Vorhang auf für die große Liebe!

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Ganz London betet die schöne Schauspielerin Lucy Lane an – doch seit der Trennung von Nathan Rochefort vor vier Jahren ist ihr Herz zu Eis erstarrt. Nun sucht ausgerechnet dieser schneidige Lieutenant sie plötzlich auf – mit einem gefährlichen Anliegen, das Lucy erneut in einen Sog von Sehnsucht und Verlangen reißt …


  • Erscheinungstag 21.08.2021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751512848
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

London,1812

Als sie die Treppe hinabging, war sie froh darüber, dass Polly wieder einmal besonders viel Sorgfalt darauf verwandt hatte, ihre Herrin für den Abend anzukleiden. Das zauberhaft schimmernde Gewand mit der herzförmigen Korsage saß formvollendet wie ein wahr gewordener Traum aus Satin und Spitze, bei dessen Anblick Frauenherzen – und vermutlich auch die der Männer – einfach höher schlagen mussten. Die langen kastanienbraunen Locken hatte ihre junge Zofe kunstfertig hochgesteckt, und lediglich drei einzelne Strähnen ringelten sich kokett über Lucys Nacken. Lächelnd bemerkte sie, dass Jack am Treppenaufgang stand und ihr bewundernd entgegensah.

Als sie die unterste Stufe erreicht hatte, ergriff er ihre Hand und führte sie an seine Lippen. „Herzlichen Glückwunsch, Lucy“, sagte er.

„Das ist ganz reizend von dir, Jack“, erwiderte sie. „Aber wenn ich offen sein soll – ich halte das Ganze für ein wenig verfrüht. Es wäre wohl besser, erst einmal abzuwarten, bis ich die Rolle der Portia tatsächlich gespielt habe. Die Kosten für dieses Fest treiben mich beinahe in den Ruin.“

„Es geht doch aber nicht nur um deine neue Rolle“, widersprach Jack. „Heute ist dein Geburtstag, Darling. Obwohl ich immer noch nicht glauben kann, dass du schon vierundzwanzig geworden bist. Das kann einfach nicht stimmen.“

„Du bist schon immer ein erbärmlicher Lügner gewesen“, sagte Lucy lachend.

„Ich kann dir jedenfalls nur versichern, dass du mit jedem Jahr immer schöner wirst“, antwortete Jack galant und schob ihre Hand unter seine Armbeuge. „Und nun komm. Man erwartet dich bereits.“

Als sie kurz darauf den geschmackvoll eingerichteten Salon betraten, begrüßten die dort versammelten Gäste sie mit begeistertem Applaus.

Sofort umringte eine Schar von Bewunderern Lucy, sodass sie von ihrem Begleiter getrennt wurde. Charmant und geistreich, wie man es von einer erfolgreichen und vielversprechenden Schauspielerin erwartete, beantwortete sie die Fragen der Dichter, Romantiker, Tagträumer und Reporter, die sie zu diesem besonderen Anlass in ihr Haus eingeladen hatte.

Lucy hatte das große Glück, ihrem Broterwerb leidenschaftlich gerne nachzugehen. Die Bühne war für sie weniger Beruf, sondern vielmehr Berufung. Finanziell war es ihr bislang sogar so gut gegangen, dass sie ihre alte Tante Dora hatte unterstützen können. Doch das würde sie sich bedauerlicherweise schon bald nicht mehr erlauben können, denn um ihre finanzielle Situation war es bei Weitem nicht gut gestellt.

In all den Jahren, die sie schon dabei war, hatte Lucy gelernt, dass im Theater nichts von Dauer war – ganz besonders nicht der Erfolg. Deswegen sorgte sie sich unentwegt darum, möglicherweise von einem Tag auf den anderen alles zu verlieren, wenn ihre Beliebtheit beim Publikum schwand. Stets hatte sie hart dafür gearbeitet, nicht von einem Mann abhängig zu sein und ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten zu können. Doch in der letzten Zeit lastete die Bürde der zu bezahlenden Rechnungen immer schwerer auf ihrer Seele. Tante Dora hatte ihr sogar angeboten, Lucy wieder bei sich wohnen zu lassen. So könnte sie die Miete für ihr Haus sparen und auch die übrigen Kosten mit ihrer Tante teilen. Vermutlich würde Lucy schon in nächster Zukunft von diesem Angebot Gebrauch machen müssen. Da sie jedoch die meiste Zeit ihres Lebens mit ihrer Tante unter einem Dach gelebt hatte, wollte sie ihre Freiheit – auch, wenn sie ihre Tante aus ganzem Herzen liebte – so lange wie möglich genießen und das Unvermeidliche eine Weile hinauszögern.

Seit ihrem vierzehnten Lebensjahr war die Bühne Lucys zweites Zuhause gewesen. Die Rolle der Portia in Shakespeares berühmten Stück „Der Kaufmann von Venedig“ stellte einen glanzvollen Höhepunkt in ihrer Karriere dar. Von so einer Gelegenheit hatte sie immer geträumt – und jetzt fand bereits in vier Wochen die Premiere statt. Die Zeit bis dahin verging wie im Flug mit den Vorbereitungen und Proben.

Dankbar nahm Lucy ihrem Kavalier das Glas Champagner ab, das er ihr reichte, als sie einen Moment ungestört waren.

