Romana Extra Band 173

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VERBOTENER LIEBESTRAUM IN PORTUGAL von VIRGINIA KUNERT

Als Paola mit einem Fremden in einer Bar tanzt, knistert es heftig! Zu spät erkennt die junge Bürgermeisterin von Árvore: Er ist Hoteltycoon Leandro Alameida, der in dem idyllischen Küstenort ein skandalöses Bauprojekt umsetzen will. Er ist ihr Gegner – und der Falsche für ihr Herz!


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  • Erscheinungstag 06.06.2026
  • Bandnummer 173
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539302
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Virginia Kunert, Jessica Gilmore, Hana Sheik

ROMANA EXTRA BAND 173

Virginia Kunert

1. KAPITEL

Leandro Alameida war zufrieden mit sich und der Welt. Nach zwei Jahren des Wartens und Ausharrens nahm er die Zügel endlich wieder selbst in die Hand. Von nun an ging es bergauf. Das musste gefeiert werden.

Er griff nach der Champagnerflasche, die in einem Kühler zwischen ihm und Jacobo, seinem besten Freund, auf dem massiven Korkeichentisch stand, und schenkte ihnen beiden ein. Seine Haushälterin hatte alles vorbereitet, aber heute Abend wollte Leandro nur den einen Menschen um sich haben, der ihm während der dunkelsten Zeit seines Lebens beigestanden hatte. Dafür servierte er sogar selbst.

Jacobo nahm das Sektglas mit einem höflichen Lächeln entgegen, ließ den Blick aber sehnsüchtig über das üppig gefüllte Portweinregal gleiten, das eine gesamte Seitenwand des Lofts einnahm.

„Stoßen wir nachher noch mit etwas Richtigem an?“, fragte er geradeheraus und zeigte auf die Stelle im Regal, an der Leandro die erlesensten Jahrgänge aufbewahrte. „Ständig bietest du mir diesen Fusel an.“

Genau für diese Direktheit schätzte er Jacobo. Zu viele andere redeten ihm nach dem Mund. Aber Jacobo kannte ihn von allen auch am längsten.

„Weißt du was. Vielleicht lasse ich mich heute sogar überreden. Schließlich muss ich diesen Ausblick noch einmal richtig würdigen.“ Leandro deutete mit einer ausladenden Armbewegung auf die Fensterfront. Sie ersetzte hier die Außenwand des Lofts und war so riesig, dass sie von ihren Plätzen aus die komplette Silhouette von Porto sahen. Die Häuser der Altstadt spiegelten sich mit ihren Lichtern im Fluss Douro, der an diesem Abend kaum Wellen schlug.

Nun hatte er Jacobos volle Aufmerksamkeit. „Jetzt mach es doch nicht so spannend! Das müssen ja großartige Neuigkeiten sein.“

Leandro lehnte sich entspannt in seinem Stuhl zurück, um ihn noch etwas auf die Folter zu spannen. „Ich verkaufe das Resort“, verkündete er. Als er die Worte zum ersten Mal laut aussprach, spürte er augenblicklich eine tiefe Erleichterung. Er hatte es tatsächlich geschafft!

„Das Resort in Árvore?“

Er lachte über Jacobos ungläubiges Staunen. „Ja, wirklich, schau mich nicht so an. Es ist alles geklärt. Es fehlt nur noch die Unterschrift des Käufers und dann kann ich Portugal endlich verlassen. Gleich morgen nach der Vertragsunterzeichnung geht auch schon mein Flug nach Rio.“

Jacobo war sprachlos. „Wow … Das ist … toll! Ich fass es nicht. Du bist es losgeworden. Wie lange erzählst du schon davon.“ Er erstarrte augenblicklich, als ihm klar wurde, welches Thema er gerade angeschnitten hatte: „Sorry, dickes Fettnäpfchen … Seit der Scheidung natürlich.“

Leandro runzelte die Stirn – wie immer, wenn man ihn an seine unglückliche Ehe und ihr schmerzliches Ende erinnerte. In den Klatschzeitschriften hatte es monatelang kein anderes Thema gegeben. Leandro Alameida, Inhaber und Leiter der internationalen Hotelkette „Alameida“, war von seiner Frau betrogen worden. Und nicht nur das. Sie hatte ihn auch für einen noch reicheren Unternehmer verlassen und vor Gericht seine Hotels in Portugal zugesprochen bekommen. Nur das verhasste Resort in Árvore hatte er behalten müssen – sonst wäre er längst zu seinen verbliebenen Hotels in Brasilien aufgebrochen.

Zum Glück hatte die Presse nie davon erfahren, dass Elena ihr Lieblingsresort nicht nur einmal als Liebesnest für ihre Affäre genutzt hatte. Genauer gesagt die Suite, die er selbst ganz nach ihren Wünschen luxuriös eingerichtet hatte.

„Losgeworden wäre ich es gleich nach der Scheidung“, presste er hervor. „Nur Geld hätte ich nicht bekommen. Ganz Portugal ging davon aus, dass ich es notfalls verschenke, aber diese Genugtuung wollte ich den Aasgeiern nicht geben.“

Es war zwei Jahre her, aber Elenas Vertrauensbruch quälte ihn noch immer.

„Entschuldige, dass ich davon angefangen habe.“ Jacobo kannte den Ausdruck in seinen Augen nur zu gut. „Aber hey, jetzt kannst du damit abschließen. Und du fliegst nach Rio – das ist der Wahnsinn! Du weißt natürlich, dass ich dich besuchen werde?“

Jacobo hatte recht, dies war nicht der Moment für trübselige Gedanken. Leandro schüttelte die Erinnerungen ab und konzentrierte sich auf das Gefühl von Freiheit, das ihn schon den ganzen Tag durchströmte. „Auf die Zukunft“, hob er an und prostete seinem Freund zu. „Du bist jederzeit willkommen.“

„Auf dich!“

Sie tranken beide einen Schluck Champagner. Das Prickeln fühlte sich angenehm leicht an, fand Leandro, doch Jacobo rümpfte wie zu erwarten die Nase.

„Ist das hier deine Vorstellung vom Feiern? Zwei Enddreißiger sitzen allein und traurig zu Hause rum und betrinken sich mit Franzosensekt?“

Leandro musste unwillkürlich grinsen. „Was schwebt dir vor?“

„Nun, ein bisschen Vorbereitungszeit wäre nett gewesen. Dann hätte ich dir eine unvergessliche Abschiedsparty organisiert. Aber ich will verdammt sein, wenn das hier“, Jacobo deutete auf den Tisch, „dein letzter Abend in Portugal ist. Lass uns noch mal etwas zusammen erleben, das wir nie vergessen! Ich kenne eine wirklich angesagte Location in Porto, die die Touristen noch nicht entdeckt haben. Da servieren sie portugiesische Sterneküche vom Feinsten, bevor sie das Restaurant zu einem Tanzsaal umbauen und heiße Samba-Rhythmen spielen. Ein Insider-Tipp, sag ich dir! Da können wir weitertrinken, tanzen … Frauen kennenlernen …“

Bei den letzten Worten warf Jacobo ihm einen prüfenden Blick zu.

Leandro stöhnte auf. „Von Frauen habe ich erst mal genug. Ich weiß nicht, ob ich je wieder ausreichend vertrauen kann, um eine Beziehung zu führen.“

„Das verlangt ja auch niemand von dir. Aber du brauchst nicht zu leben wie ein Eremit. Du bist gerade mal achtunddreißig! Geh aus, amüsier dich ein bisschen. Du musst ja nicht gleich wieder heiraten.“

Leandro verdrehte die Augen, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen. Jacobo verstand es wirklich, zu leben. Wie gerne hätte er etwas von der Leichtigkeit, mit der sein Freund sich von Event zu Event schwang und seine Freiheit als Single in vollen Zügen genoss. Ihm selbst fehlte der Mut, sich derart angreifbar zu machen.

„Das wäre ein gefundenes Fressen für die Presse. Gehörnter Ehemann verbringt Nacht mit One-Night-Stand. Du weißt doch, wie froh ich bin, dass sich der Trubel endlich gelegt hat.“ Um nichts in der Welt wollte er mit seinem Privatleben noch einmal so im Mittelpunkt stehen.

