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Ausgerechnet vier Tage vor Tessas Hochzeit mit dem kühlen Paul taucht der athletische Isaac wieder auf, der nach einem Streit neun Jahre verschwunden war. Sofort erwacht in Tessa heiße Begierde. Ist das Sünde oder Schicksal? Seine wilden Küsse geben ihr die Antwort. Kann sie Paul jetzt trotzdem noch heiraten?
  • Erscheinungstag 28.03.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733756123
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Noch vier Tage …

„Das ist das schönste Hochzeitskleid, das ich je gesehen habe!“

Tessa drehte sich im Kreis und betrachtete sich begeistert in dem langen, ovalen Spiegel. Ihre blauen Augen leuchteten, als sie sich von hinten betrachtete. Das Kleid hatte einen tiefen Rückenausschnitt. Das Oberteil bestand aus Seidenbrokat. Von zartrosa Rosen an der Taille aus fielen Bahnen feinsten Chiffons. Es war einfach märchenhaft.

„Es ist perfekt, Schatz“, bestätigte Rosalind Morrow. Tränen der Rührung traten ihr in die Augen, während sie ihre glückliche Tochter beobachtete.

Tessa lächelte ihrer Mutter aufgeregt zu, ging durch den Raum und genoss das Rascheln der Seide. „Das wird eine Traumhochzeit“, sagte sie selig.

„Ja“, bestätigte Rosalind, doch der nachfolgende Seufzer klang nicht so fröhlich.

Tessa warf ihrer Mutter einen scharfen Blick zu. Rosalind verzog keine Miene, verschränkte jedoch nervös die Hände ineinander.

„Stimmt etwas nicht, Mum?“, fragte Tessa.

„Aber nein, Schatz, alle Hochzeitsvorbereitungen laufen mit der Präzision eines Uhrwerks. Es ist alles in Ordnung.“ Rosalind wandte sich ab und lachte unsicher. „Da ist nur eine Kleinigkeit.“

„Ach ja?“ Tessa bekam Herzklopfen. „Und was?“

Rosalind zupfte an ihrem dunkelblauen Rock. „Du wirst es nicht glauben.“ Sie holte tief Atem und nahm ihren ganzen Mut zusammen. „Isaac ist wieder daheim.“

Tessa wurde blass und sah ihre Mutter erschrocken an.

Isaac ist wieder daheim!

Wie aus weiter Ferne hörte sie ihre Mutter rufen: „Tessa, was hast du denn?“

In ihren Ohren dröhnte es. Das Schlafzimmer, ihre Mutter und das Hochzeitskleid im Spiegel verschwammen plötzlich vor ihren Augen. Schwindel packte sie.

„Tessa, um Himmels willen, wie siehst du denn aus!“

Sie tastete hinter sich, fühlte die Bettdecke und sank darauf.

„Alles in Ordnung, Schatz?“, fragte Rosalind ängstlich. „Soll ich deinen Vater holen? Wie fühlst du dich?“

„Gut.“ Tessa nahm sich gewaltig zusammen. „Ich … ich habe heute noch nichts zu Mittag gegessen“, schwindelte sie, um die Panik zu überspielen. „Du hättest mich wegen … Isaac vorwarnen sollen.“

„Sicher hätte ich das tun sollen“, räumte Rosalind ein. „Aber ich dachte, du wärst nach so vielen Jahren über ihn hinweg.“

„Über ihn hinweg, Mum? Natürlich bin ich das. Ich war nie …“ Tessa stockte und wechselte das Thema. „Hilf mir bitte beim Aufstehen.“ Vorsichtig stemmte sie sich vom Bett hoch und kämpfte gegen die Verzweiflung an.

Isaac ist wieder daheim!

Wieso stand plötzlich ihre ganze Welt Kopf?

„Ach, du lieber Himmel! Was wird dein Vater dazu sagen? Und das schöne Hochzeitskleid ist ganz verknittert!“, rief Rosalind.

Tessa hätte am liebsten geschrien, dass ihre Mutter doch jetzt das Kleid vergessen sollte.

