Verführt von einem unschuldigen Engel

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Dieses perlende Lachen, unschuldig und verführerisch zugleich! Die schöne Annie zieht den überzeugten Junggesellen Barrett gegen seinen Willen in ihren Bann. Dabei muss er sich um den Aufbau seines Wirtschaftsimperiums kümmern, nicht um die überbehütete Tochter eines Geschäftspartners! Doch als Annie auf der Suche nach Abenteuern von zu Hause wegläuft, wird Barrett gebeten, sie sicher zurückzubringen. Um ihren Ruf zu retten, muss er sich unterwegs als ihr Bräutigam ausgeben - eine ungeahnte Herausforderung, die nicht nur sein Geschäft, sondern auch sein Herz in Gefahr bringt …
  • Erscheinungstag 24.11.2020
  • Bandnummer 608
  • ISBN / Artikelnummer 9783733748265
  • Seitenanzahl 256
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Undenkbar. Man verliebte sich nicht in einen Schatten. Oder den flüchtigen Eindruck einer leisen, verführerischen Stimme und eines unschuldigen, perlenden Lachens.

Doch als das zarte Handgelenk mit dem kostbaren Armreif in sein Blickfeld geriet, glaubte er einen Moment lang tatsächlich an die Liebe.

Barrett verharrte reglos, auf die Bewegungen und Geräusche in der Eingangshalle konzentriert, von der er durch den Türspalt nur einen schmalen Ausschnitt sah.

Dann war sie fort. Schritte entfernten sich und verhallten.

Langsam holte er Luft. Er wollte nicht, dass der Moment vorüberging, wollte nicht, dass die eintönige Stimme ihres Vaters die Erinnerung an ihr Lachen überdeckte.

Er schüttelte die Gedanken ab. Liebe war etwas für Menschen, die sich nicht auf das Geldverdienen verstanden. Die etwas brauchten, an das sie sich klammern konnten. Auch wenn Gavin stur behauptete, dass Annie Carson seine Meinung über Liebe und Ehe ändern würde.

Er hatte sich auf die Wette eingelassen, um seinem Bruder Gavin die Möglichkeit zu geben, seine Schulden bei ihm zu begleichen, die sich durch sein Medizinstudium angehäuft hatten. Hinzu kam, dass Gavin einen Tag in der Woche opferte, an dem er sich um ihren Vater kümmerte. Allerdings stellte er die Bedingung, dass Barrett sich erst zum Sieger erklären durfte, wenn er mehrere Tage bei den Carsons verbracht hatte.

„Sagen Sie, Carson …“ Barrett zwang ein Lächeln auf seine Lippen und beugte sich dichter zu dem älteren Gentleman. Er war sich der Macht seines Blicks sehr wohl bewusst, und er wusste, dass seine Stimme seinen Worten mehr Nachdruck verlieh als eine Faust. „Was hat es mit diesem Ballonfahrgeschäft auf sich, das Sie gegründet haben?“

„Es ist die Fortbewegungsart der Zukunft.“ Carson zögerte, rutschte in seinem Sessel zur Seite und nestelte fahrig an der Manschette seines linken Ärmels. „Eine höchst wundersame Fortbewegungsart.“ Er sah zu Boden. „Aber ich glaube, ich habe Ihnen alles gesagt, was ich darüber weiß.“

„Unsinn.“ Barrett erhob sich, wobei sich die Hosenbeine seiner engen Breeches um seine muskulösen Schenkel spannten. „Ich würde gern morgen wiederkommen und ein paar Tage bei Ihnen verbringen. Um über die geschäftlichen Fragen zu reden, natürlich. Was Sie dazu zu sagen haben, ist wichtig, denn es beeinflusst meine Entscheidung. Immerhin haben Sie viel Erfahrung, Carson.“ Und produzieren eine Menge leeres Geschwätz. Carson begriff nicht, dass er nichts von Geschäften verstand, was seine Lampenläden bewiesen, und lieber die Finger davon lassen sollte, zumal von so unsinnigen Unternehmungen wie Ballonfahrten.

In dem Versuch, einen Knitter im Stoff zu glätten, strich Carson über seinen Ärmel, jedoch ohne viel Erfolg. „Glauben Sie … glauben Sie, dass das wirklich sein muss?“

Oh ja, es musste unbedingt sein, nachdem Barrett das Lachen gehört hatte. Er war skeptisch gewesen, ob es stimmte, doch wie es schien, hatte sein Bruder nicht übertrieben. Carsons Tochter, die man so gut wie nie bei gesellschaftlichen Ereignissen antraf, war offenbar noch schöner als ihre Schwestern. Unvorstellbar eigentlich, und wenn Gavin sich seiner Sache nicht so sicher gewesen wäre, hätte Barrett keinen weiteren Gedanken an die Sache verschwendet. Doch so hatte ihn die Neugier getrieben und die Wette seine Entschlossenheit nur verstärkt.

Das Lachen ging ihm nicht aus dem Kopf. Es peinigte ihn, reizte ihn auf. Und ihm wurde bewusst, dass er die Frau – Annabelle Carson – unbedingt kennenlernen und ihre Stimme wieder hören wollte.

Er machte eine Verbeugung. „Vielen Dank für die Einladung, Carson. Es war mir eine Ehre. Ich komme morgen wieder. Sieben Tage sind, wie ich hoffe, keine zu kurze Frist, um uns besser kennenzulernen.“

„Sieben Tage …“ Carsons Stimme ähnelte einem Krächzen.

„… bieten uns ausreichend Zeit.“ Er wandte sich zum Gehen, hielt jedoch inne und drehte sich wieder um. „Dann bis morgen also …“ Er räusperte sich. „Es ist mir ein bisschen peinlich, es zu erwähnen …“, er tippte sich an den Oberschenkel, „aber das Treppensteigen bereitet mir Schwierigkeiten. Wenn ich ein Zimmer in der ersten Etage haben könnte, wäre mir das recht. Mit ein wenig Morgensonne, um meine Lebensgeister zu wecken.“

Das Zimmer der Tochter befand sich in der ersten Etage, wie er in Erfahrung gebracht hatte.

Carson schnappte hörbar nach Luft, erwiderte jedoch nichts. Barrett deutete eine weitere Verbeugung an und verließ das Zimmer. In der Halle wartete sein Bruder nicht weit entfernt von der Tür. Ein kurzer Blick war alles, was Barrett auf dessen selbstgefälliges Augenzwinkern erwiderte.

„Mr. Barrett, könnte ich Sie kurz …?“ Die Stimme seines Bruders.

Barrett eilte weiter. Gavin folgte ihm.

Barrett verließ wortlos das Haus durch die Eingangstür und hoffte, dass Gavin den Wink verstand.

Draußen blieb er gerade so lange stehen, dass sein Bruder zu ihm aufschließen konnte. „Verschwinde.“ Im Bewusstsein der vielen Fenster, von denen aus man sie beobachten konnte, sprach er leise. „Mir wäre es lieber, wenn die Leute nicht erfahren, dass wir uns kennen.“

„Ich wusste, dass du nicht würdest widerstehen können – weder der Herausforderung noch dem Wunsch, sie kennenzulernen.“ Die hochmütige Kopfhaltung Gavins – es war die gleiche wie bei ihrem Vater – bewirkte, dass Barrett gereizt die Zähne zusammenbiss.

