Verführt von meinem Feind?

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Wade Mitchell ist an harte Verhandlungen gewöhnt. Mit Victoria gestalten sie sich jedoch besonders schwierig. Denn die sexy Schönheit hat nicht vergessen, dass er sie damals skrupellos gefeuert hat. Wenn ihn Argumente nicht weiterbringen - ist Verführung dann eine Option?


  • Erscheinungstag 06.07.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733734398
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Wade hasste Schnee. Das hatte er schon immer getan. Man sollte meinen, dass jemandem, der in New England geboren und aufgewachsen war, Schnee nichts ausmachte, doch das Gegenteil war der Fall. Genau aus diesem Grund hatte er für die Woche vor Weihnachten einen Trip nach Jamaika gebucht.

Eigentlich wollte er wie immer zu den Weihnachtsfeiertagen zurück sein, um sie mit den Edens zu verbringen, aber der hysterische Anruf seiner Stiefschwester Julianne hatte alles über den Haufen geworfen. Zähneknirschend hatte er seine Assistentin gebeten, den Flug abzusagen. Wenn alles gut ging, würde er die Reise vielleicht nach Weihnachten nachholen.

Der BMW SUV schlängelte sich die zweispurige Straße entlang, die zum Garden of Eden, der Weihnachtsbaum-Farm seiner Stiefeltern, führte. Als er das Schild in Form eines großen roten Apfels sah, das den Eingang zum Anwesen schmückte, stieß er vor Erleichterung einen Seufzer aus. Obwohl die Umstände dieses Mal alles andere als ideal waren, fühlte es sich wie immer gut an, nach Hause zu kommen.

Die Farm war das einzige Zuhause, das er je gehabt hatte. Bei keiner anderen Pflegefamilie hatte es sich so angefühlt wie hier. Er hatte keine guten Erinnerungen an die Zeit, in der er bei seiner Großtante gewesen war, und auch nicht an seine frühe Kindheit bei seiner Mutter. Aber Garden of Eden war genau das, was der Name versprach: ein Paradies. Insbesondere für einen kleinen Jungen, aus dem genauso gut ein Kleinkrimineller hätte werden können anstelle des millionenschweren Bauunternehmers, der er heute war.

Die Edens hatten sein Leben von Grund auf umgekrempelt. Seins und das der anderen Kinder, die hier ein Zuhause gefunden hatten. Er verdankte diesem Paar alles. Sie waren seine Eltern, das stand außer Frage. Wade kannte seinen Vater nicht und hatte seine Mutter nur ein einziges Mal wiedergesehen, seit sie ihn als Kleinkind bei seiner Tante zurückgelassen hatte. Sein Zuhause war die Farm, und seine Familie waren die Edens.

Sie hatten nur ein einziges leibliches Kind bekommen, ihre Tochter Julianne. Eine Zeit lang drohte der Traum des Paars von einem Haus voller quirliger Kinder, die auf der Farm helfen und später das Geschäft übernehmen würden, wie eine Seifenblase zu zerplatzen. Aber dann renovierten sie kurz entschlossen eine alte Scheune, funktionierten diese zu einer für kleine Jungs perfekt geeigneten Schlafbaracke um und begannen, Pflegekinder aufzunehmen.

Wade war der Erste gewesen. Bei seiner Ankunft trug Julianne die Haare zu Rattenschwänzen gebunden und zog ihre Lieblingspuppe hinter sich her. Er hatte zu diesem Zeitpunkt schon bei mehreren Pflegefamilien gewohnt, aber hier hatte es sich einfach anders angefühlt. Er war keine Last, kein Vorwand, um einen Scheck vom Staat zu kassieren. Er war ihr Sohn. Deshalb hätte er sie liebend gern aus einem anderen Grund besucht. Seine Eltern zu enttäuschen, kam in seinen Augen einer großen Sünde gleich. Sogar noch größer als die, die er vor fünfzehn Jahren begangen hatte und aufgrund derer er sich nun in dieser verzwickten Lage befand.

