Vergiss diesen Traum

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Ebonys heiße Affäre mit Alan wird zunehmend unerträglich. Für sie ist es die große Liebe, für ihn offenbar nur Sex. In ihrer Verzweiflung will das Model sich in die Arme eines Fotografen flüchten. Da überrascht Alan sie mit einem Geständnis. Wird ihr Traum doch noch wahr?
  • Erscheinungstag 14.06.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733778064
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Ich nehme an, du gehst heute Abend zu der Modenschau der preisgekrönten Strickmoden?“, fragte Deirdre Carstairs ihren Sohn beim Mittagessen.

„Ja, leider“, erwiderte er.

„Warum leider? Mode ist doch dein Geschäft.“ Und dein Leben fügte sie im Stillen hinzu. Alan war immer ein arbeitsbesessener Mensch gewesen, aber in letzter Zeit war es noch schlimmer geworden und er arbeitete gelegentlich sogar die Nächte durch. Er hatte erfolgreich eine Kette sehr beliebter Herrenkonfektionsgeschäfte über ganz Australien verteilt aufgebaut und leitete persönlich auch die Fabriken, die diese Läden belieferten. Man hätte meinen können, das würde ihm genügen. Stattdessen plante er, seine Unternehmungen in den Bereich Designermoden auszuweiten.

Deirdre unterdrückte ein Seufzen. Es war so schwer, Alan irgendetwas zu sagen. Nach dem unerwarteten Tod seines Vaters, verbunden mit der Entdeckung, dass die Textilfabrik der Familie am Rande des Konkurses stand, hatte Alan mit nur zwanzig Jahren die Verantwortung des Familienoberhaupts übernommen. Damals hatte er Tag und Nacht schuften müssen, um das Familienunternehmen vor dem Bankrott zu retten, aber seine Anstrengungen waren erfolgreich gewesen, überaus erfolgreich sogar. Deirdre war sehr stolz auf ihren Sohn.

Allerdings hatte der Erfolg seinen Preis. Alan war hart geworden und erwartete grundsätzlich, dass alles nach seinem Wunsch geschah. Umso mehr musste es ihn getroffen haben, als die einzige Frau, der es gelungen war, sein Herz zu erobern, sich ihm widersetzt und vor einigen Jahren einen anderen Mann geheiratet hatte.

Deirdre kam plötzlich ein Verdacht. Sie blickte auf und sah ihren Sohn über den Tisch hinweg forschend an. „Wird Adrianna auch da sein?“, fragte sie beiläufig.

Er zuckte gleichgültig mit den Schultern, aber Alan war ein Meister darin, seine Gefühle zu verbergen. „Das bezweifle ich. Ihre Kollektion war nicht für den Wettbewerb gemeldet. Sie kommt kaum noch nach Sydney.“ Ein spöttisches Lächeln huschte über sein markantes Gesicht. „Hör auf, herumzuschnüffeln, Mum. Der einzige Grund, warum ich keine Lust habe, heute Abend dorthin zu gehen, ist, weil ich müde bin.“

„Dann geh nicht. Bleibe zu Hause und sieh es dir zusammen mit deiner armen alten Mum im Fernsehen an.“

„Arme alte Mum, du meine Güte! Du bist nicht arm, dafür habe ich gesorgt. Und mit fünfundfünfzig bist du auch noch nicht alt. Warum tust du nicht mir und dir einen Gefallen und suchst dir einen netten Mann, der deine Zeit in Anspruch nimmt? Dann müsste ich mich nicht mehr damit herumschlagen, dass du ständig versuchst, meine Freizeit für mich zu planen.“

„Hast du denn überhaupt Freizeit?“, fragte Deirdre zweifelnd.

