Willkommen in Destiny - 9-teilige Serie

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Im kleinen zauberhaften Städtchen Destiny kann niemand dem Schicksal entkommen! Aber das meint es auch ganz gut mit unseren sympathischen Helden und Heldinnen. Alle sind sie einander freundschaftlich verbunden - und manche schon bald mehr als das!


VON NUN AN GEMEINSAM
Maggie hat wirklich genug Probleme: Ein streitsüchtiger Nachbar, die Hypothek ihrer Ranch, ein störrisches Pferd und ihre achtjährige Tochter machen ihr das Leben schwer. Eigentlich kann es nicht noch schlimmer werden. Doch dann taucht der attraktive Landon auf und wirbelt die Gefühle der alleinerziehenden Mutter heftig durcheinander. Dass sie sich in einen ehemaligen Häftling verliebt, hat ihr gerade noch gefehlt ...


ICH WILL DICH JETZT ? UND FÜR IMMER!
Was für eine Nacht! Verkatert kommt Racy im Hotel in Las Vegas zu sich. Erst hat sie die Barkeeper-Meisterschaft gewonnen, dann ihre heimliche Liebe Gage wiedergetroffen und … Moment mal! Was macht der Ring an ihrem Finger? Und was macht Gage, ultrasexy und nackt, in ihrem Bett?


MONDSCHEINKÜSSE
Einfach nur leben will Gina nach der großen Enttäuschung! Dazu gehören ihre verrückte pinkfarbene Haarsträhne - und irgendwie auch der schweigsame Justin Dillon und sein unvergesslicher Kuss neulich … Aber Gina weiß, dass Justin nicht weiter gehen will - zu viel gibt es, was sie beide trennt. Doch dann wird Justin über Nacht der Vater des kleinen mutterlosen Jacoby, und alles ist anders ...


LIEBE IST MEHR ALS EIN ORT
Bobby Winslow ist zurück! Die Rückkehr des berühmtesten Sohnes der Stadt verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Nur Leeann ist alles andere als begeistert. Damals wollten sie und Bobby heiraten. Doch dann verließ er sie, um als Rennfahrer durchzustarten. Was ihm gelang - bis er einen schweren Unfall hatte. Aber ihr erstes Wiedersehen macht Leeann klar: Bobbys Lebensmut ist ungebrochen, seine Augen blitzen, sein Haar sieht immer noch aus, als käme er gerade aus dem Bett. Leeann wird warm ums Herz …


DIE NACHT DER KLEINEN WUNDER
Es begann mit einer tröstenden Umarmung - und endete in einer leidenschaftlichen Nacht! Wie ein unwirklicher Traum kommt Fay die Begegnung mit Adam vor gut zwei Monaten vor, als sie zusammen um Fays Mann, Adams besten Freund, getrauert haben. Noch immer ist sie sprachlos, wenn sie an seine überwältigende Zärtlichkeit zurückdenkt. Aber Fay weiß, dass sie ihr Schweigen brechen muss. Denn die Nacht mit Adam ist nicht ohne Folgen geblieben ...


FLIRT MIT DEM SCHICKSAL
Wie kann er sich nicht an sie erinnern? Tanya ist fassungslos. Ausgerechnet sie ist die neue Therapeutin von Devlin Murphy, der sich nach einem schrecklichen Unfall nur langsam erholt. Vielleicht helfen ihm ihre sanften Berührungen, ins Leben und in die Liebe zurückzufinden?


HÖCHSTGEBOT: LIEBE
Hundedame Daisy duldet keine Frau in der Nähe ihres Herrchens - außer Priscilla Lennox. Dabei passt der lässige Dean gar nicht zu der Hollywood-Schönheit, die im verschlafenen Destiny eine Junggesellen-Versteigerung für den guten Zweck organisiert. Aber Daisy weiß es instinktiv besser …


LIEBESBRIEFE NACH LONDON
"Du bist mein Vater!" Schockiert hört Liam die Worte der 15-jährigen Casey. Doch ein Blick auf Caseys wunderschöne Mutter Missy verrät ihm, dass das Mädchen nicht lügt: Ihre Affäre damals hatte Folgen! Hat Missy seine Liebesbriefe nach London deshalb nie beantwortet?


WENN EIN BOSS SO ZÄRTLICH KÜSST
Katie genießt die Stunden der Leidenschaft - und ahnt nicht, dass ihr Traum am Morgen zerplatzen wird: Nolan will keine gemeinsame Zukunft. Sie muss ihn vergessen! Das würde ihr allerdings sehr viel leichter fallen, wenn ihr Liebhaber dieser Nacht nicht auch ihr Boss wäre …
  • Erscheinungstag 23.11.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733735180
  • Seitenanzahl 1170
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Christyne Butler

Willkommen in Destiny - 9-teilige Serie

IMPRESSUM

Von nun an gemeinsam erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de

© 2009 by Christyne Butilier
Originaltitel: „The Cowboy’s Second Chance“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA
Band 1873 - 2013 by CORA Verlag GmbH, Hamburg
Übersetzung: Anna-Pia Kerber

Umschlagsmotive: wisanuboonrawd / Getty Images, Alexey Stiop / Shutterstock, Goodshoot / Thinkstock

Veröffentlicht im ePub Format in 07/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733778927

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

„Du gemeiner, hinterhältiger Dieb!“ Mit forschen Schritten überquerte Maggie Stevens die zertrampelte Wiese des Rummelplatzes. Nur mühsam gelang es ihr, ihre Empörung im Zaum zu halten und nichts von dem Bier in den beiden Plastikbechern zu verschütten. „Du nimmst mir meinen Mann weg!“

Kyle Greeley warf ihr ein böses kleines Grinsen zu und fuhr ungerührt fort, Geldscheine von einem dicken Bündel abzuzählen. Als Maggie die Wiese überquert hatte und vor ihm stand, hatte er mindestens schon einhundert Dollar beiseitegelegt und reichte sie einem Cowboy, der neben ihm stand – ihrem Cowboy.

„Nicht nur einen Mann, Schätzchen“, sagte Kyle. „Mehrere.“

„Was meinst du damit, ‚mehrere‘?“ Sie sah den Cowboy scharf an. Es war Spence Wilson, einer ihrer Arbeiter, der in den vergangenen Monaten auf der Farm geholfen hatte.

Dann bemerkte sie Charlie Bain. Er trat lautlos aus dem Schatten am Rande des Festgeländes, den Blick starr auf seine Stiefel gerichtet.

Sie hätte es wissen müssen.

Bisher war es ein herrlicher Sommertag gewesen. Es war der vierte Juli – der amerikanische Nationalfeiertag –, den sie gemeinsam mit ihrer Tochter und ihrer Großmutter in Destiny verbrachte, einem kleinen Ort in Wyoming. Und den ganzen Tag über hatte sich noch keiner ihrer Cowboys blicken lassen.

Bis jetzt.

„Nehmen Sie’s nicht persönlich, Miss Stevens“, sagte Spence. „Wir arbeiten ja gerne auf Crescent Moon, aber Mr Greeleys Angebot ist einfach zu verlockend, um Nein zu sagen.“

Maggie schäumte vor Wut. Auf das ‚verlockende Angebot‘ waren schon einmal ihre Arbeiter hereingefallen – zumindest die jungen und kräftigen. Sie hatten sich von den fetten Geldbündeln ködern lassen wie streunende Hunde von einem saftigen Stück Fleisch.

Genau wie du, Maggie. Es ist noch gar nicht so lange her.

Sicher, ein paar schicke Abendessen waren nicht dasselbe wie Bargeld. Trotzdem war auch sie auf Kyle hereingefallen. Auf seine schmeichelnden Worte und auf diese aalglatte Art, mit der er jeden um den Finger wickeln konnte. Bis sie herausgefunden hatte, was für ein Mistkerl er in Wirklichkeit war.

Selbstgefällig grinsend kam Kyle näher. „Tja, Maggie, du hast die Wahl. Es könnte doch so einfach sein: Verkauf mir dein Land, zieh in die Stadt und du wärst alle Probleme los. Du könntest mehr Zeit mit deiner Tochter verbringen. Und dir endlich mal einen Mann zulegen …“

Bebend vor Zorn starrte sie in die Plastikbecher. Am liebsten hätte sie damit sein spöttisches Grinsen ausgelöscht. Durch zusammengebissene Zähne zischte sie: „Ich hab’s dir schon einmal gesagt, mein Land ist nicht zu verkaufen.“

Aus den Augenwinkeln konnte sie die Schemen ihrer Cowboys sehen, die mit leisen Schritten in den Schatten der Hütten und verwaisten Tierpferche verschwanden. Ihre ehemaligen Cowboys.

Die Feiglinge.

Sie wandte sich an Kyle. „Und warum nur die beiden? Warum schnappst du dir nicht gleich auch noch Willie und Hank und zerstörst mich endgültig?“

„Diese alten Knacker? Die gehören doch schon seit Jahren notgeschlachtet.“ Er kam näher. Mit einer anzüglichen Geste fing er eine lose Strähne aus ihrem Pferdeschwanz und wickelte sie um seinen Finger. „Gib’s doch zu, Schätzchen, das ist alles ein bisschen zu viel für dich. So viel Land, die Weiden, die Pferde …“

Maggie reckte trotzig das Kinn und entwand sich seinem Griff. „Fahr zur Hölle, Kyle.“

Sie fuhr herum und ging auf die Lichter zu, die jenseits der Pappeln von einer erleuchteten Holzbühne in das Dunkel fielen. Er folgte ihr.

„Vor nicht allzu langer Zeit hättest du mich nicht zur Hölle geschickt, Schätzchen.“

Kopfschüttelnd sah sie ihn an. Seine hellblauen Augen, die wie gemeißelt scharfen Wangenknochen und dazu diese unwiderstehlichen, süßen Lügen. Alles in ihr sträubte sich bei dem Gedanken daran, dass sie einmal darauf hereingefallen war. „Drei Monate“, sagte sie bitter, „drei Monate hast du den Verehrer gespielt, nur um an mein Land zu kommen.“

Er grinste boshaft. „Manchmal muss ein Mann eben Opfer bringen. Ich hab’ sowieso nie verstanden, was Alan an dir fand. Aber dann ist mir aufgegangen, dass er nur hinter deinem Besitz her war.“

Wütend fuhr sie ihn an: „Aber es ist noch immer meine Ranch, kapiert? Und du wirst deine verdammten Finger davon lassen!“

Inzwischen hatten sie die Bäume erreicht. Kyle beugte sich über sie und packte grob ihre Arme. Scharfer Whiskeyatem strich über ihr Gesicht. Verflucht, warum war ihr das nicht schon vorher aufgefallen? Kyle war schon in nüchternem Zustand nur schwer zu ertragen, aber nach ein paar Drinks konnte er ziemlich bösartig werden.

„Aber von dir soll ich nicht die Finger lassen, stimmt’s?“

Ein längst vergessenes Bild flackerte in Maggies Erinnerung auf wie ein ungebetener Gast. Eine Erinnerung, bei der sich ihr Magen schmerzhaft zusammenzog. Die Plastikbecher bebten in ihren zittrigen Händen und Bier rann über ihre Finger. „Du Bastard!“, sagte sie mit erstickter Stimme. „Lass mich sofort los!“

„Nicht bevor ich mit dir fertig bin.“

Nackte Panik flammte in ihr auf, doch noch war ihr Zorn größer als die Angst. „Du wirst dieses Bier gleich im Gesicht haben, wenn ich mit dir fertig bin.“

„Wag es nicht …“

Mit einer schnellen zornigen Bewegung kippte sie das Bier in seine Richtung. Er wich zurück, stieß sie grob weg und fluchte laut. „Verdammt!“ Die Flüssigkeit spritzte in Kyles Gesicht, benetzte sein Hemd und Maggies leichtes Sommerkleid. Sie hielt den zweiten Becher bedrohlich in die Höhe. „Nein, Kyle. Du wagst es nicht.“ Sie wich einen Schritt zurück, und das Dunkel zwischen den Bäumen schien sie zu verschlucken. „Komm mir bloß nicht zu nahe!“

Aber Greeley packte erneut ihre Arme. Seine Fingernägel bohrten sich in ihre nackte Haut. „Das wird dir noch leidtun, Schätzchen.“

„Lass sie los.“

Maggie erstarrte. Die tiefe, gebieterische Stimme schien aus dem Nichts zu kommen, aus dem dunklen Nichts des Waldes hinter ihrem Rücken. Doch jetzt spürte sie deutlich die Präsenz eines Menschen. Eines großen Mannes direkt hinter ihr, einschüchternd und irgendwie – anziehend. Seine dunkle, heisere Stimme brachte etwas in ihr zum Klingen, vibrierte in ihrem Magen und weckte ein Gefühl von …

Wovon, Maggie? Sehnsucht? Verlangen?

Kyle schnaubte verärgert. In seinem Gesicht spiegelten sich Zorn und Erkennen, als er den Mann ansah. „Das hier geht dich nichts an, Cartwright.“

„Das mag ja sein, aber die Lady hat sich ja wohl klar genug ausgedrückt.“

„Dann will ich mich mal klar ausdrücken“, zischte Kyle und machte einen Schritt auf ihn zu. Er starrte über Maggies Kopf hinweg auf den Fremden, hielt aber gleichzeitig ihre Arme noch immer fest umklammert. „Wenn du deinen Job behalten willst, dann solltest du jetzt schleunigst abhauen und dich um deine eigenen Angelegenheiten kümmern.“

Auch der Fremde kam jetzt näher. „Lass … Sie … los.“ Mit jedem Wort wurde seine Stimme schneidender.

Kyle sah Maggie an. Sein Blick war kalt und unnachgiebig. „Wir sind noch nicht fertig.“ Er ließ sie los und wich zurück.

„Und du“, drohte er dem Fremden, „du brauchst heute Abend gar nicht beim Fest aufzutauchen, Cartwright. Eigentlich brauchst du dich in Destiny überhaupt nicht mehr blicken zu lassen. Ich würde dir raten, noch heute Abend deinen Krempel zu packen und zu verschwinden – und zwar für immer!“

Kyle Greeley machte wütend auf dem Absatz kehrt und verschwand in der Dunkelheit.

Lieber Himmel, das ist wirklich … Maggie war sich nicht sicher, worüber sie eigentlich so erstaunt war. Kyle hatte sich wie üblich wie ein Idiot benommen. Sie atmete tief ein, um ihre Gedanken zu ordnen. Dann drehte sie sich um. Gerade wollte sie ihrem Retter danken, als sich ihr Fuß in einer hervorstehenden Wurzel verfing. Hilflos stolperte sie rückwärts.

Zwei starke Hände umfingen ihre Taille mit festem Griff und zogen Maggie an eine breite Brust. Ihre Beine streiften feste, athletische Oberschenkel. Der Mund des Fremden berührte kurz ihr Haar, heißer Atem strich über ihre Wange. Sie wand sich in seinem Griff, legte den Kopf zurück und sah ihm ins Gesicht.

Er trug einen schwarzen Stetson, und unter der Krempe des Hutes funkelten seine Augen in der Dunkelheit mit eindringlichem Blick. Die dunklen Schatten eines Dreitagebartes spielten um seinen Mund und um die harten Linien seines Kiefers.

Ihr Körper begann zu beben.

Er ließ die Hände sinken und wich einen Schritt zurück.

Maggie rang nach Worten. „Danke für … nun ja, danke.“

„Kein Problem.“ Er senkte den Kopf und verbarg sich unter der breiten Krempe des Cowboyhutes, sodass Maggie unmöglich mehr von seinem Gesicht erkennen konnte. „Alles in Ordnung?“

„Äh, ja“, murmelte sie nickend, „mir geht’s gut.“

„Sie sollten jetzt besser gehen, bevor er womöglich zurückkommt.“

Ihr Retter gab ihr keine Gelegenheit zum Antworten. Er trat an ihr vorbei und folgte Kyle ins Dunkel der Bäume.

Sie sah ihm nach. Sie versuchte, das kleine Flattern in ihrem Bauch zu ignorieren. Es fühlte sich an, als ob Schmetterlinge einen plötzlichen wilden Tanz darin aufführen würden. Das ist nur die Angst, redete sie sich ein. Nur Kyles dumme, betrunkene Einschüchterungsversuche. Die Schmetterlinge hatten nichts mit dem Fremden zu tun.

Seufzend sah sie auf die halb leeren Plastikbecher. Sie sollte sich jetzt besser beeilen, denn Racy und Leeann warteten auf sie. Vorsichtig stieg sie über die knorrigen Baumwurzeln und ging zum Tanzplatz, dem Lärm und den Lichtern entgegen.

Maggie begrüßte hie und da flüchtig ein paar Bekannte und Freunde in der Menge, bevor sie Racy inmitten der dicht gedrängten Tanzfläche entdeckte. Ihre beste Freundin tanzte mit Willie, einem Cowboy von Crescent Moon. Obwohl er bereits jenseits der Siebzig war – und somit vierzig Jahre älter als Racy –, gab Willie sein Bestes, um mit der drallen Rothaarigen mitzuhalten. Mit ihren schönen weiblichen Kurven und dem wilden Feuerhaar konnte Racy jeden aus dem Takt bringen.

Als das Lied endete, kam sie freudig auf Maggie zu.

„Ich sag’ dir, Willie hat noch einen höllischen Schritt drauf.“ Sie griff nach einem der Plastikbecher. „Wird auch Zeit, dass du kommst. Wo warst du denn? Und was ist mit meinem Bier passiert?“

Maggie schüttete den Rest ihres Getränks in Racys Becher. „Ich wurde abgelenkt.“

„Wovon?“

Maggie ging nicht darauf ein. Sie war wild entschlossen, sich heute von nichts und niemandem den Spaß verderben zu lassen – schon gar nicht von dem Vorfall mit Kyle Greeley. „Wo steckt denn Leeann? Ich dachte, sie wollte uns hier treffen.“

„Schon, aber vor ungefähr zehn Minuten hat sich ihr niedlicher kleiner Piepser zu Wort gemeldet.“

„Oh. Ich dachte, Gage hätte ihr heute Abend freigegeben.“

„Tja, ich schätze, als Hilfssheriff in einem Kaff wie diesem musst du immer in Bereitschaft sein. Trotzdem hätte Gage ihr ruhig mal einen freien Abend gönnen können.“ Missmutig zuckte sie die Achseln. „Wo sind eigentlich Anna und deine Großmutter?“

„Grandma ist vorhin schon zur Ranch zurückgegangen und Anna übernachtet heute bei einer Freundin.“

Racys Miene erhellte sich. „Aha, du bist heute also Single im wilden Flirtdschungel. Dann los, Süße, suchen wir dir jemanden zum Jagen!“

Aber in Maggies Kopf spukten bereits ganz andere Bilder herum. Aufblitzende Augen in der Dunkelheit, ein flüchtiger Blick auf sonnengebräunte Haut unter einem schwarzen Cowboyhut … Und trotz der tiefen Schatten zwischen den Bäumen hatte sie seine schönen breiten Schultern gesehen. Es waren nur flüchtige Augenblicke gewesen, doch jedes Detail stand klar vor ihrem inneren Auge, deutlich und jederzeit abrufbar. Aber nicht jetzt! ermahnte sie sich ärgerlich.

Denk nicht daran.

Sie versuchte, die Erinnerung abzuschütteln und wandte sich an ihre Freundin.

„Du gibst wohl nie auf, was? Ich hab dir doch gesagt, ich bin nicht interessiert. Und falls es dir entgangen sein sollte, hab ich zurzeit ganz andere Probleme. Gerade jetzt, da Greeley sich Spence und Charlie geschnappt hat. Oder besser eingekauft hat.“

„Diese verdammten Schleimer!“, schimpfte Racy. „Und du hast gedacht, die hätten mehr Durchhaltevermögen. Was wirst du jetzt tun?“

Was würde sie tun? Sie brauchte dringend Hilfe auf der Farm. In der ganzen Stadt hatte sie bereits eine Stellenanzeige verteilt, und mit etwas Glück meldeten sich vielleicht schon bald neue Cowboys auf Crescent Moon.

„Ich werde tun, was ich die ganze Zeit getan habe: weiterkämpfen.“

„Na gut, aber nicht heute Abend. Heute sollst du dich mal amüsieren. Was du brauchst, ist ein heißer Cowboy, der dir mit seinen geschickten Händen die Sorgen aus dem hübschen Köpfchen treibt.“

„Was ich brauche, ist mehr Zeit. Ich muss nach Hause, da wartet nämlich ein riesiger Stapel Papierkram auf mich und …“

„Ach, komm schon. Heute ist Nationalfeiertag!“ Racy trank das Bier in einem Zug aus und warf den leeren Becher schwungvoll in einen Abfalleimer. „Wir feiern Amerikas Unabhängigkeit! Ganz abgesehen von unserer eigenen. Außerdem schwirren hier eine Menge schmucker Cowboys herum.“

„Vergiss es, kein Interesse.“

„Okay, pass auf. Ich such mir jetzt den nächsten Tanzpartner und rate dir dringend, dasselbe zu tun. Und dann den nächsten und den übernächsten.“ Sie zwinkerte verschwörerisch. „Was mich angeht, ich werde nicht eher nach Hause gehen, bis ich nicht mindestens im zweistelligen Bereich getanzt habe.“

Maggie sah ihrer Freundin nach, die sich den nächstbesten Cowboy schnappte und geschickt durch die Menge auf die Tanzfläche dirigierte.

„Im zweistelligen Bereich“, brummte sie. Und was, wenn man auf dem Nullpunkt verharrte?

Der Nullpunkt.

Dort befand er sich schon lange. Gleich null war auch ungefähr seine Chance, hier einen neuen Job zu finden. Hier, in diesem winzigen Nest mit dem großartigen Namen Destiny – Schicksal. Wie unpassend. Und genau der Ort, an dem man nicht landen sollte, wenn man wie er war: Ein Cowboy, den das Glück schon lange verlassen hatte.

Landon bahnte sich einen Weg über den belebten Rummelplatz. Die Sonne war bereits untergegangen und immer mehr Menschen strömten zur Festwiese. Familien und Gruppen von Teenagern standen lachend beisammen und vergnügten sich in den Spielbuden und Fahrgeschäften. Die wirbelnden Wagen der Achterbahnen spritzten buntes Neonlicht in die Dämmerung und spiegelten sich in den leuchtenden Augen der Kinder.

Er musste einem kleinen Mädchen ausweichen, das aufgeregt durch die Menge sprang und ein riesiges Plüschtier im Arm trug. Ihre Wangen glühten vor Stolz, als hätte sie etwas besonders Wertvolles gewonnen. Bei ihrem Anblick zog sich seine Brust schmerzhaft zusammen. Er griff tief in seine Tasche und seine Finger schlossen sich fest um den vertrauten, ovalen Gegenstand, den er stets bei sich hatte. Seine Schritte wurden schwer. Die plötzliche Macht der Erinnerung zwang ihn innezuhalten. Seine Knie begannen zu zittern.

Doch schließlich hatte er sich wieder in der Gewalt. Schwer atmend öffnete er die Augen. Dort drüben stand der Sheriff und plauderte mit ein paar Männern. Landon tippte an seinen schwarzen Hut und zog ihn tiefer ins Gesicht. Wenn es etwas gab, was er in den letzten Monaten gelernt hatte, dann war es, dass man dem Gesetz so weit wie möglich aus dem Weg ging.

Schnell tauchte er in die duftende Gasse zwischen den Essständen. Hier roch es verlockend nach Hotdogs und süßer Zuckerwatte. Sein leerer Magen machte sich sofort schmerzhaft bemerkbar, doch Landon versuchte ihn zu ignorieren. Er hatte noch fünfzig Dollar in der Tasche. Das musste reichen, bis er einen neuen Job fand. Und indem er sich für die fremde Lady eingesetzt hatte, hatte er sich selbst mit Pauken und Trompeten um den nächsten Job gebracht.

Aber was für eine Lady!

Das honigblonde Haar und dieser reine, süße Duft. Trotz des formlosen Kleids, das sie getragen hatte, konnte man erahnen, dass sie schlank und wohlgeformt war, mit Kurven an genau den richtigen Stellen. Nun, nicht nur erahnen. Er hatte es gespürt, als ihr Körper sich an seinen geschmiegt hatte. Nicht, dass er es darauf angelegt hätte. Aber es war nun einmal passiert, und nun ging sie ihm nicht mehr aus dem Kopf. Ihr weiches Haar an seinem Kinn, ihr Körper in seinen Armen.

Wie sie ihn angesehen hatte! Da war etwas in ihrem Blick gewesen, jenseits von Furcht und Ärger, etwas wie – Sehnsucht. Bei diesem Blick hatte in seinem Kopf eine Alarmglocke geschrillt: Sieh zu, dass du wegkommst. Jetzt.

Trotzdem war er noch so lange geblieben, bis er sie in Sicherheit wusste. Er war sogar diesem Idioten gefolgt, damit der nicht auf dumme Gedanken kam und umkehrte.

Verdammt, er brauchte dringend einen Job.

Greeleys Ranch war die größte in der Gegend. Wenn dieser Mann ihm empfahl, die Stadt zu verlassen, hatte er das ernst zu nehmen. In einer kleinen Gemeinde wie Destiny hatten Großgrundbesitzer stets viel Einfluss – und viel Macht.

Landon ließ die Festwiese hinter sich und überquerte die Parkfläche. Er ging auf den hintersten Parkplatz zu, wo er seinen alten, rostigen Truck mit dem klapprigen Pferdehänger zurückgelassen hatte. Hier war es zumindest ruhiger als vorn beim Rummelplatz. Die Dunkelheit und Stille waren der einzige Komfort, den er dem Hengst gerade bieten konnte. G.W., sein Pferd und zugleich bester Freund, der geduldig im Hänger wartete. Himmel, eigentlich war G.W. sein einziger Freund. Und der Grund, warum er heute früh überhaupt den Highway verlassen hatte.

„Na, mein Junge.“ Er sprach leise mit dem Hengst, als er die rostige Tür öffnete und behutsam in den Hänger trat. „Wie geht’s deinem Bein?“

Er kauerte neben dem Tier nieder und murmelte beruhigende Worte, während seine Hände prüfend über das Vorderbein des Hengstes fuhren. Als er die Stellen um die Reisebandagen befühlte, schnaubte der Hengst unwillig und verlagerte das Gewicht.

„Ich weiß, du hasst diese Dinger, aber sie helfen gegen die Schwellung.“

Diesmal aber leider überhaupt nicht.

Vor einer Woche hatte er zum ersten Mal bemerkt, dass der Hengst lahmte. An jenem Abend hatte er seinen letzten Job verloren, mit einer sehr unerfreulichen Szene, die man besser schnell vergaß. Seither hieß es improvisieren: Sieben Tage auf der Straße, ohne feste Unterkunft oder Box für den Hengst. Sieben Tage lang nur angetaute Eisbeutel für das verletzte Bein und der Trailer wie eine lahme Entschuldigung für einen richtigen Stall, den das Tier so dringend brauchte.

So konnte es nicht weitergehen.

Drei Jobs hatte er seit seiner Freilassung angenommen, und drei Mal hatte man ihm den Laufpass gegeben. Beim ersten Mal war er noch so dumm gewesen, von seiner Verurteilung zu erzählen.

Den Fehler hatte er nicht noch einmal gemacht. Danach hatte er immer versucht, nichts von sich preiszugeben. Er hielt sich bedeckt und blieb für sich, aber früher oder später war immer etwas durchgesickert.

Sein Magen knurrte laut. In einer Ecke des Trailers bewahrte er eine Truhe auf, doch als er hineingriff, musste er feststellen, dass sie leer war. Die Eisbeutel waren auch längst nicht mehr kalt.

Er lehnte den Kopf an die Seite des Hengstes und streichelte das glatte, weiche Fell. „Ich hol mir was zu futtern und frische Eisbeutel. Bin gleich zurück.“

Ein letztes Mal strich er über den Hals des Tieres, dann verließ er den Trailer und schloss ihn sorgfältig ab. Er überquerte die Straße und betrat einen kleinen Supermarkt. Unter dem grellen Licht der Leuchtstoffröhren saß eine Frau an der Kasse und warf ihm einen aufmerksamen Blick zu.

Oder war es ein argwöhnischer Blick?

Er nickte ihr höflich zu und eilte durch den Laden. Fünf Minuten später kam er zurück und war im Begriff zu zahlen, als sein Blick auf einen zerknitterten Zettel an einer Pinnwand fiel. Die Worte „Cowboys gesucht“ erregten seine Aufmerksamkeit. Er riss den Zettel von der Wand und stopfte ihn in seine Tasche.

Verdammt, er musste den Verstand verloren haben.

Er zahlte und verließ rasch den Laden. Mit einem Sandwich, einer Flasche Mineralwasser und einem frischen Eisbeutel kehrte er zu dem dunklen Parkplatz zurück. Das Brot schmeckte alt und schal, aber zumindest überdeckte es den bitteren Geschmack, den der argwöhnische Blick der Kassiererin hinterlassen hatte.

Sicher, er sah nicht gerade taufrisch aus. Sein Haar war zu lang, und seit einer Woche hatte er sich nicht rasiert. Womöglich sah er einfach ein bisschen zu wild aus. Vielleicht begegnete man hier Fremden auch grundsätzlich mit Skepsis. In einer kleinen Stadt wie dieser musste man oft mit dem engen Horizont der Bewohner rechnen. Schließlich hatte sich die Verkäuferin den anderen beiden Cowboys gegenüber nicht so abweisend verhalten. Im Gegenteil: Die Einheimischen wurden freundlich gegrüßt. Allerdings sahen sie mit ihren gebügelten Hemden und glänzenden Gürtelschnallen so frisch und adrett aus, als hätte man sie direkt aus einem Katalog für Cowboy-Mode bestellt.

Nun, was spielte das schon für eine Rolle.

Landon verschlang das Sandwich in zwei Bissen und versuchte, die düsteren Gedanken abzuschütteln. Seit seiner Freilassung war er bemüht, möglichst wenig zu grübeln. Davor war das eine seiner Hauptbeschäftigungen gewesen. Er hatte sich den Kopf zerbrochen über Dinge, die nicht mehr rückgängig gemacht werden konnten. Die der Vergangenheit angehörten. Heute zog er es vor, hart zu arbeiten. So hart, dass ihm abends nichts mehr blieb außer der gütigen Leere eines erschöpften, traumlosen Schlafes.

Aber seit einer Woche war ihm nicht einmal mehr das gegönnt.

Landon ging um den Hänger herum und führte G.W. hinaus in die Nacht. Im gelben Licht einer Laterne nahm er die Reisebandagen ab und legte den Eisbeutel um das verletzte Bein. Nachdem er sich um den Hengst gekümmert hatte, öffnete er die Wasserflasche und trank mit tiefen Zügen. Dann zog er das zusammengefaltete Papier aus der Jeanstasche und starrte lange auf die schwarzen Lettern.

