Verführt!

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Als Skyler versucht, ein Kätzchen zu retten, und auf einen Baum klettert, stürzt sie und fällt direkt in die starken Arme des Feuerwehrmannes Jackson Tesson. Es ist Liebe auf den ersten Blick, und Jackson hat nur noch eins im Sinn: diesen hinreißenden blonden Engel, der vom Himmel gefallen ist, zu verführen!


  • Erscheinungstag 24.08.2023
  • ISBN / Artikelnummer 9783751527385
  • Seitenanzahl 160
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Skyler Kimball saß hoch oben in einer Eiche, und während sie den Ast umklammerte, der direkt über ihrem Kopf verlief, streckte sie die andere Hand nach dem Ausreißer aus. „Komm schon, Fluffy.“

Fluffy, die kupferfarbene Perserkatze, hockte keine zwei Meter von ihr entfernt und sah sie unverwandt an.

Was hast du denn erwartet, Sky? tadelte sie sich selbst. Dass das Tier sich einfach in deine Arme flüchtet, nachdem es sich hier seit über zwei Stunden offenbar sehr wohl fühlt? Das Leben war niemals so einfach. Jedenfalls nicht ihres.

„Ich habe die Feuerwehr alarmiert, Skyler Schätzchen!“, rief plötzlich Roland, Fluffys Besitzer, zu ihr hoch.

„Äh …“ Vor Schreck ließ sie beinahe den Ast los, an dem sie sich festhielt. „Ist das nicht ein bisschen übertrieben?“, rief sie zurück und spähte durch das Laubwerk zu ihm nach unten.

Roland Patterson, der Besitzer des Zoogeschäftes direkt neben ihrer Boutique für Damenoberbekleidung, sah lächelnd zu ihr hinauf. Selbst aus fünfzehn Metern Entfernung konnte sie erkennen, wie seine Augen strahlten.

Aber ihm war natürlich jeder Grund recht, die Feuerwehr zu alarmieren. Roland hatte eine Schwäche für die Feuerwehr. Genauer gesagt, für Feuerwehrmänner.

Seit fast zwei Jahren waren Roland und sie stolze Ladenbesitzer an der Hauptstraße von Baxter, Georgia, ihrer Heimatstadt. Die Gemeinde hatte Kredite zu großzügigen Konditionen vergeben, wodurch sie – genau wie die Bäckerei, das Fitnessstudio und das Blumengeschäft – die Chance bekommen hatten, an dem wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt teilzuhaben. Skyler fand ihre Selbstständigkeit als Besitzerin von „Kimball Fashions“ wundervoll. Da spielte es keine Rolle, dass ihre älteren Brüder an jedem einzelnen Paragrafen des Vertrages, den sie unterzeichnet hatte, etwas auszusetzen gehabt hatten.

Und genau diese Brüder würden jetzt wohl gleich auf der Bildfläche erscheinen mit Sirenen, Blaulicht und allem, was die Feuerwehr von Baxter so zu bieten hatte.

Sie schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Bitte, lieber Gott, lass sie nicht mit der Leiter kommen … bitte nicht.

„Na los, Fluffy.“ Flehend streckte sie noch einmal die Hand nach dem ungezogenen Tier aus.

Fluffy ignorierte sie und begann von Neuem, ihre inzwischen wahrscheinlich keimfreie Pfote sauber zu lecken.

Die Sorge, dass Roland – ängstlich und überbesorgt, wie er nun einmal war – auf die Idee kommen könnte, wegen so einer Lappalie wie Kätzchen in Not die Feuerwehr zu rufen, war überhaupt erst der Anlass für sie gewesen, hier hochzuklettern. Sie wurde mit jedem Problem fertig. Und zwar ohne die Hilfe ihrer Brüder. Ganz sicher würde sie auch mit dieser dummen Katze fertig werden.

Irgendwo in der Ferne hörte sie eine Sirene.

Einen Moment lang überlegte sie, ob sie vorher schnell absteigen sollte, aber ein Blick nach unten auf den sommerlich grünen Rasen des Parks belehrte sie eines Besseren. Sie schluckte. War sie wirklich so hochgeklettert?

