Weihnachtsmänner küssen besser

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Das ist er doch - ihr Mr. Right im Weihnachtsmannkostüm! Plötzlich kann Katie nicht anders. Sie küsst den verkleideten Kollegen leidenschaftlich unter dem Mistelzweig - und erlebt eine Überraschung: Ihr Santa Claus ist ausgerechnet der Büro-Casanova Bryan Morgan!


  • Erscheinungstag 02.12.2020
  • ISBN / Artikelnummer 9783751504782
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Sie würde es tun. Sie würde den Weihnachtsmann verführen.

Nicht, dass sie besonders auf Männer mit weißem Bart und rotem Mantel stand. Obwohl sie zugeben musste, dass ihr das sonore Lachen von Weihnachtsmännern gefiel.

In Wahrheit war Katie Wilkins nur an dem Mann unter dem Weihnachtsmannkostüm interessiert – Mr Perfect aus den Chefbüros am Ende des Flurs. Er besaß alles, was sie von einem Mann erwartete: eine gewisse Reife, gutes Aussehen und seriöses Auftreten. Er war so seriös, dass er, obwohl sie sich schon ein ganzes Jahr lang kannten, noch kein einziges Mal mit ihr geflirtet hatte.

Aber das sollte sich heute Abend ändern.

Weihnachten war eigentlich erst in drei Wochen, doch das tat der Stimmung auf der jährlichen Weihnachtsparty von Wells Aircraft nicht den geringsten Abbruch. Aus sämtlichen Lautsprechern, die in dem Flugzeughangar montiert waren, dröhnten Weihnachtslieder, und alle Angestellten der kleinen privaten Fluggesellschaft – angefangen von den Mechanikern bis hin zu Mr Riggs, dem Direktor – hatten richtige Partylaune mitgebracht.

Der würzige Punsch tat ein Übriges.

Zumindest war das Katies Vermutung, als sie Mrs Giddeon, die ansonsten recht prüde wirkende Empfangsdame, Arm in Arm mit Mr Riggs entdeckte. Mit einem neckischen Glitzern in den Augen zog sie soeben ihren Chef unter den Mistelzweig, der von der Nase eines Jets herunterhing.

Und die Mechaniker Dale, Jake und Evan, ansonsten eher zurückhaltende junge Männer, schäkerten ungeniert mit Katies Kolleginnen Julie, Cassandra und Eloise, die gerade zu der Rockversion von „Jingle Bells“ einen bühnenreifen Gogo-Dance hinlegten.

Verwundert schüttelte Katie den Kopf. So außer Rand und Band hatte sie ihre Kollegen noch nie erlebt. Es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, dass ihre Kollegen derart ausflippen könnten. Bisher hatte sie alle nur eifrig bei der Arbeit gesehen. Häufig mussten sie Überstunden machen, weil die Firma gerade am Expandieren war und viele neue Kunden betreut werden mussten. Wie war es möglich, so Knall auf Fall alles loszulassen? Ihr kam es vor, als sei sie die einzige Erwachsene auf der Party.

Doch im tiefsten Inneren beneidete sie ihre Kollegen. Auch sie würde gerne die Anspannung abschütteln, die sich seit Jahren in ihr angestaut hatte. Sich ein Glas Punsch genehmigen und alle Zwänge über Bord werfen.

Dieser Gedanke brachte sie zurück zu ihrem eigentlichen Vorhaben: sich an den Weihnachtsmann heranzumachen.

Katie blickte sich in dem großen, mit Gold- und Silbergirlanden geschmückten Hangar um. Natürlich fehlte auch nicht der Tannenbaum, der über und über mit Weihnachtsschmuck behängt war. Auf diese Weise fiel es nicht so sehr auf, dass er etwas mitgenommen aussah. In diesem Jahr war der Sommer in Südkalifornien besonders trocken gewesen.

Neben dem dürren Gewächs stand groß, lächelnd und eindrucksvoll der Weihnachtsmann. Sie wusste, wer sich unter dem Kostüm versteckte: Matt Osborne, ihr Mr Perfect. Sie seufzte im Stillen.

Nun geh schon, flüsterte ihre innere Stimme ihr zu. Tu es. Küss ihn.

