Wo du bist, ist das Paradies

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Das lukrative Geschäft mit dem Multimillionär Jackson Baird würde die Maklerin Molly Farr schon zu gern abschließen. Der äußerst gut aussehende Mann interessiert sich für das riesige Anwesen Birraginbil - wunderbar gelegen an der Küste südlich von Sydney. Trotzdem ist Molly fast versucht, auf ihre stattliche Provision zu verzichten, um Jackson zukünftig aus dem Weg gehen zu können. Er weckt so starke leidenschaftliche Gefühle in ihr, dass sie eigentlich sofort flüchten müsste. Denn nach ihrer letzten enttäuschenden Beziehung hat sie von Männern gründlich die Nase voll! Aber das Herz hört so gar nicht auf ihren Verstand - es rast wie verrückt in Jacksons Nähe. Und als er sie bittet, ihm noch einmal ganz ausführlich Birraginbil zu zeigen, kann sie einfach nicht Nein sagen …
  • Erscheinungstag 06.06.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733757465
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Lionel ist weg“, flüsterte Molly.

Ihre Kollegin Angela sah sie bestürzt an. Angela arbeitete ebenso wie Molly als Grundstücksmaklerin für die Immobilienagentur „Bayside Properties“ in Sydney.

Molly wies auf den leeren Karton. „Angela, hast du ihn etwa …?“

Angela nickte. „Aber ich habe ihn nur Guy gezeigt. Das war alles, ich schwöre es dir! Guy kam auf einen Kaffee vorbei, und er wollte mir nicht glauben, dass du einen Frosch in deinem Schreibtisch aufbewahrst.“

„Sicher hast du anschließend den Deckel wieder zugemacht, oder?“

Angela überlegte. „Erst habe ich die Schublade aufgezogen und ihn Guy gezeigt.“ Schuldbewusst blickte sie auf. „Ja, und dann kam Jackson Baird herein. Stell dir das vor, Jackson Baird!“

Jackson Baird! Der Mann brauchte einen Raum nur zu betreten, und schon lag ihm die Hälfte aller anwesenden Frauen zu Füßen. Und warum?

Okay, er sah gut aus. Er war groß, durchtrainiert und sonnengebräunt. Man hätte erwarten können, dass jemand mit seiner Statur und seinem Ruf arrogant sein würde, aber er wirkte freundlich und aufgeschlossen. Kurz, er war ein Mann zum gern haben und mit nach Hause nehmen.

Molly las oft genug die Klatschspalten, um zu wissen, dass viele Frauen genau das getan hatten. Der Mann besaß Millionenwerte in australischen Kupferminen und ein unfehlbares Gespür für einträgliche Geschäfte. Die Frauen, mit denen er sich schon hatte sehen lassen, konnte man bald nicht mehr an zehn Fingern abzählen.

Jackson Baird war heute Morgen im Büro aufgetaucht und hatte den Betrieb zum Stillstand gebracht. Sogar Sophia Cinotti, eine sonst sehr redselige Dame und geschätzte Klientin von Molly, war verstummt.

„Das ist Jackson Baird“, hatte sie gehaucht, als Baird und sein Anwalt im Allerheiligsten des Chefs verschwunden waren. „Ich habe ihn noch nie persönlich getroffen. Gehört er zu Ihren Klienten?“ Die alte Dame war tief beeindruckt gewesen.

Wir könnten sicher enorm profitieren, falls er wirklich unser Kunde werden würde, hatte Molly gedacht und überlegt, für welches Anwesen er sich wohl interessieren mochte. Die Agentur hatte einige wunderschöne Grundstücke an der Küste im Angebot, doch keins davon entsprach den Ansprüchen eines Multimillionärs.

„Wegen Jackson hatte ich deinen Frosch völlig vergessen“, gestand Angela. „Aber du musst zugeben, dass Jackson einfach sagenhaft toll ist.“

„Das ist er“, bestätigte Molly. „Nur: Wo ist mein Frosch?“

„Er muss hier irgendwo sein.“ Angela kniete sich hin und begann unter dem Schreibtisch zu suchen.

Molly schloss sich ihr an. Sie waren beide Ende zwanzig und sehr attraktiv, aber damit endete die Ähnlichkeit auch schon. Angela hatte blonde Locken und betrachtete die Welt als einen Ort, an dem man sich amüsierte. Molly besaß dunkles lockiges Haar und wusste, dass die Wirklichkeit anders aussah.