„Gelegentlich.“

„Der Himmel weiß, wann das sein sollte … oder was du damit anfängst.“

Alan lachte. „Mach du dir keine Gedanken darum, was ich mit meiner Zeit anfange, Mum. Ich bin inzwischen ein großer Junge.“

Doch Deirdre machte sich Sorgen. Seit der Enttäuschung mit Adrianna hatte Alan nicht eine Frau mit nach Hause gebracht. Die Vorstellung, dass ihr gut aussehender Sohn wie ein Mönch lebte, schien ihr undenkbar, aber sie wollte sich auch nicht ausmalen, dass er sich vielleicht bewusst auf flüchtige Abenteuer beschränkte, um nicht noch einmal verletzt zu werden. Deirdre wünschte sich so sehr, dass er heiraten und eigene Kinder haben würde, wagte es jedoch nicht, ihm gegenüber dieses Thema anzusprechen. Alan war sehr empfindlich und verschlossen, was sein Privatleben anging.

„Weißt du, ob Ebony heute Abend unter den Models ist?“, fragte sie stattdessen.

„Ich denke, ja“, antwortete Alan in dem gleichgültigen Ton, den er stets benutzte, wenn das Gespräch auf Ebony kam. Deirdre kannte ihren Sohn. Sie wusste, dass er am ruhigsten klang, wenn er in Wirklichkeit höchst verärgert war.

Es ist eine Schande, dachte sie, dass die einst so enge Beziehung zwischen den beiden wegen eines Streits zerbrochen ist, bei dem es um Geld ging. Ebony war ein reizendes Kind, aber Deirdres Ansicht nach viel zu stolz. Sie konnte es immer noch nicht begreifen, wenn sie daran dachte, wie gekränkt das Mädchen reagiert hatte, als es herausfand, dass das Erbe ihrer Eltern gleich null gewesen war und stattdessen Alan, als ihr gesetzlicher Vormund, großzügig für die Kosten ihrer Ausbildung und ihres Lebensunterhalts aufgekommen war. Was hatte Ebony denn anderes von ihm erwartet? Immerhin war sie doch erst fünfzehn gewesen.

Wie dem auch sei, als Ebony dies mit achtzehn, kurz nach Abschluss des Internats, herausgefunden hatte, war sie augenscheinlich höchst betroffen gewesen. Es hatte einen heftigen Wortwechsel zwischen ihr und Alan in der Bibliothek gegeben, der damit geendet hatte, dass Ebony weinend auf ihr Zimmer gelaufen war. Sie hatte sich nicht einmal von Deirdre trösten lassen und unaufhörlich wiederholt, dass sie das Haus verlassen müsse.

Zu dem Zeitpunkt nahm Ebony gerade an einem Kosmetik- und Model-Kurs teil, den Deirdre ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Als die Leiterin des Kurses sie an eine Model-Agentur weiterempfahl und ihr versicherte, sie habe das Zeug, ein Topmodel zu werden, hatte das eigensinnige Mädchen sofort seine Pläne für eine Lehrerausbildung fallen gelassen und sich stattdessen auf eine Karriere gestürzt, bei der man sofort Geld verdienen würde.

Ebony war auf Anhieb ein Volltreffer gewesen, sowohl auf dem Laufsteg wie auch vor der Kamera der Fotografen. Schon bald hatte sie Alan wöchentlich einen Scheck gegeben, um ihm seine Auslagen zurückzubezahlen, und kurz darauf, als sie genug Geld verdiente, war sie aus dem Haus ausgezogen und hatte sich eine eigene Wohnung genommen.

Alan war so wütend gewesen, dass er sich lange Zeit geweigert hatte, auch nur mit Ebony zu sprechen. Wenn sie Deirdre besucht hatte und er war zu Hause gewesen, hatte er unweigerlich unter irgendeinem Vorwand das Haus verlassen.

Er hatte es peinlichst vermieden, für längere Zeit in einem Raum mit ihr zu verweilen, bis zu jener großen Party vor gut einem Jahr, die Deirdre für Ebony anlässlich ihres einundzwanzigsten Geburtstags gegeben hatte. Unter dem energischen Druck seiner Mutter war Alan Ebony damals vor den anderen Gästen mit Höflichkeit begegnet. Allerdings hatte er keinen Hehl aus seinem Unmut gemacht, als er dann erfuhr, dass Ebony auf Deirdres Einladung hin über Nacht bleiben würde. Verzeihen zählte nicht zu Alans Stärken.

