Wunder geschehen

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Erst hat er Deanna aus den Flammen gerettet, dann hat er ihr finanziell geholfen. Und als Feuerwehrmann Sean Devaney die alleinerziehende Mutter in dem Restaurant besucht, in dem sie jobbt, küsst er sie auch noch heiß! Plötzlich ist Sean mehr als Deannas Held: Er ist der Mann, in den sie sich verliebt hat - und der doch angeblich nicht an die Liebe glaubt …
  • Erscheinungstag 29.03.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733776831
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Das Feuer schwelte immer noch. Dichte Rauchschwaden stiegen aus den Ruinen der baufälligen viktorianischen Häuser, die in billige Apartments umgebaut worden waren. Sean Devaney tränten die Augen, Asche klebte auf seiner schweißnassen Haut und in den Haaren. Selbst nachdem er die feuerfeste Weste und den Umhang abgelegt hatte, fühlte er sich, als ob er dem flammenden Inferno nur in letzter Sekunde entronnen sei. Und es stimmte sogar.

Der beißende Qualm hing in der Luft und in seiner Kleidung. Seit zehn Jahren arbeitete Sean bei der Feuerwehr in Boston, aber er hatte sich immer noch nicht an die Nachwirkungen eines Brandes gewöhnt. An die Erschöpfung, an den Flüssigkeitsverlust des Körpers, an den Gestank.

Jung und idealistisch war er gewesen, als er sich bei der Feuerwehr beworben hatte und eingestellt worden war. Er hatte ein Held sein wollen, sich nach dem Adrenalinkick gesehnt, der ihm jedes Mal durch die Adern schoss, wenn der gellende Ton der Sirene die Luft zerriss. Natürlich war es ihm wichtig, Leben zu retten. Aber ebenso sehr liebte er die Gefahr. Und er liebte den Aufruhr, der ihn innerlich ergriff, die ungeheure Erregung, die seinen Körper durchflutete, wenn er sein eigenes Leben aufs Spiel setzte.

Der Adrenalinspiegel sank jetzt rapide ab, und er wünschte sich nichts anderes als eine warme, prickelnde Dusche und ungefähr sechzehn Stunden ungestörten Schlaf. Doch solange die letzten Glutherde nicht vollkommen erstickt waren, musste Sean vor Ort bleiben, um zu verhindern, dass das Feuer wieder aufflammte.

Er ließ seinen Blick über die Menschenmenge gleiten, die dem Inferno zugeschaut hatte. Vergeblich hatte er gehofft, den Besitzer des Hauses zu entdecken, und wieder einmal musste er feststellen, dass die Schaulustigen von der Feuersbrunst mehr fasziniert als abgestoßen waren.

„Hey, Sean“, rief sein Partner Hank DiMartelli und gestikulierte wild. Irgendetwas Ungewöhnliches spielte sich hinter Seans Rücken ab. „Sieht aus, als hätten wir eine neue Aushilfe. Flink wie die Feuerwehr ist er ja, aber ich bezweifle, dass er den körperlichen Eignungstest übersteht. Sein Alter ist nicht richtig. Wahrscheinlich ist er auch nicht groß genug.“

Sean drehte sich um und sah gerade noch rechtzeitig, wie ein Junge in den Feuerwehrwagen kletterte. Als er ihn eingeholt hatte, war er schon dabei, mit gezielten Handgriffen die Sirene in Gang zu setzen.

„Hallo Kumpel, heute Nachmittag hat man hier in der Gegend die Sirene oft genug gehört“, meinte Sean und hob den Jungen kurzerhand aus dem Wagen.

„Aber ich will sie anschalten“, protestierte der Junge und schob das Kinn störrisch nach vorn. Sein hellbraunes Haar war mit Gel zu Strähnen frisiert, die ihm vom Kopf abstanden.

„Ein andermal“, widersprach Sean mit fester Stimme. Überrascht nahm er zur Kenntnis, dass der Junge nicht sofort die Flucht ergriff. Stattdessen schaute er Sean unschuldig an und warf verstohlene Seitenblicke auf die Kabine des Feuerwehrwagens. Sean beschlich das untrügliche Gefühl, dass das Kind sofort wieder in den Wagen springen würde, wenn er nicht verdammt aufpasste.

„Sag mal“, begann er und hoffte inständig, die Aufmerksamkeit des Kindes von der Sirene ablenken zu können, „wie heißt du eigentlich?“

Der Kleine setzte eine ernste Miene auf. „Das darf ich Fremden nicht verraten“, sprudelte es wie automatisch aus ihm hervor.