In dem kleinen Büro gab es zahlreiche Verstecke für einen Frosch. Trevor Farr, Mollys Cousin und Besitzer der Immobilienagentur, ging jeder Sinn für Ordnung ab. Akten türmten sich in den Ecken und auf den Regalen, die bis an die Decke reichten. Irgendwo dazwischen befand sich nun ein grüner Laubfrosch.

„Sam bringt mich um“, jammerte Molly.

„Keine Sorge, wir finden ihn.“

„Ich hätte ihn niemals mit ins Büro nehmen dürfen!“

„Du hattest keine Wahl“, gab Angela zu bedenken.

Molly und Sam, ihr achtjähriger Neffe, fuhren morgens mit derselben Bahn in die City. Molly ins Büro und Sam zur Grundschule. An diesem Tag hatte Molly erst kurz vor dem Aussteigen gemerkt, warum Sams Schultasche so ausgebeult aussah.

Entsetzt hatte sie gesagt: „Du kannst Lionel nicht mit zur Schule nehmen!“

„Doch, das kann ich!“ Sam sah sie herausfordernd an. „Er ist zu Hause einsam ohne mich.“

„Denk nur an die anderen Kinder!“ Molly seufzte. Sie kannte die Verhältnisse an der Schule nur zu gut. Sam war relativ klein und wurde von den größeren Kindern herumgestoßen, aber er ließ sich nichts gefallen. Obwohl er den meisten Mitschülern nur eben bis an die Schulter reichte, nahm er es mit den stärksten unter ihnen auf. Leider rächten sich einige Kinder ziemlich brutal. Sam kam oft mit blauen Flecken nach Hause.

Seine Mitschüler würden sich bestimmt einen Spaß daraus machen, ihm den Frosch wegzunehmen. Und was dann?

„Ich bringe ihn nicht zurück. Es ist viel zu spät.“ Sam hatte sein Kinn gehoben und sie herausfordernd angesehen.

Er hatte recht gehabt, und deshalb hatte Molly den Frosch mit ins Büro genommen. Sie arbeitete noch nicht lange für ihren Cousin, der sie nur ungern eingestellt hatte, und konnte es sich nicht leisten, zu spät zu kommen.

„Sam wird es mir nie verzeihen!“

Angela und Molly krochen weiter unter dem Schreibtisch herum, ohne sich um wartende Kunden zu kümmern.

„Entschuldigen Sie?“, sagte Sophia Cinotti ungeduldig. „Habe ich richtig gehört? Sie suchen einen Frosch?“

„Der Frosch gehört Sam.“ Molly war den Tränen nahe. Sie richtete sich auf, strich sich die dunklen Locken aus dem Gesicht und begann, Akten aus dem Regal zu nehmen. „Helfen Sie uns doch!“

„Ich weigere mich, wegen eines Frosches auf Sie zu warten!“

Jetzt wurde Angela aktiv. Molly schob Möbel hin und her, als würde ihr Leben davon abhängen, aber Angela stand auf, stützte die Hände in die Hüften und ging zum Angriff über. In den wenigen Wochen, die Molly nun für die Agentur arbeitete, waren sie schnell enge Freundinnen geworden. Angela wäre für sie durchs Feuer gegangen.

„Wissen Sie überhaupt, wer Sam ist?“, fragte Angela herausfordernd.

„Natürlich nicht, Mädchen. Warum sollte ich?“

„Erinnern Sie sich an den schrecklichen Unfall vor einem halben Jahr? Ein Lastwagen stürzte von einer Überführung und fiel auf einen Pkw. Die Erwachsenen in dem Wagen waren sofort tot, aber ihr kleiner Junge saß stundenlang in dem Wrack eingeklemmt.“

„Das war Sam?“, fragte Sophia erschüttert.

„Ja. Er ist Mollys Neffe.“

„Oh nein!“

„Und jetzt ist uns sein Frosch entwischt!“

Einen Moment herrschte tödliche Stille. Dann machten sich Sophia, Molly und Angela gemeinsam auf die Suche.

Ohne zu ahnen, welches Drama sich in seinem Vorzimmer abspielte, wurde es Trevor Farr von Minute zu Minute mulmiger zumute.

Zuerst war er begeistert gewesen. Er hatte sein Glück kaum fassen können. Hannah Copeland hatte ihn morgens angerufen, und der Anruf hatte ihn ganz durcheinandergebracht.