„Also dann, Crescent Moon“, sagte er in die Dunkelheit, „du bist meine letzte Chance.“

Plötzlich war da etwas hinter ihm. Aus dem Augenwinkel konnte er eine Bewegung ausmachen, und schon traf ihn etwas zwischen den Schulterblättern. Ein heftiger, greller Schmerz explodierte in seinem Rücken. Sekunden später krachte er mit dem Kopf voran gegen die Wand des Trailers.

2. KAPITEL

Maggie machte sich allein auf den Heimweg, nachdem sie Willie nirgendwo entdecken konnte. Der angekündigte Sturm war nicht ausgebrochen, sodass es noch immer bedrückend schwül war und die Luft unangenehm schwer und stickig. Eigentlich wartete noch eine Menge Papierkram auf ihrem Schreibtisch, doch viel lieber hätte sie jetzt ein ausgiebiges Bad in dem großen, kühlen Teich hinter ihrem Haus genommen.

Schon stahl sich das Bild eines bestimmten Cowboys in ihre Vorstellung. Ihr Held, der nun ihretwegen in Schwierigkeiten steckte. Doch dieses Mal ließ sie es geschehen, ließ die Bilder aufkommen wie süße Versprechen, die ohnehin niemals eingelöst würden. Sie gab sich für einen Moment der Illusion hin und lächelte im Schutz der Dunkelheit.

Na gut, gestand sie sich. Vielleicht hat Racy ja recht. Vielleicht ist es schon zu lange her, dass ich

Ein schrilles Wiehern zerriss die Stille und ließ Maggies Gedanken jäh enden. Sie blieb stehen und lauschte in die Nacht. Ihr Herz raste.

Als das Pferd ein zweites Mal aufschrie, konnte Maggie deutlich die Todesangst aus dem schrecklichen Laut hören. Sie starrte an den langen Reihen der Wagen entlang ins Dunkel. Der Tumult schien vom entfernten Ende des Parkplatzes auszugehen.

Ohne nachzudenken rannte sie darauf zu.

Zuerst sah sie den Hengst. Es war ein schönes, starkes Tier mit honigfarbenem Fell, doch er schwitzte und seine Augen waren vor Panik weit aufgerissen. Er war an einem Pferdehänger festgebunden und versuchte verzweifelt, sich loszureißen. Sie streckte die Hand aus, um ihn zu beruhigen, hielt jedoch inne, als sie die drei Männer bemerkte. Nur wenige Meter von dem alten Pferdehänger entfernt rangen sie miteinander und schienen in einen erbitterten Kampf verwickelt.

Allerdings war es ein ungleicher Kampf. Maggie erkannte sofort, dass die beiden groben Kerle auf den dritten Mann einschlugen. Einer traktierte ihn mit Schlägen und Tritten, der andere hielt seine Arme fest. Trotzdem wehrte sich das Opfer mit aller Kraft und trat nach seinen Gegnern.

Einer der Angreifer wich dem Tritt aus und schlug zu. Seine Faust traf den Mann schwer ins Gesicht und ließ ihn zu Boden sinken.

Maggie schrie auf. „Hört auf! Lasst ihn in Ruhe!“

Schwer atmend fuhren die beiden Widerlinge herum und sahen sie an. Ihre Gesichter wurden von Cowboyhüten verdeckt. Endlich ließen sie den Mann los und verschwanden in der Dunkelheit. Der Mann am Boden krümmte sich vor Schmerz.

Maggie eilte zu ihm. Er lag mit dem Gesicht zur schmutzigen Erde gewandt und keuchte leise. „Geht es Ihnen gut?“

Bei dem Versuch, sich aufzustützen, stöhnte er auf. Er wollte sich aufrichten, doch ein Zittern lief durch seinen athletischen Körper. Unter dem Hemd zeichnete sich das Spiel seiner Muskeln ab. Maggie konnte den Blick nicht abwenden.

„Entschuldigung, das war eine dumme Frage. Natürlich geht es Ihnen nicht gut.“ Ihre Finger verharrten zwischen seinen Schulterblättern, nur wenige Zentimeter von seinem dunklen Haar entfernt.

„Nicht bewegen. Ich hole Hilfe.“

„Nein.“ Sein Ton war fest.

Maggie ließ sich auf die Knie sinken. Sie umschlang seinen Arm, um ihn zu stützen, doch ihre schmale Hand wirkte fast verloren auf dem muskulösen Bizeps. Sie konnte die Hitze spüren, die in kleinen Wellen von seinem Körper ausging. Trotz der schwülen Nachtluft war sie nicht unangenehm. Im Gegenteil.

„Sie sind verletzt. Bitte, lassen Sie mich Hilfe …“

„Nein.“ Diesmal duldete seine Stimme keinen Widerspruch. „Hilfe ist das Letzte, was ich brauche.“

Da erkannte sie ihn. Siedend heiß flammte die Erinnerung an seine Hände auf, an seine Arme um ihre Taille.

Der Cowboy drehte sich schwer atmend auf den Rücken. Kleine Staubwolken stoben um seinen Kopf, das dunkle Haar fiel in seine Stirn. Fluchend und keuchend wandte er das Gesicht ab und wischte sich über die Lippen. Eine dünne Blutspur rann aus seinem Mundwinkel.

Maggie nahm ein Tuch aus ihrer Tasche und fuhr damit vorsichtig über sein Gesicht. Ihre Finger berührten seine Wangen und den dunklen, kratzigen Dreitagebart. Es erinnerte sie an das Gefühl von dem trockenen, duftenden Heu zu Hause in Crescent Moon. „Wollten die beiden Ihnen etwas stehlen?“

„Nein, das war nicht der Grund. Ich habe heute eine gute Tat vollbracht und hab dafür lediglich Prügel eingesteckt.“ Er stützte sich auf den Ellenbogen und schüttelte wütend den Kopf. „Ist mal wieder typisch. Ich versuche, das Richtige zu tun, aber dann …“

Seine Stimme verstummte, als er sich aufrichtete und ihr zum ersten Mal ins Gesicht sah. Sein rechtes Auge war bereits zugeschwollen, das linke weitete sich vor Verblüffung.

Seine Finger schlossen sich mit einem harten Griff um ihr Handgelenk. „Sie?!“

Maggie schlug das Herz bis zum Hals.

Plötzlich schienen seine Finger ihre Haut zu versengen, und sie entwand sich seinem eisernen Griff. Stattdessen packte er ihr Taschentuch und presste es an seinen Mund, der einen verkniffenen Zug angenommen hatte. Sein Hemd war zerrissen und mit Schmutz und Blut beschmiert. Es gab den Blick auf seinen flachen Bauch frei, auf ebenmäßige Haut, an der nun ebenfalls rostrote Flecken klebten. Der schwarze Stetson lag etwas abseits auf dem Boden und wirkte ein wenig verloren.

„Oh mein Gott, das war doch nicht etwa …“ Mit einem Mal wurde ihr bewusst, worum es hier wirklich ging. Im Handgemenge hatte sie die beiden Schläger zuvor nicht erkannt, aber jetzt wusste sie, wer sich auf den fremden Cowboy gestürzt hatte: Greeleys Handlanger.

„Die beiden haben Sie meinetwegen angegriffen.“

Der Cowboy richtete sich schwankend auf und schüttelte energisch den Kopf, als wollte er Klarheit in seine Gedanken bringen. „Unsinn.“ Seine Stimme war heiser. „Wo ist mein Hut?“

Maggie erhob sich, griff nach dem Stetson und reichte ihn dem Mann. Er wankte noch immer, sodass sie schützend in seiner Nähe blieb. Ungerührt band der Cowboy den Hengst los und führte ihn in den Hänger. Mit einer geübten Bewegung setzte er den Hut auf und zog eine Grimasse.

„Am Ende der Straße ist eine Arztpraxis, da müsste es einen Notdienst geben. Sie müssen sich wenigstens untersuchen lassen.“

„Ich muss überhaupt nichts …“ Er geriet wieder ins Schwanken. Dann griff er nach einer Flasche, nahm einen Schluck und verzog schmerzhaft das Gesicht. Hustend spuckte er blutiges Wasser auf den Asphalt. Schließlich ging er um sie herum zum Führerhaus des Wagens.

Sie folgte ihm. „Ich denke nicht, dass Sie fahren sollten. Sie könnten ohnmächtig werden und sich und ihr Pferd umbringen. Oder jemand anderen.“

Er griff nach der Tür. Fluchend musste er ein paar Mal daran ziehen und rütteln, bis sie schließlich nachgab und sich öffnen ließ. Sichtlich erschöpft zog er sich in den Wagen. „Hab mich schon oft genug geprügelt … bin gar nicht so schwer verletzt … werd sowieso nicht weit fahren … irgendwo schlafen“, murmelte er müde.

Maggie hielt die Tür fest, bevor er sie zuziehen konnte. Seine Hände fielen in seinen Schoß, dann sank er kraftlos in den Sitz zurück.

„Sind Sie … Hallo?“

Schweigen.

Maggie zögerte. Dann nahm sie ihm den Hut ab, um sein Gesicht besser betrachten zu können. Vorsichtig balancierte sie auf dem Trittbrett. Um nicht in seinem Schoß zu landen, stützte sie sich auf seinen Oberschenkel. Sie konnte die festen Muskeln unter dem weichen Jeansstoff spüren.

Er hielt noch immer ihr blassblaues Taschentuch umklammert. In seiner großen, sonnengebräunten Hand und der schwieligen Haut wirkte das Tuch mit dem zarten Spitzenbesatz seltsam fehl am Platz. Er atmete schwer. Seine Augen waren noch immer geschlossen.

„Ich gehe Hilfe holen.“ Sie lehnte sich zurück. „Bin gleich zurück.“

„Nicht.“

Sie erschrak, als er nach ihrer Hand griff. Seine starken Finger wanden sich um ihre und hielten sie fest. „Ich … schaff das schon. Bitte, gehen Sie nicht …“

Die tiefe Verzweiflung in seiner Stimme versetzte ihr einen Stich ins Herz. Warum wehrte er sich so heftig dagegen, Hilfe anzunehmen?

„Mädchen, was um Himmels willen treibst du denn da?“

Maggie fuhr zusammen und entwand ihre Hand dem Griff des Cowboys. Sie drehte sich auf dem Trittbrett herum und sah direkt in die wachen, blauen Augen eines alten Mannes. Weißes Haar umrahmte sein Gesicht unter einem abgewetzten Hut.

„Willie!“

Der Alte sah sie scharf an, dann versuchte er einen Blick auf den Mann hinter dem Steuer zu werfen. Eines scheinbar betrunkenen Mannes. „Ein Cowboy, hm? Und du weißt, was du da tust, Mädchen?“

Maggie stieg vom Führerhaus. „Es hat eine Prügelei gegeben. Ich hab versucht, ihn zu überreden, Hilfe zu holen, aber er weigert sich standhaft.“

„Aha. Er hat sich geweigert, bis er in Ohnmacht gefallen ist.“ Willie schob die Hände in seine Hosentaschen und beäugte den Fremden misstrauisch. „Bist du sicher, dass er sich nicht einfach die Lichter ausgeschossen hat?“

Maggie runzelte die Stirn. „Ganz sicher. Könntest du ihn dir mal ansehen?“

Der alte Mann warf ihr einen prüfenden Blick zu. Er war im Grunde mehr ein Familienmitglied als ein Angestellter und kannte Maggie sehr genau.

„Bitte …“ Sie sah ihn flehend an.

Er seufzte, nickte und sah durch das Wagenfenster ins Innere. Schließlich drehte er sich zu Maggie um und schob seinen Hut aus der Stirn.

„Also, tot ist er nicht.“

„Das weiß ich. Aber sollten wir ihn nicht lieber in die Klinik bringen?“

„Naja, er hat ’ne Menge blauer Flecken und sein rechtes Auge hat’s arg abbekommen. Morgen früh wird’s ihm ziemlich mies gehen, schätze ich.“ Willie trat beiseite. „Allerdings erklärt das noch nicht, warum er daliegt wie tot.“

„Erschöpfung?“ Maggie hob ratlos die Schultern. „Er hat nur gesagt, dass er Schlaf braucht. Er ist nicht von hier und weiß noch nicht, wo er heute Nacht schlafen soll.“

„Oh je, Mädchen, ich weiß doch, wo das hinführt.“

„Ach, Willie …“

„Komm’ mir nicht mit ‚Ach, Willie …‘!“ Er hob drohend den Zeigefinger, doch in seinen Augen blitzte es gutmütig. „Ich kenn’ dich schon dein ganzes Leben lang, und wenn es etwas gibt, dem du nicht widerstehen kannst, dann sind es die Pechvögel dieser Welt – egal, ob es Zwei- oder Vierbeiner sind.“

Missbilligend verschränkte Willie die Arme über der Brust. Das Alter hatte seine einst hohe Gestalt niedergedrückt, doch noch begegnete er Maggie auf Augenhöhe. Durchdringend sah er sie an. „Da steckt doch noch mehr dahinter.“

Maggie seufzte. Es dauerte ein paar Minuten, bis sie ihm von Kyle Greeley berichtet hatte und davon, wie er Spence und Charlie abgeworben hatte. Sie erzählte ihm auch, wie Kyle sich benommen hatte – bis der Fremde eingeschritten war.

Willies Gesicht verdüsterte sich. „Also haben sie es ihm heimgezahlt?“

„Sieht so aus. Das Mindeste, was ich jetzt für ihn tun kann, ist, ihm einen Platz zum Schlafen und ein ordentliches Frühstück anzubieten.“

Willie gab ein kleines, ärgerliches Geräusch von sich. Trotzdem schien er sich entschlossen zu haben, sie zu unterstützen. „Okay. Dann wollen wir das schlafende Dornröschen mal nach Hause bringen.“

Maggie überprüfte den Trailer, während Willie den Cowboy vom Steuer wegrückte. Dann setzte Maggie sich in die Mitte der Sitzbank. Der Cowboy lehnte an der Beifahrertür, das Gesicht dem Fenster zugewandt. Als Willie sich neben ihr hinter das Lenkrad klemmte, wurde sie gegen den bewusstlosen Fremden gedrückt. Die Hitze seines Körpers sprang auf sie über und drang durch ihr Kleid, bis sie ihre Haut zu entflammen schien. Sie beobachtete, wie sich sein Brustkorb beruhigend regelmäßig hob und senkte.

„Margaret Anne, ich hoffe, du weißt, was du da tust“, murmelte sie in sich hinein und ließ den schwarzen Stetson in seinen Schoß fallen.

In dem Moment, in dem sie den Parkplatz verließen und auf die Straße fuhren, wurde der Himmel in Brand gesetzt: Feuerwerkskörper stoben Funken sprühend in die Nacht und durchbrachen das Dunkel mit roten, blauen und weißen Sternen.

Eine halbe Stunde später erreichten sie die Ranch.

Nur undeutlich nahm Landon das Rattern und Ruckeln des Wagens wahr. Er spürte die kühle Scheibe an seiner Wange. Aber das war nicht das Einzige, was er spürte. Jemand war neben ihm. Die Wärme eines fremden Körpers drang durch seine Kleidung, eines fremden weiblichen Körpers. Er konnte die weichen Kurven fühlen und für einen Moment zarte Haut, als sie seinen Oberarm streifte. Seit langer Zeit war ihm niemand mehr so nah gekommen. Seit sehr langer Zeit.

Demnach war das ein Traum. Es musste ein Traum sein.

Und anders als in den Albträumen, die er in der Vergangenheit durchlitten hatte, hatte er keine Angst vor der Berührung. Im Gegenteil, er wollte mehr davon. Ein unwiderstehliches Verlangen, näher an sie heranzurücken, ergriff von ihm Besitz. Verzweifelt wollte er ihren Duft atmen, wollte ihre Berührung spüren. Verzweifelt wollte er daran glauben, dass dieser Moment Wirklichkeit war. Nur ein Griff, und er hätte sie auf seinen geschundenen Körper ziehen können.

Aber dann entzog sich ihr warmer Körper plötzlich und stattdessen wurde er unsanft durchgerüttelt. Sein Kopf wurde gegen den Sitz geschleudert. Greller Schmerz explodierte hinter dem rechten Auge und breitete sich in scharfen, durchdringenden Kreisen in seinem ganzen Körper aus. Er wand sich auf seinem Sitz, doch seine Beine wollten ihm nicht gehorchen.

War da jemand? Wurde er aufgesetzt?

Er versuchte, sich zu bewegen, doch diesmal tobte der Schmerz in seiner Brust. Fast hätte er aufgestöhnt, doch da war kein Raum mehr für Luft in seinem Brustkorb. Konzentrier dich! ermahnte er sich.

Waren da Stimmen?

In seinem Kopf begann sich alles zu drehen. Da war der vertraute, stechende Geruch des Pferdeanhängers. Leises Hufscharren. Denk nach, verdammt noch mal! Was ist das Letzte, woran du dich erinnern kannst?

Dann plötzlich der süße Duft von frisch gewaschenem Bettzeug in seiner Nase. Aber nein, das ergab doch keinen Sinn. Er hatte seit über einer Woche in keinem vernünftigen Bett mehr geschlafen. Dennoch drang der Geruch in seine Nase, so sauber und rein, dass er das scharfe Aroma des Trailers vertrieb.

Er ballte die Fäuste und hielt kühles Leinen in den Händen. Dann beugte sich jemand über ihn, und derselbe Duft von frischer Wäsche hüllte ihn ein. Der Duft von reinen Laken, die an der Sonne getrocknet waren und an klare Luft und blühende Wiesen erinnerten. Jemand legte sanft die Hand auf seine Faust.

Da waren sie wieder, die warmen, weichen Kurven. Aber nicht nah genug. Er streckte den Arm aus und berührte eine zarte Schulter. Mit einem Ruck zog er sie an sich heran. Ihr leiser, überraschter Aufschrei sandte kleine Wellen des Verlangens in seinen Bauch.

Er hielt sie fest, fuhr sich mit der Zunge über seine trockenen Lippen und presste dann den Mund auf ihren. Heißer Atem strich über ihre Wange. Er berührte ihre weichen Lippen, dann öffnete er mit der Zunge ihren Mund.

Es war ihm egal, ob das ein Traum war. Wenn es ein Traum war, war es jedenfalls zu perfekt, um es zu beenden. Der erste Kuss seit vier langen Jahren. Wen kümmerte es da schon, ob er sich nur in seinem Kopf abspielte?

Nein, er konnte nicht aufhören.

Ein entfernter Geschmack nach Minze lag in ihrem Mund. Er befühlte mit der Zunge vorsichtig ihre Lippen, bevor er behutsam ihre Mundwinkel küsste. Sie fühlte sich an wie ein sanfter, warmer Sommerregen.

Er ließ die Hand ihren Rücken hinaufgleiten, bis seine Finger ihr seidiges Haar ertasteten. Er zog sie näher heran. Sie küsste ihn stürmisch, bis ihn ein stechender Schmerz durchfuhr und aufstöhnen ließ. Sie befreite sich aus seinem Griff, und Landon ließ sie gehen.

Landons Bewusstsein kehrte zurück. Mühevoll zwang er sich, die Augen zu öffnen. Mit dem linken Auge konnte er etwas erkennen, doch das rechte ließ sich kaum öffnen. Dennoch bemerkte er die schmalen Finger, die auf seiner Faust lagen. Er sah auf und erkannte den Umriss einer Frau in der Dunkelheit des Wagens. Für einen Augenblick fiel das Licht einer Lampe von draußen herein und schimmerte verführerisch auf ihren feuchten Lippen. Dann entfuhr ihr ein kleiner, überraschter Laut.

„Oh … Sie sind wach. Geht es Ihnen gut?“

Ihre Stimme bebte, dennoch erkannte Landon sie wieder. Weich, sexy und gleichzeitig lieblich. Das war dieselbe Stimme, die ihn schon beim ersten Zusammentreffen aus der Fassung gebracht hatte. Als sie sich bei ihm bedankt hatte, genauso atemlos und erstaunt, wie er sich gefühlt hatte. Die Lady auf der Festwiese. Die Lady, die ihn wenig später selbst gerettet hatte und sich weigerte, ihn alleine zu lassen.

War das noch immer ein Traum? Oder hatte er sie wirklich geküsst?

Landon überging ihre Frage und ignorierte den Schmerz, der durch seinen Körper tobte. „Was machen … Wo bin ich?“ Er richtete sich auf und fuhr mit den Fingern durch sein zerzaustes Haar.

Sie saßen in seinem Truck. Der Motor war noch nicht abgestellt und das leise, vertraute Geräusch der Maschine beruhigte Landon. Er spähte in die Dunkelheit. Dank dem sanften Leuchten eines Verandalichts konnte er die Umrisse eines Hauses erkennen.

„Das ist mein Zuhause.“

Er drehte sich auf dem Sitz, um ihr in die Augen zu sehen. Der Schmerz in seinem Kopf wurde langsam unerträglich. Stöhnend barg er das Gesicht in den Händen. „Was zur Hölle mache ich hier?“

„Sie brauchen einen Platz zum Schlafen.“

„Sind Sie verrückt, Lady? Sie kennen mich überhaupt nicht.“

Maggie rutschte hinter das Steuer und schaffte so etwas Abstand zwischen ihnen, sodass Landon im Dunkeln nicht mehr ihren Gesichtsausdruck erkennen konnte. „Hätte ich Sie etwa auf dem Parkplatz zurücklassen sollen? Und dem Sheriff überlassen? Ich kann Ihnen versichern, dass Sie hier ein bequemeres Bett finden als im Gefängnis.“

Das Bild eines kahlen Raumes mit vergitterten Fenstern erschien vor seinem inneren Auge. Nur eine Sekunde später wurde es von einem anderen Bild abgelöst, doch auch dieses hätte er im Moment am liebsten ausgelöscht.

Er und die fremde Frau, in inniger Umarmung vereint. Sie beugt sich über ihn, berührt sein Gesicht, und ihr blondes Haar fällt wie ein Vorhang um sie beide und schützt sie vor dem Rest der Welt …

Landon kniff die Augen zusammen und versuchte, die Vorstellung abzuschütteln. Ein weiterer scharfer Schmerz durchfuhr seinen Kopf und pochte lästig gegen die Schläfe – so lästig wie das Pochen in seiner Jeans.

„Ich weiß, ich hab das schon ein Dutzend Mal gefragt, aber geht es Ihnen …“

„Mir geht’s gut.“ Natürlich war das gelogen, aber er hätte ihr niemals verraten, welche Dämonen neben dem Schmerz durch seinen Kopf geisterten.

Der Truck fuhr an. Landon öffnete die Augen und beobachtete, wie Maggie das Fahrzeug rückwärts auf die Scheune zusteuerte. Verschwommen konnte er die Umrisse der riesigen Scheunentür ausmachen. Maggie brachte den Wagen langsam zum Stehen und sah aus dem Fenster in die Dunkelheit. „Willie öffnet das Scheunentor …“

„Wer ist Willie?“

„Er arbeitet hier für mich auf der …“

„Schön, ich helfe ihm.“

Landon öffnete die Beifahrertür und wäre fast aus dem Truck gefallen. Nur mühsam konnte er auf seinen Beinen stehen. Verärgert drückte er sich den Stetson wieder auf den Kopf und warf energisch die Tür zu. Diese Lady schien zwar ein rettender Engel zu sein, aber er wünschte, sie würde aufhören zu fragen, ob es ihm gut ging. Denn es ging ihm nicht gut. Nicht einmal annähernd. Vor allem nicht nach diesem Traum.

Wieso musste er sich gerade jetzt so etwas vorstellen?

Seit er aus der Haft entlassen worden war, hätte es eine Menge Gelegenheiten gegeben, bei einer Frau zu landen. In jeder Stadt, wo er seither gearbeitet hatte, gab es ausreichend Bars und Spelunken mit unzähligen Ladys – Ladys, denen es gleich war, woher man kam oder wohin man ging. Keine von ihnen hatte Landon je interessiert. Eigentlich hatte er schon lange vor seiner Verurteilung das Interesse am anderen Geschlecht verloren.

Es war fast erstaunlich, was Betrug in einem Mann anrichten konnte.

Er verdrängte den Gedanken in den entferntesten Winkel seiner Erinnerung und zog an dem Scheunentor. Es ließ sich mit Leichtigkeit öffnen, dank des alten Mannes, der auf der anderen Seite zum Vorschein kam. Hatte dieser alternde Cowboy gesehen, was sich im Truck abgespielt hatte? Und wenn ja, kümmerte es ihn?

Der Mann schenkte ihm ein knappes Nicken. „Schön, dass Sie wieder auf den Beinen sind.“

Landon erwiderte den Gruß. „Danke. Sie müssen Willie sein.“

In diesem Augenblick fuhr Maggie an und manövrierte den Wagen vorsichtig rückwärts durch das Scheunentor.

Verdammt, G.W.! Landon hatte fast vergessen, dass der Hengst noch immer im Hänger war.

Er wollte gerade an dem Wagen vorbei durch das Tor treten, als ihn erneut eine Welle von Schwindel erfasste. Schwer atmend lehnte er sich an das Tor. Er starrte auf den schwankenden Boden, presste die Hände gegen die Schläfen und bemerkte dabei das blaue Tuch, das er unbewusst in die Brusttasche gesteckt hatte. Er konnte den zarten Duft wahrnehmen, der davon ausging. Frisch und sauber, mit einem unbestimmten, würzigen Hauch von etwas, das ihm bekannt vorkam. Es war seltsam beruhigend. Es stimmte ihn … versöhnlich.

Er stopfte das Tuch in die Tasche seiner Jeans, wo sich auch das Medaillon befand, das ihm so viel bedeutete. Dann betrat er die Scheune, während sein rettender Engel von der anderen Seite hereinkam. Sie schaltete die Deckenlampe ein und ein sanfter Scheinwerfer tauchte den Raum in weiches, gelbes Licht. Die Pferde in ihren Boxen antworteten mit leisem Wiehern.

„Nur ruhig“, rief Maggie leise in den Raum, dann wandte sie sich an Landon. „Na dann, holen wir Ihren Hengst aus dem Hänger.“

Landon beobachtete sie. Es war ihm noch immer ein Rätsel, wie er hier gelandet war, auf dieser abgelegenen Ranch mit einer attraktiven Frau und einem antiquierten Cowboy an ihrer Seite. Aber der beißende Schmerz in seinem Kopf gab ihm keinen Raum zum Nachdenken. Er kniff die Augen zusammen und drückte mit Daumen und Zeigefinger gegen die Nasenwurzel, um das unerträgliche Stechen zu vertreiben. „Tut mir leid, ich bin noch ein wenig wacklig …“

„Kein Wunder“, sagte Willie mit leisem Spott. „Sie sehen aus, als hätte Ihr Hengst Sie abgeworfen und dann als Fußabtreter benutzt.“

Landon sah schweigend zu, wie Maggie die Riegel entsicherte und die Rampe herunterließ. Sie setzte vorsichtig einen Fuß darauf, doch der alte Mann hielt sie zurück.

„Nicht. Manche Cowboys sind ein bisschen empfindlich mit ihren Pferden. Sie behandeln sie wie ihre Frauen – niemand außer ihnen darf sie anfassen.“ Er nahm Maggie am Arm und zog sie sanft ein paar Schritte zurück. „Da sollte man nicht dazwischenfunken.“ Dann deutete er auf die Boxen nahe dem Eingang. „Sehen Sie, die vorderen sind leer. Sie können sich eine aussuchen.“

Landon sah den alten Cowboy lange an, dann nickte er dankbar und betrat den Trailer. Erleichtert ließ er die Hand über G.W.s weiches Fell gleiten und vergrub sein Gesicht für einen Augenblick in der warmen Mähne. Schließlich packte er das Halfter und führte den Hengst behutsam aus dem Trailer in eine der leeren Boxen. Dann holte er seine Reisetaschen und die Kühltruhe und lud alles auf einer niedrigen Bank neben der Box ab. Ein neuer Schwindelanfall drohte ihn zu überwältigen, doch er kämpfte verbissen dagegen an und zwang sich zum Stehenbleiben.

„Sie tut so was öfter.“

Landon sah auf. Überrascht stellte er fest, dass er mit dem alten Cowboy allein im Stall war.

„Sie denkt immer, sie müsste den vermeintlich Verlorenen helfen“, fuhr Willie fort. „War schon immer so, selbst als Kind. Egal, ob sie einen streunenden Hund oder einen gebrochenen Cowboy findet: Sie bietet allen eine warme Mahlzeit und ein Plätzchen zum Schlafen an.“

Landon war sich nicht sicher, zu welcher der beiden Kategorien der alte Mann ihn wohl zählte. „Tatsächlich?“

„Ja. So ist sie eben. Erwartet keine Gegenleistung oder Anerkennung und bekommt auch meistens weder das eine noch das andere. Aber eines sag’ ich Ihnen: Ich bin schon seit Urzeiten auf der Ranch und es gehört zu meinem Job, auf den Boss aufzupassen. Ich lasse nicht zu, dass man der Lady wehtut.“

Moment mal.

Landon blinzelte. Hatte er Boss gesagt?

3. KAPITEL

„Sie haben schon ganz richtig gehört. Die Lady hat hier das Sagen.“ Er machte einen Schritt auf Landon zu. „Das mit dem Vorstellen ist wohl ein bisschen untergegangen. Ich bin Willie Perkins.“

Landon ergriff die ausgestreckte Hand des Mannes. Er wunderte sich kein bisschen über den festen Griff des alten Cowboys. „Landon Cartwright.“

„Na, wenigstens wissen Sie noch, wer Sie sind. Kommen Sie, ich zeig’ Ihnen, wo Sie schlafen können.“

„Nein, danke. Ich bleibe lieber hier.“

Verwundert hob Willie eine buschige, weiße Augenbraue. „Im Stall?“

Landon zog seine Hand zurück. „Warum nicht. Ich habe schon an viel schlimmeren Plätzen geschlafen.“

Willie nickte. Dann parkte er Landons Truck neben dem Haupthaus, brachte die Schlüssel zurück und ließ Landon mit seinen Gedanken allein.

Wer war diese Lady? Gehörte die gesamte Ranch ihr allein?

Willie hatte zumindest keinen Ehemann erwähnt, und mit Kyle Greeley schien sie nichts als Ärger zu haben. Er konnte sich auch nicht daran erinnern, einen Ehering an ihrem Finger bemerkt zu haben. Aber das musste nichts heißen.

Aber da war diese Ranch.

In der Dunkelheit konnte er nur vage die Umrisse einiger Gebäude ausmachen, unter anderem ein einstöckiges Wohnhaus mit einer Veranda darum. Es war ungewöhnlich still. Nach den Geräuschen im Stall zu urteilen gab es zwar viele Pferde auf der Ranch, aber außer Willie hatte er keinen Cowboy gesehen. Außerdem stand auf dem Hof nur ein einziger Pick-up.

Sehr außergewöhnlich für einen Samstagabend, noch dazu einen Feiertag …

Hör auf, dir darüber den Kopf zu zerbrechen. Landon schloss energisch das Scheunentor. Er ging zu G.W., untersuchte das verletzte Bein und wünschte, er hätte zumindest eine Salbe.