Es passte Sean überhaupt nicht, dass er der strikten Anweisung der Eltern des Jungen widersprechen musste. Andererseits musste er jedoch wissen, zu wem das Kind gehörte und warum es mutterseelenallein in der Nähe eines Großfeuers herumstreunte. „Normalerweise hast du recht“, versicherte er dem Jungen. „Aber mir darfst du deinen Namen ruhig anvertrauen. Ich bin Sean, der Feuerwehrmann. Polizisten und Feuerwehrleute gehören zu den Guten. An uns kannst du dich immer wenden, wenn du in Schwierigkeiten steckst.“

„Aber ich stecke doch gar nicht in Schwierigkeiten“, erwiderte der Junge stur. „Abgesehen davon hat meine Mom gesagt, dass ich wirklich niemandem meinen Namen sagen darf. Nur wenn sie es mir ausdrücklich erlaubt.“

Sean unterdrückte einen Seufzer. Dagegen ließ sich nichts einwenden. „Okay. Wo steckt denn deine Mom?“

Das Kind zuckte die Schultern. „Keine Ahnung.“

Sean war augenblicklich wie versteinert. Plötzlich schoss die Erinnerung in ihm hoch. Er war sieben Jahre alt gewesen, als er vor der Schule gestanden und auf seine Mutter gewartet hatte. Sie hatte ihn nicht abgeholt. Niemals mehr. Es war der Tag gewesen, an dem sie und sein Vater Boston verlassen hatten und spurlos aus seinem Leben verschwunden waren. Wenige Wochen später hatte man ihn und seine zwei Brüder in Pflegefamilien gegeben und für immer voneinander getrennt. Erst vor kurzem hatte Sean seinen älteren Bruder Ryan wiedergesehen. Aber bis heute hatte er keine Ahnung, was aus seinem jüngeren Bruder Michael geworden war. Oder aus den Zwillingen, die offensichtlich mit den Eltern verschwunden waren.

Sean zwang sich, die Gedanken auf die Gegenwart zu konzentrieren. Vergeblich suchte er nach einem Anflug von Panik in den großen braunen Augen des Jungen. Panik, wie er sie damals an jenem schrecklichen Tag erlebt hatte. Aber im Blick des Jungen konnte er nichts entdecken.

„Wo wohnst du?“, hakte Sean nach.

„Ich hab hier gewohnt“, meinte der Junge nüchtern und zeigte auf das abgebrannte viktorianische Haus.

Du liebe Güte, war es möglich, dass die Mutter des Kindes noch irgendwo in den Ruinen steckte? Hatte man sie vermisst? Seans Gedanken wirbelten durcheinander. Nein, das konnte nicht sein. Sie hatten jedes Zimmer systematisch nach Spuren von Opfern durchsucht. Am Nachmittag war der Brand ausgebrochen. Zwei Stunden hatten sie gebraucht, um ihn unter Kontrolle zu bringen. Die beiden Apartments im zweiten Stock hatte er persönlich unter die Lupe genommen, sein Partner hatte sich den ersten Stock vorgenommen und ein anderes Team das Erdgeschoss.

„War deine Mom zu Hause, als das Feuer ausgebrochen ist?“, fragte Sean und bemühte sich um einen ruhigen Tonfall. Auf keinen Fall wollte er den Jungen ängstigen.

„Glaub ich nicht. Nach der Schule gehe ich immer zu Ruby. Sie wohnt da drüben.“ Er zeigte auf ein Haus im viktorianischen Stil, das hinter ihnen lag. „Manchmal kommt Mom unheimlich spät nach Hause. Dann holt sie mich ab und steckt mich gleich ins Bett. Manchmal schlafe ich sogar schon, wenn sie mich abholt.“

„Ist Ruby irgendwo in der Nähe?“, bohrte Sean weiter. Er ließ sich nicht anmerken, dass sein Respekt vor der Mutter dieses Kindes von Minute zu Minute sank. Aber wie konnte sie ihren Sohn nur der Obhut von Fremden überlassen, während sie sich die halbe Nacht lang in der Stadt herumtrieb? Machte sie sich keine Sorgen um ihn?

