Verzaubert von dem venezianischen Verführer

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Diese wunderschöne Frau ist allein in der romantischsten Stadt der Welt? Vito Rameri ist von der Fremden, die er aus einer Notsituation gerettet hat, hingerissen. Er lädt Maya in sein Atelier ein, und zum ersten Mal seit dem Tod seiner Frau kann er wieder malen: eine Skizze von Maya! Mehr darf nicht sein, denn er hat sich geschworen, sich nie wieder zu verlieben. Bis er Maya bitten muss, so zu tun, als sei sie seine Freundin. Damit seine geliebte Großmutter wieder glücklich ist! Ein verführerisches Spiel beginnt zwischen ihm und Maya …
  • Erscheinungstag 25.02.2020
  • Bandnummer 042020
  • ISBN / Artikelnummer 9783733713973
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Hätte ich das Packen doch nur nicht bis zur letzten Minute aufgeschoben!

Obwohl, eigentlich war der Hausputz schuld. Maya Talbot hatte ihn als Ablenkungsmanöver gestartet, um die letzten zwei Tage und ihre demütigenden Ereignisse verdauen oder wenigstens vorübergehend verdrängen zu können. Achtundvierzig Stunden, in denen sie von einer Verlobten mit strahlender Zukunft zur betrogenen Frau degradiert worden war.

Mit einer gezischten Verwünschung feuerte sie eine Sandalette quer durch den Raum, statt sie in den Koffer zu packen. Sie landete an der blassgelben Wand, wo sie einen hässlichen dunklen Streifen hinterließ.

Na und? Als wenn Kofferpacken oder eine Renovierung ihre größten Probleme wären! Viel wichtiger war die Frage, wie sie plötzlich alleinstehend, zutiefst enttäuscht und mit gebrochenem Herzen den Trip ihres Lebens antreten sollte? Ein lang ersehntes Abenteuer, das ihre ebenso großzügige wie liebevolle Granny ihr geschenkt hatte und das ursprünglich für zwei gedacht war.

Jetzt musste Maya als Single auf Reisen gehen …

Plötzlich war ihr alles zu viel. Sie ließ sich aufs Bett fallen und vergrub schluchzend das Gesicht in den Kissen. Wie konntest du mir das antun, Matt?

Vor allem … wie lange hatte er sie schon betrogen? Und mit wie vielen Frauen?

Eine kleine perfide Stimme in ihrem Hinterkopf höhnte, dass sie es doch schon länger vermutet hatte. Zumal ihr Verhältnis in der letzten Zeit immer angespannter geworden war. Allein Matts fadenscheinige Ausreden, sobald es um die notwendigen Hochzeitsvorbereitungen ging. Anfangs hatte sie alles mit Nervosität und typisch männlichem Desinteresse an derartigen Dingen zu entschuldigen versucht.

Besser wäre gewesen, sie hätte auf ihren Instinkt gehört. Maya seufzte abgrundtief.

Wie hatte sie sich auf diesen Europatrip gefreut, der ganz oben auf ihrer ganz persönlichen Wunschliste, stand! Eine Tour durch Europa, um großartige Kunstwerke in weltberühmten Museen zu anzusehen und die spektakuläre Architektur vergangener Jahrhunderte in den romantischsten Städten der Welt zu bestaunen. Schon vor dem geplanten Kunstgeschichtsstudium, aus dem dann leider nichts wurde, hatte sie von einem Europabesuch geträumt.

Jetzt bloß nicht noch ein Frustthema aufs Tapet bringen, ermahnte Maya sich und kehrte zu der geplanten Reise zurück.

Erster Halt war Venedig. Anschließend ging es weiter nach Florenz und Rom. Danach folgte Paris und als letzter Stopp die glanzvolle Metropole London.