„Ich habe gehört, dass Jackson Baird einen Besitz an der Küste sucht“, hatte sie gesagt. „Birraginbil würde ich nicht an jeden verkaufen, aber Jackson könnte infrage kommen. Soweit ich mich entsinne, hat mein Vater früher mit Ihrem Großvater Geschäfte gemacht. Deshalb wende ich mich an Sie. Wenn Sie den Auftrag übernehmen wollen, können Sie Mr. Baird für mich anrufen. Gefällt ihm das Haus, verkaufe ich.“

Ob Trevor den Auftrag haben wollte? Keine Frage. Nach einem solchen Abschluss würde er ein gemachter Mann sein. Also hatte er sofort Jackson Bairds Rechtsanwalt Roger Francis angerufen. Trevor konnte es noch immer kaum glauben, aber nun saß Jackson Baird tatsächlich hier in seinem Büro. Er trug einen maßgeschneiderten italienischen Anzug und wartete höflich, dass ihm die Details vorgelegt wurden.

Das Problem war, dass Trevor noch keine Unterlagen hatte.

Also machte er das Beste aus der Situation, erzählte, was er wusste, und versuchte, Zeit zu gewinnen. „Das Anwesen liegt zweihundert Meilen südlich von Sydney direkt an der Küste“, erklärte er Jackson und dem Rechtsanwalt. „Heute ist Freitag. Am Wochenende bin ich ausgebucht. Passt es Ihnen, wenn wir Montag gemeinsam hinunterfahren?“

„Ich war davon ausgegangen, dass Sie zumindest einige Fotos haben“, beschwerte sich der Rechtsanwalt. Er hatte allen Grund, ungehalten zu sein. Eigentlich hatte er Jackson einen Besitz in den „Blue Mountains“ zeigen wollen, bei dessen Verkauf für ihn selbst eine ansehnliche Provision und eine nette Summe unter dem Tisch herausgesprungen wäre. Leider hatte seine Sekretärin Trevors Anruf entgegengenommen und auch noch von sich aus Jackson angerufen. Jetzt war Roger Francis schlechter Laune. Dass Trevor Farr ihn hinhalten wollte, machte die Sache nicht besser.

„Rufen Sie uns an, wenn Sie Unterlagen haben“, herrschte der Anwalt Trevor an. „Wenn ich gewusst hätte, dass Sie so wenig Informationen besitzen, hätten wir uns den Weg sparen können. Sie vergeuden Mr. Bairds wertvolle Zeit.“ Er verstummte und sah starr auf den dicken Teppich, auf dem sich ein kleines grünes Etwas bewegte. Ein Frosch!

Frösche waren Wesen direkt aus der Natur, und der Rechtsanwalt wusste genau, was man tat, wenn die Natur es wagte, in die Zivilisation vorzudringen.

Er hob den Fuß.

„Ob Lionel vielleicht in Trevors Büro geschlüpft ist, Angela?“ Molly blickte verzweifelt hinter die Akten. Nirgends eine Spur von dem Frosch. „Wo soll er sonst sein?“

„Unmöglich ist es nicht“, antwortete Angela unsicher. „Wir haben alle nur Augen für Jackson gehabt.“

Natürlich. Diese Dummköpfe! „Ich gehe nachsehen.“ Molly stand auf.

„Trevor bringt dich um, wenn du ihn störst. Immerhin sitzt Jackson Baird in seinem Büro!“

„Egal. Von mir aus könnte es die Königin von England sein.“ Molly drückte sich die Nase an der Glasscheibe in Trevors Tür platt. Was sie dort sah, bewirkte, dass sie sich schneller bewegte als je zuvor.

Eben noch hatte Jackson Baird zwischen seinem ärgerlichen Rechtsanwalt und einem verwirrten Immobilienmakler gesessen und versucht, sich einen Reim auf ihr merkwürdiges Verhalten zu machen. Im nächsten Moment bewegte sich etwas Grünes auf dem beigefarbenen Teppich, der Anwalt hob einen elegant beschuhten Fuß, um zuzutreten …

Da schoss eine junge Frau mit dichtem Haarschopf und im Minirock durch die Tür und warf sich wie beim Rugby mit ausgestreckten Armen der Länge nach auf den Teppich.