Wade bog in die Einfahrt ein und nahm die kleine Straße, die hinter dem großen Haus im Federal-Style entlangführte, dorthin, wo die Autos der Familienmitglieder parkten. Es war der 21. Dezember, kurz vor Weihnachten. Seine Mutter Molly stand sicherlich im Geschenke-Shop, um den Kunden mit Keksen, Cider und Kakao die Zeit zu versüßen, in der sie darauf warteten, dass Ken oder einer der Angestellten ihren neuen Weihnachtsbaum herbeischleppte und verschnürte.

Wade verspürte plötzlich das vertraute Bedürfnis, Bäume zu fällen und sie auf die Wagen der Kunden zu hieven. Genau das war es nämlich, was er während seiner gesamten Teenager-Zeit getan hatte und danach in jeden Weihnachtsferien, die er aus Yale zurück nach Hause kam. Dieses Bedürfnis zu arbeiten war für ihn völlig natürlich. Aber immer der Reihe nach. Zuerst musste er sich um die Angelegenheit kümmern, die ihn hierhergebracht hatte.

Juliannes Anruf hatte ihn völlig unerwartet erreicht. Keines der Geschwister besuchte die Eltern so oft, wie sie es eigentlich hätten tun sollen. Alle waren erfolgreich und schwer beschäftigt, genau so, wie die Edens es für ihre Kinder gewollt hatten. Allerdings vergaßen sie darüber manchmal, sich Zeit für die Menschen zu nehmen, die ihnen wichtig waren.

Als Julianne zu Thanksgiving spontan zu einem Besuch auf der Farm aufgetaucht war, hatte sie eine böse Überraschung erlebt. Ihr Vater Ken erholte sich gerade von einem Herzanfall. Die Eltern hatten keines ihrer Kinder benachrichtigt, um ihnen unnötige Sorgen und lästige Krankenhausrechnungen zu ersparen.

Wade, Heath, Xander, Brody – jeder der Söhne hätte einen Scheck ausstellen können, aber Ken und Molly bestanden darauf, ihre Probleme allein zu bewältigen. Leider bestand ihre Lösung darin, einige Grundstücke zu verkaufen, die für den Anbau von Bäumen ungeeignet waren. Dass ihre Kinder darauf extrem verärgert reagiert hatten, war den beiden vollkommen unverständlich. Und natürlich konnten die Kinder ihren Eltern nicht die Wahrheit erzählen. Das Geheimnis musste um jeden Preis bewahrt werden, und Wade war hierhergekommen, um dies sicherzustellen.

Wenn alles gut lief, könnte er mit einem der Geländewagen zu dem Anwesen hinüberfahren, es von dem neuen Besitzer zurückkaufen und heimkehren, bevor Molly überhaupt Verdacht schöpfte. Er würde den Kauf vor seinen Eltern natürlich nicht geheim halten, aber er hoffte inständig, dass sie die Sache auf sich beruhen lassen würden.

Das Haus war leer, genau so, wie Wade es erwartet hatte. Er schrieb eine Notiz, legte sie auf den Küchentisch, schlüpfte in seine Stiefel und seinen dicken Mantel und ging hinaus zu den Geländewagen. Er hätte ebenso gut seinen SUV benutzen können, aber er wollte auf keinen Fall mit einem teuren Auto vorfahren und dann noch mit einem Bündel Geldscheine wedeln.

Heath und Brody waren ebenfalls auf der Farm gewesen. Bei ihren Nachforschungen hatten sie herausgefunden, dass die Person, die das kleinste der Grundstücke erworben hatte, bereits in einem kleinen Wohnwagen dort wohnte. Diese Tatsache stimmte ihn optimistisch. Der neue Besitzer würde das Geld sicher gut gebrauchen können.