Da ihre Großmutter ebenso kunstbegeistert war wie ihre Enkelin, hatte Maya oft mit ihr über ihre Traumreise gesprochen. Und wie durch ein Wunder war Grandma Fran auf Martha’s Vineyard, wo sie lebte, an eine Wohltätigkeitsauktion geraten, die genau das im Angebot hatte. Obwohl sie nur über bescheidene Ersparnisse verfügte, hatte sie mitgeboten und den Zuschlag bekommen. Ein bedachtes Geschenk zur Hochzeit ihrer Enkelin … die nun doch nicht heiraten würde … zumindest nicht in absehbarer Zeit. Oder nie!

Maya holte tief Luft. Sie konnte diese Reise doch unmöglich allein antreten!

Sie hatte sich etwas vorgemacht, als sie es aus Trotz beschlossen hatte. Und auf die Schnelle eine neue Reisebegleitung zu finden, war eine Utopie. Ihre Stellung als Buchhalterin im Sanitärunternehmen ihres Onkels bot wenig Gelegenheit für Kontakte. Alle engen Freunde waren im Lauf der Jahre weggezogen, und ihre Cousinen waren ständig eingespannt: Lexie in die Fürsorge für ihr Neugeborenes und Zelda in ein Großprojekt als Sprungbrett für ihre berufliche Karriere. Im Gegensatz zu ihr führten offenbar alle ein erfülltes, abenteuerliches Leben.

Okay, das war’s dann wohl mit ihrer Traumreise …

All diese romantischen Orte als Single-Frau zu besuchen, erschien ihr undenkbar. Andererseits tat es ihr unglaublich leid, Grannys liebevolles Präsent abzulehnen und damit auch das hart ersparte Geld quasi wegzuwerfen.

Sie musste es tun! Und sich damit auch endlich der ernüchternden Realität stellen: Sie war wieder Single und würde es, gemessen an ihrem derzeitigen Gefühlsbarometer, möglicherweise für immer bleiben.

Ihr neues, selbstbestimmtes Leben begann sie am besten damit, ihrem Onkel Rex, Tante Talley und ihren Cousinen so schnell wie möglich von der geplatzten Verlobung zu erzählen. Ihr Onkel war der härteste Knochen. Er verehrte Matt und würde am Boden zerstört sein. Ganz zu schweigen davon, dass Matts Vater sein Geschäftspartner war …

Besser, sie sprach doch zuerst mit ihrer Großmutter und versuchte ihr zu erklären, warum sie so handeln musste. Sie würde es sicher verstehen … oder nicht?

Maya griff zum Handy und fuhr zusammen, als ihre Großmutter schon beim ersten Klingeln abnahm. „Maya, Liebes. Ich hatte gehofft, noch einmal von dir zu hören, bevor du auf die große Reise gehst. Danke, dass du dir die Zeit dafür nimmst.“

Das war typisch Granny! Sich für ein kurzes Telefonat zu bedanken, wenn es eigentlich um ein mehr als großzügiges Geschenk für ihre Enkeltochter ging.

Maya biss sich auf die Lippe, um ein Schluchzen zu unterdrücken. „Hallo“, brachte sie schließlich gepresst hervor. „Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt.“

„Unsinn!“ Ihre Großmutter kicherte wie ein kleines Mädchen. „Ich bin viel zu aufgeregt, um auch nur ein Auge schließen zu können. Als wenn ich selbst fahren würde … wäre ich doch nur jünger und mobiler!“

Maya seufzte innerlich. Das wäre die ultimative Lösung in diesem schmerzhaften Wirrwarr. Doch leider erlaubten Grannys gesundheitliche Einschränkungen keine Reisen.

„Aber egal, dann erlebe ich all die aufregenden Abenteuer eben durch meine Lieblingsenkelin. Ich gönne dir die Reise wirklich von Herzen, Kind.“

Ihre gutgemeinten Worte fuhren Maya wie ein Messer in die Brust, dabei gab es gar keinen Grund, sich schuldig zu fühlen. Es lag ja nicht an ihr, dass ihre Verlobung geplatzt war. Hätte sie etwa einen Mann heiraten sollen, der ihr Vertrauen so schmählich missbrauchte?

„Granny, ich muss dir etwas sagen …“, begann sie mit schwankender Stimme.