Der Rechtsanwalt trat zu, aber er traf nicht das angepeilte Ziel, sondern Mollys Hände, die sie schützend über den Frosch hielt.

„Au!“

„Molly!“

„Was zum …?“

„Hast du ihn?“

„Er hat ihn zertreten! Er hat Sams Frosch zertreten! Sie brutaler Kerl!“ Sophia Cinotti betrat den Raum als Erste hinter Molly, warf einen Blick auf die Szene und schlug Roger Francis die Handtasche um die Ohren. „Mörder!“

Als Nächste kam Angela. Molly lag auf dem Teppich und hielt die Hände über Lionel, als würde ihr Leben davon abhängen.

„Deine Hand, Molly! Du blutest ja!“

„Er hat ihr die Finger gebrochen.“ Sophia schlug noch einmal mit der Handtasche zu.

Der Rechtsanwalt zog sich hastig hinter Trevors Schreibtisch zurück.

„Ist Lionel okay?“, fragte Angela.

„Er muss völlig zerquetscht sein!“ Sophia verfolgte immer noch den Rechtsanwalt. „Natürlich ist er nicht okay. Hast du nicht gesehen, dass dieser Kerl sich auf ihn draufgestellt hat?“

„Ist das ein Frosch?“, fragte Trevor verwirrt. „Molly, ist das deine Schuld?“

„Natürlich bin ich schuld.“ Molly sah zwischen ihren blutenden Fingern hindurch. „Oh … Sein Bein sieht merkwürdig aus. Ich glaube, es ist gebrochen.“

„Deine Finger auch.“ Angela kniete sich neben Molly und warf Roger Francis einen mörderischen Blick zu. „Schuld ist ganz allein der da!“

„Von allen unprofessionellen …“, stieß der Anwalt empört hervor und versuchte, Sophias Handtasche auszuweichen. „Mr. Baird, ich schlage vor, dass wir uns woanders nach einer Immobilie umsehen!“

Bei diesem Satz nahm Trevor sich zusammen und stellte sich zwischen Molly und Jackson Baird. Im Geist sah er bereits Tausende von Dollars Provision in Schall und Rauch aufgehen. „Mr. Baird, es tut mir furchtbar leid. Normalerweise geht es hier ordentlicher zu.“ Wütend blitzte er Molly an. „Mein Vater hat mich überredet, meine Cousine einzustellen, weil er Mitleid mit ihr hatte. Aber wenn sie einen meiner besten Kunden belästigt …“ Er plusterte sich auf. Ein schwacher Mann, der sich wichtig machen wollte. „Molly, steh sofort auf! Du kannst deine Papiere nehmen und gehen!“

Molly hörte ihn nicht. Sie sah immer noch durch ihre Finger. Lionels Bein hing tatsächlich in einem merkwürdigen Winkel herab. Sie konnte nur daran denken, dass es unmöglich war, sein Bein wieder zu richten.

Was sollte sie bloß Sam sagen?

„Molly, geh jetzt!“ Diesmal drang Trevors Stimme zu ihr durch.

„Du meinst, mein Frosch soll sterben, und du willst mir im selben Moment kündigen?“, flüsterte sie verzweifelt.

„Wenn du Mr. Baird verärgerst …“

„In diesem Fall ist eine Kündigung wirklich angemessen“, unterstützte ihn der Rechtsanwalt von der anderen Seite des Schreibtischs her.

Sophia griff erneut zur Handtasche.

„Moment mal!“ Jackson Baird stand auf und hob eine Hand. Seine Stimme klang tief und täuschend sanft. Unwillkürlich hielten alle inne. Baird schob Angela beiseite und kniete sich neben Molly. In seinem exquisiten Geschäftsanzug und mit dem schwarzen Haar, das gerade lang genug war, um eine lockere Wirkung zu erzielen, beherrschte er die Szene mit Leichtigkeit.

„Was haben wir denn hier? Einen Laubfrosch?“, fragte er Molly.

Sie wischte sich die Tränen ab. „Ja.“

„Und Mr. Francis, mein Rechtsanwalt, hat ihn verletzt?“

„Ich mag keine Insekten“, erklärte Roger.

„Er ist kein Insekt …“, begann Molly, doch Jackson fiel ihr ins Wort.

