Wehrlos in deinen Armen

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Er ist der Mann ihrer Träume: der attraktive Journalist Jason Carmichael. Aber nach süßen Nächten der Liebe muss Lauren befürchten, dass sie ihr Herz dem Falschen geschenkt hat. Seine schöne Stiefmutter Imogen behauptet, mit Jason ein Verhältnis zu haben…
  • Erscheinungstag 25.10.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733753764
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Lauren machte es sich mit dem Telefon auf dem Sofa bequem. Die Anrufe ihrer Freundin Marie dauerten immer lange. Und dieses Mal hatten sie sich besonders viel zu erzählen, weil sie sich nach Maries Umzug noch nicht getroffen hatten.

„Bitte überleg es dir wenigstens. Reggie und mir zuliebe. Wenn du deinen Freund so sehr lieben würdest, wie ich Reggie liebe … Okay“, fügte sie eilig hinzu. „Deiner hat dich verlassen …“

„Es war genau umgekehrt.“ Lauren protestierte sofort.

„Entschuldige. Dann hast du also mit Mitch Schluss gemacht. Das würde ich mit Reggie auch tun, wenn er mich mit anderen Mädchen betrügen würde. Aber um wieder aufs Thema zu kommen: Ich kann Reggie doch nicht allein nach Frankreich fahren lassen, nur weil ich den Job angenommen habe, den mein Onkel mir angeboten hat, bevor wir etwas von Reggies Auslandstätigkeit wussten. Er muss schon nächste Woche in Frankreich sein. Was soll ich nur tun?“

„Du kannst doch nicht einfach wieder ausziehen, nachdem du gerade erst zugesagt hast, das Haus deines Onkels zu hüten, Marie. Und ich habe so etwas noch nie gemacht.“

„Bitte, Lauren, du musst mir helfen! Onkel Redmund möchte nur, dass das Haus bewohnt ist. Übrigens ist er nur ein Nennonkel. Meine Eltern sind seit vielen Jahren mit ihm befreundet, und ich habe immer Onkel Redmund zu ihm gesagt. Habe ich dir schon erzählt, dass er momentan in Südfrankreich lebt?“

„Nein, aber …“

„Übrigens bezahlt er den Job sehr gut. Du bist einverstanden, für mich einzuspringen?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Aber du hast mir doch erzählt, dass du sowieso umziehen musst, weil dein Vermieter das Haus verkaufen will.“

„Stimmt. Trotzdem möchte ich mir deinen Vorschlag erst einmal in Ruhe überlegen, zumal ich hier bei einer Künstleragentur als Arbeitsuchende gemeldet bin.“

„Das kannst du doch rückgängig machen. Ich habe dir gerade einen Job angeboten. Pass auf, Lauren: Komm am Sonnabend einfach zu der Party, die wir in Onkel Redmunds Haus geben, um Reggies Beförderung zu feiern.“

„Nun, ich …“

„Du könntest Freitag kommen und in dem Haus übernachten“, schlug Marie vor. „Dann kann ich dir das Haus in aller Ruhe zeigen, und du kannst dich entscheiden. Ich will dir ja nicht die Pistole auf die Brust setzen, aber ich kann in Reggies Firma arbeiten, wenn ich ihn begleite. Bedenke doch, wie einmalig das für mich wäre …“

„Wenn das keine Erpressung ist, will ich nicht mehr Lauren Halstead heißen.“

Marie lachte. „Vielleicht hast du recht. Wir sehen uns am Freitag. Abgemacht? Und mach dir wegen des Umzugs keine Sorgen, Reggie kann einen Lieferwagen besorgen, um deine Möbel herzubringen.“

„Langsam, Marie“, warnte Lauren. „Ich habe noch nicht Ja gesagt.“

„Glaubst du, ich würde mich von so einer Kleinigkeit beirren lassen?“ Lachend legte Marie den Hörer auf.

Wie verabredet holte sie Lauren in dem kleinen Wagen ab, den ihr „Onkel“ Redmund zur Verfügung gestellt hatte.