„Oh, nein, das klingt ziemlich ernst. Du willst dich doch wohl nicht noch einmal bedanken? Das hast du nämlich schon mehr als genug getan.“

Maya schloss gepeinigt die Augen. Sie hätte sich besser vorbereiten müssen, aber ihre Großmutter ließ ihr ohnehin keine Chance.

„Ich war so glücklich, dir deinen Herzenswunsch erfüllen zu können. Du glaubst ja immer, ich mache Witze, aber du bist wirklich mein heimlicher Favorit.“

Darüber musste sie ungewollt lächeln. Seit dem Verlust ihrer Eltern war es hauptsächlich Granny gewesen, die sie aufgefangen hatte. Obwohl Maya auch ihrem Onkel, ihrer Tante und ihren Cousinen, die sich als Ersatzfamilie angeboten hatten, auf ewig dankbar sein würde. Trotzdem hatte sie zu niemandem sonst eine derart enge Verbindung wie zu ihrer Großmutter. Der Gedanke, ihr jetzt wehtun zu müssen, schnürte Maya die Kehle zu.

„Du bist so süß, Granny. Ich muss aber …“

„Bist du sicher, dass du das rote Kleid mit den dünnen Spaghettiträgern eingepackt hast? Darin siehst du nämlich umwerfend aus, Liebes!“

Das Gespräch war noch schwieriger, als Maya befürchtet hatte. Granny dachte sogar darüber nach, was sie unterwegs tragen würde, und erlebte das Abenteuer offenbar stellvertretend durch sie.

„Oh, und dazu passen am besten diese frivolen Sandalen, die du das letzte Mal getragen hast, als du zu Besuch hier warst. Das ist alles so aufregend, mein Schatz!“

Maya biss sich nur noch fester auf die Lippe, als ihr dämmerte, dass sie ihre Großmutter, die wahrlich genug hatte durchmachen müssen, nicht derart enttäuschen konnte – nein, durfte. Sie freute sich wie ein kleines Kind über ihre grandiose Idee.

Darum war es an ihr, Grannys Geschenk anzunehmen und quasi für sie auf Reisen zu gehen.

Außerdem … hatte Matt sich nicht immer darüber beschwert, dass sie zu wenig wagte und stets den Weg des geringsten Widerstands einschlug?

Nicht, dass es ihr wichtig war, was ihr Ex-Verlobter dachte, aber möglicherweise hatte er in diesem einen Punkt sogar recht. Vielleicht gab es ein verstecktes Abenteuergen in ihr, das nur geweckt werden wollte.

Und allein durch Europa zu reisen, war allemal Abenteuer genug!

In zweiunddreißig Jahren als geborener Venezianer hatte Vittorio Rameri noch nie einen Menschen aus einer Gondel stürzen sehen. Sicher war das schon passiert, er hatte es nur noch nie aus erster Hand miterlebt.

Doch das schien sich gerade zu ändern.

Denn die Frau, die er gerade von seinem Lieblingscafé am Canale Grande aus beobachtete, würde jeden Moment das Gleichgewicht verlieren. Vito war überzeugt, dass sie Amerikanerin war. Alles sprach dafür, angefangen bei der winzigen Designerhandtasche bis hin zu den schicken Caprihosen. Wahrscheinlich eine hippe junge Führungskraft aus einer Großstadt wie New York oder Los Angeles.

Er überlegte kurz, ob er ihr helfen sollte, aber aus dieser Entfernung würde er es ohnehin nicht rechtzeitig schaffen. Und er behielt recht. Es dauerte nur Sekunden. Der Gondoliere versuchte noch, sie zu erwischen, aber der arme Mann war nicht schnell genug. Mit einem spitzen Aufschrei stürzte sie über die Bordwand und landete im Wasser.

Vittorio beschattete seine Augen gegen die grelle Sonne. Sie musste angetrunken sein, trotz der relativ frühen Nachmittagsstunde. An weinselige Touristen hatte er sich im Lauf der Zeit gewöhnt, doch niemand war bisher so betrunken gewesen, dass er aus einer Gondel gefallen war.