„Es erscheint mir sehr hart, dass Miss Farr an einem einzigen Tag ihren Job verlieren, verletzt werden und mit ansehen soll, wie ihr Frosch leidet“, sagte er. Dann bog er vorsichtig ihre Finger auseinander und nahm den Frosch hoch. Schließlich stand er in seinem untadeligen Aufzug mitten im Büro und hielt den kleinen Frosch beinahe liebevoll in der Hand.

Als ihm eine schwarze Haarsträhne ins Gesicht fiel, strich er sie ungeduldig zurück. Ein Haarschnitt wäre ganz angezeigt, dachte Molly. Oder auch nicht. Es gab sicher nicht viele Frauen, die sich darüber beschweren würden, wie Jackson Baird aussah!

In diesem Moment wirkte er einfach umwerfend. Der winzige grüne Frosch in seiner Hand ließ ihn noch größer und kräftiger erscheinen. Andererseits ging er sehr behutsam mit dem kleinen Geschöpf um.

Trevor sah den Frosch mit Abscheu an. Seiner Miene nach zu urteilen, ekelte er sich vor ihm. „Geben sie ihn mir, Mr. Baird“, sagte er jetzt. „Ich suche einen Backstein und erledige das.“

Jackson hatte nur Augen für den Frosch. „Mir scheint, es ist ein ganz glatter Bruch. Sonst fehlt ihm nichts, Miss Farr. Ich denke, das bekommen wir wieder hin.“

Molly atmete tief ein. Dann setzte sie sich auf die Fersen, zog den kurzen Rock so weit hinunter, dass er einigermaßen respektabel saß, und sah ungläubig zu Jackson auf. „Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“

Er blickte zu ihr hinab. Und dann sah er noch mal hin.

Welch eine ungewöhnliche Frau, dachte er, als er sie nun zum ersten Mal richtig wahrnahm. Sie hatte einen blassen, beinahe durchscheinenden Teint, glänzende dunkle Locken, die ihr Gesicht umrahmten, und große braune Augen …

Denk an den Frosch, ermahnte er sich.

Molly blickte finster drein, während sie wieder auf die Füße kam. Dass Jackson ihr die Hand reichte, um ihr aufzuhelfen, bemerkte sie gar nicht. Ihr ging es um Wichtigeres. „Was haben Sie eben gesagt, Mr. Jackson?“

„Ich glaube, das bekommen wir wieder hin.“ Gemeinsam beugten sie sich über den Frosch.

„Wir können das Bein schienen“, sagte Jackson.

„Dann braucht er Krücken“, amüsierte sich Angela. Doch gleich darauf hörte sie auf zu lachen. „Molly, du blutest ja immer noch!“

„Vergiss es.“ Molly verbarg die Hand hinter ihrem Rücken, aber Jackson zog sie wieder hervor. Sie blutete aus einigen Schrammen über den Fingerknöcheln.

Jacksons Miene wurde finster. „Roger, du verflixter …“

„Ich habe nach dem Frosch gezielt. Wie konnte ich ahnen, dass das Mädchen sich …“

„Das muss behandelt werden“, sagte Jackson.

„Nein, nicht nötig.“ Molly zog die Hand weg und verbarg sie außer Sicht, damit er sie nicht noch genauer untersuchen konnte. „Es ist nur ein Kratzer. Wenn Lionels Bein wirklich geschient werden kann, möchte ich …“

„Lionel?“

„Mein Frosch.“

„Ah, ja. Natürlich.“ Er nickte. „Ich verstehe. Ja, Lionel kann wirklich geheilt werden.“

Molly blickte Jackson an, als würde sie immer noch glauben, dass er sie hereinlegen wollte. „Wieso sind Sie so sicher?“

„Auf dem Grundstück, wo ich meine Kindheit verlebt habe, gab es einen Stausee.“ Er sah ihr ins Gesicht und wunderte sich darüber, dass sie so angespannt war. „Ich habe regelmäßig die Ferien damit verbracht, Kaulquappen zu halten.“ Und meinen Eltern aus dem Weg zu gehen, dachte er insgeheim. „Wenn Sie etwas über Frösche wissen möchten, brauchen Sie nur mich zu fragen.“

„Kann er wieder gesund werden?“

„Ja, das kann er.“

Ihre Spannung ließ etwas nach. „Dann bringe ich ihn zum Tierarzt.“

„Wenn Sie es mir gestatten, kann ich das Bein hier schienen. Aber Ihre Hand behandle ich nicht.“

„Übernehmen Sie den Frosch, dann kümmere ich mich um Molly“, bot Angela an und legte einen Arm um ihre Freundin. „Ich fahre sie zum Krankenhaus.“

„Angela!“, protestierte Trevor ärgerlich.