Mit Grauen dachte Deirdre immer noch an die unerträglich gespannte Atmosphäre, die am nächsten Morgen beim Frühstück geherrscht hatte. Sie hatte sich danach geschworen, Ebony nie wieder zu bitten, in ihrem Haus zu übernachten. Das war es einfach nicht wert. Aber die fortgesetzte Fehde zwischen ihrem Sohn und seinem Mündel bedrückten Deirdre sehr. Sie liebte Ebony genauso wie ihre eigene Tochter Vicki, und es hätte für sie kaum eine größere Freude geben können, als dass Alan sich wieder mit ihr versöhnt hätte.

Deirdre seufzte und sah ihren Sohn an. „Meinst du nicht, dass es für dich und Ebony an der Zeit wäre, endlich das Kriegsbeil zu begraben?“

„Ich glaube, darauf besteht keine Aussicht?“

„Warum nicht? Du müsstest nur etwas netter zu ihr sein, wenn du sie triffst, was gelegentlich sicher der Fall ist. Immerhin seid ihr im gleichen Geschäft.“

Alan lachte schroff. „Wenn ich zu Ebony nett wäre, würde sie mir ins Gesicht spucken.“

„Alan! Niemals! Ebony ist eine Dame.“

„Ach ja? Seltsam, das wäre mir nie in den Sinn gekommen. Eine Hexe mit einer schwarzen Seele, ja. Aber eine Dame? Gott bewahre!“

Deirdre war ehrlich entsetzt. „Sag, reden wir von demselben Mädchen?“

„Oh ja, Mum. Deine reizende Ebony hat sich nur stets gehütet, dieses Seite ihres Wesens vor dir zu offenbaren.“

„Ich glaube, du bist einfach voreingenommen.“

„Ja, das bin ich allerdings“, bekräftige Alan.

„Was hast du an jenem Abend in der Bibliothek eigentlich zu ihr gesagt, was sie so aufgebracht hat? Ich habe es nie aus ihr herausbekommen.“

Alan legte seine Serviette beiseite und stand auf. „Liebe Güte, Mum, das ist fast vier Jahre her. Wie soll ich das noch wissen? Vermutlich habe ich ihr gesagt, dass sie ein undankbares kleines Ding sei, was ja auch stimmte. So, jetzt muss ich aber los. Ich habe den ganzen Nachmittag einen Termin nach dem anderen mit Modeschöpfern, die sich danach drängen, ihren Namen an die Spitze meiner neuen exklusiven ‚Man-About-Town‘-Kollektion zu setzen.“

Er küsste seine Mutter zum Abschied auf die Stirn, ehe er hinausging und kurz darauf das Haus verließ. Bei einer Größe von einem Meter neunzig, dazu von schlanker, athletischer Statur, bot er in einem Anzug aus eigener Herstellung einen eleganten Anblick. Wenn Alan Carstairs gewollt hätte, hätte er ohne Weiteres als Dressman seine eigene Kollektion vorführen können.

Deirdre blickte ihm besorgt nach. Er war nicht glücklich, das fühlte sie, und wie jede Mutter, wünschte sie sich, dass ihre Kinder glücklich wären. Vicki, ihre Tochter, schien es zumindest zu sein. Sie lebte augenblicklich in einem heruntergekommenen Haus in Paddington mit irgendeinem Künstler zusammen, in den sie angeblich unsterblich verliebt war.

Allerdings war er nur der letzte einer ganzen Reihe von Männern, in die Vicki in den vergangenen zehn Jahren „unsterblich verliebt“ gewesen war. Rigoros gegen Ehe und Spießbürgertum eingestellt, war Vicki mit neunzehn von zu Hause ausgezogen, „um ihre eigene Identität zu finden“, was immer das bedeuten mochte. Aber es war ihr Leben, und sie schien als Geschäftsführerin eines Musikladens in der Oxford Street gut allein zurechtzukommen. Wenngleich sie regelmäßig zu Hause vorbeischaute, um Alan um ein „Darlehen“ zu bitten, was der ihr dann zusammen mit einer ernsten Ermahnung gewöhnlich gewährte.