„Wenn du das Haus hütest, kannst du auch das Auto benutzen“, sagte Marie, als sie die Auffahrt entlangfuhren und vor dem Haus auf dem Kiesweg anhielten. Laurens Protest, sie habe sich noch nicht entschieden, überhörte sie einfach.

Einen gewissen Charme musste man dem Haus zugestehen, besonders die Erkerfenster im Erdgeschoss und die Schiebefenster im oberen Stockwerk hatten es Lauren angetan. Das Stein auf Stein gebaute Haus hatte mehr Länge als Höhe.

„Es ist fast dreihundert Jahre alt. Man hat immer wieder neu angebaut“, erklärte Marie. „Komm, wir gehen hinein.“

Das Wohnzimmer war atemberaubend groß. Man hatte die Eichenbalken an der Decke belassen, ein tadellos restaurierter Kamin beherrschte die eine Wand, es gab verschiedene Alkoven für Bücher und Ornamente.

„Ursprünglich waren es drei Zimmer“, sagte Marie. „Und hier ist die Küche. Sie ist ganz modern eingerichtet und lässt nichts zu wünschen übrig. Na, wie wär’s?“

„Vielleicht.“ Lauren wollte sich noch nicht festlegen.

„Dann lass uns nach oben gehen.“ Die Stufen knarrten, als sie hinauf in den ersten Stock gingen. „Es gibt so viele Zimmer, dass du jede Nacht in einem anderen schlafen könntest, wenn du wolltest. Übrigens haben sie alle eigene Badezimmer. Wenn das kein Komfort ist. Und hier könntest du zeichnen und malen, wenn du möchtest.“ Marie öffnete eine Tür. „Es war Onkel Redmunds Arbeitszimmer. Sagst du nun ja?“

„Hm.“ Lauren musste zugeben, dass das Haus wirklich einiges zu bieten hatte. Allmählich gab sie ihren Widerstand auf. In diesem Zimmer standen kaum Möbel, und das Licht, das durch die Panoramafenster und zwei Dachluken fiel, war herrlich. Hier würde sie wirklich nach Herzenslust malen können.

Als sie wieder nach unten gingen, machte Lauren eine Bemerkung über die Ölgemälde, die das Treppenhaus verzierten.

„Die hat Onkel Redmund erworben. Sie sind übrigens recht wertvoll.“ Marie zeigte auf drei nackte Bilderhaken. „Hier hing die erste Mrs. Redmund Gard und hier die zweite.“

„Und hier?“, fragte Lauren neugierig.

„Hier hing ein Porträt seines Sohnes. Offensichtlich ist er das schwarze Schaf der Familie.“

Sie standen wieder in der Halle. „Wieso hat er die Bilder denn abgehängt, Marie?“

„Die erste Mrs. Gard hat ihn verlassen, die zweite auch. Und …“

„Willst du mir erzählen, auch sein Sohn hat ihn verlassen?“

„Genau. Von meinen Eltern weiß ich, dass Onkel Redmund seinen Sohn bezichtigt hat, eine Affäre mit seiner Stiefmutter angefangen und sie ihm ausgespannt zu haben. Es kam zu einem furchtbaren Streit. Der Sohn hat alles bestritten, doch sein Vater hat ihm nicht geglaubt.“

„Hat er ihn hinausgeworfen?“

„Das weiß ich nicht genau. Kann auch sein, dass der Sohn sich davongestohlen hat. Jedenfalls hat nie wieder jemand etwas von ihm gehört.“

„Das ist ja eine seltsame Geschichte“, sagte Lauren.

Marie nickte zustimmend. „Die Presse bekam auch Wind davon, und der gute Onkel Redmund hat die Gelegenheit ergriffen, die Öffentlichkeit über die anderen amourösen Abenteuer seines Sohnes zu informieren. Er wollte auf gar keinen Fall den Verdacht aufkommen lassen, er habe seinen Sohn falsch beschuldigt mit dem Vorwurf, ihm die Frau ausgespannt zu haben.“

„Aha, jetzt verstehe ich, warum er die Bilder abgenommen hat.“

Sie betraten das Wohnzimmer. „Habe ich dir schon erzählt, dass die Party morgen gleichzeitig unsere Abschiedsfeier ist? Reggie und ich fahren am nächsten Morgen nach Frankreich.“