Sie schob ihn mit einem freundlichen Lächeln zur Tür. „Mr. Baird mag Mollys Frosch“, sagte sie leise. „Wir wollen doch Mr. Baird nicht verärgern, stimmts?“

Ein Blick auf Trevors gequältes Gesicht, und Molly musste sich das Lachen verbeißen. „Du liebe Güte …“ Sie löste sich aus Angelas Umarmung. „Vielen Dank für deine Hilfsbereitschaft, aber ich bringe den Frosch zum Tierarzt. Für meine Hand reicht ein Pflaster. Das wärs. Ich kann mich selbst um alles kümmern.“ Sie sah ihren Cousin an. Er stellte sich wirklich dumm an. „Nachdem Trevor mir gekündigt hat, bin ich hier sowieso überflüssig.“

„Nein! Er kann Sie nicht entlassen“, widersprach Jackson. Einmal mehr verstummten alle und wandten sich ihm zu. Er strich dem Frosch sanft über den Rücken und wandte sich dann an Trevor. „Ich habe Sie aufgesucht, um mich über ein Grundstück zu informieren. Was Sie mir sagen konnten, gefällt mir, aber ich weiß noch viel zu wenig. Ich brauche mehr Information. Und ich will das Haus sehen. Sie sagten, Sie hätten am Wochenende etwas anderes vor?“

Trevor war völlig überrascht. „Ja, aber …“

„Ich habe noch ein anderes Objekt an der Hand. Bis Montag muss ich mich dafür oder dagegen entscheiden. Deshalb möchte ich Ihr Grundstück vorher sehen. Am Dienstag fliege ich ins Ausland. Wenn ich mit der Besichtigung bis Montag warte, bleibt mir kaum Zeit für Verhandlungen.“

Trevor dachte einen Moment nach und begriff dann, worum es ging. Jackson Baird hatte Verhandlungen erwähnt! Also war er ernsthaft an dem Grundstück interessiert. „Ja. Ja, natürlich. In dem Fall werde ich umdisponieren und …“

„Ich will Sie nicht damit behelligen“, widersprach Jackson kühl. „Sie brauchen mich nicht zu begleiten. Eine Ihrer Angestellten genügt mir.“

„Ihnen bleibt noch Zeit genug, sich das Grundstück in den ‚Blue Mountains‘ anzusehen“, bemerkte sein Rechtsanwalt.

Jackson warf ihm einen unwilligen Blick zu. „Danke, aber mich interessiert das Anwesen von Miss Copeland mehr. Außerdem ist Miss Farr verletzt und hat einen Schock erlitten. Ich werde ihr helfen, indem ich ihr die Gelegenheit biete, sich übers Wochenende zu erholen. Und ich gehe davon aus, Mr. Farr, dass Sie Ihre Angestellte nicht tatsächlich aus einem so geringfügigen Grund hinauswerfen wollen? Weil sie einen Frosch mit zur Arbeit gebracht hat?“

„Hm … nein.“ Trevor überlegte. „Ja, doch. Aber …“

Jackson hörte ihm schon nicht mehr zu. „Miss Farr, ich wüsste es sehr zu schätzen, wenn Sie mich zu dem Grundstück begleiten würden. Kann ich davon ausgehen, Mr. Farr, dass Sie Ihrer Angestellten den Job wiedergeben, wenn es ihr gelingt, einen solchen Abschluss unter Dach und Fach zu bringen?“

Trevor war schockiert, aber nicht so dumm. Ein zweites Mal rückte die Provision in greifbare Nähe, und er würde sie sich nicht entgehen lassen. „Möglich. Aber ich komme lieber selbst mit.“

„Ich benötige Sie nicht mehr.“ Jackson warf ihm einen eiskalten Blick zu. „Mr. Francis, Sie brauche ich dafür ebenfalls nicht“, wandte er sich dann an den Anwalt. „Wenn es sich bei dem Grundstück von Miss Copeland um die Farm handelt, an die ich dabei denke, sind Frösche harmlos gegen das, was Sie dort erwartet. Miss Farr, können Sie mich am Wochenende zum Grundstück von Miss Copeland begleiten?“

Molly atmete tief ein und sah sich um. Ihr Blick fiel auf den Rechtsanwalt, auf Trevor und dann auf den winzigen grünen Frosch, der auf Jacksons großer Hand saß.