„Ich weiß immer noch nicht, wie sie aussieht“, erwiderte er ruhig. „Aber ich bin neugierig. Verschaff mir ein Treffen mit ihr. Ich will nur wissen, wie sie aussieht. Sonst nichts.“

Gavin streckte zwei Finger seiner rechten Hand aus, dann ließ er die linke Hand über den beiden Fingern wie eine Falle zuschnappen. „Die letzten Worte eines Junggesellen.“

„Meine letzten Worte lauten: Verschwinde, und zwar sofort!“

Gavin verbeugte sich leicht. „Dann einen schönen Tag noch, Mr. Barrett. Und denken Sie an die Kräuterwickel, die ich empfahl.“ Seine Stimme wurde lauter. „Sie werden Ihnen guttun, aber lassen Sie es bei einem bewenden, sonst fühlen Sie sich wie eine für die Bratröhre zusammengeschnürte Riesengans.“

Gavin machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück ins Haus.

Barrett lockerte die zur Faust geballte Hand und fragte sich, wie er es je hatte gut finden können, einen Bruder zu haben – außer in dem Fall, da Gavin ihm von Annabelle Carson erzählt hatte. Annie …

Seine Stadtkutsche stand wartend am Straßenrand. Barrett nickte dem Fahrer zu, bedeutete ihm mit einem Blick, sitzen zu bleiben. Eigenhändig öffnete er den Schlag und schwang sich mit einer geschmeidigen Bewegung in die Chaise.

Die Ehrfurcht in der Stimme seines Bruders, als dieser das erste Mal von den Carson-Schwestern gesprochen hatte, hatte seine Neugier geweckt.

Wäre da nicht das Handgelenk mit dem blitzenden Armreif gewesen, er hätte den Gedanken an sie wahrscheinlich ohne Weiteres verdrängen können und die Sieben-Tage-Wette unbeeindruckt ausgesessen. Aber so fragte er sich, was für ein Gesicht zu dem weichen Lachen gehören mochte und wie Annabelle Carson aussah.

Normalerweise fiel es ihm nicht schwer, seine Gedanken von einem Thema abzulenken, über das er nicht nachdenken wollte, doch er konnte die Frage nach dem Aussehen der Frau mit dem ungewöhnlichen Lachen nicht verdrängen.

Es klang rein. Unverdorben.

Schade, dass er sie durch den Türspalt nicht hatte sehen können. Er stützte den Ellbogen gegen die Kutschenwand. Wie immer in beengten Räumen, fühlte er sich unwohl, dennoch war er außerstande, Annabelle Carson aus seinen Gedanken zu verbannen.

Bei den Soireen und gesellschaftlichen Anlässen, die er besuchte, verschwendete er keinen Blick an die unschuldigen jungen Dinger, die von ihren Anstandsdamen bewacht wurden. Wenn man große Pläne hatte, hörte Arbeit nicht einfach auf, wenn die Sonne unterging und die Musik einsetzte.

Für gewöhnlich lag der Anflug eines Lächelns um seine Lippen, aber er pflegte es aufzusetzen wie einen Hut. Ein Wirtschaftsimperium zu errichten war ihm wichtiger, als ein hübsches junges Ding an seinem Arm hängen zu haben. Seiner Überzeugung nach waren hübsche junge Dinger die Schwäche von Männern, die bewundernde Blicke brauchten, um ein Selbstbild aufzubauen.

Barrett schob den Gedanken an Miss Annie Carson beiseite und konzentrierte sich auf die Frage, wie er die Ladenräume ihres Vaters renovieren lassen würde, und dachte an die Verbesserungen und Neuerungen, mit denen er vorhatte, das Geschäft auf die Höhe der Zeit zu bringen.

Die Chaise verlangsamte das Tempo. Er öffnete den Schlag, ehe das Gefährt ganz zum Stehen gekommen war, sprang hinaus und überließ es dem Fahrer, die offene Kutschentür zu schließen.

Seine Konzentration auf das Naheliegende richtend eilte er die Treppe hinauf. Sobald er die Tür seines Zimmers hinter sich geschlossen hatte, landeten Mantel und Oberbekleidung auf dem Sessel, auf den er sich setzte, wenn er seine Stiefel anzog. Er warf seine Hose auf die Polsterbank am Fußende des Betts. Als Annabelles Lachen ihm in den Sinn kam, legte er den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Noch einmal ließ er jeden einzelnen Moment, da sie in der Halle gestanden hatte, im Geist Revue passieren.

Ein dumpfer Aufprall, gefolgt von einem Krachen, brachte ihn jäh in Bewegung. Er griff nach seinem Morgenrock, warf ihn sich über, und schon halbwegs aus der Tür, verknotete er den Gürtel und stürmte die Treppe hinauf.

Im Zimmer seines Vaters war es dunkel. Dass er den alten Mann auf dem Fußboden vorfand, wunderte Barrett nicht.

Er beugte sich vor, packte seinen Vater mit einer Hand am Hemdkragen, mit der anderen an dem lose sitzenden Hosenbund und hob ihn ohne viel Anstrengung hoch. Nur als er auf eine Flasche trat, geriet er beinahe aus dem Gleichgewicht.

Mit ein paar wenigen Schritten war er beim Bett und beförderte seinen Vater unsanft auf die Matratze.

„Summers“, sprach er den Diener an, der hinter ihm hereingekommen war, ohne sich umzudrehen, „sehen Sie zu, dass er morgen ein Bad nimmt. Und wenn irgend möglich, lüften Sie das Zimmer.“

„Sehr wohl, Sir.“ Summers trat näher. Für einen Moment standen sie beide reglos nebeneinander.

Der morgendliche Zwischenfall kam Barrett in den Sinn. Er legte den Kopf in den Nacken, um dem riesigen Diener in die Augen sehen zu können. „Ist das Hausmädchen wieder auf den Beinen?“

„Nettie geht es gut. Sie hat sich nur etwas erschreckt. Aber sie versteht es.“

Summers kannte nur zwei Geschwindigkeiten – langsam und blitzschnell. Er war der Einzige, der ihn bei einer Prügelei fast einmal besiegt hatte, und er hatte länger gebraucht, sich davon zu erholen, als ihm lieb gewesen war.

„Wir dürfen ihn keine Minute mehr allein lassen. Er brennt das Haus nieder oder greift einen der Dienstboten an.“ Geistesabwesend umklammerte Barrett seine linke Hand mit der rechten, spürte die Narben unter seinen Fingern.

„Er schlief, als ich ihn mit Nettie allein ließ.“ Summers Stimme klang vollkommen emotionslos.

„Oder er tat nur so …“ Barrett hielt inne. „Wenn Sie ihn in Zukunft unbedingt allein lassen müssen, stellen Sie sicher, dass mindestens zwei Leute bei ihm bleiben. Sie und ich sind die Einzigen, die mit ihm allein sein dürfen. Er ist stärker, als er aussieht. Das war er immer.“

„In letzter Zeit ist er oft laut geworden. Hat das Fenster aufgemacht und angefangen zu brüllen. Die Nachbarn …“

„Tun Sie Ihr Bestes. Und drehen Sie ihm nicht den Rücken zu. Niemals.“ Barrett spürte, wie schwer seine Entscheidung auf ihm lastete. Es wäre vernünftig gewesen, seinen Vater in einer Anstalt unterzubringen. Er verstand selbst nicht, warum er es nicht tat. Schließlich war es nicht so, dass er sich viel aus dem alten Mann machte.