Jacobo erhob sich wortlos und trat vor das Portweinregal. Mit Kennerblick wählte er zielsicher die wertvollste Flasche. Leandro wollte etwas einwenden, doch sein Freund kam ihm zuvor.

„Genug Ausreden. Heute ist dein vorerst letzter Abend in Portugal und ich lasse dich nicht sang- und klanglos aus der Heimat verschwinden. Das hat sie nicht verdient.“ Er entkorkte die sündhaft teure Flasche und schenkte ihnen beiden in die Gläser ein, die im Regal bereitstanden. „Und nur weil eine Frau dir das Herz gebrochen hat, musst du nicht allen Frauen abschwören. Heute feiern wir das Leben. Auf Portugal, auf die Frauen!“ Und damit erhob er sein Glas.

„Ich weiß nicht, was ich davon halten soll“, sagte Paola Belmira zu ihrer Cousine, als die Tische und Stühle in dem piekfeinen Restaurant weggeräumt wurden. „Ich muss morgen früh raus und meine Antrittsrede halten.“

Eben noch hatten sie exzellente Sterneküche genossen, nun entstand hinter ihnen eine Tanzfläche, auf die zu allem Überfluss auch noch Sand gestreut wurde. An den Wänden hingen gelb-grüne Girlanden, die verdächtig nach den brasilianischen Nationalfarben aussahen.

Camilla schüttelte den Kopf und nahm die beiden knallbunten Cocktails entgegen, die der Barmann ihr über den Tresen reichte. „Man wird nur einmal die neue Bürgermeisterin von Árvore. Das muss gefeiert werden!“

Paola stieß mit ihr an und trank so schnell wie möglich durch den Strohhalm, bevor das Eis schmolz. Dann stellte sie das Glas zu den anderen, die sie und Camilla bereits vor sich angesammelt hatten. Ihre Cousine legte es eindeutig darauf an, dass sie sich Mut antrank.

„Danke für Ihre Geduld!“, meldete sich der Moderator, der sie bisher mit Informationen über die verschiedenen Zubereitungsarten der Gerichte und die regionale Herkunft der Zutaten versorgt hatte, über ein Mikrofon zu Wort. „Wir kommen nun zum zweiten Teil des Abends: Portugal meets Brazil. Viel Spaß dabei!“

Und schon gingen die Lichter aus und die Ersten strömten zu ohrenbetäubenden Samba-Klängen auf die Tanzfläche.

„Wo hast du mich jetzt wieder hingeschleppt?“, schrie Paola ihrer Cousine ins Ohr, um gegen den Lärm anzukommen. „Das Essen hätte wirklich gereicht …“ Vor allem der in eigener Tinte gebratene Oktopus hatte es ihr angetan.

Mit Camilla war es immer dasselbe, ein normaler Abend wäre ihr zu langweilig gewesen. Alles brauchte noch das gewisse Etwas. Und so übertünchte nun zuckeriger Ananassaft mit reichlich Alkohol den Nachgeschmack der Sterneküche.

Camilla lachte übermütig. „Ich will tanzen“, rief sie und sprang auf. „Und du kommst mit!“

Paola wiegelte ab: „Da sind viel zu viele Leute.“ In Wahrheit hatten die Bewegungen der Massen auf der abgedunkelten Tanzfläche etwas Hypnotisches, das sie wie magisch anzog, doch sie hielt sich zurück. War es in ihrem neuen Amt noch angemessen, sich mitten ins Getümmel zu stürzen?

Selbst wenn Árvore nur ein kleines Örtchen war und sie hier in Porto ganz sicher niemand erkennen würde, fühlte sie sich gehemmt. Es war ungewohnt, ständig unter Beobachtung zu stehen. Woher sollte sie einschätzen können, wo Gefahren lauerten?

Bis vor Kurzem war sie noch eine ganz normale Bürgerin, die sich keine Gedanken darüber zu machen brauchte, was die Presse über sie schrieb, doch das war nun vorbei. Ob es ihr gefiel oder nicht, sie musste von jetzt an sorgsam auf ihre Schritte achten, die Kontrolle behalten, keine Angriffsfläche bieten.

Vielleicht wurden auf dieser Feier Fotos gemacht – gar nicht mal gezielt von ihr, aber für die Website des Restaurants, um die ausgelassene Stimmung festzuhalten. Und schon konnte eins von ihr auf der Tanzfläche durch einen dummen Zufall in den falschen Händen landen. Lieber auf Nummer sicher gehen.

„Außerdem habe ich zu viel getrunken.“

„Das war der Plan.“ Camilla wischte ihren Einwand ungeduldig vom Tisch. „Komm schon, Paola, leb mal ein bisschen! Du hast die letzten Monate nur für den Wahlsieg gearbeitet. Morgen beginnt deine Amtszeit, also genieß deinen großen Moment und gönn dir etwas Spaß. Du bist schließlich Single“, fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu. „Vielleicht lernst du jemanden kennen …“

Paola seufzte. Es war wirklich lange her, dass sie abschalten und alles um sich herum vergessen konnte. Und es war sogar noch länger her, dass sie angetanzt worden war.

Schon vor dem Wahlkampf, dem sie ihr Privatleben komplett untergeordnet hatte, war sie nur noch selten auf Partys gegangen. Es gab schließlich so viel zu tun! Jede Stunde, die sie nicht in ihre Projekte und ihr Engagement für die Umwelt investierte, tat ihr in der Seele weh. Wer sonst sollte sich dafür einsetzen, wenn sogar sie ihren Posten verließ?

Wie konnte sie es vor sich selbst rechtfertigen, stattdessen lieber tanzen und feiern zu gehen? Oder Zeit mit Dates zu verschwenden, die sowieso nirgendwo hinführten. Ihre letzte Beziehung war mit einem Kollegen gewesen und auch schon wieder Jahre her. Du musst aber auch jeden Kampf annehmen, hatte er bei der Trennung gesagt.

Ihre Energie wirkte abschreckend auf Männer. Dabei war das nur eine Seite von ihr. Sie legte es nicht darauf an, ständig neue Herausforderungen zu suchen. Sie konnte auch ganz anders sein, gelöst, mit sich im Reinen, sinnlich und selbstvergessen. Wie gerne würde sie auch diese Seite ausleben …

Vielleicht machten sich die Cocktails bemerkbar, aber was sollte es schaden, sich wieder mal begehrt zu fühlen? Kurz entschlossen folgte Paola ihrer Cousine, bevor ihre Vernunft sie davon abhalten konnte.

„Aua, verdammt!“, entfuhr es ihr, als sie im Dunkeln gegen einen Barhocker stieß. Sie fing sich schnell wieder, doch als sie einen weiteren Schritt machte, knickte sie in ihrem Absatzschuh um und verlor das Gleichgewicht. Sie stolperte gegen einen Mann, der sie instinktiv auffing. Seine Arme schlossen sich um sie und zogen sie in eine etwas ungelenke Umarmung.

Schöne Muskeln, fuhr es ihr durch den Kopf. Er trug ein kurzärmeliges weißes Hemd und sie legte unwillkürlich eine Hand auf seinen Oberarm, um sich abzustützen. Wirklich schön.

Sein Gesicht konnte sie im Dämmerlicht kaum erkennen. Nur hin und wieder huschte ein bunter Lichtpunkt darüber und verriet ihr ein kleines Detail. Er hatte schwarze Haare. Seine Augen waren unverwandt auf sie gerichtet.

Plötzlich war Camilla an ihrer Seite. „Alles in Ordnung? Bist du verletzt?“

Alles bestens, signalisierte Paola ihr mit einem schnellen Blick.

Camilla verstand. „Gut, dann gehen wir schon mal tanzen.“

Sie machte einen Schritt um ihren Retter herum und zog dessen Begleiter mit sich auf die Tanzfläche. Paola hatte gar nicht bemerkt, dass er nicht alleine war. Woher nahm Camilla nur das Selbstvertrauen, einfach zuzugreifen?

„Geht es Ihnen gut?“

Der Mann hielt sie immer noch fest im Arm. Seine warme Stimme verstärkte sogar noch das Kribbeln, das sich in ihr ausbreitete. Sie wollte ihn berühren.