„Dann wäre ich also von dem Zeitpunkt an für das Haus verantwortlich?“

Marie nickte. „Es macht dir doch nichts aus, Lauren? Wenn doch, müsste ich …“

Lauren lächelte. „Du müsstest hier bleiben, auf den Job in Reggies Firma verzichten, und du würdest dir die Augen ausweinen, weil dein Liebster dann ohne dich nach Frankreich gefahren wäre.“

„Na ja, ganz so drastisch wollte ich es nicht ausdrücken. Ich müsste einen anderen finden, der das Haus hütet. Leider habe ich zu niemandem so großes Vertrauen wie zu dir.“

Lauren lachte. „Du alte Schmeichlerin.“ Sie umarmte ihre Freundin herzlich. „Wie könnte ich jetzt noch Nein sagen?“

Marie strahlte und entschuldigte sich kurz darauf, um den Partyservice anzurufen.

In der Zwischenzeit sah Lauren sich im Wohnzimmer um und ging durch die Terrassentür in den weitläufigen Garten. Genießerisch sog sie die Landluft ein.

Durch den Garten führten von bunten Blumenbeeten gesäumte gepflasterte Wege. Inmitten der großen Rasenfläche stand eine mächtige Zeder, die ihren Schatten auf das Haus warf.

An verschiedenen Stellen des großen Gartens befanden sich Skulpturen aus Terrakotta. Lauren betrachtete sie bewundernd. Ihr Künstlerauge entdeckte sofort die Ähnlichkeiten in den Gesichtern der Figuren – die stark ausgeprägte Nase, die Wangenlinie, die vollen Lippen. Nur die Augen waren blicklos.

Der Schatten der mächtigen Zeder hatte jetzt auch Lauren erreicht. Sie hatte das merkwürdige Gefühl, die Zweige griffen nach ihr, als wären sie Arme. Sie fröstelte, obwohl sich kein Lüftchen regte.

Lauren kehrte ins Haus zurück und sah aus dem Fenster. Die bunten Blumen leuchteten im Licht der Sonne, die jetzt ums Haus gewandert war.

Kurz darauf kam Marie zurück, um Lauren zu erklären, wo die diversen Schlüssel aufbewahrt wurden, die sie für ihre Tätigkeit als Haushüterin brauchte, und um ihr zu erklären, was von ihr erwartet wurde. Danach führte sie Lauren ins Gästezimmer.

Die Zimmerdecke des dunkel möblierten Raums mit den Chintzvorhängen und den Orientteppichen, die den durchgewetzten Teppichboden halb verdeckten, war recht niedrig, doch Lauren fühlte sich dort sofort wohl.

Am Abend des nächsten Tages betrachtete Lauren beim Kämmen ihres braunen Haars, das sich um ihr hübsches ovales Gesicht legte, prüfend ihr Spiegelbild. Sie freute sich auf die Party, selbst wenn sie außer Marie und ihrem Verlobten Reggie niemanden kennen würde. Sie legte nur etwas Lippenstift auf, ihre ausdrucksvollen grauen Augen brauchten kein Make-up.

„In deinen Augen könnte man sich verlieren“, hatte Mitch geschwärmt, nachdem sie einige Male zusammen ausgegangen waren. „Man fragt sich natürlich als Mann, woran man bei dir ist.“

„Das kannst du gern herausfinden“, hatte Lauren lächelnd erwidert.

„Ist das eine Herausforderung?“, hatte Mitch gefragt und war wütend geworden, als sie ihm zu verstehen gegeben hatte, dass sie mit ihm bis hierher und nicht weiter gehen würde. Er hatte sogar gedroht, ihr Gewalt anzutun. Spätestens in dem Moment war es für Lauren aus und vorbei gewesen. Sie hatte ihn vor die Tür gesetzt und ihn nie wieder gesehen.

Was kann ich nur tun, um weniger verträumt auszusehen? fragte sie stumm ihr Spiegelbild und schnitt probeweise einige Gesichter, bevor sie es lachend aufgab. Sie legte eine Holzperlenkette an, die zu ihrem schwarz-weiß gestreiften Top und der schwarzen Samthose passte, und fuhr noch einmal mit dem Kamm durchs Haar.