Wade lenkte den Wagen den holprigen Weg entlang, der die Farm in zwei Hälften teilte. Nachdem sie fünfunddreißig Hektar verkauft hatten, blieben ihnen immer noch achtzig Hektar, von denen ein Großteil mit Balsamtannen und Frasers-Tannen bewachsen war. Das Erscheinungsbild des nordöstlichen Teils des Anwesens war hingegen von felsigen Hängen geprägt. Der Versuch, dort draußen Bäume anzupflanzen, war ein Reinfall gewesen, deshalb verstand er, dass Ken das Gebiet verkauft hatte. Er wünschte nur, es wäre nicht dazu gekommen.

Es war fast halb zwei, als er sich der Grenze des Eden-Anwesens näherte. Keine Wolke trübte den strahlend blauen Himmel. Er bremste ab und holte die neue Flurkarte hervor, die Brody besorgt hatte. Das von seinen Eltern verkaufte Land war in zwei große und ein kleines Grundstück unterteilt. Er verglich seine Flurkarte mit den GPS-Koordinaten seiner Position und schloss daraus, dass sich das kleine Grundstück, vier Hektar Bauland, genau hinter der nächsten Anhöhe befand. Genau dieses Stück interessierte ihn.

Wade rollte die Karte ein und blickte sich auf der Suche nach einem vertrauten Orientierungspunkt um. Er hatte damals absichtlich eine Stelle ausgesucht, an die er sich später erinnern würde. Ein schiefer Ahornbaum hatte dort gestanden und ein Felsen, dessen Form an eine riesige Schildkröte erinnerte. Er suchte weiter, aber es kam ihm vor, als ob alle Bäume schief und alle Felsen unter einer dicken Schneeschicht begraben waren. Er konnte unmöglich sicher sein, dass dieses Stück Land das Richtige war. Verdammt.

Er war überzeugt gewesen, die Stelle wiederzuerkennen, wenn er sie sah. Die Ereignisse jener Nacht, die fünfzehn Jahre zurücklag, hatten sich tief in sein Hirn eingebrannt. Jene Nacht war einer dieser Momente, in dem man eine Entscheidung trifft, die richtige oder die falsche, und danach für immer damit leben muss.

Trotz allem hatte Wade das Gefühl, dass es hier in der Nähe sein musste. Er konnte sich nicht erinnern, weiter gefahren zu sein als bis hierher. Zu groß war die Eile gewesen. Plötzlich fiel ihm ein Ahornbaum ins Auge, der noch schiefer war als die anderen. Das musste er sein. Er würde das Land zurückkaufen und darauf hoffen, dass er im Frühling den Schildkrötenfelsen fand.

Durch den Schnee hindurch lenkte er das Auto über die Anhöhe, dann hinunter zu der Lichtung auf etwas zu, das wie eine Art silbrig schimmernde Luftspiegelung aussah.

Er näherte sich noch weiter und erkannte, dass es sich um die Nachmittagssonne handelte, die sich auf der frisch polierten Aluminiumoberfläche eines alten Wohnwagens spiegelte. Direkt daneben parkte ein alter Ford Pickup, robust genug, um das sechs Meter lange Monstrum fortzubewegen.

Wade hielt an und stellte den Motor ab. Bis jetzt drangen keine Lebenszeichen aus dem Wohnwagen. Brody hatte etwas im Internet nachgeforscht und herausgefunden, dass der neue Besitzer V. A. Sullivan hieß. Cornwall war eine recht kleine Stadt, und er konnte sich nicht erinnern, während seiner Schulzeit etwas von einer Familie Sullivan gehört zu haben. Dieser Sullivan musste also neu in der Gegend sein.

Der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln, als er auf die rundliche Tür zuging. Beim Klopfen hielt er durch ein kleines Fenster hindurch nach irgendeiner Bewegung Ausschau. Nichts. Kein Geräusch aus dem Inneren zu hören.

Großartig. Dann hatte er sich den Weg also umsonst gemacht.

