Was hast du mir verschwiegen, Melanie?

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Lange hat Melanie dem Milliardär Rafiq Al-Qadim verheimlicht, dass sie nach ihrer leidenschaftlichen Affäre ein Kind von ihm bekam. Aber nun muss sie es ihm einfach sagen! Auch wenn ihr Herz bei dem Gedanken rast, ihrem Traummann wieder zu begegnen …
  • Erscheinungstag 11.08.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733759018
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Der Blick, mit dem Rafiq Al-Qadim die Londoner Niederlassung der Internationalen Bank von Rahman betrat, verhieß nichts Gutes.

Im Foyer des Gebäudes warteten die Angestellten vor den Aufzügen, die sie in ihre Büros bringen sollten. Als sie die Miene sahen, mit der sich ihr Vorgesetzter näherte, wichen sie unwillkürlich zurück. Keiner konnte sich erinnern, den Zweimetermann, dessen Körpergröße einzig von seinem Selbstbewusstsein übertroffen wurde, je so schlecht gelaunt erlebt zu haben.

Selbst sein persönlicher Assistent Kadir Al-Kadir verzichtete darauf, denselben Lift zu benutzen. Offenbar fürchtete er, sein Chef könnte die Tageszeitung, die er mit der rechten Hand umklammerte, als Schlagstock einsetzen.

Um die verschreckten Gesichter seiner Mitarbeiter auch nur zu bemerken, war Rafiq jedoch viel zu sehr mit sich und seiner unbändigen Wut beschäftigt. Erst als sich die Aufzugtüren hinter ihm schlossen, wurde er sich darüber klar, dass er selbst den Knopf für das oberste Stockwerk drücken musste.

„Guten Morgen, Sir“, begrüßte ihn seine Sekretärin Nadia, als er eine halbe Minute später die Chefetage erreichte. „Die Liste mit den Anrufen liegt wie immer auf Ihrem Schreibtisch“, teilte sie ihm mit, „und Ihr erster Termin ist …“

„Ich will nicht gestört werden“, unterbrach er sie und ging in sein Büro, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

Nadia sah ihm ratlos nach, bis die Tür krachend hinter ihm ins Schloss fiel. In all den Jahren, die sie für Rafiq arbeitete, hatte sie ihn nie anders als ausgeglichen, höflich und korrekt erlebt. Konnte es sich bei dem, der soeben an ihr vorbeigestürmt war, ohne sie auch nur anzusehen, wirklich um denselben Menschen handeln?

Kaum hatte Rafiq seinen Schreibtisch erreicht, warf er wutentbrannt die Zeitung auf die Marmorplatte – mit dem Resultat, dass ihm erneut die Schlagzeile entgegenprangte, die ihm schon beim Frühstück die Laune verdorben hatte.

Wie jeden Morgen hatte Kadir ihm die wichtigsten Tageszeitungen gebracht, die ein Banker lesen musste, um auf dem Laufenden zu sein. Warum das spanische Boulevardblatt darunter geraten war, hatte Rafiq erst begriffen, als er es aufgeschlagen und die Schlagzeile auf der zweiten Seite gesehen hatte.

„Liebe ist wichtiger als Geld“ stand dort in riesigen Lettern. „Serena Cordero schickt Ölscheich in die Wüste und heiratet ihren Tanzpartner Carlos Montez.“

Dass es in dem Artikel nicht um Wirtschaft ging, kam wenig überraschend. Umso mehr hatte es Rafiq schockiert, aus der Zeitung erfahren zu müssen, dass er belogen und betrogen worden war.

Fast noch mehr als die Nachricht selbst quälte ihn die Tatsache, dass er durch den Artikel bloßgestellt und zum Gespött der Weltöffentlichkeit wurde. Dabei hatte ihn sein Halbbruder Hassan bereits vor einem halben Jahr auf die Gerüchte angesprochen, die sich um das Liebesleben der weltberühmten Flamencotänzerin rankten.

Doch Rafiq hatte darauf vertraut, dass die Meldungen über Serenas Affäre mit Carlos Montez bewusst in die Welt gesetzt wurden, um Reklame für die bevorstehende Welttournee zu machen. Und es war nicht einmal zwei Monate her, dass Serena ihn in dieser Auffassung bestärkt und ihm versichert hatte, dass sie nur ihn, Rafiq, liebe und alles andere eine Erfindung ihres Managements sei.