Einige Stunden zuvor hatte Reggie ihre Möbel abgeholt, und sie war mit Sack und Pack in Redmund Gards Haus gezogen.

„Ich werde jetzt mehr Geld verdienen“, hatte Reggie während der Fahrt erzählt. „Bald kann ich mir ein besseres Auto leisten, auch sonst wird sich einiges ändern. Ich kann dir gar nicht sagen, wie dankbar ich bin, dass du für Marie einspringst. Es hätte mir das Herz gebrochen, ohne sie nach Frankreich gehen zu müssen.“ Er hatte verlegen gelacht.

Lauren seufzte. Die beiden haben es gut, dachte sie. Es ist unübersehbar, wie sehr sie einander lieben.

Nachdem sie vom Fenster aus beobachtet hatte, wie Marie vor dem Haus ihre Gäste begrüßte, ging sie hinunter.

Marie sah sie zuerst. „Schau dich gern noch einmal eingehend um“, sagte sie.

Das ließ Lauren sich nicht zwei Mal sagen. Nach dem Rundgang gefiel ihr das Anwesen sogar noch besser. Sie war sich nur nicht so sicher, ob sie in dem etwas abgelegenen Haus wirklich ganz allein leben wollte.

„Ein riesiges Grundstück“, sagte sie zu Marie, die sie in der Küche am Büfett fand.

„Ursprünglich standen darauf drei Einzelhäuser“, erklärte Marie. „Über drei Jahrhunderte ist immer wieder angebaut worden, und ‚Old Cedar Grange‘ ist das Ergebnis.“

„Ich weiß nicht, ob ich hier allein wohnen möchte“, sagte Lauren nachdenklich.

„Aber Lauren! Ich war doch auch fast zwei Monate lang allein hier. Dann, wenn Reggie nicht bei mir war, meine ich natürlich.“ Sie errötete verlegen.

„Da kommt’s heraus. Du warst meist gar nicht allein.“

„Dann such dir einen Freund und lade ihn ein, bei dir zu wohnen“, schlug Reggie vor, der ihre Unterhaltung angehört hatte.

„Sie hat Mitch gerade an die Luft gesetzt“, sagte Marie. Das brachte sie alle zum Lachen.

Der Lärmpegel der Musik hatte inzwischen Laurens Schmerzgrenze überschritten. Wenn das Haus nicht so abgelegen wäre, hätte sich schon längst jemand beschwert, dachte Lauren.

Die Terrassentüren waren geöffnet, die bodenlangen braunen Samtvorhänge bauschten sich im Wind. Strahler beleuchteten den Garten.

„Möchtest du etwas abhaben?“, fragte ein junger Mann, der sich eine Weile zuvor als Casey Talbert vorgestellt hatte, und hielt ihr seinen übervollen Teller hin.

Sie lehnte dankend ab und überlegte, ob sie sich nicht bald in ihr Zimmer zurückziehen könnte. Nicht zuletzt, um diesem aufdringlichen Casey zu entfliehen, der ihr schon den ganzen Abend nachstellte.

Die Musik war inzwischen noch lauter geworden. Casey konnte ihr offensichtlich nicht länger widerstehen, stellte den Teller ab und zog Lauren mit sich, um mit ihr Twist zu tanzen.

Suchend sah sie sich dabei nach Marie um. Sie wollte ihr für die Party danken und sich zurückziehen. Doch weder Marie noch Reggie waren irgendwo zu sehen.

„Falls du nach unseren Gastgebern Ausschau hältst, die sind vorhin in Reggies Wagen weggefahren“, rief Casey ihr zu.

„Wahrscheinlich besorgen sie Nachschub“, vermutete ein Mädchen, das neben ihnen tanzte.

Plötzlich schrillte das Telefon so laut, dass es sogar die Musik übertönte. Als niemand Anstalten machte, den Anruf anzunehmen, tat Lauren es.