„Lassen Sie ihn fürs Erste in Ruhe und sorgen Sie dafür, dass die Dienstbotinnen nicht in seine Nähe kommen.“ Er überlegte. „Gehen Sie schlafen. Heute Nacht bleibe ich bei ihm, aber ich bezweifle, dass er sich auch nur auf die Seite rollt. Wahrscheinlich träumt er süß und selig.“ Davon, wie er anderen das Essen aus dem Mund holte, vielleicht. Oder eine brennende Kerze nahm und sie dem Hund ans Fell hielt, um ihn in Brand zu setzen. Obwohl er das nur ein einziges Mal probiert hatte. Barrett warf einen Blick auf die Narbe, die seitlich an seinem Zeigefinger entlang in Richtung Daumen verlief und weiter bis zum Knöchel.

Die Albträume anderer Menschen waren Märchen für seinen Vater.

„Einen Brandy, ehe Sie sich zu ihm setzen, Sir?“

Barrett schüttelte den Kopf und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. Dann zog er den Kragen seines Morgenrocks zurecht. „Ich muss wach und nüchtern bleiben. Schicken Sie eins der Hausmädchen mit einer Tasse Tee herauf.“

Summers ging hinaus, und Barrett rückte den Ohrensessel zum Bett und setzte sich. Um ein Haar hätte er den Mann aufgefordert, seinem Vater ein Kissen aufs Gesicht zu drücken. Allerdings wäre es durchaus möglich gewesen, dass Summers es tatsächlich getan hätte.

Seine Gedanken wanderten zu dem unschuldigen Lachen, das er an diesem Tag gehört hatte. So viel war klar – Gavin würde sich über ihn lustig machen, wenn er wüsste, dass er häufig an die Frau dachte. Aber sein Bruder hatte recht: Carsons Tochter reizte ihn.

Egal. Er schloss die Augen, lehnte den Kopf gegen die gepolsterte Lehne und stellte sich eine Welt vor, die von dem sanften Lachen erfüllt war, das ihm nicht aus dem Kopf ging.

Als es klopfte, sah Annie auf. „Herein.“ Sie legte die Fingerspitze auf die Stelle des Romans, die sie zuletzt gelesen hatte.

Ihr Vater steckte den Kopf durch die Tür. „Wir werden einen Gast haben, mein Liebes, und solange er da ist, musst du in der Mansarde schlafen.“

Annie krauste die Nase. „Bringt Tante Gertrude Freunde mit?“

„Nein. Es handelt sich um einen fremden Besucher. Einen Mann. Ich habe geschäftlich mit ihm zu tun.“ Ihr Vater nahm eine entschlossene Haltung ein.

„Ein Besucher? Einer?“ Annie sah ihm ins Gesicht. „Deswegen soll ich umziehen?“

Ihr Vater nickte.

Die Zimmer ihrer beiden Schwestern waren unbenutzt. Honour befand sich in Schottland, und Laura war mit einem Mann die Ehe eingegangen, der brieflich um sie geworben hatte.

„Außerdem kommst du jetzt in ein Alter, wo du es sicher angenehmer findest, die ganze Etage für dich zu haben.“

„Ich soll auf Dauer nach oben umziehen?“ Annie warf einen Blick auf ihr Buch, ohne es wirklich wahrzunehmen, dann sah sie ihrem Vater wieder ins Gesicht. „Bist du sicher?“

„Absolut.“ Er nickte erneut. „Bei unserem Gast handelt es sich um einen Mann. Er nimmt die Pflichten des Familienoberhaupts wahr, weil sein Vater, der Viscount, krank ist. Ich möchte, dass du dich unten nicht sehen lässt, Annie. Jedenfalls solange er da ist. Wir haben wichtige Angelegenheiten zu regeln, und du darfst mich nicht ablenken.“ Seine Miene entspannte sich. „Bitte, Liebes. Ich werde sehr beschäftigt sein.“

Annie musterte ihn schweigend. „Er ist der Sohn eines Viscounts?“

Ihr Vater nickte. „Ja, wenn auch keines bedeutenden.“

„Keines bedeutenden?“ In dem Versuch herauszufinden, was ihr Vater dachte, musterte sie ihn eingehend.

„Nein. Ein Titel ist nicht alles.“ Ihr Vater griff in die Westentasche und nahm seine Taschenuhr heraus. „Er hat eine gewisse Bedeutung, aber er ist nicht alles.“

Annie atmete auf. „Ich bin froh, dass du das sagst.“

„Liebes, ich wollte, dass deine Schwestern sich gut verheiraten. Das sage ich frei heraus. Und ich will, dass du die Möglichkeiten wahrnimmst, die sie vergeudet haben. Aber dieser Mann … nun, er ist nicht auf eine Heirat aus.“

„Das bin ich auch nicht.“

„Sei still.“ Mit einer jähen Bewegung steckte ihr Vater die Uhr zurück in die Tasche. „Heirat ist alles. Die richtige Heirat, meine ich. Und das wollten deine Schwestern nicht begreifen. Du dagegen wirst uns mit Stolz erfüllen und dich mit jemandem vermählen, der der Familie Ehre macht.“ Er fixierte sie, als visierte er ein Ziel an. „Du wirst dich gut verheiraten. Du wirst glücklich sein. Genau wie deine Mutter und ich. Deine Kinder werden es dir danken.“

Annie biss sich auf die Innenseite ihrer Wange. Wartete.

„Aber genug davon“, schloss ihr Vater mit einer ungeduldigen Handbewegung. „Du wirst nach oben ziehen und dort bleiben, bis du zur Vernunft kommst.“ Er senkte den Kopf. „Dein Benehmen auf Mrs. Smith-Cruises Geburtstagsfeier war weit davon entfernt, meinen Beifall zu finden. Bei dem Tanz mit Richard Collins hast du kaum ein Wort gesprochen. Lord Collins, sein Vater, ist ein wohlhabender, einflussreicher Baron, und selbst wenn der Junge nur ein vierter Sohn ist, so ist er doch der Sohn eines Barons.“ Ihr Vater sah auf und hob die Hand. „Du hast ihn während der ganzen Zeit kaum einmal angeschaut.“

„Vater. Hast du ihm je zugehört? Ja, er ist der Sohn eines Barons, und das kann er in fünf Sprachen sagen.“

Ihrem Vater zitterte das Kinn, als er den Kopf schüttelte. „Genug. Ich lasse nicht zu, dass du eine solche Gelegenheit wegwirfst, wie deine Schwestern es getan haben. Bei dir werden wir das Richtige tun.“

„Indem ihr mich auf den Dachboden schickt? Wo unser Hausmädchen schläft?“ Während der Sohn eines Viscounts zu Besuch war? Das sah ihrem Vater so gar nicht ähnlich. Sie hätte eher erwartet, dass er sie an beiden Armen zu dem Mann hin zerren würde.