Camilla würde es wagen, spornte sie sich an.

Sie legte eine Hand auf seine Wange, um die Konturen seines Gesichts zu ertasten. Er war rasiert, aber sie fühlte erste Stoppeln.

Er zog sie enger an sich, und Paola spürte ein Verlangen in sich aufsteigen, das sie schon lange nicht mehr empfunden hatte. Sie wollte mehr. Sanft ließ sie ihre Finger an seinem Hals hinabgleiten und strich über sein Schlüsselbein.

Derart ermutigt, veränderte auch er seinen Griff. Eine seiner Hände glitt von ihrer Taille hinab und legte sich auf ihren Hintern.

Was passierte hier? Paola seufzte und drängte sich noch näher an ihn. So nah, dass ihre Brüste seinen Oberkörper berührten. Oh ja, ich will ihn. Seine Präsenz machte sie wahnsinnig vor Lust. Sie wollte, dass er die Knöpfe ihrer Bluse abriss und seine Hand unter ihren BH schob.

Sie tanzten engumschlungen und Paola ließ ihrer Fantasie freien Lauf.

Es war so mühelos, sich mit ihm zur Musik zu bewegen. Obwohl er sichtlich genauso wenig Samba tanzen konnte wie sie selbst, wirkte er völlig selbstsicher.

Passend zu den schnellen Rhythmen gab er die Bewegungen vor und sie ließ sich gerne von ihm führen, folgte dem Kreisen seiner Hüfte, spiegelte seine Schritte, strich an seinem Rücken entlang, hielt sich an seinen Schultern fest. Und nach jeder Drehung schmiegte sie sich wieder so eng wie möglich an ihn.

Ob sie sich auch nackt und in der Horizontalen noch so harmonisch bewegen würden?

Ihr Retter tanzte nun langsamer. Während er eine Hand noch immer an ihrer Hüfte ließ, strich die andere an ihrem Rücken entlang nach oben, bis er ihren Kopf umfasste. Auch er drängte sich an sie und beugte sich zu ihr hinunter, um sie zu küssen, hielt aber wenige Zentimeter vor ihren Lippen inne. Sie sollte offenbar den nächsten Schritt machen.

Paola schob sich ihm erwartungsvoll entgegen. Ich will wissen, wie er schmeckt. Dann erhellte ein Blitzlicht für eine Sekunde sein Gesicht – und sie erkannte ihn.

Leandro Alameida.

Während seiner Scheidung vor zwei Jahren war sein Foto in den Medien allgegenwärtig gewesen.

Entsetzt schob sie ihn von sich. Das war ausgerechnet der Mann, gegen den sie als Bürgermeisterin am schärfsten vorgehen wollte. Der Besitzer des Ferienresorts in Árvore und der Grund dafür, dass ihre Heimatstadt im Massentourismus ertrank.

Noch vor einer Sekunde hatte sie sich ihm an den Hals werfen wollen! Was war nur in sie gefahren, sich so gehen zu lassen? Hektisch schaute sie sich um. Hatte das jemand gesehen? Nach dem kurzen Lichtblitz war die Tanzfläche aber augenblicklich wieder im Halbdunkel versunken.

Leandro Alameida trat einen Schritt zurück und stand mit von sich weggestreckten Händen vor ihr, wie um ihr zu versichern, dass er sie nicht erneut berühren würde.

Sie sah die Verwirrung in seinem Blick. Er musste glauben, dass er etwas falsch gemacht hatte, dass er ihr ungewollt zu nahe gekommen war. Dabei wünschte sie sich noch immer nichts sehnlicher, als in seine Arme zu sinken.

Schluss damit, rief sie sich zur Ordnung. Sie sollte gehen, bevor sie sich zu etwas hinreißen ließ, das ihre gesamte Amtszeit überschatten würde. Selbst wenn es nur ein flüchtiger One-Night-Stand wäre, wie sollte sie integer auftreten und glaubhaft für ihre Ziele kämpfen, wenn es zwischen ihr und Leandro Alameida eine persönliche Verbindung gäbe?

Ihre Familie verließ sich auf sie. Ihre Wähler hatten ihr das Vertrauen geschenkt. Und die Natur war sowieso auf ihre Hilfe angewiesen.

„Verzeihen Sie, ich habe wohl etwas missverstanden. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.“

Er wirkte zerknirscht – und ernsthaft besorgt um sie.

„Soll ich gehen? Oder kann ich es irgendwie wiedergutmachen?“

Du kannst mit mir tanzen und dann mit mir in ein Hotelzimmer gehen. Oder mir zuliebe dein Resort schließen. Am besten beides.

Es war wirklich an der Zeit zu gehen, ehe sie ihre Gedanken noch laut aussprach. Sollte sie ihm sagen, wer sie war? Der Fairness halber? Oder damit er ihr erstes offizielles Aufeinandertreffen nicht mit der Frage anfing: Sind Sie nicht die Frau aus der Bar? Falls er sie überhaupt wiedererkennen würde und sich je zu einem Treffen mit der Bürgermeisterin bereit erklärte. Sollte sie die einmalige Chance nutzen und ihn gleich hier in ein Gespräch verwickeln?

Selbst jetzt, obwohl noch gar nichts zwischen ihnen passiert war, musste sie sich schon all diese Fragen stellen. Auf diese Komplikationen konnte sie gut verzichten. Sie würde den offiziellen Weg gehen und fertig, sich irgendwie aus der Affäre ziehen.

„Ist schon in Ordnung, es liegt nicht an Ihnen. Ich muss einfach los.“ Mit einem letzten, entschuldigenden Blick, den er vermutlich nicht einmal sehen konnte, trat sie einen Schritt zurück und tauchte in den Schatten unter.

„Ich gehe nach Hause“, rief sie Camilla zu, die ausgelassen mit Leandros Begleiter tanzte. Wieso bin ich nicht mehr wie sie? So unbeschwert und lebenslustig?

Auf diesen Abend hätte eine aufregende Nacht folgen können. So eine wahnsinnige Anziehung fühlte man nicht alle Tage. Aber sie war nicht länger irgendeine Frau. Ab heute war sie die Bürgermeisterin von Árvore – und morgen würde sie Leandro Alameida herausfordern.

2. KAPITEL

„Herrgott, Kate, was ist denn los?“ Leandro Alameida nahm verschlafen den Anruf seiner Hotelmanagerin entgegen.

Sie hatte schon dreimal versucht, ihn zu erreichen, obwohl es gerade mal zehn Uhr war. Nach der gestrigen Sambanacht hoffte er, dass sie einen wirklich wichtigen Grund hatte, um ihn zu wecken.

Er war zwar früher gegangen als Jacobo, der es sich zum Ziel gesetzt zu haben schien, mit so vielen Frauen wie nur möglich zu tanzen. Allzu viel Schlaf hatte er trotzdem nicht bekommen. Auch, weil er an die attraktive Frau denken musste, die ihm in die Arme gestolpert war und sich beim Tanzen so eng an ihn geschmiegt hatte.

Womit er sie wohl abgeschreckt hatte? Bedauernd strich er über das absolut faltenfreie Laken auf der freien Matratze neben seiner. Vielleicht war es besser so. Um zwei Uhr wollte sein Käufer den Vertrag unterschreiben und ab morgen würde er sich Sambamusik live in Brasilien anhören können. Wozu also Ballast anhäufen?

„Haben Sie es schon gelesen?“

Kate riss ihn zurück ins Hier und Jetzt. Ihre Stimme überschlug sich fast vor Aufregung.

„Ich habe es Ihnen weitergeleitet.“

Leandro öffnete seine Mailing-App und überflog den angehängten Artikel.

Die neue Bürgermeisterin von Árvore, Paola Belmira, beginnt ihre Amtszeit mit einem Paukenschlag. Sie zieht die Genehmigung zum Ausbau des Ferienresorts in ihrem Ort zurück, die ihr Amtsvorgänger – laut ihren Worten – ohne genaue Prüfung der Auswirkungen auf Mensch und Umwelt ausgestellt hat. Wie geht es nun wohl mit dem letzten verbliebenen Hotel der Alameida-Kette in Portugal weiter?