Rosalind merkte nicht, in welchem Zustand ihre Tochter sich befand, und begutachtete weiter das Kleid. „Nun ja, mit Bügeln kriegt man das wieder hin“, erklärte sie zuletzt. „Wie fühlst du dich jetzt, Schatz?“

Tessa rang sich ein Lächeln ab, doch das Herzklopfen ließ nicht nach, und sie war noch nicht wieder sicher auf den Beinen.

„Es geht mir gut, Mum“, entgegnete sie mit einigermaßen fester Stimme.

„Wenigstens wirst du bis zum Wochenende bei uns bleiben“, meinte Rosalind besorgt. „Dir wird ja schon schwindelig, weil du nichts gegessen hast. Du achtest nicht genug auf deine Gesundheit, und ich muss mich noch um so viel kümmern. Bis Samstag ist unglaublich viel zu erledigen.“

Tessa dachte gar nicht daran, ihrer Mutter zu widersprechen, doch die Panik wuchs. Es ging ja noch, wenn sie die letzten Tage vor der Hochzeit daheim verbrachte und ihre Mutter um die kleinsten Details des Festes ein riesiges Aufhebens machte. Aber Isaac war wieder da, und das war einfach unmöglich.

Was machte Isaac denn zu Hause? Und wieso ausgerechnet jetzt? Was für ein unglücklicher Zufall! Er war neun Jahre fort gewesen. Warum hatte er nicht auch noch einige Tage länger wegbleiben können? Wie konnte er ihr das antun?

Hätte sie doch bloß darauf bestanden, bis zum Samstag in ihrer Wohnung zu bleiben. Doch jetzt war es zu spät. Die neuen Mieter zogen bereits morgen ein.

„Könntest du mir einen Pfefferminztee machen, Mum“, bat Tessa, weil sie ein flaues Gefühl im Magen hatte. „Tassen und Teebeutel befinden sich in einem Karton auf der Küchenbank.“

„Natürlich. Das ist jetzt für dich genau das Richtige. Zuerst musst du aber das Kleid ausziehen. Eine Rose muss wieder angenäht werden. Warte, ich öffne es. Dann ist das ein Kinderspiel.“ Rosalind redete weiter, während Tessa die Arme hob und sich das Kleid über den Kopf ziehen ließ. „Und mach dir keine Gedanken, Schatz. Am Wochenende heiratest du Paul, und dann ist alles in Ordnung.“

Das Schwindelgefühl verstärkte sich.

„Nicht wahr, dann ist doch alles in Ordnung?“, fragte Rosalind.

„Natürlich“, antwortete Tessa leise.

Rosalinds Absätze klapperten auf dem gekachelten Fußboden des Wohnzimmers, während sie in die Küche eilte.

Tessa schob die Frage von sich, die manchmal auftauchte, wenn sie nicht im Geringsten darauf vorbereitet war. Es kam sogar vor, dass sie aus einem unruhigen Traum erwachte und sich diese Frage stellte. Und jetzt stand sie erneut im Raum.

Aber natürlich liebte sie Paul!

Sie war wirklich sehr glücklich. Zumindest war sie so glücklich, wie sie vernünftigerweise erwarten konnte. Als Isaac vor neun Jahren verschwunden war, hatte sie die große Liebe verloren, jene Liebe, die man nur einmal im Leben trifft, eine Liebe, wie sie in Filmen verherrlicht wird. Es brachte jedoch nichts, ständig darüber nachzudenken, was ihr mit neunzehn zugestoßen war. Ein neues Leben lag vor ihr.

Ein gutes Leben.

Isaacs unerwartete Rückkehr durfte das nicht verderben.

Nach all den leeren Jahren seit Isaacs Verschwinden hatte sie erleichtert festgestellt, dass sie Paul mochte. Er war so zuverlässig und ergeben, dass sie ihn einfach reizend finden musste. Dazu kam, dass er eine sagenhafte Stellung in einer der besten Anwaltskanzleien von Townsville hatte und die beiden Familien schon lange miteinander befreundet waren.

Das musste sie jetzt unbedingt im Auge behalten.