Erschöpft ließ Landon sich auf die niedrige Bank im Stall sinken, leerte den Inhalt seiner Taschen und packte alles in seinen Rucksack. Alles außer dem Medaillon. Er hielt es für einen Moment in der Hand. Das Silber war bereits angelaufen und die Oberfläche ein wenig zerkratzt. Er widerstand dem Impuls, es zu öffnen, doch es erforderte all seine Willenskraft.

Mit dem Finger fuhr er über die vertraute Oberfläche des Medaillons. Selbst mit verbundenen Augen hätte er die feine Einlegearbeit erkannt. Schließlich schob er es zurück in seine Jeanstasche. Nicht jetzt. Noch mehr Schmerz hätte er heute nicht ertragen. Er dachte an die Narben auf seinem Rücken.

So viele Wunden.

Eine Wunde bedeutete allerdings zwangsläufig auch irgendwann Heilung. Aber das hier nicht. Das hier würde er für den Rest seines Lebens mit sich herumtragen müssen. Seufzend zog er sich das Hemd über die Schulter. Ein leises Knarren ließ ihn herumfahren.

„Entschuldigung. Ich wollte Sie nicht erschrecken.“ Die Frau trat ins Licht der Deckenlampe. Auf dem Arm trug sie Decken, Kissen und ein Glas Wasser. „Willie hat mich vom Bungalow aus angerufen und gesagt, dass Sie im Stall schlafen …“

Ihr Blick glitt über seine nackte Brust bis auf seine Hüften hinab und zurück zu seinem Gesicht. Landon wurde heiß. In ihren smaragdgrünen Augen blitzte etwas wie Bewunderung auf. Ein zarter Rotton legte sich auf ihre Wangen. Es war der gleiche Ton wie auf ihren vollen Lippen, und er brachte die Erinnerung an den Kuss in Landons Traum zurück.

Er zwang sich zur Ruhe, zog das Hemd wieder hoch und war froh, dass er zumindest noch seinen Hut trug. „Es ist schließlich Ihre Scheune.“

Stirnrunzelnd reichte sie ihm das Bettzeug. „Warum wollen Sie hier draußen schlafen?“

„Ich hab’s Ihrem Cowboy doch schon gesagt. Dieser Platz ist sauber und trocken. Er ist besser als meine letzten Schlafplätze.“ Landons Herz klopfte wild, als er ihr die Kissen abnahm. Der Duft von frischen Laken hüllte ihn wieder ein. „Außerdem sind die meisten Cowboys nicht besonders scharf darauf, ein Bungalow mit einem Fremden zu teilen. Und ganz davon abgesehen ist Ihr Mann mit Sicherheit nicht begeistert, wenn Sie wildfremde Kerle mit nach Hause nehmen.“

Er legte Decke und Kissen auf die Bank und richtete sich einen bequemen Schlafplatz ein. Als er sich umdrehte, hielt ihm die Frau ihre ausgestreckte Hand mit zwei Tabletten hin. Ihre Wangen glühten.

„Mit den Cowboys könnten Sie recht haben, aber bei dem Ehemann liegen Sie falsch. Ich habe keinen.“ Sie streckte ihm Glas und Tabletten entgegen. „Nehmen Sie die. Sie haben sicher höllische Kopfschmerzen.“

Kein Ehemann.

Die Nachricht sandte ein kleines Flattern in Landons Bauch. Angestrengt sah er auf die Pillen und versuchte die Kapriolen, die sein Herz plötzlich machte, zu ignorieren. Er zögerte. Es war schrecklich, wie argwöhnisch ihn die drei Jahre Gefängnis gemacht hatten. Seine Sicht auf die Menschen hatte sich verändert. Seit er aus der Haft entlassen worden war, hatte niemand so viel für ihn getan wie sie – obwohl er für sie ein vollkommen Fremder war.

„Haben Sie jetzt alles, was Sie brauchen? Wie sieht’s aus mit Salbe?“ Sie trat an ihm vorbei auf die Box zu, aus der man das leise, malmende Geräusch von G.W.s Kiefern hören konnte.

„Wie bitte?“

„Als Sie Ihren Hengst vorhin aus dem Anhänger geholt haben, ist mir aufgefallen, dass er auf einem Vorderbein lahmt.“

Sie streckte dem Hengst die flache Hand hin, sodass er sie beschnuppern konnte. Sie gab ihm Zeit, sie eingehend zu prüfen, erst dann legte sie ihre Hand auf seine Nase und rieb liebevoll sein Gesicht.

Der Anblick versetzte Landon einen Stich in die Brust. Aber dieses Mal war es kein reiner Schmerz. Das Stechen war durchsetzt mit etwas Neuem, etwas Sinnlichem, das sich dunkel und warm in seiner Brust einnistete.

Rasch trat er einen Schritt zurück und verschränkte die Arme. Er musste dringend mehr Abstand zwischen sie bringen. Der mit Sägespänen bedeckte Betonboden war angenehm kühl und weich an seinen nackten Füßen und half Landon, einen klaren Kopf zu bewahren. „Der Hengst ist in Ordnung. Ich hab das schon unter Kontrolle.“

„Ich habe Ihnen trotzdem ein paar Salben mitgebracht. Hier, die sollten vorerst helfen. Und wenn Sie möchten, rufe ich gleich morgen früh Kali Watson an. Sie ist Tierärztin, und sie …“

„Nein.“

Sein Ton war heftiger, als er beabsichtigt hatte. Er wich zurück und zuckte entschuldigend die Achseln. Sehnsüchtig sah er die Medizin an, die sie in den Händen hielt. Noch vor wenigen Augenblicken hatte er sich gewünscht, sein Pferd richtig versorgen zu können. Aber die Mittel, die sie ihm hinhielt, waren teuer – Landon wusste das. Zu teuer, als dass er sie sich hätte leisten können.

„Äh, nein, vielen Dank.“ Seine Stimme wurde sanfter. Noch einmal sah er bedauernd auf die Tuben mit Salbe in ihren Händen und schluckte hart. „Hören Sie, ich weiß das wirklich zu schätzen, aber ich kann das nicht annehmen. Ich bin auf der Durchreise. Ich habe kein … Ich kann Sie nicht bezahlen.“

Sie winkte ab. „Machen Sie sich darüber keine Sorgen.“

Er konnte spüren, wie etwas in ihm rebellierte. Wenn er nicht achtgab, würde ihm sein eigener Stolz im Wege stehen. Alles, was er in seinem Leben verdient hatte, hatte er sich hart erarbeitet. Bevor er ins Gefängnis gekommen war, wäre ihm niemals in den Sinn gekommen, Almosen anzunehmen.

„Aber die Medikamente … Und das Heu: G.W. kann fressen, als ob es kein Morgen gäbe. Ihre Gastfreundschaft ist …“

„Lediglich ein kleines Dankeschön für den Beistand, den Sie mir heute geleistet haben.“ Sie drückte ihm die Tuben in die Hand und ging auf die Seitentür zu. „Aber wissen Sie was? Nach allem, was heute Abend passiert ist, kenne ich noch nicht einmal Ihren Namen.“

„Cartwright.“ Er antwortete ohne zu zögern. „Landon Cartwright.“

„Schön, Landon Cartwright. Mein Name ist Maggie Stevens. Willkommen auf Crescent Moon. Wenn Sie morgen früh noch hier sind, sind Sie hiermit herzlich zum Frühstück eingeladen.“

Sie griff nach der Klinke und ging rasch hinaus. Landon blieb wie angewurzelt stehen und sah ihr nach. Dann ließ er die Salben auf die Bank fallen und atmete tief ein.

Hatte er richtig gehört?

Er zog die Anzeige aus seiner Jeanstasche.

Richtig. Das hier war Crescent Moon.

Bam, bam, bam.

Maggie öffnete die Augen gerade weit genug, um den Wecker auf ihrem Nachttisch sehen zu können. Ein leises Stöhnen entfuhr ihr. Es war noch nicht einmal sechs Uhr früh, doch das Morgenlicht erhellte bereits ihr Schlafzimmer. Für gewöhnlich fiel sie nach einem arbeitsamen Tag völlig erschöpft ins Bett und schlief sofort ein, doch gestern Nacht hatte es Stunden gedauert, bis sich die Ereignisse in ihrem Kopf geordnet und der Schlaf sich endlich eingestellt hatte.

Nach einem so ungewöhnlichen Tag wurde sie natürlich mit einem Knall geweckt. Oder eher mit einer Explosion.

Sie stellte sich vor, wie dieser große, gut aussehende Fremde in diesem Augenblick draußen in ihrer Scheune schlief und spielte in Gedanken noch einmal den Moment durch, als er ihr den Kuss gegeben hatte. Diesen unwirklichen, unwiderstehlichen Kuss, bei dessen Vorstellung sie jetzt noch weiche Knie bekam.

Doch was sie fast ebenso aus der Fassung brachte wie der Kuss selbst war ihre Reaktion darauf. Hätte der Fremde nicht schließlich vor Schmerz aufgestöhnt, hätte sie sich überhaupt nicht mehr von ihm gelöst.

Ihre Freundin Racy versuchte schon seit einer Ewigkeit, ihr ein kleines Abenteuer einzureden. Und es ging schließlich nichts über ein kleines Abenteuer mit einem wildfremden Cowboy, den man erst in einen Kampf verwickelt, in einem Zustand des Deliriums geküsst und dann mit nach Hause genommen hatte. Das sollte doch ausreichen, um den harten Alltag auf der Ranch ein bisschen zu beleben. Ein fremder, aufregender Cowboy auf ihrer Ranch.

Ein Cowboy, dem sehr viel an seinem Pferd lag.

Sie hatte das sichere Gefühl, dass der Hengst der beste Freund des Fremden war – trotz des schlechten Zustands von Truck und Trailer. Vielleicht lag es an der Erleichterung in seinen Augen, als sie ihm die Medizin gegeben hatte. Erleichterung, die er allerdings sehr schnell hinter einer Maske aus Stolz verborgen hatte.

Bam bam bam.

Maggie seufzte und kroch aus dem Bett. Sie durchquerte das Zimmer und stellte sich an eines der Fenster, von dem aus man die Scheune sehen konnte. Sicher machte Hank den Krach dort draußen. Ganz gleich, wie oft sie ihm versichert hatte, dass er sonntags ein wenig später mit der Arbeit beginnen konnte, er war trotzdem immer schon im Morgengrauen auf den Beinen, seit sie immer weniger Helfer auf der Ranch und immer mehr Aufgaben zu bewältigen hatte. Maggie zog die Vorhänge beiseite und blinzelte in den Morgen. Der wolkenlose blaue Himmel versprach einen weiteren heißen Sommertag, nur eine leichte Brise wehte über den Hof. Alles sah friedlich und vertraut aus. Bis auf die große, schmale Gestalt, die gerade mit einem Hammer den Hauptzaun bearbeitete.

Das war nicht Hank.

Der Fremde war groß und sehnig, nicht so kompakt und untersetzt wie Hank. Er war mit einem schwarzen T-Shirt und ebenso dunklen Jeans bekleidet, und seine langen Beine zeichneten sich markant gegen das Morgenlicht ab. Das Haar trug er schulterlang und hatte es im Nacken zusammengebunden, auf dem Kopf einen schwarzen Stetson.

„Landon Cartwright“, flüsterte Maggie. Ihr Gesicht berührte die Fensterscheibe.

Er zog etwas aus seiner Tasche und kauerte dann neben dem Zaun nieder. Jeans und T-Shirt spannten sich über den muskulösen Körper. Maggie entfuhr ein kleines Seufzen. Jetzt griff er nach einer hölzernen Planke und fixierte sie mit dem Knie am Zaunpfosten. Jeder seiner Handgriffe war sicher und geübt. Er nahm den Hammer, holte aus – bam bam bam – und drei präzise Schläge brachten drei Nägel punktgenau ins Holz.

Okay, das war beeindruckend.

Er erhob sich und umrundete die Koppel, indem er bei jedem einzelnen Zaunelement kurz innehielt und seine Stabilität überprüfte. Diese wichtige Aufgabe, für die sie seit einem Monat keine Zeit gefunden hatte, wurde unter seinen fachkundigen Händen zu einem Kinderspiel.

Die Koppel wurde dringend gebraucht. Übermorgen sollte ein neues Pferd nach Crescent Moon kommen, das seinem Namen alle Ehre machte: Black Jack. Es war ein wilder, schwarzer Mustang, den sie für den berühmten Filmstar Tucker Hargrove zähmen und einreiten sollte. Maggie hatte den Auftrag bekommen, weil sie gute Arbeit an dem Pferd von der Tochter des Bürgermeisters geleistet hatte – und weil dessen Frau die Cousine des Filmstars war. Demnach musste alles perfekt für den wilden Black Jack vorbereitet sein.

In diesem Moment hielt Landon inne. Er drehte sich um und sah zu ihrem Fenster hinauf.

Maggie ließ den Vorhang zurückfallen und hastete zur Seite. Mit klopfendem Herzen lehnte sie sich an die helle Blumentapete.

„Er ist einfach nur ein Mann, der eine ganz alltägliche Arbeit erledigt“, rügte sie sich. Doch die Schmetterlinge in ihrem Bauch waren anderer Meinung. „Reiß dich jetzt zusammen.“

Wenn es nur so einfach wäre. Selbst in ihre Träume hatte er sie verfolgt, seine dunklen Augen und seine Hände, die sie trotz der schwieligen Haut ganz zärtlich berührt hatten.

Und gerade in diesem Augenblick erledigte eben jener fremde Cowboy eine der vielen Aufgaben für sie, die auf der Ranch anfielen.

Ein Cowboy, der sie geküsst hatte und sich vermutlich nicht einmal mehr daran erinnern konnte.

Wahrscheinlich war das auch besser so.

Lady, es gibt viel wichtigere Dinge als einen Cowboy und sein lahmes Pferd, um die du dir jetzt Gedanken machen musst. Wie zum Beispiel die finanzielle Lage der Ranch.

Schieflage traf es zurzeit wohl besser.

Im Kopf ging sie die Zahlen durch, die ihr verbleibendes Budget bildeten. Über ihrem ohnehin schon bedrohlich geschrumpften Etat brauten sich unbezahlte Rechnungen zusammen wie schwarze Gewitterwolken. Die Watson Klinik musste noch bezahlt werden, und ihr Kreditlimit beim Futterhändler war nahezu erreicht. Ganz zu schweigen von der anstehenden Schlussrate des Darlehens, das sie damals aufnehmen musste, um ihren Ex-Mann auszubezahlen.

Schlussrate! Was für ein passender Begriff für einen Handel, bei dem sie fast alles verloren hatte. Was klang da naheliegender als Schluss zu machen und einfach alles hinzuwerfen …

Aufgeben? Nur über meine Leiche.

Aber nach all der Aufregung in der letzten Nacht hatte sie kaum darüber nachdenken können, was der zusätzliche Verlust ihrer beiden Cowboys für die Ranch bedeutete. Jetzt, im hellen Tageslicht, machte ihr der Rückschlag schon mehr zu schaffen. Die Idee, den Fremden anzustellen, war also gar nicht einmal so abwegig. Sie hatte die Hilfe bitter nötig, aber sollte sie wirklich den erstbesten dahergelaufenen Cowboy einstellen, der zufällig ihren Weg gekreuzt hatte?

Vor ihrem Fenster war es verdächtig still. Sie spähte vorsichtig über den Rand des Vorhangs und sah gerade noch, wie der Cowboy auf die Knie fiel und sich am Zaun festhielt.

Sie stürmte aus dem Schlafzimmer, riss die Hintertür auf und rannte hinaus.

„Was ist passiert?“

Langsam richtete er sich zu seiner vollen Größe auf. Die linke Hand auf den Bauch gepresst, spannte sich das Shirt straff über seine breite Brust. In der rechten Faust hielt er noch immer den Hammer fest umklammert. Seine dunklen Augen musterten sie vom Kopf bis zu den nackten Zehenspitzen: das vom Schlaf verwuschelte Haar, den Pyjama und die ausgestreckten Hände, die in hilfloser Geste verharrten, als wollte sie ihn stützen.

„Ist das Clint Eastwood?“

Maggie folgte seinem Blick auf ihren Schlafanzug und stöhnte verlegen auf. Sie trug ein schmales Trägertop mit dem Gesicht des berühmten Schauspielers darauf, und dazu passend eine leichte Baumwollhose, die mit Sätteln und Hufeisen bedruckt war und tief auf ihrer Hüfte saß.

„Der Pyjama war ein Geschenk.“ Sie konnte spüren, wie sie rot wurde. „Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?“

Er zog den Hut tiefer ins Gesicht. „Ich bin bloß müde. Nachdem ich mit einer Schrotflinte im Gesicht geweckt wurde, dachte ich …“

„Wie bitte?!“

„Ich schätze, Ihr Cowboy hat nicht damit gerechnet, einen Fremden in der Scheune zu finden.“ Er schob die freie Hand locker in die Hosentasche. „Ich hab’ ihm gesagt, dass ich eine Erlaubnis zum Campen habe. Anscheinend hat er mir geglaubt, denn er hat mich beim Ausmisten und Füttern helfen lassen. Dann hat er ein Pferd gesattelt und ist weggeritten.“

Maggie seufzte. „Hank Jarvis. Er arbeitet auch für mich. Hat er sonst noch etwas gesagt?“

Landon räusperte sich. „Er hat was gemurmelt. Es klang wie ‚weichherziger Wohltäter‘.“

„Ja, damit wäre dann wohl ich gemeint.“ Ihr wurde bewusst, dass sie gar keinen BH unter ihrem dünnen Trägertop trug, und kreuzte betont lässig die Arme vor der Brust. „Wollen Sie mir dann mal erklären, warum Sie meinen Zaun reparieren?“

„Da ich ja schon mal wach war, dachte ich, ich könnte ebenso gut etwas Sinnvolles für Sie tun, um Ihnen zu danken. Ich meine, für die Medikamente, fürs Mitnehmen, für … alles.“

„Sie haben mir zuerst geholfen, wissen Sie noch? Und nur meinetwegen sind Sie …“

„Margaret Anne Stevens! Was in aller Welt treibst du da draußen halb nackt im Garten? Und noch dazu mit einem Fremden!“

Maggie zuckte zusammen und fuhr herum. Ihre Großmutter, ein drahtiges kleines Energiebündel mit schneeweißem Lockenhaar, hatte sich auf der Veranda aufgebaut und sah sie drohend an. „Grandma, hast du mich erschreckt!“ Seufzend wandte sie sich noch einmal an Landon. „Das ist meine Großmutter. Sie sollten besser gleich mit ins Haus kommen und sie kennenlernen, bevor sie auch noch ihre Schrotflinte holt.“

Sein Mundwinkel zuckte verdächtig.

Maggie überquerte den Hof und fühlte die Hitze auf ihrer Haut prickeln. Zu gern hätte sie sich eingeredet, dass es an der frühen Julisonne lag. Aber sie war sich Landons Blick bewusst, der sich glühendheiß auf ihren Rücken legte.

Und auf ihren Po.

„Grandma, ich bin weder halb nackt noch ist das ein Fremder … naja, nicht wirklich.“ Maggie stieg auf die Veranda und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie drehte sich um. Landon war am Fuß der niedrigen Treppe stehen geblieben und hielt höflich Abstand.

„Das ist Landon. Er … äh, er und sein Pferd brauchten einen Platz zum Schlafen. Landon Cartwright, meine Großmutter Beatrice Travers.“

„Ma’am.“ Er tippte grüßend an seinen Hut und nickte der alten Dame zu.

„Nennen Sie mich Grandma, das tun alle.“ Sie warf Maggie einen raschen Blick zu und fuhr fort: „So, Sie sind also der, der hier so einen Krach veranstaltet. Sie sehen aus, als ob Sie mit einem Hammer umgehen können. Wissen Sie, wir suchen nämlich …“

„Grandma!“ Entsetzt unterbrach Maggie ihre Großmutter. „Mr Cartwright ist nicht hier, weil er einen Job sucht.“

„Ich bin auf der Durchreise, Ma’am.“

Für einen Augenblick wirkte Grandmas Miene ein wenig verkrampft. Dann erhellte ein breites Lächeln ihr faltiges Gesicht. „Aber nicht, bevor sie sich gewaschen und ein ordentliches Frühstück bekommen haben.“ Mit diesen Worten bugsierte die alte Dame Landon zwinkernd hinein und ins Gästebad.

Mit glühenden Wangen betrat Maggie den Flur. Das köstliche Aroma von Kaffee und frischen Muffins stieg ihr in die Nase. Sie huschte an der Tür des Gästebads vorbei und verschwand in ihrem Schlafzimmer.

4. KAPITEL

Zwanzig Minuten später saß Maggie am Küchentisch und warf Landon einen verstohlenen Blick zu. Jetzt, da er keinen Hut trug und sein dunkles Haar sorgfältig aus dem Gesicht gebunden hatte, kamen die scharfen Linien seiner Nase und der markanten Wangenknochen noch besser zur Geltung.

Ihr Bauch fühlte sich schlagartig an wie nach einer wilden Achterbahnfahrt. Sie musste sich zwingen, den Blick von seinem Gesicht abzuwenden und sah stattdessen auf sein Hemd.

Es hatte ihr einen Schock versetzt, Landon in einem der Crescent Moon Shirts ihres Vaters zu sehen. Es weckte Erinnerungen, die sie am liebsten verdrängt hätte. Ihr Vater hatte diese Shirts geliebt, und Maggie hatte sie irgendwann gehasst. Ihre Großmutter hatte dem Cowboy das Shirt gegeben, nachdem sie kurzerhand all seine Sachen in die Waschmaschine gesteckt hatte. Nach einem kurzen Protest seinerseits hatte Landon nachgegeben und sich der alten Dame gefügt, die ihn resolut an den Küchentisch gelotst und ihm ein reichhaltiges Frühstück serviert hatte.

Maggie wurde das Gefühl nicht los, dass Grandma Landon unbedingt zum Bleiben bewegen wollte. Und wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte die alte Lady sehr raffiniert sein. Vor allem, nachdem Maggie ihr davon erzählt hatte, dass Greeley ihre beiden Cowboys abgeworben hatte.

Bei dem Gedanken an Kyle beschlich Maggie langsam das Gefühl, dass dieser Mann den ganzen Bezirk beeinflussen konnte, wenn er nur wollte. Es erschien ihr wie eine ironische Wende des Schicksals, dass schon einen Tag nach Kyles Drohung ein neuer Cowboy mit ihrer Familie am Frühstückstisch saß.

Willie hatte sich mittlerweile dazugesellt, und die drei sahen schweigend zu, wie sich der alte Mann gebratenen Speck auf den Teller häufte.

„So, Cowboy, wo kommen Sie denn gerade her?“, fragte er im Plauderton, bevor die Stille in der Küche unangenehm werden konnte. Maggie sah Landon erwartungsvoll an.

„Eigentlich von keinem besonderen Ort. Zuletzt habe ich eine Straße für die River Ranch in Blakeslee gebaut, in Colorado. Und weil ich zuvor noch nie in diesem Teil des Landes gewesen bin, dachte ich, ich sehe mich hier mal um.“

„Wie lange sind Sie in Red River gewesen?“, fragte Grandma.

Landon schwieg eine Weile. Wenn es nicht gerade meine Großmutter wäre, dachte Maggie, würde er ihr jetzt vermutlich sagen, dass sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern soll.

„Ungefähr einen Monat“, sagte Landon schließlich. „Davor war ich auf der Double Deuce Ranch nahe Las Vegas, und davor in Circle S in der Nähe von Tucson.“

„Sie ziehen oft um.“ Die Worte waren heraus, bevor Maggie darüber nachdenken konnte. In ihren eigenen Ohren klangen sie wie ein Vorwurf.

Für einen Augenblick wurden Landons Lippen zu schmalen Strichen. Dann sagte er tonlos: „Es gibt viel zu sehen.“

Er ist ein Herumtreiber, durchfuhr es Maggie, also sei vorsichtig mit deinen Gefühlen. Sie nahm sich vor, sich diesen Gedanken gut einzuprägen. Etwas lauter als nötig klapperte ihr Messer gegen den Teller, als sie das Besteck schließlich wieder aufnahm.

Landon zwang sich, den Blick von Maggies strahlenden grünen Augen zurück auf seinen Teller zu lenken. Sie übten auf ihn eine seltsam hypnotische Wirkung aus, der er sich kaum entziehen konnte. Außerdem war da noch immer ihre Anzeige. Das achtlos zusammengefaltete Stück Papier in seiner Jeanstasche schien plötzlich Gewicht zu haben.

Sollte er gehen oder bleiben?

Die Frage spukte seit letzter Nacht in seinem Kopf herum und hatte ihn wie ein ruheloser Geist um den Schlaf gebracht. Nachdem er sich heute Morgen Crescent Moon im hellen Licht der Sonne angesehen hatte, verstand er, warum Maggie und ihre Großmutter besorgt waren. Zwei Cowboys zu verlieren bedeutete einen großen Verlust für sie, denn ganz offensichtlich brauchten sie Hilfe auf der Ranch. Sehr viel Hilfe.

Die meisten Außengebäude ließen sich mit kleineren Reparaturen und einem frischen Anstrich gewiss schnell wieder herstellen. Das Werkzeug für den Zaun hatte er allerdings in einem Schuppen gefunden, der den Eindruck machte, als würde er beim nächsten Windstoß zusammenbrechen.

Landon wusste zwar noch nicht, wie viel Vieh oder wie viel Hektar Land wohl zu der Ranch gehörten, doch am Morgen hatte er mit Hank fast ein Dutzend Pferde im Stall versorgt.

Wie um Himmels willen wollte diese Frau sich um all das kümmern, mit nichts als ihrer Großmutter und zwei betagten Cowboys an ihrer Seite?

Zwei Ladys und zwei alte Haudegen. Für seine Begriffe war das bereits zu viel Familie. Es hatte eine Zeit gegeben, in der Familie ein wichtiger Teil seines Lebens war. Genau genommen sogar der wichtigste Teil. Aber jetzt nicht mehr. Und er konnte niemandem außer sich selbst die Schuld daran geben.

„Wartet denn schon ein anderer Job auf Sie?“

Eine weitere neugierige Frage von Willie riss ihn aus seinen Gedanken.

Landon sah auf. Alle drei schienen ihn nun genau zu beobachten. Er nahm einen Schluck von dem starken, schwarzen Kaffee und ließ sich Zeit mit der Antwort. „Auf der anderen Seite der Black Hills.“

Das war gelogen. Als er seinen letzten Job verloren hatte, hatte ihm ein anderer Cowboy von jener Ranch erzählt. Angeblich konnte man dort immer Hilfe gebrauchen. Allerdings hatte er nicht einmal genug Geld, um von Wyoming nach South Dakota zu reisen.

„Ich schätze, dann werden Sie schon bald aufbrechen wollen. Die Fahrt dorthin wird einige Tage dauern.“ Maggie sah ihn an.

Landon hielt ihrem Blick stand. „Ja, da haben Sie recht.“

Für einen Augenblick spielte ein verkniffener Zug um Maggies Mund, dann nahm sie ihre Gabel wieder auf. Er sah zu, wie sie die Gabel an die Lippen führte. Die Erinnerung an ihre Lippen auf seinem Mund ließ seinen Atem stocken.

Er war sich noch immer nicht sicher, ob der Kuss in seinem Truck wirklich nur geträumt gewesen war. Prüfend sah er sie an und bemerkte erstaunt das verstohlene, hungrige Flackern in ihren Augen. Dachte sie etwa an den Kuss? War der Wirklichkeit gewesen?

„Arbeiten die kleinen Rädchen im Oberstübchen?“

Landon sah Willie an. „Wie bitte?“

„So, wie Sie den Kopf schütteln, könnte man meinen, dass da oben ein bisschen Sand ins Getriebe gekommen ist.“

„Sand?“

„Naja, Sie wissen schon.“ Willie legte die Gabel auf den Tisch und malte mit dem Zeigefinger kleine Kreise in die Luft neben seinem Ohr. „Knirsch, knirsch.“

Grandma warf Willie einen strengen Blick zu. „Alter Mann, du hast in deinem Leben wohl schon einen Drink zu viel gehabt.“ Lächelnd wandte sie sich an Landon. „Einen Nachschlag, Mr Cartwright?“

„Nein, vielen Dank, Ma’am.“ Sie hatte ihm bereits eine großzügige Portion gegeben und Landon hatte zum ersten Mal seit Tagen wieder das Gefühl, satt zu sein. Er erhob sich und stellte Teller und Besteck in das Spülbecken. „Ich hätte aber nichts gegen einen zweiten Kaffee.“

„Bedienen Sie sich.“ Grandma deutete auf die Anrichte. „Die Kaffeemaschine läuft bei uns vierundzwanzig Stunden am Tag.“

Während er sich nachschenkte, spürte er Maggies Blick im Rücken.

„Bist du noch hungrig, Liebes?“

Landon drehte sich um und sah gerade noch, wie Maggie rasch auf ihren Teller starrte. Ihre Wangen waren zartrosa angehaucht. „Machst du Witze?“, fragte sie ihre Großmutter und stach mit der Gabel in die Reste auf ihrem Teller. „Ich schaffe nicht einmal das hier.“

„Unsinn! Du bist viel zu dünn, genau wie diese Mädchen im Fernsehen. Und jetzt isst du schön auf.“

Willie lachte laut auf, versteckte sich aber schnell hinter seiner Kaffeetasse. Landon tat das Gleiche, allerdings lachte er lautlos in sich hinein. Zu dünn? Überhaupt nicht.

Mit dem Kleid hatte er jedenfalls richtiggelegen. Es hatte gestern ihre schöne Figur eher versteckt als betont. Ganz anders die Jeans und das weiche, graue T-Shirt, das sie heute trug. Beides war eng anliegend und straff und passte sich perfekt an ihren geschmeidigen Körper an. Sie trug Cowboystiefel und hatte das Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, was sie wie achtzehn aussehen ließ – wahrscheinlich gut zehn Jahre jünger, als sie tatsächlich war.

„Dann will ich mal los.“ Willie stand auf, wischte sich den Mund mit einer Serviette ab und brachte ebenfalls sein Besteck zur Spüle. Dann nahm er einen ausgefransten Strohhut von einem Haken nahe der Tür und öffnete diese. „Ich treffe Hank draußen und sehe mit ihm nach der Herde. Es sei denn, ihr braucht mich hier.“

Willie warf einen letzten Blick auf Landon. Maggie schüttelte den Kopf.

„Nein, wir schaffen das schon.“ Dann fiel ihr etwas ein. „Mein Truck! Ich muss ja noch in die Stadt und ihn holen …“

„Ich bringe Sie hin“, unterbrach Landon sie.

Sie sah ihn an. Diese grünen Augen! Er wünschte, er könnte sich unter seinem Stetson verbergen.

„Ich dachte, Sie sind auf dem Sprung?“

Das war er. Doch sein Körper schien anderer Meinung zu sein.