„Vielen Dank, dass du mich gerettet hast, Jack“, sagte sie. „Diese Zeitungsmenschen sind wie Bluthunde – man hat das Gefühl, sie niemals loszuwerden.“

„Keine Sorge“, beruhigte der geschmackvoll gekleidete Mann sie. „Schon werden sie darüber schreiben, dass du die talentierteste Schauspielerin Londons bist.“

„Ja, sie schreiben so lange begeistert über mich, wie mein Stern am Bühnenhimmel leuchtet“, entgegnete Lucy nüchtern. „Ich muss der Wirklichkeit ins Auge sehen, Jack. Eine Schauspielerin ist nur so gut wie das Stück, in dem sie spielt. Sobald die Rollen schlechter werden, spricht niemand mehr über sie. Das passiert ständig.“

Tadelnd sah er sie an. „Sei doch nicht immer so pessimistisch, was deine Zukunft angeht, Lucy. Genieße lieber deinen Erfolg. Ich bin sicher, dass du nichts zu befürchten hast.“

„Du schmeichelst mir, Jack, Wenn ich so talentiert wäre wie Sarah Siddons, dann wäre ich auch deiner Meinung“, meinte Lucy und bezog sich damit auf die bekannte Schauspielerin, die ausschließlich mit tragischen Rollen berühmt geworden war. „Ich hingegen bin nur eine von vielen, die auf der Bühne einfach nur ihren Lebensunterhalt verdienen müssen.“

„Du bräuchtest dir keine Sorgen zu machen, wenn du mich heiraten würdest“, erinnerte Jack sie mit sanfter Stimme. Während er nach einem Glas Portwein griff, glitt sein Blick bewundernd über Lucys Dekolleté.

Sie trank einen Schluck Champagner und lächelte etwas angestrengt. „Bitte, Jack, sieh mich nicht so an. Darum habe ich dich bereits mehrfach gebeten – ich habe dir meine Antwort gegeben. Ich möchte nicht deine Frau werden – ich möchte im Augenblick überhaupt niemanden heiraten. Vielen Dank aber trotzdem für die wundervollen Blumen, die du mir geschickt hast. Ich wünschte nur, du würdest mir nicht unentwegt Geschenke machen.“

„Warum nicht? Betrachte sie als Zeichen meiner Wertschätzung. Ich hoffe, wenigstens dagegen hast du nichts?“

„Nein, natürlich nicht“, erwiderte sie, obwohl sie unangenehm berührt war.

Völlig überraschend hatte Jack kürzlich um ihre Hand angehalten. Seitdem sie ihn kannte, wusste sie, dass er ihr ein guter Freund war – doch tiefer gehende Gefühle hegte sie für den jüngsten Sohn eines Peers nicht. Er war Aristokrat und sie eine Schauspielerin – und somit weit unter seinem gesellschaftlichen Stand. Männer wie er pflegten Frauen wie sie zur Geliebten zu haben – jedoch nicht, sie zu heiraten. Außerdem wusste sie nicht, ob der gut aussehende Jack von seinem Versprechen zurücktrat, wenn er erst einmal das Bett mit ihr geteilt hatte. Obwohl er sehr vermögend war und Lucy Geld dringend nötig hatte, kam es außerdem für sie nicht infrage, ihn lediglich aus diesem Grund zu heiraten.

Seitdem sie sich vor einem Jahr im Theater kennengelernt hatten, hatte sie das Gefühl, ihr Leben nicht mehr im Griff zu haben. Wenn sie geahnt hätte, wie anhänglich er in seiner Verehrung für sie werden würde, hätte sie damals seine Blumen und den Gedichtband zurückgewiesen. Doch sie hatte es nicht über das Herz gebracht, ihn zu enttäuschen – zumal er nach seiner Verwundung aus der Armee ausgeschieden und seelisch etwas aus dem Lot geraten war. Seinem ersten Besuch war daraufhin ein weiterer gefolgt, und seither war Jack zu nahezu jeder Gelegenheit in der Öffentlichkeit an ihrer Seite anzutreffen. Er war angesehen und beliebt – und Lucy empfand seine Gesellschaft als äußerst amüsant und kurzweilig. Doch hatte sie stets sorgsam darauf geachtet, ihn nicht in die Nähe ihres Bettes zu lassen.

Nach dem ersten Kuss hatte sie nämlich herausgefunden, dass nicht mehr als ihre Lippen daran beteiligt gewesen waren. Die körperliche Nähe zu Jack entzündete kein Feuer des Verlangens in ihr. Dieses war bisher nur einem Mann gelungen, dessen Berührung ausgereicht hatte, um die sinnlichsten Fantasien in ihr zu wecken.

Einen Augenblick lang schwelgte sie in der Erinnerung an die Zeit, als sie in den Armen dieses einen besonderen Mannes gelegen hatte. Groß war er gewesen und überaus attraktiv. Sein Lächeln hatte ihren Herzschlag beschleunigt, und ein Blick von ihm war ihr so wohltuend wie der Sonnenschein an einem herrlichen Sommertag vorgekommen. Seine Berührungen waren trotz seiner Kraft so federleicht und zärtlich gewesen, dass allein der Gedanke an sie genügte, Lucy wohlig erschauern zu lassen. Doch das alles war eine Ewigkeit her – und es nützte nichts, der Vergangenheit nachzutrauern. Einmal hatte sie sich betrügen lassen und war fest entschlossen, diese Erfahrung kein zweites Mal zu machen. Daher versuchte sie, nicht an den Mann zu denken, der ihr vor vier Jahren das Herz gebrochen hatte – doch unwillkürlich wanderten ihre Gedanken immer wieder zu ihm. Schließlich schüttelte sie den Kopf und beschloss, sich nicht weiter von diesen sinnlichen und gleichzeitig wehmütigen Erinnerungen die Freude am Augenblick verderben zu lassen.