Nachdem Tessa sich umgezogen hatte, kam sie in die Küche, als ihre Mutter gerade siedendes Wasser in eine Tasse füllte. „Danke“, sagte sie leise, griff nach der Tasse und setzte sich auf das bequeme Sofa.

Rosalind verbesserte ihren Earl-Grey-Tee mit etwas Milch, nahm ihrer Tochter gegenüber Platz und schlug die langen, schlanken Beine übereinander.

„Ist das alles aufregend“, stellte Rosalind fest. „Was für ein Tag! Zuerst taucht Isaac einfach so auf, und dann hast du diesen … Schwächeanfall. Was soll Paul denn davon halten, dass es dich fast umwirft, wenn von einem anderen Mann die Rede ist?“

Seufzend schloss Tessa die Augen und legte den Kopf an die Rückenlehne. Sonnenstrahlen fielen durch die Rollos auf ihr Gesicht. „Es ging nicht um irgendeinen Mann, Mum. Natürlich ist es ein Schock, nach neun Jahren zu hören, dass Isaac wieder da ist.“ Sie öffnete die Augen und zwang sich zu einem möglichst lässigen Ton. „Isaac ist allerdings kein anderer Mann in dem Sinn, wie du das meinst. Er ist schließlich nichts weiter als das Ziehkind meiner Eltern, mein Ziehbruder.“

„Ich bitte dich, Tessa!“ Rosalind rührte heftig in ihrer Tasse um. „Du hast stets versucht, deine Gefühle für diesen Findling, den dein Vater nach Hause gebracht hat, zu verbergen, aber …“

„Mum!“, rief Tessa betroffen. „Wovon sprichst du?“

Rosalind richtete den Blick ihrer dunklen Augen auf ihre Tochter und trank erst einen Schluck Tee. „Du glaubst doch nicht im Ernst, deine Mutter hätte nichts gemerkt? Mein liebes Mädchen, seit deinem vierzehnten Lebensjahr hast du diesen Jungen förmlich mit Blicken verschlungen, wenn er in deiner Nähe war. Und dann die viele Zeit, die ihr beide auf dem Hügel oder auf dem Boot verbracht habt …“

Erneut drehte sich alles um Tessa. Ihre Mutter war über das Boot informiert? Was wusste sie denn noch alles? Betroffen nippte sie an ihrem Tee.

„Und dann“, fuhr Rosalind fort, „hast du bei der Prüfung in Biologie völlig versagt, nachdem Isaac fort war.“

„Aber das war doch, weil …“ Sie hatten gemeinsam Meeresbiologie gelernt, weil sie Delfine retten und in den Meerestiefen ein Mittel gegen Krebs finden wollten. „… weil ich in Biologie nie gut war. Damals war ich doch noch ein Kind.“

Mittlerweile war Tessa Lehrerin geworden und hatte es eigentlich nicht mehr nötig, sich von ihren Eltern einen derartigen Tadel anzuhören.

„Natürlich war es für uns alle ein Schock, dass Isaac einfach verschwand, ohne sich auch nur zu verabschieden“, bemerkte Rosalind. „Deinem Vater hat es fast das Herz gebrochen, das weißt du. Wie konnte er untertauchen, nachdem er jahrelang ein schönes Zuhause, eine gute Ausbildung und Liebe genossen hatte! Das war schlicht und einfach undankbar. Und es ist unverzeihlich, dass er ausgerechnet jetzt heimkommt und deine Pläne stört.“

Tessa hörte schweigend zu.

„Wir lassen uns aber nicht stören, nicht wahr, Schatz?“ Rosalind stand auf und trug die Tasse in die Küche. „Wir machen einfach weiter. Nimm du das Kleid und die Reisetasche. Ich kümmere mich um die Sachen in der Küche. Paul hat vermutlich alles andere erledigt, nicht wahr?“

„Ja.“

„Dann gehen wir!“

Nach Hause. Zu Isaac.