Noch schlimmer war, dass sich unten auf dem Gehweg bereits eine kleine Menschenmenge angesammelt hatte. Skyler verfluchte ihre Impulsivität und lehnte die Stirn an den rauen Stamm des Baumes. Ihr Leben lang hatte sie gegen diese Heldenmentalität ihrer Familie angekämpft, indem sie sich möglichst vorsichtig und besonnen verhielt. Ihr Vater hatte als Held bei der Bekämpfung eines Brandes sein Leben eingesetzt und es verloren, ohne vorher darüber nachzudenken, was sein Verlust emotional und finanziell für seine Familie bedeuten würde. Ihre Brüder Ben und Steve arbeiteten jetzt ebenfalls bei der Feuerwehr, und Wes war Polizist geworden. Tag für Tag gaben sie ihr Bestes, um der Heldenlegende seiner Familie gerecht zu werden, während sie, Skyler, versuchte, das Gegenteil zu tun.

Sie kümmerte sich um ihre Mutter, die sich niemals völlig von dem Tod ihres Mannes vor zwanzig Jahren erholte hatte, sie zahlte als brave Bürgerin ihre Steuern, bemühte sich um ihre Kundschaft, ging jeden zweiten Samstagabend mit ihren Freundinnen aus und kämpfte gegen Panikattacken an, die sie hin und wieder wegen der gefährlichen Jobs ihrer Brüder befielen.

Und heute hatte sie neue Waren einzuräumen, musste gute Kundinnen anrufen wegen des bevorstehenden Sommerschlussverkaufes und sich obendrein um ihre Buchhaltung kümmern. Warum nur hatte sie nach jahrelanger Enthaltsamkeit, was Heldentum betraf, sich ausgerechnet wegen einer Katze zu so etwas Unbesonnenem hinreißen lassen? Wenn Roland nicht so gejammert hätte …

„Nicht springen, junge Frau!“, rief ein Passant zu ihr hoch. „Bleiben Sie ganz ruhig. Bedenken Sie nur, wie wertvoll das Leben ist.“

„Ja, ja.“

Und dann war die Feuerwehr da. Mit der Leiter und dem Pumpenwagen. Der Notarztwagen fehlte natürlich auch nicht.

Skyler drehte sich auf ihrem Ast herum, lehnte sich jetzt mit dem Rücken an den Stamm und spähte zur Straße hinunter. „Tja, Fluffy, jetzt kriegen wir beide wohl das volle Programm.“

Captain Benjamin Kimball, ihr ältester Bruder, und Steve, der fünf Jahre jünger war, sprangen aus dem ersten Wagen. Weitere Feuerwehrleute stiegen aus den anderen Wagen und rannten ihrem Captain hinterher. Entnervt schloss Skyler die Augen und fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis die Polizei – also ihr dritter Bruder – da wäre.

Plötzlich spürte sie, wie etwas gegen ihren Arm stieß. Sie riss die Augen auf und sah, dass Fluffy zutraulich näher gekommen war. Automatisch begann sie, das schnurrende Tier zwischen den Ohren zu kraulen. „Also, weißt du, das hättest du dir auch ein bisschen früher überlegen können.“

Wie zur Antwort sprang ihr die Katze auf den Schoß und verletzte sie dabei mit den Krallen am Arm.

„Autsch!“ Skyler zuckte so heftig zusammen, dass sie schnell nach einem herabhängenden Zweig greifen musste, um das Gleichgewicht zu halten.

Die Menschenmenge am Fuße des Baumes keuchte vor Schreck auf.

„Skyler?“, rief jetzt jemand von unten. Es war Ben.

Skyler winkte in die Richtung, aus der seine Stimme gekommen war. „Hier.“

„Du hast doch nicht vor zu springen, oder?“

„Nicht heute.“

„Kannst du allein runterklettern?“

„Meinst du, ich sollte?“

„Skyler …“, begann Ben in dem vorwurfsvollen Ton, den er immer anschlug, wenn er sie aus einem Schlamassel befreien musste, in den sie durch ihre Impulsivität geraten war.