In diesem Moment betrat ihre gute Freundin Coral Gibbons den Salon. Begleitet wurde die aufreizend gekleidete und äußerst talentierte Schauspielerin von ihrer neuesten Eroberung, dem jungen und charmanten Bühnenautor Jamie Shepherd. Nachdem Coral ihre Freundin zur Begrüßung umarmt hatte, musterte sie Lucy bewundernd von Kopf bis Fuß. Jack hatte inzwischen einen Bekannten entdeckt, mit dem er sich nun ein Stückchen weiter unterhielt. „Du wirst eine großartige Portia abgeben“, erklärte Coral begeistert. „Obwohl ich gestehen muss, dass ich ein bisschen neidisch darauf bin, dass du diese Rolle bekommen hast. Bist du denn schon aufgeregt?“

„Selbstverständlich. Das wärst du an meiner Stelle doch auch, oder etwa nicht?“, gab Lucy zurück. „Ich habe mir schon immer gewünscht, diese Rolle einmal spielen zu dürfen. Ich bin Mr. Portas so dankbar dafür, dass er mir den Part der Portia angeboten hat.“

„Er erkennt eben ein Talent, wenn er eins sieht. Deswegen ist er mit seinem Haus ja auch so erfolgreich. Ich bin ganz sicher, dass du großen Erfolg haben wirst. Dein letztes Stück ist auch schon fantastisch gewesen. Du hast dir den Erfolg wirklich verdient.“

Lucy lachte. „Es ist so lieb von dir, Coral. Obwohl ich natürlich weiß, dass du zu Übertreibungen neigst.“

„Unsinn! Du wirst schon sehen. Schon bald werden sich alle Theater in London um dich reißen. Du bist schon immer so fleißig gewesen. Aber vergiss bitte über der ganzen Arbeit nicht, dass du mich am Samstag in die Ranelagh Gardens begleitest. Ich bin sicher, dass es dir dort gefällt – es ist so romantisch bei Mondlicht. Wenn du magst, bring Jack einfach mit. Ihr beide scheint euch in letzter Zeit ja ziemlich nahe zu stehen.“

„Unbestreitbar ist er äußerst aufmerksam“, sagte Lucy stirnrunzelnd. „Für meinen Geschmack eher ein wenig zu sehr.“

„Meine Liebe, ich mache mir wirklich Sorgen um dich“, entgegnete Coral. „Eine schöne Frau wie du sollte sich mit Dutzenden von Verehrern umgeben und so oft wie möglich ausgehen. Ich kenne ja deine Geschichte von diesem Mann, den du heiraten wolltestund der dir damals das Herz gebrochen hat. Aber ich kann dir versichern, dass nicht alle Männer so sind wie er.“

„Bist du da sicher?“

„Nun …“ Coral zögerte. „Ich vermute es zumindest. Und ich muss dir gestehen, dass ich selbst ein Auge auf Jack geworfen hätte, wenn Jamie nicht wäre.“

„Tu dir keinen Zwang an, Coral. Ich habe ihm bereits mitgeteilt, dass ich ihn nicht zu heiraten beabsichtige. Leider ist er ziemlich hartnäckig. Vermutlich will er mich herumbekommen, mit ihm eine Nacht zu verbringen. Aber so naiv bin ich nicht. Ich wette nach wie vor, dass er niemals ernsthaft in Erwägung gezogen hat, mich zu heiraten.“

„Wir werden aber auch nicht jünger, meine Liebe. Ich rate dir, nimm ihn dir, solange du kannst. Ob als Ehefrau oder seine Geliebte – er könnte dir von großem Nutzen sein. Er ist reich und kommt aus sehr gutem Haus – und er ist die Antwort auf all deine Geldsorgen. Männer wie ihn gibt es nur äußerst selten.“

„Mag schon sein“, sagte Lucy lachend. „Ich hingegen bin mir einer Sache völlig sicher – Jamie ist hoffnungslos vernarrt in dich.“ Sie sah zu dem jungen Autor, der sich laut und begeistert mit Mr. Portas unterhielt.

Nachdenklich betrachtete Coral ihren Verehrer. „Er hat leider schon ein wenig zu viel getrunken“, bemerkte sie. „Er hält sich für den zweiten Shakespeare und hat gerade ein neues Stück geschrieben, das er an den Mann bringen möchte. Ich fürchte nur, Mr. Portas mag keine modernen Werke.“

„Ja, weil sie teuer, riskant und zeitraubend sind. Wir beide wissen, welche Macht das Publikum hat. Wenn ihm ein Stück nicht gefällt, kann es bereits nach der Premiere zum Untergang verurteilt sein. Da muss man sich schon gut überlegen, ob man in so ein unsicheres Unterfangen so viel Geld investieren möchte. Denk nur daran, was die Kostüme, die Musik und das Bühnenbild kosten. Das könnte das Ende seiner Karriere als Theaterdirektor bedeuten.“

Coral seufzte. „Ich fürchte, du hast recht. Mr. Portas hat eine Schwäche für die guten alten englischen Dramen. Tragische Duelle, philosophierende Helden und reichlich Blutvergießen – das ist es, was das Publikum sehen will. Ich glaube kaum, dass er Jamies Stück auch nur durchliest. Ich gehe besser hin und rette Jamie aus der Lage. Nebenbei muss ich Mr. Portas um einen kleinen Gefallen bitten. Ich hätte gerne nämlich gerne wenigstens eine Statistenrolle im Kaufmann von Venedig.“

Kurz vor Mitternacht begannen die ersten Gäste, sich gut gelaunt zu verabschieden. Lucy war gerade im Begriff, Jack eine gute Nacht zu wünschen, als ihre Polly völlig aufgewühlt an sie herantrat.

„Was ist denn geschehen, Polly?“, fragte Lucy überrascht.

„Ein Gentleman wünscht, Sie zu sprechen“, entgegnete das junge Mädchen hastig. „Er wartet im Salon auf Sie.“

„Wieso gesellt er nicht einfach zu uns?“, erkundigte Lucy sich amüsiert.

„Er behauptet, es geht um eine private Angelegenheit, Miss Lane. Er scheint sehr dringend mit Ihnen sprechen zu wollen, möchte aber unbedingt warten, bis Ihre Gäste gegangen sind.“

Neugierig sah Lucy zum Salon hinüber und fragte sich, um wen es sich bei dem geheimnisvollen Besucher handeln mochte. Augenblicklich kehrte Jack, der im Begriff war, ihr Haus zu verlassen, wieder um und stellte sich an ihre Seite.