Ungläubig starrte Leandro auf sein Handy. Das durfte nicht wahr sein. Nicht so kurz vor dem Verkauf! Konnte sie diesen Rückzieher überhaupt machen?

Schlagartig hellwach sprang er aus dem Bett und suchte sich in seinem begehbaren Kleiderschrank das Outfit für den Tag zusammen, während er über den Lautsprecher weiter mit Kate telefonierte.

„Rufen Sie meine Anwälte an“, wies er sie an. „Hat der Käufer schon davon gehört?“ Er glaubte allerdings selbst nicht daran, dass er der Katastrophe noch würde ausweichen können. Dieses verdammte Resort hatte ihm noch nie Glück gebracht. Wieso sollte es diesmal anders sein?

In diesem Augenblick ging ein weiterer Anruf auf seinem Handy ein. Auf dem Display erschien die Nummer seines Käufers, der bis gestern auch der Bürgermeister von Árvore gewesen war. Niemand außer ihnen beiden, einem Notar und Kate wusste von dem geplanten Verkauf und schon gar nicht, an wen das Resort gehen sollte. Leandro schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter und setzte sich schicksalsergeben auf die Bettkante, bevor er den Anruf annahm.

„Unter den gegebenen Umständen muss ich leider vom Kauf zurücktreten. Eine Investition lohnt sich im Moment nicht. Das verstehen Sie sicher. Unser Plan hat nicht funktioniert.“

Leandro hätte wütend werden können. Was konnte schließlich er dafür, wenn der Bürgermeister seine Wiederwahl in den Sand setzte? Und die Genehmigung, die er ausgestellt hatte, um später selbst das Resort auszubauen, wenn er, Leandro, längst am Strand lag, war anscheinend nicht rechtssicher gewesen. Sonst hätte Paola Belmira sie nicht so einfach widerrufen können.

Er war jedoch müde. Nach all den Schlagzeilen rund um seine Scheidung wollte er nur noch seine Ruhe. Ein Rechtsstreit kam daher nicht infrage – gegen keinen von beiden. „Wenn ich eine neue Genehmigung besorge, kommen wir dann wieder ins Geschäft?“

„Sicher. Ich erwarte Ihren Anruf.“

Um den Verkauf doch noch zu retten, blieb ihm also nur noch der Versuch, die neue Bürgermeisterin von den Ausbauplänen zu überzeugen. Vielleicht wollte sie ja bloß ein Stück vom Kuchen abhaben und es ließ sich vernünftig mit ihr reden.

„Vergessen Sie die Anwälte“, sagte er zu Kate. „Diese Paola Belmira hat doch bestimmt einen öffentlichen Terminkalender …“

Es tat so gut, endlich etwas verändern zu können! Schwungvoll setzte Paola ihre Unterschrift unter einen Antrag der Leiterin des Naturparks von Árvore, die um größere Büroräume und zwei weitere Gästezimmer bat, damit sie die freiwilligen Helfer aus ganz Europa unterbringen konnten. Nichts lieber als das!

Bisher hatte Paola auf der anderen Seite gesessen. Sie war selbst Mitarbeiterin im Naturpark gewesen – und würde dorthin zurückkehren, wenn sie ihr Amt irgendwann wieder verlieren sollte.

Ihre Chefin hatte den Antrag schon vor Monaten eingereicht, daran erinnerte Paola sich genau, denn sie hatte ihr beide Daumen gedrückt. Nun hatte sie ihn ganz unten in einem Stapel ungeöffneter Briefe in ihrem neuen Büro gefunden und den Naturpark sofort nach oben auf die Tagesordnung gesetzt. Um solche Entscheidungen treffen zu können, war sie Bürgermeisterin geworden.

Das Klingeln ihres Handyweckers erinnerte sie an die Pressekonferenz, die sie gleich halten würde. Árvore war eine kleine Stadt, also fand die Veranstaltung einfach im großen Saal des Rathauses gleich neben ihrem Büro statt, in dem sonst auch die Gemeinde tagte.

Die Sekretariatsarbeit blieb an ihr hängen, aber wenigstens hatte sie auf diese Weise ihren Erfolg buchstäblich selbst in der Hand.

„Dann wollen wir mal“, sprach sie sich Mut zu, obwohl das hier schon ihre zweite Pressekonferenz in nur einer Woche war und es ihr überraschenderweise leichtfiel, anderen Menschen ihre Projekte ans Herz zu legen.

Im Spiegel neben der Tür überprüfte sie noch einmal ihre Frisur. Camilla hatte heute Morgen keine Zeit gehabt, um ihr mit dem Styling zu helfen, und Paola war es nicht gewohnt, ihre lange Mähne hochzustecken, statt sie offen im Wind wehen zu lassen. Immer wieder lösten sich einzelne Strähnen aus ihrem Dutt, als wollten sie sie zurück ans Meer locken. Sobald ich kann, aber die Arbeit geht vor. Ungeduldig steckte sie die Strähnen einfach hinter dem Ohr fest und ging in den großen Saal hinüber.

Dort wartete man schon auf sie. Ungewöhnlich viele Journalisten saßen in den ersten Reihen und verfolgten aufmerksam, wie sie den Mittelgang entlang nach vorne zum Rednerpult schritt. Einige stießen ihren Fotografen in die Seite, um dem zu signalisieren, dass es gleich losgehen würde, andere zückten ihren Notizblock oder ihr Smartphone.

Bei der ersten Pressekonferenz hatte es weit weniger Andrang gegeben. Nun befand sich unter der bunten Sammlung an Mikrofonen an ihrem Pult sogar eins von Radio Porto!

Sprach es sich bereits herum, dass Paola Belmira Bewegung in die Politik brachte? Oder war es eher der Name Leandro Alameida, der all diese Journalisten in eine Kleinstadt lockte?

Während Paola ihr Redemanuskript feinsäuberlich auf dem Pult ausbreitete, weilten ihre Gedanken bei ihrer zufälligen Begegnung mit Almeida. Warum nur hatte sie sich ihm nicht vorgestellt und nach seiner Nummer gefragt? Ein direkter Draht zum Besitzer des Resorts wäre Gold wert. Stattdessen würde sie sich wahrscheinlich mit einer Hotline oder irgendeinem Pressesprecher der Alameida-Hotelkette herumärgern müssen, wenn sie Kontakt mit ihm aufnehmen wollte. Und es gab so viel zu besprechen.

Dass sie ihm die Baugenehmigung entzogen hatte, war nicht genug, um Árvore vor dem Massentourismus zu retten, und offensichtlich noch nicht mal ausreichend, um Leandro Alameida aus der Reserve zu locken und ihn von sich aus auf sie zukommen zu lassen. Vermutlich hatte er die Störung in einem einzigen, winzigen Resort seiner riesigen Hotelkette nicht mal bemerkt.

Dummerweise hatte sie sich ja von Camillas Partylaune anstecken lassen und sich ihm an den Hals geworfen. Jetzt konnte sie nur darauf hoffen, dass er sie im Dämmerlicht auch nur schemenhaft gesehen hatte und sie nicht wiedererkennen würde, wenn sie sich denn persönlich treffen sollten.

Aber genug davon! Ein Schritt nach dem anderen. Jetzt galt es erst mal, diese Pressekonferenz zu meistern. „Danke für Ihr Erscheinen“, begrüßte Paola die anwesenden Journalisten.

Sie wartete einen Moment, bis wirklich alle Augen auf sie gerichtet waren. Dann startete sie ihre Powerpoint-Präsentation. „Willkommen in Árvore, meinem Geburtsort, in dem ich zwischen Strand, Dünen und rastenden Vogelschwärmen eine unbeschwerte Kindheit verbringen durfte.“

Hinter ihr erschien eine Reihe älterer Fotos aus dem Naturpark, die die Schönheit der Landschaft um Árvore einfangen sollten.

„Ich bin mit dem Versprechen zur Bürgermeisterwahl angetreten, Árvore auch weiterhin als lebenswerten Ort zu erhalten – zum Wohle der Natur, aber natürlich auch zum Wohle der Menschen, die hier leben.“

Weiter kam sie nicht, denn auf der Rückseite des Saals wurde lautstark eine Tür aufgerissen. Herein trat niemand Geringeres als Leandro Alameida höchstselbst.