Inzwischen hatte ihr Sturz etliche Neugierige auf den Plan gerufen, die zuschauten, wie sie im Wasser herumplanschte. Aber keiner von ihnen schien ihr eine große Hilfe zu sein, auch der Gondoliere nicht.

Vittorio seufzte lautlos. So viel zu einem entspannten Nachmittag …

Was ihn veranlasste, die ungelesene Zeitung liegen und den dringend benötigten Espresso stehen und kalt werden zu lassen, konnte er sich selbst nicht erklären. Vielleicht war es der Ausdruck echter Panik in ihren Augen, kurz bevor sie aus der Gondel fiel. Ihr Gesichtsausdruck signalisierte, dass sie bereits genug durchgemacht hatte und dieser Sturz ins trübe venezianische Wasser nur der berühmte letzte Tropfen war, der für sie das Fass zum Überlaufen brachte.

Als Vittorio die Gondel erreichte, bedurfte es der Assistenz des Gondolieres, um die Badenixe wider Willen an Land zu hieven. Offenkundig lag Vito richtig mit seiner Vermutung, dass sie Amerikanerin war. Denn er sprach fließend Englisch und verstand jedes der Schimpfwörter, die sie hervorzischte … oder besser murmelte.

Sie war unter Garantie angetrunken und dazu bis auf die Haut durchnässt.

„Sind Sie verletzt, Miss?“, fragte er, als sie endlich einmal Luft holte.

Sie wandte sich ihm zu, und Vittorio spürte, wie seine Brust seltsam eng wurde. Ihre Augen hatten die Farbe des venezianischen Himmels bei Sonnenuntergang. Dichtes, dunkles Haar klebte an Wangen und Hals, und ihr Make-up war eindeutig nicht wasserfest. Dennoch war nicht zu leugnen, dass er eine wahre Schönheit vor sich hatte.

Der Gondoliere schien mindestens so erschüttert zu sein wie seine verunglückte Passagierin und stand blass und stumm neben ihm. Die ganze Situation war so absurd, dass Vito sich ein Lachen verkneifen musste. Aber sich auch noch über sie lustig zu machen, wäre wohl wenig gentlemanlike. Zumal er ja immer noch nicht wusste, ob sie verletzt war oder nicht.

Mit einer heftigen Bewegung schüttelte sie Wasser aus Haaren und Gesicht und suchte Vitos Blick. „Danke für Ihre Hilfe, wer immer Sie auch sein mögen.“ Dann wandte sie sich dem Bootsführer zu. „Ich habe meine Meinung, was eine Gondelfahrt betrifft, geändert, Sir“, erklärte sie in überraschend ruhigem und tödlich ernstem Ton.

Das war’s. Vito konnte nicht länger an sich halten.

Sie wirbelte mit solcher Wucht herum, dass er schon befürchtete, sie würde erneut im Wasser landen. „Sie finden das lustig, ja?“

Ihre goldbraunen Augen blitzten vor Empörung und Wut.

„Tut mir leid, ich wollte Sie ganz sicher nicht auslachen.“

Sie fixierte ihn weiter mit sengendem Blick, trotz der Entschuldigung.

Der Gondoliere hingegen hatte offenkundig genug von der angespannten Situation und trat die Flucht nach vorn an. Wie der Blitz war er wieder an Bord seiner Gondel und stakte ohne einen Blick zurück davon. Damit blieb Vito allein mit der angetrunkenen Amerikanerin zurück, die in ihren nassen, hautengen Sachen zudem unverschämt sexy aussah.

Sexy? Woher kam das denn? Vito rief sich streng zur Ordnung.

„Sie haben meine Frage nicht beantwortet“, erinnerte er sie.

„Welche Frage?“

„Wie es Ihnen geht. Ob Sie verletzt sind oder nicht.“

Sie stutzte und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Vito konnte verfolgen, wie Wut und Verstimmung dahinschmolzen und einem Ausdruck tiefster Resignation Platz machten. Er sah Traurigkeit und Schmerz in den ausdrucksvollen Augen aufflackern und hätte es absolut vorgezogen, sie wieder wütend zu sehen.