Der Junge deutete mit dem Kopf die Straße hinunter. „Ruby hat kein Telefon. Zu teuer. Sie ist in den Laden an der Ecke gegangen, um Mom zu erzählen, was passiert ist. Ich bin mit ihr gegangen, aber dann wollte ich mir das Feuerwehrauto ansehen.“

Großartig! dachte Sean. Kann es noch schlimmer kommen? Der Babysitter hat seinen Schützling wegrennen lassen. Er dachte flüchtig darüber nach, ob er die Jugendhilfe informieren sollte. Doch das Kind, das vor ihm stand, zeigte keinerlei Anzeichen von Vernachlässigung, obwohl es ganz allein durch die Gegend spazierte. Also entschied Sean sich, erst mal nähere Erkundigungen einzuziehen. Mit der Benachrichtigung der Jugendhilfe hätte er womöglich eine drastische Veränderung im Leben des Kindes ausgelöst und ihm vielleicht sogar mehr geschadet als genützt.

Sean schaute den Jungen an. „Wie wär’s, wenn ich dich Mikey nenne? Vor langer Zeit hatte ich einen kleinen Bruder, der Mike hieß. Du erinnerst mich an ihn. Er war auch ziemlich abenteuerlustig.“

„So heiße ich aber nicht“, protestierte der Junge und hielt einen Augenblick inne. Wahrscheinlich spekulierte er darauf, dass Sean ihn in den Wagen zurücksetzen würde, wenn er seinen Vornamen preisgab. „Meinst du wirklich, dass meine Mom nicht böse ist, wenn ich dir meinen Namen sage?“

„Ich bin fest überzeugt, dass sie damit einverstanden sein wird“, versicherte Sean. „Immerhin bin ich Feuerwehrmann. Deinen Vornamen kannst du mir auf jeden Fall verraten.“

Nachdenklich zog der Junge die Augenbrauen hoch. „Gut.“ Seine Miene hellte sich auf. „Es ist bestimmt okay, wenn du mich Seth nennst.“

Das großmütige Zugeständnis des Kleinen ließ Sean unwillkürlich grinsen. „Okay, Seth. Warum setzen wir uns nicht hier an die Absperrung und warten auf Ruby?“

„Ich kann sie auch holen“, bot Seth eifrig an. „Sie will dich bestimmt kennenlernen. Ruby ist wirklich hübsch, und sie ist immer auf der Suche nach einem neuen Freund. Bist du verheiratet?“

„Nein. Es ist besser, wenn wir hier warten“, lehnte Sean ab. „Seth, du hast mir noch gar nichts von deinem Vater erzählt. Ist er zur Arbeit?“

Zum ersten Mal seit ihrer Bekanntschaft schien der Junge wirklich erschüttert. „Ich habe keinen Dad“, erklärte er traurig. Seine Unterlippe zitterte. „Er hat uns vor langer, langer Zeit verlassen. Damals war ich noch ein Baby. Und jetzt bin ich fast sechs Jahre alt. Aber erst im nächsten März. Ich weiß, es dauert noch irre lange, aber sechs Jahre alt zu sein ist echt cool. Dann komme ich nämlich in die erste Klasse.“

Sean bemühte sich, der Unterhaltung zu folgen, aber seine Gedanken schweiften ab. Schließlich hatte der Junge gerade erzählt, dass sein Vater verschwunden war. Krampfhaft überlegte Sean, was er darauf erwidern sollte. Seth schien das nicht zu kümmern. Er plapperte munter weiter.

„Mom hat gesagt, dass mein Dad mich geliebt hat, aber Ruby meint, dass er ein verdammtes Irgendwas ist. Ich weiß nicht genau, was sie gemeint hat.“ Seth schaute ihn hoffnungsvoll an. „Und was glaubst du? Hat Mom recht?“

„Ich bin sicher, dass sie recht hat“, versicherte Sean. „Warum sollte dein Dad einen so wundervollen Jungen wie dich nicht lieben?“

„Aber warum ist er dann verschwunden?“, fragte Seth mit unbestechlicher Logik.

„Ich habe keine Ahnung“, erklärte Sean offen und ehrlich. Das war eine Sache, die er niemals verstehen würde. Nicht in Seths Fall, nicht in seinem eigenen. Noch nicht einmal jetzt, wo er solche Geschichten aus der Perspektive eines Erwachsenen betrachten konnte. Er sah keine andere Lösung, als Seth die Worte zu sagen, mit denen er selbst unzählige Male abgespeist worden war. „Es gibt Dinge, die geschehen eben. Man kann sie einfach nicht verhindern. Und wir erfahren niemals, warum sie geschehen sind.“

Plötzlich entdeckte er eine dunkelhaarige Frau in Kellneruniform. Sie kam die Straße heruntergerannt. Ihr Gesichtsausdruck wirkte panisch. Sie war in Begleitung einer sexy Blondine in engen Jeans, einem pinkfarbenen Top und hochhackigen Schuhen.