„In diesem Fall ja.“

„Was spricht gegen ihn?“

„Nichts.“ Ihr Vater zuckte mit den Schultern. „Aber er hat sein Leben … nicht wie der Sohn des Barons verbracht. Richard Collins wird bewundert. Respektiert. Und ich weiß, dass er viel von dir hält.“

Ehe sie es verhindern konnte, hatte sie die Augen zur Decke verdreht.

„Die nächsten Tage wirst du dich unten nicht blicken lassen.“ Ihr Vater zog die Brauen zusammen.

Sie klemmte einen Finger in das Buch. „Ich habe nicht den Wunsch zu stören. Ich möchte nur nicht in die Mansarde ziehen. Obwohl es dort vielleicht recht interessant zugeht mit Myrtle. Man weiß nie, wie sie reagiert, wenn man sie losschickt. Vor Kurzem kam sie dreimal zurück, um mich zu fragen, was ich ihr aufgetragen hatte. Am Ende war es einfacher für mich, es selbst zu holen.“

„Sie ist eine gute Dienerin.“ Ihr Vater sah ihr ins Gesicht. „Myrtle dient meiner Familie schon ihr ganzes Leben lang. Sie ist treu bis in den Tod.“

„Aber Honours und Lauras Zimmer sind beide unbenutzt. Der Gast könnte gut und gern dort einziehen.“

Ihr Vater schüttelte den Kopf. „Nein. Er kommt, um geschäftliche Angelegenheiten mit mir zu erörtern, und wir können nicht riskieren, dass du uns unterbrichst. Außerdem wäre es nicht schicklich, wenn du in seiner Nähe untergebracht bist. Und davon abgesehen, ist er an einer Ehe nicht interessiert. Richard Collins schon. Ende der Diskussion.“

Sie schloss das Buch mit einem leisen Knall. „Glaubst du nicht, dass ich in der Lage bin, meine eigenen Entscheidungen zu treffen?“

„Selbstverständlich glaube ich das.“

„Manchmal würde ich gern … Vielleicht sollte ich Cousine Emily besuchen, solange der Gast da ist? Das würde mir gefallen. Du bestehst immer darauf, dass sie zu mir kommt, und gestattest mir nie, zu ihr zu fahren. Ich darf kaum je das Haus verlassen, und wenn, dann nur zusammen mit dir und Mutter.“

„Ich möchte nicht, dass du, meine einzige vernünftige Tochter, riskierst, genauso krank zu werden wie deine Mutter. Sie hat sich von deiner Geburt nie mehr richtig erholt.“ Die Unterlippe ihres Vaters zitterte. „Aber wir sind natürlich dankbar für dich und würden es nicht anders haben wollen.“

Annie konnte nichts darauf antworten. Natürlich tat es ihr leid, dass ihre Mutter kränklich war, doch sie hätte ihre eigene Gesundheit jederzeit aufs Spiel gesetzt, wenn sie vor die Tür gedurft hätte.

„Ich will nur dein Bestes.“ Ihr Vater seufzte schwer. „Wenn du nicht heiraten möchtest, kann ich das akzeptieren. Aber wenn du heiratest, dann einen Mann von Stand. Eine gute Verbindung kann dir nur nutzen.“

„Ich weiß.“

„Versprich mir, dass du dich im Hintergrund hältst, während der Besucher da ist. Und vergiss es nicht, wie das letzte Mal. Ich habe dich in der Halle gehört.“

„Ich werde daran denken.“

Es war zwecklos, mit ihrem Vater zu streiten. Er hatte nur ihre Sicherheit und ihr Glück im Auge. Sie lächelte ihn an. Er nickte, warf einen Blick auf das Buch in ihrer Hand und ging.

Sie wandte sich wieder dem Roman zu, obwohl sie den Schriftsteller Jonathan Swift nicht mochte.

Sie begann den Armreif an ihrem Handgelenk zu drehen, der üppig mit Saphiren besetzt war. Wozu besaß man Schmuck, wenn niemand ihn je zu Gesicht bekam?

Hätte ihr der Sinn nach einem Dutzend Pferde gestanden, ihre Eltern hätten alles getan, um ihr den Wunsch zu erfüllen, ihr jedoch nicht gestattet, eigenmächtig darüber zu verfügen.

Sie wusste, dass der Gentleman am Vortag im Salon gewesen war. Sie hatte den sonoren Klang seiner Stimme gehört und war ihm gefolgt. Doch dann hatte der Arzt sie beinahe beim Lauschen erwischt. Es war ihr gerade noch gelungen, zu lachen und ihn auf den Marmeladenfleck in seinem Gesicht aufmerksam zu machen, der wohl von seinem Frühstück stammte. Der Marmeladenfleck hatte ihn abgelenkt.

Der einzige Mensch außer Verwandten und Dienern, der ins Haus kommen durfte, war der Arzt. Sie mochte ihn nicht besonders, doch wenn er mit ihrer Mutter sprach, klang seine Stimme recht angenehm. Es war eine kraftvolle Stimme, ähnlich der des Sohnes des Viscounts.

Nur dass dessen Stimme noch volltönender geklungen hatte, als er mit ihrem Vater redete. Und nicht so freundlich. Eher grollend.

Wie er wohl aussah?

Sie stand auf und zog einen der Vorhänge zur Seite, um aus dem Fenster zu schauen. Sie konnte nicht einmal die Straße sehen. Nur das gegenüberliegende Haus. Von jetzt an würde sie noch eine Etage höher leben. Eine Etage über dem Rest der Welt.

Sie wäre gern bei ihrer Schwester gewesen. Tief im Herzen wusste sie, dass Honour sie brauchte. Es würde ihre Mutter kränken, wenn sie fortging, doch sie machte sich Sorgen um die Schwester. Mit Laura war alles in Ordnung, das spürte sie ganz genau. Laura war durchgebrannt, um bei dem Mann sein zu können, den sie liebte.

Ohne die beiden war das Leben öde, jeder Tag wie der andere, immer das gleiche. Sie war sicher, dass sie einen Weg finden würde, Honour nach Hause zu bringen und mit den Eltern zu versöhnen. Natürlich würde es Tränen geben. Schande vielleicht. Aber die Familie konnte wieder zusammenfinden und die Dinge so akzeptieren, wie sie waren.

2. KAPITEL

Barrett quittierte die Ausführungen seines Gastgebers über die Nähte der Heißluftballons mit einem Nicken, dann machten sie sich auf den Rückweg zum Haus. Carsons Vorstellung von einem aufregenden Abend ließen zu wünschen übrig und wurden auch bei der zehnten Wiederholung nicht besser. Barrett hatte darauf bestehen müssen, dass sie pünktlich zurückfuhren. Er konnte Carsons Gegenwart keinen Moment länger ertragen.

Als sie die Halle betraten, reichte er dem Diener seinen Hut und ließ Carson weitererzählen. Drei Tage. Eine weitere Ballongeschichte würde er nicht aushalten, und dabei war er der Tochter noch nicht einmal begegnet. Mehrfach hatte ein Hauch ihres Parfüms in der Luft gelegen, und im Stockwerk über ihm waren Schritte zu vernehmen gewesen, ebenso wie die Stimme, die er nur einmal gehört hatte. Trotzdem blieb er in dem Haus, zu seiner Überraschung aus freien Stücken, und wurde sich wieder einmal bewusst, dass er über eine Beharrlichkeit verfügte, die er nicht recht verstand.