Deirdre vermutete jedoch, dass es Alan nichts ausmachte, seiner Schwester gelegentlich mit Geld und einem wohlgemeinten Rat beizustehen. Er mochte es, wenn er gebraucht wurde, und er half wirklich gern.

„Ist Mr Alan schon wieder fort?“

Die Frage des Kochs riss Deirdre aus ihren Gedanken. Sie seufzte. „Ja, Bob.“

Er schüttelte missbilligend den Kopf. „Der Mann arbeitet zu viel. Kann ich abräumen, Mrs Carstairs?“

„Ja, bitte. Es war wie immer köstlich, Bob. Sie beherrschen die italienische Küche wie ein Italiener.“

Der kleine Mann strahlte. Deirdre sah zu, wie er mit einer beachtlichen Agilität und Behändigkeit für einen Mann von fast sechzig das Geschirr zusammenräumte und in die Küche trug. Er war ein weiteres Beispiel für Alans Hilfsbereitschaft.

Bob und sein Zwillingsbruder Bill hatten bis vor zwei Jahren auf einer kleinen Hühnerfarm gelebt, wobei Bob den Haushalt versorgt und Bill sich um die Farmarbeit gekümmert hatte. Von Natur aus schüchtern, hatten die beiden nie geheiratet. Die Farm war ihr Leben gewesen, bis Rezession und hohe Zinsen sie in den Ruin trieben. Ein lokaler Fernsehsender hatte von der Zwangsversteigerung berichtet, und die beiden Brüder waren während des Interviews schluchzend zusammengebrochen. Ihr Anblick hatte Deirdre, die das Programm mit Alan zufällig verfolgt hatte, zu Tränen gerührt.

Auch Alan war betroffen gewesen, aber als Mann der Tat hatte er es nicht bei mitfühlenden Worten belassen. Er war sofort zum Telefon gegangen, hatte den Sender angerufen und ein Treffen mit den Zwillingsbrüdern arrangiert. Das Ergebnis war, dass Bill und Bob nach Sydney kamen und im Haus der Cairstairs Aufnahme fanden; Bob als Koch und Haushilfe, Bill als Gärtner und Mann für alles. Alan ließ sogar die alten Dienstbotenräume zu einer abgeschlossenen Wohnung für die beiden ausbauen. Kein Wunder, dass die beiden Männer ihn vergötterten und ihm jeden Wunsch von den Augen ablasen. Als Alan einmal beiläufig erwähnte, dass er die italienische Küche liebe, war Bob zum Beispiel losgestürmt und hatte von seinem eigenen Geld mehrere italienische Kochbücher gekauft, um sich kundig zu machen.

Ja, Alan konnte großzügig und hilfsbereit sein, was nicht bedeutete, dass er nicht auch schwierig war. Hoffentlich würde er Ebony bei der Modenschau am Abend wenigstens mit Höflichkeit begegnen. Deirdre selbst hatte das Mädchen stets als besonders liebenswürdig, angenehm und höflich erlebt. Gut, ein wenig zurückhaltend und distanziert vielleicht, aber das war bei Ebonys Hintergrund nur verständlich. Nein, Deirdre konnte nicht begreifen, warum Alan so hart über Ebony urteilte …

Ebony betrat den Laufsteg, groß und elegant in einem schmalen schwarzen Strickkleid, das schulterfrei konzipiert war. Schwarze Spitze bedeckte scheinbar sittsam die Blößen bis zum Hals und bildete auch das Material für die langen, engen Ärmel, was den erotischen Appeal jedoch eher noch verstärkte.

Die Blicke sämtlicher Männer im Zuschauerraum hingen bewundernd an ihr, als sie nun mit geschmeidigen, anmutigen Bewegungen den Laufsteg entlangschritt, das taillenlange, glatte schwarze Haar über eine Schulter drapiert, der Blick der tief liegenden schwarzen Augen geheimnisvoll unter langen, seidigen Wimpern. Ihr voller, sinnlicher Mund leuchtete dunkelrot in lebhaftem Kontrast zu dem betont weiß geschminkten Teint.

Alan rückte unbehaglich seinen Stuhl zurück und schaute weg. Er wusste zu gut, wie sie aussah und wie leicht sie die Männer in Bann zog.