„Bin schon unterwegs.“ Sie klemmte sich Fluffy unter den Arm, stützte sich mit einer Hand am Stamm ab und stellte vorsichtig einen Fuß auf den nächst tieferen Ast. Gerade zog sie das andere Bein nach, da bekam es Fluffy mit der Angst zu tun und kratzte sie erneut am Arm. Skyler schwankte bedrohlich, Fluffy fauchte und versetzte ihr noch einen Hieb, bevor sie sich ihr geschickt entwand und sich auf einen anderen Ast flüchtete.

Sklyers Arm tat höllisch weh. Um sich zu beruhigen, ging sie erst einmal in die Hocke und setzte sich dann rittlings auf den Ast. Ihr Magen rebellierte, Schweißtropfen liefen ihr den Rücken hinab. „Okay, das war nicht lustig.“

Nach einem letzten wütenden Blick auf die Katze fuhr sie mit ihrem Abstieg fort. „Du kannst mir jetzt gestohlen bleiben, du Biest!“

Doch sie hatte es kaum einen Meter weiter nach unten geschafft, als sie das vertraute Geräusch der Hydraulik hörte. Oh nein, sie fahren die Leiter aus, dachte sie und lehnte wieder die Stirn an den Stamm der Eiche.

Die Katze fauchte.

„Ganz recht, Fluffy.“

„Ich heiße Jack ‚chère‘, nicht Fluffy. Reichen Sie mir Ihre Hand.“

Skylers Kopf fuhr herum, und prompt stieß sie sich dabei an einem Ast. Sich die Stirn reibend, beugte sie sich zu dem Mann hinab, der sie angesprochen hatte, und sah direkt in ein Paar Augen, deren Farbe sie an Whiskey erinnerte. Außer diesen unglaublichen Augen war da noch schwarzes Haar, ein ungemein attraktives, sonnengebräuntes Gesicht, breite Schultern, muskulöse Arme, und …

Beinahe hätte sie wieder das Gleichgewicht verloren, als sie sich noch weiter hinunterbeugte, um einen besseren Blick auf dieses Prachtexemplar von einem Mann zu haben.

Schnell packte er sie am Handgelenk und hielt sie fest.

Ihr Puls begann zu rasen. Die Wärme, die von seiner Hand ausging, schien direkt durch die Haut in ihre Adern zu strömen, und ihr wurde noch heißer, als ihr ohnehin schon war.

„Halten Sie sich an mir fest, chère“, sagte er. „Ich möchte bei meinem Captain Eindruck schinden.“

Skyler blinzelte überrascht. Aber natürlich. Ben hatte letzten Sonntag beim Abendessen erwähnt, dass sie einen neuen Mann eingestellt hätten, der gleichzeitig Feuerwehrmann und Sanitäter sei. Er stamme aus einer Kleinstadt in Louisiana. Er wolle sich unbedingt verbessern und sei ziemlich ehrgeizig.

Noch so ein Held.

Allerdings einer, der im Augenblick dabei war, sie zu retten. Es stand ihr also nicht zu, ihn zu kritisieren.

Er kam noch ein paar Sprossen hinauf, bis er mit ihr auf gleicher Höhe war, und zog an ihrem Arm. „Na, kommen Sie schon. Ich passe auf, dass Ihnen nichts passiert.“

Sie lächelte. Das hörte sich nett an. Langsam drehte sie sich auf ihrem Ast um und stellte vorsichtig einen Fuß auf die Leiter. Doch als diese bedrohlich zu wackeln begann, ließ sie vor Schreck alle Vorsicht außer Acht und warf einfach die Arme um den Hals des Feuerwehrmanns. Jetzt wurde ihr erst richtig heiß. Sein schönes Gesicht war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt, und er roch so gut – irgendwie nach einer Mischung aus Eau de Cologne und Rauch.