„Mom!“, rief Seth aus, sprang auf und rannte der zierlichen dunkelhaarigen Frau entgegen.

Sie umarmte ihn stürmisch und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. Anschließend hielt sie ihn auf Armeslänge von sich ab, um ihn von Kopf bis Fuß zu begutachten. Und dann erst ergriff sie das Wort. „Was hast du hier zu suchen, junger Mann?“, fragte sie streng. „Du weißt doch, dass du ohne Ruby nirgendwohin gehen darfst.“

„Ich wollte mir den Feuerwehrwagen ansehen“, erklärte Seth und wies anklagend mit dem Finger auf Sean, der zu den beiden getreten war. „Obwohl er mich nicht mit der Sirene spielen lassen wollte.“

Die Frau wandte sich an Sean und streckte ihm die Hand zur Begrüßung entgegen. „Ich bin Deanna Blackwell. Danke, dass Sie ein Auge auf ihn geworfen haben. Hoffentlich ist er Ihnen nicht zur Last gefallen.“

„Sean Devaney“, erwiderte er knapp. Mit ihren großen braunen Augen schaute sie ihn ernsthaft an. Eigentlich hatte er ihr gehörig den Marsch blasen wollen, aber er brachte kein Wort über die Lippen. Und noch bevor er die Gelegenheit dazu hatte, trat die zweite Frau einen Schritt vor. Herausfordernd strich sie ihm mit der Hand über den Arm. Seine Muskeln spannten sich zwar an, als sie ihn berührte, aber ihr einladender Blick ließ ihn ziemlich kalt.

„Ich bin Ruby Allen, die Babysitterin“, stellte sie sich vor und schaute ihn wieder verführerisch an. „Es war schon immer mein sehnlichster Wunsch, einen waschechten Feuerwehrmann kennenzulernen.“

Deanna rollte verzweifelt mit den Augen. „Ich muss mich für Ruby entschuldigen“, fiel sie dazwischen. „Im Grunde genommen ist sie ganz harmlos.“

Die Gesichtszüge der Frau wirkten zerbrechlich. Die großen Augen wurden von dunklen Locken umrahmt, die kurz geschnitten und praktisch frisiert waren. Sie sah so unschuldig aus wie ihr Kind. Das Discogirl, das er erwartet hatte, entpuppte sich als ein Engel mit dunklen Ringen der Erschöpfung unter den Augen. Es war ein Anblick, der ihm unter die Haut ging.

Plötzlich gellte ein Schrei in Deannas Ohren. Sie drehte sich um und erblickte das, was einst ihr Zuhause gewesen war. Die Erleichterung darüber, dass sie ihren Sohn unversehrt angetroffen hatte, wich einem schweren Schock. Die Knie versagten ihr den Dienst.

Sean fing sie auf, bevor sie stürzte. Der flüchtige Hauch ihres sanften, blumigen Parfüms ließ seinen Puls schneller schlagen, und die Haut ihrer Arme schmiegte sich weich und samtig in seine rauen Handflächen. Ein Blick in ihre Augen bestätigte ihm, dass sie kurz davor war, in Tränen auszubrechen. Sie war so erschüttert, dass es ihm fast das Herz brach. Ganz egal, wie oft er schon hatte mit ansehen müssen, dass Menschen ihr gesamtes Hab und Gut verloren hatten, gegen ihren Schmerz würde er sich nie verhärten können.

„Es tut mir sehr leid“, sagte er, griff nach der Wasserflasche im Truck und gab sie ihr. „Setzen Sie sich einen Augenblick, und trinken Sie.“

Sie setzte sich auf das Trittbrett des Wagens. „Ich hatte keine Ahnung“, wisperte sie und ließ ihren Blick zwischen Ruby und ihm hin- und herschweifen. „Ich dachte … Ich weiß nicht, was ich dachte, aber mit dem hier habe ich nicht gerechnet. Was soll ich denn jetzt machen? Wir hatten nur wenig, und das Wenige war im Haus.“

„Aber Sie und Seth sind in Sicherheit.“ Mehr als diese Plattitüde fiel ihm im Augenblick nicht ein. Er schaute sie an und hielt ihren Blick gefangen. „Sie wissen doch, worauf es im Leben wirklich ankommt. Eigentum ist nicht alles.“

„Ja, natürlich, aber …“, widersprach sie hilflos, schüttelte irritiert den Kopf und wandte sich ihrem Sohn zu. „Warum hast du ihm erzählt, dass du Seth heißt?“, fügte sie mit einem Grinsen um die Mundwinkel hinzu.