Es bestand kein Zweifel, dass er es war. Er sah genauso aus, wie Paola ihn von den Titelbildern in Erinnerung hatte, groß, braungebrannt, schwarze Haare, ein weißes Hemd. Das Sakko seines hellblauen Anzuges trug er leger über der Schulter.

Eine Erscheinung, die man nur schwer übersehen konnte – solange man nicht im Zwielicht einer schlecht beleuchteten Tanzfläche auf ihn traf.

Die Journalisten jedenfalls hatten keine Probleme, ihn zu erkennen. Einige hatten sich erschrocken nach der Tür umgeschaut, nun tippten sie ihren Sitznachbarn auf die Schultern und schon lief ein Flüstern durch die Zuschauerreihen.

Was er wohl wollte? Paola hielt verwundert mitten in ihrer Rede inne.

„Verzeihung“, sagte Leandro Alameida leichthin zu den Journalisten, ohne die geringsten Anstalten zu machen, sich ruhig und unauffällig auf einen der freien Plätze zu begeben.

Stattdessen kam er geradewegs durch den Mittelgang auf sie zu. Einen eindrucksvollen Auftritt beherrschte er jedenfalls.

„Ich bin etwas spät dran, aber ich wollte mir nicht die Gelegenheit nehmen lassen, der neuen Bürgermeisterin zu ihrem Wahlsieg zu gratulieren.“

Er setzte ein gewinnendes Lächeln auf und streckte bereits die Hand aus, blieb dann aber wie vom Schlag getroffen neben der zweiten Sitzreihe stehen.

Er hat mich erkannt!

Was war das für ein Ausdruck in seinem Blick? War er genauso schockiert, wie sie es auf der Tanzfläche gewesen war? War er wütend oder – im Gegenteil – erfreut, sie wiederzusehen? Seine Miene verriet nichts. Paola betete stumm, dass er ihre erste Begegnung nicht erwähnen möge.

Es vergingen ein paar Sekunden, in denen niemand etwas sagte. Dann meldete sich eine Journalistin zu Wort: „Bürgermeisterin Belmira hat ja einige Visionen für Árvore, für die ihre Wähler sie lieben. Aber lassen sich ihre Vorstellungen mit einem Resort in Stadtnähe vereinbaren? Was halten Sie davon, dass sie Ihnen die Ausbaugenehmigung entzogen hat?“

Paola schreckte aus ihrer Starre hoch. Das hier war ihre Pressekonferenz! Sie hatte sie organisiert, in ihrem Rathaus. Es sollte um den Schutz der Dünen gehen – und nicht um Leandro Alameidas Befindlichkeiten. Diese Art Fragen sollten die Journalisten ihm später stellen.

Bevor sie reagieren konnte, fiel Leandro Alameida ihr auch schon ins Wort: „Ich bin dankbar für den Denkanstoß. Die Umwelt liegt auch mir sehr am Herzen.“

Paola schnaubte unwirsch, aber er fuhr unbeirrt fort: „Deshalb möchte die Alameida Group sich in Zukunft mehr für ihren Schutz einsetzen. Soeben habe ich dem Naturpark von Árvore einen fünfstelligen Betrag zukommen lassen, um die Mitarbeiter bei ihren wichtigen Projekten zu unterstützen.“

Für diese Ankündigung erntete er anerkennenden Applaus von allen Anwesenden. Paola jedoch blieb skeptisch. Spenden waren immer willkommen, aber wieso von ihm und warum ausgerechnet jetzt? War er gerade dabei, ihre Pressekonferenz für seine eigenen PR-Zwecke zu kapern?

Denkbar, aber unwahrscheinlich. Dafür genoss er es nicht genug. Für die Fotografen hatte er ein Lächeln aufgesetzt, aber während die Journalisten ihre Fragen wild durcheinanderriefen, wich er in Richtung Bühne vor ihnen zurück.

Was auch immer er hier spielte, sie würde sich die Zügel nicht aus der Hand nehmen lassen. „Kommen Sie doch zu mir herauf auf die Bühne“, forderte sie ihn auf.

Er jedoch wandte sich zum Gehen. „Ich denke, es ist alles gesagt. Fahren Sie mit Ihrer Konferenz fort.“

„Leandro Alameida“, rief sie ihm hinterher, als er ihr einfach den Rücken zudrehte. „Sie wollen sich plötzlich für Umweltschutz einsetzen? Nachdem Ihre Familie jahrzehntelang ausschließlich auf Massentourismus gesetzt und Árvore damit an die Grenze der Belastbarkeit gebracht hat? Die Schäden lassen sich mit Geld alleine nicht beheben! Ihr Auftreten hier zeigt nur, dass Sie noch immer nicht das Geringste verstanden haben.“

Nun war es raus. Ihr ganzer angestauter Frust hatte sich endlich Bahn gebrochen. Solange er nicht in wichtigen Punkten auf sie zukam, konnte er charmant lächeln und mit Geld um sich werfen, so viel er wollte.

Die Kameras waren nun wieder auf sie gerichtet. Diese Gelegenheit, ihre Forderungen vorzubringen, musste sie nutzen.

„Das Geld, das Senhor Alameida ach so großzügig anbietet, stammt aus dem Resort, das die Probleme überhaupt erst verursacht hat, bei deren Beseitigung er nun angeblich helfen will. Was wir für Árvore brauchen, sind neue Ideen, wie sich Tourismus, Umwelt und das Wohl der Einwohner nachhaltig in Einklang bringen lassen. Wenn Senhor Alameida bereit wäre, wirklich zuzuhören, hätte ich eine ganze Reihe an Vorschlägen. Von der Reduzierung des Wasserverbrauchs über alternative Energiequellen bis hin zu neuen Arbeitsplätzen, die die Bewohner von Árvore in den Hotelbetrieb einbinden und sie an den Gewinnen teilhaben lassen würden.“

Sie geriet bei ihrer improvisierten Rede richtig in Fahrt. All diese Ideen hatte sie schon vor Jahren entwickelt. Nun endlich hatte sie die Bühne, um sie unüberhörbar vorzubringen – und sie würde sie nutzen.

Leandro verzog keine Miene, um sich vor der Presse nichts anmerken zu lassen, aber Paola Belmiras Energie beeindruckte ihn. Wie selbstsicher sie über die Themen sprach, die ihr am Herzen lagen! Es war lange her, dass er selbst solche Leidenschaft für eins seiner eigenen Projekte aufgebracht hatte.

Damals hatte er gerade die Leitung der Hotelkette von seinem Vater übertragen bekommen, der nach mehreren Herzinfarkten unfreiwillig kürzertreten musste, und war voller Ideen, wie er die Hotels für die Zukunft aufstellen könnte. Mehr auf Klasse statt auf Masse zu setzen, erschien auch ihm damals als der richtige Weg.

Zum einen aus rein wirtschaftlichen Gründen, weil der Massentourismus nach und nach die Schönheit zerstörte, wegen der die Gäste überhaupt erst angereist kamen – wodurch er sich auf lange Sicht selbst das Wasser abgrub und eine Wüste zurücklassen würde, aus der nicht mal sein Vater noch Geld pressen könnte. Zum anderen jedoch wollte er Orte zum Wohlfühlen schaffen. Astronomische Gewinne reichten ihm nicht. Er wollte nicht nur mit Quartalszahlen beeindrucken, sondern sich mit neuen Konzepten einen Namen machen.

Den Anfang machten eine Handvoll Hotels in Brasilien, bei denen er ein paar Stockwerke abtragen ließ, damit sie sich besser in die Landschaft einfügten. Er wollte seinen zukünftigen Gästen einen exklusiven Aufenthalt bieten statt einer riesigen Pool-Landschaft und günstigen Alkohol. Doch die Umstellung gelang nicht. Die Billig-Touristen blieben weg, aber die zahlungskräftigere Kundschaft stellte sich nicht ein. Die Hotels rechneten sich nicht mehr.