Er legte ihr einen Arm um die Taille und musterte sie ungeniert von Kopf bis Fuß. „Na, gefällt Ihnen diese Rettungsaktion?“

Skylers Herz raste. Es war lange her, dass ein Mann es gewagt hätte, sie so eindeutig anzusehen, ohne gleich das Opfer ihrer Brüder zu werden. Also nutzte auch sie die Gelegenheit, tat es ihm gleich und ließ den Blick langsam an ihm hinauf- und wieder hinabgleiten. Sie musste sich korrigieren. Er sah nicht schön aus im landläufigen Sinne, sondern, viel besser noch, auf eine faszinierende Art robust und wettergegerbt. Und stark. Und groß. Das weiße T-Shirt mit dem aufgestickten Logo der Feuerwehr von Baxter spannte sich über seinen breiten Schultern und muskulösen Oberarmen. Die schwarze Uniformhose schmiegte sich an seinen Körper, als sei sie maßgeschneidert.

Es gab unglaublich viel an ihm zu bewundern. So viele Muskeln, so viel Kraft, so viel … Mann. Sie blickte noch einmal nach unten zu seinen Füßen. Er stand tatsächlich einige Sprossen tiefer als sie und überragte sie dennoch. Nun ja, sie war kaum einssechzig groß, er dagegen mindestens einsneunzig. Dieses merkwürdige Gefühl in der Magengrube, das sie jetzt verspürte, kam wohl von ihrer Schwäche für große Männer.

Oder doch nicht? Plötzlich erinnerte Skyler sich wieder. Das hier war eine Rettung aus schwindelerregender Höhe!

Sie deutete zu der Katze, die immer noch einige Äste weiter oben hockte und in die Runde blickte, als sei sie empört über diese Störung ihres nachmittäglichen Abenteuers. „Wir dürfen Fluffy nicht vergessen.“

„Was halten Sie davon, wenn ich mich erst um Sie kümmere und danach um die Katze?“

Sie hatte nichts dagegen. Nach einem letzten vernichtenden Blick auf die Katze ließ sie sich unter dem Geklatsche der Menge von dem Feuerwehrmann die Leiter hinabführen. Als sie endlich das Gras unter ihren Füßen spürte, blickte sie dankbar zu ihm auf.

Sie musste den Kopf weit in den Nacken legen, um in sein Gesicht sehen zu können. Wow! dachte sie, und begann mit einem Mal zu schwanken.

Jack packte sie schnell bei den Schultern. „Alles in Ordnung mit Ihnen?“

Sie nickte langsam. Schließlich war ihr bloß schwindlig. Sein Lächeln war strahlend, charmant, selbstbewusst, vielleicht ein bisschen tollkühn. In ihrer Kehle wurde es eng. Als sich im nächsten Augenblick der Park um sie zu drehen schien, erkannte sie das nur allzu vertraute Gefühl.

Warum ausgerechnet jetzt, war ihr letzter Gedanke, bevor sie das Bewusstsein verlor.

Jack Tesson nahm die bewusstlose junge Frau auf die Arme und dankte seinem Schicksal dafür, dass es ihm endlich einmal wohlgesonnen war.

„Mon dieu“, flüsterte er, während er das feine, ovale Gesicht betrachtete. Sie sah aus wie ein Engel, doch auf der Leiter hatte er genügend Einblick gehabt, um zu wissen, dass zumindest ihre Dessous alles andere als engelhaft waren.

Ben Kimball kam auf ihn zugerannt. „Was ist mit Skyler?“

Ein passender Name für einen Engel, schoss es Jack durch den Kopf. „Sky“ bedeutet Himmel. Die Kollegen in der Feuerwache hatten bereits von ihr gesprochen. „Sie ist in Ohnmacht gefallen. Ist das deine Schwester?“

Ben nickte. „Bring sie am besten zum Notarztwagen.“

Während Jack sie dorthin trug, folgten ihm Ben sowie ein paar neugierige Zuschauer.

Steve, Bens jüngerer Bruder, der bereits wartend am Wagen stand, öffnete die Heckklappe und zog eine Trage heraus. „Legt sie darauf“, befahl er.

„Sie ist nur in Ohnmacht gefallen“, erklärte Ben.