Unter anderen Bedingungen hätte Tessa sich gegen die bestimmende Art ihrer Mutter gewehrt. Es musste doch eine Alternative dazu geben, vier Tage mit Isaac unter demselben Dach zu leben. Doch das junge Paar, das hier einzog, hätte es ihr nie verziehen, hätte sie es sich anders überlegt. Freie Wohnungen waren in diesem Teil Australiens schwer zu finden, die beiden hatten schon die Kaution und die erste Miete bezahlt, und sie freuten sich darauf, endlich ein eigenes Zuhause zu haben.

Seit Isaacs Name zum ersten Mal gefallen war, konnte Tessa gar nichts mehr selbst in die Hand nehmen. Dazu war sie viel zu verwirrt.

Rosalind konnte leicht sagen, dass sie sich nicht stören ließen. Für Tessa war bereits alles gestört. Isaacs Rückkehr nach Townsville brachte ihr mühsam neu gestaltetes Leben gewaltig ins Wanken. Sie hatte keine Ahnung, welcher Schaden daraus noch entstehen und wie sie ihn vermeiden konnte.

Sie hatte nackte Angst.

„Ich finde, du solltest diese Woche nicht mehr Auto fahren“, bemerkte ihre Mutter, während sie ihren dunkelblauen Wagen aufschloss. „Wir dürfen nicht riskieren, dass du am Steuer ohnmächtig wirst.“

Tessa verstaute soeben das Hochzeitskleid auf den Rücksitzen. „Es ist gar keine Rede davon, dass ich ohnmächtig wurde, Mum. Übertreibe bitte nicht. Jetzt habe ich den Schock überwunden, und somit ist alles in Ordnung. Ich … ich habe schließlich Paul“, fügte sie hinzu und setzte sich neben ihre Mutter.

Rosalind ließ den Motor an und reihte sich in den Verkehr ein. „Ja, Schatz, du hast Paul. Vergiss das nicht. Er ist ein reizender Mann und für dich genau richtig.“

Ein reizender Mann, dachte Tessa.

Das war das passende Wort, um den beständigen, zuverlässigen Paul zu beschreiben. Ein reizender Mann. Ein guter Mann. Niemand hatte Isaac jemals so beschrieben. Sexy, sinnlich, finster, erregend, aufreizend, gefährlich – bei Isaac fielen Tessa sofort diese Ausdrücke ein. Wenn sie an ihn dachte, geriet ihr Blut in Wallung. Schrecklich! Sie durfte nicht vergessen, was es wirklich mit ihm auf sich hatte.

Trotzdem konnte sie eine Frage nicht unterdrücken. „Wo ist Isaac gewesen?“

Rosalind bog viel zu schnell um eine Ecke. „Offen gestanden, ich habe heute Nachmittag kaum mit ihm gesprochen. Er hat etwas von Bergbau gesagt. Er hat wohl zusammen mit einem erfahrenen Bergmann begonnen, nach Bodenschätzen zu suchen, und hat sich dann in der Bergbauindustrie einen Namen gemacht. Ich glaube, er war recht erfolgreich. Dein Vater hatte heute Nachmittag frei. Er hat Isaac mit offenen Armen wie einen verlorenen Sohn begrüßt. Dann hat er auch noch die letzte Flasche seines Lieblingsweins geöffnet, und die beiden haben stundenlang geredet.“

Rosalind hielt mit quietschenden Reifen vor einer Kreuzung. „Ich konnte mich vor Nervosität einfach nicht zu ihnen setzen und zuhören. Ich habe schließlich noch so viel zu tun, und … nun ja, du weißt doch, wie nahe die beiden einander immer gestanden haben.“

Tessas Vater hatte Isaac stets geliebt. Es hatte Dr. Morrow gar nicht ähnlich gesehen, einen Straßenjungen mit nach Hause zu bringen, den er krank und frierend auf den Stufen seiner Praxis gefunden hatte. Doch Isaacs intelligentes, vom Leben gezeichnetes Gesicht hatte sein gutes Herz berührt, lange bevor der Junge Tessa das ihre stahl. Nachdem Isaac offiziell zum Pflegekind erklärt worden war, hatte er sieben wunderbare Jahre im Hause Morrow verbracht.

Und nach jenem schicksalhaften Tag war er für neun Jahre verschwunden.