„Ich denke, ich bleibe besser hier“, sagte er.

Gerade als Lucy etwas darauf entgegnen wollte, wurde die Tür zum Salon aufgestoßen und ein Mann trat heraus. Er war so groß, dass er beinahe mit dem Kopf gegen den oberen Türrahmen gestoßen wäre, hätte er ihn nicht leicht geneigt. Er trug eine schwarze militärisch geschnittene Jacke mit Messingknöpfen, ein weißes Leinenhemd sowie ein Halstuch. Die dunklen Reithosen und Stiefel betonten seinen schlanken, muskulösen Körperbau, und das ungewöhnlich lange schwarze Haar hatte er zu einem Zopf sorgsam im Nacken zusammengebunden. Seine Augen wirkten so kühl wie arktisches Eis und verliehen seinem aristokratisch geschnittenen Gesicht einen strengen Ausdruck. Seine Lippen waren so männlich und sinnlich, wie Lucy sie in Erinnerung hatte. Eine kaum sichtbare Narbe auf der gebräunten Wange schien lediglich dazu zu dienen, die Makellosigkeit seiner Gesichtszüge hervorzuheben. Alles in allem strahlte der Mann eine nahezu unverschämte Selbstsicherheit aus.

Ungläubig starrte Lucy den Neuankömmling an. Ihr stockte der Atem, und plötzlich schien der Lauf der Welt innezuhalten. Obwohl sie ihn seit vier Jahren nicht mehr gesehen hatte, wusste Lucy sofort, wer der geheimnisvolle Besucher war.

Nathan Rochefort – der Mann, den sie beinahe vor vier Jahren geheiratet hätte. Der Mann, den sie geliebt hatte und dem sie sich mit Herz und Seele hingegeben hatte. Der Mann, den sie jetzt von allen Männern auf der Welt am meisten hasste.

Fassungslos fragte sie sich, was um Himmels willen ihn in ihr Haus geführt haben mochte. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, und sie hatte das Gefühl, dass ihre Knie unter ihr nachgaben. Doch rasch gewann sie die Fassung zurück, wild entschlossen, sich keine Schwäche anmerken zu lassen. Einen Moment lang hatte es ihr entgegen ihrer Gewohnheit zwar die Sprache verschlagen, doch sie verspürte keine Angst, als sie Nathan ansah. Tief atmete sie ein, bevor sie ihm herausfordernd in die Augen blickte.

Seine männliche Ausstrahlung übte immer noch eine nahezu berauschende Wirkung auf sie aus. Er schien sogar noch besser auszusehen als sie ihn in Erinnerung gehabt hatte. Gegen ihren Willen erschauerte sie wohlig, als er sie mit seinen hellblauen Augen von Kopf bis Fuß musterte. Sie hatte ganz vergessen, wie klar und strahlend dieses Blau gewesen war.

Entschlossen erwiderte sie seinen eindringlichen Blick und nahm alle Kraft zusammen, zu der sie in diesem Moment fähig war. Eine Flut schmerzhafter Erinnerungen überwältigte sie, als sie daran dachte, wie er mit kräftigen Händen unendlich zärtlich ihre Brüste gestreichelt, mit den sinnlichen Lippen unter flammenden Küssen ihren Körper mit unbändigem Verlangen erfüllt hatte. Wie sie sich ihm leidenschaftlich entgegengewölbt hatte, begierig darauf, sich mit ihm zu vereinen … Bis sie kurz vor der Hochzeit herausgefunden, hatte, dass ihn eine Affäre mit ihrer besten Freundin verband. Unmittelbar nach dieser Erkenntnis hatte Lucy das Verlöbnis gelöst und war aus Nathans Leben geflohen.

Und jetzt stand er hier, scheinbar unbeirrt von all dem, was zwischen ihnen geschehen war, und hatte offenbar vor, so zu tun, als wäre nichts gewesen.

Rasch verdrängte sie die verstörenden Gedanken und reckte energisch das Kinn.

„Es wäre schön, wenn du mir ein paar Minuten deiner Zeit schenken würdest“, sagte er ruhig anstelle einer Begrüßung.

„Was fällt dir ein, unangekündigt mein Haus zu betreten?“, fragte Lucy kühl.

„Mit solcherlei gesellschaftlichen Nichtigkeiten gebe ich mich schon längst nicht mehr ab. Die Angelegenheit, wegen der ich dich sprechen muss, ist von äußerster Dringlichkeit.“ Flüchtig sah er zu Jack, der seine offenkundige Überraschung nicht zu verbergen vermochte. „Bitte entschuldigen Sie uns. Ich muss etwas überaus Wichtiges mit Miss Lane besprechen“, fuhr er fort und ging zur Haustür, um sie zu öffnen. Mit einer Handbewegung gab er Jack zu verstehen, dass seine Gegenwart nicht länger erwünscht war.

„Was zum Teufel hat das zu bedeuten, Lucy?“, fragte Jack verwirrt. „Wer ist dieser Mann? Ich möchte verdammt sein, bevor ich dich allein mit ihm lasse.“

Seine aufrichtige Empörung und Fürsorge berührte sie, weswegen sie ihn beruhigte. „Es ist schon in Ordnung, Jack, mach dir keine Sorgen. Dieser Gentleman bedeutet keine Gefahr für mich.“

„Du kennst diesen Mann?“

„Ja. Das ist …“ Sie zögerte, unsicher, wie sie Nathan vorstellen sollte.

„Lieutenant Colonel Nathan Rochefort“, beendete Nathan ihren Satz mit dunkler, wohlklingender Stimme, die Lucy ein weiteres Mal unwillkürlich wohlig erschauern ließ.

