Verführung auf Griechisch

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Dem griechischen Multimillionär Xandro Caramanis bleibt keine andere Wahl: Um die schöne Ilana vor ihrem Ex-Verlobten zu schützen, entführt er sie kurzerhand in seine Luxusvilla am anderen Ende der Welt. Nur zu ihrer Sicherheit? Oder doch eher für sich selbst?
  • Erscheinungstag 15.01.2021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751503365
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Xandro lenkte seinen Bentley GT auf die mittlere Spur des Verkehrsstroms, der sich im Schneckentempo durch die Innenstadt von Sydney bewegte. Verkehrsampeln wetteiferten mit Leuchtreklamen, während im Westen die Sonne unterging. Sie tauchte den Himmel in ein leuchtendes Rot, das von der hereinbrechenden Dämmerung Zug um Zug ausgelöscht wurde.

Es war wieder einmal ein hektischer Tag gewesen, mit mehreren wichtigen Meetings, einer Videokonferenz und zahllosen Anfragen gleichzeitig. Jetzt könnte er eine Entspannungsmassage vertragen, aber dazu fehlte ihm leider die Zeit. In einer knappen Stunde wurde er bei einem prestigeträchtigen Wohltätigkeitsdiner erwartet.

Allein.

Obwohl es derzeit in seinem Leben gleich mehrere Frauen gab, die mit Freuden bereit gewesen wären, alles stehen und liegen zu lassen, um ihn zu begleiten und hinterher noch das Bett mit ihm zu teilen. Aber die Leitung eines weltweiten Finanzimperiums erforderte Disziplin, deshalb blieb ihm kaum Zeit für derartige Vergnügungen.

Eine lobenswerte Eigenschaft, die er von seinem Vater geerbt hatte?

Falls ja, war es wohl eine von ziemlich wenigen. An Xandros Mundwinkeln zerrte ein Lächeln. Yannis Caramanis war ein echter Schurke gewesen, gerissen und rücksichtslos und reich wie Krösus. Er hatte nicht weniger als vier Ehefrauen verschlissen, aber nur eine – die erste – hatte ihm ein Kind geboren. Alexandro Cristoforo Caramanis.

Einen Sohn mit dem Schicksal, Einzelkind zu bleiben, weil Yannis geschwisterliche Rivalitäten, Eifersüchteleien und Erbstreitigkeiten befürchtete. Widrige Umstände, an denen das Imperium, das er mit so viel Mühe aufgebaut hatte, womöglich zerbrechen könnte.

Die anderen Ehefrauen waren nur hinter dem Geld und dem gesellschaftlichen Prestige seines Vaters her gewesen. Sobald sich Abnutzungserscheinungen zeigten, hatte sein Vater ein hübsches junges Ding gegen das nächste ausgetauscht. Schöne Begleiterinnen, mehr waren sie nie für ihn gewesen. Sehr schöne sogar, obwohl es keiner je gelungen war, bei einer Scheidung mehr für sich herauszuholen als das, was ihr gesetzlich zustand. Dafür hatte Yannis mit wasserdichten Eheverträgen gesorgt.

Xandro bewegte die Schultern, während er langsam auf die Verkehrsampel zurollte und sich in die Spur nach Vaucluse einfädelte.

Sein Blackberry summte leise, aber durchdringend. Fluchend holte er es heraus und warf einen flüchtigen Blick auf das Display, dann schaltete er das Gerät auf stumm und steckte es wieder ein. Erfolg brachte Verantwortung mit sich – manchmal zu viel, wie er fand. Besonders wenn man dank modernster Kommunikationstechnologien praktisch rund um die Uhr erreichbar war.

Im Prinzip hatte er gegen die extrem hohen Anforderungen, die sein berufliches Engagement mit sich brachten, nichts einzuwenden, im Gegenteil, meistens machte ihm seine Arbeit Spaß. Obwohl es im Leben noch andere Herausforderungen gab, denen er sich stellen musste.

Ganz besonders einer.

Der Ehe.

Er musste eine Familie gründen. Und zwar bald.

Dafür suchte er eine passende Frau, die sein Bett teilte, sein großes Haus in ein gemütliches Heim verwandelte, eine charmante Gastgeberin und gute Mutter seiner Kinder war.