Normalerweise hatte Katie mit Weihnachten nicht viel im Sinn. Zu oft war dieses Fest für sie enttäuschend verlaufen. Angefangen hatte es, als sie sechs war, und ihre Nachbarin Holly Stone das Barbie-Ferienhaus bekam, das Katie sich so sehr gewünscht hatte. Als die beiden Mädchen zwölf und immer noch Nachbarn waren, hatte Holly beim Flaschendrehen auf der Weihnachtsparty gemogelt, damit sie den Jungen küssen konnte, auf den Katie es abgesehen hatte. Was dann vor drei Jahren passierte, war schließlich der Gipfel gewesen. Da waren Holly und Katie beide einundzwanzig und keine Nachbarn mehr, aber in einer Kleinstadt wie San Limo begegnete man sich zwangsläufig. Damals hatte Holly ihr den Verlobten ausgespannt – unter dem Weihnachtsbaum.

Genau genommen war Katie auch ein bisschen selbst schuld an ihren Missgeschicken. Sie war einfach zu gehemmt, zu kontrolliert, aber sie konnte nun mal nicht aus ihrer Haut heraus. Nicht von ungefähr war sie Buchhalterin geworden, das passte zu ihr. Sicher, sie war finanziell abgesichert und ganz zufrieden mit ihrem Leben – abgesehen davon, dass sie sich kaum erinnern konnte, wann sie zuletzt mit einem Mann ausgegangen war.

Im nächsten Jahr würde das anders werden. Kein Pech in der Liebe mehr. Das hatte sie sich fest vorgenommen, und sie würde alles tun, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Gleich heute Abend würde sie damit anfangen. Das war ihr einziger Weihnachtswunsch in diesem Jahr. Keine Spiele oder Kleidung oder neuen Küchengeräte. Nein, diesmal wünschte sie sich nichts anderes als einen heißen Kuss von dem unvergleichlichen Matt Osborne. Und vielleicht, ihren Mr Perfect zu erobern.

„Du willst doch hoffentlich nicht kneifen“, sagte eine säuselnde Stimme hinter ihr.

Katie verdrehte die Augen, überlegte sich dann aber, dass das eine ausgesprochen kindische Angewohnheit war, und setzte eine betont gleichgültige Miene auf. Dann drehte sie sich zu Holly, ihrer langjährigen Rivalin, um, die leider mittlerweile ihre Kollegin war.

Holly war immer sehr auffällig gekleidet, umso mehr an einem Abend wie diesem. In ihrem hautengen silbernen Etwas wirkte sie ausgesprochen sexy und selbstsicher.

„Ich kneife nie“, erwiderte Katie.

Holly ließ ein glockenhelles Lachen hören. „Darüber müssen wir jetzt nicht diskutieren, meine Liebe.“

„Und überhaupt, was ist eigentlich mit dir? Warum küsst du denn niemanden?“

„Bin ich diejenige mit dem langweiligen Sexleben oder du?“

„Langweilig“ ist der falsche Ausdruck, dachte Katie. „Nicht vorhanden“ käme der Wahrheit näher.

„Außerdem …“ Holly betrachtete eingehend ihre perfekt manikürten, rot lackierten Fingernägel, auf denen Abziehbildchen von Weihnachtsmännern in schlüpfrigen Posen prangten. „Wenn ich Matt küssen wollte, würde ich einfach zu ihm hingehen und ihn mir schnappen. Ich bin nicht schüchtern.“

Nein, schüchtern war Holly nicht. Das hatte Katie in den letzten Jahren zur Genüge erfahren. Und wenn sie selbst nicht noch drei weitere Jahre das Mauerblümchen spielen wollte, musste sie ihr Vorhaben jetzt durchführen, koste es, was es wolle. Es wäre doch gelacht, wenn sie es nicht schaffen würde, den Weihnachtsmann unter einen der vielen Mistelzweige zu ziehen. Schließlich hatte sie die Dinger extra zu diesem Zweck überall aufgehängt.

Zielstrebig bahnte Katie sich den Weg durch den Hangar, an den mit Lametta behängten Flugzeugen und den herausgeputzten Kolleginnen vorbei, auf den Mann in dem roten Mantel zu. Klar, dass Holly ihr folgte. So etwas ließ sie sich natürlich nicht entgehen. „Bist du wirklich sicher, dass Matt darunter steckt?“, fragte Katie leise.