„Weil du mir gesagt hast, dass ich Fremden meinen Namen nicht verraten soll“, erwiderte er pflichtbewusst. Sein Blick fiel auf Sean. „Tut mir leid, dass ich dich angelogen habe.“

Überrascht nahm Sean zur Kenntnis, dass er einem kleinen Lügenbaron auf den Leim gegangen war. „Du heißt nicht Seth?“

Der Junge schüttelte den Kopf. „Seth ist mein bester Freund im Kindergarten“, gab er zu. „Ich wollte Mom gehorchen, aber ich dachte, dass wir nur dann Freunde werden können, wenn ich dir irgendeinen Vornamen sage.“

„Immerhin hast du mir gehorcht“, meinte Deanna zufrieden und wandte sich an Sean. „Er heißt Kevin. Hoffentlich kreiden Sie ihm die Lüge nicht an. Er hat versucht, mir zu gehorchen.“

„Kein Problem“, versicherte er den beiden. „Wenn Sie vorübergehend einen Platz zum Übernachten brauchen, dann gibt es Einrichtungen, die Ihnen helfen können. Ich kann beim Roten Kreuz für Sie anrufen. In ein paar Tagen wird bestimmt Ihre Versicherung einspringen.“

Wieder schüttelte sie den Kopf und blickte ihn verzweifelt an. „Ich bin nicht versichert.“

Das hättest du dir eigentlich denken können, schalt er sich. Der Zustand des Hauses hatte nicht auf wohlhabende Bewohner schließen lassen. Wer gezwungen war, hier zu leben, konnte sich ganz sicher keine Versicherung leisten. „Aber der Hausbesitzer war bestimmt versichert“, unterstellte er.

„Das Gebäude ja, aber nicht mein Hausrat“, erläuterte sie. „Das hat der Vermieter klar und deutlich gesagt, als wir eingezogen sind.“

„Aber wenn er Sie über den baulichen Zustand des Hauses getäuscht hat oder seinen Instandhaltungspflichten nicht nachgekommen ist, dann kann er belangt werden.“

„Sie unterstellen, dass ich mir einen Anwalt leisten kann, der meine Ansprüche durchsetzt“, meinte sie mutlos. „Ich weiß, was Anwälte für ein Honorar verlangen. Noch nicht mal für eine Stunde könnte ich mir einen leisten.“

Verzweifelt suchte Sean nach den passenden Worten, um der Frau Mut zuzusprechen. „Was ist mit Ihrer Familie? Kann die vielleicht helfen?“

„Ausgeschlossen.“ Grimmig schüttelte sie den Kopf. „Aber Sie haben schon viel für mich getan. Und jetzt haben Sie bestimmt Wichtigeres zu tun. Wir kommen schon zurecht.“

„Mach dir keine Sorgen, Dee.“ Fürsorglich umarmte Ruby ihre Freundin. „Es wird eng werden, aber wir werden das Kind schon schaukeln. Du bist ja sowieso nur selten zu Hause. Und Kevin hält sich auch jetzt schon den ganzen Nachmittag bei mir auf. Außerdem kann ich dir ein paar von meinen Kleidern leihen.“

Unwillkürlich griff Sean nach seinem Portemonnaie, zog hundert Dollar heraus und drückte sie Deanna in die Hand. „Das ist geliehen und nicht geschenkt“, sagte er, bevor Deanna widersprechen konnte. „Sie zahlen es mir zurück, wenn Sie wieder auf den Beinen sind.“

Man sah ihr an, dass innerlich ihr Stolz gegen ihren Sinn für die Realität kämpfte. Aber dann schaute sie auf Kevin hinunter. Ihre Entscheidung war gefallen. „Danke. Ich werde es Ihnen bestimmt zurückzahlen“, versprach sie und schaute Sean an. „Wo kann ich Sie finden?“

„In der Feuerwache, drei Straßen weiter“, erwiderte er, obwohl er sich gerade von dem Gedanken verabschiedet hatte, die hundert Dollar jemals wieder zu sehen. „Meistens jedenfalls. Bringen Sie meinen Kumpel Kevin doch ab und zu vorbei, dann lass ich ihn mit der Sirene spielen.“ Er zwinkerte dem Jungen verschwörerisch zu.