Als wenn ihn das überhaupt etwas anging! Er kannte die Frau doch gar nicht.

„Mir geht es gut …“, murmelte sie, dann zuckte es in einem Mundwinkel. „Außer, dass ich tödlich verlegen bin“, fügte sie mit einem schnellen Blick auf die Menschenansammlung hinzu, die sich noch nicht vollständig aufgelöst hatte.

Vito schnalzte mit der Zunge. „Vergessen Sie’s, in Venedig fallen ständig Leute aus Gondeln“, log er dreist.

Sie musterte ihn offen von Kopf bis Fuß. Ihre Augen waren wirklich atemberaubend. Ein satter Bernsteinton, der zusammen mit ihrem olivfarbenen Teint überhaupt nicht hätte wirken dürfen. Aber irgendwie verlieh es ihr einen altmodischen und zugleich extravaganten Look, von dem sich jede Künstlerseele angezogen fühlen würde.

Vito versuchte wegzuschauen, um nicht beim Starren ertappt zu werden, doch es war zwecklos. Diese Augen waren einfach zu faszinierend, ja, fast magisch.

„Warum glaube ich Ihnen das nicht?“, fragte sie milde, und als er dann auch noch das angedeutete Lächeln um ihre vollen Rosenknospenlippen wahrnahm, war es vollends um ihn geschehen.

„Bene.“ Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht weil ich es eben erfunden habe?“

Das Lächeln wurde breiter. „Netter Versuch. Ganz Gentleman der alten Schule, ja? Zuerst eilen Sie mir zu Hilfe, um mich vor dem sicheren Tod zu bewahren, und jetzt versuchen Sie auch noch, meinen Stolz zu retten.“

Sie schaute an sich herunter und strich mit der Hand über ihre nasse Kleidung, die wie eine zweite Haut an ihr klebte und jede weibliche Kurve vorteilhaft betonte.

Was, um alles in der Welt, ist nur in mich gefahren? Wann habe ich das letzte Mal die Kurven einer Frau auch nur registriert? Mit Sicherheit nicht in den letzten zwei Jahren. Nicht seit Marinas Unfall …

Erst als sie ihm die Hand entgegenstreckte, realisierte er die entstandene Gesprächspause. „Nochmals danke, Signor ?“

„Vittorio Rameri.“ Ihre Haut fühlte sich für jemanden, der gerade in schmutziges Wasser abgetaucht war, überraschend warm an. „Aber meistens werde ich Vito genannt.“

„Hallo Vito. Ich bin Maya Talbot aus Massachusetts. Und ich wünschte, wir hätten uns dieses peinliche Intermezzo ersparen können. Das ist nicht persönlich gemeint …“

Während er noch nach einer passenden Erwiderung suchte, wrang sie die nassen Enden ihres Leinenhemdes aus.

Seltsam, im Gegensatz zu Maya aus Massachusetts war er verdammt froh, sie getroffen zu haben. Warum genau hätte er nicht sagen können. Aber heute fühlte er sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder dazu verführt, die Gesichtszüge einer Frau zu studieren. Er wollte beobachten, wie das Sonnenlicht die goldenen Punkte in ihren Augen zum Leuchten brachte.

Und er wollte darüber sinnieren, wie es sich anfühlen würde, das zu modellieren, was er vor sich sah. Doch tief im Innern wusste Vito, dass er noch nicht dazu bereit war, wieder Ton in seinen Händen zu spüren.

„Ich gehe wohl besser zurück in mein Hotel“, entschied Maya, während er sie immer noch unverwandt anstarrte. Falls sie das registrierte, war sie zu höflich, um es zu erwähnen.

„Sind Sie solo?“, platzte er unvermittelt heraus.

Ihre Schultern sanken herab, als würde allein die Frage sie noch tiefer bedrücken. Vito war fasziniert. Was für eine Geschichte mochte sich dahinter verbergen?