Das hat man nun von seiner Leichtgläubigkeit! dachte er verbittert.

Zu seinem Leidwesen war ihm das Gefühl, von einer Frau benutzt und hintergangen zu werden, nicht unbekannt. Dieselbe Erfahrung hatte er schon mit seiner Mutter und dann mit der einzigen Frau machen müssen, für die er etwas empfunden hatte, was den Namen Liebe verdiente. Als die Beziehung in die Brüche ging, hatte er sich geschworen, dass es ein drittes Mal nicht geben würde.

Offenbar hatte er die Rechnung ohne Serena gemacht. Deren Lächeln auf dem halbseitigen Foto in der Zeitung erinnerte ihn schmerzlich daran, dass es Dinge gab, die sich selbst ein Milliardär nicht kaufen konnte.

Im selben Moment, in dem die Zeitung im Papierkorb landete, klingelte Rafiqs Handy.

Querido“, meldete sich eine Frauenstimme, die Rafiq das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Ich wollte dir nur schnell erklären, wie die Meldungen über mich zustande kommen“, begründete Serena ihren Anruf. „Der Vorverkauf für unsere Tournee verlief so schleppend, dass wir uns dringend etwas einfallen lassen mussten, um in die Schlagzeilen zu kommen. Zwischen uns ändert sich dadurch nicht das Geringste. Schließlich waren wir uns darin einig, dass eine Heirat nicht infrage kommt. Und dass ich dich nach wie vor liebe, weißt du doch, nicht wahr?“

„Ich weiß, dass du jetzt mit einem anderen verheiratet bist“, erwiderte Rafiq unversöhnlich. „Deshalb möchte ich dich bitten, mich nie wieder anzurufen“, fügte er hinzu, ehe er die Verbindung trennte und das Handy auf dem Schreibtisch ablegte.

Serena sollte ihn gut genug kennen, um zu wissen, dass sie sich den Anruf hätte sparen können. Eine Frau, die einen Mann derartig demütigte, konnte nicht auf Verständnis hoffen. Und wenn dieser Mann ein Araber war, musste sie wissen, dass sie in ihm einen Feind fürs Leben hatte.

Erneut klingelte das Telefon, doch dieses Mal war es der Hausanschluss. „Habe ich nicht deutlich gesagt, dass ich nicht gestört werden will?“, brüllte Rafiq in der Annahme in den Hörer, dass Nadia am anderen Ende der Leitung sei.

„Deiner Laune nach zu urteilen, hast du die Zeitungen schon gelesen“, erwiderte sein Halbbruder.

Mit Hassans Anruf hatte er rechnen müssen. Schließlich war es am Persischen Golf schon fast Mittag, und so war es nicht verwunderlich, dass sich die Neuigkeit schon bis nach Asien herumgesprochen hatte.

„Das habe ich in der Tat“, antwortete Rafiq und ließ sich in seinen ledernen Schreibtischsessel fallen, „aber falls du die Absicht hast, mich an deine Warnung zu erinnern …“

„Eigentlich wollte ich dir nur mein Mitgefühl ausdrücken“, unterbrach Hassan ihn sarkastisch.

„Mach dich ruhig lustig über mich“, erwiderte Rafiq bitter. „Wie ich dich kenne, hast du längst mit Dad darüber gesprochen.“

„Wir haben wahrlich Besseres zu tun, als uns über dein Liebesleben zu unterhalten.“

„Ich wusste gar nicht, dass ich eines habe“, wandte Rafiq zynisch ein.

Und doch entsprach es der Wahrheit. In den letzten zwei Monaten hatte er Serena genau zweimal gesehen, und um von einem Liebesleben zu sprechen, war das eindeutig zu wenig.

Ihr Beruf als Tänzerin brachte es jedoch nun einmal mit sich, dass sie ständig unterwegs war und von einem Kontinent zum anderen reiste. Rafiq verbrachte kaum weniger Zeit im Flugzeug als sie, doch meistens flog er in die entgegengesetzte Richtung, wenn er Termine wahrnahm, die eigentlich zu dem Aufgabenbereich seines Bruders gehörten.