Carson blieb im Türdurchgang stehen und gab dem Butler Anweisungen, die dieser der Haushälterin und diese wiederum der Köchin weitergeben sollte. Barrett wandte sich zur Treppe.

Als er die ersten Stufen erklommen hatte, bemerkte er, dass sie oben stand und ihn beobachtete.

Eine gertenschlanke Frau, deren Gesicht von großen Augen und vollen Lippen beherrscht wurde. Sie schien erstarrt zu sein bei seinem Anblick.

Sie schien ihm keineswegs die unvergleichliche Schönheit, als die sein Bruder sie dargestellt hatte. Mehr ein Hauch von einer Frau als die Verführerin, die Gavin in ihr sah.

Barrett ging weiter, außerstande, seinen Blick abzuwenden. Er versuchte herauszufinden, was an ihr anders war, ohne sie anzustarren. „Sie müssen Miss Annabelle Carson sein.“

Sie nickte, neigte den Kopf in seine Richtung.

„Annabelle“, rief ihr Vater von unten hinauf. „Geh auf dein Zimmer.“ Seine Stimme war so laut geworden, dass Barrett sich zu ihm umdrehte.

„Ich dachte, ihr wärt den ganzen Abend nicht da“, verteidigte sie sich lebhaft.

Carson kam so schnell die Stufen heraufgeeilt, wie Barrett es ihm nie zugetraut hätte. Er trat zur Seite.

„Du sollst unseren Gast nicht stören.“ Das Gesicht des Hausherrn war rot angelaufen. Barrett vermutete jedoch, dass es nicht von der Anstrengung des Treppensteigens herrührte.

„Kein Problem“, versuchte er Carson zu beruhigen.

„Sie weiß, dass sie sich nicht hier aufhalten soll.“ Carson machte eine fortscheuchende Handbewegung. „Ich habe ihr schon so oft gesagt, dass sie geschäftliche Verhandlungen nicht stören darf.“

Annie Carsons Lächeln verblasste. „Ja, Vater. Ich wollte nur nachsehen, wo Myrtle bleibt. Sie tut alles, damit ich mich wohlfühle, aber von dem vielen Treppensteigen schmerzen ihr die Füße.“

„Du sollst dich nicht um die Dienstboten kümmern, sondern sie sich um dich. Das ist ihre Aufgabe. Ich will nicht, dass Mr. Barrett einen falschen Eindruck von dir bekommt.“

Carsons Tochter senkte den Blick, doch Barrett hätte nicht sagen können, ob aus Gehorsam oder um den Ausdruck in ihren Augen zu verbergen. Sie hatte ein entschlossenes Kinn.

„Geh auf dein Zimmer“, befahl Carson kurz angebunden.

„Warten Sie.“ Barrett hob Einhalt gebietend die Hand. „Sie ist hier zu Hause, und ich möchte sie nicht vertreiben. Soweit ich sehe, ist ihre Anwesenheit nur der Sorge um eine Bedienstete geschuldet.“

„Annie macht es nichts aus, auf ihrem Zimmer zu bleiben“, erwiderte Carson stur. „Sie ist daran gewöhnt. Zieht es meistens sogar vor.“ Der letzte Satz klang wie ein Vorwurf.

„Ich bin sicher, sie möchte nicht stören. Und ich würde sagen, es gelingt ihr gut.“ Das konnte er bestätigen. In den drei Tagen, die er im Haus war, hatte er sie kein einziges Mal gesehen. Anscheinend suchte sie die Wohnräume der Familie nur dann auf, wenn niemand sonst sich dort aufhielt.

„Sie können sich nicht vorstellen, wie es ist, eine Tochter zu haben.“ Carson sah ihn an. „Annie ist unser Sonnenschein. Sie hat versucht, ihre älteren Schwestern davon abzubringen, uns Kummer zu bereiten. Sie ist die Jüngste, und mehr als alles andere wünsche ich, sie vor so gewöhnlichen Dingen wie Geschäften und allem Unbill des Lebens zu schützen.“

„Meine Schwestern … Ich habe zwei …“ Annie sah hoch. „Vater hat Angst, dass ich in ihre Fußstapfen trete. Sie sind vor Kurzem … fortgezogen.“

„Laura hat geheiratet, und Honour ist zu Besuch bei Verwandten, weil sie sich zu Hause nicht wohlfühlte. Annie ist alles, was uns geblieben ist, und wir wollen nicht, dass jemand auf dumme Gedanken kommt.“ Er setzte eine verschwörerische Miene auf. „Sie ist praktisch verlobt, aber was diese Auskunft angeht, muss ich Sie um äußerste Diskretion bitten.“

„Selbstverständlich.“ Barrett nickte.

Es entging ihm nicht, dass Annie nach Luft schnappte und ihren Vater ungläubig anstarrte. Carson warf ihr einen entschuldigenden Blick zu.

Barrett räusperte sich. „Es gibt gewiss nicht viele Männer, die gut genug sind für eine Frau, die sich Sorgen um die Füße einer Dienerin macht.“

Annie wirbelte zu ihm herum. Ein Ausdruck von Anerkennung huschte über ihr Gesicht.

Carson nickte. „In der Tat ist es schwierig, jemand Passenden zu finden. Ich hielt den Mann, den ihre Schwester Laura geheiratet hat, für einigermaßen geeignet …“, er schüttelte so heftig den Kopf, dass sein Kinn in schlackernde Bewegung geriet, „… doch er enttäuschte mich gründlich.“

„Vielleicht könnten Miss Annie und Ihre Gattin uns bei einer Tasse Tee Gesellschaft leisten.“

Ein Ausdruck von Misstrauen huschte über Carsons Gesicht. „Die Frauen wären an den Themen, mit denen wir Männer uns befassen, nicht interessiert.“ Er verschränkte abwehrend die Hände hinter seinem Rücken.

Annie lächelte, doch das Lächeln erreichte ihre Augen nicht. „Ich bin’s jedenfalls nicht.“ Sie drehte sich um, ging, den Kopf stolz erhoben wie eine Herzogin, den Korridor entlang und verschwand um eine Ecke. In Richtung der Dienertreppe, mutmaßte Barrett.

„Ich erinnere mich nicht, Ihre anderen beiden Töchter jemals in London gesehen zu haben“, wandte er sich an Carson.

„Nein.“ Carson schüttelte den Kopf. „Sie entschieden sich, uns zu verlassen. Ich nehme an, irgendwann werden sie zurückkommen, enttäuscht, aber gereifter.“ Er sah Annie hinterher. „Söhne wären so viel einfacher zu erziehen gewesen …“

Er wandte sich zum Gehen, machte bei der Salontür kehrt und kam zurück, als hätte er nie über seine Töchter gesprochen, schnitt er sein Lieblingsthema an: „Ach ja, ich wollte Ihnen ein paar Zeichnungen von Heißluftballons zeigen. Ich habe sie schicken lassen, und sie trafen ein, während wir unterwegs waren.“

„Sicher.“ Barrett brauchte keine Zeichnungen von Ballons. Ein Grundriss des Hauses wäre ihm lieber gewesen. Doch im Grunde musste er sich lediglich vergegenwärtigen, wie es von außen aussah, außerdem die Räume, die er bereits gesehen hatte, und den Weg zu der Dienerstiege, den Annie eingeschlagen hatte. Letzterer hatte seine einzige noch ungelöste Frage beantwortet.