„Mensch, Alan“, flüsterte sein Nachbar ihm zu. „Wenn man sich vorstellt, dass sie jahrelang in Ihrem Haus gewohnt hat! Wie haben Sie das nur ausgehalten, Junge?“

„Vertrautheit führt zu Verachtung“, erwiderte Alan ruhig. „Außerdem sieht sie ohne Make-up anders aus.“

„Ich würde gern einmal morgens im Bett neben ihr aufwachen und das selbst beurteilen“, lautete die trockene Antwort. „Aber nach allem, was ich gehört habe, bin ich nicht ihr Typ.“

„Ach ja? Und wer ist ihr Typ?“

„Fotografen, nehme ich an.“

„Soll heißen?“

„Liebe Güte, Alan, wissen Sie denn gar nichts über das Leben Ihres Mündels? Unser Topmodel steht in dem Ruf, bislang mit jedem ihrer Fotografen etwas gehabt zu haben. Eine besonders heiße Affäre wurde ihr mit Gary Stevenson vor zwei Jahren oder so nachgesagt, ehe der nach Paris ging. Aber er ist jetzt wieder in Sydney und scheint an alten Zeiten anzuknüpfen. Ich habe ihn jedenfalls heute Mittag mit Ebony in einem Café in Darling Harbour gesehen.“

„Tatsächlich?“

„Na, Sie klingen aber nicht sehr besorgt. Dabei ist Stevenson doch um einiges älter als sie. Er geht auf die vierzig zu, und wie alt ist Ihre Ebony?“

„Zweiundzwanzig, und sie ist nicht meine Ebony“, entgegnete Alan schroff. „Sie ist ein freier Mensch. Können wir uns jetzt wieder auf die Modenschau konzentrieren? Immerhin haben wir zweihundert Dollar für diesen Platz in der ersten Reihe bezahlt und sollten sehen, dass wir auf unsere Kosten kommen.“

Sein Kollege fiel in ein beleidigtes Schweigen, und Alan war gezwungen, zumindest so zu tun, als würde er den Rest der Vorführung aufmerksam verfolgen. Ebony war inzwischen einige Male den Laufsteg auf und ab geschritten und bewegte sich jetzt mit anmutigem Hüftschwung zurück zu dem großen roten Samtvorhang, wo die Gruppe der übrigen Models auf ihren Auftritt wartete. Der Anblick ihres aufreizend schwingenden, wohlgerundeten Pos weckte in Alan kalte Wut.

Weiß sie, was sie da tut? durchzuckte es ihn. Weiß sie, dass ich hier bin?

Natürlich weiß sie es, lautete die bittere Antwort. Sie ist eine Hexe, eine Hexe mit tiefschwarzer Seele!

Zur Hölle mit dir, Ebony Theroux.

Alan parkte seinen Wagen am Straßenrand gegenüber des dreistöckigen Hauses, in dem sich Ebonys Wohnung befand, und wartete. Der Himmel wusste, was er tun würde, wenn sie zusammen mit Stevenson oder einem anderen ihrer zahllosen Verehrer auftauchen würde. Würde er fähig sein, einfach davonzufahren? Oder würde er einen Weg finden, ihr die Nacht zu verderben, so wie sie sie ihm verdorben hatte?

Nach dem letzten Streit mit ihr hatte er sich geschworen, er wolle nie wieder etwas mit ihr zu tun haben und sie nie wieder aufsuchen. Aber wie viele Male zuvor hatte er sich das schon geschworen? Alan presste die Lippen zusammen. Würde es ihm nie gelingen, von dieser unsäglichen Begierde loszukommen? Vier Jahre ging das nun schon so, vier schmerzliche, zerstörerische Jahre. Es war höchste Zeit, dem ein Ende zu setzen.

Aber auch das hatte er sich schon so oft gesagt.

In Ebonys Apartment flammte Licht auf. Abgelenkt durch seine zornigen Gedanken, hatte Alan nicht bemerkt, wie sie das Haus betreten hatte. Jetzt wusste er nicht, ob sie allein war oder nicht.