Jackson sah sie freundlich an. Außerdem hatte sie keine Wahl. Auch wenn es aufreibend war, für ihren Cousin zu arbeiten, brauchte sie diesen Job. Und Jackson bot ihr eine Möglichkeit, ihn zu behalten.

„Mit dem größten Vergnügen“, antwortete sie, aber sie konnte kaum glauben, dass sie das wirklich gesagt hatte.

Nun gab es keinen Zweifel mehr, wer das Sagen hatte. Trevor war selbst in seinen besten Zeiten ziemlich unfähig und wurde einfach überrumpelt. Jackson dagegen war nicht umsonst zum Geschäftsmann des Jahres erklärt worden. Er strahlte Selbstsicherheit, Macht und Einfluss aus.

„Ich sehe Sie dann morgen früh um neun am Flughafen ‚Mascot‘, Miss Farr.“

„Fliegen wir?“

„Ich nehme einen Hubschrauber.“

Natürlich.

„Bringen Sie die nötigen Unterlagen mit, sodass wir den Kauf gleich perfekt machen können?“

Molly wusste, dass ein Wunder geschehen musste, wenn ihr Rechtsanwalt alles noch am selben Abend schaffen sollte. Aber Jackson erwartete professionelles Auftreten. „Ja, selbstverständlich“, antwortete sie kühl.

„Ist das Haus bewohnbar? Können wir übers Wochenende bleiben?“

„Soweit ich weiß, hält Miss Copeland ein Minimum an Personal auf Birraginbil.“ Trevor versuchte, eine Situation zu bewältigen, über die er die Kontrolle verloren hatte. „Sie sagte, Sie seien ihr willkommen, aber ich weiß nicht, ob …“

Jackson ließ sich auf kein Wenn und Aber ein. „Dann ist ja alles in Ordnung.“

„Es ist mir nicht so lieb, dass Molly mitfährt“, wandte Trevor ein.

Jackson zog fragend eine Augenbraue hoch. „Ist sie der Aufgabe nicht gewachsen?“

„Doch, sie kennt sich sehr gut aus“, antwortete Angela.

Jackson warf ihr einen anerkennenden Blick zu. „Dann sorgen Sie sich vielleicht um den guten Ruf von Miss Farr, wenn sie mich allein begleitet, Mr. Farr?“ Er lächelte freundlich. „Miss Farr, sollte es Ihren Sinn für Anstand verletzen, mit mir am Wochenende zu der Farm zu fahren, dann bringen Sie einfach eine Anstandsdame mit. Aber bitte keinen Rechtsanwalt und keinen Cousin. Vielleicht eine Tante? Am besten eine, die Frösche liebt.“

Er macht sich über mich lustig, dachte Molly. Aber sie war viel zu benommen, um darauf zu reagieren.

„Das wäre also abgemacht. Wir sehen uns morgen am Flughafen ‚Mascot‘. Mit oder ohne Anstandsdame.“ Jackson lächelte amüsiert. „Reicht das, um Sie von Ihrer Verletzung und dem Frosch abzulenken?“

Er glaubt, er braucht nur mit dem Finger zu schnippen, und ich lasse alles stehen und liegen und führe einen Freudentanz auf, dachte Molly. Vielleicht hätte sie das sogar getan, wenn sie allein gewesen wäre. Aber da war ja noch Lionel. Sam hatte ihr seinen Frosch anvertraut. Wie sollte sie ihm nur erzählen, was geschehen war?

„Ich werde da sein“, antwortete sie lustlos.

Jackson runzelte die Stirn. „Machen Sie sich immer noch Sorgen um den Frosch?“

„Natürlich.“

„Auch Frösche sterben irgendwann.“

„Sie haben gesagt, dass Sie das Bein wieder hinbekommen können.“

„Ja, das habe ich. Und es ist wahr.“ Er wandte sich an Angela. „Sorgen Sie dafür, dass die Hand Ihrer Freundin verarztet wird?“

Molly rührte sich nicht. „Erst wenn Lionel wieder okay ist.“

„Also, wissen Sie …“ Jackson sah sie verwundert an. „Ich möchte nicht gefühllos erscheinen, aber es geht wirklich nur um einen Frosch.“

„Machen Sie ihn wieder heil“, sagte sie müde. Ihre Hand begann inzwischen, dumpf zu pochen, und die diversen Schocks der vergangenen halben Stunde forderten ihren Tribut. Natürlich war Lionel nur ein Frosch, aber für Sam bedeutete er alles. Seit dem Tod seiner Eltern hatte Lionel das erste Fünkchen Interesse in Sam geweckt. Deshalb war der Frosch so wichtig.