Er stellte seine Tasse ab und schob die Hände in die Jeanstaschen. „Ich kann Sie mitnehmen, wenn ich aus der Stadt fahre.“

Sie antwortete nicht.

„Margaret Anne, wo sind deine Manieren?“ Die alte Dame schüttelte den Kopf. „Willst du dich nicht bei Mr Cartwright bedanken?“

„Danke“, sagte Maggie pflichtbewusst und erhob sich, ohne ihn anzusehen.

Landon nickte. Sie klang nicht so, als ob sie es ernst meinte, und er fragte sich, warum ihn das überhaupt kümmerte. „Ich mache noch meine Wäsche, dann können wir aufbrechen.“

„Ich sagte Ihnen doch, dass ich das für Sie tue.“ Resolut trocknete Grandma ihre Hände mit einem Geschirrtuch und sagte beiläufig: „Es wird ohnehin ein paar Stunden dauern, bis alles trocken ist. Diesen herrlichen Tag sollte man nutzen und alles auf die Leine hängen. Es geht doch nichts über frisch gewaschene Kleidung, die ein bisschen nach Sonnenschein duftet.“ Grandma warf das Tuch im Hinausgehen über Maggies Schulter und zwinkerte ihr zu. Dann verschwand sie in der Waschküche.

Willie räusperte sich und ging zur Tür. „Ich bin dann mal weg.“

Maggie nickte. „Wir sehen uns beim Abendessen.“

Landon näherte sich dem Tisch. Mit sanfter Stimme fragte er: „Sie haben Willie von Ihrem kleinen Zusammenstoß mit Greeley erzählt, aber Ihrer Großmutter anscheinend nicht? Warum?“

Maggie beachtete ihn nicht, sondern packte die Lebensmittel zusammen und stellte sie in den Kühlschrank.

Er kam ihr nach. Energisch schloss Maggie die Kühlschranktür und fuhr herum. Der honigfarbene Zopf wippte über ihre Schulter. „Was letzte Nacht passiert ist, war schließlich keine große Sache.“

Landon kreuzte die Arme vor der Brust und widerstand dem Drang, ein paar Haarsträhnen aus ihrem Gesicht zu streichen. „Sie werden von einem Mann bedrängt, beenden eine Schlägerei und bringen einen Fremden mit nach Hause. Tun Sie so was öfter?“

Das Erstaunen in Maggies Gesicht wurde rasch von Ärger abgelöst, der ihre für gewöhnlich sanften Züge durcheinanderbrachte. Sie kam so dicht heran, dass sich ihre Fußspitzen berührten. „Sie kennen mich doch überhaupt nicht. Außerdem haben Sie mehr als deutlich gemacht, dass Sie hier nicht arbeiten wollen. Warum zur Hölle kümmern Sie sich also nicht um Ihre eigenen Angelegenheiten?“ Sie drängte sich an ihm vorbei und eilte aus der Küche.

Er sah ihr nach. Ein kleines Grinsen spielte um seine Mundwinkel. Maggie Stevens war aufbrausend. Und sie war unglaublich sexy, wenn man sie verärgerte.

Halt. Du denkst in die falsche Richtung. Du bist doch schon fast wieder unterwegs.

Dennoch war da dieses unbestimmte Gefühl in seinem Bauch, dass hier etwas nicht stimmte. Er war sich nicht sicher, was ihn mehr verwunderte: dass Maggie ihrer Großmutter nichts über gestern Nacht erzählt hatte, oder dass sie einen völlig Fremden mit auf ihre Ranch nahm und wie einen Freund behandelte.

Vergiss es. Du weißt überhaupt nichts über diese Leute, und es geht dich auch nichts an. Außerdem hast du genug eigene Probleme. Wie zum Beispiel einen leeren Geldbeutel. Und ein lahmes Pferd obendrein.

Er ging ihr nach. Auf dem Weg nach draußen nahm er den schwarzen Stetson auf und folgte Maggie in die Scheune. Hier war es angenehm kühl und still. „Warten Sie doch einen Moment …“

„Ich habe aber keinen Moment.“ Maggie ging von einer leeren Box zur nächsten und machte die Türen weit auf. „Falls Sie es noch nicht bemerkt haben, ich habe hier eine Menge zu tun.“

„Sicher. Wo soll ich anfangen?“, platzte Landon heraus, bevor er sich bremsen konnte.

Sie hielt nur einen Augenblick inne, dann griff sie entschlossen nach einer Heugabel und trat in die erste Box. „Nirgendwo.“

Er ging hinter ihr her und zog die zerknitterte Anzeige aus seiner Hosentasche. „Ich dachte, Sie sind auf der Suche nach Cowboys.“

„Da haben Sie falsch gedacht“, fauchte sie und drehte sich jäh zu ihm um. Ihr Blick fiel auf das Papier in seiner Hand. „Wo haben Sie das her?“

„Aus dem Supermarkt in der Stadt.“ Landon machte einen weiteren Schritt in die Box hinein. „Kurz bevor ich angegriffen wurde war ich dort.“

Bei der Erinnerung an den Angriff verzog Maggie qualvoll das Gesicht. Ihre Augen schienen sich für eine Sekunde vor Schmerz zu verdunkeln. „Es ist eine alte Anzeige.“

Landon faltete das Papier in seiner Hand, doch er ließ sie nicht aus den Augen. „Sie sollten wirklich Hilfe annehmen. Jetzt noch dringender als zuvor.“

„Nein, ich sollte einfach mehr arbeiten.“ Sie wandte sich um und begann, mit der Gabel einen Heuballen zu bearbeiten, als wolle sie ihn attackieren. „Und vor allem sollte ich mich nur noch um meine eigenen Angelegenheiten kümmern.“

Landon widerstand dem Impuls, auf dem Absatz kehrtzumachen und die Ranch einfach hinter sich zu lassen. Aber er war ihr etwas schuldig. Genau genommen steckte sie noch tiefer in Schwierigkeiten, seit sie sich seiner angenommen hatte – anstatt einen staubigen Herumtreiber wie ihn einfach auf dem Parkplatz zurückzulassen.

Er beobachtete, wie sie das Stroh in der Box verteilte. Die Art, wie sie dabei ihre Schultern straffte, hatte fast etwas aufsässig Heldenhaftes an sich.

„Ich nehme den Job“, sagte er unvermittelt.

Sie hielt inne und sah ihn an. „Warum?“

Plötzlich zerriss G.W.s schrilles Wiehern die Stille im Stall. Gleichzeitig hasteten beide zu seiner Box. Landon erreichte sie als Erster. Der Hengst scharrte mit dem Huf in dem frischen Heu.

„Hey, sachte, mein Junge.“ Er ließ sich auf die Knie nieder und legte eine Hand auf G.W.s verletztes Bein.

„Was ist los? Sie sagten doch, er sei in Ordnung.“

Maggie lehnte sich über seine Schulter, um einen Blick auf den Hengst zu werfen. Ihre Brüste berührten seinen Rücken. Sofort ging etwas von ihrer Wärme auf ihn über und stahl sich hitzig in seinen Schritt. Landon schluckte.

„Äh, die Entzündung ist noch nicht zurückgegangen. G.W. hasst diese Druckverbände.“

„Das tun die meisten Pferde.“ Sie bewegte sich vorsichtig auf den Hengst zu und streichelte seine Nase, bis er ruhiger wurde. Der Palomino mit dem goldenen Fell, den dunklen Augen und der glänzenden Mähne war eine echte Schönheit. „Er ist großartig.“

Landon versuchte, nicht mehr an ihre Berührung zu denken und konzentrierte sich darauf, den Verband abzunehmen. „Ja. Er ist ziemlich beeindruckend.“

„Wo haben Sie ihn her?“

Er ließ die Hände sinken. Heißer Zorn stieg wie eine mächtige Welle in ihm auf. „Er gehört mir. Ich habe ihn ordnungsgemäß gekauft und bezahlt. Ich kann Ihnen seine Papiere zeigen, wenn Sie wollen.“

„Wie bitte? Glauben Sie etwa, ich wollte Ihnen etwas unterstellen?“

Sie hegte gar keinen Zweifel an seinem Eigentum. Alle Männer, für die er in den vergangenen Monaten gearbeitet hatte, waren sehr viel misstrauischer gewesen. Andererseits war sie schließlich kein Mann. Im Gegenteil. Maggie war eine vollkommene Frau: weich, sexy und anziehend. Und nur wenige Zentimeter von ihm entfernt.

Landon sah auf und blickte direkt auf ihre Hüften. Die enge Jeans saß tief und betonte ihre schmale Taille. Die Hitze flammte erneut in ihm auf.

Sie könnte bald dein Boss sein. Das solltest du dir ab jetzt vor Augen halten.

Er zwang sich, wieder nach unten auf das Bein des Pferdes zu sehen. G.W. schnaubte zufrieden. Ob es daran lag, dass Landon ihm die Bandage abgenommen hatte, oder an Maggies Streicheleinheiten, war schwer zu erkennen.

„Sein Name ist G.W.? Wofür steht das?“

„Georgia’s Wind“, sagte Landon. „Nach seiner Mutter.“

„Haben Sie je darüber nachgedacht, ihn als Zuchthengst einzusetzen?“

„Das habe ich einmal versucht. Aber das Fohlen hat nicht überlebt.“ Er verdrängte die Erinnerung und erhob sich. „Er ist übrigens der Grund.“

„Hm?“

„Sie haben gefragt, warum ich diesen Job will. Und Sie können selbst sehen, dass es ihm nicht gut geht.“ Landon klammerte sich an die offensichtlichen Dinge. „In diesem Zustand will ich ihn nicht bewegen. Wir haben viel zusammen durchgemacht in der letzten … Wie auch immer. Er braucht etwas Zeit, um sich wieder zu erholen.“

„Sie suchen also eine vorübergehende Lösung?“

Ja, je kürzer, desto besser. „Nur bis G.W. wieder gesund ist.“

Ein wehmütiges Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Mir gehört der Pinto hinten in der letzten Box, Rowdy. Er ist auch mein bester Freund. Er wurde geboren, als ich die Highschool abgeschlossen habe. Wir haben die letzten zwölf Jahre miteinander verbracht.“

Nur zu gut konnte Landon den Stolz nachvollziehen, der in ihrer Stimme mitschwang. Seine Familie hatte ihm G.W. damals zum College-Abschluss geschenkt. Dahinter steckte die Hoffnung, dass er seine Träume vom Rodeo-Reiten aufgeben und nach Hause zurückkehren würde. Stattdessen hatte er in den folgenden drei Jahren sämtliche Wettbewerbe im Westernreiten gewonnen. Doch nach den schrecklichen Ereignissen hatte er nie wieder den Wunsch verspürt, sein Geschick beim Rodeo auszuprobieren.

Er kannte den Schmerz gut, der ihn bei der Erinnerung daran stets überfiel. Er kam wie ein alter Bekannter und versetzte ihm einen Stich in die Brust. Landon musste blinzeln und sah rasch weg.

„Gut, dann ist das wohl geklärt“, sagte Maggie. „Hey, was ist denn mit Ihnen … oh!“

Landon gelang es in letzter Sekunde, sie aufzufangen. Haltlos stolperte sie in seine Arme und riss ihn beinahe mit sich, doch er hielt das Gleichgewicht und zog sie an seine Brust. Über ihre Schulter hinweg sah er G.W. die Mähne schütteln. Fast schelmisch sah ihn der Hengst an. Landon erkannte das alte Spiel, das er nur zu gern spielte und bei dem er Landon schon einige Male einen Schubs gegeben hatte. Landon grinste. Dann sah er Maggie an.

Ihre Augen waren vor Schreck geweitet und ihr heißer Atem strich über seinen Hals. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und konnte den Blick nicht von ihrem Mund wenden, der nur wenige Zentimeter entfernt war.

Verdammt dumme Idee, Kumpel!

Doch ihre Lippen öffneten sich und Landon senkte den Kopf.

„Na sieh mal einer an! Was ist denn hier los?“

Beim Klang der scharfen, männlichen Stimme wich Landon alarmiert zurück. Er ließ Maggie los und schob sich schützend vor sie.

„Ach, wohl ein bisschen besitzergreifend, was, Cartwright?“ Kyle Greeley stand im Gang und sah grinsend in die Box hinein. „Tja, sieht so aus als wäre ich nicht der Einzige, der gern Zeit mit Maggie Stevens in einsamen Scheunen verbringt.“

5. KAPITEL

Kyles Worte ließen unangenehme Erinnerungen in Maggie hochkommen.

Vor sechs Monaten hatte Kyle ihr nach einem gemeinsamen Restaurantbesuch seine neue, modern eingerichtete Scheune gezeigt. Es hatte nur ein paar Minuten gedauert, bis er sie in eine Ecke gedrängt hatte und ihr näher kam, als ihr lieb war. Nur beinahe hatte sie mit dem Knie seinen Schritt getroffen, und daraufhin hatte er wütend die Hand erhoben. Mit seinem Ring hatte er ihr eine Verletzung knapp unterhalb des Haaransatzes beigebracht. Man konnte noch immer die Narbe sehen.

Später hatte er behauptet, es sei ein Unfall gewesen, und Maggie war zu beschämt, um es jemandem zu erzählen. Damit war jede aufkeimende Zuneigung in Maggie im Keim erstickt gewesen.

Maggie verdrängte ihren Schmerz und trat hinter Landon hervor. „Was machst du hier, Kyle?“

„Was zur Hölle macht er hier? Und warum trägt er ein Crescent Moon Shirt?“

Landon machte einen Schritt auf ihn zu.

Maggie stellte sich zwischen die beiden Männer. „Was willst du?“

Kyle starrte Landon über ihren Kopf hinweg herausfordernd an. „Macht es dir was aus? Da ist die Tür. Wir wären gerne ein bisschen für uns.“

„Was willst du, Maggie?“, flüsterte Landon in ihr Ohr.

„Warum machst du dich nicht nützlich“, fragte Kyle hämisch, „und bringst den Müll raus?“

„Mit Vergnügen.“

Landon schob sich an ihr vorbei. Maggie streckte rasch den Arm aus und versuchte, ihn aufzuhalten.

„Landon, machst du hier bitte weiter? Ich kläre das besser draußen.“ Ein weiterer Ausbruch männlicher Streitlust war das Letzte, was sie jetzt brauchten. Maggie sah Landon beschwörend an.

Landons Augen verengten sich zu bedrohlichen, schmalen Schlitzen. „Na schön.“

Maggie zeigte auf das Stalltor. Kyle Greeley wandte sich um und ging hinaus. Maggie folgte ihm in den Schatten der Büsche nahe dem Teich.

„Also“, fragte sie schroff, „was ist los? Ich habe heute eine Menge Arbeit zu erledigen.“

Er deutete mit dem Kinn Richtung Stall. „Oh ja, das sehe ich.“

Maggie wandte sich ab. „Warum gehst du nicht einfach, Kyle.“

„Ich bin aus zwei Gründen gekommen. Der erste ist, dass ich mich für gestern Nacht entschuldigen wollte.“

Misstrauisch wich Maggie zurück. Sie konnte ihm nicht trauen, wenn sie an die Vorgeschichte dachte: Ihr Mann Alan hatte sie nach zehn Jahren Ehe einfach auf der Ranch sitzen gelassen, nachdem ihm klar geworden war, dass er niemals die absolute Eigentümerschaft für Crescent Moon bekommen würde. Seither hatte Kyle alles versucht, um sie zu erobern. Immerhin hatte sie ihn durchschaut, bevor es zu spät war. Hinter seinem freundlichen Lächeln lauerte mit Sicherheit nichts Gutes. Sie nickte vorsichtig.

„Wunderbar. Dann der zweite Grund. Leider bist du gestern vor der großen Ankündigung verschwunden und ich dachte, es ist besser, wenn du es von mir erfährst.“

Sie hatte nicht die geringste Ahnung, worauf er hinauswollte. „Lass mich raten.“ Sie schenkte ihm ein leeres Lächeln. „Du verkaufst dein Land und verlässt die Stadt?“

Sein selbstzufriedenes Grinsen schien für einen Moment zu verrutschen. „Nein. Ich wurde heute Morgen offiziell zum neuen Vorstandsmitglied von Destinys Bank ernannt.“

Es war, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Ihre Welt geriet ins Wanken. Kyle Greeley sollte Vorstandsmitglied ihrer Bank sein? Mit seinem Einfluss war das, als gehöre ihm die Bank selbst. Und somit gehörte ihm auch ihr Besitz.

Er strahlte. Der Glanz in seinen blauen Augen hatte ihr einmal gefallen, aber jetzt, da sie vom Feiern rot unterlaufen waren und etwas furchtbar Herablassendes in seinem Blick lag, hätte sie ihn am liebsten ins Gesicht geschlagen.

„Wie ich sehe, wolltest du dich diese Woche noch mit unserem Geschäftsleiter treffen.“ Kyle wirbelte den Hut auf seiner Fingerspitze herum. „Anscheinend soll es bei dem Termin darum gehen, die Abschlussrate deines Darlehens in eine Hypothek umzuwandeln.

Ihr stockte der Atem. „Was soll damit sein?“

„Der Termin wurde abgesagt. Ich glaube kaum, dass die Bank es sich leisten kann, die Ranch … nun, sagen wir mal ein so risikoreiches Unternehmen wie Crescent Moon zu unterstützen“, beschloss er betont nachdenklich.

„Du Bastard.“ Maggies Stimme war bedrohlich leise. „Du weißt genau, wie großartig Moon einmal war. Und wieder sein wird. Genau deswegen versuchst du auch so verzweifelt, es mir wegzunehmen …“ Maggie unterbrach sich, als sie ihre Großmutter entdeckte. Die alte Dame trug bereits den zweiten Wäschekorb hinaus. „Grandma, sieh mal, wer hier ist.“

„Ja, ich hab’s gesehen. Hallo Kyle.“ Sie rümpfte die Nase. „Na sowas, du siehst deinem Vater immer ähnlicher. Ich würde ja gerne sagen, ‚Gott hab’ ihn selig‘, aber wie du weißt, war sich hier keiner so sicher, in welche Richtung er gegangen ist, nachdem er das Zeitliche gesegnet hat.“ Sie ließ ihn stehen und begann, in Seelenruhe die Wäsche aufzuhängen.

Plötzlich war das Knirschen von Reifen auf dem Kiesweg zu hören. Ein riesiger, metallisch roter Pick-up mit passendem Anhänger erschien in der Auffahrt. Maggie erkannte den Bürgermeister Will Harding auf dem Beifahrersitz.

Demnach brachte er Black Jack früher als abgemacht. Und gemessen an den ohrenbetäubenden Schlägen aus dem Inneren des Trailers war der Hengst nicht sonderlich erfreut.

„Was macht Harding denn hier?“, fragte Kyle. Er neigte den Kopf und lauschte in Richtung des Wagens. „Hört sich nach einem mächtig unglücklichen Tier an. Du willst doch nicht etwa deinen albernen Hokuspokus an ihm ausprobieren, oder?“

Für einen Moment hatte Maggie ganz vergessen, dass Kyle noch da war. Sie versuchte, den furchtbaren Gedanken an den geplatzten Termin mit der Bank zu verdrängen und sich auf das Pferd zu konzentrieren. Ihre ganze Zukunft befand sich gerade in diesem Anhänger.

„Das geht dich nichts an“, sagte sie abweisend.

Verdammt, sie war noch nicht vorbereitet. Sie hatte fest mit zwei weiteren Tagen gerechnet, um sich gedanklich auf das wilde Pferd vorzubereiten. Andererseits bedeutete es, dass die erste Rate ihres Honorars heute auf ihr Konto eingezahlt wurde. Natürlich reichte das noch nicht aus, um ihr Darlehen auszugleichen. Aber sie war sich sicher, dass es noch mehr Aufträge geben würde, sobald sich herumsprach, dass sie mit dem Hengst Erfolg hatte.

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Kyle. „Ich denke, du solltest jetzt besser gehen.“

Mit einem unverschämten Lächeln legte Kyle seine Hand auf ihren Arm. „Denk dran, dass das Land zur Hälfte mir gehören wird, wenn …“

„Falsch. Wenn ich die Abschlussrate nicht bezahle, gehört mein Land zur Hälfte der Bank. Aber das wird ohnehin nicht passieren.“

Angewidert schüttelte Maggie seine Hand ab. „Auf Wiedersehen, Kyle.“ Sie stützte die Hände in die Hüften und sah zu, wie Kyle in seinen protzigen Wagen stieg. Erst, als er endlich davonfuhr, wagte sie wieder zu atmen. Sie warf einen Blick in den strahlend blauen Himmel und richtete sich auf. Dann erschrak sie. Landon war aus der Scheune getreten und starrte sie an. Nun wandte er sich ab und ging auf die neuen Besucher zu. Was hatte er vor?

Sie beobachtete, wie er dem Bürgermeister und seinem Begleiter die Hand schüttelte. Eilig ging sie ihm nach, zwang sich ein selbstsicheres Lächeln ins Gesicht und schickte ein Stoßgebet zum Himmel. „Guten Morgen, Will“, begrüßte sie den Bürgermeister und reichte ihm die Hand. „Schön, Sie zu sehen.“

„Ebenso, Maggie.“ Er musste die Stimme erheben, um den Krach zu übertönen, den Black Jack von Neuem im Anhänger veranstaltete.

„Wollen Sie das Pferd gleich aus dem Hänger holen?“ Will deutete auf den schwankenden Trailer.

„Alles zu seiner Zeit.“ Maggie manövrierte die Gruppe auf die Rasenfläche vor dem Haus. „Warum gehen Sie nicht hinein und trinken einen Kaffee? Meine Großmutter hat gerade frische Muffins gebacken.“

„Wie lange wird das dauern, Maggie?“ Will sah auf seine Armbanduhr. „Ich habe heute Vormittag noch einen Termin. Ihr Cowboy wollte gerade einen Strick holen …“

„Ich glaube, Black Jack ist ein wenig aufgebracht“, unterbrach Maggie den Bürgermeister. Sie lächelte und hoffte, dass es zuversichtlich wirkte. „Geben wir ihm ein paar Minuten, um sich zu beruhigen.“

Beruhigen?

Landon sah den bebenden Wagen an. Wenn das Pferd noch fester ausschlug, würde der verdammte Anhänger vermutlich bald umkippen. Man konnte den Zorn des Hengstes regelrecht spüren. Er drang durch die dünnen Wände und füllte die Luft wie drohend schwarze Gewitterwolken. Genauso umwölkt war auch Maggies Gesicht, als sie ihn unter ihrem Strohhut hervor düster ansah.

Als er vorhin den Wagen gehört hatte, war er aus reiner Neugier aus dem Stall gekommen. Doch dann hatte er Kyle Greeley mit Maggie gesehen, und die Art, wie nah er bei ihr gestanden hatte, empfand er als eklig. Verwundert über seinen plötzlichen Zorn hatte er versucht, sich wieder zu beruhigen.

Seit G.W.s Spiel und Maggie in seinen Armen schien er seinen Verstand ausgeschaltet zu haben. Was sehr hinderlich war, jetzt, da sie sein Boss war. Er musste seine Gedanken für sich behalten – und seine Hände.

„Kyle hat mich für verrückt erklärt, weil ich Sie für den Auftrag empfohlen habe.“ Der Bürgermeister folgte Maggie auf die Veranda. Mit seiner großen, kräftigen Statur erinnerte er eher an einen Boxer als an einen Politiker. Seine Worte rissen Landon aus seinen Gedanken. „Wenn Sie nicht so gute Arbeit geleistet hätten mit diesem Biest von einem Pferd …“

Landon sah, wie Maggie das Lächeln entglitt. Würde ihr dieser Kerl etwa auch das Leben schwer machen? Er stellte sich hinter sie. Maggie atmete tief ein und straffte sich. Braves Mädchen.

„Mit dem Pferd Ihrer Tochter zu arbeiten, war eine Herausforderung. Aber ich hatte Erfolg. Nur deswegen hat mich Tucker Hargrove beauftragt, Black Jack zu trainieren.“

„Ja, deswegen, und weil meine Frau ihn überredet hat, Sie zu engagieren.“„Deswegen will ich, dass er das beste Pferd bekommt …“

„Black Jack ist der Beste“, unterbrach Will.

„Nicht, wenn ihn niemand reiten kann. Es muss zwischen Pferd und Reiter eine Harmonie entstehen. Ein gegenseitiges Verständnis.“

„Und Sie können mit Ihren magischen Fähigkeiten aus einem störrischen Biest ein erstklassiges Reitpferd machen?“

„Ja.“

Landon hörte die Zuversicht in ihrer Stimme. Dennoch war ihm nicht entgangen, dass sie eine Sekunde gezögert hatte. Das Bedürfnis, ihr beizustehen, wurde übermächtig, und er trat an ihre Seite. „Kann ich helfen?“

„Nein.“ Maggie sah ihn an, ihr Lächeln schon weitaus entspannter als noch vor wenigen Augenblicken. „Im Moment nicht, danke.“

Dann kam Grandma zu ihnen und wandte sich mit einem unbefangenen Plauderton an den Bürgermeister. Innerhalb weniger Minuten gelang es ihr, ihn und seinen Begleiter in ein Gespräch zu verwickeln und sie ins Haus zu lotsen. Maggie atmete erleichtert auf und ging auf den Trailer zu.

„Hey, warte mal …“

„Bleib zurück, Cowboy.“ Sie streckte die Hand aus, als wollte sie ihm Einhalt gebieten, und wich langsam rückwärts. „Ich weiß genau, was ich tue.“

Landon wagte nicht, ihr weiter zu folgen. Aus einigen Metern Entfernung beobachtete er, wie sie sich dem Anhänger näherte. Er bezweifelte, dass sie so verrückt war, ihn zu öffnen und das wilde Pferd frei zu lassen. Andererseits war sie auch verrückt genug, einen fremden Mann mit nach Hause zu nehmen.

Sie wurde langsamer und umrundete schließlich den Anhänger. Ein paar Mal ging sie darum herum, in jeweils kleineren Kreisen und mit geringerem Abstand. Landon hatte nicht die geringste Ahnung, was sie da tat, doch nach der dritten Runde verstummte das wütende Krachen aus dem Inneren des Wagens. Maggies Lippen bewegten sich, aber er konnte nicht hören, was sie sagte.

Sprach sie mit sich selbst? Oder mit dem Pferd?

Ungeduldig stemmte er die Hände in die Hüften. Es vergingen fünfzehn Minuten, bis sie ihm schließlich zuwinkte. Sie gab ihm ein Zeichen, sich in einem großen Bogen dem Wagen zu nähern. Dann kam sie langsam auf ihn zu, die linke Hand über die Oberfläche des Wagens gleitend. Mit der anderen Hand deutete sie auf den Pick-up. Ihre Stimme war leise und beruhigend. „Kannst du dieses Ding rückwärts an den Hauptzaun fahren?“

Er nickte.

„Gut. Schön langsam und vorsichtig, und egal was passiert: Halt nicht an.“ Sie nickte ihm aufmunternd zu.

Landon stieg in den Wagen und ließ den Motor an. Er warf einen Blick in den Spiegel. Maggies Lippen bewegten sich weiterhin, doch er konnte kein Wort verstehen. Er legte den Rückwärtsgang ein, fuhr mithilfe der Seitenspiegel langsam auf den Zaun zu und behielt dabei seinen unglaublich weiblichen Boss im Auge, die ihm nun den Rücken zuwandte.

Ein sehr schöner Anblick.

„Konzentrier dich auf deine Aufgabe“, murmelte er zu sich selbst und wandte den Blick von Maggies Po.

Er manövrierte das Gefährt an die Koppel und schaltete den Motor ab. Während er ausstieg, sah er, wie sie das Gatter öffnete.

Verdammt, sie muss wirklich verrückt sein!

Es war nicht abzusehen, wie der Hengst reagieren würde. Landon ging zu seinem Truck und holte ein langes Seil heraus. Geschickt knotete er daraus ein Lasso. Er reckte die Schultern und ging auf den Anhänger zu. Noch immer spürte er jeden Muskel in seinem geschundenen Körper, doch darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen.

Er hörte, wie der Riegel des Trailers aufgeschoben und das Tor geöffnet wurde. Als er um die Ecke des Wagens bog, sah er Maggie vorsichtig die Rampe herunterlassen. Er baute sich in einiger Entfernung auf und hielt das Lasso einsatzbereit in den Händen. Als sie ihn entdeckte, sah sie ihn ärgerlich an. In ihren Augen stand deutlich, dass er gehen sollte.

Auf gar keinen Fall.

Sie runzelte die Stirn und wandte sich wieder dem Anhänger zu. Landon war sich nicht sicher, ob sie seinen Widerstand hinnehmen würde, aber im Augenblick war es ihm gleich.

„So, Junge, du bist frei.“ Sanft sprach sie mit dem Hengst. Das Tier scharrte mit dem Huf auf den Metallboden. Ein einziges Mal schlug sein Schweif gegen die Wand, ansonsten blieb es ruhig. „Jetzt möchte ich, dass du da herauskommst und mir direkt auf die Koppel folgst. Verstehst du, Black Jack?“

Das sollte wohl ein Witz sein.

Landon widerstand dem Drang, die Augen zu verdrehen. Stattdessen konzentrierte er sich auf die Reaktion des Pferdes. Maggie wiederholte ihre Befehle, als der schwarze Mustang langsam aus dem Anhänger hervortrat. Völlig friedlich folgte er ihr auf die Koppel und blieb in der Mitte stehen. Sie ging ihm aus dem Weg und durch das Gatter zurück.

„Jetzt kannst du dich austoben“, rief sie und schloss sorgfältig das Tor.

Der Hengst antwortete mit einem lauten Wiehern und warf den Kopf zurück. Dann stürmte er wild los und galoppierte über die Weide.

Von Ehrfurcht ergriffen sah Landon sie an. „Ganz ehrlich, so was Beeindruckendes habe ich noch nie gesehen.“

„Danke.“ Sie sah ihn nicht an, sondern hielt den Blick auf den Hengst gerichtet. „Du kannst jetzt das Lasso wegpacken.“

Er folgte ihrer Anweisung.

Der Bürgermeister von Destiny hatte die Szene mit gebührendem Abstand verfolgt, war mit verstörtem Gesichtsausdruck und knapp grüßend in den Pick-up gestiegen und fuhr jetzt davon.

Landon gesellte sich zu Maggie an den Zaun. Genau wie sie stellte er locker ein Bein auf die untere Stange und stütze die Ellenbogen auf das Geländer, so nah, dass sich ihre Arme fast berührten.

Sein ganzes Leben lang war Landon von Tieren umgeben gewesen, aber er hatte noch niemals erlebt, dass jemand so mit einem Pferd umgegangen war, das sich ganz offensichtlich von niemand sonst bändigen ließ. Respektvoll betrachtete er den nachtschwarzen Hengst, der fieberhaft am Zaun auf- und ablief.

„Ist er nicht wunderschön?“, fragte sie sanft.