„Ehrenwort!“, rief Kevin.

Sean war froh, dass Kevin in besseren Händen war, als er es zunächst vermutet hatte. Er rannte zurück zu den schwelenden Ruinen, um die verbliebenen Brandherde zu überprüfen. Nur eine kleine Rauchfahne kringelte sich noch in der Luft. In Kürze würden sie verschwinden können. Nach nichts sehnte er sich so sehr wie nach ausgiebigem Schlaf.

„Prima, Sean“, rief Hank und klopfte seinem Freund begeistert auf die Schulter. „Ich habe gesehen, dass du dich mit den einzigen Frauen unter siebzig unterhalten hast, die hier weit und breit zu sehen sind. Hast du dir wenigstens die Telefonnummer von der heißen Blondine geben lassen?“

„Interessiert mich nicht“, schimpfte Sean. „Sie ist dein Typ, nicht meiner.“

Hank warf ihm einen enttäuschten Blick zu. „Und die Brünette mit dem Kind?“

„Nein.“

„Warum das denn nicht?“

Das fragte Sean sich auch. Vielleicht lag es daran, dass eine der beiden Frauen überhaupt nicht sein Typ war und die andere zu bedürftig und zu verletzlich wirkte, obwohl sie einen ausnehmend stolzen Eindruck auf ihn gemacht hatte.

Hank hielt ihm ein Kinderspielzeug aus Metall entgegen. Es war ein Feuerwehrauto. „Es ist niemals zu spät“, tröstete er Sean. „Das Spielzeug hier hat doch ganz bestimmt dem Kind gehört. Nutz deine Chance. Meine innere Stimme flüstert mir zu, dass du in den nächsten Tagen angestrengt nach einer Ausrede suchen wirst, die es dir erlaubt, die Lady wiederzusehen.“

„Auf keinen Fall“, stritt Sean ab und steckte den Feuerwehrwagen in die Tasche. Obwohl sämtliche Alarmglocken in seinem Kopf schrillten, fühlte er sich von Deanna Blackwell anzogen wie von einem unsichtbaren Magneten.

2. KAPITEL

„Der Mann hat todsicher ein Auge auf dich geworfen“, spottete Ruby, als sie mit Deanna die Stufen zu ihrem Apartment im zweiten Stock hinaufging. Auf absehbare Zeit würde die Wohnung jetzt auch Deannas Zuhause sein.

„Ganz bestimmt nicht“, hielt Deanna dagegen. Im Grunde war sie dankbar, dass ihre Freundin ihren Spott mit ihr trieb, denn das würde sie wenigstens vorübergehend von der Erinnerung an den Brand und ihren unsicheren Zukunftsaussichten ablenken. „Kein Mann schaut mich zum zweiten Mal an, wenn du in der Nähe bist.“

„Dieser schon“, beharrte Ruby und betrat das Zwei-Zimmer-Apartment mit der kleinen Küche. Das Bad war kaum größer als ein Wandschrank, und vor der Umwandlung des Hauses in Apartments war es ganz sicher auch tatsächlich ein Schrank gewesen. „Du hast etwas, was ich nicht habe“, fügte Ruby grinsend hinzu.

„Was um alles in der Welt kann das sein?“, fragte Deanna neugierig.

Ruby hatte den Kühlschrank geöffnet und war mit dem Kopf beinahe darin verschwunden. Ihre Stimme klang gedämpft, aber Deanna konnte ihre Freundin trotzdem gut verstehen. „Kevin“, antwortete sie, griff nach einer Flasche Mineralwasser und schaute Deanna direkt an. „Ich habe die beiden draußen beobachtet. Sean ist Feuerwehrmann. Also eignet er sich ausgezeichnet als Vater. Und Kevin braucht nicht nur eine Mutter, sondern auch einen Vater. Ein männliches Vorbild. Höchste Zeit, dass du mal ein paar Gedanken daran verschwendest, findest du nicht?“

Deanna seufzte auf und nahm ihr die Flasche ab. „Ruby, wie oft haben wir das schon diskutiert. Mein Leben ist nicht grau und leer. Ich brauche keinen Mann, der es bunter macht.“

Ärgerlich verzog Ruby das Gesicht. „Nein. Es geht nicht darum, dass der Mann dein Leben bunter machen soll“, widersprach sie. „Es reicht, wenn er es dir erleichtert.“

„Ich kann ganz gut allein für Kevin und mich sorgen“, beharrte Deanna.