Sie mied seinen Blick. „Ich fürchte, ja. Nur ich … mutterseelenallein in einer der romantischsten Städte der Welt. Stellen Sie sich das vor.“

Das fiel ihm schwer. Mit ihrem Aussehen und ihrer Ausstrahlung müsste sie sich vor männlichen Verehrern kaum retten können.

„Hmm …“, murmelte er.

„So sollte es aber nicht sein!“, beschwerte sich Maya und tippte mit einem zitternden Finger vorwurfsvoll gegen seine Brust.

Vito vermutete, dass er ihre ungezwungene und direkte Art, mit einem Fremden zu sprechen, der sie eben erst aus dem Canale Grande gefischt hatte, in erster Linie dem Alkohol zuschreiben durfte.

„Ich sollte mit meinem Verlobten hier sein“, vertraute sie ihm düster an. „Aber der ist ein … wie nennt ihr das hier? Bastardo? Ja, das ist er. Ich habe dieses Wort von der Haushälterin des Hotels gelernt, die mir zur Begrüßung eine Flasche Valpolicella auf mein Zimmer gebracht hat.“ Sie lächelte ihm zu.

Na, das erklärte den frühen Alkoholgenuss: Maya Talbot war eine betrogene Braut. Oder Ex-Braut, wie es aussah. Hatte sie tatsächlich die ganze Flasche geleert?

Auf jeden Fall bewunderte er sie dafür, dass sie sich trotz allem entschlossen hatte, allein auf eine Reise zu gehen, die ganz offensichtlich für ein Paar geplant gewesen war.

„Also …“ Sie wedelte ihm Abschied nehmend mit einer Hand zu. „Arrivederci.“

Bevor sie auch nur einen Schritt machen konnte, umfasste Vito ihren Arm. „Un momento, Signorina.“ Er konnte sie nicht einfach so gehen lassen. Sie war nicht in der Verfassung, allein durch eine unbekannte Stadt zu streifen.

Maya blinzelte überrascht. „Ja?“

„Weißt du überhaupt, wo es langgeht?“, fragte er in freundschaftlichem Ton.

Sie blinzelte erneut, ehe sie sich nach links wandte, zögerte, die Stirn runzelte und dann in die entgegengesetzte Richtung schaute. Es war nicht zu übersehen, dass sie überhaupt keinen Plan hatte. Sie in diesem Zustand sich selbst zu überlassen, würde einer unterlassenen Hilfeleistung nahekommen.

„Ich werde es schon noch herausfinden“, erklärte Maya hoffnungsvoll.

Was, wenn sie in ihrem Zustand stolperte und wieder im Wasser landete? Er könnte sie ins Café lotsen und ihr einen Cappuccino anbieten, doch sie war bis auf die Knochen durchnässt. Nicht unbedingt komfortabel auf Dauer, ganz zu schweigen von dem Aufsehen, das ihr Anblick verursachen würde. Er könnte sie auch in ein Vaporetto verfrachten und es zu ihrem Hotel schicken. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass sie seekrank wurde, war seiner Einschätzung nach ziemlich groß. Was sie wirklich brauchte, war ein Bett, um sich hinlegen zu können, bis die Wirkung des Alkohols verflogen war.

„Vielleicht kann ich ja helfen“, schlug er vor.

Ihre Augenbrauen wanderten nach oben. „Wie?“

„Wir könnten kurz da rübergehen.“ Er zeigte auf ein Gebäude oberhalb der Brücke. „Dort könntest du dich ein wenig … herrichten.“

Dass sich ihre Züge daraufhin schlagartig verdunkelten, war ihr kaum vorzuwerfen. Sie kannte ihn nicht länger und besser als den Eisverkäufer an der nächsten Ecke.