Die beiden Frauen blieben ein paar Schritte vom Weihnachtsmann entfernt stehen und unterzogen ihn einer eingehenden Prüfung. Der Mann war ziemlich groß, hatte eine rote Nikolausmütze auf dem Kopf und einen weißen Vollbart. Und wie alle Weihnachtsmänner hatte er einen dicken Bauch, sicher hatte er sich ein Kissen unter den roten Mantel gestopft. So weit war also nichts Auffälliges an ihm. Irgendwie sah er fröhlich aus, aber das konnte auch von dem kräftigen Punsch kommen. Es gab keinen wirklichen Anhaltspunkt, wer tatsächlich in diesem Kostüm steckte.

„Er ist es auf jeden Fall“, entschied Holly.

Zwar wusste Katie aus leidvoller Erfahrung, was sie von Hollys Aussagen zu halten hatte, aber was konnte diesmal schon schiefgehen? Schließlich war allgemein bekannt, dass Matt in diesem Jahr den Weihnachtsmann spielen würde, es hatte nämlich im wöchentlichen Infoblatt gestanden.

Und was da stand, stimmte immer.

„Also gut.“ Katie straffte die Schultern und reichte Holly ihr noch volles Sektglas. „Wünsch mir Glück.“

„Heiße Küsse und fröhliches Knuddeln.“ Mit einem anzüglichen Lächeln hob Holly ihr Glas.

Vergeblich versuchte Katie, ihr hautenges rotes Stretchkleid weiter über die Oberschenkel zu ziehen. Dieses gewagte knallrote Nichts zu kaufen, hatte sie einige Überwindung gekostet, denn es entsprach nicht unbedingt ihrem üblichen Stil. Ganz zu schweigen von dem schwindelerregenden Preis. Sie konnte nur hoffen, dass es dem Weihnachtsmann gefiel, denn immerhin hatte sie ihr halbes Monatsgehalt dafür ausgegeben.

Aber wenn es funktionierte, würde sie liebend gern für den Rest des Monats von Spaghetti mit Tomatensauce leben.

Sie hörte auf, am Saum ihres Kleides zu zupfen, und streckte die Schultern. Dadurch kam ihr aufreizend enges Oberteil erst so richtig zur Geltung. Sehr gut. Warum sollte ein schüchternes Mädchen wie sie sich nicht auch einmal in Szene setzen? Tapfer schluckte sie ihre Angst hinunter und stöckelte entschlossen los.

Direkt auf den Weihnachtsmann zu. Ihren Mr Perfect, der in dem Weihnachtsmannkostüm steckte.

Und gleich würde sie ihn küssen.

Er sah sie kommen, das merkte sie an seinem Blick, den er direkt auf sie gerichtet hielt.

Sie holte tief Luft, um sich noch mehr in Positur zu werfen.

Mit dem Ergebnis, dass der Weihnachtsmann sich an seinem Drink verschluckte. Woraufhin die in der Nähe stehende Edwina, die Betreiberin der kleinen Cafeteria im Foyer, sofort herbeisprang und ihm auf den Rücken klopfte. Allerdings löste sie damit nur einen erneuten Hustenanfall aus. Kurzerhand nahm sie dem Mann das Glas ab und stellte es beiseite, dann griff sie nach seinen Armen und streckte sie in die Höhe. Was allerdings etwas schwierig war, denn der Weihnachtsmann war sehr groß und Edwina sehr klein. Während sie versuchte, seine Arme auf und ab zu bewegen, musste sie also ständig hochhüpfen.

Da Edwina ein kurzes grünes Cocktailkleid anhatte, dessen Rock wild flatterte, während sie vor dem Weihnachtsmann herumhopste, sah das Ganze wie ein Elfentanz aus und wirkte unglaublich komisch.

Dem Weihnachtsmann wurde bei der Prozedur sichtlich ungemütlich, denn er versuchte ständig, Edwina abzuwehren. Endlich ließ sie ihn in Ruhe.

Als Edwina an Katie vorbeiging, flüsterte sie ihr zu: „Das kommt bestimmt von dem schweren Kostüm. Darunter muss es doch höllisch heiß sein. Ich finde, der arme Mann hat einen Orden verdient.“

„Ja, das finde ich auch“, murmelte Katie. Jetzt aus der Nähe merkte sie erst, wie dick der Mantel war. Der musste ja Tonnen wiegen mit dem weißen Webpelz darüber. Und dann noch das dicke Kissen darunter. Würde sie es bei diesem Bauch überhaupt schaffen, nahe genug an ihn heranzukommen?