Tessa unterdrückte hastig diese irritierenden Gedanken und konzentrierte sich stattdessen auf die Hochzeitspläne. „Ich kann es gar nicht erwarten, den Blumenbogen zu sehen, wenn er fertig geschmückt ist. Sind die Lichter schon eingetroffen?“

„‚Gardeners and Greene‘ haben heute Vormittag alles geliefert“, versicherte Rosalind.

„Großartig!“ Es fiel Tessa leicht, sich an diesen Dingen interessiert zu zeigen, doch es gelang ihr nicht, ihre Gedanken von Isaac abzuwenden. Wie sollte sie ihm ausgerechnet jetzt gegenübertreten? Dann fiel ihr noch etwas ein. „Mum, Isaac wird doch nicht … er wird doch nicht zu meiner Hochzeit bleiben?“

Der Wagen fuhr jetzt die Straßen von Yarrawonga hoch, dem schönsten Vorort von Townsville, der sich am Castle Hill hinaufzog und einen herrlichen Ausblick auf das Meer bot. Eine steile Straße führte zum Haus der Familie Morrow.

„Ich nehme an, genau das könnte der Grund sein, aus dem er nach Hause gekommen ist.“ Rosalinds Stimme klang spröde. „Zwar behauptet er, im Auftrag einer großen asiatischen Bergbaugesellschaft hergekommen zu sein. Trotzdem ist es ein seltsamer Zufall, nicht wahr?“

Tessa stiegen Tränen in die Augen. Es war tatsächlich sehr seltsam. Es war ein Albtraum, dass Isaac Zeuge ihrer Hochzeit mit Paul Hammond werden sollte. Nächtelang hatte sie wach gelegen und an ihn gedacht. Mal hatte sie aus Angst, er könnte verletzt oder gar tot sein, geweint. Dann wieder hatte sie sich gewünscht, er wäre es! Wie oft hatte sie sich in allen Einzelheiten die schlimmsten Unfälle ausgemalt?

Irgendwann war sie dann so abgestumpft gewesen, dass sie ihn weitgehend aus ihren Gedanken hatte verdrängen können. Und sie hatte sich mit so viel Begeisterung auf die Lehrtätigkeit gestürzt, dass alle Leute entzückt waren. Das hatte ihr eine gewisse Befriedigung gebracht. Ihr Leben hatte, wenn auch sehr gedämpft, wieder begonnen.

Ein schwarzer, neu und sehr teuer wirkender und mit rotem Staub bedeckter Geländewagen stand vor dem Morrow-Haus. Der musste Isaac gehören. Schon der Anblick des Wagens war für Tessa ein weiterer Schock.

Ich kann nicht hineingehen, dachte sie. Wenn schon der Wagen solche Gefühle in ihr auslöste, wie sollte sie dann diesem Mann gegenübertreten?

Ein australischer Schäferhund saß hinten im Wagen, spitzte aufmerksam die Ohren und wedelte.

„Ich habe natürlich verlangt, dass der Hund im Wagen bleibt.“ Rosalind bog in die Einfahrt und fuhr durch das Tor und die steile Zufahrt neben dem Haus hinauf. „Er würde den Garten glatt verwüsten.“

„Ist ihm denn nicht zu heiß?“, fragte Tessa leise und staunte, dass ihr Verstand trotz aller Angst überhaupt noch funktionierte.

„Isaac hat einen Käfig für ihn mitgebracht. Bestimmt geht er auch mit dem Hund auf dem Hügel spazieren. Keine Sorge, er fühlt sich wohl. Außerdem ist Juli der kühlste Monat bei uns.“ Rosalind zog energisch die Handbremse an und öffnete die Tür.

Es war so weit.

Tessa sagte sich, dass sie nichts weiter zu tun brauche, als auszusteigen, das Haus zu betreten und einen alten Freund der Familie zu begrüßen. Doch lieber wäre sie in einen Fluss voller Krokodile gesprungen oder hätte sich beim Zahnarzt sämtliche Zähne anbohren lassen.