„Hallo, Lauren.“ Es war Marie. „Ich hoffe, du sitzt bequem. Wir sind auf dem Weg zur Fähre.“

„Wie?“ Lauren war völlig verwirrt. „Ich dachte, ihr holt Nachschub.“

„Das war nur ein Ablenkungsmanöver.“ Maries Tonfall klang entschuldigend. „Wir hielten es für ratsam, die Party zu verlassen, als sie noch in vollem Gange war, statt bis zum Morgen zu warten. Bitte bestell allen schöne Grüße, und sag ihnen vielen Dank für die Geschenke.“

„Aber was ist mit eurem Gepäck?“

„Das haben wir heute Nachmittag heimlich eingeladen, nachdem wir deine Sachen ins Haus gebracht hatten. Entschuldige, Lauren, aber wir dachten, wir verschwinden lieber, bevor …“

„Bevor ich es mir doch noch anders überlegen kann?“ Lauren machte gute Miene zum bösen Spiel.

„Na ja, vielleicht. Wir nehmen die erste Fähre, dann können wir in Frankreich gleich anfangen, uns nach einem Haus umzusehen. Vielleicht finden wir etwas, bevor Reggie in zwei Tagen seinen neuen Job antritt.“

„Dann bin ich also ab sofort für das Haus deines Nennonkels verantwortlich?“

„Ja, bis zu unserer Rückkehr“, erwiderte Marie fröhlich.

„Und wann wird das sein?“

„Das wissen wir noch nicht“, begann Marie, dann nahm Reggie ihr den Hörer aus der Hand.

„Entschuldige, dass wir dich vor vollendete Tatsachen stellen, Lauren. Aber wir wussten uns wirklich keinen anderen Rat. Was hätten wir tun sollen, wenn du deine Meinung doch noch geändert hättest?“

Lauren seufzte. „Na schön, ich bin euch also in die Falle gegangen. Aber was tut man nicht alles für seine besten Freunde? Außerdem habe ich ja noch Glück gehabt: Ich habe einen Job, ein Dach über dem Kopf … und was für ein Dach – eigentlich kann ich mich nicht beklagen.“

Sie lächelte, als sie vom anderen Ende der Leitung erleichtertes Aufatmen hörte.

Marie hatte den Hörer wieder ergriffen. „Ich wollte dich nur noch schnell vor Casey warnen“, sagte sie. „Er mag sich heute Abend wie ein Dummkopf aufgeführt haben, aber das täuscht. Wenn man als Reporter für ein Lokalblatt berichtet, kann man nicht auf den Kopf gefallen sein. Er kommt frisch aus der Journalistenschule und fiebert seiner ersten großen Story entgegen. Sei also wachsam, Lauren.“

„Klar.“

„Gut. So, und nun sage ich tschüss. Wir melden uns bald wieder.“ Marie legte auf.

Auf dem Weg zur Terrasse vernahm Lauren ein Kreischen, dann kam ihr eine junge Frau entgegen. „Im Garten steht ein Mann, der komisch aussieht und sich merkwürdig benimmt. Vielleicht hat er eine Waffe!“

„Sie hat zu viele Thriller gesehen“, sagte Casey und zog Lauren mit sich. „Das dürfen wir uns nicht entgehen lassen.“

Sie bahnten sich einen Weg durch die Menge der Gäste und entdeckten dann den Mann, der auf dem Gartenweg stand, die Hände in die Hüften gestemmt.

„Wo sind eigentlich Marie und Reggie?“, rief die junge Frau hinter Lauren her. „Können sie den Eindringling nicht loswerden?“

„Die sind schon unterwegs nach Frankreich“, rief Lauren.

„Das kann nicht wahr sein“, stöhnte die junge Frau.

Casey hatte gerade Laurens Hand genommen und hielt sie fest.

Abrupt wurde Lauren bewusst, dass sie jetzt die Verantwortung für das Geschehen auf dem Grundstück trug und daher auch dafür sorgen musste, dass der Mann wieder abzog. Sie riss sich von Caseys Hand los.

„Was willst du jetzt tun?“, fragte er sie.

„Den ungebetenen Gast loswerden.“ Mutig schritt sie auf den Mann zu. Ein aufgeregtes Raunen begleitete sie.

„Womöglich könnte er ja doch bewaffnet sein“, warnte Casey nun auf einmal.