Angestrengt schaute er hinauf und wartete, ob das Licht in ihrem Schlafzimmer ebenfalls angehen würde. Wenn sie jemanden bei sich hatte, würde er es bald wissen.

Das große Fenster mit den feinen weißen Vorhängen blieb dunkel.

Weitere quälende Minuten verstrichen. Alan konnte das Warten nicht länger ertragen. Erregt zog er den Schlüssel aus dem Zündschloss, stieg aus und nahm sich gerade noch die Zeit, die Wagentür abzuschließen. Die kühle Winterluft ließ ihn frösteln, seinen Mantel hatte er natürlich auf dem Beifahrersitz vergessen.

„Verdammt“, fluchte er, schob die Hände in die Hosentaschen seines schwarzen Abendanzugs und überquerte im Laufschritt die schwach beleuchtete Straße. Einen Moment lang blieb er unschlüssig vor der verschlossenen Sicherheitstür des Gebäudes stehen. Seine Selbstachtung drängte ihn, kehrtzumachen und nach Hause zu fahren. Aber andere Kräfte waren stärker als sein Stolz, und er drückte auf den Klingelknopf.

Dann wartete er angespannt und bemerkte verärgert, dass sein Herz pochte. Warum tat sie ihm das an?

„Ja?“, ertönte es aus der Sprechanlage, und der warme, rauchige Klang dieser Stimme jagte ihm einen Schauer über den Rücken.

„Ich bin es. Alan“, sagte er voller Selbstverachtung.

„Alan …?“, wiederholte sie, als müsse sie sich erst erinnern, wer das sein könnte.

Alan biss sich auf die Zunge, um sie nicht anzuschreien. Er musste ruhig bleiben, durfte ihr nicht mehr Triumph gewähren als unbedingt nötig.

„Was willst du, Alan?“

Dir den Hals umdrehen, dachte er wütend. Verdammt, sie liebte es, ihn zu quälen! „Himmel, Ebony, es ist bitterkalt hier draußen. Lass mich einfach herein. Oder bist du nicht allein?“, fügte er schneidend hinzu.

Es folgte ein Augenblick angespannten Schweigens, dann das Summen des Türöffners. Eine Mischung aus Erleichterung und Erregung wallte in Alan auf, und er hasste sich dafür. Wieder einmal hatte Ebony ihn mühelos in ihren Bann gezogen. Auch wenn er sich dafür verachtete, er konnte sie nicht ansehen, ohne sie derart zu begehren, dass es ihm körperlich wehtat.

Ebony erwartete Alan an der geöffneten Wohnungstür. Sie trug immer noch dieses aufreizende schwarze Kleid aus der Modenschau. Es gehörte zu den unverrückbaren Bedingungen ihrer Verträge, dass sie die Kleider die sie anlässlich einer Modenschau vorführte, behalten durfte. Den Modeschöpfern war das nur recht, denn sie konnten sich kaum eine bessere Werbung vorstellen, als dass die gefeierte Ebony ihre Modelle auch in aller Öffentlichkeit trug.

„Dieses Kleid sieht von Nahem betrachtet noch besser aus“, bemerkte Alan heiser.

Ebony begutachtete ihn kühl über den Rand ihres Weinglases hinweg und nippte seelenruhig an ihrem Weißwein. „Du warst also wirklich da heute Abend“, bemerkte sie dann in beiläufigem Ton, wandte sich ab und ging ins Wohnzimmer. Es blieb Alan überlassen, die Wohnungstür zu schließen und ihr zu folgen.

Sein Blick schweifte durch das elegante Wohnzimmer, und er bewunderte einmal mehr, wie großartig es ihr gelungen war, mit wenigen, ausgesuchten Möbelstücken Wirkung zu erzielen. Hatte sie Weiß ganz bewusst als Hintergrund gewählt, um ihre persönliche Farbgebung hervorzuheben, oder als eiskalte Verhöhnung dessen, was die Farbe Weiß gemeinhin bedeutete? Alan hätte es ihr zugetraut. Er traute ihr so ziemlich alles zu.