„Der Lieutenant und ich kennen uns, Jack. Mach dir keine Sorgen und geh jetzt, bitte. Wir sehen uns morgen im Theater.“

„Wie du meinst“, erwiderte Jack, klang jedoch wenig überzeugt. Bevor er an Nathan vorbei ins Freie schritt, blieb er noch einmal stehen und bedachte den anderen Mann mit einem finsteren Blick. „Falls Sie ihr ein Haar krümmen sollten, dann werde ich …“

„Was denn?“, fragte Nathan freundlich, aber bestimmt. Es war offensichtlich, dass er keine Antwort erwartete. „Gute Nacht“, sagte er betont höflich, bevor er die Tür hinter Jack ins Schloss fallen ließ.

„Du gehst jetzt bitte auch“, erklärte Lucy ihm mit fester Stimme.

„Noch nicht“, widersprach Nathan. „Zuvor müssen wir reden.“

„Ich möchte aber nicht mit dir reden“, rief sie wütend. „Wenn du mir etwas mitzuteilen hast, dann kannst du meiner Tante Dora schreiben. Sie kümmert sich um meine Post. Von ihr erfährst du, ob und wann ich bereit bin, dich zu empfangen.“

„Für so etwas ist jetzt keine Zeit – obwohl ich nicht daran zweifle, dass deine Tante mir ein Gespräch mit dir ermöglichen würde.“

Das mochte sogar stimmen – Tante Dora hatte schon immer eine Schwäche für Nathan gehabt. Lucy nahm an, dass sein Charme und sein gutes Aussehen bei keiner Frau ohne Wirkung blieb – gleichgültig, wie alt sie war. Trotz ihrer Vorbehalte spürte selbst sie in diesem Augenblick, wie auch sie dem Zauber von Nathans männlicher Stimme bereits wieder zu erliegen begann.

Rasch besann sie sich eines Besseren. Dieser Mensch hatte ihr bereits zu viel Leid zugefügt, als dass sie noch einmal auf seine verschlagene Art hereinfallen würde.

Sie betrachtete den Mann, den sie einst von ganzem Herzen geliebt hatte. Früher hatte sie ihn angebetet und hätte alles für ihn getan. Doch seitdem hatte sich vieles geändert. Er war nach Spanien in den Krieg gegen Bonaparte gezogen, und sie hatte ihr Leben in England fortgeführt.

„Offenbar ist dir nicht bewusst, wie unwillkommen du bist – besonders zu dieser späten Stunde. Was ist denn so wichtig, dass du derart beharrlich gegen alle Regeln des Anstands verstößt?“

„Gastfreundschaft zählt anscheinend nicht unbedingt zu deinen Stärken“, meinte er herablassend. „Wie dem auch sei – was ich dir zu sagen habe, nimmt einige Zeit in Anspruch – es handelt sich um eine äußerst wichtige und ungewöhnliche Angelegenheit.“

Er machte einen Schritt auf sie zu, umfasste ihren Arm und brachte sie in den Salon, dessen Tür er direkt vor der verdutzten Polly ins Schloss zog.

Sein Verhalten war wirklich unentschuldbar. „Was erlaubst du dir eigentlich?“, fragte Lucy wütend. „Vier Jahre lang haben wir uns nicht gesehen, und plötzlich dringst du in mein Haus ein und tust so, als wäre nichts geschehen.“

Du hast unsere Verlobung aufgelöst, nicht ich“, entgegnete er verärgert.

„Ja, das stimmt. Das zumindest ist meine Entscheidung gewesen.“

„Wie ein Narr habe ich darauf gewartet, dass du mir deine Beweggründe dafür offenbarst und dich bei mir entschuldigst. Ich musste annehmen, dass du nicht mehr ganz bei Sinnen warst und jeglichen Respekt mir gegenüber verloren hast.“

Völlig fassungslos, dass er ihr die Schuld an dem Scheitern ihrer Verlobung gab, starrte Lucy ihn an. „Entschuldigen?“, fragte sie entrüstet, nachdem sie ihre Stimme wiedergefunden hatte. „Ich denke kaum, dass ich mich bei dir für etwas entschuldigen müsste.“

„Was sagst du da?“

„Wenn hier jemand beleidigt worden ist, dann wohl ich! Es ist mir gar keine andere Wahl geblieben, wollte ich mir wenigstens noch ein bisschen Würde bewahren. Ich danke Gott, dass er mir die Augen geöffnet hat, bevor es zu spät gewesen ist. Aber genug davon“, sagte sie, denn sie verspürte keine allzu große Lust, in alten Wunden herumzustochern. „Ich brauche mich ja wohl kaum vor dir zu rechtfertigen.“

„Darum habe ich dich auch nicht gebeten.“

„Weshalb bist du dann hier? Wolltest du sehen, ob ich dich wiedererkenne?“ Obwohl er so attraktiv war, wie sie ihn Erinnerung hatte, fiel ihr eine Ernsthaftigkeit an ihm auf, die sie früher nicht an ihm wahrgenommen hatte. Vor vier Jahren war er heiter und unbeschwert gewesen – davon war heute nichts mehr zu spüren. Vielleicht waren ihm diese Eigenschaften unter den Grausamkeiten des Krieges abhanden gekommen.

„Ich hingegen stelle fest, dass du dich sehr verändert hast – und nicht zu deinem Vorteil“, sagte er.

Die schonungslose Offenheit seiner Bemerkung konnte Lucy jedoch nicht treffen. Schon lange übte Nathan keine Macht mehr über ihre Gefühle aus – so hoffte sie zumindest. Sie lächelte ironisch.