„Na und?“ Laurens Tonfall klang gefasst, doch ihre Hände zitterten, und ihr Herz raste.

Schritt für Schritt kam sie dem Mann näher. Er stand unter der Zeder, deren Schatten sie am Tag zuvor hatte frösteln lassen. Lauren verdrängte die Erinnerung und konzentrierte sich auf den Mann, dem sie jetzt gegenüberstand.

Er war so groß, dass sie zu ihm aufblicken musste. Sein Gesicht lag im Schatten, die Arme hatte er verschränkt, und er stand gegen den Stamm des mächtigen Baumes gelehnt da. Neben ihm lag ein großer Rucksack.

Lauren ließ unwillkürlich den Blick zu seinen Hüften wandern.

„Ich habe kein Gewehr“, sagte er ausdruckslos.

Er hatte also das Geschrei gehört. Lauren glaubte dem Unbekannten sofort. Sie konnte sich selbst nicht erklären, warum.

Der Mann streckte die Hände aus. „Ich habe nur diese hier“, sagte er leise. „Aber ich benutze sie, um eine Frau zu streicheln, nicht, um ihr etwas anzutun.“

„Würden Sie jetzt bitte gehen?“, sagte sie heiser. „Sie befinden sich auf einem Privatgrundstück.“

Ängstlich beobachtete sie, wie er eine Hand in die Hosentasche steckte, und atmete erleichtert auf, als er nur ein Taschentuch hervorzog. Erstaunt beobachtete sie, wie er sich Schweißperlen von der Stirn wischte. Dabei war es inzwischen empfindlich kühl geworden. Hatte er etwa Angst? Vor ihr?

Der Mann steckte das Taschentuch wieder ein. Seine Hand zitterte. Trotzdem machte er auf Lauren einen selbstbewussten, fast arroganten Eindruck.

Er musterte sie in aller Ruhe, bis Lauren verlegen errötete.

Sie wünschte, sie könnte sein Gesicht besser sehen, um in seinem Blick zu lesen, doch es lag noch immer im dunklen Schatten.

„Ich gehöre doch …“

Das Sprechen schien ihn anzustrengen, seine Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern.

Lauren drehte sich um. Sie wollte schauen, wie die mittlerweile alle aufmerksam gewordenen Partygäste sich verhielten. Kamen sie ihr zu Hilfe oder zogen sie sich ins Haus zurück, etwa auch, weil sie den Mann für einen Bekannten von ihr hielten?

Als sie sich wieder umwandte, versuchte der Fremde gerade, seinen Rucksack zu schultern. Die Anstrengung musste aber zu groß sein, denn schon ließ er ihn wieder fallen. Der Fremde stieß mit dem Kopf gegen den Baumstamm und sank zu Boden. Bewegungslos lag der Mann zu Laurens Füßen. Er schien kaum zu atmen.

2. KAPITEL

„Ach, du liebe Zeit“, rief Lauren erschrocken, kniete sich neben den ohnmächtigen Mann und fühlte ihm die Stirn.

Er war offensichtlich krank. Sie betrachtete den regungslosen Fremden besorgt. Erst jetzt konnte sie sein Gesicht deutlicher sehen. Er hatte einen sinnlichen Mund und ein sehr energisches Kinn. Sie strich dem Mann das feuchte Haar aus der Stirn und hatte das Gefühl, ihn zu kennen. Doch das war Unsinn, sie war ihm noch nie zuvor begegnet.

Dies war jetzt aber unwichtig, denn er brauchte dringend einen Arzt. Zunächst musste sie dafür sorgen, dass er auf ein Bett kam.

„Johnny, Marty, helft mir doch mal eben“, rief sie. Doch die Musik übertönte ihre Stimme.

Dann fiel ihr Blick auf Casey. „Casey, hilf mir“, rief sie. Erleichtert sah sie, wie er näher kam. „Hilf mir, den Mann ins Haus zu bringen.“

Casey warf einen Blick auf den reglosen Fremden und winkte Verstärkung herbei. Johnny kam angelaufen.