Er hätte das Experiment dennoch eine Weile laufen lassen und weiter versucht, den Imagewechsel durchzuziehen, doch zu dieser Zeit verließ ihn seine Frau, und sein Vater machte unmissverständlich klar, dass er seinem Versagen als Unternehmer die Schuld daran gab. „Kein Wunder, dass Elena geht. Wer will den Niedergang schon mitansehen?“, hatte er gesagt. „Keine Experimente mehr! Sonst fährst du am Ende noch die gesamte Alameida-Group gegen die Wand, die deine Familie über Generationen aufgebaut hat.“

Also hatte Leandro seine innovativen Pläne aufgegeben und wieder auf die altbewährten Methoden seines Vaters zurückgegriffen. Die Erinnerung schmerzte immer noch. Doch was brachte es, an der Vergangenheit zu rühren?

Verdammt! Er könnte längst in Rio sein und hatte keine Lust auf diese Komplikationen.

Er hatte der Bürgermeisterin mit seiner großzügigen Spende Sand in die Augen streuen wollen, damit sie ihm als Zeichen der Versöhnung die Ausbaugenehmigung gab, aber diese idealistische Paola Belmira musste ihm ja unbedingt das Leben schwermachen. Sie zwang ihn, sich geduldig nach ihren Regeln zu richten, statt sich von ihm zur Eile antreiben zu lassen.

Beim Tanzen ließ sie sich bereitwilliger führen. Er erinnerte sich gut daran, wie sinnlich sie sich in seinen Armen bewegt hatte. Aber im echten Leben musste er wohl ihr Spiel mitspielen.

Er gab sich geschlagen und unterbrach ihren Monolog: „Also schön. Ich bin dabei. Lassen Sie uns zusammen ein Konzept für das Resort erarbeiten.“

Die Journalisten machten sich eifrig Notizen. Vermutlich würden sie alle seinen Satz wörtlich in ihren Artikeln zitieren.

Die Bürgermeisterin sah ihn erstaunt an. Dann lächelte sie zufrieden und schlug ihm einen Termin in derselben Woche vor. Die kleinen Strähnen, die sich aus ihrem strengen Dutt gelöst hatten, umrahmten ihr vor Aufregung leuchtendes Gesicht. Wie sehr er sich diesen Elan für sich selbst wünschte …

Sein Lächeln für die Kameras war diesmal echt. Er war immer noch schlecht auf Paola Belmira zu sprechen, doch wenn er schon in Portugal festsaß und mit jemandem zusammenarbeiten musste, dann doch wenigstens mit einer Frau, die ihn an sein früheres Ich erinnerte und dabei auch noch – wie beim Tanzen – ein faszinierendes Feuer versprühte.

3. KAPITEL

„Das lange Grüne oder das kurze Rote?“ Paola hielt beide Kleider an Bügeln an ihren Körper und drehte sich vor dem bodenhohen Spiegel hin und her. Die Schranktüren waren allesamt aufgerissen und auf dem Bett stapelten sich bereits ihre möglichen Outfits. Wie immer war das Richtige nicht dabei.

„Ich dachte, es sei ein Arbeitsessen.“ Camilla zwinkerte ihr vom Schreibtischstuhl aus verschmitzt zu. „Zieh doch einfach wieder deine Bürokluft an.“

Paola warf ihr einen bösen Blick zu.

„Dann eben das knielange Kleid von eurem ersten Abend. Da steht er ja anscheinend drauf.“

Zu gerne hätte Paola ein Kissen nach ihrer vorlauten Cousine geworfen. Ständig wollte die sie verkuppeln – und da sie beide unter einem Dach lebten, konnte sie ihren gut gemeinten Ratschlägen kaum ausweichen. Schließlich teilten sie sich alle Räume außer den eigenen Schlafzimmern. Und dort kam Camilla gerne ungebeten hereinspaziert, um etwa wie heute ihre Kleiderwahl zu kommentieren.

Für Camilla war das wahrscheinlich nur ein Spiel, aber sie konnte seit ihrer Verabredung mit Leandro Alameida kaum schlafen. Was hatte sie da nur in Gang gesetzt? Seit Jahren wollte sie mit ihm über ihre Verbesserungsvorschläge sprechen, doch nun war ihr Tanz dazwischengekommen und ihre Gedanken drehten sich jetzt darum, was sie zu ihrem Treffen anziehen sollte. Zu schick, zu freizügig, zu förmlich? Wie armselig! Warum nur musste er so attraktiv sein?

„Jetzt hilf mir doch mal“, fuhr sie Camilla an. „Ich muss in zwei Stunden los und will vorher noch mal meine Argumente durchgehen.“ Wie sollte sie das nur alles rechtzeitig schaffen?

Mit einem Mal riss ihr der Geduldsfaden: „Das ist doch lächerlich!“, entfuhr es ihr. Genervt warf sie die Kleider zu den anderen aufs Bett und griff sich eine Jeans und ihr Lieblingstop, ein einfaches Baumwollshirt mit Blumenmuster. „Ich habe keine Zeit für so etwas. Hier geht es um die Sache und nicht um mein Styling!“

Sie war schon dabei, in ihr neues Outfit zu schlüpfen, als Camilla ihr das grüne Kleid hinhielt.

„Zieh das hier an. Darin siehst du wirklich hübsch aus, aber nicht aufgetakelt.“ Als Paola zögerte, fügte sie hinzu: „Tut mir leid, wenn ich deine neue Rolle zu wenig ernst nehme. Ich weiß, dass du das alles für uns machst. Aber du bist sonst immer ganz du selbst – so unschlüssig, dass du tatsächlich meine Hilfe brauchst, kenne ich dich gar nicht. Liegt das an ihm?“

Paola atmete tief durch, zog das Kleid über und strich nachdenklich den Stoff glatt. Die Begegnung mit Leandro Alameida hatte sie aus dem Konzept gebracht, ja, aber wenn sie ehrlich war, saß das Problem tiefer.

„Ich habe einfach Angst, jemanden zu enttäuschen. Das ist alles. Plötzlich lauern überall Fehler. Ich weiß nicht, wie ich mich Alameida gegenüber verhalten soll“, gestand sie. „Ich finde ihn interessant und habe ihm das schon viel zu deutlich gezeigt, aber ich treffe mich nicht privat mit ihm. Ich will für meine Wähler etwas erreichen. Sie erwarten, dass ich für sie kämpfe, nicht, dass ich mich von albernen Schwärmereien ablenken lasse.“

Sie hatte sich schließlich einen Ruf aufgebaut. Von Kindheit an hatte sie sich für die Natur eingesetzt. Seit ihr Großvater sie mit zehn Jahren bei der Hand genommen und ihr eine illegale Mülldeponie mitten in den Brutgebieten gezeigt hatte. „Du bist jetzt alt genug, genauer hinzusehen“, hatte er gesagt. „Die Welt ist nicht nur schön. Wir müssen uns gut um sie kümmern.“ Am nächsten Tag war sie der Schülerzeitung beigetreten, um auch anderen die Augen zu öffnen.

„Weißt du noch, wie du als Kind sogar Radio Porto dazu gebracht hast, über die Müllsammelaktion zu berichten, die du ins Leben gerufen hast?“ Camilla schwelgte ebenfalls in Erinnerungen, als könnte sie ihre Gedanken lesen. „Wir waren so was von stolz! Wenn jemand das Unmögliche schafft, dann du. Das wissen in Árvore alle, aber deshalb darfst du ruhig auch ein Privatleben haben.“

Camilla verschwand in ihr eigenes Zimmer und kam mit einem Paar extra hoher Absatzschuhe zurück, was ihren Worten zufolge Leandro bestimmt gefallen würde. Schließlich kannte man wegen seiner Ex-Frau ja seinen Typ, und die trug nichts anderes als High Heels.

Paola schlüpfte hinein, ohne weiter darüber nachzudenken. Sie musste sich auf Wichtigeres konzentrieren. Würde es jemals weniger anstrengend werden, sich jeden Tag neu zusammenzureißen und sich zu verkleiden?

Das À-la-Carte-Restaurant in seinem Resort hatte mehr Klasse als gedacht. Anders als in den All-you-can-eat-Büfett-Restaurants konnten seine Gäste hier nur einmal pro Woche einen Tisch reservieren und es gab einen Dresscode. Zum Glück hatte Paola auf ihre Cousine gehört und doch noch das grüne Kleid angezogen, sonst wäre sie hier unangenehm aufgefallen.