„Liebes.“ Ihre Mutter blieb an der Verbindungstür zu ihrem Schlafzimmer stehen, senkte den Kopf und schirmte die Augen mit der Hand ab. „Wenn du bitte die Vorhänge schließen würdest. Ich glaube, ich bekomme einen Migräneanfall. Ich kann die Schmerzwellen vor meiner Stirn praktisch sehen.“

Annie drehte sich um. Ihr Blick fiel auf die grünen Perlen, die auf den Slippern ihrer Mutter schimmerten.

„Selbstverständlich.“ Sie zog die Vorhänge zu.

„Würdest du mir etwas vorlesen, bis der Arzt eintrifft?“, fragte ihre Mutter mit schwacher Stimme.

Sie streckte den Arm aus, und Annie führte sie in ihr dämmriges Boudoir, half ihr, Platz zu nehmen. Dann griff sie nach dem Fußschemel. Ihre Mutter hob die Beine, wartete, dass Annie das kleine Möbelstück unter ihre Füße rückte, schloss die Augen und setzte sich bequem zurecht.

„Ich könnte dir etwas aus der Apotheke holen“, bot Annie ihr an. „Ich würde Myrtle als Anstandsdame mitnehmen.“

„Unsinn, Liebes.“ Ihre Mutter wedelte abwehrend mit der Hand, die Augen immer noch geschlossen. „Die Haushälterin kann jemand anderen schicken. Du hast eine schwache Konstitution, und ich will nicht, dass du dir in der verpesteten Luft den Tod holst. Gib mir doch bitte einen von den Zimtkeksen.“ Sie streckte die Hand aus. „Der Doktor hat sie nach seinen Anweisungen herstellen lassen. Langsam wird mir klar, warum er der Leibarzt so vieler Familien des ton ist. Er ist ungeheuer kenntnisreich und einfühlsam.“

Annie ging das Tablett mit dem Gebäck holen. Der Duft der Süßigkeiten stieg ihr in die Nase, als sie es auf dem Tisch neben dem Sessel ihrer Mutter abstellte. Ihre Mutter griff zu, lehnte sich zurück und knabberte an dem Keks.

Annie betrachtete die dunklen Samtportieren vor den Fenstern. An manchen Tagen war es ihr egal, dass die Luft in London ungesund war und dass Menschen ansteckende Krankheiten hatten und überall Ungeziefer herumkrabbelte. An manchen Tagen wäre sie am liebsten einkaufen gefahren ohne all die Begleiter, die sie zu ihrem Schutz mitnehmen musste, weil ihre Eltern es so wollten.

Ihre Mutter schlug die Augen auf und blickte zur Tür. Ihre Miene hellte sich auf. „Der Arzt kann dir bestätigen, dass du vorsichtig sein musst und besser im Haus bleibst.“

Annie schaute ebenfalls zur Tür.

„Ihre Mutter hat recht.“ Der Doktor stand im Türrahmen, mustergültig gekleidet, überhaupt auf das Mustergültigste mustergültig und mustergültig enervierend obendrein.

In diesem Moment wusste sie, dass sie den Mann nicht mochte. Wenn auch er sich dafür aussprach, sie einzusperren, war er ihr unsympathisch. Das Haus war größer als eine Gruft, aber man konnte ihm genauso wenig entrinnen. Nein, das stimmte nicht. Die Toten in einer Gruft hatten mehr Freiheit.

Er trat in den Raum, stellte seine Tasche auf den Fußboden, unmittelbar neben den Sockel mit der Büste König Georges.

„Ach, du lieber …“ Mit geweiteten Augen starrte der Arzt sie an. Er griff in seine Rocktasche und fischte ein Monokel heraus.

Annie wich einen Schritt zurück und atmete tief ein. Ihre Mutter seufzte, als ginge es um Leben und Tod.

Der Arzt gab keine Erklärung. Er wandte sich zu ihrer Mutter. „Wie lange geht das schon so mit Ihrer Tochter?“

Ihre Mutter schnappte nach Luft. „Was meinen Sie?“

Mit einem weit ausgreifenden Schritt war er bei Annie. Er klemmte sich das Einglas vors Auge und betrachtete sie. Der Geruch von getrockneten Kräutern stieg Annie in die Nase. Der Mann roch wie ein medizinischer Heilumschlag. „Ihre Haut. Sie ist zu dünn.“

Annie wagte nicht zu atmen. In ihrer Magengrube bildete sich ein Knoten. Sie würde genauso hinfällig werden wie ihre Mutter. Für den Rest ihres Lebens in der Falle sitzen. Sie hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, und presste sich die Hand aufs Herz.

Der Blick des Arztes schoss nach links und nach rechts „Natürlich kann ich nicht ganz bis auf die Knochen sehen, aber ich könnte wetten, dass sie so krümelig sind wie Sägemehl.“

Er nahm das Monokel ab und senkte den Blick. „Ich fände es schrecklich, eine so junge Person für immer … nun, sie so früh zu verlieren.“

Annie zuckte zusammen. Sie konnte ihm nicht länger zuhören. Und wenn sie ohnehin sterben musste, dann lieber außerhalb des Hauses.

„Ich kann Ihr Leben retten. Sollte es nötig sein.“ Der Arzt hob den Blick, erkannte offenbar, dass sie erschrocken war. „Haben Sie keine Angst, Miss Annabelle. Ich kann Sie heilen.“ Er machte eine beruhigende Handbewegung. „Es gibt eine sehr zuverlässige Kur.“

„Was ist nicht in Ordnung mit ihr?“, fragte ihre Mutter angespannt.

„Sie hat Epidemeosis.“ Er klopfte sich gegen die Brust. „Der Begriff stammt von mir, da ich es war, der die Krankheit entdeckt hat. Sie ist noch kaum bekannt – bis jetzt jedenfalls.“

„Was bedeutet das?“

„Nun … eigentlich nichts.“ Er blinzelte seine Worte fort. „Das Heilverfahren ist so einfach, dass es … nun ja, einfach ist. In Ermangelung eines besseren Begriffs.“

„Und die Krankheit?“

„Es handelt sich um einen Mangel an Gallensaft. Eine ernste Gallenverstopfung.“

„Die Körpersäfte schon wieder“, wisperte ihre Mutter erschrocken. „Diese teuflischen Körpersäfte. Nie sind sie so, wie sie sein sollten.“

Der Arzt nickte ernst. „Ja. Aber sie ist noch jung. Sie wird sich rasch erholen. Ich will nur nicht, dass die Krankheit ihre Milz angreift. Wenn sie so weit fortschreitet, dass sie die Milz schädigt …“ Er schüttelte den Kopf und stieß den Atem aus. Plötzlich schien die Luft im Raum geschwängert mit seiner Besorgnis.

„Ich werde genesen?“ Annie klammerte sich an die Stuhllehne, um sich aufrecht zu halten.

„Selbstverständlich.“ Der Arzt drehte sich zu ihr um, doch sein Blick flog zur Decke, als habe er das Wort schon zu oft gehört, um es noch glauben zu können.

Ihr Spürsinn sagte ihr, dass etwas nicht stimmte, aber sie war sich nicht sicher, ob er in Bezug auf ihre Genesung oder etwas anderes log.