„Was hat er denn?“, fragte er außer Atem. „Ist er etwa tot?“

„Er ist ohnmächtig. Siehst du das nicht?“, fuhr Casey ihn an. „Wie bringen wir ihn denn nun am besten ins Haus?“ Er überlegte besorgt.

So gefällt dieser Casey mir schon besser, dachte Lauren.

„Du nimmst die Füße, Johnny“, befahl Casey. „Ich hebe ihn hoch.“ Er versuchte, den Unbekannten aufzurichten, stieß jedoch auf Widerstand.

„Was soll das?“, fragte der Mann heiser. „Ich kann von alleine aufstehen.“

Er schüttelte benommen den Kopf, dann richtete er sich schwankend auf. Wenn Lauren ihm nicht stützend die Arme um die Taille gelegt hätte, wäre er sicher wieder zusammengesackt. Sie konnte ihn allerdings kaum länger halten.

„Komm, ich helfe dir, Lauren“, sagte Casey. „Soll ich ihn ins Haus bringen?“

Sie nickte. „Wohin sonst? In diesem Zustand werden wir ihn kaum bis zu seinem Auto bringen können. Falls er überhaupt mit dem Wagen gekommen ist.“

„Okay, Lauren. Du kannst ihn jetzt uns überlassen.“ Johnny nickte ihr aufmunternd zu.

Nur zögernd ließ sie den Fremden los und fühlte sich plötzlich wie verlassen. Sie versuchte, seinen Rucksack hochzuheben, doch er war so schwer, dass sie ihn hinter sich her ziehen musste.

Der Mann versuchte, es ihnen so leicht wie möglich zu machen, ihn ins Haus zu bringen, mochte es ihm auch noch so schwer fallen.

„Geht durch die Küche“, rief Lauren. Doch die Männer hörten nicht auf sie, sondern gingen über die Terrasse ins Wohnzimmer.

Jemand hatte die Musik leiser gestellt. Neugierig verfolgten die Partygäste das Geschehen.

Casey rief ihnen zu: „Die Party ist jetzt vorbei, Leute. Marie und Reggie sind schon fort, aber sie bedanken sich herzlich für euer Kommen und die Geschenke.“

Langsam gingen die drei Männer die Treppe hoch, und die Gäste verließen nach und nach das Haus.

Ein Mädchen half Lauren, den schweren Rucksack hinaufzuschleppen. „Toll, wie du für unsere abwesende Gastgeberin einspringst und dich um den armen Unbekannten kümmerst. Das täte nicht jeder. Also, noch viel Glück. Du wirst es brauchen können. Wir fahren jetzt nach Hause.“ Das Mädchen lief die Treppe hinunter und ließ die Haustür hinter sich ins Schloss fallen.

Lauren war froh, dass das Haus so viele Schlafzimmer hatte. In zwei oder drei Zimmern war alles für Gäste vorbereitet. Vielleicht hatte Marie damit gerechnet, dass einige Freunde über Nacht bleiben würden.

Die Männer hatten den Fremden inzwischen auf Laurens Bitte in das Zimmer gebracht, das direkt neben ihrem eigenen lag. Sie hatten ihm zwar Jacke und Schuhe ausgezogen, doch er trug noch seine Jeans. Das Hemd hatten sie ihm aufgeknöpft.

Lauren deckte ihn zu. Dabei fiel ihr auf, wie sonnengebräunt der Mann war.

„Den Teint kann er nicht in England bekommen haben“, sagte Johnny leise. „Wahrscheinlich hat er sich eine Weile in den Tropen aufgehalten.“

„Aber warum ist er jetzt hier?“, überlegte Casey. „Hat er Heimweh?“, scherzte er.

„Heimweh?“ Lauren sah ihn erstaunt an. „Dies ist nicht sein Zuhause. Das hätte Marie mir erzählt.“ Dann fiel ihr eine Äußerung des Mannes ein: „Ich gehöre doch …“

Vielleicht hatte er sagen wollen, auch er sei Engländer, dachte sie. Sein Akzent war auf alle Fälle britisch.