Verstohlen musterte Landon sie von der Seite. „Wunderschön und wild zugleich. Es ist mir noch immer ein Rätsel, wie du ihn aus dem Anhänger gebracht hast.“

„Das war nicht schwer. Alles, was Black Jack brauchte, war ein bisschen Zeit, sich an seine neue Umgebung und die neuen Gerüche zu gewöhnen. Und eine einzelne Person, auf die er sich konzentrieren kann.“ Sie schob den Cowboy-Hut aus ihrer Stirn und lächelte ihn an. „Naja, und ein bisschen Ma…“

Sie verstummte. Ihr Blick glitt über seine Schultern auf seine Brust. Landon wurde heiß. Zu gerne hätte er gewusst, was in ihrem hübschen Kopf vorging.

„Ein bisschen was?“

„Oh. Ach so …“ Ein breites Lächeln stahl sich zurück in Maggies Gesicht. „Mit ein bisschen Magie.“

„Ich glaube nicht an Magie“, sagte er bestimmt.

„Tja, ich schätze, im Laufe der Zeit wirst du deine Meinung ändern.“

Sie schwiegen eine Weile.

„Wir haben noch gar nicht über deinen Lohn gesprochen.“ Maggie schaute Landon von der Seite an, um seine Reaktion abzuwarten: „Es ist nicht viel, aber Unterkunft und Futter für das Pferd sind enthalten. Und dank Grandma ist die Verpflegung auch sehr gut.“ Sie deutete über den Hof auf den Bungalow jenseits des kleinen Sees. „Die Blockhütte des Vorarbeiters steht zurzeit leer, wenn du ein bisschen Privatsphäre bevorzugst.“

Landon blickte flüchtig zu dem Gebäude hinüber. „Du hast noch nicht mit deiner Familie über mich gesprochen. Vielleicht solltest du ihnen erst einmal Bescheid …“

Sie schnitt ihm das Wort ab. „Ich allein treffe hier die Entscheidung, wer eingestellt wird. Weder meine Großmutter noch meine Cowboys. Nicht einmal meine Tochter, okay?“

„Wer?“

„Meine Tochter, Anna.“

Maggie hatte die Worte kaum ausgesprochen, als Landons Welt zusammenbrach. Alles um ihn herum versank in schaler, bitterer Dunkelheit. Erinnerungen stürmten auf ihn ein und drohten, ihn zu überwältigen.

Erinnerungen an seine Tochter, Sara.

An den Tag, als er im Morgengrauen ihr Kinderzimmer betreten hatte, weil ihr leises Rufen ihn geweckt hatte. Die winzigen Hände ausgestreckt, mit dicken Tränen in den dichten, dunklen Wimpern, stand sie in ihrem Gitterbettchen und weinte. Er wechselte ihre Windel, erwärmte eine Flasche Milch und hielt sie tröstend in den Armen, während sie trank. Sobald sie wieder in den Schlaf gefallen war, hatte er sie behutsam in das Kinderbett zurückgelegt und ihrem gleichmäßigen Atem gelauscht.

„Ich werde immer für dich da sein, Kleine“, hatte er geflüstert. „Ich weiß, dass ich das bisher nicht geschafft habe. Ich habe dir die Schuld gegeben an allem, was deine Mutter und ich verpatzt haben. Ich habe einen Fehler gemacht. Aber ab jetzt werde ich alles besser machen. Du kannst dich auf mich verlassen.“

An diesem Tag hatte er seine Tochter belogen. Er war nicht für sie da gewesen, als es passierte. Er war den ganzen Tag über beschäftigt gewesen und kehrte erst am Abend auf die Ranch zurück. Schon aus einer Meile Entfernung hatte er den zornigen, rot-orangen Schimmer über den Baumkronen entdeckt und hatte wie irrsinnig auf das Gaspedal getreten.

Als er die Ranch erreichte, sah er, dass das größte der Stallgebäude in Flammen stand. Sein Bruder und einige Arbeiter waren dabei, die Pferde in Sicherheit zu bringen und die übrigen Außengebäude zu retten. Er hatte alles getan, um ihnen zu helfen.

Und dabei hatte niemand bemerkt, wie das Feuer auf das Haupthaus übergesprungen war, wo sich Sara und ihre Mutter aufhielten und von den Flammen eingesperrt wurden …

„Landon? Landon, alles in Ordnung?“

Er fuhr erschrocken zurück, als Maggie ihn berührte. Es war, als könne er nach all der Zeit noch immer nicht dem Gestank von brennendem Holz entkommen. Dem Gefühl der Hitze, die sich auf sein Gesicht legte und die feinen Härchen auf seinen Armen versengte. Andenken an seine eigene persönliche Hölle. Eine Hölle, die er regelmäßig in seinen Träumen besuchte. Eine Hölle, in der er zum Mörder verurteilt worden war.

„Oh mein Gott, was ist denn? Was hast du?“

„Nichts.“ Landon rang nach Luft. Er zwang sich, langsam und tief zu atmen und hielt den Blick starr nach vorne gerichtet. Die Erinnerung durfte ihn jetzt nicht einholen. Sorgsam schob er sie beiseite und verbannte sie in den entlegensten Winkel seines Herzens. „Lass mich allein.“

„Du bist weiß wie ein Laken. Was habe ich denn gesagt?“

„Du hast nichts … es hat nichts mit dir zu tun …“ Landon biss die Zähne so fest zusammen, dass sein Kiefer schmerzte. „Bitte, Maggie, lass mich einfach …“

„Kann ich dir helfen?“

In diesem Moment meldete sich das Sprechfunkgerät, das Maggie an ihrer Hüfte befestigt hatte. Durch das statische Knacken und Knistern hindurch war Willies Stimme zu hören. „Crescent Moon, hier ist Willie … Maggie, bitte kommen!“

Maggie zögerte. Sie sah noch immer Landon an, der sich am Zaun festklammerte, als würde sein Leben davon abhängen.

„Bitte kommen, Moon. Verdammt noch mal, Mädchen, wo steckst du denn?“

„Geh ran“, sagte Landon.

Ohne ihn aus den Augen zu lassen, griff Maggie nach dem Funkgerät und hielt es an ihre Lippen. „Hier ist Maggie. Was ist los, Willie?“

„Wurde aber auch Zeit. Wir stecken hier wirklich in der Klemme. Ein Teil von Hanks altem Fuhrwerk hat sich gelöst und ist runtergekracht.“

Verwirrt fragte Maggie: „Kann er mit der Reparatur nicht bis nach dem Mittagessen warten?“

„Darling, Hank ist unter dem Wagen.“

6. KAPITEL

Maggie beugte sich über Hank und stützte seinen Kopf. Es tat weh, ihn so zu sehen. Sein vertrautes, wettergegerbtes Gesicht war vom Schmerz verzerrt, seine Hände lagen hilflos an dem gestauchten Brustkorb. Kaum auszudenken, was passiert wäre, wenn sie zu spät gekommen wären. Wenn Landon nicht bei ihr gewesen wäre …

Gemeinsam waren sie hinaus zu Hanks alter Hütte gerast und hatten ihn und Willie in der Scheune gefunden. Gerade, als sie die Scheune betraten, hatte ein hässliches Knirschen die Stille zerrissen und Willie hatte aufgeschrien.

Landon war zu ihm gestürzt und hatte sich unter die Kutsche gestemmt, die Hank schon fast unter sich begraben hatte. Auf diese Weise war es ihnen gelungen, Hank rechtzeitig hervorzuziehen und behutsam auf den Truck zu legen, sodass sie ihn zurück nach Crescent Moon bringen konnten.

Nun ragten seine Stiefel über die Ladeklappe und sein Gesicht hatte einen beunruhigenden, aschfahlen Ton angenommen. Grandma eilte aus dem Haus und kam auf sie zu. Landon stieg aus. Sein Gang war merkwürdig steif, und Maggie begann sich zu fragen, ob die schwere Kutsche nicht doch seinen Rücken verletzt hatte.

Grandma beugte sich tadelnd über die Ladefläche. „Du bleibst still liegen, du sturer alter Mann“, sagte sie streng.

„Ich bin verletzt“, murrte Hank, „nicht tot. Und ich würde es lieber mit dem Teufel aufnehmen, als ins Krankenhaus zu gehen.“

„Hank, bitte.“ Flehend sah Maggie ihn an. Der alte Mann war wie ein Vater für sie – zumindest war er immer mehr Vater für sie gewesen als der Mann, der sie aufgezogen hatte. „Und wenn ich dich fahre? Lässt du dich wenigstens von mir in die Stadt bringen?“

„Ist das … wirklich nötig?“, keuchte Hank schwach.

„Wenn du jemals wieder auf ein Pferd steigen willst, ist es das.“ Landon stand neben der Heckklappe. Sein Blick war undurchdringlich.

Maggie starrte ihn an. Meinte er das ernst? Der Gedanke, dass Hank nie wieder würde reiten können, ließ sie erschaudern.

In diesem Moment kam Willie zurück und stieg wieder auf die Ladefläche. In seinen Händen hielt er die Bandagen. „So, dann wollen wir dir mal diese albernen Dinger anlegen“, meinte Willie und hielt die Bandagen zu Maggie hoch.

„Lass mich das ruhig machen.“ Landon winkte Maggie vom Truck. „Da oben ist nicht genug Platz für uns alle.“

„Aber dein Rücken …“

„Ich sagte doch, mir geht’s gut.“ Seine Stimme war ebenso fest wie sein Griff, als er Maggies Hand nahm und ihr von der Ladefläche herunter half. Ihr Puls raste bei seiner Berührung. Mit zitternden Knien stellte sie sich neben ihre Großmutter und berichtete in knappen Worten, was draußen bei der Scheune geschehen war. Dabei beobachtete sie Landon, der sich hinter Hank kniete und vorsichtig seine Schultern anhob, sodass Willie die elastischen Bandagen um seinen Brustkorb wickeln konnte.

„Und wenn Landon sich nicht unter die Kutsche gestemmt hätte, als das Holz zerbrochen ist …“ Maggie hielt inne. „Dann … hätten wir ihn vielleicht verloren.“

„Ist schon gut, Magpie.“ Hank benutzte den Spitznamen, den man ihr in der Kindheit gegeben hatte. Magpie war eine Elsterart, und damals hatte sie es lustig gefunden, dass der Begriff gleichzeitig Quasselstrippe bedeutete.

„Ich werde zwar für eine Weile ausfallen, aber an die Himmelspforte wollte ich noch nicht so bald klopfen.“

Für eine Weile ausfallen … Lieber Himmel, was soll ich jetzt tun?

Maggie geriet in Panik. Heiße Tränen stiegen in ihre Augen. Hank war fürs Erste außer Gefecht gesetzt, und seine Genesung würde sicher ein paar Wochen dauern – ungefähr so lange, wie Landon vorhatte, auf Crescent Moon zu bleiben.

In Gedanken konnte sie ihre Anzeigenblätter sehen, die voller Eselsohren und ganz zerknittert in den letzten Ecken der Stadt hingen, und auf denen sich die Worte „Cowboys gesucht“ in „Bin verzweifelt“ verwandelten.

„Verflucht.“ Hanks Mund war schmerzverzerrt, während Willie die Bandagen anlegte. „Ich hab’ gehört, dass uns diese beiden Loser im Stich gelassen haben. Vielleicht – autsch, das tut weh! Überlegt doch mal, wir müssen uns noch um geschätzte zwei Millionen Meilen Zaun kümmern, und ich werde euch ungefähr so nützlich sein wie ein dicker, alter, gestrandeter Wal. Vielleicht solltest du mit Greeley reden und ihn um Hilfe bitten …“

„Nein!“ Maggie biss sich auf die Lippe, um die aufsteigende Panik zu bezwingen. Sie schob die Hände in die Hosentaschen und starrte auf den Boden. „Ich schaff das schon.“

„Wir schaffen das schon.“

Überrascht hob sie den Kopf. Landon starrte sie an. „Vielleicht solltest du es ihnen jetzt sagen.“ Dann schaute er weg, doch Maggie war sicher, etwas wie Schmerz in seinen Augen gesehen zu haben.

Schmerz und eine Art Resignation, als ob er seine Entscheidung bereits bereute. Als er seine Hilfe angeboten hatte, hatte sie den Eindruck gehabt, es gäbe ein stilles Einverständnis zwischen ihnen. Sie hatte geglaubt, Vertrautheit in seinen Augen zu sehen, und hatte es genossen: vor allem, nachdem sie Black Jack gebändigt hatte und Landon sie mit unverhohlener Achtung ansah.

Doch als sie ihm später erklärt hatte, dass sie alle Entscheidungen auf Crescent Moon allein traf, hatte sich plötzlich ein so tiefer Schmerz auf sein Gesicht gelegt, dass sie nicht wusste, wie sie damit umgehen sollte.

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie beobachtet wurde. Vier Augenpaare waren erwartungsvoll auf sie gerichtet. „Äh, Landon hat angeboten, eine Weile auszuhelfen. Er will für uns arbeiten, bis es seinem Pferd wieder besser geht. Oder bis ich jemand anders finde.“

Weder Willies schockiertes Gesicht noch der zufriedene Ausdruck in den Augen ihrer Großmutter überraschten Maggie. Hanks Miene war noch immer schmerzverzerrt und ein wenig verwirrt, doch er streckte den Arm aus und schüttelte dankbar Landons Hand. „Schön, dass du erst mal hierbleibst. Und danke, dass du da draußen meinen alten Buckel gerettet hast.“

Auch Maggie wurde erneut von einer Welle der Dankbarkeit erfasst, und ihr Herz klopfte so laut, dass sie Angst hatte, jemand könnte es bemerken. Schnell wandte sie sich ab.

Was war bloß los mit ihr?

Landon war schließlich nur ein weiterer Cowboy, nicht der rettende Engel ihrer Ranch. Oder ihres Sexlebens. Na schön, sie fühlte sich von ihm angezogen, aber sie hatte schließlich wichtigere Dinge im Kopf als Küsse und …

„Willst du mich noch?“

Seine hitzigen Worte durchbrachen ihre Gedanken. Sie drehte sich um. Ihr Gesicht glühte. „Ja, ich will … äh, natürlich. Du bist angestellt.“

Plötzlich schoss ein weißer Geländewagen auf den Hof und bewahrte Maggie vor weiteren Fragen. Ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen rannte über den Kiesweg und flog in Maggies Arme. „Mama! Was ist passiert? Geht es dir gut?“

Maggie drückte ihre Tochter fest an sich. „Mir geht’s gut, Süße.“

Doktor Cody stieg aus dem Wagen und kam auf sie zu. „Danke, dass Sie gekommen sind, Doc.“

Er nickte. „Ich habe Anna früher aus der Stadt mitgenommen, nachdem ich von dem Hilferuf gehört habe.“

Maggie nickte. Die Nachricht hatte ihrer Tochter zweifellos einen großen Schreck eingejagt. Sie legte den Arm um Annas Schultern und drückte sie kurz. „Süße, es ist alles in Ordnung, wirklich. Hank hat sich bloß ein bisschen weh getan …“

„Hank!“ Das kleine Mädchen riss sich los und rannte um den Truck herum. „Was ist passiert? Was hast du gemacht?“

„Mir … mir geht’s gut, Kleines“, sagte Hank leise und versuchte, den Kopf zu heben. „Mach dir keine Sorgen um mich.“

Mit großen Augen sah Anna ihre Mutter an. „Stimmt das?“

„Natürlich, Schätzchen. Er wird bald wieder gesund.“ Sie strich über Annas Kopf und zupfte liebevoll am Ende ihres Zopfes. Dann zog sie Anna beiseite, um dem Doktor Platz zu machen, der sich bereits dem Verletzten zugewandt hatte. „Und weißt du was, Süße? Da gibt es jemand ganz Besonderes, der Hank heute gerettet hat. Es ist unser neuer Cowboy, Landon Cartwright.“

Es schien kaum möglich, doch Landon hatte den schwarzen Stetson noch eine Spur tiefer in die Stirn gezogen. Er stand etwas steif im Hof herum, hatte die Hände auf die Hüften gestemmt und krallte die Finger in den Bund seiner Jeans.

„Landon, ich möchte dir meine Tochter vorstellen. Das ist Anna.“ Maggie fragte sich, ob Landon womöglich doch mehr Schmerzen hatte, als er zugeben wollte. Seine Haltung war verkrampft, sein Gesicht zeigte keine Regung. „Anna, das ist der Mann, der Hank das Leben gerettet hat.“

Landon öffnete den Mund, als wollte er protestieren, aber bevor er auch nur ein Wort sagen konnte, stürmte Anna auf ihn zu und schlang die Arme um seine Hüfte. „Oh danke! Vielen Dank!“

Mit einem entspannten Seufzen ließ sich Landon in das heiße Wasser gleiten. Er hatte sich ein Bad in der altmodischen, auf vier Klauenfüßen stehenden Wanne eingelassen und genoss die Wärme, die seine verkrampften Muskeln lockerte.

Zwei Wochen lang hatte er mit Willie draußen gecampt, weil auf der weitläufigen Ranch viel zu tun war und es sich nicht lohnte, immer wieder zum Haupthaus zu fahren. Nach dieser Zeit tat es richtig gut, ein Bad zu nehmen.

Draußen hatten er und Willie sich im kalten Bach gewaschen und unter dem Sternenhimmel geschlafen, und nachts war es manchmal ziemlich kühl geworden.

Doch Landon war vertraut mit solchen Umständen, genau wie mit den handwerklichen Aufgaben, sodass er und der alte Cowboy rasch in einen reibungslosen Arbeitsablauf gefallen waren. Gemeinsam hatten sie unzählige Zaunpfosten umgelagert und mit meterweise neuem Stacheldraht aufgespannt.

Heute Morgen hatte er den letzten Pfosten eingeschlagen und dabei den vertrauten, quälenden Stich in seinem Körper gespürt. Immerhin war der Schmerz wieder zurückgegangen, als die beiden zur Ranch zurückritten.

Um die Mittagszeit waren sie am Haupthaus angelangt und waren dort auf Grandma und Hank gestoßen. Willie hatte sofort gefragt, ob es in ihrer Abwesenheit Probleme gegeben hatte, doch die alte Dame verneinte. Keine weiteren Botschaften von Greeley.

Landon war so erleichtert, dass er sich fast albern vorkam, und verschwand schnell im Stall, um nach G.W. zu sehen. Sein Pferd hatte sich gut erholt.

Landon tauchte jetzt in das dampfende Wasser ein und versuchte, an nichts mehr zu denken. Das Haar klebte in nassen Strähnen in seinem Gesicht. Er wischte es weg und wünschte, er könnte ebenso den Gedanken an Maggie wegwischen, doch es gelang ihm nicht.

Diese Frau!

Von wegen ‚aus den Augen, aus dem Sinn‘! So hatte er es sich vorgestellt, als er mit Willie die Ranch hinter sich gelassen hatte. Aber es hatte nicht funktioniert.

Er griff nach der Seife und schäumte seine Narben ein. Dann lehnte er sich zurück, schloss die Augen und ließ die Erschöpfung zu, die sich nach der harten Arbeit in seinen Körper gegraben hatte. Seinen Geist konnte er allerdings nicht zum Schweigen bringen. Wenn er weiterhin hier arbeiten wollte, würde er sich so weit wie möglich von Maggie fernhalten müssen.

Vorausgesetzt, dass er überhaupt die Chance bekam, zu bleiben.

In Gedanken ging er zu dem Tag von Hanks Unfall zurück. Willie hatte den Sheriff gerufen, nachdem er eine zerbrochene Speiche an der Kutsche gefunden hatte, die wie angesägt aussah.

Zunächst hatte Landon sich unwohl gefühlt, als Willie ihn gebeten hatte, mit zum Sheriff zu fahren. Er wollte auf jeden Fall vermeiden, mit dem Gesetz in Berührung zu kommen. Aber sehr bald hatte ihn eine Woge der Scham erfasst. Schließlich war ein Mann verletzt worden, der ebenso hätte sterben können. Und wenn ihn sein Gefühl nicht trog, was selten der Fall war, dann handelte es sich dabei nicht um einen Unfall.

Um ihr Anliegen hatte sich eine junge Frau gekümmert, die sich als Hilfssheriff vorstellte. Sie sah aus, als hätte sie eben erst die Highschool beendet, doch ihren wachen Augen schien nichts zu entgehen. Landon hatte sich zurückgehalten, und auch Willie hatte nicht Greeleys Name erwähnt, sondern lediglich die Situation auf Crescent Moon geschildert. Dann galt es bloß noch, Maggie Bescheid zu sagen, die über die Ereignisse keineswegs erfreut war.

Sowohl in jener Nacht als auch in den folgenden Nächten hatte Willie ihm mehr über das Leben auf der Ranch erzählt. Maggies Vater war vor fünf Jahren gestorben. Bis zum Schluss war er ein unglaublicher Bastard gewesen, dem Maggies Ehemann offenbar in nichts nachgestanden hatte.

Anders als Maggie hatten die beiden die Arbeiter schlecht behandelt und sich von ihrer Macht – und Geldgier leiten lassen. Das war wohl auch der Grund, aus dem Maggies Vater ihrem Nichtsnutz von Ehemann die Hälfte der Ranch überschrieben hatte. Und als Alan sie ein paar Jahre später verließ, musste Maggie ihm seinen Anteil an Crescent Moon ausbezahlen.

Nun versuchte sie, ihre Familie über Wasser zu halten. Erschwerend kam hinzu, dass ihr die jungen Cowboys abgeworben wurden und ständig etwas kaputt ging – wie der Weidezaun, den sie letztens ausgebessert hatten. Und Hanks Kutsche, unter der er gelandet war.

Wer weiß, was es damit auf sich hat, hatte Willie gesagt. Jedenfalls sind wir gerade ungefähr so überfordert wie ein Einbeiniger, der versucht, jemandem in den Hintern zu treten.

Landon schüttelte schmunzelnd den Kopf über Willies hinkenden Vergleich. Er versuchte sich vorzustellen, wie der Großteil von Maggies Leben verlaufen war: umgeben von habgierigen Männern, die nicht im Geringsten dazu beigetragen hatten, ihr Selbstwertgefühl aufzurichten. Die Frau, die er dagegen kennengelernt hatte, war selbstbewusst. Und bewundernswert. Er ertappte sich bei dem Wunsch, härter zu arbeiten. Alles zu geben, damit es auf der Ranch voranging.

Für sie.

Plötzlich klopfte es laut an seine Zimmertür. „Landon! Bist du da drin?“

Maggie.

„Landon, bist du da? Ich muss dringend mit dir sprechen.“

Er sah sich suchend um und entdeckte schließlich das Handtuch auf dem Bett. Er erhob sich vorsichtig in der Wanne. Der Paravent, der als Sichtschutz dienen sollte, lag zusammengeklappt und nutzlos am Ende der Wanne. „Einen Moment“, rief er.

Doch gleichzeitig wurde die Zimmertür aufgerissen. „Landon! Wie konntest du …“

Schnell ließ er sich wieder in das seifige Wasser gleiten. Es schwappte über den Badewannenrand und bildete kleine Pfützen auf dem Fußboden. Maggie erschien in der offenen Bungalowtür und blieb wie angewurzelt stehen. Sie starrte auf die Wanne.

Eine endlos scheinende Minute verstrich schweigend.

Maggies Gegenwart füllte den großen Raum und verschlug Landon die Sprache. Fieberhaft versuchte er, woanders hinzusehen als auf den kurzen Jeansrock, der den Blick auf ihre langen, sonnengebräunten Beine in sexy, roten Cowboystiefeln freigab. Stattdessen konnte er die Augen nicht mehr von ihrem Gesicht wenden, das von dem offenen, blonden Haar eingerahmt wurde. Sie hatte einen dunklen Lidschatten aufgetragen, der ihre strahlend grünen Augen betonte. Ihre Lippen schimmerten in einem zarten Rot.

Sie will ausgehen, dachte Landon. Es versetzte ihm einen Stich in die Brust. Hör auf. Du hast weder einen Grund noch das Recht dazu, eifersüchtig zu sein.

„Was machst du denn bloß?“

Steif werden, wenn ich dich nur ansehe. Landon verbannte den Gedanken. „Ich nehme ein Bad.“

„Aber warum …“

„Weil ich es nötig habe. Ich bin verdreckt und müde und dachte, ich könnte mal meine schmerzenden Muskeln entspannen.“

Nicht jeden Muskel, Kumpel.

Betont lässig stützte er die Ellenbogen auf den Wannenrand und versuchte dabei unauffällig, mit den Händen einen Sichtschutz zu bilden. Obwohl ihm das schaumige Seifenwasser bis zur Brust reichte, fühlte er sich beunruhigend entblößt unter ihrem durchdringenden Blick. Und wo war der verdammte Hut, wenn man ihn brauchte? „Wenn es dir nichts ausmacht, dann schließ doch bitte die Tür. Es zieht.“

Sie errötete. Dann warf sie die Tür hinter sich zu, kam zurück und sah ihn herausfordernd an.

Er hob die Brauen. „Falsche Seite der Tür.“

„Pech gehabt. Hör zu, Landon, ich weiß, was du getan hast.“ Sie stellte sich vor die Wanne. „Und ich bin stocksauer.“

Um Himmels willen, wovon spricht sie da? Von meinem Strafregister?

Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie ein Papierbündel in der Hand hielt. Zornig wedelte sie das Bündel vor seinem Gesicht. „Wer zur Hölle gibt dir das Recht, meine Pferde zu verkaufen?“

Nun dämmerte es ihm. „Ich habe sie nicht verkauft.“

„Ach, lass doch diese Haarspalterei. Ich weiß, dass du es warst, der die Still Waters Ranch in Texas angerufen hat.“

Richtig, und er hatte nur zehn Minuten gebraucht, um den Vorarbeiter seines Bruders zu überzeugen, dass sich Maggies Pferde perfekt auf seiner Ranch machen würden. „Hank hat sie verkauft.“

„Hank hat das Geschäft abgeschlossen, weil er dazu ermächtigt ist. Aber keiner von uns beiden hat je von Still Waters gehört. Hast du wirklich gedacht, ich würde das einfach so hinnehmen? Das als glücklichen Zufall ansehen, ohne den Deal zu überprüfen?“

Nein. Er hätte wissen müssen, dass Maggie anderer Meinung wäre. Landon hatte lediglich daran gedacht, wie eindrucksvoll die Pferde in Maggies Stall waren. Und an Willies Vermutung, Greeley könnte dafür sorgen, dass Maggie die Pferde in der näheren Umgebung zu keinem guten Preis verkaufen konnte. Daher hatte er den Anruf gemacht.

„Was hast du mit Still Waters zu tun?“, fragte Maggie und riss ihn aus seinen Gedanken.

„Wie bitte?“

„Ich habe mit einem gewissen Storm Watkins gesprochen. Er sagte mir, ein ehemaliger Angestellter hätte ihn angerufen.“ Sie wedelte noch einmal mit den Papieren. „Aber dann wurde er ganz merkwürdig und wortkarg und wollte nichts mehr sagen.“

„Du liest zu viel zwischen den Zeilen.“

„Aber es stimmt? Hast du dort mal gearbeitet?“

Ja, das hatte er. Seit er laufen konnte. Es war die Ranch seiner Familie. Und außer den paar Jahren, in denen er sich beim Rodeo herumgetrieben hatte, hatte er sein Leben dort verbracht, bis sie ihn in Handschellen abgeführt hatten.

Es war schwer, nicht Landons Körper anzustarren, der so einladend in der Wanne lag. Doch seine dunklen, ernsten Augen hielten ihren Blick fest.

„Antworte mir. Hast du auf Still Waters gearbeitet?“

„Spielt das eine Rolle?“

Natürlich spielte es eine Rolle. Als Hank ihr erzählt hatte, dass ein Angebot von einer Ranch in Texas eingegangen war, hatte sich ihre Überraschung sehr schnell in Misstrauen verwandelt. Zunächst hatte sie geglaubt, Greeley könnte dahinterstecken. Womöglich hatte er ein fingiertes Geschäft eingefädelt, das sie in einen endlosen Papierkrieg stürzen sollte.

Aber dann war ein Fax eingetroffen, das einen reellen Marktpreis vorschlug. Einen Wert, der sogar ein bisschen über ihrer ursprünglichen Forderung lag.

Mit dem Vorarbeiter zu telefonieren, war, als würde man gegen eine Wand reden. Erst, als Maggie damit gedroht hatte, den Deal aufzulösen, hatte er ein wenig nachgegeben und verraten, dass ein ehemaliger Angestellter das Geschäft empfohlen hatte. Keine Minute später war sie aus dem Zimmer gestürmt und hatte an die Tür geklopft. Es musste Landon gewesen sein.

In den vergangenen vierzehn Tagen hatte sie versucht sich einzureden, dass Landon nur ein weiterer Cowboy war: Er würde seinen Job machen, seinen Lohnscheck nehmen und bald weiterziehen. Willie hatte ihr alles berichtet, was sie draußen auf den Koppeln geleistet hatten. Dass Landon hart arbeitete, überraschte sie nicht. Seine vielen zeitsparenden und praktischen neuen Methoden versetzten sie in Erstaunen.

Aber dass er sich nun in ihre Geschäfte einmischte, machte sie skeptisch. Was hatte er vor? Hielt er sie für unfähig, ihre eigene Ranch zu leiten? Könnte er es darauf anlegen, Crescent Moon irgendwann zu übernehmen? Sie hatte bereits genug Ärger mit Kyle und ihrem Exmann. Das Letzte, was sie brauchte, war ein weiterer Mann, der in ihr eine hilflose, schwache …

„Hallo? Maggie? Hast du deine Zunge verschluckt?“

Maggie sah ihn an. Das schaumige Badewasser spielte um seine angewinkelten Knie und leckte an seiner Brust. Es wogte um die scharfen Umrisse seines Körpers und strich über die dunklen Brustwarzen.

Sie blinzelte und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Papiere. „Ich weiß nicht, was du vorhast, aber diese Ranch liegt allein in meiner Verantwortung.“

„Das hat doch niemand bezweifelt.“

Ein verzweifeltes, kleines Seufzen entfuhr ihrem Mund. „Warum hast du Still Waters angerufen? Es ist nicht auf deiner Liste der Empfehlungsschreiben, die du Grandma gegeben hast.“

„Na und? Haben die anderen Arbeitgeber aus meiner Vergangenheit nicht genug glorreiche Dinge über mich gesagt?“

„Das weiß ich nicht. Ich habe sie nicht angerufen.“

Schockiert sah Landon sie an. Maggie blätterte noch immer abwesend in den Papieren, doch sie schien in Gedanken woanders. „Vor langer Zeit habe ich gelernt, auf meine Intuition zu vertrauen. Auf mein Herz zu hören, statt auf offensichtliche Fakten. In der Vergangenheit habe ich das nicht getan, und bis heute muss ich dafür bezahlen.“

Sie atmete tief ein. Bevor sie sich bremsen konnte, kamen die Worte aus ihrem Mund. „Aber dir habe ich vertraut.“

Er seufzte und hielt die Finger fest über der Brust verschränkt. „Ja, ich habe dort gearbeitet. Und bevor du jetzt weiter recherchierst, kann ich dir auch gleich sagen, wer der Besitzer ist. Er …“ Landon schloss die Augen. „Er ist mein Bruder.“

Maggie keuchte. Da war er wieder, dieser furchtbare Kummer in seinem Gesicht. Er war nicht so schlimm wie der Ausdruck der Qual, den sie vor zwei Wochen an ihm gesehen hatte, aber schlimm genug, um ihrem eigenen Herzen einen Stich zu versetzen.