Ja, entschied sie. Das sollte jetzt auch kein Hindernis mehr für sie sein. Es gab ohnehin kein Zurück mehr. Nicht mit Hollys spöttischem Blick hinter ihr, der ihr förmlich ein Loch in den Rücken brannte.

Der Mistelzweig, den sie für ihr Vorhaben ausgesucht hatte, befand sich etwa zwei Meter hinter Matt, etwas versteckt um die Ecke herum. Niemand würde sie dort sehen.

Mit klopfendem Herzen und zuckersüßem Lächeln näherte sie sich dem Weihnachtsmann. Sie hatte wirklich keine Ahnung, was sie erwartete. Vielleicht würde er es ihr ja einfach machen und von selbst nach hinten gehen, womöglich direkt unter den Mistelzweig.

Leider tat er das nicht. Stattdessen stand er wie angewurzelt da und musterte sie durch die albernste Brille, die Katie je gesehen hatte. Außen auf den Brillengläsern waren die lachenden Augen eines Weihnachtsmanns aufgedruckt, sodass sie Matts blaue Augen gar nicht erkennen konnte.

Irgendwie kam es ihr jedoch vor, als würde er sie ebenfalls anlächeln. Schwer zu sagen mit dem Bart. Das Beste hoffend, machte sie einen weiteren Schritt vorwärts, wobei sie ihn im Stillen beschwor, ihr doch bitte zu helfen.

Wieso tat er denn nichts? Er neigte bloß den Kopf, als wolle er fragen, was sie denn vorhätte. Dabei müsste das doch jedem klar sein.

Nun, sie würde ihm ein wenig auf die Sprünge helfen. „Ich weiß nicht, ob du es gemerkt hast“, fing sie an, „aber direkt hinter dir, gleich um die Ecke, hängt ein Mistelzweig … der hängt da einfach so herum.“

Keine Reaktion.

„Ich habe beim Dekorieren geholfen und ihn da hingehängt, damit man sich darunterstellen kann.“ Sie machte eine bedeutungsvolle Pause. „Zum Küssen.“

Noch immer zeigte der Weihnachtsmann nicht die geringste Regung. Was war denn bloß mit ihm los? Zugegeben, allzu gut kannte sie Matt nicht, aber zumindest wusste sie, dass er nicht auf den Kopf gefallen war. Immerhin war er stellvertretender Geschäftsführer. Es stimmte schon, dass er ein eher ruhiger Typ war. Doch jetzt bot sie ihm schließlich einen Kuss an!

So etwas lehnte doch ein normaler Mann nicht ab. Wenn man den Frauenzeitschriften glauben konnte, gab es auf der ganzen Welt keinen Mann, der sich nicht gerne küssen ließ.

Doch Matt rührte keinen Finger. Langsam verlor sie die Nerven, und es kamen ihr starke Zweifel, ob ihre Idee wirklich so gut war. Vielleicht sollte sie ihren Weihnachtswunsch ändern und sich lieber ein schwarzes Loch im Boden wünschen, durch das sie jetzt verschwinden könnte.

„Du bist es doch unter dem Kostüm, oder etwa nicht?“, fragte sie mit einem schelmischen Lächeln, um ihre Unsicherheit zu verbergen.

In diesem Moment reckte der Weihnachtsmann den Hals und blickte um die Ecke, wo der Mistelzweig hing. Eine Weile betrachtete er die ominöse Pflanze eingehend, dann drehte er sich wieder zu Katie um.

Sie lächelte ihm aufmunternd zu, denn viel Zeit blieb ihr nicht mehr. Jeden Moment würde Holly hinter ihr stehen und Matt für sich beanspruchen – und die hätte bestimmt keine Schwierigkeiten, einen Mann unter diesen blöden Mistelzweig zu bekommen.

Nein, sie durfte sich nicht blamieren. Jetzt oder nie!

Energisch fasste sie den Weihnachtsmann an der Hand und zog ihn um die Ecke. Ihr fiel auf, dass seine Hand groß und kräftig war und sich warm anfühlte. Irgendwie wirkte der Mann überhaupt größer und kräftiger als Matt. Doch jetzt, so kurz vor dem Ziel, war nicht die Zeit, darüber nachzudenken.