Sie sollte klug genug sein, nicht von der großen Liebe zu träumen, sondern wissen, dass die Ehe ein Geschäft war, das auf Gegenseitigkeit beruhte, ohne dramatische Gefühle.

Zuneigung, sexuelle Befriedigung … das gehörte natürlich dazu … aber Liebe? Was um Himmels willen war das?

Als kleiner Junge hatte er seine Mutter geliebt, dann aber wurde sie ihm weggenommen. Die wechselnden Stiefmütter danach interessierten sich nur für das Geld seines Vaters und für das Luxusleben, das dieser ihnen bieten konnte. Ein Kind war für sie eine Plage, derer man sich am besten entledigte, indem man es in teure Internate und exklusive Auslandsferienlager steckte.

Um die Aufmerksamkeit seines Vaters zu erringen, hatte er schon früh erfolgreich sein müssen. Deshalb war er bereits in der Schule immer einer der Besten gewesen. Als sein Vater ihm schließlich in seinem Finanzimperium die erste größere Aufgabe übertragen hatte, hatte Xandro hart gekämpft, um sich des Vertrauens als würdig zu erweisen. So hart, dass für Jugendtorheiten keine Zeit geblieben war.

Bis zum heutigen Tag hatte er zu Frauen ein illusionsloses Verhältnis, mit dem er bisher gut gefahren war. Am wichtigsten war es, die Dinge in einem nüchternen Licht zu sehen. Auch wenn das vielleicht berechnend klang, schützte es einen vor unangenehmen Überraschungen.

Xandro verzog den Mund zu einem trockenen Grinsen, während er in eine von hohen alten Bäumen gesäumte Straße einbog.

Von seinem auf einem Berg liegenden Haus hatte man eine herrliche Aussicht auf den Hafen. Xandro hatte die alte Villa vor fünf Jahren gekauft und von Grund auf sanieren lassen. Ein tüchtiges Ehepaar, das im Haus wohnte, kümmerte sich um Haushalt und Garten.

Xandro Caramanis.

Der Mann, der alles hatte.

Der würdige Nachfolger seines Vaters.

Geschickt, hart und rücksichtslos, von Frauen umschwärmt und ungebunden.

War das nicht das Bild, das die Boulevardpresse von ihm präsentierte?

Eine knappe halbe Stunde später verließ er frisch geduscht, rasiert und im Abendanzug seine Villa, um in die Stadt zu fahren. Der Verkehr hatte mittlerweile etwas nachgelassen, sodass er gut durchkam. Sein Ziel war ein Hotel in der Innenstadt, wo das Wohltätigkeitsdiner stattfand, über das sein Unternehmen die Schirmherrschaft übernommen hatte.

Nachdem er den Bentley auf dem bewachten Parkplatz abgestellt hatte, betrat er das Hotel, wo man ihn ehrerbietig begrüßte. Er ging am Lift vorbei zu der gewundenen Treppe, die in ein Zwischengeschoss führte. Bei dezenter Hintergrundmusik standen dort bereits die Gäste in kleinen Gruppen beisammen, plauderten angeregt und tranken Champagner.

Xandro schaute sich um, wobei er hin und wieder grüßend nickte. Nachdem sein Blick einmal durch die Runde gestreift war, fesselte eine junge Frau seine Aufmerksamkeit.

Ihr fein gezeichnetes Gesicht mit aparten Zügen und dem hübschen Mund gefielen ihm ebenso wie ihre stolze Kopfhaltung und ihre ausdrucksvollen Gesten. Das aschblonde Haar trug sie auf raffinierte Art hochgesteckt, sodass man Lust bekam, die Haarnadeln herausziehen, die es an Ort und Stelle hielten.

Weltläufige Eleganz vom Scheitel bis zu den zierlichen Fußspitzen.

Obwohl sie heute unter dem routinierten Lächeln etwas nervös wirkt, überlegte er und fragte sich müßig nach dem Grund.

Ilana … die Tochter der verwitweten Gesellschaftsexpertin Liliana Girard.

Sie war Ende zwanzig und pflegte einen kühl distanzierten Umgang zu Männern, was ihr den Spitznamen Eisjungfrau eingebracht hatte. Egal ob zu Recht oder nicht, Xandro wusste nur, dass sie vor zwei Jahren Grant Baxter am Vorabend ihrer geplanten Hochzeit den Laufpass gegeben hatte. Der Grund dafür war nicht bekannt.