Ebony hatte ihre Schuhe angestreift und machte es sich auf einem der beiden weich gepolsterten weißen Ledersofas bequem, die rechts und links des Pseudokamins standen. Ihr blauschwarzes Haar schimmerte im sanften Licht des Gasfeuers, das ihrem Gesicht einen warmen Honigton verlieh. Das fast weiße Make-up von der Modenschau hatte sie offensichtlich entfernt, aber ihr Mund leuchtete immer noch dunkelrot. Dunkelrot und ungemein sinnlich.

Alan ließ den Blick verlangend über sie wandern und schluckte.

„Der Wein steht im Kühlschrank“, bemerkte Ebony gleichgültig und deutete in Richtung Küche. Dunkelrot lackierte Fingernägel betonten ihre schönen, schlanken Hände. „Bediene dich selbst.“

„Nein danke“, sagte Alan förmlich und verwünschte sie, weil er sich in ihrer Gegenwart stets so unbehaglich fühlte.

Schweigend trank Ebony ihren Wein aus und stellte das leere Glas seufzend auf den Couchtisch aus weißem Marmor. „Musst du da so ungemütlich herumstehen mit den Händen in den Hosentaschen? Du machst mich befangen.“

Er lachte schroff. „Tatsächlich? Das ist nur fair.“

Sie zog die fein geschwungenen Brauen hoch. „Was soll das heißen?“

„Nichts. Vergiss es.“ Er ging langsam auf sie zu. Für Sekundenbruchteile glaubte er etwas wie Angst in ihren Augen aufleuchten zu sehen. Dann hatte sie sich wieder in der Gewalt und blickte gefasst zu ihm auf.

„Den letzten Scheck für dich habe ich schon ausgeschrieben. Ich werde ihn holen.“ Sie stand auf und war an ihm vorbei, ehe er die Hand nach ihr ausstrecken konnte. Nur der exotische Duft ihres Parfüms stieg ihm in die Nase, aber das genügte, um sein Verlangen erneut zu entfachen.

„Ich bin nicht wegen eines Schecks gekommen, Ebony“, sagte er wütend. „Du weißt verdammt gut, dass ich von Anfang an nicht gewollt habe, dass du mir irgendetwas zurückzahlst.“

Mit einem unverbindlichen Lächeln nahm sie den Scheck aus einer Schublade. „Sicher, Alan, aber, was du willst, ist nicht unbedingt entscheidend für mich.“

„Mit anderen Worten?“

Der Blick ihrer schwarzen Augen wurde hart. „Mit anderen Worten, ich möchte, dass du diesen Scheck nimmst und dich zum Teufel scherst. Ich will dich nie wieder sehen. Ich werde heiraten.“

„Heiraten?“ Alan starrte sie wie vom Donner gerührt an. Sie konnte, durfte nicht heiraten! Er würde das nicht zulassen. Sie gehörte ihm!

„Ganz recht“, bekräftigte Ebony. „Gary Stevenson. Er hat mich heute gefragt und mich gebeten, mit ihm nach Paris zu gehen. Ich werde es tun.“

„Das glaube ich dir nicht!“

„Du solltest es, Alan. Es ist aus zwischen uns. Endgültig aus!“

„Ach ja? Da bin ich anderer Meinung, Ebony.“ Er griff nach dem Scheck und zerriss ihn in kleine Fetzen. Dann zog er Ebony in seine Arme und küsste sie, bis sie beide atemlos um Luft rangen.

Ebony gelang es, sich aus seiner Umarmung herauszuwinden. Als sie sich aber abwandte, packte er sie und hielt sie fest. Eine Hand auf ihrem flachen Bauch, drückte er ihre Hüften an sich, sodass sie fühlen müsste, wie erregt er war. „Ich werde dich nicht gehen lassen“, keuchte er dicht an ihrem Ohr. „Du gehörst mir, Ebony. Mir!“

Verzweifelt bedeckte er ihren Nacken mit heißen Küssen und streichelte verlangend ihre hohen, festen Brüste. Seine Erregung wuchs, als er durch den dünnen Stoff des Kleides spürte, wie die Spitzen ihrer Brüste hart wurden. Ebony stöhnte lustvoll. Ein wildes Triumphgefühl wallte in ihm auf, und er hatte nur noch den einen Wunsch, noch einmal die völlige Hingabe dieser Frau zu gewinnen. Jeder Gedanke an morgen, an die Zukunft, an Ebonys geplante Heirat verlor an Bedeutung. Er musste sie noch einmal nackt in den Armen halten und gemeinsam mit ihr in jene Sphären unvorstellbarer Lust aufsteigen, die er mit keiner anderen Frau je erreicht hatte.