Ihr Tisch und die Stühle mit weißen Stoffbezügen standen unter dem Sonnensegel einer Dachterrasse, die ihnen einen fantastischen Ausblick über die Dünen und den Atlantik bot, der sich bis zum Horizont erstreckte. Nur die Brandung hörte man hier oben nicht – dafür aber leise Pianoklänge, die nicht etwa vom Band kamen, sondern von einem weißen Klavier, auf dem ein Herr in einem ebenso weißen Anzug live spielte.

„Haben Sie Hunger mitgebracht?“, erkundigte sich Leandro Alameida und schob galant ihren Stuhl für sie zurück. „Das Essen geht natürlich aufs Haus.“

Paola versuchte, nicht allzu beeindruckt auszusehen, obwohl die Location ihr den Atem verschlug. Ein solches Juwel hatte sie in seinem Resort nicht vermutet.

Vielleicht warten ja noch mehr positive Überraschungen, wenn du ihm erst näherkommst.

Etwas in ihr wollte anscheinend trotz aller Vorsätze am liebsten da weitermachen, wo sie auf der Tanzfläche aufgehört hatten. Die Hotelzimmer waren diesmal auf jeden Fall viel näher. Was war es nur, das sie an ihm so anziehend fand?

Ihr Gastgeber nahm ihr gegenüber Platz. Er trug wieder ein hellblaues Sakko, aber ein anderes als bei ihrer letzten Begegnung bei der Pressekonferenz – dieses hier hatte Knöpfe in Form von Schiffssteuerrädern.

Leandro Alameida lächelte sie freundlich an, doch Paola straffte den Rücken und legte demonstrativ ihren Arbeitslaptop auf den Tisch. Sie würde sich nicht von ihm einwickeln lassen.

Ihr Großvater hatte in seiner bescheidenen Hütte direkt am Strand das originale Steuerrad seines Kutters an der Wand hängen gehabt. Er war der letzte Fischer von Árvore gewesen und hatte sich diese Seemannssymbole verdient – Leandro Alameida trug sie so leger, dass sie ihm nichts bedeuten konnten. Er zeigte nur wieder einmal deutlich, dass er keine Ahnung von nichts hatte und sich mit Geld einfach alles kaufte.

„Heute ist ein wunderschöner, sonniger Tag“, sagte er und wies zum wolkenlosen Himmel, „der Ausblick ist einmalig, wir werden gleich sehr gut speisen …“ Er zögerte. „Womit habe ich es verdient, dass Sie mich so missbilligend ansehen?“

„Das hier ist ein Arbeitstermin. Das Ambiente ist mir dabei egal. Von mir aus hätten wir uns auch in einem Büro treffen können. Wenn Sie mir ein Essen spendieren wollen, ist das Ihre Sache, aber meine Meinung über Sie ändert sich dadurch nicht im Geringsten.“

Leandro Alameida verdrehte die Augen. „Also schön, Sie zeigen mir die kalte Schulter. Auch gut. Obwohl es mich nach unserem ersten Treffen überrascht …“ Er machte eine bedeutungsschwere Pause und sah sie auffordernd an.

Panik stieg in ihr auf. Sie hatte mit einer Andeutung gerechnet und hatte sie souverän abblocken wollen, aber nun, da sie ihm in die Augen sah, verspürte sie Scham. Hatte er sich nur deshalb zu diesem Treffen bereiterklärt, weil er dachte, sie wäre leicht zu haben?

Was sollte sie darauf sagen? So tun, als wisse sie nicht, wovon er redete? War das nicht ziemlich unreif? Sich damit herausreden, dass sie es nicht gewohnt war, so viele Cocktails zu trinken wie an diesem Abend? Oder aber einfach dazu stehen, dass sie sich da eine Auszeit gönnen wollte – bevor sie durch ihn von der Wirklichkeit eingeholt und an ihre Pflichten erinnert worden war?

Sie hatte Glück. Da sie beharrlich schwieg, überging er das Thema einfach.

„Dann lassen Sie uns doch wenigstens zu den Vornamen übergehen. Immerhin werden wir ja eine Zeit lang zusammenarbeiten.“

„Wenn dir das wichtig ist, Leandro …“ Obwohl sie sich nichts anmerken ließ, genoss sie es, seinen Vornamen auszusprechen. Es war nur ein einfaches Wort, aber es fühlte sich gleich viel intimer an als das steife Senhor Alameida, mit dem auch sein Vater gemeint sein könnte.

Trotzdem musste sie darauf achten, professionelle Distanz zu wahren – besonders da sie sich bei ihrer ersten Begegnung so ungeniert an ihn geschmiegt hatte. Diese Seite von ihr musste er schnellstmöglich vergessen, wenn sie als Bürgermeisterin von ihm ernst genommen werden wollte.

„Schon viel besser“, sagte er und holte zu ihrer Erleichterung ebenfalls seinen Laptop heraus.

Im selben Moment erschien eine weißgekleidete Kellnerin hinter ihnen und stellte ein Tablett mit mehreren kleinen Schälchen an Tapas auf den Tisch. Bei genauerem Hinsehen entpuppten sie sich jedoch als kleine Appetithäppchen von französischen Gerichten. Wie enttäuschend. Oktopus in eigener Tinte suchte Paola vergeblich.

„Während wir essen, möchte ich dir schon mal eine Präsentation darüber zeigen, was die Alameida-Group bereits alles getan hat, um nachhaltiger zu werden. Ich glaube nicht, dass du darüber bis ins Detail Bescheid weißt, sonst hättest du mich nicht so forsch angegriffen.“

Und schon startete er den Imagefilm seines Unternehmens, tat sich aus zwei der Schälchen etwas auf und lehnte sich entspannt zurück.

Paola war zu überrumpelt, um zu reagieren, doch sich den Film anzuschauen, würde wohl nicht schaden. Vielleicht gab es ja wirklich interessante Ansätze, die sie aufgreifen könnten. Als aber nach nicht einmal zwei Minuten auch schon das erste Umweltzertifikat eingeblendet wurde, klappte sie den Laptop entnervt zu.

„Ist das dein Ernst?“, entfuhr es ihr. „Das ist für dich die Lösung des Problems? Ein paar Umweltsiegel für recyceltes Klopapier hier, symbolisches Bäumepflanzen da – und schon bist du fein raus? So wie bei deiner großzügigen Spende an den Naturpark?“

Leandro sah sie völlig verdattert an. Er legte die Gabel, mit der er gerade eine Weinbergschnecke aus ihrem Gehäuse gezogen hatte, zurück auf den Teller, ohne zu essen.

„Das ist mehr, als die meisten anderen Hotelketten vorzuweisen haben … Ich tue, was ich kann, Paola“, verteidigte er sich. „Was ist falsch an kleinen Schritten?“

„Nach außen mit einfachen Mitteln grün zu wirken, reicht nicht aus. Es müsste so viel mehr passieren …“ Dass er das Problem nicht erkannte, machte sie fast wütender, als wenn er es gesehen und bewusst ignoriert hätte. Wie konnte er nur so blind sein?

Paola wies auf die Tapas und fragte, wie viele der Zutaten er bei Bauern aus der Region gekauft hatte. „Wieso überhaupt französische Häppchen? Wir sind hier in Portugal. Wieso keine lokalen Gerichte anbieten? Unsere eigenen Schnecken zum Beispiel. Von Leuten aus Árvore zubereitet. Portugiesische Caracois statt französischer Weinbergschnecken. Das würde das Resort in die Region einbinden.“

Leandro schob seinen Stuhl zurück und verschränkte entnervt die Arme. Dabei zeichneten sich seine Muskeln deutlich ab. Leider waren an seinem weißen Hemd nur die zwei oberen Knöpfe geöffnet.