Ohne nachzudenken kniete sie sich neben die Wanne und legte behutsam die Hand auf seine verkrampften Finger. Sie waren feucht und warm. Der Duft nach sauberer Haut hüllte sie ein, als sie seine langen dunklen Wimpern betrachtete.

„Landon, was hast du?“

Bei ihrer Berührung zuckte er zurück und öffnete die Augen, doch er sah sie nicht an. „Gar nichts.“ Seine Lippen zitterten. „Das hat keine Bedeutung.“

„Doch, es hat eine Bedeutung.“ Maggie umfasste sein Kinn und drückte es sanft nach oben, bis er sie ansah. „Ich kann es in deinem Gesicht sehen. Bitte, lass mich dir helfen.“

Sein Blick wurde kalt. Maggie konnte fast zusehen, wie er sich in sich selbst zurückzog. Er schüttelte sie ab und lehnte sich so weit von ihr weg wie möglich. „Ich brauche keine Hilfe.“

Ihre Hand griff ins Leere und berührte dann seinen festen, muskulösen Arm. „Landon …“

Er schaute sie an. Jedes Gefühl war aus seinem Blick gewichen und hatte einer harten Leere Platz gemacht. „Du willst die Pferde nicht verkaufen, kein Problem. Ist mir völlig egal.“

„Nein, das ist es nicht. Was ich nicht verstehe, ist, warum du …“

„Soll ich es buchstabieren, Maggie?“ Plötzlich wurde sein Ausdruck zu einem spöttischen Grinsen. Er griff nach ihrer Hand und zog sie an seinen Mund. Mit den Lippen berührte er ihre Knöchel. „Ich wollte in der Gunst meines Bosses aufsteigen.“

Wilde Funken tanzten in ihrem Bauch. Es war wie in der Nacht, in der sie ihn zum ersten Mal getroffen hatte, im Dunkel seines Trucks, als er seinen Mund auf ihren gedrückt hatte. Jetzt wurde sie wieder von diesen Lippen berührt. Sie öffneten sich und Landons Zunge tastete über ihren Handrücken.

„Landon, ich will nicht …“

Zorn und Lust tobten in seinem Blick und jagten sich wie Gewitterwolken in seinen dunklen Augen. Für einen Augenblick blieb Maggies Herz stehen. Dann begann es wild in ihrer Brust zu schlagen, doch der Sturm in Landons Miene war schon wieder verebbt.

Er ließ ihre Hand los. „Lügnerin.“

Sie fuhr auf und stolperte erschrocken zurück. War sie so leicht zu durchschauen? Konnte er all die Fantasien in ihren Augen lesen, die Träume, die sie Nacht für Nacht heimsuchten? Beschämt und gedemütigt rannte sie zur Tür. Sie griff nach der Klinke und wollte sie öffnen, doch da griffen starke Arme unerwartet heftig um sie herum und drückten die Tür jäh ins Schloss.

„Maggie, warte.“

Heiser flüsterte er ihren Namen in ihr Haar. Die feuchte Hitze seines Körpers umfing sie und jagte ein wildes Verlangen durch ihren Bauch und bis hinunter zwischen ihre Beine. Hatte er in der Eile ein Handtuch umgelegt? Oder stand er gerade splitternackt hinter ihr?

Sie stellte sich vor, wie er sie mit seinem bloßen Körper bedeckte und unterdrückte ein Stöhnen. Stattdessen keuchte sie: „Lass mich gehen.“

„Nein.“

„Okay, du hast mir mit dem Verkauf einen Gefallen getan, und ich werde mich nicht mehr in deine Vergangenheit einmischen …“ Sie stockte. Verlegen starrte sie auf die Tür.

„Maggie, hör mir zu“, sagte er eindringlich.

„Nein!“

Er lehnte sich über sie. Sein Atem strich warm über ihren Nacken. „Warum nicht?“

„Weil ich keine Spielchen mit dir spielen werde.“

„Spielchen?“

„In einem Moment siehst du mich an, als wolltest du mir die Kleider vom Leib reißen und dich auf mich stürzen, und im nächsten Moment machst du völlig dicht und tust so, als sei ich Luft für dich. Ich mache das nicht mit, Landon. Lass mich raus.“

„Nein.“

Er klang so selbstsicher und bestimmt, dass sie wütend wurde. Ihr Unbehagen wich einem wilden Zorn, und sie drehte sich zu ihm um. In seinem Blick lag nichts als Zärtlichkeit, und Maggies Zorn verrauchte so schnell, wie er gekommen war. Sein nasses Haar fiel um sein Gesicht und tropfte auf ihr T-Shirt. Als sie ihn ansah, flammte wieder das Verlangen auf, das sie vorhin in seinem Gesicht gesehen hatte. Der Wechsel spiegelte ihre eigenen widersprüchlichen Gefühle. Was machte er bloß mit ihr?

„Wir sollten das nicht tun“, sagte sie halbherzig.

„Ich weiß.“

Sie hob die Hände, um ihn wegzustoßen, doch er umfing rasch ihre Handgelenke. Mit festem Griff zog er sie über ihren Kopf und fesselte sie so an die Tür. Sie schloss die Augen, um das Verlangen zu verbergen, das in ihr brannte. Ihr war schwindlig. Er kam näher. Sie spürte die Wärme seines Körpers und zuckte zusammen, als er ihren Hals mit sanften, kleinen Küssen bedeckte.

„Landon, bitte lass mich gehen.“

„Du bittest um Erlaubnis?“, fragte er mit rauer Stimme. Sein Mund strich über ihre Wange und berührte flüchtig ihre Lippen.

„Was machst du …“

„Komm schon, Maggie. Lass … dich einfach gehen.“

Sie öffnete die Lippen und ließ sich küssen. Landons Zunge glitt in ihren Mund. Immer mehr Tropfen fielen aus seinem nassen Haar und benetzten ihre geschlossenen Augenlider. Sie landeten auf ihren geröteten Wangen und schienen auf der heißen Haut zu knistern. Sie stöhnte leise.

Landon schmiegte das Gesicht an ihren Hals. Er ließ ihre Handgelenke los und vergrub die Finger in ihrem Haar. Dann presste er seine Stirn an ihre.

„Berühre mich, Maggie. Bitte.“

Ein Zittern lief durch seinen Körper, als ihre Hände durch seine nassen Haare fuhren und seine Schultern berührten. Seine Muskeln spannten sich unter ihren Fingern, und die winzigen Härchen auf seinen Armen stellten sich auf, als sie mit den Fingerspitzen seinen Bizeps anfasste.

Doch das war ihr nicht genug. Maggie wollte ihn spüren – sie wollte seinen ganzen Körper auf ihrem spüren. Sie schmiegte sich an ihn. Ihre Hände glitten über seinen Rücken auf seine Hüften. Auf einmal sprang er zurück. Maggie rang nach Luft und stützte sich gegen die Tür. Schließlich öffnete sie die Augen und sah ihn an.

Landon stand mitten im Zimmer und hielt ein weißes Handtuch an seinen festen, flachen Bauch gepresst. Nur zum Teil verdeckte es die seidige Spur dunkler Haare, die sich jenseits des Bauchnabels in seinem Schritt verlor. Es konnte auch nicht verbergen, dass er aufrichtig erregt war.

„Ich kann das nicht“, brachte er schwer atmend hervor.

Er klammerte sich an das Stück Frotteetuch, das den Blick auf seine Hüftknochen freigab. Sein Körper strahlte eine unbezähmbare Kraft aus. Die andere Hand war zur Faust geballt. In seinem Gesicht zeigte sich keine Regung, außer einem leisen Bedauern.

„Du hast recht. Das hier ist nicht richtig.“

Maggie riss die Tür auf. Blind vor Tränen stürmte sie aus der Hütte, ohne auf eine Antwort zu warten. Sie sprang in ihren Truck und fuhr rasch davon. Noch eine Zurückweisung hätte sie nicht ertragen.

7. KAPITEL

Landon nahm einen tiefen Zug aus seiner Flasche.

Er saß auf der kleinen Veranda der Hütte, die zuvor Maggies Vorarbeiter bewohnt hatte. Die er nun bewohnte. Er lehnte sich zurück, nahm noch einen Schluck und genoss das Gefühl der kühlen Flüssigkeit in seinem Mund.

Hoffentlich würde sie den bitteren Geschmack wegspülen, den die Ereignisse in seinem Mund hinterlassen hatten.

Er hatte Maggie nicht mehr einholen können, als sie vor ein paar Stunden aus dem Bungalow gerannt und in ihren Truck gesprungen war. Frustriert hatte er sich angezogen und war eine Weile rastlos über das Gelände getigert, bis er schließlich Hank gefragt hatte, wo man hier an einem Samstagabend ein anständiges Bier bekommen würde.

Auf Hanks Empfehlung hin war er ins Blue Creek gegangen, einer Gaststätte mit Bar im Westernstil, wo ein paar hübsche Kellnerinnen den bierseligen Cowboys kalte Getränke servierten.

Und dann hatte er feststellen müssen, dass Maggie eine der hübschen Kellnerinnen war. Von Weitem hatte er sie eine Weile beobachtet. Zusammen mit einer drallen Rothaarigen hatte sie den Männern frische Bierflaschen gebracht und die Blicke auf sich gezogen. Schließlich hatte sie ihn an der Wand stehen sehen.

Doch in diesem Moment wurden sie und ihre rothaarige Freundin in ein Gespräch mit dem Sheriff verwickelt, und Landon hatte den Gedanken verworfen, sich zu ihnen zu gesellen. Er hatte seinen Posten an der Wand verlassen und sich durch die Menge zum Ausgang geschoben. Dabei hatte er Willie an einem der Tische entdeckt, der mit ein paar betagten Cowboys an einem Tisch saß und gestenreich etwas erzählte.

An der Tür hatte er sich noch einmal umgedreht. Er hatte Maggie gesehen, mit einer Flasche in der Hand und einem verwirrten Ausdruck im Gesicht. Verwirrt und, wenn er sich nicht getäuscht hatte, verletzt. Enttäuscht hatte sie ihn in der Menge gesucht. Dann hatte ihre Freundin etwas über die Lautsprecher durchgesagt, das er nicht verstanden hatte. Die Band hatte erneut angefangen zu spielen, einen alten Country-Rock-Song, und Maggies Kolleginnen waren aus allen Richtungen zur Bar zurückgekehrt und auf den Tresen geklettert.

Und als sie sich umdrehte, hatte er Hals über Kopf das Lokal verlassen. Pah, als ob er vorhatte, zu bleiben, nur um zu sehen, wie sie ihre langen Beine auf die Theke schwingen würde. Ob sie auf der Bar getanzt hatte …?

Verdammt noch mal! Du gehst da nicht mehr hin!

Himmel, wer konnte schon wissen, was sie dem Sheriff vorhin über ihn erzählt hatte. Und über den Kuss, den er ihr abgerungen hatte. Ein Kuss, den er noch immer auf seinen Lippen spüren konnte.

Landon nahm einen weiteren tiefen Zug aus der Flasche. Es war bereits die dritte an diesem Abend, und noch dazu auf leeren Magen. Auf dem Heimweg vom Blue Creek hatte er im Supermarkt noch ein paar Dinge besorgt. Die Sandwiches hatte er diesmal nicht beachtet, sondern einen kühlen Sechser-Pack Bier, Zigaretten und eine Prepaid-Karte für sein Mobiltelefon gekauft. Dann war er ohne Umweg nach Hause gegangen.

Nein, nicht nach Hause. Das ist nicht dein Zuhause, egal, wie wohl du dich hier auch fühlst.

Immerhin hatte er auf dem Rückweg seinen Bruder angerufen. Es war schon eine Weile her, dass er mit Chase gesprochen hatte, und der hatte sich gefreut, ihn zu hören – obwohl Landon ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Es tat gut, Chase’ Stimme zu hören. Sie klang genau so rau und tief wie die ihres Vaters: nach unzähligen, harten Arbeitsstunden an der frischen Luft. Sie hatten den Pferdehandel besprochen und überlegt, wann die Tiere nach Texas gebracht werden sollten. Chase hatte versucht, mehr über den Ort herauszufinden, an dem Landon sich gerade befand. Mit so wenigen Worten wie möglich hatte Landon ihm Maggie und Crescent Moon beschrieben, ohne etwas über seine Gefühle zu verraten.

„Diese Maggie ist etwas Besonderes, nicht?“, hatte Chase schließlich gefragt. Dann hatte er ihn sehr taktvoll ermutigt, ein neues Leben zu beginnen und die Schrecken der Vergangenheit hinter sich zu lassen. Daraufhin hatte Landon das Gespräch sehr schnell beendet, doch er hatte versprochen, sich bald wieder zu melden.

Jetzt lag das Telefon auf der Veranda und erinnerte Landon daran, dass es trotz allem noch eine Verbindung zu seiner Vergangenheit gab. Er griff nach den Zigaretten und suchte in seiner Tasche nach Zündhölzern. Allerdings ertasteten seine Finger neben dem Streichholzbriefchen auch die vertraute, glatte Oberfläche des Medaillons. Trotz der warnenden Stimme in seinem Kopf, es nicht herauszunehmen, zog er es hervor und betrachtete es gedankenverloren.

Seit Wochen hatte er sich das kleine Porträt seiner Tochter nicht mehr angesehen. Im Grunde war das auch nicht nötig, denn er kannte es genau. Saras rosige Wangen, ihr dunkles Haar und die großen, vertrauensvollen Augen, die seinen so ähnlich waren. Sein kleines Mädchen. Nur ein paar Wochen nach ihrem zweiten Geburtstag hatte das Feuer sie ihm genommen.

Er riss ein Streichholz an und öffnete das Medaillon. Das flackernde kleine Licht der Flamme tanzte über ihr Gesicht. Grauenvolle Visionen aus jener Nacht krochen aus der Dunkelheit und fielen über ihn her. Er versuchte, die Augen vor ihnen zu verschließen, in denen bereits die Tränen brannten.

„Pass auf, dass du dich nicht verbrennst.“

Landon riss die Augen auf.

Vor ihm stand Maggie. Sie hatte den straffen Knoten im Stoff gelöst, der ihr Shirt zusammengehalten hatte, und die Stiefel ausgezogen. Landons Blick glitt über den kurzen Jeansrock und ihre langen, schlanken Beine hinab. Die nackte Haut sah im Mondlicht fast unwirklich zart und glatt aus. Sie deutete auf die Stiefel, die sie neben sich auf den Boden gestellt hatte.

„Die Dinger haben mich fast umgebracht.“ Dann sah sie ihn an. „Ich wusste gar nicht, dass du rauchst.“

„Tue ich auch nicht“, murmelte er, die Zigarette im Mundwinkel. Als er Maggies erhobene Braue sah, nahm er rasch den Filter aus dem Mund. „Ich habe mal geraucht, eine Zeit lang … dann hab ich aufgehört.“

„Ja, das sehe ich“, sagte Maggie. „Wann?“

Er klappte das Medaillon zu und verbarg es in seiner Faust. Dann ließ er Streichholz und Zigarette in eine der leeren Flaschen fallen und stellte sie beiseite. „Vor ungefähr neun Monaten. Ich hab mir den Mist angewöhnt, als ich im …“

Schlagartig hielt er inne und presste die Lippen zusammen. Gut gemacht, du Genie. Erzähl ihr doch gleich ein paar Geschichten vom Knast.

Landon ließ das Medaillon in seiner Jeans verschwinden und trank die Flasche aus. „Alte Gewohnheiten lassen sich nun mal schwer ablegen, schätze ich.“ Aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie sie langsam nickte. „Was machst du eigentlich hier?“

„Ich wohne hier.“

„Ich meine, was machst du hier?“

Sie biss sich auf die Lippe. „Hast du was dagegen, wenn ich mich setze?“

Der Alkohol weckte seine Neugier, obwohl tief in seinem Inneren eine Alarmglocke schrillte. „Hey, es ist deine Ranch.“

Sie setzte sich neben ihn. Mit einer nachlässigen Bewegung ließ sie ihre Handtasche fallen und streckte seufzend die Beine aus. „Wir müssen … ah, wir müssen reden.“

Der Anblick ihres nackten Fußes nur wenige Zentimeter von seinem Stiefel entfernt, jagte Landon einen Schauer über den Rücken. Ihre Fesseln waren zart und wohlgeformt, und wenn man den Blick an ihren scheinbar endlosen Beinen hochgleiten ließe, könnte man … Stopp. Bis hierher, und nicht weiter, Cowboy, ermahnte er sich.

„Landon?“, fragte Maggie sanft. „Hast du mir zugehört?“

Richtig. Sie musste ja mit ihm reden.

Er straffte sich und versuchte, sich gegen das zu wappnen, was nun unvermeidlich folgen würde. Schon auf dem Rückweg zur Ranch hatte er damit gerechnet, dass der Sheriff auftauchen könnte, nachdem Maggie ihm erzählt hatte, wie der neue Hilfsarbeiter über sie hergefallen war.

Für einen Moment hatte Landon sich selbst schon mit einem Bein in Destinys Haftanstalt stehen sehen. Dann hatte er beschlossen, dass es keine Rolle mehr spielte, ob er dabei nüchtern oder betrunken war, und hatte das Bier geöffnet. Aber die Stunden waren verstrichen, ohne dass jemand aufgetaucht war, und jetzt saß sie vor ihm – allein.

Sie wollte ihn nicht verhaften lassen. Sie wollte ihn hinauswerfen.

Das Einzige, was er nun mit Sicherheit wusste, war, dass er sich diesen ersten Kuss in seinem Truck nicht eingebildet hatte. Er hatte es an der intimen Nähe gespürt, die in der Blockhütte zwischen ihnen geherrscht hatte. In der warmen, verdichteten Luft aus Badewasser und Erregung, als seine Lippen ihre berührt hatten.

„Sicher, ich höre zu.“ Er starrte auf die Flasche in seiner Hand. Das Bier tat seine Wirkung, und das schneller, als ihm lieb war. Hoffentlich würde sie ihm wenigstens bis morgen früh Zeit geben, seine Sachen zu packen, damit er notfalls seinen Rausch ausschlafen konnte. Landon stellte die leere Flasche beiseite und nahm die restlichen zwei aus dem Pappkarton. „Auch eine?“

Maggie zögerte. „Ich will dir nicht deine letzte wegnehmen.“

„Das hier ist meine letzte“, meinte er und schwenkte seine Bierflasche. Ein kleines Grinsen stahl sich in sein Gesicht. Wenn sie ihn hinauswerfen wollte, würde er es ihr zumindest nicht einfach machen. Nicht, wenn sie diesen Kuss ebenso sehr gewollt hatte wie er. „Na los, Miss Stevens, ich glaube, Sie müssen sich ein bisschen Mut antrinken.“

Ärger blitzte in ihren Augen auf. Sehr gut.

„Warum nicht?“ Sie griff nach der Flasche. Ihre Finger berührten seinen Handrücken und sandten tanzende Funken unter seine Haut.

Er beobachtete, wie sie das Bier öffnete, die Lippen an den Flaschenhals legte und trank. Mit geschlossenen Augen legte sie den Kopf in den Nacken und nahm einen tiefen Zug. Die verblasste Aufschrift auf ihrem T-Shirt spannte sich über ihrer Brust.

Komm wieder runter, Junge.

Als sie die Flasche wieder absetzte, haftete ein einzelner Tropfen an ihrer vollen Unterlippe. Landon sah zu, wie sie den Tropfen mit der Fingerspitze wegwischte.

„Das tut gut. Normalerweise verteile ich Bier an andere, nicht umgekehrt. Also … warum bist du vorhin verschwunden?“

Landon konzentrierte sich darauf, seine eigene Flasche zu öffnen. „Es wurde mir ein bisschen zu eng. Ich mag keine Menschenmassen.“

„Woher wusstest du überhaupt, dass ich im Blue Creek arbeite?“

„Wusste ich nicht. Hank hat nur gesagt, dass das der beste Ort ist, wenn man an einem Samstagabend ein kühles Bier trinken will. Also bin ich hingegangen. Und dann hab ich dich bei deinen Freunden gesehen.“

„Oh.“ Maggie nippte an ihrem Getränk. „Meine Freundin Racy hat mir den Job vor drei Monaten besorgt. Sie ist Barkeeperin. Eigentlich hasse ich es, weil ich dadurch am Wochenende noch weniger Zeit für Anna habe. Aber ich brauche das Geld.“ Sie sah ihn an. „Warum hast du dich nicht zu uns gesellt, wenn du schon da warst?“

„Wie gesagt, du warst unter Freunden.“ Lässig setzte er die Flasche an den Mund und trank. Dass er nach Möglichkeit das Gesetz mied, brauchte sie nicht zu wissen. „Ich vermische niemals Arbeit mit Vergnügen.“

Eine steile Falte zeigte sich auf ihrer Stirn. „Ich auch nicht.“

Jetzt ist es so weit. Landon schluckte hart. Er sah sie nicht an.

„Ist das so?“

„Naja, ich wollte nie … Eigentlich wollte ich mich bei dir bedanken. Für den Deal, den du mit deinem Bruder gemacht hast.“

Verwirrt sah er auf seine Stiefelspitzen. Sie wollte sich bedanken, bevor sie ihn wieder auf die Straße setzte? „Ich sagte doch, ich hab den Deal nicht …“

„Aber du hast das Ganze eingefädelt“, unterbrach Maggie. „Und das ist mehr, als ich in den letzten sechs Monaten hinbekommen habe. Gott sei Dank habe ich wenigstens die Chance bekommen, mit Black Jack zu arbeiten.“

„Willie sagt, das Biest macht an den meisten Tagen noch immer, was es will.“

„Stimmt schon, aber das gehört zum Prozess eben dazu. Wenn es doch nur das wäre …“ Ihre Stimme geriet ins Stocken. „Deshalb wollte ich mit dir sprechen. Ich habe schon so viel um die Ohren, dass ich gerne ein paar Aufgaben abgeben würde.“

Eine große Erleichterung machte sich in ihm breit. Sie hatte gar nicht vor, ihn zu feuern – sie wollte ihn lediglich vorwarnen.

Er fragte sich, woher auf einmal dieser heftige Wunsch kam, an diesem bestimmten kleinen Flecken Erde zu bleiben. Immerhin konnte er sich den Wunsch jetzt eingestehen, und wenn es bloß vor sich selbst war. Es hatte gar keinen Zweck, sich zu belügen: Er spürte in jeder Faser seines Körpers, dass er bleiben wollte.

Ein leichter Schwindel erfasste Landon. Er schloss die Augen und lehnte den Kopf an das Geländer. „Zum Beispiel?“

„Naja, zunächst einmal ist da Anna und der Rest der Familie.“

„Und Kyle Greeley.“

„Ja, der auch.“ Sie hielt inne.

Landons Augen waren noch immer geschlossen, doch er konnte spüren, wie sie ihn musterte. Seine Haut prickelte, als ob sie ihn mit den Fingerspitzen berühren würde.

„Ich schätze, nach der Sache mit der Kutsche hat Willie dir alles über meine Verbindung mit Greeley erzählt?“

Bei dem Gedanken an Kyle Greeley breitete sich erneut ein bitterer Geschmack in Landons Mund aus. Um ihn zu beseitigen, nahm er noch einen Schluck Bier. „Ein wenig. Willie redet eben gerne. Seine Stimme war das letzte Geräusch, das ich jeden Abend da draußen vor dem Einschlafen gehört habe, und das erste, mit dem ich aufgewacht bin.“

„Was genau hat er dir erzählt?“

Landon schien es, als würde es plötzlich merklich kühler. Er öffnete die Augen. Regungslos starrte Maggie in die Dunkelheit. „Er hat mir von deiner Scheidung erzählt. Und dass Greeley seither keine Ruhe gibt.“

„Keine Ruhe gibt …“ Maggies Stimme wurde lauter. „Der Mistkerl hat mir in den letzten sechs Monaten jeden einzelnen meiner neuen Cowboys abgeworben!“ Sie machte ein kleines, empörtes Geräusch. „Und wer weiß, was sonst noch. Ich weiß, was Willie über ihn denkt – wegen der Vorfälle auf Moon. Aber vorhin habe ich im Blue Creek mit dem Sheriff gesprochen, und er sagte, es gäbe keine Beweise, dass jemand Hanks Kutsche manipuliert hätte. Trotzdem ist Kyle ein Mistkerl.“ Sie seufzte. Dann sagte sie leise: „Ich verabrede mich nicht mit ihm.“

Maggies Worte riefen widerstreitende Gefühle in Landon wach. Zunächst war da eine unbestimmte Erleichterung, dann spürte er einen starken Beschützerinstinkt, der gegen alles aufbegehrte, was sie in Schwierigkeiten bringen konnte. Er räusperte sich. „Niemand hat etwas von Verabredungen gesagt. Wir sprechen doch über dein Land, deine Pferde …“

„Ja, und Kyle will beides, aber er wird es nicht bekommen. Wieso habe ich überhaupt mein Land schätzen lassen? Ich will es gar nicht verkaufen. Meine Familie lebt seit über hundert Jahren hier. Es ist ein Teil von mir, Teil meiner Geschichte. Wenn es Crescent Moon nicht mehr gäbe, wüsste ich gar nicht, wohin.“

Er hörte die Leidenschaft in ihrer Stimme. Sie versetzte ihm einen Stich. Es wäre so einfach für sie gewesen, das Land zu verkaufen. Irgendwo anders hinzugehen und den Ort hinter sich zu lassen, an dem sie dank ihres Vaters und ihres Ehemanns so viel Schmerz erfahren hatte.

So einfach, wie du es dir gemacht hast?

Vor Jahren hatte er die Entscheidung getroffen, Still Waters zu verlassen, und er hatte es noch nicht bereut. Nicht ein Mal. Aber sich vorzustellen, dass es die Ranch nicht mehr gäbe, dass sie nicht doch auf irgendeine Weise noch ein Teil seines Lebens war … das war unmöglich.

Maggie seufzte tief. Als sie schließlich weitersprach, war ihre Stimme versöhnlicher. „Ich glaube, Kyle kann das einfach nicht verstehen. Er hat nicht die gleiche Verbindung zu diesem Land wie ich.“ Sie machte eine Geste, als wolle sie die ganze Ranch mitsamt ihrer Vergangenheit einschließen: Seit Generationen war Crescent Moon in Familienbesitz. Dann fuhr sie fort.

„In seine eigene Ranch hat er eine Menge Geld gesteckt. Und in die Stadt. Für Destiny ist das ja gut, aber sein sowieso schon aufgeblasenes Ego wird wohl bald explodieren. Manchmal sieht es so aus, als wollte er sich einkaufen.“ Nachdenklich schüttelte sie den Kopf. „Als mein Exmann gegangen ist, hat Kyle angefangen, hier herumzuschnüffeln. Das mit der Romanze hat nicht funktioniert, also versucht er es jetzt über Destinys Bank …“ Sie verstummte.

„Hm. Denkst du, Willie könnte recht haben mit den Anschlägen?“

„Es gibt noch keine Beweise, trotz Willies Anstrengungen. Vielleicht ist es einfach schlechtes Karma … Ich weiß es nicht. Aber ich kann nicht ständig in irgendwelchen Ängsten leben. Ich muss eben weitermachen, und in einem bin ich mir völlig klar: Ich kann mir momentan keine Fehler erlauben. Ich darf mich nicht ablenken lassen.“

Sie sprach jetzt so schnell, als ob sie Angst hätte, es sich im letzten Moment anders zu überlegen. „Was vorhin zwischen uns passiert ist, war weder deine noch meine Schuld, aber es darf nicht noch einmal passieren. Ich brauche dich, zumindest bis Hank wieder auf den Beinen ist. Wahrscheinlich siehst du in mir eine geschiedene, verzweifelte Frau und einsame Single-Mutter, die auf der Jagd nach einer schnellen Nummer ist, aber das bin ich nicht. Ich bin …“

„Okay.“

Sie blinzelte. „Okay?“

Lag da Unsicherheit in ihrem Blick? Für Landon hörte es sich so an, als hätte sie die Worte schon vor einer Weile auswendig gelernt. Bereute sie jetzt, was sie gesagt hatte?

Es spielte keine Rolle. Sie hatte recht.

Vermutlich sollte er ihr einfach danken, dass sie ihn daran erinnert hatte, wie es war, jemanden zu fühlen. Jemanden zu wollen. Nichtsdestotrotz waren sie zu verschieden, als dass es funktioniert hätte. Ja, dachte Landon, was wir wollen, ist zu verschieden. Sobald er seinem Verlangen nachgab, würde er ihr wehtun. Er würde ihr das Herz brechen, denn das war alles, was er konnte. Leidenschaft, Begierde, Verlangen – was auch immer er ihr geben würde, in keinem dieser Begriffe war für immer enthalten.

Und Maggie hatte etwas für immer verdient.

„Ja, okay. Heißt: Du hast recht. Es wird nie wieder passieren.“ Er erhob sich, nahm seinen Hut und setzte ihn mit einer energischen Geste auf seinen Kopf. Greller Schmerz durchzuckte seinen Rücken. Er verzog das Gesicht.

„Mein Gott, Landon, was ist denn los?“ Maggie wollte auf ihn zugehen, doch er hielt sie zurück und trat rasch in die Hütte.

„Mir geht’s gut. Ich werde ins Bett gehen. Und ich glaube, du gehst besser, bevor wir beide vergessen, was du eben gesagt hast, Lady-Boss.“

Sie hielt kurz inne. Ein seltsamer Ausdruck lag in ihrem Gesicht.

Bedauern?

„Bist du sicher, dass es dir gut geht?“

Nein. Aber ich bin es gewohnt, dass es mir nicht gut geht. Er schloss die Augen.

„Geh jetzt, Maggie.“

8. KAPITEL

Sengende Hitze umgab ihn. Sie legte sich auf seinen Körper und umfing ihn wie ein glühender Mantel aus heißem Plastik, das sich in seine Haut zu fressen drohte. Die Hitze biss auch in seine Augen, und durch den Tränenschleier konnte er kaum erkennen, was vor ihm lag.

Er fiel zu Boden, streckte die Hände aus und zog sich langsam vorwärts. Stunden schienen zu vergehen, doch in Wirklichkeit war er nur ein paar Minuten in dem Inferno und suchte vergebens nach einem Lebenszeichen. Seine Stimme war heiser vom Rufen, seine Kleidung versengt.