Wade wollte sich grade umdrehen, als er das verräterische Klicken einer entsicherten Waffe hörte. Sein Kopf wirbelte nach links, in Richtung des Geräuschs, und er fand sich mitten im Visier einer Flinte wieder. Die Frau stand ungefähr sechs Meter von ihm entfernt. Sie war genauso dick in einen Wintermantel eingepackt wie er, trug aber zusätzlich Wollmütze und Sonnenbrille, sodass ihre Gesichtszüge kaum zu erkennen waren.

Lange Strähnen knallroten Haares quollen unter ihrer Mütze hervor. Die ungewöhnliche Haarfarbe fiel ihm sofort ins Auge. Vor langer Zeit hatte er einmal eine Frau mit solchem Haar gekannt. Es war wunderschön gewesen, wie flüssige Flammen.

Reflexartig hob er die Hände. „Hallo.“ Er versuchte so freundlich und harmlos wie möglich zu klingen.

Die Frau zögerte und senkte ihre Flinte ein wenig. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Sind Sie Mrs Sullivan?“ Er konnte nur hoffen, dass Mr Sullivan sich nicht mit einer weiteren Flinte draußen im Wald herumtrieb.

„Miss Sullivan“, korrigierte sie ihn. „Und was geht Sie das an?“

Eine alleinstehende Frau. Umso besser. Wade besaß einen gewissen Charme, der ihm beim weiblichen Geschlecht oft Vorteile verschaffte. Er lächelte freundlich. „Ich bin Wade Mitchell. Ich wollte mit Ihnen über einen möglichen …“

„Der arrogante, starrköpfige Bauunternehmer Wade Mitchell?“

Wade runzelte die Stirn. Sie schien ihn nicht unbedingt zu mögen. Er wünschte, die Frau wäre nicht so vermummt, sodass er hätte erkennen können, wer sie war. „Ja, der bin ich, obwohl ich nicht unbedingt eine so negative Beschreibung benutzen würde. Ich wollte fragen, ob Sie daran interessiert wären …“

Sie richtete die Flinte wieder auf ihn, sodass ihm der Rest des Satzes im Hals stecken blieb. „Ich hatte schon so eine Ahnung, dass Sie es sind, aber dann dachte ich, warum sollte ausgerechnet Wade Mitchell nach Cornwall kommen und nach all der Zeit mein Leben wieder zur Hölle machen?“

„Ich habe nicht die Absicht, Ihnen das Leben zur Hölle zu machen, Miss Sullivan.“

„Runter von meinem Land.“

„Es tut mir leid, aber habe ich Ihnen irgendetwas getan?“ Er überlegte krampfhaft. War er mal mit einer Sullivan ausgegangen? Hatte er ihren Bruder verprügelt?

Die Frau stapfte durch den Schnee auf ihn zu, die Flinte immer noch direkt auf ihn gerichtet. Sie nahm die Sonnenbrille ab, um ihn genauer zu betrachten, sodass ein hübsches, herzförmiges Gesicht und helle Augen zum Vorschein kamen. Ihre Haut war cremeweiß, ein perfekter Kontrast zu den knallroten Haarsträhnen. Ihr Blick wirkte herausfordernd, so als ob sie Zweifel hegte, dass er sie wiedererkannte.

Zum Glück verfügte Wade über ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Gut genug, um zu wissen, dass er ein Problem hatte. Diesen finster blickenden feurigen Rotschopf konnte man nicht so leicht vergessen. Er hatte es weiß Gott versucht über die Jahre, aber von Zeit zu Zeit schlich sie sich in seine Träume und verfolgte ihn mit ihrem durchdringenden Blick aus ihren eisblauen Augen.