„Wie geht es Dad?“, erkundigte er sich.

„Im Moment ganz gut“, erwiderte Hassan zu seiner Erleichterung. „Die Nachricht, dass er Großvater wird, scheint wahre Wunder bewirkt zu haben.“

Die waren auch nötig, dachte Rafiq in Gedanken an den Gesundheitszustand seines Vaters.

Scheich Khalifa war seit vielen Jahren krank, und noch vor sechs Monaten hatte es so ausgesehen, als sollte seine lange Leidenszeit ein Ende haben. Doch die Aussicht, sein erstes Enkelkind in den Armen zu halten, schien ihm tatsächlich neuen Lebensmut gegeben zu haben.

Da sich Khalifas Zustand allerdings jeden Tag wieder verschlechtern konnte, hatten die beiden Brüder beschlossen, dass einer von ihnen immer in seiner Nähe sein sollte. Inzwischen war Hassans Frau Leona jedoch hochschwanger. Deshalb zog der werdende Vater es vor, zu Hause zu bleiben und sich um die Staatsgeschäfte zu kümmern, während sein Bruder um die Welt reiste und die Geschäftsinteressen der Familie vertrat.

„Und Leona?“, fragte Rafiq.

„Sie wird von Tag zu Tag runder“, erwiderte Hassan drastisch, doch seiner Stimme waren die Liebe zu seiner Frau und der Stolz auf das gemeinsame Kind deutlich anzuhören.

Rafiq beneidete ihn fast darum, und beinahe wäre er der Versuchung erlegen, seinem Bruder das rundheraus zu gestehen. Schließlich besann er sich eines Besseren und lenkte das Gespräch auf unverfänglichere Themen.

Erst nachdem er aufgelegt hatte, wagte er es, seine widersprüchlichen Gefühle zu befragen. Denn sosehr er sich in diesem Moment nach Serena sehnte, hatte sie im Grunde völlig recht.

Wenn sie je über etwas einig gewesen waren, dann darüber, dass eine Heirat nicht infrage kam. Serena war eine heißblütige und wunderschöne Spanierin, mit der er perfekt harmonierte – jedenfalls im Bett.

Mehr hatte weder er noch sie im Sinn gehabt, und auch wenn Serena beteuerte, Rafiq zu lieben, wussten beide, dass sie außer dem Spaß an gutem Sex – vor allem miteinander – kaum Gemeinsamkeiten hatten.

Entsprechend lächerlich erschien es Rafiq plötzlich, dass er ausgerechnet jetzt einem glücklichen Familienleben nachtrauerte, wie sein Bruder es führte.

Zumal er das vor Jahren bereits zur Genüge getan hatte, wie er sich schmerzlich eingestehen musste, als er zu der großen Fensterfront seines Büros ging und auf das winterliche London hinabsah.

Die Hoffnung, die Frau seines Lebens gefunden zu haben, hatte sich jedoch sehr bald als trügerisch erwiesen. Seitdem hatte er vor der Liebe eher Reißaus genommen und sich mit oberflächlichen Affären begnügt.

Doch so bewusst er diese Entscheidung getroffen hatte, musste er sich in diesem Augenblick eingestehen, dass der Wunsch nach Frau und Kind in all den Jahren eher größer als kleiner geworden war.

Das Gefühl der Einsamkeit traf ihn so unvorbereitet, dass er plötzlich nicht nur seinen Bruder beneidete, sondern selbst die anonymen Menschen, die er vom Fenster aus sehen konnte.

Wenn es um Geld, Macht und Einfluss ging, konnte es keiner von ihnen mit Rafiq aufnehmen. Dennoch war er sicher, dass sie ihm etwas ganz Entscheidendes voraushatten – zumindest diejenigen, die einen Partner hatten, der ihrem Leben einen Sinn gab.

Dass Rafiq diese Form des Reichtums unbekannt war, konnte er nicht Serena anlasten. Das hatte er jener Person zu verdanken, an die ihn die blonde Frau erinnerte, die seit geraumer Zeit unschlüssig vor dem Eingang zur Bank stand.

Doch die hieß sicherlich nicht Melanie und konnte unmöglich so schön und vor allem nicht so berechnend sein wie diejenige Frau, die aus einem unbekümmerten jungen Mann einen verbitterten Zyniker gemacht hatte.