Steves Mundwinkel zuckten. „Ach so!“ Die Brüder tauschten einen Blick.

Jack legte Skyler auf die Trage, fühlte ihr den Puls und stellte fest, dass er leicht erhöht war. Dann setzte er ihr eine Sauerstoffmaske auf. Ben und Steve standen dabei und beobachtete jeden seiner Handgriffe genau. „Ist sie schon öfter in Ohnmacht gefallen?“, wollte Jack wissen.

„Oh ja“, antwortete Steve und hockte sich auf die Stoßstange.

Jack holte ein Stethoskop, öffnete den obersten Knopf an Skylers Bluse und kontrollierte ihren Herzschlag. Angestrengt versuchte er, den Ansatz ihrer Brüste zu ignorieren, der sich sehr hell von der übrigen gebräunten Haut abzeichnete.

Er warf beiden Brüdern einen prüfenden Blick zu, bevor er das Stethoskop weglegte und Skylers Arme und Beine auf Verletzungen untersuchte. Er fand nur ein paar dünne Kratzer auf ihrem Unterarm, die er mit einem Desinfektionsmittel behandelte. „Ist sie schwanger?“

Steve fuhr hoch. „Besser nicht, verdammt.“

Ben packte seinen Bruder bei den Schultern und drückte ihn auf die Stoßstange zurück. „Ganz ruhig, Bruderherz. Sie ist nicht schwanger.“

„Wie kannst du so sicher sein?“

„Weil wir den Kerl längst umgebracht hätten.“

Jack sah wieder die beiden Brüder an. Gut zu wissen, dachte er bei sich. Ein Flirt mit der Schwester seines Chefs wäre eindeutig unter „schlecht für die Karriere“ zu verbuchen.

„Sie neigt dazu, in Ohnmacht zu fallen, wenn sie etwas zu sehr aufregt“, erklärte Ben. „Sie hat einen leichten …“

„O mein Gott!“ Ein Mann löste sich aus der Menschenmenge und warf sich über Skyler. „Sie stirbt!“

Jack packte den Mann am Arm und zog ihn zurück. Dank seiner Größe und Stärke war es ihm ein Leichtes, aufgebrachte Menschen unter Kontrolle zu bringen. Und dieser schmächtige Mann war für ihn überhaupt kein Problem.

Der Mann sah überrascht zu ihm hoch und blinzelte ein paar Tränen fort. „Aber, Skyler …“

„Wird gleich wieder zu sich kommen, Roland“, mischte Ben sich ein und schob ihn noch ein Stück weiter weg. „Ein leichter Herzfehler. Ihre Vorhofklappe funktioniert nicht hundertprozentig, und unter Stress wird es manchmal schlimmer.“

Roland sah Ben mit einem Blick an, den Jack nur als anbetend bezeichnen konnte. „Wirklich? Wie aufregend.“

Ben ließ ihn augenblicklich los.

„Äh, Steve?“, fragte Jack leise.

„Ja?“

„Kann es sein, dass der Kerl mit Ben flirtet?“

„Allerdings. Das ist nämlich Roland Patterson.“ Dann war das also der Besitzer der Zoohandlung, der die Notrufnummer gewählt hatte. Jetzt verstand Jack auch, warum der Kollege, der den Anruf entgegennahm, die Augen verdreht hatte. „Das ist noch gar nichts“, fuhr Steve leutselig fort. „Du solltest ihn erst sehen, wenn Wes in der Nähe ist. Cops machen ihn noch mehr an als Feuerwehrleute.“

„Was du nicht sagst.“

„Sie müssen Abstand halten und die Leute hier ihren Job machen lassen“, sagte Ben unterdessen zu Roland und versuchte, ihm mit Gesten verständlich zu machen, dass er verschwinden solle.

„Und Fluffy?“

„Die Katze“, erklärte Jack schnell, als Ben die Stirn runzelte.