„Alan, nein!“, stöhnte Ebony.

Aber in seinen Ohren klang es wie ja. Ohne auf ihren Protest zu achten, hörte er nicht auf, sie zu küssen und zu streicheln, bis sie sich zitternd vor Verlangen zu ihm umdrehte. In diesem Moment hätte er die Verzweiflung in ihren Augen erkennen können, wenn er fähig gewesen wäre, überhaupt noch etwas zu erfassen außer seiner überwältigenden Begierde. Doch alles, was er sah, war ihr voller roter Mund, so weich und verführerisch. Er wollte ihn überall auf seinem Körper spüren und sich ganz in dieser süßen Lust verlieren.

„Ich hasse dich“, hauchte Ebony, als er sie auf seine Arme hob und in das Schlafzimmer trug.

Seine blauen Augen glühten leidenschaftlich. „Ich liebe es, wie du hasst, Ebony. Hör nicht damit auf.“ Dann legte er sie auf das Bett und begann, sie auszuziehen.

2. KAPITEL

Ebony wachte am nächsten Morgen in dem sicheren Bewusstsein auf, dass sie Alan Carstairs nun endgültig hasste.

Es hatte so kommen müssen, wenngleich es bis dahin ein weiter Weg gewesen war.

Mit fünfzehn hatte sie ihn wie einen Helden verehrt. Mit sechzehn war sie unsterblich verliebt in ihn gewesen, wie es nur ein Schulmädchen sein kann. Mit siebzehn hatten sich all ihre Fantasien nur um ihn gedreht, bis sie sich schließlich mit achtzehn gänzlich vor diesem Mann zum Narren gemacht hatte.

Sie wurde jetzt noch rot vor Scham, wenn sie daran dachte, wie sie sich ihm an jenem Abend vor vier Jahren in der Bibliothek an den Hals geworfen hatte in der naiven Überzeugung, dass er sie lieben müsse, wenn er doch all die Jahre aus eigener Tasche für ihren Unterhalt gesorgt hatte. Alan war wie vom Donner gerührt gewesen, als sie plötzlich die Arme um seinen Nacken gelegt und ihn geküsst hatte. Ironischerweise war seine flüchtige, aber heftige Erwiderung ihres Kusses vermutlich verantwortlich gewesen für das, was drei Jahre später zwischen ihnen geschehen sollte.

Den Kuss damals in der Bibliothek hatte er allerdings schnell beendet, ehe man ihm hätte vorwerfen können, ein so junges Mädchen verführen zu wollen. Aber die Erinnerung daran, wie er seine Zunge leidenschaftlich zwischen ihre Lippen gedrängt und sie für Sekundenbruchteile verlangend an sich gepresst hatte, hatte genügt, in ihr die Hoffnung zu nähren, dass er sie trotz seiner äußerlichen Empörung liebte und begehrte.

Und naiv, wie sie damals war, hatte sie ihm das gesagt.

Autor

Miranda Lee
Miranda Lee und ihre drei älteren Geschwister wuchsen in Port Macquarie auf, einem beliebten Badeort in New South Wales, Australien. Ihr Vater war Dorfschullehrer und ihre Mutter eine sehr talentierte Schneiderin. Als Miranda zehn war, zog die Familie nach Gosford, in die Nähe von Sydney.

Miranda ging auf eine Klosterschule. Später...
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Miranda Lee
Miranda Lee und ihre drei älteren Geschwister wuchsen in Port Macquarie auf, einem beliebten Badeort in New South Wales, Australien. Ihr Vater war Dorfschullehrer und ihre Mutter eine sehr talentierte Schneiderin. Als Miranda zehn war, zog die Familie nach Gosford, in die Nähe von Sydney.

Miranda ging auf eine Klosterschule. Später...
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