Acht Jahre lag das nun zurück, und insgeheim fragte sich Rafiq, was aus Melanie geworden war. Ob sie manchmal noch an ihn dachte? Oder hatte sie ihn genauso vergessen wie das, was sie ihm angetan hatte? Würde sie ihn überhaupt wieder erkennen, wenn sie sich zufällig auf der Straße begegneten?

Mit Sicherheit nicht, dachte Rafiq ernüchtert. Melanie mochte das Gesicht eines Engels haben, doch hinter der trügerischen Fassade verbarg sich ein Flittchen, von dem man nicht erwarten durfte, dass es sich an jeden einzelnen Mann erinnerte, mit dem es sich eingelassen hatte.

Wie aufs Stichwort klingelte Rafiqs Handy. In der Überzeugung, dass erneut Serena anrief, ließ er es klingeln und beobachtete gedankenverloren die blonde Frau, die immer noch vor dem Eingang der Bank stand und nicht zu wissen schien, wo sie hingehörte. Wie gut er das verstehen konnte!

Melanie stand unschlüssig vor dem Eingang der Londoner Niederlassung der Internationalen Bank von Rahman.

Seit Wochen hatte sie sich akribisch auf diesen Moment vorbereitet, doch nun, da sie ihren Plan nur noch in die Tat umzusetzen brauchte, drohte sie der Mut zu verlassen.

Im Grunde war es reine Zeitverschwendung, einen Mann aufzusuchen, der vor nichts und niemandem Respekt hatte – und am wenigsten vor ihr. Schlimmer als die Aussicht, eine herbe Enttäuschung zu erleben, war einzig die Vorstellung, unverrichteter Dinge nach Hause zurückkehren und Robbie weiter im Ungewissen lassen zu müssen.

Der Gedanke an ihren Sohn verlieh ihr schließlich den Mut, das Foyer der Privatbank zu betreten, die in Fachkreisen als eines der weltweit führenden Geldinstitute galt.

Im Sicherheitsglas der Drehtür konnte Melanie ihr Spiegelbild erkennen, und was sie sah, gefiel ihr ganz und gar nicht. Sie war nicht nur schlank, sondern wirkte geradezu hager, und die Angst hatte sämtliche Farbe aus ihrem Gesicht weichen lassen. Entgegen ihrer Gewohnheit hatte sie sich das Haar hochgesteckt, was ihr eine unvorteilhafte Strenge verlieh.

Doch schließlich war sie nicht zu ihrem Vergnügen hier, und ihr Äußeres hatte sie mit großem Bedacht gewählt. Das Gebäude war ihr von früheren Besuchen ebenso bekannt wie die unterkühlte Atmosphäre, die darin herrschte. Wohin man auch sah, begegneten einem glatte Flächen aus Glas, Stahl und Marmor, die offenbar dem Zweck dienten, den unvoreingenommenen Besucher einzuschüchtern.

Die Menschen, die hier arbeiteten, passten sich der abweisenden Umgebung an, denn sie wirkten ebenso grau wie die Kleidung, die sie trugen. Dafür strahlten sie eine unerschütterliche Selbstsicherheit aus, als wären ihnen Zweifel unbekannt.

Die Welt der Hochfinanz war Melanie seit jeher suspekt, und daran würde sich wohl ihr Lebtag nichts mehr ändern. Doch im Wissen um die Regeln, die hier galten, hatte sie ein schwarzes Kostüm und sogar Stöckelschuhe angezogen.

Schließlich wollte sie einem Mann gegenübertreten, der in dieser Welt zu Hause war. Wenn es überhaupt eine Chance gab, vor diesem zynischen und hochmütigen Menschen zu bestehen, dann nur in dieser Verkleidung.

Die Melanie Leggett in Jeans, die er in Erinnerung hatte, würde Rafiq hinauswerfen, ohne sie anzuhören. Ob er sich das mit Melanie Portreath, die ein sündhaft teures Designerkostüm trug, auch erlauben konnte, würde er sich sicherlich zweimal überlegen.

Auch ohne auf dem blank polierten Messingschild nachzusehen, wusste Melanie, in welche Etage sie musste. Trotzdem zögerte sie eine Weile, ehe sie den Knopf für das oberste Stockwerk drückte.