In dem Gang hinter der Ecke hörte man zwar noch den Partylärm, aber hier war sie mit Matt vollkommen alleine. Sämtliche Bürotüren waren geschlossen, und weit und breit war niemand zu sehen. Die Musik und das Stimmengewirr schienen aus einer anderen Welt zu kommen.

Es gab nur sie beide, abgeschottet in ihrer kleinen Welt.

Direkt unter dem Mistelzweig.

Und er starrte sie immerzu durch diese lächerlichen Brillengläser an, und die Nikolausmütze und der falsche Bart verdeckten völlig sein Gesicht. Das einzig Echte an ihm war sein Mund.

Sehr gut, denn mehr brauchte sie im Moment auch nicht.

Sie hob ihre Arme, umfasste mit beiden Händen seine Schultern und trat ganz dicht vor ihn. „Fröhliche Weihnachten, Matt“, flüsterte sie und drückte ihre Lippen auf seine. Und der Kuss fühlte sich genauso an, wie sie es sich die ganze Zeit erträumt hatte.

Sie spürte, wie er überrascht zusammenzuckte, und wie sein kräftiger Körper sich anspannte. Doch davon ließ sie sich nicht irritieren, sondern presste sich nur noch enger an ihn und küsste ihn so fest, dass sie sein lustvolles Seufzen erstickte.

Vielleicht war es auch nur ein Überraschungslaut gewesen, denn immerhin hatte sie ihn ziemlich überrumpelt. Andererseits, wenn es ihm nicht gefallen würde, hätte er sich bestimmt schon längst von ihr befreit.

Aber das tat er nicht.

Stattdessen legte er seine Hände um ihre Taille und zog sie an sich. Seine Lippen schmeckten nach Champagner. Wundervoll männlich … einfach himmlisch. Besser, als sie es sich in ihren wildesten Träumen vorgestellt hatte. Beherzt schob sie ihm die Brille auf die Stirn, und er hob ihr Kinn leicht an, um besser an ihre Lippen zu kommen. Dann fing er an, sie dermaßen leidenschaftlich zu küssen, dass ihre Knie ganz weich wurden. Es war der berauschendste, lustvollste Kuss, den sie je bekommen hatte.

Während er sich zögernd von ihr löste, legte er seine Hand an ihre Wange und streichelte sie. Dabei blickte er sie verwundert an.

Ihr war plötzlich ganz schwindlig. Noch nie hatte ein Kuss sie derart in ihren Grundfesten erschüttert. Sie war so verwirrt, dass die Welt um sie herum nicht mehr zu existieren schien.

„Das war … ein ganz besonderer Mistelzweig“, flüsterte sie.

„Ich glaube nicht, dass es an dem Mistelzweig lag“, sagte er ebenso leise.

Er hatte recht. Sie spürte es selbst, und sie konnte es auch in seinen blauen Augen sehen und an seinen Lippen, diesen wundervoll weichen und doch festen Lippen, die so unverschämt gut küssen konnten.

Verwirrt trat sie einen Schritt zurück, sodass der Mann in dem roten Mantel die Hände von ihren Hüften nehmen musste. Es sollte doch nur ein Kuss sein, dachte sie. Kein Erdbeben, das ihr Innerstes nach außen kehrte. „Ich muss jetzt gehen“, brachte sie mühsam hervor.

Wie hätte sie ahnen können, dass ein simpler Kuss derartige Gefühle in ihr entfachte? In ihr war eine wilde, unbändige Lust aufgelodert, die sie noch nie zuvor gespürt hatte.

Und eigentlich auch nie spüren wollte. Einen simplen Kuss hatte sie gewollt, mehr nicht. Ein kleiner, kindischer Weihnachtswunsch. Doch sie hatte so viel mehr bekommen.

„Katie.“

Wie sinnlich er ihren Namen aussprach! Sie erkannte seine Stimme gar nicht, denn sie klang ganz heiser vor Erregung.

Vielleicht war sie feige, aber sie musste jetzt unbedingt weg und alleine sein.