Der Grundstücksbesitzer V. A. Sullivan war also niemand anderes als Victoria Sullivan: Öko-Architektin, militante Umweltschützerin und die Angestellte, die er vor sieben Jahren aus seiner Firma gefeuert hatte. Das war ein Schlag in die Magengrube. Ausgerechnet Victoria Sullivan. Die erste Person, die er jemals aus seiner Firma entlassen hatte. Es hatte ihm leid getan, aber er hatte keine andere Wahl gehabt. Was Verletzungen der Firmenethik betraf, waren seine Prinzipien unumstößlich. Sie war damals alles andere als erfreut gewesen – verständlicherweise. Und dem festen Griff nach zu urteilen, mit dem sie die Flinte nach wie vor umklammerte, war sie immer noch wütend.

„Victoria!“ Er versuchte, angenehm überrascht zu klingen. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass Sie jetzt hier draußen wohnen.“

„Miss Sullivan.“

Wade nickte. „Natürlich. Könnten Sie die Flinte herunternehmen? Ich bin unbewaffnet.“

„Das soll ich Ihnen glauben?“ Ihre Worte klangen so kalt, wie sich der Schnee anfühlte, doch schließlich nahm sie die Flinte herunter und ließ sie locker an einer Hand herabhängen.

Sie stürmte an ihm vorbei in Richtung Wohnwagen, stieg die Treppe hinauf und riss die Tür auf. „Was wollen Sie, Mr Mitchell?“

Als sie so auf ihn herabblickte, wurde Wade klar, dass er seine Taktik ändern musste, und zwar sofort. Ursprünglich hatte er vorgehabt, dem neuen Besitzer zu erzählen, er wolle das Land für eines seiner Bauvorhaben. Aber wenn er ihr das auftischte, würde sie sofort ablehnen, nur um seine Pläne zu durchkreuzen. Er musste auf andere Art und Weise einen Zugang zu ihr bekommen.

„Miss Sullivan, ich würde dieses Stück Land gern von Ihnen zurückkaufen.“

Tori stand auf der Treppe, und die Wut stieg langsam, aber übermächtig in ihr hoch. Dieser Mann hatte offenbar beschlossen, ihr alles wegzunehmen, was ihr lieb war. Er hatte ihren Ruf ruiniert und beinahe ihre gesamte Karriere dazu. Seit er damals so plötzlich ihr persönlicher Feind geworden war, fiel es ihr schwer, Männern zu vertrauen. Aus heiterem Himmel hatte er sie fürchterlicher Dinge beschuldigt und sie hinausgeworfen. Danach hatte sie zu allem Übel auch noch ihr erstes eigenes Appartement verloren.

Und jetzt, wo sie versuchte, sich dauerhaft niederzulassen, kam er daher in der Absicht, ihre Pläne für ihr Traumhaus zu sabotieren.

„Das Land ist unverkäuflich.“ Sie schlüpfte in den Wohnwagen und knallte die Tür hinter sich zu.

Gerade wollte sie ihren Mantel auf das Klappbett werfen, da hörte sie, wie die Tür hinter ihr geöffnet wurde. Tori wirbelte herum und sah diesen Mistkerl in ihrer winzigen Küche stehen. Beim Hereinkommen hatte er seinen Mantel und seinen Hut abgelegt. Er trug Stoffhosen und ein einfaches Button-Down-Hemd. Das Dunkelgrün des Hemds ließ seine grünen Augen noch dunkler und faszinierender wirken, als sie sie in Erinnerung gehabt hatte. Sein kurzes dunkelbraunes Haar war vom Tragen der Mütze zerzaust.

Ohne seine feinen Anzüge und das perfekt frisierte Haar sah er überhaupt nicht wie ein mächtiger Bauunternehmer aus, der von der Chefetage aus die Firma lenkt. Mit seiner großen, kräftigen Statur strahlte er jedoch nach wie vor etwas Dominantes aus. Er schien den gesamten Wohnwagen einzunehmen. Ihr war plötzlich merkwürdig heiß und der Raum erschien ihr unbehaglich klein.

Und dafür hasste sie ihn.