Steve stand von der Stoßstange auf und streckte sich. „Ich mach das schon.“

„Moment mal, sie kommt gerade zu sich.“ Ben beugte sich über seine Schwester, die offenbar gerade dabei war, das Bewusstsein wiederzuerlangen. „Wie schafft sie es nur, andauernd Mist zu bauen?“

Jack fand die Sache ja eher unterhaltsam. Aber auf jeden Fall war dies der amüsanteste Einsatz, den er erlebt hatte, seit er vor ein paar Wochen hierher gezogen war. Sicher würde sich dieser Einsatz mit der Rettungsleiter gut in seinem Lebenslauf ausmachen, wenn er sich nächstes Jahr bei den größeren Feuerwehren in Atlanta bewarb. Baxter würde ihn einen Riesenschritt vorwärtsbringen. Und von Ben würde er auch einiges lernen können. Allerdings könnte dieser ruhig ein wenig lockerer sein, besonders wenn es um seine Schwester ging.

Er betrachtete seine Patientin, deren Lider flatterten, und fühlte ihren Puls, nur um sie noch einmal berühren zu können. Sie war schön. Und so zierlich. Selbst ihre nackten Füße mit den grellorange lackierten Zehnägeln waren zierlich. Und Humor schien sie auch zu haben. Zu dumm, dass sie für ihn tabu war. Andererseits, ein oder zwei eifersüchtige Familienmitglieder hatten ihn bisher noch nie abgeschreckt.

Plötzlich öffneten sie die Augen und setzte sich so ruckartig auf, dass ihre Sauerstoffmaske fast an seine Nase stieß.

„Was zum Teufel …“ Sie riss sich die Maske vom Gesicht und starrte Jack empört an. Dann wurde ihr Blick weich, und sie lächelte. „Oh, Sie sind es.“

„Jack Tesson.“ Er kämpfte gegen den Impuls an, bei ihr eine Mund-zu-Mund-Beatmung vorzunehmen, und zog stattdessen eine Stablampe hervor, um ihr die Pupillen zu untersuchen. Sie reagierten normal. „Wie fühlen Sie sich?“

Sie wurde knallrot, offenbar erinnerte sie sich daran, dass sie in seinen Armen ohnmächtig geworden war. Hatte er womöglich die gleiche Wirkung auf sie wie sie auf ihn? Oder war es ihr einfach nur peinlich?

Bevor sie Jack antworten konnte, ergriff Ben ihre Hände. „Du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt, Sky! Was hast du denn auf einem Baum zu suchen? Riskierst deinen Hals wegen einer dummen Katze.“

„Mir ist doch nichts passiert. Es war nur … Die Hitze war wohl zu viel.“

„Du nimmst deine Medikamente nicht mehr“, warf Ben ihr vor.

„Der Arzt sagt, dass ich sie nicht mehr brauche.“ Skyler schüttelte die Hand ihres Bruders ab. „Ich bin seit dem letzten Herbst nicht mehr in Ohnmacht gefallen.“

Ben fuhr sich seufzend durchs Haar. „Ich begreif es nicht, dass du auf einen Baum kletterst. Dafür bist du viel zu zart und …“

„Zart?“ Skyler schnaubte, schwang sich von der Trage und strich sich das Kleid glatt. „Du bist verrückt.“

„Ist das der Dank dafür, dass ich dich aus fünfzehn Metern Höhe gerettet habe?“

„Du hast mich doch gar nicht gerettet, sondern er.“ Sie schenkte Jack ein strahlendes Lächeln.

Bens Blick verdüsterte sich. Jacks Muskeln verkrampften sich. Mon dieu, sie war echte Versuchung. Aber nur, solange keine eifersüchtigen Brüder in der Nähe sind, korrigierte er sich, als er jetzt sah, wie Steve mit einer orangefarbenen Katze unterm Arm zurückkam.

„Hier habt ihr eure Fluffy wieder“, verkündete Steve. „Wohlbehalten.“

Ben seufzte. „Gib sie Roland, und dann lass uns hier verschwinden. Ein weiterer Skyler-Notfall ist glücklich beendet.“

Skyler funkelte ihn böse an. Fluffy fauchte, und Steve salutierte. „Ja, Sir, Captain, Sir.“

„Also los, Lieutenant.“ Ben wirkte kein bisschen amüsiert.