Seitdem tauchte sie bei gesellschaftlichen Anlässen stets an der Seite ihrer Mutter auf. Er hörte immer wieder, dass dieser oder jener sein Glück bei ihr versucht hatte, aber sie ließ alle abblitzen – zumindest soweit Xandro informiert war.

Deshalb hatte er kürzlich beschlossen, dass die charmante, weltgewandte Ilana Girard mit ihrem makellosen Hintergrund und den tadellosen Umgangsformen die perfekte Ehefrau für ihn war.

Jetzt musste er ihr nur noch den Hof machen … bis er zur Sache kommen und um ihre Hand anhalten konnte. Xandro kniff leicht die Augen zusammen, als er sah, wie Liliana Girard etwas zu ihrer Tochter sagte und dann auf ihn zukam.

„Xandro. Wie schön, Sie zu sehen.“ Liliana schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.

„Liliana.“ Er ergriff ihre zur Begrüßung ausgestreckten Hände und streifte flüchtig mit den Lippen ihre Wange.

„Möchten Sie vielleicht Ilana und mir Gesellschaft leisten, oder sind Sie heute in Begleitung?“

Xandro schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin allein. Sehr gern, danke.“

Auf dem Rückweg zu Ilana ließ er Liliana den Vortritt. Er hatte sich im Lauf der Jahre zum Experten für Körpersprache entwickelt. Deshalb sah er jetzt genau, wann Ilana spürte, dass er im Anmarsch war. Sie erstarrte plötzlich und hob leicht den Kopf, wie ein Reh im Moment der nahenden Gefahr.

Sie fing sich jedoch sofort wieder und schaute ihm lächelnd entgegen.

„Xandro.“ Ilana verstand nicht, warum sie plötzlich so verwirrt war. Deshalb verschanzte sie sich hinter einer Maske kühler Höflichkeit und verfluchte ihr Herz, das aus unerfindlichen Gründen verrücktspielte.

Er hatte irgendetwas an sich … etwas Undefinierbares, bei dem sich ihr die Nackenhaare sträubten, aber sie konnte nicht sagen, was es war.

Xandro war so groß, dass sie trotz ihrer High Heels den Kopf in den Nacken legen musste, um ihm in die Augen sehen zu können. Und zweifellos attraktiv, wie sie widerstrebend zugeben musste. Wie gemeißelt wirkende Gesichtszüge, ein energisches Kinn und ein geheimnisvoller Ausdruck in den dunklen Augen. Irgendwie erinnerte er an ein Raubtier.

Sein teurer Designeranzug saß perfekt, glatt abfallend an den Schultern, die so breit waren, dass er es nicht nötig hatte, sie extra zu betonen. Er wirkte sehr männlich und war von einer Aura natürlicher Autorität umgeben. Unter der Oberfläche aber lauerte eine unübersehbare Rücksichtslosigkeit.

„Ilana.“

Er versuchte nicht, sie zu berühren … und warum hatte sie dann das Gefühl, dass er nur auf den richtigen Augenblick wartete? Das ergab keinen Sinn.

„Ich freue mich, Sie zu sehen. Wie geht es Ihnen?“ Sie hatte noch nie Schwierigkeiten gehabt, sich auf dem gesellschaftlichen Parkett zu bewegen und beiläufig zu plaudern. Aber dieser Mann verunsicherte sie auf eine ziemlich unangenehme Art und Weise. Irgendwie hatte sie immer das Gefühl, dass er ihre Gedanken lesen konnte. Was natürlich blanker Unsinn war. „Wollen Sie uns Gesellschaft leisten?“

Sein ruhiger Blick hielt sie in Schach. „Sie haben doch hoffentlich nichts dagegen?“

Was würde er wohl tun, wenn sie ihm widersprechen würde?

Sie lächelte höflich. „Im Gegenteil, es ist uns ein Vergnügen.“ Das war eine glatte Lüge.

„Ich muss mich kurz entschuldigen“, warf Liliana ein. „Ich bin gleich zurück.“

Für einen Moment fühlte sich Ilana beraubt und scheußlich verletzlich. Sie erwog, sich ebenfalls zu entschuldigen und einfach weiterzugehen, aber das war unmöglich. So leicht würde sich Xandro nicht täuschen lassen. Es war ohnehin unvermeidlich, dass sich ihre Wege ab und zu kreuzten. Das Caramanis-Imperium sponserte viele Wohltätigkeitsveranstaltungen, und bei großen Galavorstellungen wie der heutigen tauchte Xandro meistens auf. In der Regel jedoch mit einer atemberaubenden Frau im Schlepptau.