Ohne zu zögern, griff sie sich ihre Flinte erneut. In Wirklichkeit war diese nur mit recycelten Gummikugeln geladen. Sie trug sie stets bei sich auf dem Weg zum Kompostcontainer, um eventuell umherstreunende Wildtiere zu verscheuchen. Mit den Gummikugeln konnte man Tiere verjagen, ohne sie ernsthaft zu verletzen. Hoffentlich funktionierte das auch bei Wade Mitchell.

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, wieder hinauszugehen? Ich habe eine Menge Geld in die Renovierung dieses Wohnwagens gesteckt und würde ihn nur ungern ruinieren, indem ich hier drinnen auf Sie schieße.“

Wades Irritation dauerte nur einen Moment. Dann lächelte er sie auf eine Art und Weise an, die ihr Gesicht erröten und ihre Knie weich werden ließ. Sie kannte dieses Gefühl noch aus den Zeiten, in denen er ihr stets ein „Guten Morgen“ zugerufen hatte, wenn er morgens an ihrem Arbeitsplatz vorbeiging. Sie hatte gerade ihren College-Abschluss gemacht und war schwer beeindruckt gewesen von den zwei energischen jungen Männern und ihrem rasant aufsteigenden Unternehmen. Alex Stanton war ein frauenumschwärmter Sonnyboy, aber sie hatte sich sofort zu dem dunkleren, ernsteren Wade hingezogen gefühlt.

Wenn sie sich nicht vorsah, würde sie vielleicht wieder auf seine Masche hereinfallen.

„Miss Sullivan, können wir nicht darüber reden, ohne dass Sie permanent eine Schusswaffe auf mich richten?“

„Da gibt es nichts zu reden.“ Tori behielt die Flinte in einer Hand, während sie mit der anderen ihre Mütze und ihren Schal abnahm. Sie glühte vor Hitze, und das hatte nichts mit ihrem neuen Propan-Heizsystem zu tun. Schuld daran waren Wade und ihre zu lange ignorierte Libido. Es war ihr zuwider, dass der Mann, der sie verraten und gefeuert hatte, nach all den Jahren immer noch ihren Pulsschlag in die Höhe trieb.

Er legte seinen Mantel über die Sitzbank ihres Esstischs. „Aber es ist sehr wichtig, dass wir die Sache sofort besprechen.“

Oh ja, da bin ich mir sicher. Zweifelsohne hatte er das fünfzehn Hektar große Nachbargrundstück gekauft und wollte ihre vier Hektar dazu, um irgendein blödsinniges Bauvorhaben umzusetzen. Wer weiß, vielleicht warteten schon Dutzende von Baggern und Planierraupen hinter dem Hügel, um die Arbeit aufzunehmen. Doch das kam absolut nicht infrage. Sie hatte diesen Kauf jahrelang vorbereitet. Ursprünglich hatte ihre Ahnenforschung sie in diese Gegend verschlagen, aber von dem Moment an, in dem sie das erste Mal einen Fuß auf das Land gesetzt hatte, wusste sie, dass das hier ihr neues Zuhause sein würde.

Als sie herausgefunden hatte, dass die Edens Land zum Kauf anboten, hatte sie ihre einmalige Chance erkannt und genutzt. Das Grundstück war perfekt. Das Gelände war abschüssig, aber sie konnte darauf trotzdem ein mehrgeschossiges Haus auf Pfählen errichten, von dessen Wohnzimmer man einen großzügigen Blick auf das darunterliegende Tal hatte. Von einer achtzig Hektar großen Baum-Farm umgeben zu sein, gab ihr zudem die Garantie, sich nicht irgendwann in der Nachbarschaft eines Shoppingcenters wiederzufinden.

Sie hatte gerade einige freie Monate zwischen zwei Projekten, die sie dazu verwenden wollte, ihr Haus zu entwerfen und mit dem Bau zu beginnen. Es war die perfekte Gelegenheit, und das würde er ihr nicht kaputtmachen.