„Machen Sie ihn wieder heil“, wiederholte Molly.

Jackson sah sie fragend und leicht verwirrt an. Was er in ihren Zügen las, half ihm nicht weiter. Also machte er sich an die Arbeit. „Okay, Miss Farr. Ich gebe zu, dass Ihr Frosch wichtig ist.“ Er berührte sie leicht an der Wange. Es war nur eine flüchtige Geste, die sie beruhigen sollte. Weiter nichts. „Aber Sie sind es auch. Wenn Sie nicht gehen und Ihre Hand verarzten lassen wollen, tue ich das für Sie. Anschließend kümmere ich mich um Ihren Frosch.“

„Erst der Frosch!“

„Nein, erst Ihre Hand“, sagte er so bestimmt, dass sie wusste, Widerstand war zwecklos. „Lionel blutet nicht. Also setzen Sie sich, und überlassen Sie den Rest mir!“

Molly fühlte sich ganz seltsam. Setzen Sie sich, und überlassen Sie den Rest mir. Seit dem Unfall ihrer Schwester hatte sie sich immer selbst um alles kümmern müssen. Als Jackson ihr jetzt die Sorgen einfach abnahm, überwältigten ihre Gefühle sie beinahe.

„Es ist nur eine oberflächliche Wunde.“ Ohne sich von Mollys Protest beeindrucken zu lassen, untersuchte Jackson die zerschrammte Hand sorgfältig. „Ich bin sicher, dass sie nicht genäht werden muss.“ Er hatte Angela zur Apotheke geschickt, damit sie besorgte, was er brauchte: Scharpie, Alkohol, Bandagen und ein biegsames Stückchen Holz.

Angela kam mit den Einkäufen zurück und blieb im Büro, um der Behandlung zuzusehen. Sophia Cinotti war gegangen, aber Trevor und der Rechtsanwalt harrten ebenfalls dort aus. Sie waren beide aus verschiedenen Gründen verärgert und mit dem Lauf der Dinge ganz und gar nicht einverstanden.

Doch Molly bemerkte von all dem nichts. Sie saß ganz still, während der große Mann mit den sanft blickenden grauen Augen vor ihr niederkniete, vorsichtig die Wunde reinigte und sie säuberlich verband. Es brachte sie aus dem Gleichgewicht. Nein, mehr noch, es …

Sie wusste nicht, wie sie es nennen sollte. Die Frauen flogen auf ihn, und sie erkannte allmählich, wie er das erreichte. Offenbar brauchte er sie nur zu berühren, und schon …

„Erledigt. Alles okay?“ Jackson lächelte ihr zu, und sie spürte, wie ihr Herz wild zu pochen begann.

„Ja, vielen Dank. Und nun …“

„Jetzt kommt der Frosch an die Reihe.“ Er lächelte immer noch, und das Lächeln war beinahe zu viel für sie.

Angela reichte ihm den Karton, in dem Lionel saß. Sie blickte ihre Freundin forschend an. Es sah Molly gar nicht ähnlich, sich so verwirren zu lassen.

Molly nahm nichts wahr außer Jackson. Sie fühlte sich wie hypnotisiert von ihm. Er setzte ihr Lionel auf die unverletzte Hand und behandelte ihn wie versprochen. Erst schnitzte er eine winzige Schiene passend zurecht, dann richtete er das gebrochene Bein und schließlich schiente er es.

„Mir kommt es fast so vor, als wüsste Lionel, dass Sie ihm helfen wollen“, sagte Molly beeindruckt.

Autor

Marion Lennox
Marion wuchs in einer ländlichen Gemeinde in einer Gegend Australiens auf, wo es das ganze Jahr über keine Dürre gibt. Da es auf der abgelegenen Farm kaum Abwechslung gab, war es kein Wunder, dass sie sich die Zeit mit lesen und schreiben vertrieb. Statt ihren Wunschberuf Liebesromanautorin zu ergreifen, entschied...
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