„Du erwartest, dass ich einen Mann, den ich noch nie zuvor gesehen habe, in seine Wohnung begleite?“, fragte Maya fassungslos. „Danke, aber nein danke.“

Vito schüttelte den Kopf. Er hätte es besser erklären müssen. „Scusa. Du hast mich falsch verstanden. Ich wohne nicht dort. Es ist ein Atelier, das auch für Besucher geöffnet ist. Dort gibt es eine gemütliche Sitzecke mit einem Schlafsofa für Gäste von außerhalb. Ich hätte sogar trockene Kleidung für dich.“

Maya maß ihn mit einem vernichtenden Blick von Kopf bis Fuß. „Ich bezweifle, dass wir dieselbe Größe haben.“

„Ich meinte Damenbekleidung.“

Die Erleichterung auf ihren angespannten Zügen war frappierend. „Ah, ich verstehe! Von deiner Frau, ja?“

Jetzt war es Vito, dessen Gesichtszüge für einen Moment entgleisten. Nach all der Zeit war er immer noch nicht daran gewöhnt, dass er keine Frau mehr hatte. Und wohl auch nie mehr eine haben würde.

Er schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht verheiratet. Aber meine Models lassen ständig irgendwelche Sachen liegen.“ Zwar nicht in den letzten Monaten, respektive Jahren, aber das musste er ja nicht erwähnen.

„Deine Models?“, hakte Maya misstrauisch nach. „Was für ein Atelier ist das denn? Bist du Fotograf? Oder so eine Art Künstler?“

Das war treffender ausgedrückt, als er es hätte formulieren können. Denn, um der Wahrheit Genüge zu tun, war er schon eine ganze Weile kein Künstler mehr …

2. KAPITEL

Offenbar hatte sie Papier oder Watte gegessen. Maya schnitt eine Grimasse und versuchte, um den pelzig trockenen Belag herumzuschlucken, der ihren Mund und Rachen auszufüllen schien. Alles, was sie fertigbrachte, war ein schwaches Krächzen.

Wasser … sie brauchte dringend Wasser!

Mühsam zwang sie die Lider auf und zuckte zusammen, als der Schmerz hinter ihren Augäpfeln zu explodieren drohte. Lieber Himmel! Dabei hatte sie die Flasche nicht einmal geleert! Und getrunken hatte sie den Wein doch nur, um zu beweisen, wie locker sie sein konnte. War es nicht das, was Matt gefehlt hatte? Dass sie einfach einmal losließ?

Vielleicht wäre ihre Toleranzschwelle für Alkohol höher gewesen, wenn sie mehr geübt hätte. So müsste ihr Ex-Verlobter sie sehen: hingegossen auf einer Couch im Hinterzimmer eines venezianischen Künstlerateliers, in das sie einem Wildfremden freiwillig gefolgt war.

Lauschend neigte Maya den Kopf. Irgendwo im Gebäude hörte sie leise italienische Stimmen. Zwei Männerstimmen und eine Frau. Sie verstand nichts von dem, was gesagt wurde. Dann öffnete sich eine Tür und wurde wieder geschlossen.

Mit einem leisen Stöhnen versuchte sie sich aufzurichten. Wie es aussah, trug sie eine Art Baumwolltunika. Vage erinnerte Maya sich daran, hinter einem Vorhang ihre nassen Sachen ausgezogen zu haben, wobei sie fast umgefallen wäre.

Aber sie erinnerte sich auch an andere Dinge … sympathische kastanienbraune Augen, dunkles welliges Haar und starke Arme, die sie gestützt hatten.

Wer war dieser Mann, der sie aus dem Wasser gerettet, fürsorglich hierhergelotst und mit dem Nötigsten versorgt hatte?

Wie beschämend, dass sie nicht die leiseste Ahnung hatte.

Plötzlich überlief Maya ein kalter Schauer. Wie konnte sie sich in einer fremden Stadt, auf einem fremden Kontinent, wo sie keine Menschenseele kannte, einem völlig Fremden ausliefern? Niemand würde nach ihr suchen, wenn sich herausstellte, dass dieser Adonis ein kaltblütiger Psychokiller war!

Sie stöhnte noch einmal und versuchte, sich zu sammeln.

