spaß, mich schon in aller Herrgottsfrühe zu quälen“, erklärte Blair mit einem vielsagenden Lächeln.

Autor

Myrna Temte
Eigentlich führt Myrna ein ganz normales Leben. Sie ist mit ihrer Collegeliebe verheiratet, hat zwei bezaubernde Kinder, einen süßen kleinen Hund und lebt in einer angenehmen Nachbarschaft in einer netten kleinen Stadt im Staat Washington.
Viel zu durchschnittlich, findet sie. Um mehr über sie zu erfahren muss man ihrer Meinung...
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