Als sich die Türen des Fahrstuhls wieder öffneten, zitterten ihr vor Aufregung die Knie, und nur die Erinnerung an den Zweck ihres Kommens ließ sie den Mut aufbringen, das Vorzimmer von Rafiqs Büro zu betreten.

Seine Sekretärin saß am Schreibtisch und war in die Arbeit vertieft. Als sie die Besucherin bemerkte, stand sie auf und empfing sie mit einem freundlichen Lächeln.

„Mrs. Portreath, nehme ich an“, sagte sie mit einem Akzent, der sie ebenso als Araberin zu erkennen gab wie das schwarze Haar und der dunkle Teint. „Ich heiße Nadia und bin Mr. Al-Qadims Sekretärin“, stellte sie sich vor. „Leider muss ich Sie bitten, noch einen Moment Platz zu nehmen. Mr. Al-Qadim ist sehr beschäftigt, und Ihr Anwalt hat mich leider erst heute Morgen über Ihren Besuch informiert.“

Widerwillig nahm Melanie in einem der Ledersessel Platz und beobachtete, wie Nadia zu der Tür ging, die zu Rafiqs Büro führte. Doch schon das Anklopfen schien sie große Überwindung zu kosten, und sie zögerte eigentümlich lange, ehe sie die Tür schließlich öffnete und den Raum betrat.

Wenn sich schon Rafiqs Sekretärin nicht in die Höhle des Löwen wagt, woher nehme ich dann eigentlich den Mut? fragte sich Melanie unwillkürlich. Unberechenbar war Rafiq schon immer gewesen, doch offenbar bestand inzwischen Anlass, sich vor ihm und seinen Launen regelrecht zu fürchten.

Es sei denn, man war so jung und unerfahren, dass man sich von ihm blenden ließ. Genau das war Melanie vor mittlerweile acht Jahren passiert, und die Erinnerung daran beschämte sie noch heute.

Sechs Wochen lang hatte Rafiq alles Erdenkliche getan, um sie davon zu überzeugen, dass er sie wirklich liebte. Um ihr auch den letzten Zweifel zu nehmen, hatte er sogar versprochen, sie zu heiraten.

Schließlich hatte Melanie sich erweichen lassen und war mit Rafiq ins Bett gegangen. Sehr schnell hatte sie jedoch erkennen müssen, dass er jegliches Interesse an ihr verlor, nachdem er ihr erst die Unschuld geraubt hatte.

Denn mit demselben Eifer, mit dem er sie zuvor umworben hatte, suchte er nun nach einem Vorwand, um sie wieder loszuwerden. Weil es ihm nicht schnell genug ging, hatte er schließlich eine Intrige, deren Opfer Melanie war, vorsätzlich zu ihren Ungunsten ausgelegt und zum Anlass genommen, sie zum Teufel zu jagen.

„Mach, dass du hier rauskommst!“ war das Letzte, was sie von ihm gehört hatte.

„Mr. Al-Qadim lässt bitten, Mrs. Portreath.“

Nadia war aus dem Büro ihres Chefs zurückgekommen und stand an der geöffneten Tür, durch die Melanie nun gehen sollte.

Genau das traute sie sich jedoch nicht mehr zu. Auf Rafiqs Verständnis zu hoffen war ein aussichtsloses Unterfangen, und der Demütigung, von ihm ein zweites Mal rausgeworfen zu werden, fühlte sie sich nicht gewachsen.

In ihrer Panik wollte sie sich bereits umdrehen und davonlaufen, als sie plötzlich Robbies Gesicht vor Augen hatte. Im selben Moment wusste sie, dass sie die Kraft aufbringen würde, sich der Begegnung mit Rafiq zu stellen.

Das war sie ihrem Sohn einfach schuldig. Viel zu früh war er mit dem Tod in Berührung gekommen, und seitdem lebte er in der ständigen Angst, seiner Mutter könnte etwas zustoßen.

Um ihm die Gewissheit zu geben, dass er selbst dann nicht allein auf der Welt war, sollte er endlich erfahren, wer sein Vater war. Umgekehrt sollte der Vater zumindest die Chance haben, seinen Sohn kennenzulernen.