Nichtsdestotrotz war er heute bereits zum dritten Mal in Folge ohne Begleitung erschienen.

Und wer hat da mitgezählt? fragte eine listige Stimme in ihrem Hinterkopf. Ilana schluckte schwer.

Es war lächerlich zu glauben, dass er ein Auge auf sie geworfen haben könnte. Sie war das genaue Gegenteil von ihm, außerdem hatte sie das Kapitel Männer sowieso für sich abgeschlossen. Schon seit über zwei Jahren. Sie hatte sich einmal die Finger verbrannt und war finster entschlossen, es nicht noch einmal so weit kommen zu lassen.

Als sie sich an jene schicksalhafte Nacht erinnerte, in der sich ihre Hoffnungen und Träume so grausam zerschlagen hatten, lief es ihr eiskalt über den Rücken.

Aber das lag Gott sei Dank alles hinter ihr. Statt auf eine Familie hatte sie sich auf ihre Karriere als Modedesignerin konzentriert, und sie ging in ihrem Beruf vollständig auf. Sie hatte zwar kein Privatleben mehr, aber auch keine unerfüllten Wünsche und Träume.

„Darling.“ Die samtige Frauenstimme klang wie das genüssliche Schnurren einer Katze und passte zu der blonden, überschlanken Blondine, die gerade auf Xandro zugeschwebt kam und sich sehr dicht neben ihn stellte. „Ich habe heute gar nicht mit dir gerechnet.“

„Danika.“ Xandro setzte ein höfliches Lächeln auf, das seine Augen nicht erreichte.

Das australische Modell, das schon auf allen berühmten Laufstegen der Welt Furore gemacht hatte, war in der Modewelt, trotz seiner gefürchteten Wutausbrüche hinter verschlossenen Türen, immer noch ein umworbener Star. Obwohl es ein Albtraum war, mit Danika zu arbeiten, besaß sie doch eine fast einzigartige magische Fähigkeit, Kleider vorzuführen.

„Kennst du Ilana?“

Danika erdolchte Ilana fast mit ihrem Blick. „Sollte ich?“

„Ilana ist Modedesignerin.“

„Wirklich?“

Besser hätte man gelangweiltes Desinteresse nicht vorschützen können. Das glamouröse Model war in Partylaune und interessierte sich nur für eins … Xandro Caramanis.

Und wer hätte es ihr verdenken können? Der Mann war der Fang des Jahrhunderts.

„Ilana … nie gehört … und wie noch?“

„Girard“, versetzte Xandro mit seidenweicher Stimme.

Ilana beschloss, die Sache abzukürzen. „Die Marke heißt Arabelle.“ Sie legte eine kleine Kunstpause ein, bevor sie fortfuhr: „Das Kleid, das Sie tragen … es stammt aus meiner Kollektion.“

Danika kniff leicht die Augen zusammen. „Es wurde als Einzelstück verkauft.“

„Verschenkt“, stellte Ilana richtig, was das Model veranlasste, eine wegwerfende Handbewegung zu machen.

„Für solche Kleinigkeiten ist meine Agentin zuständig.“

„Sie handelt auf Ihre Anweisung.“ Das war alles Teil von Danikas Spiel. Die Modemacher bewunderten ihren Stil und drückten bei unangenehmen Zwischenfällen beide Augen zu. Ein Original zu verschenken bedeutete aufs Ganze gesehen wenig, da es im Endeffekt um Wiedererkennung und Verkaufszahlen ging.

Danika legte eine schmale, sorgfältig manikürte Hand auf Xandros Revers und lächelte verführerisch. „Ich sorge dafür, dass wir am selben Tisch sitzen.“

Gelassen entfernte er die Hand. „Nein.“

Einfach nur nein?

Lakonisch und fast verletzend … wenn man dazu neigte, leicht beleidigt zu sein.

Ilana fing einen eisigen Blick aus Danikas strahlend blauen Augen auf, während das Model schmollend den Mund verzog. „Mein armer Liebling, du lässt dir wirklich etwas entgehen. Sag mir Bescheid, falls du deine Meinung doch noch änderst.“ Sie wedelte graziös mit der Hand, bevor sie entschwebte.