„Du stellst dir das viel zu leicht vor. Als könnte ich mal eben alles verändern. Einfach meine Küchencrew durch ein paar Kleinunternehmer aus Árvore ersetzen, die mir das Essen anliefern? Ein bisschen Hausmannskost, ganz entspannt wie in einem kleinen Restaurant nebenan? Wir müssen hier täglich Hunderte von Gästen bekochen! Dafür braucht man verlässliche Lieferketten und riesige Mengen an Nahrungsmitteln. Wie stellst du dir das vor? Du hast doch keine Ahnung, wie man ein Hotel leitet!“

Obwohl er sie gerade angriff, gefiel Paola sein Elan beim Streiten viel besser als seine nichtssagende Zurückhaltung während des Imagefilms. In diesem Moment war er wenigstens persönlich bei der Sache. Hier war wieder die Selbstsicherheit, die sie schon bei ihrem ersten Treffen in den Bann gezogen hatte.

Zu schade, dass wir nicht im selben Team spielen, schoss es ihr durch den Kopf.

„Wenn wir zusammen ein Konzept erarbeiten wollen, wie du ja vorgeschlagen hast, dann müssen wir uns aufeinander zubewegen“, fuhr er aufgeregt fort. „Es reicht nicht, dass du alle meine Bemühungen als völlig unzureichend kritisierst und nur deine eigenen Ideen hineinschreibst! Etwas mehr Realismus musst du schon an den Tag legen, sonst wird das mit der Zusammenarbeit nichts …“

„Jetzt ist es also meine Schuld? Ich bin nicht kompromissbereit genug und du bist fein raus? Du hättest dich ja ach so gerne geeinigt, aber diese junge Bürgermeisterin hat vom wirklichen Leben keine Ahnung? Erzählst du das dann der Presse?“

Wie konnte sie ihn dazu bringen, jetzt nicht einfach aufzustehen? Diese Chance auf ein offenes Gespräch würde sie so schnell nicht noch einmal bekommen. „Vielleicht finde ich ja noch ein paar andere Genehmigungen für dein Resort, die nicht ganz wasserdicht sind …“

Pokerte sie mit ihrer Drohung zu hoch? Brachte sie ihn damit vollends gegen sich auf?

Leandro sah sie böse an.

Gut so! Sollte er sich ruhig auch mal um etwas sorgen, das ihm wichtig war. Es war zwar nur ein Bluff, aber wenigstens nahm er sie jetzt ernst.

„Also schön“, grummelte er, „du hast auf deiner Pressekonferenz ja noch ein paar andere Beispiele genannt. Vielleicht lassen sich diese Vorschläge besser umsetzen.“

Paola atmete erleichtert auf, dann startete sie ihre eigene Präsentation und drehte ihren Laptop zu ihm herum. Es war kein schicker Imagefilm mit Musikuntermalung und Hochglanzfotos – dafür fehlten ihr schlicht die Mittel –, sondern nur eine nüchterne Aneinanderreihung von Grundrissen und Verbrauchszahlen.

Ihre ehemalige Chefin vom Naturpark hatte sie mit den nötigen Informationen versorgt und unter den Austauschwissenschaftlern, die gerade hier in Árvore forschten, war ein Ingenieur aus Italien, der ihr mit den Plänen geholfen hatte.

„Das sind erst mal nur grobe Skizzen“, räumte sie ein, „aber wie du siehst, könntest du mit wenig Aufwand neue unterirdische Leitungen genau unter den Wegen entlang vom Hauptgebäude bis zu den Gästehäusern verlegen und so deinen eigenen Solarstrom erzeugen. Die Photovoltaikanlagen passen gut auf die Dächer, eine Fläche, die du im Moment ja sowieso nicht nutzt. Das ist nachhaltiger und auf lange Sicht sparst du damit sogar Geld. Wenn du diesen Winter mit dem Umbau loslegst, könntest du schon in der nächsten Saison die Klimaanlagen mit Solarstrom betreiben.“

Diesmal wiegelte er nicht sofort ab. Leandro zoomte immer wieder an verschiedenen Stellen in die Grundrisse hinein, prüfte ihre Berechnungen, machte sich sogar Notizen. Würde er ein Einsehen haben oder hoffte sie zu früh?

„Diese Skizze ist wirklich sehr grob. Es fehlen ein paar wesentliche Details, die deinen Vorschlag sehr viel teurer machen, als du denkst“, erklärte er schließlich.

„Halten die Dächer überhaupt das Gewicht der Solaranlagen? Ich müsste erst die Statik prüfen lassen. Dann die Wege. Ja, sie führen an genau den richtigen Stellen entlang, aber darunter liegen ja schon andere Leitungen, die sich aus Sicherheitsgründen nicht kreuzen sollten. Das alles wäre eine ziemlich große Investition. Mehr, als ich im Moment bereit bin, für dieses Resort auszugeben.“

Nicht zu fassen, dass er sich schon wieder herausredet!

Aber auch beeindruckend, dass er tatsächlich wusste, wovon er sprach. Sie hatte ihn sich eher als unbeteiligten Erben vorgestellt, der nur das Unternehmen als Ganzes verwaltete, aber ansonsten ein Heer aus Beratern beschäftigte, die sich mit den genauen Abläufen in einem Hotel weit besser auskannten als er. Dass er selbst etwas davon verstand und sogar die Baupläne des Resorts im Kopf hatte, hätte sie ihm nicht zugetraut.

Das bedeutete aber auch, dass sie mehr von ihm erwarten konnte. „Wie wäre es mit einem eigenen Vorschlag“, forderte sie ihn heraus, „statt einfach nur meine abzulehnen?“

Zu ihrer Überraschung holte er tatsächlich einen Schreibblock aus seiner Laptoptasche und begann, darauf herumzuzeichnen. Vor ihren Augen entstand eine sehr rudimentäre Skizze von Árvore, dem Resort und der Umgebung darum herum.

„Wenn man größer denkt“, hob er an und tippte mit dem Stift auf die Hügel östlich des Ortes, „dann wäre hier hinten die beste Position für neue Solaranlagen. Und für Windkraft“, fügte er hinzu, als eine Böe vom Atlantik fast seine Skizze vom Tisch wehte, „davon haben wir hier das ganze Jahr über reichlich.“

Hochkonzentriert zeichnete er noch ein paar Windräder dazu – und verlegte im Geist wahrscheinlich schon die Leitungen.

Woher kam auf einmal sein Enthusiasmus? Eben noch stritt er um jedes kleine bisschen, das beim Alten bleiben sollte – und nun plante er einen komplett neuen Windpark für ganz Árvore.

Mit einem Mal hielt Leandro mitten beim Skizzieren inne. Anscheinend wurde auch ihm schlagartig bewusst, wie weit er sich gerade aus dem Fenster lehnte.

„Nur so ein Gedanke …“, sagte er und schob das Blatt Papier zurück in seine Tasche. „Árvore kann sich das nicht leisten, und ich …“

„Du willst nicht so viel für das Resort ausgeben“, vervollständigte Paola seinen Satz. „Ich verstehe schon. Aber so kommen wir nicht weiter.“

Es entstand eine längere Pause, in der sie ihn interessiert musterte. Sie hatte kurz einen Funken echter Begeisterung in seinen Augen gesehen. Warum ruderte er sofort zurück, als hätte er aus Versehen die Deckung fallen lassen?

Leandro nahm die Gabel wieder in die Hand und kaute lustlos auf der inzwischen sicher kalt gewordenen Weinbergschnecke herum.

„Ich könnte auch einfach Zeitschaltuhren einbauen“, schlug er vor. „Eine Fernsteuerung für die Klimaanlagen. Es spart schon mal sehr viel Strom, wenn die Gäste sie nicht mehr laufen lassen können, wenn sie zum Strand ge...

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Jessica Gilmore
Jessica Gilmore hat in ihrem Leben schon die verschiedensten Jobs ausgeübt. Sie war zum Beispiel als Au Pair, Bücherverkäuferin und Marketing Managerin tätig und arbeitet inzwischen in einer Umweltorganisation in York, England. Hier lebt sie mit ihrem Ehemann, ihrer gemeinsamen Tochter und dem kuschligen Hund – Letzteren können die beiden...
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Hana Sheik

Hana Sheik verliebt sich jedes Mal aufs Neue in ihre Protagonisten, wenn sie ihre Romances schreibt. Sie hat schon in vielen Bereichen gearbeitet – doch Liebesromanautorin zu sein, ist zweifellos der schönste Job überhaupt! Geboren in Somalia, zog sie als Kleinkind nach Kanada und lebt dort noch immer glücklich mit...

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