„Du bist die wundervollste, liebevollste Mutter, die mir je über den Weg gelaufen ist“, bestätigte Ruby. „Aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass Kevin einen neuen Daddy verdient hat. Nicht den Idioten, der euch schmählich im Stich gelassen hat. Natürlich bin ich der Meinung, dass ihr ohne Frankie besser dran seid, aber sein Verschwinden hat Kevins kleines Herz schwer verwundet. Du darfst davor nicht die Augen verschließen. Tag für Tag löchert mich das Kind mit Fragen danach, wo denn sein Vater abgeblieben ist. Sein einziges Foto von Frankie ist vollkommen zerfleddert, weil er es dauernd aus der Hosentasche zieht und anschaut.“

„Ich weiß“, seufzte Deanna. Wozu schließlich gab es Ruby? Mit schöner Regelmäßigkeit wies ihre Freundin sie auf die Sache hin. „Aber ich werde mich nicht Hals über Kopf mit irgendeinem Kerl einlassen, nur damit mein Sohn einen Vater bekommt. Abgesehen davon ist da immer noch Joey.“

Ruby verschluckte sich fast an ihrem Mineralwasser. „Joey Talifero soll deinem Sohn ein männliches Vorbild sein? Bist du vollkommen verrückt geworden?“

„Joey ist okay.“ Deanna verteidigte sich schwach, wie immer, wenn Ruby sich abfällig über den Boss ihres Zweitjobs äußerte. „Er ist ein respektabler Geschäftsmann.“

„Ja, stimmt“, lachte Ruby. „Wenn du damit sagen willst, dass er in letzter Zeit keine Gesetze übertreten hat. Jedenfalls nicht absichtlich. Joey hat eine zweitklassige Schulbildung, besitzt ein drittklassiges Restaurant und verbringt seine gesamte Freizeit auf der Pferderennbahn.“

„Aber er hat ein Herz aus Gold. Er und Pauline behandeln mich, als ob ich zur Familie gehöre.“

„Richtig. Du arbeitest viel zu viel, und er zahlt dir viel zu wenig“, entgegnete Ruby. „Und was ist mit deinem anderen Boss? Du verlierst kein Wort darüber, ob er deiner Meinung nach das Zeug zu einem Helden hat oder nicht.“

Deanna und Ruby arbeiteten beide in einer kleinen Anwaltskanzlei in der Nachbarschaft. Deanna war mit voller Stundenzahl als Empfangsdame angestellt und Ruby als Teilzeitkraft. Jordan Hodges, ihr Boss, war nicht der Typ, der zu ausgiebigem Bürotratsch Anlass bot. Er war durch und durch Geschäftsmann. Deanna war sich noch nicht mal ganz darüber im Klaren, ob er überhaupt wusste, dass sie einen Sohn hatte. Sie tat ihr Bestes, um zu gewährleisten, dass Kevin den Büroalltag nicht störte. Das Minigehalt und die Trinkgelder, die sie erhielt, wenn sie nach Büroschluss bis in die späten Abendstunden in Joeys Restaurant arbeitete, brauchte sie dringend, um einigermaßen über die Runden zu kommen.

„Mr Hodges könnte ein großartiges Vorbild für Kevin sein“, meinte Deanna steif, „wenn er sich nur ein wenig dafür interessieren würde.“

„Ja, richtig“, stieß Ruby hervor. „Komm schon, Dee. Denk nach. Meinst du nicht, dass ein freundlicher Feuerwehrmann einen besseren Dad abgibt als Joey oder der linkische Hodges?“

Deanna dachte kurz über den Mann nach, der sich an diesem Nachmittag mit ihrem Sohn angefreundet hatte. Sogar unter der Schicht von Ruß und Schweiß war zu erkennen gewesen, dass er der attraktivste Mann war, der ihr seit Jahren über den Weg gelaufen war. Schwarzes Haar, blaue Augen, ein kantiges Gesicht, gut ausgebildete Muskeln. Ein Traumtyp. Zu Kevin war er freundlich gewesen. Und ihr hatte er Geld geliehen. Aber davon abgesehen wusste sie rein gar nichts über ihn. Was konnte man nach zwanzig Minuten schon über den Charakter eines Mannes sagen? Frankie Blackwell hatte sie ein Jahr lang gekannt, bevor sie ihn geheiratet hatte. Und welches Ende hatte die Geschichte genommen? Nein, seit Frankie sie und ihren Sohn verlassen hatte, zog sie es vor, sich nur auf sich selbst und auf sonst niemanden zu verlassen. Ruby war die große Ausnahme.