„Ich bezweifle, dass du hierhergekommen bist, um die Pflicht eines Spiegels zu erfüllen“, erklärte sie gelassen. „Die vergangenen Jahre sind nicht besonders einfach für mich gewesen. Allerdings glaube ich kaum, dass meine privaten Angelegenheiten von Belang für dich sind.“

„Ich habe mich nicht auf dein Äußeres bezogen, sondern auf dein Wesen. Im Übrigen hat dich niemand darum gebeten zu leiden.“

„Wenn du jetzt die Güte hättest zu sagen, weswegen du hierhergekommen bist?“, antwortete Lucy gereizt. „Ich verspüre nämlich nicht das Bedürfnis, dieses Gespräch länger fortzusetzen als unbedingt notwendig.“

„Ach, nein?“, fragte er sarkastisch. „Dabei ist das doch ein äußerst bewegender Moment. Zwei Menschen, die sich einst von ganzem Herzen vertraut haben, sind nach langer Zeit völlig unverhofft wieder vereint. Meine teure Lucy, du solltest dich darüber freuen, den Mann wiederzusehen, den du einmal geliebt hast. Wenn ich mich recht entsinne, bist du mir damals äußerst zugetan gewesen. Und …“

„Das genügt“, fiel Lucy ihm ins Wort. „Dein unverschämtes Verhalten ist einfach unerhört.“ Ganz bestimmt würde sie ihn nicht daran erinnern, dass er ihre wundervolle Liebe dadurch zerstört hatte, indem er eine Affäre mit ihrer besten Freundin eingegangen war.

Er zuckte mit den Schultern. „Wie ich hörte, bin ich nicht der Einzige gewesen, den du plötzlich mit deiner Missachtung bestraft hast.“

Misstrauisch sah sie ihn an. „Wovon sprichst du?“

„Von Katherine.“

„Wage es bloß nicht noch einmal, ihren Namen in meiner Gegenwart zu nennen“, rief Lucy zornig. „Ansonsten muss ich dich bitten, mein Haus auf der Stelle zu verlassen. Du bist schon immer arrogant und verlogen gewesen.“

Beschwichtigend hielt Nathan die Hände hoch. „Tatsächlich?“, fragte er. „Dann bedauere ich sehr, dass du mir das nicht schon damals gesagt hast, als wir noch verlobt gewesen sind.“

„Ich bezweifle, dass sich irgendetwas dadurch geändert hätte.“

„Möglicherweise schon. Da wir gerade von Arroganz und Hinterhalt sprechen – wie ich sehe, bist du mit Lambert sehr vertraut.“

Verblüfft sah sie ihn an. „Woher kennst du Jack?“

„Das tut nichts zur Sache“, meinte er und machte eine wegwerfende Geste. „Er interessiert mich nicht. Er hat gute Beziehungen und bedauerlicherweise keine nennenswerten Talente – weswegen er schließlich in der Armee gelandet ist. Nach ein paar Jahren dort hat er die Neigung entwickelt, nur den eigenen Vorteil im Blick zu behalten. Er hat auf ziemlich gutem Fuß mit ganz gewissen Damen gestanden, die das Heer begleitet haben, wenn du verstehst, was ich meine.“ Vielsagend zog er eine Augenbraue hoch. „Ich bezweifle, dass er sich seitdem sonderlich zum Besseren verändert hat.“

„Ich verstehe sehr gut, was du meinst“, sagte Lucy, empört darüber, dass Nathan die Dreistigkeit besaß, Jack zu verunglimpfen. „Schließlich kenne ich ja dich. Und jetzt sag mir endlich, aus welchem Grund du hier bist.“

Abwartend verschränkte sie die Arme vor der Brust und beobachtete den Lieutenant dabei, wie er sich auf einen Sessel vor dem Kamin setzte und die langen Beine ausstreckte. Dabei kam sie nicht umhin, wieder festzustellen, dass sein Äußeres sie nach wie vor in den Bann schlug. Sie ahnte, dass es ihm immer leichtfiel, Frauen mit seinem Charme zu bezaubern, wenn er es darauf anlegte. Damals war sie jung und unerfahren gewesen, als sie sich von seinem strahlenden Aussehen den Blick auf seine verschlagene Seele hatte vernebeln lassen. Doch das war lange her.

„Ich bin hier, Lucy, weil ich deine Hilfe in einer äußerst brisanten Angelegenheit benötige“, erklärte er schließlich.

„Meine Hilfe?“, fragte sie völlig überrascht. „Wobei? Und warum fragst du ausgerechnet mich? Ausgerechnet jetzt?“ Sie ahnte, dass ihr seine Antwort vermutlich nicht behagen würde.

Er stand auf und verschränkte die Hände hinter dem Rücken, während er Lucy abschätzend ansah. Wieder einmal stellte sie fest, wie groß er war. „Lass uns die Vergangenheit einmal vergessen – und den Blick auf die Gegenwart richten. In den letzten vier Jahren habe ich mich sehr bedeutsamen Dingen gewidmet“, sagte er ernst und stockte.

Einen Moment lang schien er zu überlegen, wie er beginnen sollte. „Seit Kriegsausbruch arbeite ich für eine Geheimorganisation unserer Regierung, die lediglich dem Premierminister gegenüber Rechenschaft schuldig ist. Ich bin mit einem Auftrag in Portugal betraut worden, Dabei geht es um die Interessen des Duke of Londesborough – der zufälligerweise ein enger Freund des Premierministers ist.“

Ihre dunkle Vorahnung bestätigte sich gerade. „Willst du damit etwa sagen, dass du ein Spion bist?“

„Ich bin zwölf Monate in Portugal gewesen, bis ich verwundet wurde und nach England zurückgeschickt worden bin. Zwar hatte ich nicht vor, nach Portugal zurückzukehren, doch inzwischen bleibt mir nichts anderes übrig – die Familie, die in diese Sache verwickelt ist, bedeutet mir viel. Ich erachte es als meine Pflicht, ihr meine Hilfe nicht zu versagen.“

„Ich begreife immer noch nicht ganz, was das mit mir zu tun hat“, bemerkte Lucy ungehalten.

„Ich brauche deine Unterstützung, Lucy.“ Durchdringend sah er sie an.