„Ich weiß, dass Sie für gewöhnlich alles bekommen, was Sie wollen, Mr Mitchell, aber ich fürchte, daraus wird dieses Mal nichts.“

Wie auf Befehl fing ihr elektrischer Teekessel an zu pfeifen. Sie hatte ihn angestellt, bevor sie zum Kompostcontainer gegangen war, und nun brachte der Kessel etwas unbeabsichtigte Gastfreundschaft ins Spiel. Als sie sich wieder zu Wade umdrehte, hatte dieser sich mit einem Ausdruck selbstzufriedener Erwartung am Esstisch niedergelassen.

Mit einem Seufzer stellte sie die Flinte beiseite.

„Darf ich fragen, wie viel Sie für das Land bezahlt haben?“

„Dürfen Sie nicht, aber ich bin mir sicher, es ist irgendwo öffentlich vermerkt. Sie können ja einen Ihrer Knechte darauf ansetzen.“ Sie nahm zwei Teetassen aus ihrem Bambus-Schränkchen über der Spüle, schüttete losen Tee in zwei Teefilter, legte diese in die Tassen und goss kochendes Wasser darüber.

„Ich schätze mal, es waren ungefähr 125.000. Das Land hier draußen ist noch nicht erschlossen.“

Tori sah krampfhaft an ihm vorbei. Natürlich konnte ein Immobilienprofi den Preis bis auf ein paar Tausend Dollar genau abschätzen.

„Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?“

„Darauf, dass ich Ihnen das Doppelte dafür bezahle.“

Als sie das hörte, ließ sie das Glas Bio-Honig, dass sie gerade in der Hand hielt, auf den Fußboden fallen. Zum Glück zerbrach es nicht. Sie bückte sich, um es aufzuheben, aber er war ihr zuvorgekommen und hielt ihr das Glas hin. Tori sah zu ihm auf, er war nur eine Handbreit von ihr entfernt. Plötzlich spürte sie ein altbekanntes, unliebsames Kribbeln tief in ihrem Bauch. Als sie das Glas aus seiner Hand nahm, berührten sich ihre Finger, und das Kribbeln wurde zu einem Schauer, der ihr durch Mark und Bein fuhr.

Sie schreckte hoch, bekam sich jedoch schnell wieder unter Kontrolle, nahm rasch die Teefilter aus den Tassen und gab etwas Honig dazu. Wortlos knallte sie die Teetasse vor ihn auf den Tisch und setzte sich ihm gegenüber.

„Das ist absurd.“ Sie sprach die Worte aus und wusste, dass sie damit beides meinte: ihre Reaktion auf ihn und sein Angebot.

„Vielleicht ist es das, aber ich meine es ernst.“

„Sie verheimlichen doch irgendwas. Ihr ganzes Geschäft basiert darauf, sich Gebäude preiswert unter den Nagel zu reißen und sie dann für ein Vermögen wieder zu verkaufen. Auf keinen Fall würden Sie einen Penny mehr bezahlen als nötig, um Profit aus dem zu schlagen, was auch immer Sie mit diesem Land vorhaben.“

Wade sah ihr in die Augen. Eine braune Locke war ihm ins Gesicht gefallen, was ihm einen derart jungenhaften Charme verlieh, dass ihre Entschlossenheit ein wenig zu wanken begann. „Ich will hier draußen überhaupt nichts bauen. Es geht dabei nicht um Geld.“

Tori stand der Hohn ins Gesicht geschrieben. „Man wird nicht vor seinem dreißigsten Geburtstag zum Millionär, es sei denn, man hat reiche Eltern oder ist besessen von Geld.“

Wade trank einen Schluck Tee. „Es geht um meine Familie. Die ist mir wichtiger als alles Geld der Welt. Dieses Stück Land gehörte meinen Eltern. Sie haben es verkauft, ohne mir oder meinen Geschwistern davon zu erzählen. Hätten wir von dem Verkauf gewusst, hätten wir das niemals zugelassen. Wir sind hier aufgewachsen. Wir haben unsere Kindheit hier verbracht. Hätten wir von ihren finanziellen Schwierigkeiten gewusst, hätten wir verhindert, dass sie diesen Schritt unternehmen.“