Denn noch ahnte Rafiq nicht einmal, dass er vor acht Jahren nicht nur seine Geliebte, sondern auch sein ungeborenes Kind verstoßen hatte, und seiner Reaktion sah Melanie eher ängstlich als zuversichtlich entgegen.

Rafiq entstammte einem völlig anderen Kulturkreis, und als Araber galten für ihn gänzlich andere Regeln und Gesetze als für eine Mitteleuropäerin wie Melanie. Deshalb konnte sie nicht ausschließen, dass er von Robbie nichts wissen wollte und sie empört vor die Tür setzen …

„Mr. Portreath?“

Nadia schien sich bereits zu wundern, dass Melanie immer noch reglos in ihrem Sessel saß, als wollte sie den Termin bei Rafiq Al-Qadim ungenutzt verstreichen lassen.

Doch inzwischen lag ihr nichts ferner. Robbie wusste nichts von diesem Besuch, und notfalls würde er nie davon erfahren. Sollte Rafiq seinen Sohn also tatsächlich verleugnen, wäre das einzig und allein sein Problem.

Dieser tröstliche Gedanke gab ihr eine solche Sicherheit, dass sie, ohne zu zögern, aufstand und durch die Tür ging, die Nadia ihr aufhielt. Als sie über die Schwelle trat, gelang es ihr sogar zu lächeln.

Als Erstes fiel ihr auf, dass Rafiqs Büro genauso kalt und abweisend wirkte wie das übrige Haus. Selbst der riesige Schreibtisch, der den Raum beherrschte, bestand aus einem Unterbau aus blankem Stahlrohr, der eine schwere Marmorplatte trug. Neben dem Schreibtisch stand ein Mann in einem dunkelgrauen Anzug, der sich über einen Stapel Unterlagen beugte.

Der Mann war Rafiq Al-Qadim, und die Dokumente, die er durchsah, hatte Melanies Anwalt ihm geschickt. Ahnte Rafiq bereits, weshalb sie gekommen war? Oder warum weigerte er sich beharrlich, den Kopf zu heben und ihr Gelegenheit zu geben, in jene Augen zu sehen, die sie auch nach acht Jahren noch im Traum verfolgten?

Je länger Rafiq in die Unterlagen sah, desto mehr bereute er, Mrs. Portreath überhaupt vorgelassen zu haben. Das Vermögen, das sie geerbt hatte, war nicht unbeträchtlich, doch für eine Bank wie seine waren selbst einige Millionen Pfund ein vergleichsweise lächerlicher Betrag.

Deshalb war es ihm ein Rätsel, warum die Witwe von William Portreath ihr Kapital unbedingt bei der Bank von Rahman anlegen wollte. Außerdem hatte sie darauf bestanden, mit dem Direktor persönlich zu sprechen.

Um sich mit einem einfachen Angestellten abzugeben, war sie sich offenbar zu fein. Zumindest hatte sie sich nicht gescheut, einen prominenten Fürsprecher vorzuschicken, der ihr den Termin bei Rafiq beschafft hatte.

Randal Soames war ein Vermögensverwalter, mit dem Rafiq seit Jahren zusammenarbeitete. Unter anderem regelte er auch den Nachlass von William Portreath, und ohne seine ausdrückliche Bitte hätte Rafiq die Anfrage der jungen Witwe nicht einmal zur Kenntnis genommen.

Wie es ihr gelungen war, Randal um den kleinen Finger zu wickeln, fragte er sich lieber nicht. Aus leidvoller Erfahrung wusste er, dass die meisten Frauen vor nichts zurückschreckten, um ihren Willen durchzusetzen. Gemeinhin galten sie als das schwache Geschlecht, doch in Wirklichkeit war jede Einzelne von ihnen stärker und gefährlicher als eine ganze Armee von Männern.

Bringen wir es hinter uns, dachte Rafiq, als er schließlich von den Unterlagen aufsah, um seine Besucherin zu begrüßen.

Das Lächeln, um das er sich bemüht hatte, erstarb jedoch, als er erkennen musste, mit wem er es zu tun hatte. Noch vor wenigen Augenblicken hatte er an Melanie gedacht, und dass sie jetzt vor ihm stand, ließ sich nur mit einer Verschwörung erklären.