Wenn sie ihre Freundin so ansah, konnte Deanna gut verstehen, wie die Leute zu falschen Auffassungen über sie gelangten. Ruby trug gern enge Jeans und äußerst knappe T-Shirts. Aber fast jeden Nachmittag und fast jeden Abend kümmerte Ruby sich aufopferungsvoll um Kevin. Ruby hatte sie noch nie im Stich gelassen, und Deanna schätzte sich überglücklich, mit ihr befreundet zu sein.

„Im Moment habe ich andere Sorgen, als nach einem Vaterersatz für Kevin zu suchen.“ Entschlossen wischte Deanna das Thema vom Tisch. „Falls es dir entgangen ist, ich habe gerade meine Wohnung und meinen gesamten Besitz verloren.“

Unter der ungeheuren Last des Unglücks versagten ihr die Knie zum zweiten Mal den Dienst. Aber jetzt war kein starker Feuerwehrmann in der Nähe, der sie auffangen konnte. Stattdessen sank sie aufs Sofa und unterdrückte die Tränen, die ihr unwillkürlich in die Augen stiegen.

„Ruby, was soll ich nur machen?“, schluchzte sie hilflos. Sie war erleichtert, dass Kevin unten im Haus zum Spielen bei einem Freund geblieben war und sie in diesem Zustand nicht sah.

„Das, was du sonst auch jeden Tag machst“, gab Ruby zuversichtlich zurück. „Du mobilisierst deine unerschöpflichen Kraftreserven. Das hat dir in der Vergangenheit schon mehr als ein Mal geholfen. Und ich unterstütze dich, so gut ich kann. Wir kriegen das schon hin. Wozu hat man Freunde, wenn man in der Krise steckt? Du warst an meiner Seite, damals nach der Scheidung, als meine heile Welt wie ein Kartenhaus in sich zusammengestürzt war. Jetzt ist es umgekehrt.“

Deanna nahm die tröstenden Worte ihrer Freundin kaum wahr. In Gedanken überschlug sie ihr Budget für die nächsten Tage und Wochen. Noch nicht mal das Notwendigste konnte sie sich leisten. Selbst mit den hundert Dollar, die Sean ihr geliehen hatte, und den schmalen Ersparnissen auf der Bank würde sie in Kürze pleite sein.

„Ich bin doch so schon kaum über die Runden gekommen“, seufzte sie auf. „Wie soll ich eine neue Wohnung finden? Die Kaution bezahlen? Möbel kaufen? Und den ganzen Kram für Kevin und mich?“, fragte sie. Die Vorstellung brachte sie in Panik. „Wir haben ja noch nicht mal eine Zahnbürste.“

„Mach dir keine Sorgen. Kevins Zahnbürste ist hier. Und auch sein Spielzeug und seine Kleidung“, erinnerte Ruby. „Im Restaurant trägst du doch immer die Uniform, und ein Exemplar müsste in der Wäscherei sein. Für den Job in der Kanzlei kannst du dir von Seans Geld ein paar Röcke kaufen. Und alles, was bei mir im Schrank hängt, kannst du dir ausleihen. Die Blusen passen dir bestimmt. Über die Wohnung haben wir schon gesprochen. Du bleibst bei mir.“

„Nein. Du hast nur ein Schlafzimmer.“

„Na und? Das teilen wir uns dann eben. Kevin kann auf dem Sofa schlafen“, beharrte Ruby. „Schließlich ist er dort schon öfter eingeschlafen, wenn du spät von der Arbeit nach Hause gekommen bist.“ Ruby klang vollkommen ernst.

Autor

Sherryl Woods

Über 110 Romane wurden seit 1982 von Sherryl Woods veröffentlicht. Ihre ersten Liebesromane kamen unter den Pseudonymen Alexandra Kirk und Suzanne Sherrill auf den Markt, erst seit 1985 schreibt sie unter ihrem richtigen Namen Sherryl Woods. Neben Liebesromanen gibt es auch zwei Krimiserien über die fiktiven Personen Molly DeWitt sowie...

Mehr erfahren