Tori fühlte, wie seine Geschichte sie gegen ihren Willen berührte. Der Ausdruck auf seinem attraktiven Gesicht spiegelte ehrliche Besorgnis wider. Seine Worte klangen überzeugend. Aber immerhin handelte es sich hierbei um denselben Mann, der ihr Potenzial und ihre Arbeitsmoral über den grünen Klee gelobt hatte, nur um sie am nächsten Tag aus der Firma zu werfen.

Ryan schien auch so ehrlich zu sein, dabei war fast alles gelogen, was er in den letzten zwei Jahren von sich gegeben hatte …

Sie war dazu erzogen worden, an das Gute im Menschen zu glauben. Sie kam aus einer Hippiefamilie, in der Gemeinschaftssinn und Offenheit im Mittelpunkt standen. Ihre Eltern waren durch und durch gute Menschen und glaubten das auch von den anderen.

Das Leben hatte Tori eines Besseren belehrt. Wade hatte sie eines Besseren belehrt. Er hatte sich trotz ihrer Unschuldsbeteuerungen gegen sie gewandt. Warum sollte sie ihm also jetzt glauben?

Die Leute, die ihr das Land verkauft hatten – Molly und Ken – waren ein reizendes älteres Paar. Das konnten niemals seine Eltern sein. Sie trugen ja noch nicht einmal denselben Nachnamen. Tori war fast gekränkt, dass er sie für dumm genug hielt, seinen Trick nicht zu durchschauen. Glaubte er etwa, sie würde zu seinen Füßen dahinschmelzen, sobald er nur an die Tür klopfte und sie mit seinen grünen Augen anfunkelte? Oder sobald er begann, mit einem Bündel Geldscheine zu wedeln?

Sie brauchte Wades Geld nicht. Sie hatte für dieses Stück Land in bar bezahlt. Immerhin war sie eine der begehrtesten Öko-Architektinnen Nordamerikas. Sie war Tausende von Kilometern umhergereist, um umweltfreundliche Gebäude, Wohn- und Geschäftshäuser zu bauen. Sie hatte mehrere erfolgreiche Großprojekte in Seattle, Santa Fe und San Francisco. Es ging ihr finanziell gut genug, um das Angebot lächelnd auszuschlagen. Allerdings konnte es auch nichts schaden zu testen, wie weit er gehen würde.

„Und was wäre, wenn ich für eine halbe Million verkaufen würde?“ Auf keinen Fall war das Land so viel wert, es sei denn, Öl, Gold oder Diamanten waren unter ihren Füßen vergraben. Daran hegte sie jedoch großen Zweifel. An Grundstücken interessierte Wade Mitchell einzig und allein, was er auf ihnen bauen konnte.

Wade zuckte nicht einmal mit der Wimper. „Ich würde mein Scheckheft herausholen und unterschreiben, damit Sie ein besseres Stück Land suchen können und wir beide glücklich und zufrieden sind. Ich versichere Ihnen, dass mir nichts wichtiger ist als meine Familie.“

Wow. Er musste wirklich verzweifelt sein. Das Vierfache des realen Werts war ein großzügiges Angebot. Ein verrücktes Angebot. Vermutlich war sie genauso verrückt, es abzulehnen. Eine halbe Million war ein Haufen Geld.

Autor

Andrea Laurence
Bereits im Alter von zehn Jahren begann Andrea Laurence damit, Geschichten zu schreiben – damals noch in ihrem Kinderzimmer, wo sie an einer alten Schreibmaschine saß. Sie hat immer davon geträumt, ihre Romane eines Tages in der Hand halten zu können, und sie arbeitete jahrelang hart, bis sich ihr Traum...
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