Dann gab er sich als Schulmeister. „Wie es scheint, kann die Nachtluft kurz vor der Dämmerung Kraft aufbauen. Wenn man einen Menschen einer geringen Dosis Gift aussetzt, entwickelt er Widerstandskraft. Edward Jenner entdeckte diesen Sachverhalt im Zusammenhang mit den Kuhpocken, die uns gegen die echten Pocken immun machen.“ Er blies auf das Einglas, um einen winzigen Fussel zu entfernen. „Aber wir dürfen nicht übereifrig werden. Geben Sie mir ein bisschen Zeit, damit ich herausfinden kann, in welchem Raum die Luft am ehesten die richtige Zusammensetzung hat.“

Annie musterte ihn skeptisch. „Sind Sie sicher, dass das helfen wird?“

Er nickte. „Es ist ganz einfach. Zwischen vier und fünf Uhr am Morgen setzen Sie sich allein in den Raum, bleiben wach und atmen. Es ist die Zeit, in der die Luft am besten ist. Sie dürfen lesen oder nähen oder tun, was immer Sie gerne tun möchten.“

Der Arzt tippte sich mit dem Monokel gegen das Bein und heftete den Blick auf ihre Mutter. „Ich würde empfehlen, dass Sie alle Familienmitglieder und die Diener anweisen, Ihre Tochter während dieser Zeit auf keinen Fall zu stören. Wie es scheint, bringen die Menschen, mit denen sie am meisten zu tun hat, die Säfte in Unordnung. Ich …“ Er steckte das Monokel ein. „Ich könnte mich stundenlang in ihrer Nähe aufhalte und es würde ihr nichts schaden. Aber diejenigen, die ihr nahestehen, haben eine ungute Verbindung zu ihr, eine Art Miasma … von ihnen muss sie sich eine Zeit lang fernhalten.“

„Sind Sie sicher, dass die Kur sie wieder gesund macht?“

„Oh ja. Ich habe mich ausgiebig damit beschäftigt, sogar einen wissenschaftlichen Artikel darüber verfasst.“

„Nun, dann lassen Sie mich wissen, welches Zimmer es sein soll. Sobald ich Bescheid weiß, werde ich der Dienerin auftragen, meine Tochter pünktlich zu wecken für ihre Heilbehandlung.“

„Ich möchte das nicht machen“, schaltete Annie sich stirnrunzelnd ein. Sie traute dem Mann nicht über den Weg.

Der Arzt sah sie an, als hätte ihre Milz persönlich zu ihm gesprochen.

„Miss Annabelle. Sie müssen. Sie haben keine Wahl. Und für mich geht es um meinen Ruf.“

„Bis jetzt waren Sie nicht in der Lage, Mutters Kopfschmerzen zu heilen.“

Ihre Mutter beugte sich zu ihr vor und gab ihr einen Klaps auf den Arm. „Aber sie haben sich gebessert. Und das Lavendelöl, das Myrtle mir in die Füße massiert … es lindert die Schmerzen wie nichts sonst.“

In überheblichster „Das habe ich Ihnen doch gesagt“-Manier hob der Arzt eine Braue.

„Meinetwegen.“ Annie richtete sich gerade auf. „Aber nur, wenn du mir versprichst, dass ich nächste Woche ausgehen darf.“

Ihre Mutter verengte die Augen. „Wo willst du hin?“

„Ich weiß noch nicht. Aber nicht zu einer Soiree oder einer Gesellschaft. Ich möchte einmal das Gefühl haben, nicht die ganze Zeit verhätschelt zu werden.“

„Dein Vater wird es verbieten.“ Ihre Mutter senkte die Lider, fasste sich mit Daumen- und Zeigefingerkuppe an den Nasenrücken. „Meine Schmerzen sind gerade um das Zehnfache stärker geworden.“

„Das werden wir sofort wieder in Ordnung bringen.“ Der Doktor trat zu ihr, warf Annie einen Blick zu. „Ich werde Ihnen mitteilen, welches Zimmer das geeignetste für Sie ist, und erwarte, dass Sie sich morgens von vier bis fünf dort aufhalten.“

Ihre Mutter öffnete ein Auge. „Halte dich an die Anweisungen des Arztes, Annie.“

Sie verließ den Raum. Sie würde tun, was dieser Pesthauch von einem Arzt sagte, aber wenn es ihr zu öde wurde, würde sie in den Garten gehen, Dunkelheit hin oder her. Sie hatte es satt, eine Marionette zu sein.

3. KAPITEL

Annie band ihren Morgenrock zu, nahm Myrtle die Lampe ab und bedeutete ihr, dass sie gehen konnte. Sie strich sich ein paar verirrte Locken aus der Stirn, drehte ihr Haar zusammen und steckte den dicken Strang am Hinterkopf hoch – nicht ohne die juwelenbesetzte Haarnadel darin zu befestigen, die ihre Großmutter ihr geschenkt hatte.

Der Arzt hatte ihrer Mutter gesagt, sie solle sie frühmorgens in das Porträtzimmer schicken. Annie mochte den Raum nicht, in dem jedes weibliche Mitglied ihrer Familie in einem Gemälde verewigt war, das so oft in Auftrag gegeben wurde, bis es der betreffenden Frau gefiel. Anschließend fertigte der Künstler eine Miniatur an, oder auch zwei oder zehn.

Ihren Malkasten und das Skizzenbuch unter dem Arm, betrat Annie den Raum. Sie ging an den beiden Regalen mit den Miniaturen von ihr und ihren Schwestern vorbei, auf deren Anfertigung ihre Mutter bestanden hatte. Eine leichte Brise blähte die geschlossenen Vorhänge, denn der Doktor hatte angeordnet, dass das Fenster einen Fingerbreit geöffnet war. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Augen auf den nachgedunkelten Gemälden schienen ihr zu folgen. Ihre Vorfahrinnen. Wahrscheinlich waren sie alle in diesem Haus gestorben.

Annie stellte die Lampe auf den Tisch zwischen den Sesseln, die mit dem Rücken zum Fenster standen. Es waren die einzigen Sessel im Raum, beide niedrig und mit Klauenfüßen. Die Sessel waren Erbstücke und sahen vermutlich noch genauso aus wie an dem Tag, da sie die Tischlerei verlassen hatten, weil niemand, der zurechnungsfähig war, freiwillig auf einem derart unbequemen Möbel Platz nahm.

Das Porträtzimmer war der Raum, in dem ihre Mutter die Einrichtungsgegenstände unterbrachte, die sie nie ausgesucht hätte, aber behalten musste, weil sie sich schon seit ewigen Zeiten im Besitz der Familie befanden.

Und nun saß Annie inmitten der ausrangierten Stücke und fragte sich, wie es ihr gelingen konnte, aus dem Haus zu kommen.

Sie erhob sich, rührte ihre Wasserfarben an und trat vor das Porträt ihrer Urgroßtante. Mit dem in die Farbe getauchten Pinsel setzte sie sehr vorsichtig einen Schönheitsfleck in den Mundwinkel. Auf der Ölfarbe fiel er kaum auf. Sie seufzte. Nicht einmal die echten Farben eines Künstlers durfte sie benutzen.

Sie legte den Pinsel beiseite, verschränkte die Arme vor der Brust und begann vor den eingerahmten Augen auf und ab zu laufen.