Bebend folgte sie ihrer Mutter ins Haus, das gegen die im Westen stehende Sonne abgedunkelt war. Nahezu lautlos durchquerten sie die blitzsaubere Küche und die Diele und näherten sich der Terrasse.

Tessa hörte Isaacs vertraute tiefe Stimme. Ihr Herz schlug zum Zerspringen. Doch überraschend senkte sich tiefe Ruhe über sie, als hätte sie sich völlig in ihr unausweichliches Schicksal ergeben.

Es war, als hätte ihr jemand ein starkes Beruhigungsmittel verabreicht. Sie konnte die Schultertasche auf den Tisch legen und zur Terrassentür gehen, als wäre sie noch immer ein sorgenfreies, unbeschwertes Mädchen.

Ob sich so eine Fliege fühlte, die in ein Spinnennetz geraten war? Vielleicht empfanden auch Menschen auf dem Gang zum Galgen in ihren letzten Momenten diese sonderbare Ruhe.

Es reichte, Isaacs Stimme zu hören, und sie hatte keine Angst mehr, sondern freute sich nur noch darauf, ihn wieder zu sehen.

Und dann sah sie ihn, noch bevor sie ins Freie trat.

Isaac lehnte am Ende der Terrasse am Geländer. Tessa blieb stehen, um abzuwarten, bis ihr Herz sich beruhigte. Durch die Blätter der Pergola fielen Sonnenstrahlen auf sein kräftig geschnittenes Gesicht mit der hohen Stirn, ein Gesicht, das so aussah, als hätte es ein Künstler mit leidenschaftlicher und ungeduldiger Hand gemeißelt. Nur der Mund mit den vollen, sinnlichen Lippen war fein geformt.

Das Haar war länger, als sie in Erinnerung hatte. Die schwarzen Locken reichten bis zum Kragen und ließen Isaac viel mehr als früher wie einen dunkelhäutigen Zigeuner oder abenteuerlustigen Piraten aussehen, der alle herkömmlichen Regeln verachtete. Isaac besaß noch jene gefährliche Ausstrahlung, die Tessa eigentlich abstoßen sollte, sie stattdessen immer angezogen hatte – gegen besseres Wissen und zu ihrem größten Bedauern.

Die sichtlich teure Kleidung wirkte an seiner hinreißenden Gestalt mit den breiten Schultern, den schmalen Hüften und den langen Beinen locker und lässig.

Mochten Vergleiche auch noch so unangebracht sein, dachte Tessa doch, dass es keinen größeren Gegensatz geben konnte als zwischen diesem Mann und Paul.

Pauls rundliches Gesicht strahlte Ruhe, Isaacs dagegen Kraft und Härte aus. Pauls graue Augen wirkten sanft und nachdenklich. Bei Isaac verstärkten die dunklen Brauen die feurige Wirkung der schwarzen Augen. Das fiel ihr sogar jetzt auf, obwohl seine Augen im Schatten lagen.

Impulsiv lief Tessa über die Terrasse und warf sich ihm in die Arme.

„Isaac!“

Nachdem sie sich unzählige Male das Wiedersehen ausgemalt hatte, kam ihre Reaktion völlig spontan. Und sie dachte auch nicht weiter darüber nach, sondern drückte sich nur an Isaacs Brust und wartete darauf, dass er sie in die starken Arme nahm, wie er das in glücklicheren Zeiten oft getan hatte.

Sie fühlte, wie sein schlanker Körper bebte, doch Isaac legte die Arme nicht um sie. Als sie hochblickte, fand sie für einen Moment Schmerz in seinem Gesicht, das gleich darauf gar nichts mehr ausdrückte.

Isaac verkrampfte sich, als fühlte er sich von ihr abgestoßen, und der winzige Funke der Hoffnung, den sie jahrelang bewahrt hatte, erlosch.

„Tessa, um Himmels willen!“, rief Rosalind missbilligend.