Die Geräusche von ächzenden Balken und brennendem Holz dröhnten in seinen Ohren. Sein Verstand schrie, von hier zu verschwinden. Sein Herz zwang ihn vorwärts, geradewegs in das glühende Inferno hinein. Seine Muskeln schmerzten, sein Körper wand sich unter der Hitze. Ohne Vorwarnung ertasteten seine Finger schließlich, wonach er gesucht hatte. Es versengte seine Fingerspitzen, doch er ließ es nicht los.

Mühsam schleppte er sich rückwärts. Zentimeter um Zentimeter wich er vor dem Feuer zurück und zog sich mit letzter Kraft nach draußen, hinaus in die rettende, frische Luft. Keuchend und hustend rang er nach Atem.

Da war ein Flüstern, doch er konnte es nicht verstehen. Es blieb keine Zeit zum Nachdenken, keine Zeit zum Besinnen, er musste einfach weiter. Dann löste sich ein Schrei in seiner Brust, und die Hand des Teufels griff nach ihm und zerrte ihn zurück ins Feuer …

Landon fuhr keuchend im Bett auf. Mit aufgerissenen Augen starrte er in die Dunkelheit. Seine Finger krallten sich in das schweißnasse Laken. Er zwang sich, tief zu atmen und sich zu beruhigen, als er langsam die dunklen Umrisse seines Zimmers erkannte.

Es war nur ein Albtraum. Ein Albtraum, von dem er gedacht hatte, dass er ihn längst hinter sich gelassen hätte. Er zitterte. Diesmal hatte der Traum länger gedauert als je zuvor. Zum ersten Mal hörte er das Flüstern, auch wenn er die Worte nicht erkannte.

Was versuchte sie bloß, ihm zu sagen?

Landon verbarg das Gesicht in den Händen. Der Schlaf würde sich ohnehin nicht mehr einstellen. Draußen dämmerte es bereits. Alles war friedlich. Er trat auf die Veranda hinaus und sah hinüber zu den Ställen. Am liebsten hätte er so getan, als wüsste er nicht, warum der Albtraum zurückgekommen war, aber es gelang ihm nicht.

Er ging über den Rasen. Schon von Weitem sah Landon Black Jack in der offenen Tür seiner Box stehen. Maggie hatte ihn so untergebracht, dass er direkt hinaus auf die Weide laufen konnte. In dem Augenblick, als Landon hinter den Bäumen hervortrat, raste der wilde Mustang nach draußen. „Willst du mir Guten Morgen sagen?“, fragte Landon und trat an den Zaun. „Oder mich davonjagen?“

Black Jack galoppierte am Zaun auf und ab. Je näher Landon kam, desto unruhiger wurde das Tier. Landon hielt inne und gab dem Hengst Zeit, seinen Geruch aufzunehmen. „Siehst du, Junge, ich will dir nichts tun. Niemand hier will das.“

Das Pferd schnaubte verächtlich und schüttelte den Kopf, als wollte es ihm nicht glauben. „Ja, ich weiß. Aber wenn du clever bist, wirst du erkennen, wie gut du es hier hast. Ein schönes Plätzchen zum Schlafen, immer genug zu fressen, und ein paar nette Stuten, die dich gerne kennenlernen würden, wenn du dich nur mal überwinden würdest.“

Der Hengst schnaubte erneut und wich zurück.

„Tja. Wer bin ich denn, dass ich gute Ratschläge erteile“, murmelte Landon und ging in den Stall. Während er nach G.W. sah, gingen ihm seine Worte noch einmal durch den Kopf. Meine Güte, hatte er über den Hengst gesprochen oder über sich selbst?

Er befahl sich, nicht weiter darüber nachzudenken, und stürzte sich in die Arbeit. Er ließ G. W. und die übrigen Pferde auf der anderen Seite der Koppel heraus und begann, den Stall auszumisten. Doch bald holte ihn das Flüstern aus dem Traum wieder ein.

Es war Jenna. Sie versuchte, ihm etwas zu sagen, während sie ihr Leben aushauchte. Er hörte den heiseren Klang ihrer Stimme, aber er konnte die Worte kaum verstehen. Wahrscheinlich wollte er sie gar nicht verstehen.

Schuld … Sara … nicht …

Verzweifelt klammerte er sich an die Heukrippe. „Halt“, flüsterte er. „Ich weiß, dass es meine Schuld ist. Ich weiß, dass ich nicht … Ich konnte nicht …“

Bebend lehnte er an dem Metallgestell. Dann gab er nach und riss mit zitternden Fingern das Medaillon aus seiner Tasche. Er öffnete es und starrte auf die Worte, die gegenüber dem kleinen Bildnis eingraviert waren.

Für meinen Dad, in Liebe Sara.

Jenna hatte ihm das Medaillon kurz nach Saras Geburt geschenkt. Zu dem Zeitpunkt hatte Landon noch geglaubt, dass ihre Ehe vielleicht funktionieren könnte, auch wenn es keine Heirat aus Überzeugung gewesen war.

Sie hatten geheiratet, weil Jenna schwanger war. Kaum sechs Monate später hatte er Jenna dann mit einem seiner Rancharbeiter erwischt. Er hatte ihr niemals direkt gesagt, dass er sie gesehen hatte, aber er zog in ein anderes Schlafzimmer und warf den Cowboy hinaus.

Im folgenden Jahr hatte er sich so weit wie möglich von Jenna und Sara ferngehalten, doch bald hatte er eingesehen, dass er seine Tochter für etwas bestrafte, mit dem sie nichts zu tun hatte. Daher hatte er an ihrem zweiten Geburtstag geschworen, ein besserer Vater zu werden.

Leider zu spät.

„Guten Morgen.“

Landon wirbelte herum. Erschrocken ließ er das Medaillon fallen, das in einem Haufen schmutzigen Stroh und Pferdemist verschwand. „Verfluchte Sch… oh. Was machst du denn hier?“

Anna stand in der Box und sah ihn verblüfft an. „Du hast Glück, dass das nicht meine Mama gehört hat.“ Ihre grünen Augen schimmerten genauso lebhaft wie die ihrer Mutter. Sie stopfte die Hände in die Taschen ihres Overalls und grinste ihn an. „Ich wohne hier, schon vergessen?“

Wie die Mutter, so die Tochter. Landon hatte sie nicht mehr gesehen, seit sie ihn am ersten Tag mit der spontanen Umarmung überrascht hatte. Dank Willies unaufhaltsamem Redefluss wusste er dennoch einiges über Maggies kleine Tochter – und wie Alan Stevens die beiden verlassen hatte.

Vor dem Schlafengehen hatte Landon oft darüber nachgedacht, wie ein Mann seiner Familie so etwas antun konnte. Seine eigene Ehe mit Jenna war bereits lange vor dem Feuer vorbei gewesen, aber er hätte niemals seine Tochter verlassen. Wenn Sara noch am Leben wäre, wäre sie nur wenige Jahre jünger als das Mädchen, das nun vor ihm stand.

Er spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen und sah weg. „Hm, entschuldige. Ich war bloß überrascht.“

Landon wandte sich ab, kämpfte die Tränen zurück und starrte auf den Boden. Das Medaillon war weg. Er bückte sich und begann, das Stroh zu durchstöbern.

„Was suchst du denn?“

Ihre helle Stimme ließ ihn zusammenzucken. In Gedanken bat er das kleine Mädchen inständig, ihn in Ruhe zu lassen. „Nichts. Ich hab nur was fallen lassen.“

„Soll ich dir helfen?“ Sie ließ sich auf die Knie plumpsen und begann, mit ihren kleinen Händen das Stroh zu durchwühlen. „Mama sagt immer, vier Augen sehen mehr als zwei.“

Ihr blondes Haar war eine Spur heller als Maggies. Wenn sie sich bewegte, wehte ein schwacher Duft nach Puder und Babyshampoo in Landons Nase. Seine Brust zog sich schmerzhaft zusammen.

„Weißt du was?“, fragte sie. Sie grinste keck und zeigte dabei zwei kleine, niedliche Zahnlücken. „Ich könnte dir viel besser helfen, wenn ich wüsste, wonach ich … Ich hab’s!“ Anna sprang auf. In ihrer Handfläche lag das offene Medaillon. „Hast du danach gesucht? Oh, das ist ja ein süßes Baby. Ist es deins? Wie heißt sie denn?“

Landon erhob sich. Er nahm das Medaillon entgegen und steckte es in seine Tasche. Plötzlich räusperte sich jemand hinter ihm. Landon erstarrte.

„Mama!“ Anna rannte durch die Scheune auf das offene Tor zu, wo Maggie sich zu ihr hinunterbückte und sie in die Arme schloss. Landon konnte die beiden kaum ansehen. Sein Hals war wie zugeschnürt.

„Hast du Mr Cartwright aufgehalten?“, fragte Maggie sanft und strich Anna über das Haar.

„Nö.“ Das kleine Mädchen wand sich aus ihrer Umarmung und schenkte Landon ein strahlendes Lächeln. „Hab ich doch nicht, oder?“

Er konnte nur den Kopf schütteln.

Eilig richtete Maggie sich auf und trat einen Schritt zurück. Sie wirkte befangen, und Landon fragte sich, ob sie an den Abend auf seiner Veranda dachte. „Du gehst besser ins Haus, junge Lady. Wenn du schon so früh aufstehen willst, kannst du auch Grandma mit dem Frühstück helfen.“

Anna verzog das Gesicht, doch unter dem strengen Blick ihrer Mutter verließ sie die Scheune. Maggie folgte ihr. Sie hatte Landon kein einziges Mal in die Augen gesehen.

Maggie stand in der Küche, als ihre Tochter aufgeregt hereinstürmte.

„Was ist denn passiert, Süße?“

„Oh, gar nichts.“ Anna sprang durch den Raum und durchsuchte die Schubladen. Sie kramte eine Weile darin herum, nahm schließlich etwas heraus und sauste wieder zur Hintertür. Ihre blonden Zöpfe hüpften auf ihren Schultern.

„He, warte mal“, rief Maggie ihr nach. „Was hast du vor?“

„Landons Haare schneiden!“ Anna fegte zurück über den Hof.

Für einen Augenblick sah Maggie ihrer Tochter verblüfft nach. Die Kleine wich kaum noch von Landons Seite, seit sie sein Medaillon wiedergefunden hatte und er ihr erlaubte, auf G.W. zu reiten.

Maggie rannte ihr hinterher. Bei den Stufen zu Landons Blockhütte holte sie das Mädchen ein und hielt sie am Arm fest.

„Landon hat gesagt, sein Haar ist zu lang geworden, und dass er zum Friseur gehen muss. Also hab’ ich ihm vorgeschlagen, es zu schneiden. Und er war einverstanden.“

Wehmütig dachte Maggie an Landons dichtes, schwarzes Haar. Als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, war es offen um seine Schultern geflossen und hatte etwas in ihr erweckt, das sie schon lange tot geglaubt hatte: eine Art Sehnsucht, die sie zuletzt als rebellischer Teenager gespürt hatte.

Landon erschien im Türrahmen der Hütte. Er trug einen niedrigen Holzstuhl, ein Zeitungsbündel und über der Schulter ein Handtuch. „Fertig, Miss Anna?“

Anna sprang die Stufen hinauf. „Jawohl!“

Maggie blieb dicht hinter ihr. „Landon, das kann nicht dein Ernst sein. Sie …“

„Wird meine Haare schneiden“, unterbrach er und richtete seine Aufmerksamkeit auf Anna. „Ich halte die Schere, dann kannst du die Zeitungen auf dem Boden verteilen.“

„Okay. Soll ich die ganze Veranda mit Zeitung auslegen?“

„Na hör mal, du willst doch keinen Eisbär scheren, sondern bloß einen Mann.“Bloß ein Mann. Ein Mann, der ihrer kleinen Tochter allein in der letzten Woche mehr Aufmerksamkeit geschenkt hatte, als ihr eigener Vater in den vergangen zwei Jahren.

Maggie lief ein wohliger Schauer über den Rücken. Es war das erste Mal seit einer Woche, dass sie mit ihm allein war – so allein, wie man mit einer achtjährigen Anstandsdame eben sein konnte. Landon hatte inzwischen auf dem Stuhl Platz genommen, das Handtuch über seine Schultern gebreitet und sein Haar mit einem Lederband zusammengefasst. „Schneide den Zopf über dem Band ab, okay?“

„Verstanden.“

Unter Maggies wachsamen Blick griff sie nach der Schere.

„Ich krieg’ das schon hin, Mama“, sagte sie selbstsicher, „ich hab’ dir oft zugesehen, wenn du Hanks und Willies Haar geschnitten hast. Siehst du, ich … ups!“

Schwarze Strähnen und ein Stückchen Lederband fielen auf die Zeitung.

„Ups?“ Landons Stimme war ruhig, aber die Muskeln in seinen Schultern spannten sich. Maggie grinste hinter vorgehaltener Hand.

„Was in aller Welt treibt ihr drei denn da?“ Hank und Willie kamen über den Kiesweg auf die Hütte zu. Willie trug einen großen Pappkarton, in dem es verdächtig rumorte.

„Wir haben dir was mitgebracht, Kleines.“

Anna gab Maggie blitzschnell die Schere und sprang die Stufen hinunter. Ein klägliches Maunzen drang aus dem Karton.

„Was habt ihr gemacht? Und was hat der Arzt gesagt, Hank?“ Maggie sah den alten Cowboy streng an.

„Ach, alles bestens. Ähm, ich meine, diese dummen Bandagen werd’ ich wohl noch ’ne Weile tragen müssen.“ Er sah Willie verstohlen an und zwinkerte verschwörerisch. „Noch zwei, drei Wochen.“

„Richtig“, fiel Willie eifrig ein. „Vielleicht sogar länger. Wir werden dich also noch ein bisschen brauchen, Cartwright.“

Maggie warf einen vorsichtigen Blick in Landons Richtung, doch dieser schaute Anna zu, die aufgeregt den Karton öffnete.

„Kätzchen! Wie süüüß!“ Ihre Stimme überschlug sich. Über den Rand des Pappkartons konnte man ein schwarz-weißes Fellknäuel erkennen.

Im Stillen verwünschte Maggie die beiden alten Männer, denen es irgendwie gelang, gleichzeitig zerknirscht und stolz auszusehen.

Hank sagte jetzt: „Ich geh’ dann mal besser, meine Tabletten nehmen. Ärztliche Anweisung, wisst ihr.“

„Tu das. Und ich trag dir den Karton ins Haus, kleine Lady.“ Willie war fast ebenso gut wie Hank, wenn es darum ging, Ärger aus dem Weg zu gehen. Die beiden schlurften über den Kiesweg zurück, und Anna sprang vergnügt hinter ihnen her. Das herzzerreißende Miauen begleitete die drei, bis sie außer Sichtweite waren.

„Und schon ist sie weg.“ Landon kreuzte die Arme vor der Brust. „Gegen diese niedlichen kleinen Flaumbällchen habe ich gar nichts zu bieten.“

Oh, das würde ich nicht sagen. Maggie betrachtete seine starken Arme. „Tut mir leid. Wie du weißt, ist die Aufmerksamkeitsspanne kleiner Mädchen ziemlich begrenzt.“

Plötzlich war da ein harter Zug um seinen Mund. „So, weiß ich das?“

Was ging in ihm vor? Maggie fragte sich, wie alt seine Tochter wohl war. Wo lebte sie? War Landon schon einmal verheiratet gewesen?

„Nachdem du so mutig warst, dir von Anna die Haare schneiden zu lassen, will ich das wiedergutmachen. Mit einer richtigen Frisur, meine ich.“

Landon zögerte. Dann zuckte er die Achseln.

„Wie kurz soll es denn werden?“

„Egal. Ich vertraue dir.“

Ihr Herz machte einen kleinen Sprung. Sei nicht albern, es geht um einen Haarschnitt.

Seine Schultern entspannten sich. Dann begann er, eine leise Melodie zu summen.

Sie setzte die Schere an. Eingehüllt in seinen Duft aus Heu, Seife und leichtem Männerschweiß begann sie, das seidige, schwarze Haar zu ordnen.

„Du bist so sanft.“ Landons Stimme brachte sie kurz aus der Fassung.

Konzentrier dich, Mädchen! Sie begann zu schneiden.

Das Rattern von Hanks Truck ließ sie kurz aufsehen, und beim Anblick der beiden Männer, die gemeinsam vom Hof fuhren, kamen all die zärtlichen Erinnerungen wieder hoch, die sie mit ihren beiden Ersatzvätern teilte. Die beiden hatten mehr Pflaster aufgeklebt, mehr Tränen getrocknet und mehr Trost gespendet, als ihr Vater es jemals getan hatte.

„Als ich vier Jahre alt war, ist meine Mutter mit einem der Cowboys davongelaufen.“ Maggie sprach leise. Die Worte flossen unaufhaltsam aus ihrem Mund. „Ich habe eine Weile gebraucht, um zu begreifen, dass ich für meinen Vater nichts als ein ständiges Andenken an ihre Treulosigkeit war.“

Für einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann sagte Landon sanft: „Er hat dir Unrecht getan. Du hättest so viel mehr verdient.“

Maggie schluckte. Sie hatte inzwischen das Haar in Landons Nacken und an den Seiten geschnitten und trat nun vor ihn.

„Hm, kannst du den Kopf ein wenig nach links drehen?“

Landon schob die Füße auseinander und machte so Platz für Maggie zwischen seinen Oberschenkeln. Dann neigte er den Kopf. „So?“

„J…ja. Noch ein bisschen.“ Sie legte ihre Fingerspitzen an sein Kinn und drückte seinen Kopf sanft zur Seite. Ihre Blicke begegneten sich, und Maggies Herz begann wild zu klopfen.

„Es ist nicht einfach, ein Kind alleine großzuziehen.“ Landons Worte ließen sie erröten. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, was Willie ihm über Alans Eigenschaften als Vater erzählt hatte. Vermutlich, dass er gar keine besaß. In den ersten Jahren war er ein stolzer Vater gewesen, der sogar gerne ein bisschen mit dem süßen kleinen Mädchen angab. Seit ihrer Scheidung sprach er jedoch fast gar nicht mehr mit Anna.

„Ich ziehe sie ja nicht alleine groß. Ich habe Grandma, meine Freunde, die beiden alten Haudegen …“

„Du bist eine wundervolle Mutter, Maggie.“

Maggie schluckte. Seine Stimme war so warm, so voller Zärtlichkeit, und sie spürte, wie ihr die Tränen kamen. Schon lange hatte sie niemand mehr dazu gebracht, stolz auf sich zu sein.

„Stimmt was nicht?“, fragte Landon. Er hatte noch immer das Gesicht zur Seite gewandt und wartete darauf, dass Maggie fortfuhr.

„Oh, doch doch, alles klar.“

„Außerdem hast du gute Fortschritte mit Black Jack gemacht. Schätze, du hast den richtigen Hokuspokus gefunden?“

In seinen Worten lag kein bisschen Spott, sondern ehrlicher Respekt, der Maggie erneut die Tränen in die Augen trieb.

„Es war gar kein Hokuspokus nötig. Es musste ihm nur erst einmal klar werden, dass ihm niemand hier wehtun will. Dass er hier sicher ist. Und dass er mir vertrauen kann.“

Landon straffte die Schultern. Sie könnte ebenso gut über mich sprechen, dachte er wieder irritiert.

Maggies Handrücken streifte behutsam seine Stirn. „Genug von mir. Warum erzählst du mir nicht etwas über dich?“

„Da gibt es nichts zu erzählen.“

„Oh, mit Sicherheit. Alles, was wir über dich wissen, ist, dass du viel herumgekommen bist. Aber was ist mit deiner Familie?“

„Es gibt keine mehr.“

„Und die Ranch deines Bruders …“

„Ich habe die Ranch vor vier Jahren verlassen.“ Er streifte ihre Hände ab und erhob sich.

„Seit vier Jahren bist du nur unterwegs gewesen?“

„Schwer vorstellbar für einen häuslichen Menschen, was?“

„Ich glaube, im Grunde bist du das auch. Häuslich, meine ich. Vermisst du nicht Still Waters? Deinen Bruder?“ Sie nahm ihren Mut zusammen. „Und deine Tochter?“

Landon erstarrte. „Du hast mich im Stall mit Anna reden hören.“

Maggie nickte betreten. Reglos stand Landon auf der Veranda und starrte ins Nichts. „Sara“, sagte er mit erstickter Stimme. „Ihr Name war Sara. Sie ist tot.“

Eiskalt kroch der Schock in Maggies Herz. Nur wer selbst ein Kind hatte, konnte annähernd den Schmerz verstehen, den Landon fühlen musste.

„Es tut mir so leid“, flüsterte sie. „Ich weiß gar nicht, was ich … Es muss so furchtbar … Vielleicht sollte ich einfach den Mund halten …“

Landon fuhr herum. Tiefer Schmerz zeichnete sich in seinem Gesicht ab. Mit einer einzigen Bewegung drehte er sie um und zog sie an seine Brust. Seine Lippen waren nur wenige Zentimeter von ihren entfernt. „Ja, halt den Mund, Maggie.“

Die Worte kamen leise und verzweifelt.

Der Wunsch, ihn zu trösten, wurde übermächtig. Maggie konnte es nicht ertragen, ihn leiden zu sehen, und nahm sein Gesicht in ihre Hände. Sie konnte sich kaum vorstellen, wie viel Landon in den vergangenen Jahren ertragen hatte.

Er schloss die Augen. Maggie näherte sich seinem Gesicht.

Ein schriller Schrei zerriss die Stille. Landon riss die Augen auf und starrte Maggie erschrocken an.

„Anna!“

Gemeinsam stürmten sie ins Freie und sahen sich suchend um. „Wo ist sie?“, rief Maggie ängstlich, als ein zweiter Schrei über den Hof drang. Diesmal war es das scharfe, schrille Wiehern des wilden Mustangs.

„Oh mein Gott, Black Jack!“ Landon rannte los. Annas Schrei hatte in ihm eine Art Urangst geweckt, die sich nun wie eine kalte Faust um sein Herz schloss.

Schon von Weitem konnte er den Hengst sehen, der aufgebracht im Viereck im Kreis tänzelte und den Kopf zurückwarf. Seine donnernden Hufe wirbelten Schmutz und Steine auf, und inmitten der Staubwolke stand Anna und presste etwas an ihre Brust. Das kleine Mädchen war starr vor Schreck, und Landon erkannte ein kleines weißes Kätzchen in ihren Armen.

Als Anna ihre Mutter entdeckte, brach sie in Tränen aus. „Mama!“

„Still, Süße“, rief Landon ihr zu und packte Maggies Arm, die sich an ihm vorbeidrängen wollte. „Nicht. Wir dürfen Black Jack nicht aufregen.“

In diesem Augenblick flog die Tür zum Haupthaus auf und Grandma erschien auf der Schwelle, das Gesicht weiß vor Angst. Landon gab ihr ein Zeichen, zurückzubleiben.

„Du musst jetzt ganz leise sein, Anna“, rief er dem Mädchen zu. Er schob Maggie langsam zum Zaun. „Geh auf die andere Seite und beruhige den Hengst. Sprich mit ihm, hypnotisiere ihn … ganz egal, lenk ihn nur irgendwie ab. Vertrau mir.“

Maggie sah ihn an. Blankes Entsetzen stand in ihrem Gesicht und versetzte Landon einen Stich. Schließlich wandte sie sich ab und ging um das Viereck herum, einen leisen Singsang auf den Lippen. Der Hengst spitzte die Ohren, doch noch trabte er aufgeregt zwischen Anna und dem Zaun hin und her. Sein gellendes Wiehern klang wütend und angsterfüllt.

Landon stieg durch die Latten des Zauns und fixierte das Mädchen. Sie weinte lautlos, und er bezweifelte, dass sie noch lange stillstehen würde. Vorsichtig machte er einen Schritt auf sie zu. Black Jack fuhr herum. Seine Nüstern bebten, als würde er Landons Geruch aufnehmen. Nervös scharrte er mit den Hufen, doch der Klang von Maggies Stimme ließ ihn zögernd umkehren. Landon musste handeln.

Jetzt.

So lautlos wie möglich rannte er los und hob Anna hoch. Er presste sie samt der kleinen Katze an seine Brust und eilte zurück zum Gatter, doch der erschreckte Aufschrei des kleinen Mädchens ließ den Hengst wieder herumwirbeln. Noch fünf Schritte trennten sie von der Umhegung. Das Kätzchen schlug seine Krallen in Landons nackten Arm. Noch zwei Schritte.

Landon hechtete durch den Zaun und landete unsanft auf dem Boden. Er rollte sich mit der Schulter ab und warf sich auf den Rücken, während seine kleinen Schützlinge sicher auf seiner Brust landeten.

Ein scharfer Schmerz fuhr durch seinen Rücken, während Anna aufsprang und sich in die Arme ihrer Mutter warf. Grandma eilte herbei und zog die beiden an sich. Das klägliche Maunzen des Kätzchens mischte sich mit den zitternden, erleichterten Stimmen der Frauen.

Landon sah zu, wie sich drei Generationen der kleinen Familie in einer festen Umarmung aneinanderschmiegten. Er wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und schob es auf den Staub, dass der Strom der Tränen gar nicht versiegen wollte. Anna ging es gut.

Ein Kind war gerettet.

Ein Kind blieb verloren.

Mit einem Mal wurde es dunkel um ihn. Die tröstenden Stimmen drangen nur noch wie aus weiter Ferne an sein Ohr. Der Schmerz explodierte in seinem Rücken.

Du musst hier weg!

Er richtete sich auf und stolperte blindlings den Kiesweg hinunter, auf die Rückseite des Stalls. Ein schreckliches Getöse erfüllte seinen Kopf, und er spürte die sengende Hitze auf seiner Haut, hörte das Krachen und Prasseln von brennendem Holz. Achtlos taumelte er zu dem Wasserschlauch und riss den Hahn auf. Das kalte Wasser regnete auf sein Gesicht, floss in seinen Nacken und über seine Arme, doch es war nicht genug. Seine Haut brannte noch immer wie Feuer. Er riss sich das Hemd vom Körper und ließ sich von dem eisigen Wasser betäuben, bis sein Äußeres sich schließlich so taub und leer anfühlte wie seine Seele.

„Landon!“

„Es tut mir so leid, Sara“, weinte er. „Ich konnte dich nicht retten.“

„Landon … Was redest du da?“

„Ich konnte nicht“, murmelte er immer wieder. Vor sich sah er das schwarze, kurz geschnittene Haar seiner Frau. Es klebte an ihren Schläfen und verdeckte halb die Augen, aus denen langsam das Licht wich, während sie Sara in den Armen wiegte.

Es tut mir leid, flüsterte sie. So leid.

„Nein“, rief Landon, „es war meine Schuld! Es war einfach zu heiß da drin … Ich konnte nicht rechtzeitig zu euch …“

„Hör auf!“ Maggie packte seine nackten Arme und schüttelte ihn. „Du hast sie gerettet! Du hast meine Tochter gerettet!“

Landon blinzelte. „Aber nicht meine.“ Ganz langsam schien er in die Gegenwart zurückzukommen. Das flammende, düstere Inferno seiner Albträume wich dem hellen Nachmittagslicht. Landon riss sich los und strauchelte ein paar Schritte, bis er sich an den Zaun lehnte. Maggie sog erschrocken die Luft ein.

Es war ein Fehler, ihr den nackten Rücken zuzuwenden. Jetzt hatte sie seine Narben gesehen.

„Lass … lass mich …“, keuchte er.

Doch Maggie folgte ihm und legte behutsam die Fingerspitzen auf seine Haut. „Landon, was ist passiert?“ Unter ihrer Berührung zuckte er zusammen, doch er wich nicht zurück.

„Es gab ein Feuer“, flüsterte er. Es war, als würde jemand anders sprechen. So, als hätte er die Kontrolle über seinen Körper abgegeben. „Es war Nacht. Es war so dunkel … und ich konnte sie nicht finden. Meine Frau und meine T…Tochter waren im Feuer gefangen und … als ich sie endlich erreichte, war es zu spät. Sie sind gestorben, und es war meine Schuld.“

Maggie legte die Arme um ihn und streichelte sanft seinen Rücken. Seine Knie begannen zu zittern. Sie murmelte etwas, das er nicht verstehen konnte, aber er wusste, was sie ihm spenden wollte: Mitgefühl.

Er verdiente es nicht. Nicht jetzt. Nicht von ihr.

Er machte sich los, sprang über den Zaun der Koppel und pfiff nach G.W., der sofort auf ihn zu galoppierte.

„Landon, warte!“, schrie Maggie. „Ich will … Ich will dir helfen.“

„Das kannst du nicht.“ Ohne sie anzusehen, schwang er sich auf den Rücken des Hengstes. „Niemand kann das.“

9. KAPITEL

Kurz vor Mitternacht lenkte Maggie den Pick-up in die Einfahrt und hielt vor dem Haupthaus. Bis auf das bleiche Licht des Vollmonds und das kleine Hoflicht war alles dunkel.

Während ihrer Schicht in der Bar hatte sie ein paar Mal zu Hause angerufen. Grandma hatte ihr versichert, dass es Anna gut ging. Die Kleine machte sich viel mehr Sorgen darum, dass Black Jack nun bestraft werden könnte, doch Maggie wusste, dass es nicht seine Schuld war. Sie hoffte inständig, dass der Aufruhr am Mittag seine Entwicklung nicht zurückgeworfen hatte.

Ebenso sorgte sie sich um Landon. Seine Reaktion auf die Ereignisse hatte Maggie erschreckt. Er hatte ausgesehen, als sei er besessen, mit aufgerissenen Augen und offensichtlich an einem ganz anderen Ort. Nicht nur seine Tochter, auch seine Frau waren tot – und er behauptete, es sei seine Schuld. Maggie konnte es nicht glauben.

Den ganzen Abend hatte sie sich den Kopf darüber zerbrochen und dabei ständig Bestellungen durcheinandergebracht, bis Racy sie schließlich nach Hause geschickt hatte. Grandma hatte ihr am Telefon gesagt, dass Landon noch nicht zurückgekehrt war, nachdem er sich kopflos auf den Hengst geworfen hatte und davongestürmt war.

Beunruhigt spähte Maggie über den Hof. Immerhin stand Landons Truck noch auf dem Kiesweg. In der Hütte brannte kein Licht, doch vielleicht war es sinnvoller, zuerst nach G.W. zu sehen. Maggie löste den Knoten aus ihrer ärmellosen Bluse und ging auf den Stall zu.

Bitte. Bitte lass G.W. hier sein.

Tränen der Erleichterung füllten ihre Augen, als der goldene Palomino den Kopf über die Boxentür reckte und leise schnaubte. Sie warf die Arme um seinen Hals. „Ach, ich bin so froh, dich zu sehen! Geht’s dir gut, Hübscher? Wo ist dein Freund?“

„Direkt hinter dir.“

Erschrocken wirbelte Maggie herum. Landon lehnte an der schmalen Treppe zum Heuboden, das Gesicht unter dem schwarzen Stetson verborgen. Er trug ein frisches, weißes Hemd und hatte die Hände tief in die Taschen seiner Jeans geschoben.