Verlegen wandte sie den Blick ab und strich ihre Röcke glatt, als könnte sie dadurch auch den Aufruhr ihrer Gefühle besänftigen. „Wie sollte ich dir helfen?“

„Ich möchte dich bitten, mit mir nach Portugal zu reisen, um mit mir zu arbeiten.“

„Du möchtest, dass ich eine Spionin werde?“, fragte sie ungläubig. „Das ist doch absurd.“ Sie lachte, obwohl ihr nicht danach zumute war.

„Ich verlange ja gar nicht von dir, eine Spionin zu werden“, beruhigte er sie. „Aber du bist Schauspielerin – einer der Gründe, weswegen ich mich für dich entschieden habe. Du bist nicht nur schön, Lucy Lane, sondern auch intelligent und witzig. Das allein sind die Gründe, weshalb ich dich heute Abend um deine Hilfe bitte – und nicht unsere gemeinsame Vergangenheit. Meiner Meinung nach bist du für die Aufgabe ausgezeichnet geeignet.“

Wortlos sah sie ihn eine Weile an, bevor sie ihm antwortete. „Auf gar keinen Fall stimme ich zu – gleichgültig, worum du mich bittest. Ich weigere mich. Weder habe ich Talent für das, was du vorschlägst, noch bin ich bereit, das Theater aufzugeben. Ich habe einen sicheren und einträglichen Beruf, den ich zufälligerweise auch sehr gerne ausübe. Auf keinen Fall werde ich meine Karriere aufs Spiel setzen. Was ist bloß so wichtig an dieser Mission?“

„Zurzeit kann ich dir leider nicht viele Informationen geben“, erklärte er, „weil ich selbst noch nicht völlig im Bilde bin. So viel ich weiß, ist eine englische Frau mit ihrem Kind von gewissenlosen Deserteuren beider Kriegsparteien entführt worden. Man hält sie in den Sierras, dem portugiesischen Bergen, gefangen.“

„Das tut mir leid.“

„Du würdest mit mir zusammenarbeiten. Ich kann nicht verschweigen, dass es sich um ein äußerst gefährliches Unterfangen handelt – ein lebensgefährliches sogar.“

„Und du würdest mich freiwillig einer solchen Gefahr aussetzen?“, erkundigte sie sich kopfschüttelnd.

„Nur ungern, aber ja, das würde ich, weil es notwendig ist.“

„Aber warum ausgerechnet ich?“, fragte sie. „Es wäre doch sinnvoller, jemanden zu engagieren, der sich in Portugal auskennt – einen Soldaten zum Beispiel.“

„Unter normalen Bedingungen hast du natürlich recht. Doch bedauerlicherweise wurde die Frau bei der Entführung verwundet – wenn sie nicht bereits gestorben ist, wird sie auf jeden Fall äußerst geschwächt sein. Die Reise durch die Berge ist sehr anstrengend – deswegen brauche ich eine Frau, die sich um sie und das Kind kümmert.“

„Wie kommst du nur auf den Gedanken, mich um Hilfe zu bitten?“

„Du bist die Einzige, die ich fragen kann. Außerdem sprichst du fließend Französisch, was uns sehr zupass kommt. Ich bitte dich, mir zu vertrauen, Lucy.“

„Dir vertrauen?“ Sie schnaubte verächtlich. „Wie kommst du auf diesen aberwitzigen Gedanken?“

„Uns bleibt nicht viel Zeit“, fuhr er unbeirrt fort. „Ich bitte dich nur, wenigstens darüber nachzudenken.“

„Das habe ich bereits – und die Antwort lautet Nein. Ich bin zufrieden mit meinem Leben und meinem Beruf.“

„Ich habe gehört, dass du nach meiner Abreise nach Spanien mit einer Schauspieltruppe durch die Provinz gezogen bist.“

„Das bin ich – obwohl ich nicht weiß, was dich das angeht. Ich habe hart gearbeitet, damit man mir nach meiner Rückkehr nach London gute Rollen anbietet.“

„Talentiert bist du auf jeden Fall – davon habe ich mich einige Male persönlich bei Vorstellungen mit dir überzeugen können.“

„Du hast mich auf der Bühne gesehen?“, fragte sie entgeistert. „Das habe ich gar nicht gewusst.“

„Das solltest du ja auch nicht. Ich wollte auch nicht, dass du mich siehst. Du bist wunderschön und begabt. Dein Talent hast du bestimmt von deiner Tante geerbt. Man hört, sie sei ebenfalls eine begnadete Schauspielerin gewesen.“

Damit hatte er recht. Tante Dora war überaus erfolgreich gewesen und hatte schon früh die künstlerische Neigung ihrer Nichte erkannt und gefördert – was sich ausgezahlt hatte.

Lucy wusste, dass sie gut spielte und aussah, doch waren ihr die bewundernden Blicke und Komplimente ihrer Verehrer nie zu Kopf gestiegen. Stets hatte sie diese mit einem Lachen zur Kenntnis genommen und leidenschaftliche Avancen charmant in Schach gehalten. Umso mehr rührten sie Nathan Worte, denn von ihm wusste sie, dass er keine leichtfertigen Schmeicheleien von sich gab. Dafür kannten sie einander auch viel zu gut. Ernst sah er sie an, und ihr fiel auf, dass er damals wesentlich häufiger gelacht hatte. Ob der Krieg ebenfalls Schuld daran war, dass er kaum noch zu lachen schien?