Tessa zog sich zurück und ließ die Hände sinken. „Tut mir leid“, sagte sie leise. „Wie … wie geht es dir, Isaac?“

„Bestens“, erwiderte er und ließ den Blick kurz über ihr goldblondes Haar und das erhitzte Gesicht, die schlichte Bluse und die lange Hose gleiten. Danach richtete er den Blick auf die rote Bougainvillea, die sich am Spalier hochrankte. „Und wie geht es dir, Tessa?“

„Gut … sehr gut.“

„Ich möchte dir gratulieren.“ Lässig ergriff er ihre linke Hand und betrachtete amüsiert den Verlobungsring, den sie viel zu protzig fand. Es war ein großer Smaragd, der von Brillanten umgeben war. Er war für ihre schlanken Finger zu voluminös, und wegen der blauen Augen trug sie so gut wie nie Grün, doch Paul war unglaublich stolz auf seine Wahl.

Ihre Hand bebte, während Isaac sie festhielt.

„Ein passender Klunker für die Queen von Castle Hill“, stellte er kühl fest.

Tessa zog die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. Damit war klar, was sie im Grunde ihres Herzens bereits gewusst hatte. Isaac war nicht ihretwegen zurückgekommen.

Oft hatte sie abgedroschene Phrasen über Momente der Wahrheit gehört, nie jedoch geahnt, welchen Schmerz diese Momente auslösten.

Hätte Isaac sie unbedingt wieder sehen wollen, wäre er nicht so lange fort geblieben. Die Vorwürfe, die er ihr damals gemacht hatte, galten noch heute. Er verachtete sie und alles, was sie repräsentierte. Dass er nun zurückkommen war und ungerührt zusehen konnte, wie sie sich bis ans Ende ihres Lebens an einen anderen Mann band, bedeutete doch nur, dass er ihr gegenüber keinerlei Gefühle entwickelt hatte.

Obwohl sie sich darüber ärgerte, wie leicht er sie zurückwies, und sich wegen der impulsiven Umarmung vorhin schämte, konnte sie den Blick nicht von ihm abwenden. Voll Verlangen betrachtete sie sein Gesicht, während er höflich, kühl und zurückhaltend blieb.

Bei näherer Betrachtung fiel ihr an Isaac etwas auf, das gleichzeitig altvertraut und doch auch neu und fremdartig war. Er schien ein Widerspruch in sich zu sein. In seinen dunklen Augen las sie Müdigkeit und Traurigkeit, als hätte er schwere Erlebnisse hinter sich. Trotzdem verbarg sich unter der Oberfläche eine freudige Erwartung wie die eines Kindes am Weihnachtsmorgen oder am ersten Tag der langen Sommerferien.

Die Stimme ihres Vaters unterbrach ihre Gedanken. „Tessa, mein Schatz, ist das nicht eine wunderbare Überraschung?“

Mühsam lächelte sie ihrem Vater zu, der in einem bequemen Sessel saß, ging zu ihm und küsste ihn auf die Wange. Wie ihr Verlobter Paul Hammond war John Morrow ein sanfter und freundlicher Mann, seiner Frau gegenüber sogar etwas zu unterwürfig. Tessa betrachtete ihren Vater voll Zuneigung. Dass Paul ihm so ähnlich war, hatte dazu beigetragen, dass sie den Heiratsantrag annahm. Ein Leben mit einem Mann wie ihrem Vater wäre sehr angenehm.

Sie wollte ihrem Vater zustimmen, brachte jedoch kein Wort hervor, sondern öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Wie sollte sie so tun, als würde sie sich über das Wiedersehen mit Isaac freuen? Durch seine Kälte war die wunderbare Überraschung, von der ihr Vater sprach, zu einem Albtraum geworden.

Ihr Vater merkte nichts davon. „Isaac hat sich sagenhaft gemacht“, erklärte er strahlend. „Er hat ein Diplom in Bergbau, er hat jahrelang in der Pilbara gearbeitet, und jetzt managt er ein gewaltiges …“

„John“, unterbrach ihn Rosalind. „Komm, ich mache dir eine Tasse Tee. Ich muss etwas mit dir besprechen.“

Tessa fand den Blick ihrer Mutter auf sich gerichtet. Sie konnte sich gut vorstellen, dass gleich in allen Einzelheiten über ihren Schwächeanfall gesprochen wurde. Armer Dad.