Zum Glück war dies nicht sein privater Wohnsitz, sondern ein öffentliches Gebäude … zumindest hatte er das behauptet. Allerdings würde sie bei ihrem Onkel Rex mit einer derart schwachen Argumentation niemals durchkommen, sollte er je von ihrem Missgeschick erfahren. Oder von dem Valpolicella-Desaster!

Onkel Rex! Direkt angelogen hatte sie ihn und den Rest der Familie eigentlich nicht, als sie behauptete, sie würde sich mit dieser Reise eine Art Auszeit gönnen und sich später mit Matt in Europa treffen. Nach einer dringenden Mission, zu der er plötzlich abgerufen worden war. Das war keine echte Lüge, sondern nur ein kleiner Aufschub des Dramas, das sie zweifellos erwartete, wenn die anderen von der gelösten Verlobung mit dem Fang des Jahrhunderts erfuhren, für den sie Matt immer gehalten hatten.

Wenn die wüssten! Wenn ich es nur gewusst hätte …

Plötzlich rannen dicke Tränen unter ihren geschwollenen Lidern hervor und verstärkten noch den pochenden Schmerz hinter ihren Schläfen. Ihr Hals war trocken und brannte wie Feuer. Maya hätte ein Vermögen für einen Schluck kühles Wasser gegeben.

Und das Universum hatte Erbarmen.

„Darf ich reinkommen?“, fragte eine sonore Stimme durch die geschlossene Tür. „Ich hörte ein Rascheln, also nahm ich an, dass du inzwischen wach bist.“

„Ich äh … ja.“

Ihr Retter trat ein, in den Händen ein Tablett, beladen mit Tellern, Tassen und einer dampfenden Karaffe. Doch das Einzige, was Maya interessierte, war der Glaskrug mit offenbar eisgekühltem Wasser, auf dem Zitronenscheiben schwammen.

„Wie fühlst du dich?“

Maya horchte der Frage nach. Sie klang vage besorgt, doch auf keinen Fall aufdringlich oder gar übergriffig. Gut so. Aber was sollte sie antworten?

Verlegen? Halb verdurstet? Völlig außer Fassung?

Sie holte tief Luft, fasste ihren Retter genauer ins Auge und spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. Was sie sah, wurde der vagen Erinnerung an den netten italienischen Adonis absolut nicht gerecht.

Er war … einfach atemberaubend. Hochgewachsen, breitschultrig, mit klassischen Gesichtszügen. Zu einem naturfarbenen Leinensakko trug er eine dunkle Hose und ein blaugraues Hemd, das am gebräunten Hals offen stand. Er könnte glatt als Topmodel eines internationalen Herrenmodemagazins durchgehen.

Lieber Himmel, im Vergleich mit diesem Musterexemplar von Mann muss ich wie ein Landstreicher aussehen!

Ohne auf ihre Antwort zu warten, goss ihr Retter ein Glas Wasser ein, mit einer an den Glasrand geklemmten Zitronenscheibe. Neben seinem umwerfenden Aussehen konnte der Kerl also auch noch Gedanken lesen. Oder sah sie einfach nur so ausgetrocknet und fertig aus, wie sie sich fühlte?

Dankbar nahm Maya den eisgekühlten Drink entgegen. „Hätte ich mich daran gehalten, wäre ich sicher nicht vor einer gaffenden Menge über Bord einer Gondel gegangen …“, versuchte sie es mit schwarzem Humor.

„So was kann schon mal passieren“, behauptete er augenzwinkernd.

Maya hätte nicht gedacht, dass sie schon so weit wäre, über ihren peinlichen Auftritt zu lachen, aber er machte es ihr leicht.

Autor

Nina Singh

Nina Singh lebt mit ihrem Mann, ihren Kindern und einem sehr temperamentvollen Yorkshire am Rande Bostons, Massachusetts. Nach Jahren in der Unternehmenswelt hat sie sich schließlich entschieden, dem Rat von Freunden und Familie zu folgen, und „dieses Schreiben doch mal zu probieren“. Es war die beste Entscheidung ihres Lebens. Wenn...

Mehr erfahren