„Ein Lob? Aus deinem Munde?“, fragte sie, um ihre Überraschung zu verbergen. „Das kann ich gar nicht glauben. Mir wäre es lieber, wenn du einfach nur ehrlich zu mir bist. Schmeicheleien haben dir noch nie gut zu Gesicht gestanden.“

„Das ist keine Schmeichelei gewesen – ich meine es ernst. Weißt du, dass du jetzt noch viel schöner bist als damals? Besonders, wenn du dieses wütende Funkeln in deinem Blick hast. Kein Mann kann dir widerstehen. Es steht dir wirklich gut.“

Er musterte sie, und es kam ihr vor, als würde sein Blick sie liebkosen. Vielsagend blickte er auf den tiefen Ausschnitts ihres Mieders. „Halte mich nicht zum Narren, Lucy. Du weißt, dass du eine gute Schauspielerin bist. Außerdem sprichst du fließend Französisch. Das könnte für diesen Auftrag äußerst nützlich sein.“

„Ich habe aber nicht vor, mich für etwas töten zu lassen, was mich nicht betrifft.“

„Aber du kannst mich nicht daran hindern, wenigstens den Versuch zu unternehmen, dich doch noch umzustimmen.“

„Das wäre lediglich Zeitverschwendung. Mein Entschluss steht fest.“

„Lässt du dich wirklich durch nichts und niemanden überzeugen, deine Meinung zu ändern?“

„Meine Antwortet lautet nach wie vor Nein.“

„Gibt es denn nichts, durch das ich dich umstimmen könnte?“

„Ein für alle Mal – Nein. Es besteht also auch kein Grund, dass wir uns jemals wiedersehen.“

„Muss ich es dir vielleicht befehlen, Lucy?“

„Ich lasse mir von keinem Mann etwas befehlen“, erwiderte sie hitzig und wandte sich um, um wegzugehen. Aber Nathan war schneller. Er umfasste ihren Arm, drehte sie herum und zog sie an seine breite, muskulöse Brust.

„Wie kannst du es wagen!“, rief sie wütend. „Lass mich gefälligst los, bevor ich …“

Doch er erstickte ihre Einwände mit einem leidenschaftlichen, verlangenden Kuss. Einen Augenblick lang vergaß Lucy sogar, dass sie wütend war, als sich ihr Körper mit einer verräterischen Bereitwilligkeit fest gegen Nathan schmiegte. Plötzlich hörte sie nur noch ihren eigenen Herzschlag und fühlte nichts anderes außer den starken Armen des Mannes, den wiederzusehen sie niemals erwartet hatte.

Begierig presste er die sinnlichen Lippen auf ihre, während er Lucy fester in die Arme schloss. Auf einmal schien die Welt sich um sie herum zu drehen, und atemlos gab sie sich dem verlockenden Kuss hin. Es kam ihr so vor, als stünde ihr Körper in Flammen, als sie Nathans vertrauten Duft und Geschmack wiedererkannte und mit allen Sinnen genoss. Diesen Kampf gegen das unbändige Verlangen, das in ihr emporzusteigen begann, konnte sie nicht gewinnen – ihr Verstand war dem Feuer der Begierde, das Nathan in ihr entfacht hatte, hoffnungslos unterlegen. Durch seinen Mantel hindurch spürte sie die Wärme seiner breiten Brust und nahm den beständigen Schlag seines Herzens wahr, während das ihre wie wild pochte.

Seine Lippen, das Gefühl, ihm wieder so nah zu sein – all das überwältigte sie in einem einzigen Moment. Schmerzhafte Erinnerungen und leidenschaftliche Gegenwart vermischten sich, als Nathan ihren Hals mit zärtlichen Küssen verwöhnte, ihr übers Haar strich und ihr schließlich herausfordernd in die Augen sah.

„Ich bin froh, dass du nicht verlernt hast zu küssen, Lucy.“

Bevor sie darauf etwas erwidern konnte, berührten seine Lippen abermals ihre, um sie verführerisch zu küssen. Plötzlich fühlte sie sich mitgerissen von einem Strom brennenden Verlangens, der ihren Körper durchflutete, als Nathan ihren Rücken zu streicheln begann. Unwillkürlich legte sie die Hände auf seine Schultern und ergab sich den sinnlichen Versprechungen der süßen Versuchung, die diese erregenden Berührungen verhießen.

Offenbar nur äußerst widerwillig löste Nathan sich schließlich von ihr, und wie gebannt starrte Lucy in seine vor Verlangen glänzenden Augen. Nach und nach verflüchtigte sich der nebelhafte Rausch, der sich ihrer Gedanken soeben bemächtigt hatte. Erschrocken bemerkte sie, dass sie Nathan Nacken immer noch umschlungen hielt, und rasch zog sie die Hände fort. Sie trat einen Schritt zurück, doch Nathan packte ihre Handgelenke.

„Meinen Glückwunsch“, sagte er schneidend. „Wie ich sehe, hast du nichts von dem vergessen, was ich dir beigebracht habe – in den letzten vier Jahren scheinst du sogar noch eine Menge dazugelernt zu haben.“

„Willst du dich deswegen beklagen?“, fragte sie, empört wegen seiner Unverfrorenheit. „Wenn ich mich recht entsinne, hast du mich damals als unerfahren bezeichnet. Doch die Dinge haben sich geändert, Nathan. Ich habe mich geändert. Und jetzt möchte ich dich bitten, mein Haus zu verlassen. Wir haben uns nichts mehr zu sagen.“

„Da muss ich widersprechen. Wir unterhalten uns in zwei Tagen wieder, wenn du ausreichend Zeit gehabt hast, über meinen Vorschlag nachzudenken.“

„Nein, das werden wir nicht“, entgegnete sie und befreite sich aus seinem Griff.

Autor

Helen Dickson
Helen Dickson lebt seit ihrer Geburt in South Yorkshire, England, und ist seit über 30 Jahren glücklich verheiratet. Ihre Krankenschwesterausbildung unterbrach sie, um eine Familie zu gründen.
Nach der Geburt ihres zweiten Sohnes begann Helen Liebesromane zu schreiben und hatte auch sehr schnell ihren ersten Erfolg.
Sie bevorzugt zwar persönlich sehr die...
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