In diesem Moment öffneten sich die Türen zum großen Saal, und die Gäste wurden gebeten, ihre Plätze einzunehmen. Xandro nahm mit größter Selbstverständlichkeit Ilanas Arm und führte sie in den Saal mit den festlich geschmückten Tischen. Sie spürte seine warmen Finger auf ihrer nackten Haut, so elektrisierend, dass ihr schlagartig heiß wurde.

Es war alles andere als ein angenehmes Gefühl, das in ihr den dringenden Wunsch weckte, seine Hand abzuschütteln. Was sie natürlich nicht tat. „Verraten Sie mir, warum Sie so tun, als ob Sie mit mir hier wären?“

„Vielleicht weil ich Ihre Gesellschaft genieße?“

Sie versuchte in seinem Gesicht zu lesen. „Es wäre nett, wenn Sie mir erklären, was das für ein Spiel ist, das Sie da spielen.“

„Gar keins.“

„Sollte ich mich jetzt geschmeichelt fühlen?“

Sein leises Auflachen klang leicht heiser. „Tun Sie das etwa nicht?“

„Leider muss ich Sie enttäuschen“, erwiderte Ilana spöttisch, während sie von einem hübschen jungen Mädchen an einen Tisch direkt vor der Bühne geführt wurden. Dort gab es neben den Gedecken Namensschilder, und Ilana war nicht überrascht, ihren Namen neben Xandros zu finden. Sie nahm sich vor, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. So schwer konnte es schließlich nicht sein.

„Was trinken Sie?“, fragte er. „Wein?“

Da Ilana das Mittagessen hatte ausfallen lassen, erwiderte sie: „Vorerst nur Mineralwasser, danke.“

Xandro füllte ihr Glas, dann schenkte er sich selbst ebenfalls Wasser ein und prostete ihr damit scherzhaft zu. „Auf Sie.“

Gleich darauf kamen weitere Gäste an den Tisch, darunter auch Liliana. Nachdem alle ihre Plätze eingenommen hatten, folgte die Eröffnungsrede der Vereinspräsidentin. Im Anschluss daran begannen Kellner das Essen zu servieren, während der erste Gastredner das Podium erklomm.

Ilana war sich des Mannes an ihrer Seite überdeutlich bewusst. Der Duft seines teuren Eau de Colognes mischte sich mit dem Geruch frisch gewaschener Wäsche und – sehr unterschwellig – seinem ganz eigenen Duft. Er strahlte etwas Gefährliches aus, das die Schutzmauer bedrohte, die sie um ihr Herz errichtet hatte.

Das machte sie wachsam.

Na so was, spöttelte eine innere Stimme. Dabei interessiert dich Xandro Caramanis doch gar nicht.

Und du willst auch nicht, dass er sich für dich interessiert.

Also hör auf, über ihn nachzudenken.

Aber sie schaffte es nicht, sich zu entspannen. Ilana aß automatisch, ohne etwas zu schmecken. Und dass sein unverhohlenes Interesse an ihr heftige Spekulationen auslöste, war ebenfalls wenig hilfreich. Geschweige denn der Umstand, dass ihn die unübersehbar enttäuschte Danika nicht aus den Augen ließ.

War er dabei, die Verbindung mit dem glamourösen Model öffentlich aufzukündigen?

„So ist es“, sagte er gelassen, als ob er ihre Gedanken gelesen hätte.

Obwohl sie überrascht war, gab sie nicht vor, ihn nicht verstanden zu haben.

„Tatsächlich?“, wiederholte sie mit hochgezogener Augenbraue.

„Ja.“

Plötzlich war sie so verunsichert, dass sich ihr Magen zusammenkrampfte. Sie wollte ihn fragen, was er bezweckte. Aber sie tat es nicht, sondern verwickelte den Tischnachbarn zu ihrer Linken in ein belangloses Gespräch. Trotzdem gelang es ihr nicht, Xandros Anwesenheit zu ignorieren. Es ärgerte sie, dass er es schaffte, ihr zentrales Nervensystem derart in Aufruhr zu versetzen.

War ihm das bewusst?

Der Himmel möge es verhüten!