Unwillkürlich sah er zur Tür, weil er fest damit rechnete, dass gleich seine Mutter und Serena hereinkommen würden. Dann wären die drei bösen Hexen vollzählig versammelt, die ihm das Leben zur Hölle gemacht hatten.

Als Rafiq endlich den Kopf hob und sie ansah, begann Melanies Herz zu rasen. Er sah so atemberaubend aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte.

Auch wenn sein Teint ihn deutlich als Araber zu erkennen gab, hatte er die Statur und Ausstrahlung eines römischen Gladiators. Das schwarze Haar war so dicht wie vor acht Jahren, und die Kinnpartie strahlte dieselbe Verwegenheit und Entschlossenheit wie damals aus.

So wenig überraschend das war, erschrak Melanie zutiefst darüber, dass sie mit derselben Heftigkeit reagierte wie als Zwanzigjährige. Die Faszination, die er auf sie ausübte, war einer erwachsenen Frau jedenfalls gänzlich unangemessen – erst recht in Erinnerung an das, was er ihr angetan hatte.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie begriff, warum sie Gefahr lief, die Fassung zu verlieren. Je länger sie Rafiq ansah, desto unübersehbarer wurde die Ähnlichkeit mit Robbie. Ihr Sohn hatte die gleichen dunklen, fast schwarzen Augen, die von ebenso langen Wimpern gerahmt wurden wie die seines Vaters. Selbst die Wangenknochen und der sinnliche Mund glichen einander.

Nur in einem Punkt gab es einen himmelweiten Unterschied, und der beschäftige Melanie mehr, als ihr lieb sein konnte. Denn während Robbie noch ein Kind war, stand sie einem Erwachsenen gegenüber, dessen Männlichkeit und Attraktivität sie genauso hilflos machten wie damals.

Selbst die Gefühle, die sie für ihn empfand, schienen dieselben zu sein. Denn sosehr sich Melanie dagegen sträubte, musste sie sich eingestehen, dass sie nie aufgehört hatte, dieses Gesicht zu lieben.

Zunächst versuchte sie es sich damit zu erklären, dass sie einen Blick in die Zukunft warf. Genauso würde Robbie in einigen Jahren aussehen. Ob er dann auch so ein Herzensbrecher wäre wie sein Vater?

Die Frage drängte sich Melanie förmlich auf, und die Tränen, die ihr im selben Moment in die Augen stiegen, ließen sie endlich einsehen, dass keinesfalls nur mütterliche Gefühle sie bewegten.

So schwer es ihr fiel, musste sie sich in die bittere Erkenntnis fügen, dass sie die Trennung von Rafiq nie verwunden hatte. Die Tränen weinte sie um eine Liebe, der sie mit einer Heftigkeit nachtrauerte, als hätte er sie nicht vor acht Jahren, sondern erst gestern verstoßen.

Mit dieser schmerzlichen Einsicht war zugleich der Plan hinfällig geworden, den sie sich in dem Glauben zurechtgelegt hatte, dass sie für Rafiq bestenfalls Abscheu empfand. Um die Situation zu retten, musste sie sich deshalb dringend etwas einfallen lassen.

Auf Rafiq konnte sie dabei nicht vertrauen. Um auch nur ein Wort herauszubringen, war er von dem unverhofften Wiedersehen viel zu schockiert.

Unter Aufbietung all ihres Mutes ergriff sie schließlich die Initiative und ging auf den Schreibtisch zu. Als sie nah genug war, um Rafiq die Hand zu reichen, blieb sie stehen und sah zu ihm auf.

Für eine Frau war sie mit einem Meter und sechzig sicherlich nicht zu klein. Trotzdem fühlte sie sich in Rafiqs Gegenwart wie ein Zwerg. Er war nicht nur mehrere Köpfe größer als sie, sondern auch so athletisch, dass er sie mühelos hochheben und mit ihr machen konnte, was immer er …

Autor

Michelle Reid

Michelle Reid ist eine populäre britische Autorin, seit 1988 hat sie etwa 40 Liebesromane veröffentlicht.

Mit ihren vier Geschwistern wuchs Michelle Reid in Manchester in England auf. Als Kind freute sie sich, wenn ihre Mutter Bücher mit nach Hause brachte, die sie in der Leihbücherei für Michelle und ihre...

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