Schnell flüchtete sie sich in eins der umliegenden Büros und lehnte sich schwer atmend an die geschlossene Tür. Sie brauchte eine ganze Weile, bis sich ihr rasendes Herz und ihr vor Erregung prickelnder Körper etwas beruhigt hatten. Erst allmählich wurde ihr voll und ganz bewusst, was da eben passiert war. Was für ein Weihnachtsgeschenk! Nie hätte sie zu träumen gewagt, dass ihr Wunsch auf so unbeschreibliche Weise in Erfüllung gehen würde.

Als Katie sich wieder unter die Feiernden mischte, sah sie Matt neben dem Tannenbaum stehen – ohne Kostüm. Wie hat er sich bloß so schnell umziehen können? fragte sie sich verwirrt. Und wieso eigentlich?

Ihre Blicke trafen sich, und ihr wurde ganz heiß, weil sie daran denken musste, wie sie sich vor ein paar Minuten geküsst hatten.

„Guten Abend.“ Seine Stimme klang völlig gelassen. Erschreckend gelassen. „Sieht aus, als wären heute Abend wirklich alle gekommen.“

Wie konnte er nur so … normal klingen? Als wäre nichts gewesen. Dabei hatte er gerade eben mit seinem Kuss ihre ganze Welt auf den Kopf gestellt.

Hatte er vielleicht gar nicht dasselbe gefühlt wie sie?

Wie peinlich, wenn es so wäre.

„Matt, was da eben passiert ist …“

„Was ist denn passiert?“, fragte er in gleichgültigem Ton.

„Naja … weißt du denn nicht, was ich meine?“

„Entschuldige, ich verstehe nicht ganz.“

„Ich muss mich entschuldigen“, erklang plötzlich hinter ihr eine tiefe, sonore Stimme. Sofort sträubten sich ihr die Haare.

Bryan Morgan.

Chefpilot und allgemein als Draufgänger bekannt. Der Held aller Männer bei Wells Aircraft und der Schwarm aller Frauen.

Aller, außer Katie. Typen wie er, denen kein Risiko zu groß war, erinnerten sie viel zu sehr an ihren abenteuerlustigen Vater. Der war mit dem Flugzeug tödlich verunglückt, als sie noch ein Teenager war.

Normalerweise ging sie Bryan Morgan aus dem Weg, ohne über die komplizierten Hintergründe für ihr Verhalten näher nachzudenken.

Jetzt lächelte er sie mit seinem breiten, verwegenen Lächeln an, mit dem er die Herzen sämtlicher Frauen im Raum zum Schmelzen bringen konnte. Doch ihres sicher nicht.

„Du siehst heute sehr hübsch aus“, sagte er mit bewunderndem Blick.

„Danke“, erwiderte sie höflich und wandte sich dann demonstrativ von ihm ab und wieder Matt zu.

„Und die Dekoration gefällt mir auch sehr“, fuhr Bryan unbeirrt fort. „Sehr geschmackvoll.“ Dabei lächelte er anzüglich.

Ihm gefiel die Dekoration. Interessant. Aber jetzt sollte er mal wieder Land gewinnen. Sie wollte mit Matt über den Kuss reden.

„… besonders die strategische Anordnung der Mistelzweige“, fügte Bryan hinzu. Katie stockte der Atem. Sie drehte sich zu ihm um und starrte ihn verblüfft an.

„Wie meinst du das?“, flüsterte sie, während ihr das Herz bis zum Hals klopfte.

Doch Bryan sah sie nur mit unschuldigen blauen Augen an. Allerdings war da noch etwas anderes in seinem Blick, ein eigentümliches Feuer. Und plötzlich kroch eine leise Ahnung in ihr hoch. „Was hast du gerade gesagt?“, fragte sie.

„Nichts, überhaupt nichts“, sagte er mit hintergründigem Lächeln.

2. KAPITEL

Bryan Morgan vollführte mit seiner Maschine gerade ein rasantes Looping. Ihm war klar, dass er ungefähr zehn Sekunden hatte, um wieder aus der Drehung herauszukommen, wenn er noch eine Weile leben wollte.

Neun … acht …

Er dachte an die Weihnachtsparty gestern Abend. Es war sehr laut und lustig zugegangen, wie früher in seiner Familie. Mit seinen sechs älteren Schwestern hatte er kaum eine ruhige Minute erlebt und praktisch nie einen Platz für sich alleine gehabt. Deshalb schätzte er jetzt beides umso mehr. Laute Partys waren nicht sein Fall. Er mochte lieber kleine, private Feiern bei sich zu Hause.