„Johnny!“, rief ein Mädchen. „Komm endlich! Du hast versprochen, uns nach Hause zu fahren.“

Gutmütig steuerte Johnny die Tür an. „Der Typ sieht gut aus, Lauren. Verlieb dich nicht in ihn.“ Mit kurzem Zuwinken verschwand er.

„So lange wird er kaum hier bleiben“, erklärte Lauren.

„Und wenn schon. Er ist bestimmt verheiratet und hat ein halbes Dutzend Kinder“, meinte Casey. „Ein so gut aussehender Mann ist bestimmt schon seit Jahren in festen Händen.“

„Kannst du sein Alter schätzen?“, flüsterte Lauren. „Ich würde sagen, er ist Mitte dreißig.“

„Möglich.“ Casey winkte sie auf den Flur. „Hör mal, Lauren. Ich weiß, dass wir uns erst heute Abend kennen gelernt haben, und ich muss mich für mein dummes Benehmen vorhin entschuldigen. Ich hatte wohl etwas zu viel getrunken. Aber ich mag dich. Ehrlich.“

Sein Lächeln war so charmant, dass sie ihn nicht länger unangenehm fand.

„Der Gedanke, dich hier mit dem Fremden allein im Haus zu wissen, gefällt mir gar nicht. Soll ich nicht hier bleiben, bis er aufwacht und uns sagen kann, wer er ist?“

Lauren zögerte. Auch ihr war die Geschichte nicht ganz geheuer. Sie ging zum Bett des Fremden zurück und musterte den schlafenden Mann. Wieder hatte sie das Gefühl, ihn schon einmal gesehen zu haben. Vielleicht auf einem Foto? Jedenfalls war sie sich instinktiv ganz sicher, ihm trauen zu können.

„Mir wird schon nichts passieren“, flüsterte sie Casey daher zu. „Es ist ja nur für eine Nacht. Morgen wird er wieder von dannen ziehen.“

Casey war noch nicht ganz überzeugt. „Vielleicht hat er zu viel getrunken.“

Das konnte Lauren sich kaum vorstellen. Nach Alkohol roch der Mann nicht. Wieder betrachtete sie ihn. Er schien fest zu schlafen. Warum sollte sie Angst vor ihm haben? „Vielen Dank für dein Angebot, Casey. Aber du brauchst dir wirklich keine Sorgen zu machen.“

„Ich gebe dir auf alle Fälle meine Telefonnummer.“ Er notierte die Nummer auf einem Zettel und reichte ihn ihr. „Du kannst mich gern jederzeit anrufen. Dann stehe ich innerhalb von zwanzig Minuten vor der Tür.“

Lauren war so dankbar, dass sie ihm impulsiv einen Kuss auf die Wange gab. Vor einer halben Stunde hätte sie das für völlig abwegig gehalten. „Vielen Dank“, sagte sie.

Casey errötete vor Freude, zog Lauren blitzschnell an sich, küsste sie auf den Mund und lief im nächsten Moment pfeifend die Treppe hinunter.

Lauren fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund und betrachtete nachdenklich den Rucksack des Mannes. Ob sie ihn öffnen sollte? Vielleicht würde sie etwas über die Identität des Fremden erfahren.

Er schien noch immer fest zu schlafen. Also holte sie ihre Taschenlampe, öffnete den Rucksack und sah hinein. Sie entdeckte einen kleinen Kassettenrekorder, Notizbücher, Bleistifte, leichte Kleidung, Plastikbehälter und Briefe. Sie richtete den Strahl der Taschenlampe auf die Adresse.

„Jason Carmichael, Postfach …“

Das schien irgendwo in Afrika zu sein. Wenigstens kannte sie jetzt seinen Namen, wenn sie auch immer noch nicht wusste, was er hier wollte.

Das Bett knarrte. Lauren eilte schnell hin. Der Fremde schlug die Augen auf und schaute suchend um sich.

Autor

Lilian Peake
Lilian Peake wurde in London geboren aber zog mit ihrer Familie während dem zweiten Weltkrieg aufs Land. Ihre frühen Ambitionen zu schreiben, lebte sie als Journalistin aus und sie war für unterschiedliche Zeitungen und Magazine in England tätig. Sie gab ihre Arbeit als Journalistin auf, als sie heiratete und Kinder...
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