Jack, der das Gefühl hatte, dass es hier um einen Streit um Zuständigkeit und Verantwortung ging, richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Skyler.

Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie sie davonlief.

Nach ein paar Schritten blieb sie jedoch stehen, drehte sich um und kam zu ihm zurück.

„Wo verflixt noch mal sind eigentlich meine Schuhe?“

„Wie sehen die denn aus?“

„Wie sehen die denn aus“, höhnte sie und warf die Hände in die Luft. „Stehen hier etwa mehrere Paare herum? Wir sind doch nicht in einem Schuhladen.“ Damit kehrte sie ihm den Rücken zu und brummte etwas von Männern, denen es einfach an gesundem Menschenverstand fehle.

Schön, zierlich, witzig, zart – nun ja, zart war sie, was ihr Äußeres betraf, aber ansonsten war sie offenbar eigensinnig und direkt. Na, wenn das keine vielversprechende Mischung war.

Jack beobachtete sie amüsiert, wie sie den Park betrat, ein paar Mal langsam um den Baum herumging und dabei den Rasen absuchte. Schließlich folgte er ihr, und sein Blick fiel sofort auf ein Paar hochhackige orangefarbene Sandaletten. Er hob sie auf. „Sind das Ihre, petite fille?“ fragte er lächelnd.

„Danke.“ Sie riss ihm empört die Schuhe aus der Hand, bückte sich und streifte sie über. Als sie sich aufrichtete, war ihr Blick wieder sanft. „Ben sagte, Sie kämen aus dem Süden. Ich fürchte, mit meinem Französisch ist es nicht weit her. Sie müssen es mir übersetzen.“

„Südstaatenfranzösisch ist sowieso ein bisschen anders“, sagte er und kam ihr einen Schritt näher. Wieder musste sie sich nach hinten beugen, um ihn ansehen zu können, und er dachte daran, dass seine Körpergröße, so vorteilhaft sie für seinen Beruf auch war, auf Frauen manchmal beängstigend wirkte.

Sykler schien plötzlich auf ihren hohen Absätzen zu schwanken.

Schnell packte er sie am Handgelenk. „Na, na, na, Sie werden doch nicht schon wieder in Ohnmacht fallen?“ Er fühlte ihren Puls, und als er feststellte, dass er raste, hatte er ein schlechtes Gewissen. Es ging ihr nicht gut, und er versuchte mit ihr zu flirten. Verdammt! Er hatte hart dafür gearbeitet, Feuerwehrmann und Sanitäter zu werden, und hatte mittlerweile fünf Jahre Berufserfahrung. Da sollte er sich anders verhalten.

Sie blinzelte und machte einen Schritt rückwärts. „Es geht mir gut. Ich bin nur ein bisschen unsicher auf diesen Absätzen.“

„Sie sollten dennoch einen Arzt aufsuchen.“

„Wollten Sie mir nicht etwas erklären?“, wich sie ihm aus.

„Okay. ‚Petite fille‘ heißt kleines Mädchen.“ Bevor Skyler etwas erwidern konnte, fügte er schnell hinzu: „Vielleicht würde Ihnen ja ‚petite femme‘ besser gefallen. Es bedeutet kleine Frau. Oder besser noch ‚petite ange‘ – kleiner Engel.“

„Das klingt irgendwie nett.“

Schon wieder ertappte er sich dabei, dass er flirtete. Er konnte es anscheinend nicht lassen. Dennoch fiel seine Stimme um eine Oktave, als er sagte: „Es passt zu Ihnen.“

„Das ist mir neu.“ Lachend drehte sie sich um und ging zur Straße.

Jack beeilte sich, ihr zu folgen. Ihm blieb nicht viel Zeit, denn gleich würden sie wieder unter der Beobachtung ihrer Brüder stehen, die an ihren Wagen bereits auf ihn warteten. „Vielleicht könnten wir mal zusammen etwas trinken? Oder zu Abend essen?“

Sie verhielt den Schritt und sah ihn an. „Ich gehe nicht mit Männern aus.“

Verwundert zog er die Brauen zusammen. Weshalb ging eine Frau wie sie nicht mit Männern aus?