Ilana atmete auf, als nach einem nicht enden wollenden Essen schließlich der Kaffee kam, zusammen mit einer weiteren Rede, die zwar gut gemeint war, aber ebenfalls nicht enden wollte.

Danach setzte wieder gedämpfte Musik ein, während sich die Gäste von ihren Plätzen erhoben.

Gleich würde Liliana zum Podium gehen und sich im Namen des Organisationskomitees für die freundliche Unterstützung bedanken und allen Gästen eine gute Nacht wünschen … und Ilana würde endlich von Xandros beunruhigender Anwesenheit befreit sein.

Doch ihre Erleichterung währte nur kurz.

„Ich bringe Sie noch zum Ausgang“, verkündete Xandro.

„Danke, aber das ist nicht nötig.“

„Ich möchte es aber.“ Wieder hatte er Ilanas Arm genommen und übte einen leichten Druck aus, als sie versuchte, auf Abstand zu gehen.

Mühsam verkniff sie sich ihren Protest.

„Ich bin eben dabei zu überlegen, ob man nicht zugunsten der Leukämiestiftung eine Kunstauktion veranstalten könnte, und wollte gern Lilianas Meinung dazu hören“, erklärte er.

Ilanas Mutter war begeistert, als sie von seinen Plänen erfuhr. „Oh, das wäre herrlich. Und natürlich würde ich mich sehr gern an den Vorbereitungen beteiligen.“

„Das freut mich außerordentlich“, gab Xandro schmeichelnd zurück. „Was halten Sie davon, wenn ich Sie beide zum Essen einlade, damit wir uns über die Einzelheiten unterhalten können? Sagen wir nächsten Donnerstag? Gegen sieben?“

„Danke, sehr gern.“ Liliana fühlte sich sichtlich geschmeichelt.

Ilana wusste, dass ihre Mutter in Windeseile ihren gesamten Terminkalender umorganisieren würde, nur um Xandro Caramanis entgegenzukommen.

Xandro drückte dem Portier ihre Wagenschlüssel in die Hand und bat darum, die Autos vorzufahren.

Wenig später rollte der silberne Bentley GT vor dem Haupteingang vor.

„Gut, dann also bis Donnerstag“, sagte Xandro, während er seiner Brieftasche eine Visitenkarte entnahm und auf der Rückseite etwas notierte. „Hier ist meine Adresse.“

Bevor er sich hinters Steuer setzte, drückte er dem Pagen ein Trinkgeld in die Hand. Sekunden später fuhr Ilanas dunkelblauer BMW vor. Die beiden Frauen stiegen ein, und Liliana schwieg, bis Ilana sich in den Verkehrsstrom eingeordnet hatte. Dann ergriff ihre Mutter das Wort.

„Was für eine reizende Einladung, Liebes. Wie findest du es, dass Xandro mich um meine Hilfe bittet?“

„Gut.“ Was hätte sie sonst sagen sollen?

„Du hast doch nicht etwa Bedenken?“

Etliche. Obwohl sie sich da nicht so genau festlegen wollte.

„Natürlich musst du hingehen.“

Wir, Liebes. Wir beide müssen hingehen.“

Ilana hielt vor einer Kreuzung an. „Nein, maman“, widersprach sie sanft, aber bestimmt.

Liliana musterte sie lange. „Und du willst es dir nicht vielleicht noch einmal überlegen?“

Nicht mal in hundert Jahren, schwor sich Ilana. Je seltener sie Xandro Caramanis zu Gesicht bekam, desto besser war es für sie.

2. KAPITEL

In Vorbereitung auf die aktuellen Fashion Design Awards verbrachte Ilana fast das ganze Wochenende im Atelier, wo sie immer wieder die Kleidungsstücke überprüfte, die sie und ihre Geschäftspartnerin Micki zur Vorführung für die verschiedenen Kategorien vorgesehen hatten. Auswahlkriterien waren dabei Schnitt, Stoff, Verarbeitung sowie die Einstufung durch ein Expertenteam gewesen. Sie musste sicherstellen, dass alles bis in die kleinste Einzelheit perfekt war … oder wenigstens so perfekt wie möglich. Wenn man in einer der Kategorien einen Preis gewann, war das natürlich äußerst werbewirksam und erhöhte das Prestige, und das bedeutete größeres Interesse und steigende Verkaufszahlen.