Doch das Mitgefühl für ihren Vater trat rasch in den Hintergrund, als ihre Eltern im Haus verschwanden und sie mit Isaac auf der Terrasse allein zurückblieb.

2. KAPITEL

Tessa wandte Isaac den Rücken zu. Wie sollte sie mit ihm allein bleiben? Am liebsten wäre sie wie ein verängstigtes Kind hinter ihren Eltern hergelaufen. Mit bebenden Händen hielt sie sich am Geländer fest und richtete den Blick auf die Dächer und das Meer unter ihr, während sie die aufkeimende Panik unterdrückte. Sie atmete tief durch und versuchte, vernünftig zu denken. Das Schlimmste hatte sie mit Sicherheit schon hinter sich. Nichts konnte sie mehr verletzen als Isaacs kalte Begrüßung.

Wie hatte sie sich ihm bloß in die Arme werfen können, als wäre sie ein unreifes Groupie bei einem Rockkonzert! Ihre Freude über das Wiedersehen war Isaac sichtlich peinlich gewesen. Natürlich machte er sich schon seit Jahren nichts mehr aus ihr.

„Der Ausblick ist unverändert schön.“

Beim Klang seiner Stimme drehte sie sich zu ihm um. Er stand ein Stück von ihr entfernt und betrachtete ihr Gesicht so eingehend, als hätte er mit dem „Ausblick“ sie gemeint. Befangen strich sie eine Locke aus dem Gesicht, und Isaacs Blick folgte der Bewegung ihrer Hand – der linken Hand mit dem großen Smaragd. Sofort wurde seine Miene grimmig.

Tessa widerstand dem Wunsch, den Ring vom Finger zu streifen. Das kam gar nicht in Frage. Stattdessen schob sie die Hand in die Hosentasche und hoffte, dass es nicht so wirkte, als hätte sie ein schlechtes Gewissen – was genau zutraf.

„Bestimmt hast du auf deinen Reisen viel gesehen“, entgegnete sie und lächelte mühsam. „Wie ist dieser Ausblick verglichen mit dem Rest der Welt?“

Isaac lächelte flüchtig und ließ den Blick ganz langsam über sie gleiten. „Ach, hier gibt es sehr viel Schönes zu sehen“, sagte er leise.

Tessa fühlte, dass sie rot wurde. Sie schauderte leicht, und das hatte nichts mit der kühlen Meeresbrise zu tun, die mit ihrem Haar spielte. Isaacs Blick löste verwirrende Erinnerungen aus. Gefährliche Erinnerungen. Es war unerträglich. Ich muss an Paul denken! Und an die Hochzeit.

„Ich … ich bin noch immer nicht weit gereist“, sagte sie heiser und zog sich von ihm zurück.

Isaac nickte und lächelte traurig, während er auf das Meer hinausblickte. Das Schweigen war bedrückend, und Tessa überlegte verzweifelt, was sie noch sagen konnte.

„Ich hätte die Gelegenheit nutzen und Fernreisen unternehmen sollen“, meinte sie. „Die meisten meiner Freunde waren schon in Asien, Europa oder in den Vereinigten Staaten von Amerika.“

„Durch Reisen lernt man viel“, erwiderte Isaac ernst. „Andererseits kommt es bei Reisen nicht auf die zurückgelegten Entfernungen oder die Dinge an, die man sieht.“ Er schob die Hände in die Hosentaschen und lehnte sich neben ihr ans Geländer. „Die wichtigen Reisen können sich in uns abspielen, während wir uns gar nicht von der Stelle rühren“, fügte er kaum hörbar hinzu.

Autor

Barbara Hannay
Die Kreativität war immer schon ein Teil von Barbara Hannays Leben: Als Kind erzählte sie ihren jüngeren Schwestern Geschichten und dachte sich Filmhandlungen aus, als Teenager verfasste sie Gedichte und Kurzgeschichten.
Auch für ihre vier Kinder schrieb sie und ermutigte sie stets dazu, ihren kreativen Neigungen nachzugehen.
Doch erst als...
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