Wenn sie sich auf die Suche nach ihrer Schwester machte, würden ihre Eltern am Boden zerstört sein. Sie war die brave Tochter. Diejenige der Carson-Schwestern, die nicht ungestüm und aufsässig war. Und nun hatte sie auch noch die schwache Konstitution ihrer Mutter geerbt und musste sich in aller Herrgottsfrühe in einem Raum mit ausrangierten Möbeln aufhalten. In einer jähen Bewegung breitete sie die Arme aus, ballte die Hände zu Fäusten und stöhnte missmutig. Verpasste der Welt, die sie eingesperrt hatte, einen Faustschlag. Und noch einen.

„Klemmen Sie den Daumen nicht unter die Finger, versuchen Sie den Ellbogen nicht so hochzunehmen, dass er vom Körper absteht, und ziehen Sie den Boxhieb gerade durch. Auf die Art geht es besser.“ Sie erkannte die tiefe männliche Stimme, sobald sie an ihr Ohr drang.

Wie von einer Tarantel gestochen, wirbelte sie herum und sofort wieder zurück.

Er stand im Türdurchgang. Wobei es eher so war, dass er dem Türdurchgang zu gestatten schien, ihn zu umrahmen. Eine dunkle Gestalt mit einer noch dunkleren Einfassung. Der Mann, den sie im Treppenhaus gesehen hatte.

Er kam einen Schritt auf sie zu, und sie musste Luft holen, damit sie es schaffte, stehen zu bleiben.

Er war gekleidet, als begäbe er sich auf eine Abendveranstaltung. Allerdings sah er nicht so aus, als sei er geselliger Stimmung. Die Lippen hatte er zusammengepresst, und die unfrisierten Haare hingen ihm auf die Schultern herab. Er hätte eine Rasur vertragen können – dringend.

Seinen Augen nach zu urteilen schien er noch nicht lange wach zu sein, doch in seiner Miene stand nicht der weiche Ausdruck von jemandem, der kürzlich aus einem sanften Schlummer zu sich gekommen war. Vielmehr machte er den Eindruck eines wachen Raubtiers, das jederzeit einen Prankenhieb auszuteilen bereit war gegen das lästige Etwas, das ihn zu stören wagte.

Sie wich zurück.

In einer beherrschten Bewegung ließ er den Arm vorwärtsschnellen, doch zu ihrem Erstaunen fühlte sie sich nicht bedroht.

Er machte eine Faust, den Ellbogen an den Oberkörper gepresst, und stieß die Hand im schrägen Winkel an ihr vorbei nach vorn. „So. Nicht eindrehen. Sonst hat der Gegner es leichter, den Hieb zu blockieren.“

Ihr Blick glitt an seinem Arm entlang und heftete sich auf seine Faust. Vier gekrümmte Finger, über denen der Daumen lag. Ein narbiger Daumen, der wahrscheinlich gereicht hätte, um sie niederzustrecken.

„Ja.“ Sie nickte. Ihr Blick glitt zu seinem Ellbogen, hinauf zu seiner Schulter, über das Kinn zu seinen Augen, schoss zurück zu seinem Kinn. Sie wusste nicht, wozu sie Ja gesagt hatte, doch es war ihr das Beste erschienen, was sie tun konnte.

Sie fasste sich ein Herz und sah ihm abermals in die Augen. Es war, als träfe ihr Blick auf eine feste Mauer.

„Wenn ich versuchen wollte, Ihnen einen Schlag zu versetzen, würde es keine Rolle spielen, ob ich meinen Daumen unter die Finger klemme oder nicht.“

„Wahrscheinlich nicht.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber ich bin von kräftigerer Statur als die meisten Menschen.“

Sie nickte. „Besonders im Halbdunkel. Dann wirken Sie ziemlich … einschüchternd.“

„Ich hoffe doch. Es ist hilfreich.“ Kein Lächeln, das die Worte abmilderte. Er meinte, was er sagte.

Unvermittelt trat er zum Tisch, hob die Lampe und hielt sie in die Höhe. Das flackernde Licht blendete sie. Sie machte einen Schritt rückwärts und krallte ihre Finger in den Stoff der Vorhänge.

„Ich hielt es nicht für möglich“, sagte er leise. „Ich glaubte, meine Augen hätten mich getrogen und meine Erinnerung auch.“

Kein Zweifel, er begutachtete sie.

Mit gespreizten Fingern berührte sie ihre Wange. „Ich bin krank.“

Er wirkte erheitert, als er die Lampe auf den Tisch zurückstellte. Seine Mundwinkel bogen sich nach oben, das Lächeln erreichte seine Augen, und er lachte leise in sich hinein. Im nächsten Moment sah er beiseite, schien sich weder ihrer Gegenwart noch seiner eigenen Worte bewusst. „Dann wüsste ich gerne, wie Sie erst aussehen, wenn Sie wieder gesund sind.“

„Sir.“ Sie räusperte sich, weil sie das Gefühl hatte, keinen Ton herausbringen zu können. „Ich glaube, es schickt sich nicht, dass Sie so etwas sagen.“

„Von allem, was ich hätte sagen können, war es das Schicklichste“, erwiderte er halb zu sich selbst. „Aber ich bitte Sie um Entschuldigung.“ Er machte eine Pause. „In aller Form.“ Worte, die perfekt gewählt waren. Und vollkommen emotionslos geäußert.

Auf einmal stand er so dicht vor ihr, dass sie das Flackern des Lampenlichts in seinen Pupillen sah. Seine Gesichtszüge waren härter, als man von Weitem erkennen konnte. Sie fragte sich, was ihren Vater bewogen haben mochte, ihn in sein Haus einzuladen.

Aber anscheinend hatte er Verständnis für Menschen, die gezwungen waren, sich mit den Fäusten zu verteidigen.

Und wenn sie ohne Anstandsdame das Haus verließ, würde sie sich vielleicht verteidigen müssen.

Derzeit war alles, wovor sie sich schützen musste, ihre Sticknadel oder die Gefahr, aus dem Sessel zu rutschen, wenn sie bei ihrer Handarbeit einnickte. Doch das mochte sich ändern. Am Dienstagmorgen schon. Sie war bereit, das Risiko mit der Welt dort draußen einzugehen. „Würden Sie mir zeigen, wie man einen wirkungsvollen Schlag ausführt?“

Die Muskeln in seinem Kinn spannten sich an. „Schlagen Sie geradlinig zu. Behalten Sie den Ellbogen so dicht am Körper wie möglich. Holen Sie nicht seitlich aus. Es ist eher eine Hebelbewegung. Nicht wie eine Windmühle. Eine Windmühle …“, er zeigte es ihr, streckte den Ellbogen von der Schulter weg und stieß die Faust vorwärts, „… ist zu leicht abzuwehren.“

„Ich werde nie die Chance haben, jemandem einen Fausthieb zu verpassen.“ Hilflos ließ Annie die Arme sinken. „Ich bin immer von Aufpassern umgeben“, sprach sie ihre Gedanken laut aus. „Man könnte denken, ich wäre aus Gold, so wie meine Eltern mich bewachen.“

Flüchtig tanzte eine aufrichtige Leichtigkeit in seinen Augen. „Vielleicht sind Sie das ja.“

Autor

Liz Tyner
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