„Suchst du mich?“

Er hatte leise gesprochen, doch in der kühlen Stille des Stalls klangen seine Worte seltsam eindringlich, und sein herausfordernder Ton verwandelte Maggies Besorgnis in Ärger.

„Verdammt richtig, das tue ich. Wo zur Hölle hast du gesteckt?“

„Was meinst du?“

Mit energischen Schritten näherte sich Maggie der Treppe. „Ich meine, dass wir uns alle Sorgen gemacht haben, nachdem du heute Nachmittag einfach ohne Sattel davongeritten bist.“ Maggie schlug mit der flachen Hand auf seine Brust. „Da draußen gibt es meilenweit nur ödes Land, und niemand hätte euch gefunden, wenn dir oder G.W. etwas passiert …“

Landon zuckte die Achseln. „Wen kümmert’s denn schon?“

„Mich!“

Maggie schlug ihn noch einmal, doch dieses Mal packte er ihr Handgelenk und hielt sie fest. Ihr Zorn verrauchte so schnell, wie er gekommen war, und Tränen füllten ihre Augen. Sie machte sich los und warf die Arme um seinen Hals. „Landon, bitte sag, dass es dir gut geht.“

Er erstarrte, aber Maggie ließ ihn nicht los. Sein Haar war feucht, er roch nach Seife und reiner Haut. Nach einem unendlichen scheinenden Moment entspannte sich sein Körper schließlich, und er streichelte ihren Rücken.

Maggie legte das Gesicht an seine Halsbeuge. „Ich hatte so große Angst um dich“, flüsterte sie. Ihre Lippen berührten seinen Hals. „Ich wusste nicht, ob du zurückkommen würdest …“ Ihr Mund folgte dem scharfen Umriss seiner Wange. Sein Dreitagebart kratzte an ihrer zarten Haut. Mit der Zunge berührte sie vorsichtig seine Unterlippe.

Ein leises Knurren löste sich in Landons Brust.

Maggie stellte sich auf die Zehenspitzen. Ein ungewohnter, berauschender Mut hatte sie erfasst, und kühn legte sie ihre Lippen auf seinen Mund. Landon erwiderte ihren Kuss, und für einen Augenblick gaben sie sich dem verzweifelten Sehnen ihrer Körper hin. Dann löste sich Landon und schob sie von sich.

„Maggie, hör auf.“ In seiner Stimme lag Hoffnungslosigkeit.

Benommen sah sie ihn an und wäre beinahe gefallen, wenn Landon sie nicht mit einem festen Griff um die Hüfte gehalten hätte. „Was?“

„Du solltest mich nicht so küssen.“

Sie rang nach Luft. Dieser verdammte Hut! Sie konnte sein Gesicht kaum erkennen, doch sie konnte spüren, wie sein Blick sie durchdrang. „W…warum?“

„Ich habe deine Tochter gerettet. Ich will nicht, dass du … du weißt schon. Dich verpflichtet fühlst …“

„Okay, stopp.“ Mit beiden Händen griff sie nach seinem Kragen. „Wenn du denkst, ich würde dich nur aus Dankbarkeit küssen, liegst du falsch. Ich habe dich geküsst, weil es sich so gut anfühlt … verdammt, weil ich durch dich überhaupt wieder etwas fühle!“

Er kam näher. Sein Oberschenkel berührte ihre Hüfte. „Ist das alles, was du willst, Maggie? Küsse?“

Endlich konnte sie seine Augen in der Dunkelheit erkennen. Leidenschaft flackerte in seinem Blick, Erregung und ein unstillbares Verlangen. Seit Jahren hatte sie niemand mehr so angesehen. Er wollte sie – nur um ihretwillen, nicht wegen ihrem Land, ihrem Besitz oder irgendetwas anderem. Nur um ihretwillen.

Doch das war auch beängstigend. War sie wirklich bereit dafür? Was würde der nächste Tag bringen, wenn sie heute Nacht diesen Schritt machte?

„Komm schon, Maggie.“ Er kam noch näher und drängte ihren Körper gegen das Treppengeländer. Er neigte den Kopf und berührte mit den Lippen ihre Wange. „Sag es. Sag mir, was du willst.“

Sie schob alle Zweifel beiseite. „Dich. Ich will dich.“

Landon bedeckte ihren Mund mit seinen Lippen.

Sie wollte ihn. Und er wollte sie.

Seine Arme schlossen sich fest um sie. Er musste sie spüren. Näher.

Mit fieberhaften Gesten versuchte Maggie, sein Hemd zu öffnen. Landon machte es ihr fast unmöglich, sich zu bewegen, so fest drückte er sie an sich.

„Druckknöpfe, Darling“, raunte er in ihr Ohr. „Nur zu, reiß sie einfach auf.“ Er gab ihr etwas Raum, um die Arme zu heben. Sie richtete sich auf, und ihre Hüfte streifte seinen Schritt. Er stöhnte auf.

Mit bebenden Fingern zog Maggie an dem Stoff und entblößte seine Brust. Seine Haut glühte. Mit den Fingerspitzen berührte sie seinen Hals, glitt über den festen Bauch und spielte mit dem engen Bund seiner Jeans.

„Ich bin dran.“ Er griff nach ihrem Shirt.

„Vorsicht, Cowboy. Das sind keine Druckknöpfe.“

„Ich schaff’ das schon.“ Eine Sekunde nestelte er an dem Stoff. Meine Güte, es war Jahre her, dass er eine Frau ausgezogen hatte. Jahre, seit er mit einer Frau zusammen war.

Also warum jetzt? Warum sie?

Maggie gab ihm keine Gelegenheit, darüber nachzudenken. Sie schob seine Hände beiseite und öffnete selbst die Knöpfe. Ihr vertrauter Geruch nach frischem Leinen erfüllte die Luft.

Nach dem letzten Knopf hielt sie inne und fasste das Shirt über der Brust zusammen. „Es … hm, es ist schon eine Weile her. Ich hab so was nicht mehr gemacht, seit meine Ehe vorbei war. Eigentlich schon lange bevor meine Ehe vorbei war.“

Eine sichtliche Erleichterung machte sich in ihm breit. Er wusste, dass er kein Recht dazu hatte. Es war ihr Leben, sie war eine geschiedene Frau, und sie konnte tun und lassen, was sie wollte. Trotzdem hatte er sich schon gefragt, ob sie die Einsamkeit oder die Sehnsucht nach ihrer Ehe in die Arme eines anderen Mannes getrieben hatte. Sein Mund wurde trocken.

„Ich auch nicht, Darling.“ Mit den Händen umfing er ihr Gesicht und sah sie an. „Ich auch nicht.“

Ihre Augen weiteten sich vor Überraschung, und Landon erstickte ihre Antwort mit einem stürmischen Kuss. Sie legte die Hände auf seine Hüften und zog ihn an sich.

Erregt raffte er das Shirt über ihre Schultern. Darunter kam schlichter weißer Stoff zum Vorschein, der ihre vollen Brüste bedeckte.

„Ich weiß, es ist nichts Ausgefallenes.“ Ihre Fingernägel stachen in seine Haut. „Es ist schlicht, schmucklos …“

„Perfekt.“ Landon hob sie hoch und ließ sie sanft auf der untersten Stufe der Treppe nieder. „Du bist perfekt.“

Ihr Oberteil lag noch immer um ihre Schultern und fesselte so ihre Arme.

Landon schob den Stetson zurück und neigte den Kopf. Dank der Stufe war Maggies Dekolleté verführerisch nah an seinem Mund. Ihr Duft machte ihn wahnsinnig. Er barg das Gesicht in ihrem Ausschnitt und bedeckte mit den Lippen ihre weiche Haut. Ihr Herz klopfte laut in ihrer Brust. Er küsste ihren Hals und spürte, wie sie sich ihm entgegenreckte.

Geschah das wirklich? Hielt er diese wundervolle Frau wirklich in den Armen?

Sie drängte sich an ihn. Ein leises Stöhnen entfuhr ihr, als er ihre Brüste berührte.

Sie wollte ihn spüren. Sie wollte ihn überall berühren, doch für einen Moment war sie überwältigt von den lange gehegten, unerfüllten Gefühlen, die nun wie ein Sommergewitter über sie hereinbrachen. Sie ließ sich davontragen, ließ sich in die Hitze von Landons Körper fallen und gab sich in seine Hände, die immer fordernder ihre Brüste umfingen.

Er zeichnete mit den Fingern die Träger ihres BHs nach und schob die Daumen darunter, um sie über ihre Schultern herabzuziehen.

In diesem Moment hörten sie ein leises Pfeifen.

„Willie!“ Maggie löste sich aus Landons Armen und sah sich erschrocken um. Landon atmete schwer, seine Brust hob und senkte sich vor Erregung. Willie pfiff ein altmodisches, schwermütiges Liebeslied, das rasch lauter wurde. Dann wurde das Scheunentor geöffnet.

Mit einer einzigen, geschmeidigen Bewegung hob Landon sie auf seine Arme und sprang auf die Treppe.

„Landon, was …“

Er nahm jeweils zwei Stufen auf einmal, und genau in dem Moment, indem Willie unten an der Treppe erschien, tauchten sie gemeinsam in die Dunkelheit des Heubodens. Behutsam ließ er sie hinunter und schob sie mit dem Rücken gegen einen Balken. Maggie wollte nach unten sehen, doch Landons Körper versperrte die Sicht auf den Treppenabsatz. Von unten drang leises Murmeln herauf, als Willie beruhigend auf die Pferde einsprach.

„Ich sollte runter gehen und mit ihm reden“, flüsterte Maggie.

„Was ist los, Maggie? Bist du noch nie auf dem Heuboden erwischt worden?“

„Nein, und ich will jetzt nicht damit anfangen.“

Er legte einen Finger auf ihre Lippen. „Dann solltest du jetzt besser still sein.“

Maggie wollte widersprechen, doch Landon erstickte ihre Worte mit einem Kuss. In der Dunkelheit spürte sie seine Hand, die ihren nackten Oberschenkel berührte und langsam ihren Rock nach oben schob.

„Landon!“, keuchte sie, „ich denke nicht …“

Bevor sie weitersprechen konnte, packte Landon das offene Shirt, das bis zu ihren Ellenbogen gerutscht war, und riss es ihr herunter. Es segelte über den Heuboden und landete in einer dunklen Ecke.

„Du denkst zu viel. Wie wär’s, wenn du einfach mal fühlst, Maggie?“ Sein Mund war dicht an ihrem Ohr, sein Flüstern kitzelte ihren Hals. Er streichelte über ihre Schultern, berührte das Schlüsselbein und tastete über ihren Bauch bis zum Bund ihres Rockes. „Fühl meine Hände auf deiner Haut“, raunte er heiser, „fühl meine Lippen.“ Dann packte er ihre Hüften und zog sie mit einem Ruck an sich. „Fühl, was du mit mir machst.“

Ein kleines, entzücktes Geräusch entfuhr Maggie. Sie wand sich unter seinem Griff, rieb ihren Bauch an Landons Körper und spürte seine Härte an ihren Oberschenkeln. Sie küsste ihn hungrig und griff nach dem schwarzen Stetson. Eine Sekunde später landete er neben ihrem Shirt auf dem Boden.

„Hey!“

„Schhh! Wir wollen doch nicht entdeckt werden.“ Maggie lächelte in der Dunkelheit.

„War das alles, was du mir ausziehen wolltest?“, raunte Landon.

„Ich will dein Gesicht sehen.“

Er hielt inne. „Es ist zu dunkel.“

„Nicht dafür.“ Maggie berührte mit den Fingerkuppen seine Stirn, zeichnete die Augenbrauen nach und fuhr über die scharfen Kanten seiner Wangenknochen. Als sie seine Lippen erreichte, öffnete er den Mund und biss sanft in ihren Zeigefinger.

Ein leises Klicken drang aus dem Stall unter ihnen und die Lampen erloschen. Dann knarrte das Tor und wurde sachte zugezogen.

„Sieht aus, als wären wir wieder allein“, flüsterte Maggie.

„Gut.“

Er zog sie erneut an sich und küsste sie. Es lag fast so etwas wie Verzweiflung in dem Kuss, und Maggie begann sich zu fragen, was hier mit ihr geschah. Dieser einzigartige, verschlossene und doch sanftmütige Cowboy machte etwas mit ihrem Körper – und mit ihrer Seele –, das sie berauschte.

Nicht darüber nachdenken. Er will dich – jetzt. Er will dich mit Haut und Haar.

Ein feiner Schweißfilm hatte sich auf Landons Haut gebildet. Er drängte sich an Maggie und schob ihren Rock hoch. Seine Finger berührten nackte Haut.

Das hatte er nicht erwartet. Er betastete den seidigen, dünnen String-Tanga und sog überrascht die Luft ein.

„Okay, jetzt kennst du mein Geheimnis“, wisperte Maggie. Sie war froh, dass er in der Dunkelheit ihr nervöses Lächeln nicht sehen konnte.

„Trägst du die immer?“

„Ich habe all meine alten Baumwollschlüpfer an dem Tag weggeworfen, als ich die Scheidungspapiere unterzeichnet habe.“ Sie küsste seinen Hals und streifte sein Hemd ab. „Es macht mir klar, dass ich eine Frau bin, auch wenn ich einem Pferd hinterher renne und im Stall stehe.“

Das Hemd fiel zu Boden. Maggie streichelte seine Brust und strich mit den Fingerspitzen über die Brustwarzen. Er stöhnte auf.

„Gefällt dir das?“ Sie massierte die empfindliche Stelle mit Daumen und Zeigefinger.

„Ja. Es gefällt mir.“ Landon vergrub das Gesicht in ihrem Haar. Mit der rechten Hand griff er nach dem Verschluss ihres BHs und war fast überrascht, wie leicht er sich öffnen ließ. Das weiße Stück Stoff fiel zu Boden und Landon zog Maggie dicht an sich. Sie zitterte.

„Ist dir kalt?“

„Nein, nicht wirklich. Nur … ein bisschen nervös.“

Sein Herz zog sich zusammen. Er hätte gerne ihr Gesicht gesehen, aber hier in der Ecke, in den tiefen Schatten des Heubodens, war es unmöglich. Er atmete tief ein und hielt ihre Hände fest, die nach dem Bund seiner Jeans griffen.

„Maggie, bist du dir sicher, dass du das willst?“, fragte er. „Ich meine … lass uns kurz durchatmen und …“

„Du hast es dir anders überlegt.“ Maggies Stimme war erstickt. Ihre Hände verharrten an Landons Hüfte. „Du willst mich nicht.“

Zorn stieg in ihm auf. Wie konnte sie so etwas denken? Er packte ihre Hand fester und führte sie an die harte, pochende Stelle in seinem Schritt. „Fühlt sich das so an, als würde ich dich nicht wollen?“

Dann hob er zärtlich ihr Kinn und hielt es fest. Sein Daumen rieb über ihre Lippen. „Ich will, dass du dir sicher bist.“ Seine tiefe Stimme sandte ein Prickeln über ihre Haut. „Ich will, dass du mich willst.“

„Ich will dich, Landon.“ Maggie befreite ihre Hand und öffnete den obersten Knopf seiner Hose.

Landon knurrte leise. Er warf einen Blick über die Schulter und sah die aufgestapelten Heuballen hinter sich. Durch ein Dachfenster fiel das Mondlicht herein und beleuchtete eine Nische, wo eine Decke zwischen den Ballen auf dem Stroh lag.

Er wollte Maggie ansehen. Er wollte jeden Zentimeter ihres Körpers erfassen. Und er musste ihr Gesicht sehen, um zu wissen, dass sie ihn wollte.

„Komm.“

Er nahm ihre Hand und zog sie hinüber in den hellen Flecken Mondlicht. Dann umfing er ihr Gesicht mit den Händen und zwang sie, ihn anzusehen.

„Sag es noch einmal. Ich will es hören.“

„Ich will das hier.“ Ihre Augen leuchteten. „Ich will dich.“

Ihr blondes Haar glänzte im Mondschein. Ihr Blick war flehend. Langsam zog er sie an sich.

„Landon, bitte …“

Er verschloss ihre Lippen mit einem Kuss. Dann beugte er sich herunter und küsste ihre Brust. Verlangend umfing er die zarten Spitzen mit dem Mund, saugte daran und benetzte sie mit seiner Zunge. Mit der Hand schob er ihren Rock bis auf die Taille und griff nach ihrem Po.

Sie warf sich ihm entgegen, und durch den seidigen Hauch von Nichts spürte er die feuchte Hitze zwischen ihren Beinen.

Sie machte ihn wahnsinnig.

Er zog den dünnen Stoff beiseite, ließ einen Finger in das weiche Schamhaar sinken und berührte sie. Ein sanfter Druck ließ sie aufstöhnen. Ihre Knie gaben nach, und Landon zog sie auf die Decke. Es war eine alte, ausgebleichte Flickendecke, die nach Heu und Sommerwiesen duftete.

„Landon, ich falle …“

Maggie landete auf seiner Brust und klammerte sich an seine Schultern. Er umfasste ihre Taille und betrachtete ihre Brüste, die im sanften Mondlicht schimmerten. Wie mit rosa Perlen besetzt hoben und senkten sie sich mit Maggies keuchendem Atem.

Zum ersten Mal war es ihr gleich, was nach dieser Nacht geschehen würde. Sie wollte im Hier und Jetzt leben, in diesem Moment, mit diesem Mann. Sie streckte sich und küsste seine Stirn, sodass er mit den Lippen ihre Brüste berühren konnte.

Landon ließ nun einen Finger in sie gleiten und bewegte ihn in ihr. Stöhnend richtete sie sich auf seinem Schoß auf und wand sich auf seinem Körper. Es war schon so lange her. Sie würde es nicht mehr lange aushalten.

Mit zitternden Fingern hielt sie Landons Kinn fest und zwang ihn, sie anzusehen. „Nein, nicht so.“

„Doch.“ Er küsste ihre Finger. „Doch, genau so.“

Sie packte seine Schultern und hielt sich daran fest. Kleine Sterne begannen in ihrem Inneren zu tanzen. Es war überwältigend, doch sie genoss mit jeder Faser ihres Körpers Landons Berührung. Noch nie zuvor hatte sie sich so gefühlt: stark und schwach zugleich, großzügig und bedürftig. Sie war bereit, alles zu geben – und wollte alles nehmen.

Landon küsste ihren Hals und ihre Wangen, sein Atem ging so schwer und unregelmäßig wie Maggies. Mit den Lippen öffnete er ihren Mund und küsste sie innig. Seine Zunge drang in sie und spiegelte die Bewegung seiner Finger, die zu den geheimsten Stellen ihres Körpers vordrangen. Maggie fühlte sich, als würde sie höher und höher aufsteigen und von oben bis unten glühen.

Dann zog er seine Hand zurück und glitt in sie. Mit einer einzigen, geschmeidigen Bewegung erfüllte er sie mit seiner ganzen Männlichkeit. Er legte die Arme um sie und erstickte ihren Schrei mit seinem Mund.

Der Raum um sie herum begann zu verschwimmen. Alles, was zählte, war seine Nähe, und sie wollte ihn noch näher, noch tiefer in sich spüren. Jeden Stoß nahm sie begierig auf und ließ sich fallen, bis sie von einer heißen Welle erfasst und davongetragen wurde. Landon keuchte. Er bäumte sich auf und riss sie mit sich in einen Strudel aus Feuer und Eis, bis sie beide erlöst aufstöhnten.

Funken tanzten über ihre Haut. Sie rang nach Atem und wartete, bis sich der tobende Sturm in ihrem Inneren ein wenig legte. Nur langsam beruhigte sich ihr wilder Herzschlag. Dann legte sie behutsam die Arme um seinen Hals und küsste seine schweißbedeckte Stirn.

Er zog sie fest an sich. „Oh nein …“ Nur mühsam rang er nach Luft. „Es tut mir leid.“

10. KAPITEL

Maggie erstarrte. In Sekundenschnelle wand sie sich aus seiner Umarmung, sprang auf und zog den Rock wieder über die Hüften.

„Maggie, warte, lass mich das erklären …“

„Nicht nötig.“ Energisch überquerte sie den Heuboden und sammelte Shirt und BH ein.

Landons Magen zog sich zusammen. So schnell er konnte, zerrte er seine Jeans nach oben und stand auf. Verdammt, wie konnte sie überhaupt herumrennen? Er selbst fühlte sich furchtbar wacklig auf den Beinen. Sein Herz pochte noch immer laut. Kurz, bevor sie an ihm vorbei auf die Treppe zustürmen konnte, hielt er sie fest und zwang sie, sich auf einen der Heuballen zu setzen. Sie sah ihn nicht an.

„Hör mal, was auch immer da schon wieder in deinem Kopf herumspukt … ist Blödsinn. Ich habe gesagt, dass es mir leidtut, weil ich … nicht vorgesorgt habe.“

Sie hob den Kopf. „Du hast kein Kondom benutzt?“

Er nickte betreten. So kannte er sich überhaupt nicht. Er hatte seine Lektion schon vor langer Zeit gelernt und seither niemals vergessen, an Verhütung zu denken. Er sah Maggie an.

Ein leichtes Lächeln spielte um ihre Lippen.

„Lachst du mich aus?“

„Nein!“ Sie schüttelte heftig den Kopf. „Das würde ich nie tun. Es ist nur … ich dachte schon, du … du würdest es bereuen. Weil es nicht … gut war.“

Jetzt war er es, der ungläubig den Kopf schüttelte. „Wie kommst du nur auf so was? Maggie, es war so gut, ich …. Ich will dich schon wieder, wenn ich dich nur ansehe.“

Sie errötete. Mit den Fingern fuhr sie sich durch das Haar und erwiderte seinen Blick. Ihre Augen funkelten. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich nehme die Pille.“

Er nickte. Für den Bruchteil einer Sekunde stellte er sich vor, wie Maggie sein Kind unter dem Herzen tragen würde – doch das war unmöglich. Er war schon einmal wegen eines Kindes durch die Hölle gegangen. Niemals wieder wollte er für ein weiteres Leben verantwortlich sein. Er blinzelte, um die Erinnerung zu vertreiben.

„Landon?“ Sie war aufgestanden und berührte vorsichtig seine Wange.

Ihr heißer Atem strich über sein Gesicht und weckte von Neuem sein Verlangen. „Ja. Das … ist gut.“ Er schob die Hände tief in die Taschen. Wenn er sie jetzt berührte, würde er sich nicht beherrschen können. „Du musst dir auch keine Sorgen machen. Ich bin clean. Ich meine … als ich sagte, ich wäre ewig nicht mit jemand zusammen gewesen, da war ich absolut ehrlich.“

Sie nickte. „Dasselbe gilt für mich. Ich habe mich testen lassen, nachdem ich von Al … nachdem ich von den zahlreichen Affären meines Exmanns erfahren habe.“

Landon schluckte hart. Seine Stimme bebte vor Zorn. „Dein Ex ist der größte Dummkopf im ganzen Staat. Verdammt, der größte auf der ganzen Welt.“

Maggie lächelte ihn an. „Pass auf, wenn du so redest, werde ich dich …“ Sie verstummte und legte den Finger auf seine Lippen.

„Was?“, fragte Landon. Er widerstand dem Drang, ihre Fingerspitzen zu küssen.

„Dich wollen. Noch einmal. Jetzt.“

Ihre Worte lösten seine Selbstkontrolle in Luft auf. Er drängte Maggie an einen der Balken. Mit einer Hand fuhr er in ihr Haar und hielt sie fest, sodass sie sich seinem stürmischen Kuss nicht entziehen konnte. Sie murrte leise. Mit dem anderen Arm umfasste er ihre Taille und zog sie an seinen Bauch. Schließlich stieß Maggie ihn sanft vor die Brust und rang nach Atem.

„Entschuldige“, murmelte Landon in ihr Haar. „Du machst mich einfach wahnsinnig.“ Dann lockerte er seinen Griff. „Ich will dich. Noch einmal. Ich will dich in einem Bett sehen, ich will deinen Körper spüren … Ich will so tief in dir sein, dass wir eins werden.“

Maggie hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Landon spürte, wie ihr Körper erzitterte, und hob sie mit einer geschmeidigen Bewegung auf seine Arme, um mit ihr die Treppen hinabzusteigen.

„Ich kann selbst laufen, weißt du.“ Sie ließ die Decke fallen und schmiegte sich an ihn. Ihre Brüste berührten seine nackte Haut. Ein leises Knurren löste sich in seiner Kehle. Mit schnellen Schritten durchquerte er den Stall und öffnete das Tor. Erleichtert stellte er fest, dass sich eine Wolke vor den Mond geschoben hatte. Er wandte sich dem Bungalow zu. „Ich kann schneller laufen.“

Sie legte den Mund an seinen Hals. In der Dunkelheit glaubte er zu spüren, wie sie lächelte.

Maggie kuschelte sich in die Decke und betrachtete Landon. Selbst im Schlaf wirkte er stark und athletisch. Er lag auf dem Bauch, und das seidige Haar fiel ihm ins Gesicht.

Sie atmete tief ein. Sein Geruch hüllte sie ein, er bedeckte ihre Haut, haftete in ihrem Haar. Für einen Moment schloss sie die Augen und ließ die vergangene Nacht noch einmal aufleben. Das erste Mal, auf dem Heuboden, und die zwei weiteren Male, als sie in Landons Hütte miteinander geschlafen hatten. Die Erinnerung an ihr Verlangen ließ sie zittern.

Sie zog die Bettdecke fester um sich und sah durch das Fenster nach draußen. Der Morgen begann bereits zu dämmern, doch noch wollte sie nicht zurück ins Haus gehen. Stattdessen berührte sie vorsichtig Landons Schultern und streichelte über seinen Rücken. Als sie mit den Fingerspitzen das alte Narbengewebe ertastete, stiegen Tränen in ihre Augen. Seine Worte hallten in ihrem Kopf.

Ein Feuer. Meine Frau und T…Tochter gefangen. Zu spät. Meine Schuld.

Wie konnte er bloß damit leben? Hatte es ihm das Herz gebrochen?

Natürlich hatte es das. In den letzten Wochen hatte es so viele Anzeichen gegeben. Sein Zusammenbruch am Weidezaun. Sein steifer Gang, nachdem er Hank gerettet hatte. Und das Stolpern auf der Veranda, das überhaupt nichts mit dem Bier zu tun hatte. Es lag an den Schrammen auf seinem Rücken. Und in seinem Herzen.

Gedankenverloren strich sie über die Narben.

„Tu das nicht.“ Landons Augen waren noch immer geschlossen, doch um seinen Mund spielte ein harter Zug.

„Tue ich dir weh?“

Er schüttelte den Kopf und versuchte, sich wegzudrehen, doch Maggie hielt ihn fest. Unwillig ließ er sie die Bettdecke bis zu seinen Hüften zurückziehen. Maggie massierte vorsichtig die vernarbte Haut und löste die verspannten Muskeln in seinem Rücken.

„Erzähl es mir“, sagte sie sanft. „Bitte erzähl mir, was damals passiert ist.“

Ein paar Minuten verstrichen, ohne dass Landon sich rührte. Dann begann er zu sprechen. „Nachdem meine Eltern gestorben waren, war ich verantwortlich für die Ranch meiner Familie.“

„Still Waters“, flüsterte Maggie atemlos. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass Landon selbst der Besitzer dieser Ranch war – einer der größten und ertragreichsten in ganz Texas. Er war kein heimatloser, herumziehender Cowboy. Ihm gehörte ein Stück Land, das fünf Mal so groß war wie Crescent Moon. Und er hatte alles hinter sich gelassen.

Landon nickte. „Ich musste oft weg. Geschäftstermine, Verträge abschließen, Deals abwickeln … Ich habe mehr Zeit in verdammten Büros verbringen müssen als draußen im Freien. Und es lief nicht besonders gut. Zuerst das miese Wetter, und dann habe ich ein paar dumme Fehler begangen …“

Er straffte die Schultern und atmete tief ein. „Und zu allem Überfluss lief meine Ehe auch nicht besonders. Wir hatten nicht aus Liebe geheiratet, sondern … wegen bestimmter Umstände. Jenna wollte immer mehr Zeit und Aufmerksamkeit von mir, als ich geben konnte. Also suchte sie sie schließlich bei jemand anderem. Das war nicht besonders schwer auf einer Ranch mit vielen Cowboys.“

Seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Ich wollte es beenden, aber dann erzählte sie mir, dass sie schwanger war. Um ehrlich zu sein, wollte ich nicht glauben, dass das Kind von mir war. Nachdem Sara geboren wurde, ließ ich einen Vaterschaftstest machen. Aber es war mein Kind. Ich habe versucht, die Ehe aufrechtzuerhalten, aber Jenna war es egal … wir waren ihr egal.“

Maggie kämpfte gegen die Tränen. Sie wollte diese Frau nicht verurteilen, doch sie konnte sich kaum vorstellen, wie ihr Landon nicht hatte genügen können. Er war so stark und arbeitsam, so geduldig und gütig.

„Eines Nachts kam ich erst spät nach Hause. Ich konnte das Feuer schon von Weitem sehen. Als ich die Ranch erreichte, hatte es schon einen der alten Ställe verschlungen. Die anderen Männer und ich waren so beschäftigt damit, die Pferde zu retten, dass wir nicht bemerkten, wie das Feuer auf das Obergeschoss des Haupthauses übergriff. Und als wir es endlich bemerkten, war es schon … Ich bin hineingerannt. Ich habe so lange gebraucht, um sie zu finden … zu lange. Sie waren …“

Er verstummte. Dann stand er abrupt auf und ging zu der Kommode. Maggie sah ihm zu, wie er frische Kleider anzog und ihr eines seiner T-Shirts auf das Bett legte. Sein Gesicht war schmerzverzerrt.

„Es tut mir so leid … dein Verlust.“ Sie wusste, dass das nicht ausreichte, um zu beschreiben, was er durchlitten hatte.

„Sicher. Mein Verlust.“ Ruhelos ging er durch das Zimmer. „Ich hatte selbst Schuld daran.“

„Landon, nein!“ Sie streifte das Shirt über und war froh, dass es bis über ihre nackten Hüften fiel. „Sag so etwas nicht. Es war nicht deine Schuld.“

„Ich hätte da sein müssen“, sagte er bitter. „Es spielt keine Rolle, was irgendein verdammtes Gutachten …“ Er unterbrach sich, als hätte er bereits zu viel gesagt. Sein Blick wurde hart. Er kreuzte die Arme über der Brust und starrte aus dem Fenster.

„Wann ist es passiert?“, fragte Maggie.

„Vor fünf Jahren.“ Er biss die Zähne zusammen. „Sara wäre im November sieben geworden.“

„Also hast du alles hinter dir gelassen. Dein Zuhause.“

Landon wandte sich ab. Da war noch etwas. Maggie spürte es. Irgendetwas behielt er für sich, und er würde es ihr nicht mehr erzählen – nicht heute. Heute hatte er bereits zu viel gesagt.

„Das spielt keine Rolle mehr. Es ist Vergangenheit.“

Autor

Christyne Butler
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