Sie berührte seinen Arm. „Tut mir leid, es gibt einfach zu viel Blutvergießen.“

2. KAPITEL

Verflixt, dachte Skyler am nächsten Morgen, während sie die neu eingetroffene Lieferung überprüfte. Schon wieder viel weniger Ledercorsagen und Nachthemden mit Leopardenmuster als berechnet.

„Bud’s Lederpalast – beste Qualität, direkt aus Austin“, stand auf dem Kopf der Rechnung. Na, die werden etwas zu hören kriegen.

Die Glocke über der Ladentür bimmelte und kündigte an, dass Fiona Jingle, ihre Verkäuferin, eintraf.

Skyler verließ den Lagerraum und verschloss sorgfältig die Tür hinter sich. Sie hatte Fiona erst vor einem Monat eingestellt und war sich nicht sicher, ob sie ihr schon ihr intimstes und damit auch ihr einziges Geheimnis anvertrauen konnte.

Sie wusste zwar, dass es seit Madonna nicht mehr nötig war, aus ihrem Bestand an gewagter Unterwäsche ein Geheimnis zu machen, doch der Stadtrat von Baxter war nicht gerade berühmt für seine Fortschrittlichkeit. Also hatte Skyler nur „Kimball Fashions“ auf ihrem Ladenschild stehen anstatt „Sex and the City“, wie sie ihr Geschäft gern genannt hätte. Und so war das Geheimnis entstanden.

Es wurde gemeinschaftlich gewahrt von einem kleinen Teil der Einwohner Baxters, nämlich von jenen Frauen, die etwas moderner eingestellt waren als ihre Nachbarinnen. Allerdings würde sie Fiona bald einweihen müssen, und ihr die Rechnung von „Bud’s Lederpalast“ zu zeigen wäre vielleicht ein guter Anfang.

Als Skyler den Verkaufsraum betrat, war Fiona schon dabei, die neu eingetroffenen malvenfarbenen Kittelschürzen aufzuhängen. „Guten Morgen“, begrüßte sie ihre Chefin gut gelaunt. „Ich wollte gleich als Erstes die Sonderangebote hier arrangieren.“

Der Kontrast zwischen Fiona und dieser hausbackenen Kleidung, mit der sie hantierte, war so krass, dass Skyler ihren Ärger vergaß und lachen musste. „Sehr gut.“

Fiona schob sich eine Strähne ihres langen schwarzen Haars hinters Ohr, wobei die Glöckchen an ihren Ohrringen und Armreifen leise klingelten, und betrachtete kritisch ihr Werk. „Hast du über meinen Vorschlag, die Kollektion zu ändern, schon nachgedacht? Findest du nicht auch, dass einige unserer Kundinnen etwas Flotteres vertragen könnten?“

„Deinen Vorschlag fand ich ausgezeichnet.“ Allerdings war ihr Lager bereits gefüllt mit Sachen aus Satin, Spitze und Leder. „Dafür bekommst du auch etwas von mir. Einen Moment.“

Sie ging in den Lagerraum zurück und wühlte in den Kartons. Zwischen Hotpants aus rotem Leder und einem Stapel Stringtangas aus weißem Leder fand sie schließlich die schwarze Lederjeans, nach der sie suchte. Skyler hielt sie sich an, trat vor den Spiegel und lächelte. Nun ja, sie zog es vor, ihre Rebellion unter ihrer Kleidung zu verbergen.

Sie legte sich die Jeans über den Arm und kehrte damit in den Verkaufsraum zurück.

Fiona machte große Augen. „Wo hast du denn die aufgetrieben, Chefin?“

Autor

Wendy Etherington
Als kleines Mädchen hatte Wendy Etherington den Wunsch, etwas ganz Großartiges zu werden: z.B. Herrscherin über die Welt oder zumindest Generaldirektorin von Coca-Cola- Doch dann entdeckte sie Romantik und Comedy, und alles kam ganz anders.
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