Schon als Kind hatte Ilana leidenschaftlich gern Puppenkleider genäht – anfangs mit Lilianas Hilfe und schließlich allein nach eigenen Entwürfen. Später studierte sie Modedesign, und nach ihrem Abschluss hatte sie ein paar Lehrjahre in Paris, Mailand und London verbracht, bevor sie nach Sydney zurückgekehrt war, um ihr eigenes Atelier zu eröffnen. Nicht lange danach gründete sie das inzwischen sehr renommierte Modelabel Arabelle.

Während Ilana Talent und praktische Erfahrung in Bezug auf Schnitttechnik, Entwurf und Ausführung mitbrachte, machte der Geschäftssinn ihrer alten Freundin Micki Taylor ihre Geschäftspartnerschaft rund. Micki hatte nämlich ein untrügliches Gespür für Accessoires, den passenden Rahmen. Sie verfügte über das Geschick, glamouröse Modeschauen zusammenzustellen, bei der die Konkurrenz nicht selten vor Neid erblasste.

Ilana hingegen konnte Visionen Wirklichkeit werden lassen. Oft brauchte sie einen bestimmten Stoff nur zu sehen, um bereits das fertige Kleidungsstück vor Augen zu haben. Sie verstand es, die drei Komponenten Farbe, Stoff und Stil zum Leben zu erwecken – eine Gabe, die sie zu schätzen wusste.

Die Woche vor der Preisverleihung war extrem stressig. An manchen Tagen verließ Ilana das Atelier nur zum Essen und zum Schlafen. Deshalb war es die absolute Ausnahme, dass sie an diesem Dienstag ihr Appartement bereits am frühen Abend betrat.

Der Gedanke, sich bei einem langen Bad zu entspannen und anschließend in aller Ruhe etwas zu essen, war verführerisch, aber leider unrealistisch. Ihre Zeit reichte gerade noch aus, um kurz zu duschen und in ein Cocktailkleid aus milchkaffeebrauner Spitze zu schlüpfen. Anschließend legte sie eilig etwas Make-up auf und steckte sich das Haar im Nacken zu einem lockeren Knoten zusammen, bevor sie sich auf den Weg in den Villenvorort Double Bay machte. Dort fand in den frisch erweiterten Ausstellungsräumen eines bekannten Kunstsammlers eine Vernissage statt, und Ilana hatte ihrer Mutter versprochen zu kommen. Es war eine prestigeträchtige Angelegenheit, bei der nur geladene Gäste zugelassen waren.

Als sie an ihrem Ziel anlangte, waren die Parkplätze bereits alle besetzt, sodass sie erst zwei Runden um den Block drehen musste, bevor sie ihren Wagen abstellen konnte.

Der Eingang zu der Galerie wurde von zwei Sicherheitsleuten bewacht, bei denen Ilana sich erst ausweisen musste, bevor sie Einlass fand.

„Darling.“ Der älteste Sohn der Familie nahm sie in Empfang und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. „Herzlich willkommen.“

„Jean-Paul.“ In der Familie hießen alle männlichen Mitglieder Jean. Jean-Marc war der Patriarch und ein berühmter Kunstsammler, während Jean-Pauls Bruder auf den Namen Jean-Pierre getauft war. Die Gäste standen angeregt plaudernd in kleinen Grüppchen beisammen, tranken Champagner und aßen Kanapees, die ihnen von livrierten Kellnern gereicht wurden.

Ilana hätte gern ein Glas Champagner getrunken, doch da sie seit dem Frühstück nichts gegessen hatte, entschied sie sich für Orangensaft und nahm sich einen kleinen Teller mit Häppchen, die sie mit großem Appetit verspeiste.

„Ach, da bist du ja, Liebes.“ Unbemerkt war Liliana neben ihr aufgetaucht und küsste sie zur Begrüßung auf die Wange.

„Das ist ja wirklich alles sehr schön geworden“, bemerkte Ilana und schaute sich anerkennend um.

Autor

Helen Bianchin
Helen Bianchin wurde in Neuseeland geboren und wuchs dort als Einzelkind auf. Sie hatte eine äußerst lebhafte Fantasie und liebte schon damals Bücher über alles. Als Teenager begann sie zu schreiben, doch sie vernachlässigte ihr Hobby, als sie als Sekretärin in einer kleinen Kanzlei arbeitete.

Als sie 21 war, setzten...
Mehr erfahren