Ein Ereignis allerdings hatte den gestrigen Abend enorm aufgewertet. Ein ziemlich überraschendes Ereignis, ausgelöst von einer Frau.

Bryan mochte Frauen, ganz klar, und zwar in allen möglichen Formen und Haarfarben. Aber in seinem Leben gab es schon mindestens sieben davon, wenn er seine Mutter zu seinen sechs Schwestern dazuzählte. Und alle hatten ihn in seinem bisherigen zweiunddreißigjährigen Leben auf jede nur denkbare Weise beeinflusst. Sie hatten ihn gleichermaßen verhätschelt und herumkommandiert und eine sehr dominante Rolle in seinem Leben gespielt. Und vital wie sie alle waren, würde es sicher noch mindestens ein halbes Jahrhundert lang so bleiben. Deshalb räumte Bryan nur äußerst selten einer anderen Frau einen Platz in seinem Leben ein.

Natürlich ging er oft mit Frauen aus. Aber es blieb immer unverbindlich.

Bisher.

Gestern Abend, als er Katie im Arm gehalten und geküsst hatte, war allerdings etwas Komisches mit ihm passiert. Schon oft war ihm Katie aufgefallen mit ihren weichen, kastanienbraunen Locken und ihren Augen in derselben Farbe, die ihn immer so reserviert anblickten.

Sieben … sechs …

In ihrem glänzenden roten Kleid hatte sie einfach bezaubernd ausgesehen. Er hatte heute Nacht sogar von ihr geträumt … wie das Kleid sich an ihren wohlgeformten Körper anschmiegt und über ihre sexy Oberschenkel rutscht …

Sie hatte so völlig anders ausgesehen als sonst. Im Büro war sie immer sehr seriös angezogen, ganz die korrekte Buchhalterin. Wer hätte gedacht, dass unter diesem farblosen Äußeren so viel Leidenschaft und Feuer steckte?

Ein Jahr kannte er sie schon und hatte keine Ahnung gehabt … bis gestern Abend. Obwohl er gerade kopfüber in der Maschine hing, musste er unwillkürlich lächeln. Ja, jetzt wusste er, was sich hinter ihrer Fassade verbarg.

Fünf … vier … Was er allerdings nicht wusste, war, wieso sie sich ihm gegenüber so misstrauisch verhielt. Er hatte in seinem Leben wahrlich schon viele Frauen kennengelernt und die unterschiedlichsten Gefühle in ihnen erweckt, aber mit Misstrauen war ihm bisher keine begegnet.

Drei … Die Maschine drehte sich spiralförmig, und auch in seinem Kopf wirbelte alles durcheinander. Höchste Zeit, seine Gedanken auf das Naheliegende zu konzentrieren.

Zum Tagträumen war jetzt wirklich ein ungünstiger Moment. Vor allem wenn er von Dingen träumte, bei denen ihm das Blut blitzartig vom Kopf in tiefere Körperbereiche schoss.

Und seinen Kopf brauchte er jetzt dringend.

Er war ein guter Flieger, ein sehr guter. Das konnte er ohne Arroganz behaupten, denn es war eine Tatsache. Er hatte auch viel Selbstvertrauen, denn das musste ein guter Pilot unbedingt haben. Und Bryan war ein brillanter Pilot.

Zwei …

Er hoffte nur, die da unten würden ordentliche Bilder in die Kamera kriegen, sonst müsste er das Ganze nochmal machen. Beim letzten Mal waren die Kameras ausgefallen. Den Stunt, den er jetzt geflogen war, würde er garantiert nicht besser hinkriegen.

Heute war perfektes Flugwetter, ein strahlend blauer Himmel ohne ein einziges Wölkchen in Sicht …

Autor

Jill Shalvis
New York Times-Bestsellerautorin Jill Shalvis lebt in einer Kleinstadt in Sierras, voller verschrobener Mitmenschen. Jegliche Ähnlichkeit mit den Quirky Charakters in ihren Büchern ist, naja, meistens zufällig. Besuchen Sie sie auf ihrer Website www.jillshalvis.com, um mehr über Jills Bücher und ihre Abenteuer als Berge erklimmendes Stadtkinde zu lesen.
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